Impfschaden

11 05 2021

Ich war unverzüglich zu ihm gefahren. Er saß am Küchentisch und massierte seine rechte Hand. „Es fühlt sich ganz taub an“, murmelte Herr Breschke und bewegte die Finger. „Und es zieht schon bis hier oben in den Ellenbogen.“ Besorgt sah ich ihn an. Sein Gesicht schien normal, er konnte auch ohne Schwierigkeiten aus der Teetasse trinken, also war ein neurologischer Zwischenfall nicht sehr wahrscheinlich.

„Gestern fing es an“, berichtete Frau Breschke. „Er war kurz mit Bismarck vor der Tür, einmal bis zum Briefkasten Ecke Uhlandstraße und zurück, und als er sich den Mantel wieder ausziehen wollte, da hatte er so ein komisches Gefühl in der Hand.“ „Und im Arm“, ergänzte er. „Im ganzen Arm, ich habe ja die Strickjacke zuerst gar nicht anziehen können, weil das mich so geärgert hat.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Normalerweise passiert das, wenn man sich einen Nerv eingeklemmt hat, eventuell auch ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom.“ Er riss sofort die Augen auf. „Das kann gar nicht sein“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich habe ja immer für ausreichend Vitamine gesorgt und seit mindestens fünfzig Jahren nicht mehr geraucht.“ „Nun“, beruhigte ich ihn, „das ist sicher durchaus der Gesundheit zuträglich, aber helfen wird es bei einem Karpaltunnelsyndrom nicht. Tippen Sie denn ab und zu mal?“ Er sah mich verständnislos an. Frau Breschke beugte sich zu ihn herunter. „Hast Du nicht neulich die alte Schreibmaschine aus dem Keller geholt?“ Er nickte. „Tadellos, funktioniert wie am ersten Tag – nur leider finde ich nirgends mehr ein Farbband dafür.“

Nachdem diese Art der Beanspruchung damit auszuschließen war, begutachtete ich seine Haltung, wie er leicht schräg auf dem Stuhl saß. „Leiden Sie etwa unter Rückenschmerzen?“ „Er hatte vor gut zwanzig Jahren mal Probleme mit der Bandscheibe, aber das hat ihn Doktor Klengel eingerenkt.“ Die Gattin nickte entschieden dazu. „Und Sie sind nicht bei seiner Nachfolgerin gewesen?“ Seitdem vor Jahren die junge Kollegin die hausärztliche Praxis des altgedienten Allgemeinmediziners übernommen hatte, war er nur selten mit seinen Wehwehchen dort vorstellig geworden. „Sie ist ja auch gerade im Urlaub“, informierte er mich, „das Schild hängt im Fenster – und die Vertretung ist im Ärztehaus am Stadtpark, aber da müsste ich ja eine halbe Stunde zu Fuß hinlaufen!“

Vormittags hatte Herr Breschke über leichtes Kopfweh geklagt, dies war mittlerweile verflogen. „Schwindlig ist Ihnen aber nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Mir geht es sehr gut“, bekräftigte er, „nur eben diese Schmerzen in der Hand und im Arm. Ich hatte erst einen Schreibkrampf angenommen, aber ich habe zuletzt am Mittwoch das Formular für die jährliche Beitragszahlung im Beamten-Sparklub mit dem Kugelschreiber ausgefüllt, etwa eine Seite, und ich habe keine Pause dabei gemacht, aber das kann es nicht gewesen sein.“ Frau Breschke nickte. „Er sitzt manchmal den ganzen Nachmittag an einem Kreuzworträtsel – so anstrengend kann das ja nicht sein.“ Langsam wurde die Sache mysteriös. Mit welcher Hand er schrieb, auf welchen Arm gestützt er am Tisch saß, das alles waren Hinweise, doch worauf nur? Meine detektivischen Künste waren ja sonst nicht von schlechten Eltern, doch hier hatte ich keinen Erfolg. „Sie sprachen ja schon von Vitaminen“, überlegte ich. „Sie sind nicht plötzlich zur vegetarischen Lebensweise übergegangen?“ Die Art, wie er seine Augenbrauen lüpfte, überzeugte mich umgehend vom Gegenteil.

Wir kamen der Sache nicht näher. „Die Schulter schmerzt auch schon ein bisschen“, quengelte der Alte, „wissen Sie was? Das wird sicher eine Folge der Impfung sein.“ „Der Impfung?“ Er nickte. „Wir beide waren nämlich vorgestern im Ärztehaus am Stadtpark, mit dem Auto natürlich, und da haben wir uns beide impfen lassen.“ Man hatte sie über die Nebenwirkungen aufgeklärt, und mir schwante, dass die Auflistung der möglichen Effekte eine für labile Gemüter übliche Folge genommen hatte. „Ich fürchte, dass der Arm sich entzündet hat.“ Wie zum Beweis drehte er das Handgelenk und schnitt eine schmerzliche Grimasse dazu. Frau Breschke hatte das Vakzin offensichtlich gut verkraftet. Nun war guter Rat teuer. Einen Arzt zu rufen wäre kaum sinnvoll gewesen, andererseits erweckte Horst Breschke langsam den Eindruck eines sich rapide verschlechternden Gesamtbefindens. „Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. „Vielleicht haben wir Glück, und er ist gerade in der Stadt.“

„Ziehen Sie mal das Hemd aus“, sagte Doktor Klengel, der seinen ehemaligen Patienten mit einem kurzen, wissenden Blick eingehend voruntersucht hatte. Halb ängstlich vor den Folgen der drohenden Diagnose, doch auch halb beruhigt angesichts der vertrauten Fachkompetenz des Mediziners kam er dem Wunsch nach. „Können Sie einen Impfschaden wirklich ausschließen?“ Der Hausarzt nahm den Arm, hieß den Patienten auf dem Küchenstuhl das Gelenk gänzlich lockern und drehte es ein wenig hin und her. „Ach ja“, stellte er fest. „Das werden Sie mit ein paar Hausmittelchen sicher ganz gut in den Griff bekommen, mein Lieber – heiße Duschen, Heublumensäckchen, eventuell Wärmesalbe, und es ist morgen schon viel besser.“ Damit zog er sich die Gummihandschuhe von den Fingern. Wir blickten ihn ratlos an. Er wandte sich an Frau Breschke. „Auf welchem Arm schläft er immer?“ Da ging auch mir ein Licht auf. Nur Herr Breschke war’s nicht zufrieden. „Können Sie einen Impfschaden so ganz und gar ausschließen?“ Doktor Klengel schob die Brille zurecht. „Sie haben noch das Pflaster auf der Schulter kleben“, antwortete er mit seinem spitzbübischsten Lächeln, „und zwar auf der linken.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XCIII): Krankheiten als Gesprächsthema

18 02 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Hominide ist nach landläufiger Meinung ein sprechendes Wesen; ob er zur Sprache auch befähigt sei, darüber streiten freilich die Geister, nichtsdestotrotz schwallt einer den anderen beim Platitüdenbingo voll, bis Blut aus dem Gehörgang sickert. Wo der durchschnittliche Knallkopf sich nicht über Jagdreviere austauscht oder zur Wahrung des sozialen Status ad hoc erfundene Geschichten über seine Potenz zum Besten gibt – heute meist in Form eines Fachgesprächs über Armeezeit und Automobile – sondert er intentionslos Heißluft ab, um den Horror Vacui in den Griff zu kriegen, denn nichts ist dem Gesellschaftstierchen mehr verhasst als die Vorstellung, trotz aller Nullinformation nun auch noch wahrhaftig er selbst sein zu müssen, ohne einen Schutzschild aus Sprache, hinter dem er sich und seine existenzielle Tristesse verbergen könnte. Es bleibt ihm im Zustand der Nacktheit nicht mehr als seine reine Physis, genauer: deren Fehlfunktionen, denn was wäre ein besserer Anknüpfungspunkt für sinnlose Gespräche als eine Konversation über Krankheiten.

Gewöhnlich dient die Krankheit des Dritten, bis auf wenige Ausnahmen in dessen Abwesenheit, als gelungener Einstieg in den Dialogprozess. Der Bruder des Hausmeisters, beiden nur flüchtig bekannt, hat offenbar seit längerer Zeit Probleme mit den Bandscheiben, es wird sich dabei um eine Herzgeschichte handeln, auf jeden Fall kommt das von den Nerven: innerhalb weniger Minuten sind Anamnese, diagnostische Möglichkeiten sowie Therapie und Prognose ausgeschöpft, sämtliche Teilnehmer des Kolloquiums haben sich als vulgärmedizinisch hinreichend gebildete Laien geoutet und schreiten nun zur zweiten Stufe, der Post-mortem-Betrachtung. Das Konsilium eiert in konzentrischer Bahn um die Feier des Lebens, denn dass eine horrende Zahl von Waschfrauen, Henkern und Schiffschaukelbremsern bereits an Lungen-, Leber-, Luftröhrenleiden verschieden ist, dient nur zur finalen Untermalung der Tatsache, dass logisch folgt, die Diskutanten seien noch am Leben. Ein Memento mori der dialektischen Art, wenngleich sinnleer, da unverbindlich: dermaleinst werden auch sie die Radieschen von unten besichtigen, wenn andere über ihr Ableben palavern.

Die nächste Stufe ist die rezente Erkrankung, akut, chronisch, selten wirklich lebensbedrohlich, auf jeden Fall aber von kaum steigerungsfähiger Widerlichkeit. Sei es mangelnde Distanz zum eigenen Körper oder Mangel an funktionstauglicher Grütze unterm Schädeldach, nässender Ausschlag an privaten Partien dient dem Bescheuerten allemal zur Gesprächseröffnung. Bereitwillig berichtet der Bescheuerte von Gasaustauschvorgängen in seinem Verdauungstrakt, als handle es sich um ein Vorgang von epochaler Bedeutung; noch die unappetitlichen Nuancen von Hämorrhoiden, täglich einsetzender Refluxösophagitis oder nichtverbaler Diarrhö weiß der Weichstapler geflissentlich in die Unterhaltung zu schwiemeln, als gälte es, sich mit derlei exhibitionistischen Ausfällen in die Schar der verhandlungsfähigen Zweibeiner zu schummeln. In Wahrheit jedoch trifft nichts davon zu, nur setzt, wie Freud vermutet, mit dem Schwinden der Scham schon der Schwachsinn ein, so nicht Kollege Nachtfrost schon deutlich früher eingeschlagen haben sollte. Dessen ungeachtet blökt der Nappel über eingewachsene Fußnägel und nächtlichen Harndrang, rekapituliert akribisch Menge, Farbton und Temperatur diverser Sekrete und gibt notfalls praktische Proben, um traumatische Erfahrungen mit dem letztjährigen Bröckelhusten abzuarbeiten.

Gerne bespielt wird jene Bühne von der Armee der Simulanten, die endlich ein wehrloses Publikum finden, Kollateralschäden einer ästhetischen Wiederaufbereitung von Hinterwandinfarkt und Darmkrebs, täuschend echt nachempfunden mit dem Kenntnisstand von dreizehn Jahrgängen Bäckerblume und Frisörgespräch, up to date auchg bei neuen Modekrankheiten – der geschickte Hypochonder steigert sich mühelos selbst in pontozerebelläre Hypoplasie, Blepharospasmus und Ziegenpeter rein, und frenetischer Applaus wird das Gehampel begleiten, mit dem er seine Show schmückt.

Die letzte Stufe auf dem Weg zum Verfall ist die Anmaßung des Amateurmediziners, der Gebrechen anderer Bekloppter zielsicher erkennt und mit einfachen Hausmittelchen kurieren kann, wo nicht komplexe Therapie nach neuerer Forschung als Mittel der Wahl gilt. Unbeirrt hält er Kleine-Levin-Syndrom (feuchtwarme Umschläge, Würfelzucker mit Zitronensaft intravitreal) und Mundgeruch (Thoraxeröffnung, Zäpfchen, Einäschern der Leiche) auseinander, der Medikus eigener Gnaden, und weiß als getreuer Beichtvater die irrationalen Ängste der umgebungsvariablen Dummschlümpfe zu nähren, aufzuplustern und am Punkt der Panik durch Kompetenzvortäuschung zu beseitigen. Mehr Macht hat keiner als der, der mit den Mehlmützen zu spielen weiß, die bei jeder Gelegenheit, ob auf der Familienfeier, ob im Kinofoyer oder am kalten Büfett, ihre intimsten Geheimnisse offenbaren, Gallen- und Hüftleiden, genug Stoff für die zwischenmenschliche Kommunikation im Flug der Stunden, denn das erst macht den Beknackten zum vollgültigen Mitglied seiner Gesellschaft: das ewige Genörgel, die zwecklose Klage über seine beschissene Befindlichkeit. Wahrscheinlich würde er ohne die Symptome einer schleichend tödlichen Auszehrung sofort krank. Diesmal wirklich. Und was dann kommt, das will erst recht keiner hören.





Der Krankenschein trügt

2 12 2010

Breschke trug die Nase hoch in die Luft gereckt, was dran lag, dass er den Kopf leicht zurückgeneigt und tief in die Schulter eingezogen hatte, und dies gründete seinerseits darauf, wie er mit nach vorne geschobenem Becken und durchgedrücktem Kreuz watschelte, die Knie unmerklich gebeugt und mit den Armen unaufhörlich um Balance bemüht, wedelnd und kreisend, so dass Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, sich schon gar nicht mehr traute, seinem Herrn zwischen den Füßen herumzulaufen; er tat es aber doch.

„Ich traue mich gar nicht mehr, mit dem Auto zu fahren“, jammerte der pensionierte Finanzbeamte. „Allein das Aussteigen – schlimm!“ Mühsam hielt er sich gerade, schaute mich aus glasigen Augen an und rollte unruhig die Schultern. „Sie sollten damit schleunigst zu Doktor Klengel“, tadelte ich ihn. „Das sind bestimmt die Pantoffel“, widersprach Breschke. „Ich rutsche auf diesen neuen Pantoffeln immer ab, wenn ich aus dem Sessel aufstehen will, und dabei muss ich mir etwas in den Bandscheiben verhakt haben.“ Ich nickte. „Und genau deshalb sollten Sie damit zu Doktor Klengel.“ Er riss die Arme abwehrend hoch, das heißt, er versuchte es, aber schon nach der Hälfte verzog er sein Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse. „Bloß nicht zum Arzt“, sträubte sich der Alte, „dann wird man doch erst recht krank!“

Das Pfefferminzbonbon nahm Herr Breschke ohne Widerstand an. Umständlich pellte er es aus dem Papier, während Bismarck mit leidender Miene an ihm emporblickte. „Diese Heizungsluft ist ja momentan fürchterlich“, klagte er. „Danke, dass Sie mir den Termin mit Herrn Kümselkorn gemacht haben, aber das Büro – fast eine Stunde in dieser trockenen Luft, erst die Hausratversicherung mit der Wolkenbruchklausel und höherer Gewalt im Verzuge, dann die Garantenhaftpflichtassekuranz für Fahrlässigkeit und dumme Zufälle, ich muss schon sagen – aber die ganze Zeit der Durchzug von der Tür, ich muss mir einen steifen Nacken geholt haben.“ Ich bohrte nach. „War es jetzt heiß oder gab es Durchzug? Eins kann ja nur gewesen sein.“ Es war kompliziert, das Taschentuch zu entfalten, aber schließlich hatte er sich doch die Stirn abgetupft. „Es war diese trocken-heiße Heizungsluft“, befand Breschke. „Wie in der Wüste, wissen Sie? Und bei der ständigen Zugluft musste man so schwitzen, mir wurde kalt am Hals.“ Wie zum Beweis rieb er sich den Nacken und wälzte den Kopf unruhig hin und her. Dazu hüstelte er recht auffällig. Ich musterte ihn kühn und griff nach seinem Kinn; ohne Gegenwehr ließ er meine messerscharfe Diagnose über sich ergehen: „Sie haben von Zeit zu Zeit ein leichtes Knacken im Zeigefinger, richtig? Ah, ich wusste es – da ist nicht mehr viel zu machen.“

Nervös tupfte sich Breschke die Stirn. „Meinen Sie, dass es etwas Schlimmes ist?“ „Sie haben zu viel gespült. Sie sind doch für den Abwasch verantwortlich, wenn ich mich recht erinnere?“ In der Tat war es so, allem konnte Breschke entfliehen, dem Fensterputzen, Wäsche und Bügeln, selbst dem Staubsaugen – seine Frau befürchtete nicht zu Unrecht, er könnte binnen Minuten das ganze Haus in einen Trümmerhaufen verwandeln – doch nicht dem Geschirr, das er dreimal täglich spülte, fest davon überzeugt, dass nur beharrliches Schrubben unter fließendem Wasser für Sauberkeit sorge. „Die wiederholte muskuläre Anspannung“, fuhr ich ungerührt fort, „mündet schließlich in heftigen Nackenschmerz, nicht wahr?“ Eifrig nickte er, wohl nicht mehr gewahr, dass die Zugluft ihm erheblich zugesetzt hatte. „Sollten Sie über einen leichten Reizhusten klagen“, fügte ich an – doch ich rannte damit nur offene Türen ein. „Seit Tagen habe ich das Gefühl, dass es nicht besser werden will!“ Breschke fischte nach einem neuen Taschentuch. „Vor allem abends ist es schlimm, wenn ich aus dem Sessel aufstehen will, dann zieht es bis in den Rücken. Manchmal denke ich, ich muss mir dabei einen Virus weggeholt haben.“ Bedächtig wiegte ich den Kopf. „Es könnte eine Art Picornaviridae oder sogar Paramyxoviridae sein, man soll damit nicht spaßen.“ Angsterfüllt blickte Breschke mich an. „Sie meinen, es ist eine schlimme Krankheit?“ begütigend legte ich die Hand auf seine Schulter. „Möglicherweise werden die oberen Atemwege davon betroffen sein, der Kreislauf wird natürlich nicht geschont – man muss da mit Symptomen rechnen, wissen Sie?“ Breschke riss die Augen auf. „Symptome? Ach Gott, wissen Sie da Näheres?“ „Doktor Klengel wird Ihnen schon das Richtige empfehlen. Beispielsweise sind die amerikanischen Forscher schon vor längerer Zeit auf 3-Oxo-L-Gluconsäure-γ-Lacton gekommen, das scheint ein gutes Mittelchen zu sein.“ „Chemie“, schnob Breschke, „Chemie schlucke ich nicht! Das würde mir auch Klengel nie verordnen!“ „Ruhen Sie sich vor allem aus“, riet ich. Er zog Bismarck hinter sich her, waidwund hüstelnd. Ich hätte ihm noch ein Pfefferminzbonbon anbieten sollen für den Weg.

Frau Breschke hatte gerade ein Dutzend Zitronen in den Korb gelegt, als ich auf dem Wochenmarkt hinter sie trat. „Horst fiebert“, teilte sie mit, „Sie hatten durchaus Recht: eine kleine Erkältung. Was muss er bei dem Wetter auch ins Postamt gehen und sich in die Schlange hustender Leute stellen? Aber immerhin, es hat auch sein Gutes. Sie waren erfolgreich.“ „Er will nicht mehr staubsaugen?“ Frau Breschke grinste. „Der Spüldaumen. Zu Weihnachten schaffen wir uns eine Maschine an.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIII): Hypochonder

5 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die Tage langsam kürzer und die Nächte kühler werden, wenn der seit dem Spätsommer in den Kaufhallen angestaute Spekulatius zur Neige geht, wenn es fast weihnachtlich zu werden droht und langsam der November auf dem Kalender sich zu zeigen anschickt, kurz: wenn in europäischen Gefilden endlich wieder heimeliges Scheißwetter den Aufenthalt in geschlossenen, überdachten, beheizten Räumen zum erstrebenswerten Zustand macht, dann holt eine Armee zum grausamen Vergeltungsschlag an der restlichen Welt aus – das Heer der Hypochonder. Nur konsequente Inzucht, frühzeitiges Abtrainieren der Hirnzellenverwendung sowie monomanisches Herumvegetieren auf einer quasi punktförmigen Fläche dieser existenziellen Abschussrampe formerly known as Dasein kann den introspektiven Vollidioten zu diesen Höhen führen, die jeden anderen längst in die Regionen des großen Kopfaua geführt hätten.

Wann und wie die Hypochondrie ausbricht, ist bislang ungeklärt. Manche Beobachter gehen von naturbelassener Beknacktheit aus, die TV-Shows über die Schweinegrippe in die fatale Richtung triggern. Andere heben zwanghaftes Stöbern in Gesundheitslexika hervor, wobei eine Mehrheit den Konsum von Apothekenzeitschriften als Anfixe nicht vollkommen auszuschließen gewillt ist – Farbberichte über Ekzem, Reizblase und Gasbrand heben die verzweifelte Stimmung in der Krankheitsherde und füttern die imaginären Leider mit Hoffnung auf ekelhaftes Siechtum, Gebrechen im Endstadium, Auszehrung, Verfall und Schwund für die Galerie. Der professionelle Wahnkranke hakt im Laufe eines Tages routiniert ein komplett ausgebildetes Karpaltunnelsyndrom und ein besonders schönes Hirnödem ab, um dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, kurzfristig an Milchschorf zu verscheiden. Flexibilität ist der zweite Vorname dieses Bescheuerten, er ist in der Lage, Spitzenleistungen der Symptomatik zu vollbringen: aus beliebigen Krankheitszeichen wie trockenem Husten, leichtem Ziehen in der Hüfte oder spontanen Schädelfehlbildungen schwiemelt er neue Seuchen, die fast immer wenigstens ein Opfer fordern – den Arzt, der sich das dünn angerührte Kasperletheater des Behämmerten antun muss.

Chronische Fälle sind sogar in der Lage, mit ihren darstellerischen Fähigkeiten einen Grand mit Viren auszuspielen und, obzwar gesund, ein ganzes Wartezimmer mit Schweinegrippe zu infizieren. Überhaupt liegt der Verdacht nahe, Hypochonder pflegten ein unnötig enges Verhältnis zu den Präparatproduzenten. Denn sind Krankheitskomiker ohnehin schon die geborenen Vollopfer, machen sie sich auch noch freiwillig zu Versuchskaninchen der Pillendreherkonzerne. Als wäre diese Form von Beklopptheit noch medikamentös zu bekämpfen.

Man könnte sie ja ignorieren, wenn sie nur geschwächt darniederlägen und verzweifelt ihr Lebensende abwarteten – doch sie tun uns den Gefallen leider nicht. Stattdessen toben Kompanien herzrhythmusgestörter Schlaganfallpatienten von einem unschuldigen Gesunden zum nächsten, um allen mit chirurgischer Präzision die Einzelheiten von Nachtschweiß, Blutzuckergehalt und neuropathologischen Ausfällen vorzuschwallen. Selten verstirbt einer der Wahrnehmungsgestörten, eher handelt sich die geplagte Umwelt ein Burnout-Syndrom mit einer Extraportion Ohrenkrebs ein.

Was einen richtig in die Nähe der Hirnembolie treibt, ist die egozentrische Selbstverständlichkeit, mit der die psychosomatischen Nervbeulen sich ihre Vorzugsbehandlung unter den Hohlpflöcken dieser kranken Gesellschaft herausnehmen. Denn wer ist dafür verantwortlich, dass der Hausarzt nach stundenlangem Geschwätz mit dem Jammerbeutel gepudert zusammenklappt und keine Luft mehr für andere Erkrankte hat? Wer organisiert Busreisen, um gleich als Hundertschaft den Verkaufsraum der Apotheken zu verstopfen, damit Rheumapflaster und Kopfschmerztabletten gegen Pest, Pocken und Plattfüße die Nasszellenschränkchen aufpolstern? Vielleicht erwarten sie, für die das Leben Schmerz und schlechte Verdauung, Masern und Juckreiz ist, Ziel und Zweck der ganzen Aktion sei, irgendwann gewaltig eins aufs Maul zu kriegen und endlich einen handfesten Grund zur Beschwerde zu haben.

Doch inzwischen haben sie die Heilpraktiker entdeckt; hoffen wir das Beste, dass sie sich mit den Hundertsassas unter den Scharlataneriefachkräften kurzschließen und den perfekten Deal aushandeln, eingebildete Therapeutika gegen eingebildete Krankheiten, um den anderen Mitgliedern der kranken Kassen nicht mehr auf den Senkel zu gehen. Bald werden die Homöopathen nachziehen, man ahnt schon, wie sie reinen Luftsauerstoff in destilliertem Wasser aufquirlen und Zuckerperlchen gegen geträumtes Rheuma drehen – die Hirnazubis sind wieder unter sich, die einen geben sich ihrer eingebildeten Krankheit hin, die anderen der kranken Einbildung, ihre Placebojonglage sei sinnvoller als Schmeißfliegendressur. Wer weiß, ob dies nicht eine der Geschmacklosigkeiten ist, mit denen uns die Evolution nachhaltig zeigen will, wie überbewertet doch die Vernunft ist.





Alternativen zur Medizin

19 02 2009

Heute war es besonders schlimm. Ich kam kaum aus dem Bett. Noch immer taten mir die Seiten weh. Drei Nächte lang hatte ich nur gehustet. Weder Lutschpastillen noch Saft hatten mir Linderung verschafft. Und dazu kam das Knie, das sich weder beugen noch belasten ließ, beides zugleich schon gar nicht. Was auch kein Wunder war, schließlich hatte Jonas mir gestern die Schranktür mit voller Wucht vor die Kniescheibe gehauen.

In diesem Zustand markierte ich ein bisschen Frühstück, nahm eine Kopfschmerztablette und humpelte die Straße entlang zur Post. Vermutlich sah ich aus, als wäre ich gerade auf dem Weg zum Casting für einen schlechten Zombie-Film. Ich fror. Das kommt davon, wenn man trotz der klirrenden Kälte nur zwei Jacken übereinander trägt. Obwohl die Viren in mir eine Höllenparty veranstalteten.

Herrn Breschke ging es auch nicht besser. Er war zwar nicht erkältet, zog allerdings sein linkes Bein ein bisschen nach. Was Bismarck, den dümmsten Dackel der Stadt, nicht daran hinderte, seine Hundeleine um ebendieses Bein zu wickeln und seinem Herrchen das Gassigehen zu erschweren. Und kaum hatte mich Herr Breschke entdeckt, nutzte er auch schon die willkommene Pause für ein kleines Schwätzchen.

Zuerst zeigte er mir sein magnetisches Kupferarmband. Dass Kupfer an sich nur ganz selten magnetisch zu sein pflegt, hatte sich bis zu mir auch schon herumgesprochen, aber ich wollte ihn nicht unterbrechen. Mit diesem therapeutischen Schmuck, sagte mir Herr Breschke, versuche er schon seit Wochen, seine Gelenkbeschwerden loszuwerden. Seine Frau hatte es im Teleshopping-Kanal entdeckt und ihm überreicht, nachdem sie auf einem Fachkongress in der Kassenwarteschlange des Supermarkts von den Vorzügen afrikanischer Alternativmedizin und deren Sendezeit zur späten Vormittagsstunde erfahren hatte.

Nun schleppte er sich schon seit zwei Wochen durch die Gegend mit seinem Bein und Bismarck. Diese Sache sei tückisch, denn die Krankheit foppe ihn: kaum würde er aufhören, das Bein zur Vorsicht ein bisschen nachzuziehen, schon ließen die Schmerzen nach. Herr Breschke war verzweifelt.

Wer weiß, vielleicht hatte seine Frau einfach die Bestellnummer verwechselt und versehentlich ein Glücksarmband gekauft. Da hat er nun täglich das Paradies vor Augen und merkt nichts, weil er sich mit seinem unmagnetischen Bein beschäftigt.

Ich riet ihm, zu Doktor Klengel zu gehen. Er ist zwar der einzige Allgemeinmediziner in diesem Viertel, kommt langsam in die Jahre und unternimmt meistens nicht sehr viel mehr, als eine verhältnismäßig unspezifische Diagnose zu stellen, auf die man bei Lektüre eines Gesundheitslexikons auch selbst gekommen wäre, aber: er ist der einzige Allgemeinmediziner in diesem Viertel. Herr Breschke zuckte zusammen. Das würde seine Frau nie zulassen, flüsterte er. Unwillkürlich sah ich mich um. Außer Bismarck war nichts Gefährliches zu entdecken, und Bismarck war nicht gefährlich. Wenn man nicht zufällig eine Tulpe oder ein Gartenzwerg ist.

Ob ich ihm empfehlen sollte, das Ding ganz einfach ums Bein zu schnallen? Dann wäre es ein bisschen näher an der entscheidenden Stelle. Wegen des Magnetismus.

Herr Breschke rieb sein Handgelenk. Das Armband hatte vorschriftsmäßig abgefärbt. Er mache sich Sorgen. Ich vermutete, nun einen längeren Bericht anhören zu müssen, wie seine Frau sich über Grünspanflecken am Strickjackenärmel beschwert, musste aber erfahren, dass es ernster stand. Die Verfärbung sei möglicherweise ein Hinweis auf eine schleichende Herzerkrankung.

Ich wurde so bleich, wie ich konnte. Spontan erinnerte ich mich an den Leitartikel in der Fachzeitschrift, die ich beim Bäcker zu lesen pflege. Von einer seltenen Viruserkrankung sei dort die Rede gewesen, die aus den Tropen nach Europa eingeschleppt worden sei und sich nun auszubreiten drohe. Vor meinem fotografischen Gedächtnis sah ich den ganzen Bericht wieder. Es handele sich um das Dumm-Beutel-Syndrom, eine schwere Störung des Immunsystems, für die vor allem Patienten mit Überreaktion auf Kupfermoleküle anfällig seien.

Mit glasigen Augen guckte Herr Breschke mich an. Es komme, fuhr ich fort, allmählich zu einer Verknöcherung des Innenohrs mit nächtlichen Hustenanfällen. Der Haarwuchs ließe nach, und innerhalb weniger Monate würden die Fingernägel brüchig. Ob auch unregelmäßiger Stuhlgang und Heißhunger auf Zwiebelkuchen zu den Symptomen gehörten, wollte Herr Breschke wissen. Ich bedauerte, ihm dies bestätigen zu müssen. Für Menschen in den südlichen Zonen sei gerade das unerträglich. Versuchen Sie nämlich mal, in Zentralafrika Zwiebelkuchen zu bekommen. Da sind Sie aber echt aufgeschmissen.

Väterlich fasste ich den Pensionär an der Schulter. Es gebe Linderung, versicherte ich ihm. Die Tropenbewohner pflegten seit Jahrhunderten eiskalte Sitzbäder zu nehmen. Täglich. Sofort nach dem Aufstehen. Eine Stunde lang.

Der alte Mann war erleichtert. Auch ich hatte ein gutes Gefühl, ihm nicht nur eine glasklare Diagnose zu stellen, sondern zugleich Hoffnung auf eine baldige Genesung zu verschaffen. Ich sah ihm noch lange nach, wie er sein Bein nachzog und versuchte, Bismarck aus der Leine zu entwirren.

Nächste Woche werde ich Breschkes mal besuchen. Ich werde Zwiebelkuchen mitbringen. Und Hustensaft.