Im Wald, da sind die Räuber

12 03 2012

„… erhebliche Gefahren vom deutschen Wald ausgehen. So sei vor allem auf Fichtenschonungen eine erhebliche Steigerung der Kriminalität zu…“

„… warnte BKA-Chef Ziercke, Verbrechen wie Waldbrand seien überhaupt nur hier möglich, darum müsse man mit erhöhter Wachsamkeit allem…“

„… sei die Nutzung durch forstwirtschaftliche Fachbetriebe zwar unbestritten ein wichtiger Aspekt, doch gingen Sicherheitsaspekte generell vor. Man dürfe die Gefahren durch herabfallende Bucheckern und Tannenzapfen nicht…“

„… dass es in Deutschland keine funklesbaren Ausweise mit RFID-Chips gebe. Ein Waldbesuch mit Eintritt an den dafür vorgesehenen Eingängen sei wesentlich einfacher und kostengünstiger zu…“

„… Gefahrenlage durch Pilze, da die Bürger sich durch viele nicht eindeutig identifizierbare Fruchtkörper täuschen ließen. Kauder forderte eine Beschränkung des Pilzwachstums auf die Zeiten von Mittag bis Sonnenuntergang, nur durch eine reglementierte Öffnungszeit könne der Wald…“

„… müsse man doch endlich einmal an die Kinder denken. Seit Jahrhunderten bereits bestehe das Risiko, sich im Wald zu verlaufen und die…“

„… sei es unverantwortlich, eine Klarnamenspflicht für Waldbesucher abzulehnen. Bosbach betonte, er wolle selbstverständlich Polizei und Sicherheitsbehörden ausnehmen, da sie für ihre verdeckten Ermittlungen jederzeit ins Gebüsch…“

„… stellte Aigner als weiteren Schritt zu mehr Verbrauchersicherheit eine Auskunftspflicht für in EU-Wäldern lebende Rehe vor. Die Regelung gelte zwar nur in Deutschland und sei gegenüber den Tieren rechtlich nicht durchsetzbar, könne aber trotzdem als eine wesentliche Verbesserung…“

„… dass Körperscanner an den Checkpunkten in der Waldzugangszone aufgestellt werden sollten. Ziercke ließ keinen Zweifel daran, dass nur eine lückenlose Kontrolle aller mitgeführten Objekte den Waldfrieden zu schützen…“

„… könne die Gefahr von Wölfen im Wald nie ganz ausgeschlossen werden. Zwar sei die Dichte der Besiedelung mit Wölfen noch nahe Null, doch hielt Schünemann es für zwingend erforderlich, Waldgebiete nur noch mit gepanzerten Spähwagen und einer bewaffneten Eingreiftruppe…“

„… eine Regulierung der Tannennadelanzahl pro Quadratmeter Waldboden nur mit Kräften aus dem Niedriglohnsektor zu leisten sei. Aigner sei für jede Lösung offen, die Kosten den Kommunen…“

„… dass giftige Pflanzen auch in Bodenhöhe wüchsen und für Kleinkinder gut zu erreichen seien. Von der Leyen kündigte an, sie wolle sofort ein Stoppschild für Maiglöckchen und…“

„… dürfe der Wald kein rechtsfreier Raum…“

„… besäßen Fichten durch ihre genetische Abstammung eine Wuchsform, die dem Minarett stark ähnele. Sarrazin führte aus, Deutschland schaffe sich ab, wenn es nicht den Wald vor lauter Bäumen…“

„… ausgeschlossen, dass jeder Bürger den Wald ohne vorangegangene Sicherheitskontrolle betrete. Uhl sagte, er wolle keinen Obrigkeitsstaat nach chinesischem Muster installieren, für Deutschland wünsche er sich Buchenwald und…“

„… da es Bosbach ablehnte, über ein Verbot von Feuerwaffen im Wald zu diskutieren. Illegale Waffen würden schließlich auch außerhalb des Waldes getragen, so der Unionspolitiker, deshalb könne man nicht automatisch eine…“

„… eine verfassungsrechtlich nicht unbedingt einfach herzuleitende Ansicht, dass sich junge Muslime im Stadtwald radikalisieren würden. Friedrich beharrte auf…“

„… das Sicherheitspersonal aus dem Bereich der Hartz-IV-Empfänger zu rekrutieren. Vor allem ehemalige Zeitsoldaten, die keinerlei produktive Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt annehmen könnten, dürften charakterlich geeignet sein, im…“

„… regte Aigner an, jeden Bundesbürger über 16 Jahren und Personen mit Migrationshintergrund nach ausführlicher landeskundlicher Belehrung mit einem Waldführerschein auszustatten, der einen straffreien Aufenthalt auf den eingezäunten Wegen einschließlich gebührenfreiem Ein- und Ausatmen für die bisher nicht auffällig gewordenen…“

„… gebe es ein Milliardengeschäft mit giftigen Pflanzenteilen. Verdächtige Gärtnereibetriebe, die Efeu und Buchsbaum anböten, seien inzwischen…“

„… auch offiziell den Status eines Gefährders geben. Der Braunbrustigel sei als geheimdienstlich zu beobachtende Spezies in die Warndatei…“

„… könne letztlich eine Sicherheit nur durch flächendeckenden Einsatz von Kameras in allen deutschen Wald- und Grünflächenanlagen…“

„… durch eine Vielzahl schädlicher Einflüsse wie Buschwindröschen oder Eichhörnchen. Zur Sicherung der Leitkultur kündigte Interimspräsident Seehofer an, er wolle den deutschen Wald bis zur letzten Patrone…“

„… da in den deutschen Forstgebieten kaum katholische Sakralbauten, kirchliche Internate oder Apostolische Nuntiaturen zu finden seien, drohe uns letztlich eine Islamisierung der Nadelhölzer. Nur der Einsatz der Bundeswehr im Innern sei…“

„… habe Stephanie zu Guttenberg mit ihrer Doku-Soap Tatort Wald lediglich eine Nacherzählung von Grimms Märchen geliefert, jedoch sei es kaum zu erwarten, dass die sieben Zwerge in der Bevölkerung nun als Terroristen…“





Letzte Allgemeine Verunsicherung

8 03 2012

„Ich wollte nur mal nachfragen, ob Sie vielleicht schon etwas Neues im Programm haben. Der Kollege Gschwendner ist ja auf Entziehungskur, da übernehme ich den Job. Ist die aktuelle Kollektion denn schon draußen? Herr Friedrich ist etwas unter Zeitdruck.

Wir bräuchten da eine Gefahrenlage, gerne auch unspezifisch. Torpedoangriff auf den Reichstag oder so was. Darf ruhig etwas diffus sein. Wie diese Bombendrohung auf dem Weihnachtsmarkt, aber etwas weniger saisonal. Meinetwegen Flugverkehr, das hat mit dem Ausland zu tun. Oder Moscheen. Nein, die haben nichts mit dem Ausland zu tun. Die hier in Deutschland. Steht doch an jeder Ecke eine. Nazis? Mann, verstehen Sie doch – deshalb veranstalten wir doch den ganzen Zauber hier. Wir brauchen ein paar Schlagzeilen, in denen diese Neonazis nicht vorkommen. Gefahrenschlagzeilen aus dem Innenministerium. Und jetzt kommen Sie.

Cyberabwehrzentrum? Haben wir das denn schon? Ach so, ja. Und wo ist da die Gefahr? Hat mit diesem Internet zu tun? Verstehe. Aber da müssten Sie noch eine Schippe drauflegen, sonst löst das keine Panik aus. Ich meine, dass Herr Friedrich irgendwas unternimmt, das löst generell schon Panik aus, aber nicht so, wie es sein soll. Da bräuchten wir schon eine gewisse Steigerung. Ah, das Cyberabwehrzentrum funktioniert nicht? Das wäre in der Tat eine gute Schlagzeile, nur: das hat eigentlich auch keiner erwartet. Nicht mal diese Leute im Cyberabwehrzentrum.

Das mit den Autobränden, könnten wir da ein Upgrade bekommen? Sie wissen doch, wir hatten im letzten Wahlkampf schon mal eine Basisversion. Wenn man das jetzt mit den regionalen Statistiken vom Bundeskriminalamt unterfüttern würde, hätten wir da eine Chance? Gutsbezirk Kaufunger Wald, da war der letzte Autobrand in 1965, und jetzt im Januar hatte bei einem Dienstfahrzeug der Vergaser Feuer gefangen. ‚Regional teilweise 100% Steigerung von Autobränden‘, das wäre doch mal eine gute Nachricht, oder? Ach, haben Sie gerade nicht im Programm? Volkswirtschaftliche Schäden vielleicht? Wirbelsturm ist natürlich immer gut, aber wie kriegen wir da die Kurve zum Terror?

Schauen Sie, der Herr Friedrich ist ja sehr für diese neuen Sicherheitsgeräte. Kann man da nicht was machen? Komplettausfall? Wie meinen Sie das? Alle Sicherheitsmaßnahmen fallen aus? Ist das nicht ein bisschen zu realistisch? Ich meine, wenn es jetzt zu einer Massenhysterie kommt, was machen wir dann? Sie meinen, wir sollten erst hinterher bekannt geben, dass alles ausgefallen ist? Und es hat zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden? Aber was machen wir dann, wenn wir gefragt werden, warum keine Gefahr bestanden hat? Dann bräuchten wir diesen ganzen Sicherheitskram ja gar nicht, oder? Und wie erklären wir dann, dass wir das nicht haben verhindern können? Nein, das wird auch nichts.

Lassen Sie das besser mit den Griechen, das wird nichts mehr. Die Bundeskanzlerin ist schon zu sehr verärgert, die wird sich noch einen Aufschlag nicht mehr gefallen lassen. Könnten wir das nicht wenigstens irgendwie verbinden? Griechische Staatstrojaner? Chinesische Wirtschaftsspionage, die wegen Sicherheitsmängeln ausfällt? Oder können wir diese Warnstreiks nutzbar machen?

Ja, das wissen wir auch. Das mit den kausalen Zusammenhängen, das ist bei ihm immer so ein Problem. Da ist er wie ein Kompass, der verlässlich nach Süden zeigt – Sie gehen einfach nach Norden. Er wittert die Zusammenhänge, wo sie überhaupt nicht bestehen, aber da, wo wirklich welche sind, weigert er sich standhaft, sie zu bemerken. Es ist doch einigermaßen schwierig mit ihm. Letzte Woche wollte er uns beweisen, dass ohne Vorratsdatenspeicherung keine Integration möglich ist, weil man alle Einwohner in einer gemeinsamen, diskriminierungsfrei gemischten Datei bräuchte.

Straßenlaternen? Stullenpapier bei der Linken gefunden? Demokratiefeindlichkeit im Kanzleramt? Das mit den Muslimen können wir doch auch nicht ewig so weitermachen. Perspektivwechsel? Wie meinen Sie das denn? Dass sich die jungen Muslime in Deutschland zunehmend ausgegrenzt vorkommen? Dass das eine gute Nachricht sei? Ja, für den Innenminister schon, aber wo bleibt das Gefahrenpotenzial? Ach, Sie meinen, er sei eine Gefährdung für den Islam in Deutschland?

Jetzt denken Sie doch mal nach! Irgendwas müssen Sie doch auf Lager haben! Meinen Sie, ich könnte was dafür, dass Sie monatelang nur Wahlkämpfe ausgestattet haben? Wofür bezahlen wir Sie überhaupt? Haben Sie denn überhaupt keine Ideen? Eine Gefährder-Datenbank, in der man schon landet, obwohl noch kein konkreter Verdacht auf eine Gefahr vorliegt? Und dann nehmen wir als Gefahr, dass der automatische Abgleich mit den illegal besorgten Fotos bei Facebook wegen eines Hackerangriffs nicht geht?`Jetzt denken Sie doch mal nach, das kann doch nicht funktionieren! Völlig ausgeschlossen, so komplexe Zusammenhänge kriegt Herr Friedrich doch nie unfallfrei raus.

Wie lange werden Sie brauchen? Und das ist dann aber auch erstklassige Ware, ja? Also wir bräuchten schon eine wirklich gute Strategie, weil wir sonst gar nichts mehr durch den Bundestag bekommen. Halten Sie sich ran. Spitzenmaterial. Und wenn uns gar nichts anderes mehr bleibt – in der letzten Not haben wir immer noch die Schweinegrippe.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXVIII): Verbraucherschutz

10 02 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Leben ist, wer hätte das geahnt, tödlich. Alles, was man in die Hand nehmen, aus dem Fenster schmeißen, in kochendes Wasser fallen lassen kann, ist ein potenzielles Mordwerkzeug. Schon der Verzehr eines einzigen Öltankers kann nicht abzuschätzende Folgen haben – und wie häufig sind gerade berufstätige Eltern damit konfrontiert, dass ihre Sprösslinge zufällig auf dem Sofa herumliegende Öltanker en bloc verschlucken. Man muss die Menschheit vor sich selbst retten, sonst kegelt sie sich eines Tages mit Hilfe von MacGyvers Tascheninhalt über die Wupper. Alle simultan einzuknasten funktioniert logistisch nicht, außerdem ist es zu teuer. Der kollektive pränatale Suizid ließe sich noch schlechter kontrollieren. Uns bleibt bloß der Verbraucherschutz.

Verbraucherschutz ist eine lustige Ansammlung von Maßnahmen, dem Konsumenten klarzumachen, dass er bezahlen und ansonsten seine Klappe halten soll. Alles wird ihm vorgekaut und paternalistisch parfümiert, der Beknackte hat ausschließlich zu schlucken. Damit das so gut funktioniert, wird das Ressort der Verbraucherschützer mit pathologisch austrainierten Kippfiguren ausstaffiert, die sich in blankem Selbsthass ergehen: damit der Verbraucher sie aus tiefster Seele verabscheut, wird der nur dann approbierter Konsumkontrolleur, wenn er bereits eine solide Abneigung gegen jegliche Laien, insbesondere den harmlosen Hausvater nebst Gattin, Kind und Hamster hegt. Mit derlei Dialektik ausgestattet entsteht alsbald knisternde Spannung zwischen Menschen und Märkten. Das ist soziale Marktwirtschaft, langweilig wird sie nie.

Natürlich darf der Verbraucherschutz nie von seiner Prämisse abweichen, der durchschnittliche Depp im Lande sei genau so verdübelt wie er selbst – könnte man sein Geld denn leichter verdienen als mit Zuckerwürfelpackungen, auf denen gut lesbar abgedruckt sein muss, dass dieses Produkt Zucker (in Würfelform) enthält? Wäre eine im Notfall vom Staat ausgehaltene Dumpfdüsenzuchtanstalt noch zu betreiben, wenn deren Insassen mehr können müssten, als Plastetütchen in Knopfzellengröße mit Warnaufdrucken zu verschwiemeln, falls versehentlich ein Liliputanersäugling sie sich über den Schädel zu ziehen gedächte? Abgesehen davon, dass auch King-Size-Neugeborene seltener zum Lesen neigen, die Angelegenheit offenbart lediglich das Verhältnis zum Bürger. Der Verbraucherschützer, namentlich der wild aus der Gebietskörperschaft wuchernde, ist ein Peitschenpädagoge, der sich zur erfolgreichen Verrichtung seiner Verdeppungsleistung bereits auf die embryonalintelligenten Bevölkerungsanteile zu konzentrieren hat. Die Sache ist nur ohne Schäden im Frontzahnbereich durchzustehen, wenn man sich von dem Gedanken verabschiedet, von halbwegs lebensfähigen Hominiden umgeben zu sein.

Denn welcher Bekloppte würde auf die Idee kommen, Tiefkühlpampe mit doofenkompatibler Nährwertampel für gesund zu erklären, weil sich der Richtwert an Fett, Zucker und Chemieunfällen beim täglichen Verzehr von 100 Gramm Pizza noch einhalten ließe? Ist nicht die Einstufung von Geländekarren, die der Yuppie zwingend für den täglichen Stau im Stadtverkehr braucht, als für ihre Klasse adäquat, die Klassifikation einer 13-PS-Straßenwanze jedoch als chronischer Spritfresser der Gipfel des Hirnrisses? Fällt der berappenden Bevölkerung nicht auf, dass sie sich unter Kuratel einer Kaste befindet, die so sinnvoll ist wie die Rücktrittbremse am Teilchenbeschleuniger? Würde der von Politik und anderen Lobbyisten reflexartig geforderte mündige Bürger das System nicht sofort zur Implosion bringen? Denn die Warenadvokaten interessieren sich minimal für die Keimbelastung in Discounterhühnerleichenteilen, schalten aber auf Durchzug, wenn chinesische Weichmacher in Form von Spielwaren wegen ihrer Herkunft aus volksrepublikanischer Kinderarbeit zur Diskussion stehen. Kauft nur der teutsche Untertan elektrische Haartrockner mit mindestens drei schaltbaren Leistungsstufen, dann ist alles, alles gut.

Da passt es doch, dass sich der europäische Moloch anschickt, seine Bürger wie in den US of A offiziell für infantil zu erklären. Messer, Gabel, Schere, Licht dürfen vermutlich bald nur noch im Beisein eines bewaffneten Sicherheitsbeamten angeschaut werden. Man preist ihnen das Leben hinter schusssicherem Glas als höchste Stufe der Freiheit, was ja faktisch auch stimmt – so frei von Verantwortung war der gemeine Honk noch nie. Er hat sich fangen lassen und hängt im Gängelband des Vormunds, der vom Rauchen abrät, weil’s dem Krebs Vorschub leistet, aber Silikonmöpse und Telefonverträge bedenkenlos in den Markt drückt, weil sich der Unternehmer elegant vor geprellten Kunden zu schützen versteht. Verbraucherschutz nimmt dem mündigen Unternehmer die Angst davor, plötzlich mündige Kunden zu haben.

Sicher wird es irgendwann die Panne geben, nach der wir alle nur noch unter Luftabschluss konsumieren dürfen. Terroristen werden ein Flugzeug entführen. Mit dioxinbelasteten Hühnerbeinen.





Die Revolution frisst kleine Kinder

30 01 2012

„… gebe es keinen Zweifel an der Gefährlichkeit des Schülers. Der 18-Jährige habe durch die Ankündigung einer Revolution auf seinem Facebook-Profil eine Straftat gegen den demokratischen Rechtsstaat, gegen die öffentliche Ordnung sowie gegen jede Form von…“

„… sei der in Wiesbaden verhaftete Schüler nach Angaben der Staatsanwaltschaft eine Gefahr für die Allgemeinheit. Der Behördensprecher habe in einer ersten Stellungnahme eine harte Strafe gefordert, da sich bei dem Schüler erhebliche schädliche Neigungen zeigte. So sei er entgegen anderer Stellungnahmen nicht Mitglied der Jungen Union und habe sich dazu mehrmals geweigert…“

„… müsse laut Bundesinnenminister Friedrich (CSU) jede kritische Äußerung ab sofort mit noch mehr gesetzlicher Härte begegnet werden. es dürfe nicht sein, dass jeder in diesem Land irgendwelche Meinungen haben oder auch noch äußern…“

„… eines niedersächsischen Elektrikers. In der Werkstatt habe sich laut Meldungen des LKA eine Vielzahl von Widerständen befunden, die rot…“

„… die Kultusminister aufgefordert, das Übel an den Wurzeln zu bekämpfen. Ab sofort müsse die prähistorische Archäologie bereits die Neolithische Revolution aus sämtlichen Lehrplänen…“

„… habe man den 18-jährigen Schüler nur zu seinem Schutz in die Psychiatrie eingewiesen. Ziercke wies darauf hin, dass geistesgestörte und gewaltbereite Personen verlegt werden könnten, wenn freie Stellen im Bundeskriminalamt, beim Verfassungsschutz oder in den Innenministerien…“

„… nachdem bekannt geworden war, dass die Pianistin ihr Recital mit Chopins Revolutions-Etüde als Zugabe beschlossen hatte. Sarrazin verteidigte seine Einschätzung und betonte, dass der ostische Untermensch schon wegen seiner genetischen Disposition nur für Verschlagenheit und schlechte Klaviermusik…“

„… von einer neuen Bewertung auszugehen. Uhl sagte im Bundestag, ohne die Revolution von 1989 wären die Linken nie in den Westen gelangt, der Fall der Mauer sei also neben einer bis heute ungesühnten Sachbeschädigung ein geradezu verbrecherischer Akt von nationaler…“

„… ebenso der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft. Wendt habe sich klar für ein Durchgreifen ungeachtet jedes Anfangsverdachts ausgesprochen, um die Hysterie in der deutschen Bevölkerung nicht vorzeitig…“

„… sei laut hessischer Landespolizei bei der Hausdurchsuchung seines Elternhauses ein Messer gefunden worden. Wie dieses benutzt worden sei oder ob es im ursächlichen Zusammenhang mit der angekündigten Revolution stehe, habe das LKA nicht ermittelt, es sei jedoch nicht auszuschließen, dass es sich bei diesem Messer um ein Objekt handeln könnte, mit dem man Flugzeuge entführen und somit den Weltfrieden gefährden…“

„… habe die Geheime Revolutions-Ordnungs-Notfalltruppe Uhl einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Der Chef der GERONTokraten wolle…“

„… man bis heute beobachten könne, wie die Auswirkungen der industriellen Revolution auf den Arbeitsmarkt die Gesellschaft verändert habe. Die Bedrohung der Zivilisation durch Gewerkschaften, Streiks und Personalräte sei ernster als…“

„… da die Pianistin, wie später gemeldet wurde, nur wegen ihrer polnischen Abstimmung noch im Saal verhaftet worden sei. Friedrich teilte den Sicherheitskräften mit, bei einem derartigen Hintergrund müsse man zwangsläufig von einer kommunistischen Familiengeschichte…“

„… nicht jede Revolution schon in sich schlecht sei. Schäuble berichtete, erst durch den Umsturz im Jahr 1989 seien die Archive der Securitate in den Besitz der westlichen Geheimdienste gelangt, was eine erhebliche Erleichterung bedeutet habe, die Akten Hunderter rumänischer Dissidenten zu…“

„… Bundesfamilienministerin Schröder eine eindeutige Schuld der Linken gebe. Bereits mit der sexuellen Revolution habe sich ein Ungeist in Deutschland verbreitet, der Verbrechen wie Sozialdemokratie, die Pille oder den Atheismus…“

„… in den Zuständigkeitsbereich des BKA falle. Die Ausstellung über die Französische Revolution sei deshalb gesprengt worden, da es sich bei diesem Ereignis um eine Darstellung größeren Ausmaßes gehandelt habe, die zum Bereich des Staatsschutzes gehöre. Man dürfe, so Ziercke, für fehlgeleitete fremdländische Völker, nicht auch noch Werbung machen. Die Geschichte habe mehrmals gezeigt, die Revolution fresse auch kleine Kinder und…“

„… eine Hausdurchsuchung bei Heiner Geißler nur präventiv…“

„… dass im Lichte der Bauernaufstände immer deutlicher werde, was von lutherischen Organisationen zu halten sei. Friedrich sagte zu, er werde die Rechtsnachfolger rückwirkend zu terroristischen Vereinigungen erklären und durch den Verfassungsschutz…“

„… da Ziercke offenbar über Beweise verfüge, die anderen Mitarbeitern des BKA nicht bekannt seien. So werde der Slogan Drive The Revolution für 104% der Automobilbrände an Fabrikaten der Marke Mazda verantwortlich…“

„… verteidigte Innensenator Henkel, man habe die öffentliche Ordnung in der Hauptstadt auch mit ungewöhnlichen Mitteln zu sichern. Es sei durchaus zu verantworten, dass nach der Ankündigung einer technischen Revolution der Apple-Store am Kurfürstendamm 26 durch ein SEK…“

„… aus den Reihen von Uhl (GERONT) zu hören, dass man ab sofort auf die Ankündigung der Digitalen Revolution warten wolle, um Piraten und Chaoten in Computerclubs als Kapitalverbrecher verfolgen zu können. Wer in diesem Land ohne seinen Vierfarbkugelschreiber angetroffen werde, könne standrechtlich…“

„… wolle Friedrich auf dem Bebelplatz am Sonntagabend die Schriften von Max Weber, Karl Marx, Rosa Luxemburg, Georg Büchner, Frank Schirrmacher und…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXI): Die Angstgesellschaft

9 12 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da steht Sinanthropus pekinensis vor dem Abgrund und tut das, was er am besten kann. Er guckt doof in die Weltgeschichte, kapiert den Zusammenhang der Dinge nur rudimentär, aber er freut sich, dass es den Abgrund gibt. Und das Feuer. Und die Möglichkeit, auf der Jagd dem Mammut zu begegnen und den Kürzeren zu ziehen. Noch hat der Homo erectus keine Ahnung, was Hiroshima, Seveso und die flächendeckende Verbreitung des volkstümlichen Schlagers an Grauen auf diesem Planeten verbreiten sollten. Hätte er geahnt, dass sich künftige Generationen wegen einer Eurokrise ins Hemd machen, er hätte Bammel gehabt bis zum Erbrechen. Noch gab es keinen narrativen Horror, die Kultur hätte ihm auch nicht viel genützt, denn sie bliebe im luftleeren Raum. Aber es gab die Angst als natürlichen Reflex, und sie bleibt bis heute. Bis in unsere Angstgesellschaft.

Heute haben wir genug Ängste für alle, der Bekloppte pickt sich aus Vogelgrippe und EHEC, Terror und Klimawandel, gelber Gefahr und roten Socken sein passendes Nervenzerrüttungszubehör zusammen. Die Gefahren müssen nicht einmal real, die Bedrohungen nicht einmal so groß sein wie die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen, die Furcht vor der Furcht kompensiert das, was an unserer Existenz zu schön ist. Was auch immer hinter einen durchschnittlichen Horizont passt, die nächste mordende Nazibande oder der lineare Preisanstieg von Diesel bis 2025, was der Beknackte nicht sieht, kann sich nicht seiner Vorstellung entziehen und wird dadurch nicht unwahrscheinlicher.

Es ist nicht der anheimelnde Grusel, der einen bei Ein Zombie hing am Glockenseil oder in der ersten Reihe beim Florian-Silbereisen-Konzert umweht, nicht jene aus Sensationslust gesuchte Übelkeit, die im Kettenkarussell oder beim FDP-Parteitag die Magenwände effektvoll angreift, es ist die Ahnung, dass sich der Schrecken in jedem Augenblick zur realen Bedrohung wandeln könnte. Plötzlich merken sie, dass Weichmacher in Plastikbembeln tatsächlich das Genom anknabbern, während nur noch ein Promill derer, die sich überhaupt noch an SARS erinnern, die Krankheit für mehr als einen verpatzten Gag der Pharmalobby halten. Wir werden alle sterben, das ist nicht mehr originell, aber offensichtlich eignet sich nur eine verdammt spitze Zielgruppe der Angstmacher für eine zünftige Panik, die mit geradezu religiöser Inbrunst und massenkompatibler Hysterie zur paranoiden Folklore taugt, und es ist nicht einmal immer die, die uns von Medien und Politik ins Hirn zu schwiemeln versucht wird. Mittelstreckenraketen und Radioaktivität waren ja von den Guten, haben aber für Jahrzehnte die Adrenalinreserven kritisch bewegter Bürger aufgesogen. Ist es vitalisierende Urfurcht, die dem Hominiden, dem ersten um seine Vergänglichkeit wissenden Ichling, innerhalb der Seinsgrenzen Wege zum erfüllten Leben aufzeigt? Ist es jene humane Kraft, die Schwenkgrill, Fußball und Flaschenbier erfand, Sofa und Schachspiel, Tanztheater und Podiumsdiskussionen über männliche Beziehungsarbeit in der zweiten Lebenshälfte? Nebbich.

Was wäre der Behämmerte, wenn er nicht auch der drohenden Katastrophe noch eine angenehme Seite abgewönne, die er sich gemütlich vermiesen kann, um sich darüber schwarz zu ärgern. Die Vorstellung, durch Dioxin im Frühstücksei über die Wupper geschnippt zu werden, macht ihn ja deshalb so rasend, weil er es durch etwas Synapsentätigkeit mindestens mittelfristig beseitigen könnte. Dass die treudeutsche Mülltrennerei als staatlich anerkannte Nationalpsychose durch Millionen verballerter Autobahnkilometer für überflüssige Transporte mehr Schaden anrichtet als der Umwelt nützt, wird keinen interessieren – Hauptsache, man kann eine Panikattacke steuerlich geltend machen, wenn die Nachbarin eine nicht löffelrein ausgekratzte Fischsalatpackung ins Altglas schlonzt. Die manische Wut, das Unvermeidliche nicht wenigstens durch Wille und Vorstellung zu verhindern gewusst zu haben, das macht uns fertig.

Mit Recht übrigens. Und wir wollen es auch gar nicht anders. Die Angstgesellschaft hat sich in ihrer Negativität häuslich eingerichtet, die Phobien auf Kante gelegt, nach Farbe geordnet und abgeheftet, und auf dieser Art ins Fundament eingelassen hockt der freischaffende Seppel in der Landschaft. Da schmilzt ein Gletscher! Egal, das bisschen Eis ist relativ piepe, wenn man den Grönländischen Eisschild damit vergleicht. Sie lauschen Propheten, die das Ende der Welt vollmundig verkünden, gerne auch mehreren, die sich mit dem Datum nicht einig werden konnten. Sie lassen BILD das Geheimnis lüften, dass nur die Sozen Armageddon erfunden haben können, stellen den Wecker für den großen Crash, gucken in die Röhre, nach Kometen und schließlich doof aus der Wäsche, weil am Stichtag alles weitergeht, ohne kosmischen Knall, ohne Ragnarök und Omegapunkt. Sie hatten so schön Angst und können nicht mal jemanden auf Schadenersatz verklagen. Was, für sie wenigstens, auch schon ein Weltuntergang ist. Fast.





Keimfrei

7 06 2011

„Zunächst hämorrhagisches Fieber, Blutungen, dadurch Schock und Kreislaufzusammenbruch, Krämpfe und Übelkeit, Erbrechen, Lähmungen, die Organe versagen nach und nach – kurz und gut, es endet tödlich.“ Mahlwenzel klappte das Heft zu und rückte seine Brille zurecht. Lächelnd zeigte er auf das kleine, fadenförmige Stückchen Virus auf dem Bild halb links. So also sah heute der Tod aus. Ein Stückchen Ribonukleinsäure, im Labor gezüchtet.

„Pocken und Pest sind recht wirksam, weil sie eine hohe Sterblichkeitsrate aufweisen – kleine Ursache, große Wirkung. Wenn Sie nur einen überschaubaren Ausbruch wollen, dann greifen Sie am besten zur Brucellose.“ „Sie meinen“, fragte ich irritiert, „wenn man nur einen Teil der Menschen umbringen will? Wozu das denn? Ich dachte, im Krieg sei Schlagkraft alles?“ Mahlwenzel schüttelte bedächtig den Kopf. „Nicht immer. Wenn Sie zum Beispiel in ein Land hinterher noch einmarschieren wollen, ist eine Zerstörung mit unausrottbaren Keimen nicht unbedingt das Mittel der Wahl. Sie bombardieren ja auch keine Kernkraftwerke in Ihrer Nachbarschaft.“ Das allerdings leuchtete mir ein. Mahlwenzel zeigte auf einige Bakterien, die wie längliche Reiskörner aneinanderklebten. „Das sind Tuberkeln, die gehören zur dritten Gruppe. Nicht unbedingt ein Ausbund der Hölle, verhältnismäßig einfach zu diagnostizieren, jedoch für den Hausgebrauch schon ganz gut einsetzbar.“ „Für den Hausgebrauch?“ „Nicht jeder Staat“, erklärte der Biologe, „kann sich ein luxuriöses Labor leisten, in dem die besten Aflatoxine hergestellt werden. Auch die Dritte Welt möchte ein wenig Terrorismus betreiben, wir sollten die Wettbewerbsschranken nicht unnötig hoch ansetzen.“

Die Bilder an der Wand zeigten Vergrößerungen unter dem Rasterelektronenmikroskop, bizarre, schwammige Punkte, zu langen Ketten verwoben, Häkchen und Spaghetti. „Nicht jede dieser Lebensformen ist gleich gut geeignet“, dozierte der Wissenschaftler. „Es ist wie mit Sprengstoffen: wo Sie mit Schwarzpulver nichts ausrichten können, greifen Sie eben zu TNT.“ „Es ist erschreckend“, sagte ich beklommen angesichts der Bilder. „Sie haben kaum noch die Kontrolle über das, was Sie hier innerhalb des Labors entwickeln – was aber geschieht, wenn eines Ihrer Viren ausbricht? Wie gehen Sie damit um, dass diese Keime das Leben auf dem ganzen Planeten bedrohen?“

Mahlwenzel fingerte wieder an seiner Brille. „Sie haben falsche Vorstellungen. Das ist nicht die Wirklichkeit.“ Er hob die Hand und führte sie an den Bildern entlang, wo sie alle versammelt waren, Ebola und Lassa, Marburg, Milzbrand und Malaria. „Sie sehen zu viele schlechte Filme. Grusel, Action, Katastrophen. Moderne Kampfstoffe sollen effektiv sein, am besten wirken sie wie ein Kontaktgift, das sich aus dem Flugzeug aufsprühen lässt – haben Sie das nicht im Gedächtnis aus dem Hollywood-Kram, den Sie gesehen haben?“ Er fletschte die Zähne. „Natürlich haben Sie das im Gedächtnis behalten. Man überfliegt unauffällig das Regierungsviertel mit dem Kampfhubschrauber und sprüht ein Gas aus fünfhundert Metern Höhe in die Luft, worauf innerhalb weniger Minuten sich einige Tausend Menschen in Agonie auf dem Pflaster wälzen, richtig?“ Ich kam gar nicht dazu, ihn zu unterbrechen; Mahlwenzel hatte sich in Rage geredet. „Haben Sie sich schon einmal gefragt, was mit denen passiert, die dieses Zeug ausbringen? Sind die vor Infektionen gefeit?“ Ich murmelte etwas von Schutzanzügen und Atemmasken, aber er wischte es mit einer Handbewegung fort. „Mit Schutzanzügen? Ja, das möchte ich sehen.“ Er lachte meckernd. „Ein Dutzend Männerchen in Fensterputzerkleidern marschiert unbehelligt ins Kanzleramt, streift sich in einem unbeobachteten Moment Astronautenkleidung über, sprüht Salmonellen auf alle Türklinken und verschwindet wieder. Und das möglichst noch eine Woche lang täglich, damit auch nichts schiefgeht.“

Ich war gekränkt, hatte ich mich doch sorgfältig vorbereitet und mein komplettes Wissen über Krankheitskeime aufgefrischt. „Lassen Sie den Kopf nicht hängen“, tröstete mich Mahlwenzel, „Sie denken eben noch nicht wie ein Terrorist, höchstens wie ein geistig etwas verwirrter Innenpolitiker im Wahlkampf. Gehen Sie logisch an die Sache heran. Glauben Sie, dass diese EHEC-Epidemie ein terroristischer Anschlag ist?“ Ich kratzte mich am Kopf. „Ich kann es mir nicht vorstellen – es gibt noch kein Bekennerschreiben.“ Wieder lachte Mahlwenzel. „Sehen Sie? Was täten Sie, wenn die Berliner S-Bahn zusammenbräche? Sie würden auf alles kommen, nur nicht auf einen Terroranschlag. Weil ein Angriff, der nicht als solcher erkannt wird, überhaupt kein terroristisches Potenzial besitzt.“

Er ging zu einem kleinen Kühlschrank und entnahm ihm ein Glasröhrchen mit blassgelber Flüssigkeit. „Wollen Sie mal riechen?“ Instinktiv schlug ich die Hände vors Gesicht und hielt den Atem an. Doch Mahlwenzel blickte nur belustigt. „Sie glauben, ich würde einfach so Bazillen in die Luft pusten? Lebensmittelfarbe, mehr nicht. Und es reicht.“ „Wozu?“ „Für die Boulevardpresse“, gab er trocken zurück, „und nicht einmal das wäre im Ernstfall notwendig. Wir arbeiten inzwischen so gut wie keimfrei. Solange andere denken, dass wir über etwas verfügen, was sich als Horrortodeskeim in die Schlagzeilen pumpen lässt, geht die Sache auf.“ „Es ist also wie im Kalten Krieg“, bemerkte ich. Mahlwenzel nickte. „Richtig. Der Anschlag ist höchstens noch zweitrangig, wichtig ist allein, dass er nicht mehr auszuschließen ist, auch wenn sich für ihn keinerlei rationaler Beweis mehr erbringen lässt. Wir könnten jetzt auch eine Terrorzelle in der feindlichen Hauptstadt mit Spritzpistolen ausrüsten, aus denen gelb gefärbtes Wasser käme – keine Gefahr für die Täter, aber maximale Hysterie, weil die Regierung gar nicht wüsste wogegen sie sich verteidigen sollte. Sie würden nicht mehr tun können, als sämtliche Bürgerrechte einzuschränken. Damit hätten wir auch schon gewonnen.“ Er sah mich tief befriedigt an. „Schön, dass man Terror mit seinen eigenen Mitteln bekämpfen kann, nicht wahr?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XCIII): Krankheiten als Gesprächsthema

18 02 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Hominide ist nach landläufiger Meinung ein sprechendes Wesen; ob er zur Sprache auch befähigt sei, darüber streiten freilich die Geister, nichtsdestotrotz schwallt einer den anderen beim Platitüdenbingo voll, bis Blut aus dem Gehörgang sickert. Wo der durchschnittliche Knallkopf sich nicht über Jagdreviere austauscht oder zur Wahrung des sozialen Status ad hoc erfundene Geschichten über seine Potenz zum Besten gibt – heute meist in Form eines Fachgesprächs über Armeezeit und Automobile – sondert er intentionslos Heißluft ab, um den Horror Vacui in den Griff zu kriegen, denn nichts ist dem Gesellschaftstierchen mehr verhasst als die Vorstellung, trotz aller Nullinformation nun auch noch wahrhaftig er selbst sein zu müssen, ohne einen Schutzschild aus Sprache, hinter dem er sich und seine existenzielle Tristesse verbergen könnte. Es bleibt ihm im Zustand der Nacktheit nicht mehr als seine reine Physis, genauer: deren Fehlfunktionen, denn was wäre ein besserer Anknüpfungspunkt für sinnlose Gespräche als eine Konversation über Krankheiten.

Gewöhnlich dient die Krankheit des Dritten, bis auf wenige Ausnahmen in dessen Abwesenheit, als gelungener Einstieg in den Dialogprozess. Der Bruder des Hausmeisters, beiden nur flüchtig bekannt, hat offenbar seit längerer Zeit Probleme mit den Bandscheiben, es wird sich dabei um eine Herzgeschichte handeln, auf jeden Fall kommt das von den Nerven: innerhalb weniger Minuten sind Anamnese, diagnostische Möglichkeiten sowie Therapie und Prognose ausgeschöpft, sämtliche Teilnehmer des Kolloquiums haben sich als vulgärmedizinisch hinreichend gebildete Laien geoutet und schreiten nun zur zweiten Stufe, der Post-mortem-Betrachtung. Das Konsilium eiert in konzentrischer Bahn um die Feier des Lebens, denn dass eine horrende Zahl von Waschfrauen, Henkern und Schiffschaukelbremsern bereits an Lungen-, Leber-, Luftröhrenleiden verschieden ist, dient nur zur finalen Untermalung der Tatsache, dass logisch folgt, die Diskutanten seien noch am Leben. Ein Memento mori der dialektischen Art, wenngleich sinnleer, da unverbindlich: dermaleinst werden auch sie die Radieschen von unten besichtigen, wenn andere über ihr Ableben palavern.

Die nächste Stufe ist die rezente Erkrankung, akut, chronisch, selten wirklich lebensbedrohlich, auf jeden Fall aber von kaum steigerungsfähiger Widerlichkeit. Sei es mangelnde Distanz zum eigenen Körper oder Mangel an funktionstauglicher Grütze unterm Schädeldach, nässender Ausschlag an privaten Partien dient dem Bescheuerten allemal zur Gesprächseröffnung. Bereitwillig berichtet der Bescheuerte von Gasaustauschvorgängen in seinem Verdauungstrakt, als handle es sich um ein Vorgang von epochaler Bedeutung; noch die unappetitlichen Nuancen von Hämorrhoiden, täglich einsetzender Refluxösophagitis oder nichtverbaler Diarrhö weiß der Weichstapler geflissentlich in die Unterhaltung zu schwiemeln, als gälte es, sich mit derlei exhibitionistischen Ausfällen in die Schar der verhandlungsfähigen Zweibeiner zu schummeln. In Wahrheit jedoch trifft nichts davon zu, nur setzt, wie Freud vermutet, mit dem Schwinden der Scham schon der Schwachsinn ein, so nicht Kollege Nachtfrost schon deutlich früher eingeschlagen haben sollte. Dessen ungeachtet blökt der Nappel über eingewachsene Fußnägel und nächtlichen Harndrang, rekapituliert akribisch Menge, Farbton und Temperatur diverser Sekrete und gibt notfalls praktische Proben, um traumatische Erfahrungen mit dem letztjährigen Bröckelhusten abzuarbeiten.

Gerne bespielt wird jene Bühne von der Armee der Simulanten, die endlich ein wehrloses Publikum finden, Kollateralschäden einer ästhetischen Wiederaufbereitung von Hinterwandinfarkt und Darmkrebs, täuschend echt nachempfunden mit dem Kenntnisstand von dreizehn Jahrgängen Bäckerblume und Frisörgespräch, up to date auchg bei neuen Modekrankheiten – der geschickte Hypochonder steigert sich mühelos selbst in pontozerebelläre Hypoplasie, Blepharospasmus und Ziegenpeter rein, und frenetischer Applaus wird das Gehampel begleiten, mit dem er seine Show schmückt.

Die letzte Stufe auf dem Weg zum Verfall ist die Anmaßung des Amateurmediziners, der Gebrechen anderer Bekloppter zielsicher erkennt und mit einfachen Hausmittelchen kurieren kann, wo nicht komplexe Therapie nach neuerer Forschung als Mittel der Wahl gilt. Unbeirrt hält er Kleine-Levin-Syndrom (feuchtwarme Umschläge, Würfelzucker mit Zitronensaft intravitreal) und Mundgeruch (Thoraxeröffnung, Zäpfchen, Einäschern der Leiche) auseinander, der Medikus eigener Gnaden, und weiß als getreuer Beichtvater die irrationalen Ängste der umgebungsvariablen Dummschlümpfe zu nähren, aufzuplustern und am Punkt der Panik durch Kompetenzvortäuschung zu beseitigen. Mehr Macht hat keiner als der, der mit den Mehlmützen zu spielen weiß, die bei jeder Gelegenheit, ob auf der Familienfeier, ob im Kinofoyer oder am kalten Büfett, ihre intimsten Geheimnisse offenbaren, Gallen- und Hüftleiden, genug Stoff für die zwischenmenschliche Kommunikation im Flug der Stunden, denn das erst macht den Beknackten zum vollgültigen Mitglied seiner Gesellschaft: das ewige Genörgel, die zwecklose Klage über seine beschissene Befindlichkeit. Wahrscheinlich würde er ohne die Symptome einer schleichend tödlichen Auszehrung sofort krank. Diesmal wirklich. Und was dann kommt, das will erst recht keiner hören.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXVIII): Lebensmittelskandale

14 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So ist er, der Herrscher der Schöpfung: faustisch auf der Suche nach den Grenzen der Welt. Sei es in der offenen Aussprache mit einem Türsteher, auf dem Abwärtsflug am Bungeeseil, im Experiment mit Gammastrahlung, der Mensch braucht nichts so sehr wie die Aussicht auf eine Frontaldelle. Er will das Sein ausleiern, seine Geschichte ist bisher ein Hirnschrottplatz der Schnapsideen – und doch lässt er nicht locker, sich immer wieder in die Enge zu treiben, um sich den kollektiven Garaus in solider Eigenbauweise zusammenzuklöppeln. Natürlich weist er die Schuld weit von sich, es ist ja nicht der Behämmerte, sondern seine Flugzeuge in Regress zu nehmen, wenn sie aus der Troposphäre kippen, böse ist der Anschnallgurt, wenn man ihn vergisst, und maßlose Erregung, gepaart mit erbärmlichem Mitleid, fordern Lebensmittelskandale.

Aber warum eigentlich regt sich der Dummbatz der postkapitalistischen Käfigselbsthaltung auf über Dioxin im Ei? Warum schwillt ihm der Hals, wenn das Schnitzel in der Pfanne verpufft? Was bringt ihn, den marktwirtschaftlichen Mampfer, zu derart apokalyptischem Gewinsel, wenn sich BSE, PCB und DDT in seinem Chateaubriand häuslich einrichten? Pfeift sich die Kuh das Zeug selbst rein oder liegt sie damit dem Bauern in den Ohren? Betteln Hühner um Salmonellen im Flüssigei? Will das Schwein nur mit Weichmacher zu Wurst werden? Oder war es am Ende doch nur der Lauf der Dinge, der Grenzwert, der nachzugeben hatte?

Wir ernähren uns komfortabel von Risiken und Nebenwirkungen, die intellektuell im embryonalen Status bleibenden G20-Fresser finden sich moralfrei mit dem Weltlauf ab: es muss billiger werden, weil der Kapitalismus als Religion der Steigerung es kategorisch fordert – es darf nur nicht für alle reichen. Solange noch keine Pestizidrüben auf dem Feld blinken und kein Mangold nachts im Kühlschrank brummt, fürchten wir nichts. Gut ein Drittel der Erdlinge wird nach multikausaler Rezeptur schneller als erforderlich zu Biomasse; wir begegnen der planetaren Katastrophe mit Raps für die SUVs der Renditekassierer und gefriergetrocknetem Auswurf auf der Retortenpizza im Discountersortiment.

Kein Mensch hat bei wachem Verstand bemerkt, dass die industrielle Lebensmittelproduktion sich seit Jahrzehnten im Sturzflug befindet. Der Markt – das, was in Wirklichkeit der Verbraucher ist, denn der entscheidet, was auf dem Markt Bestand hat – forderte sich wund nach billigem Futter, nach schneller Produktion, wohl wissend, dass bei der Trias billig, schnell und gut immer nur zwei über die Ziellinie dümpeln und eins elend verreckt. Glykolwein, Schweinepest, Kälberchemiemast, alles hat der Verbraucher mit typischer Entrüstung abgenickt und als Kollateralpickel am Arsch einer unhinterfragten Ökonomie geduldet, statt den Produzenten den Stuhl wegzuziehen. Der Bescheuerte hat sich nie über den Sinkflug der Preise gewundert, er staunte dauerweihnachtlich bekifft vor dem Warenangebot, sah Mehl und Butter und Öl und Zucker weniger und weniger kosten und kapierte nicht, dass die Spirale der Preisgewalt nur in der betriebswirtschaftlichen Theorie weiter gegen Null tendieren kann – das Milchmädchen hat sich verrechnet, als die Wirklichkeit kam.

Die Ansprüche steigen überall. Will der untere Mittelbau sein Frühstücksei aus dem Geflügel-KZ in der Tiefebene, so greint die selbsternannte Elite ohne Flugmango bereits den sozialen Abstieg herbei; hier scheißen sich ein paar Phasianidae ins marketingkonforme Frühableben und werden, ätschibätsch, als Kollagen in der hochpreisigen Leberpastete reinkarniert, die sich der Wohlständler in die Eintrittsöffnung des Verdauungskanals schwiemelt, dort klappen Rindios fürs Roastbeef den Regenwald um und sorgen mit lustigen Wirbelstürmen für den Untergang des Abendlandes in Technicolor, während der Pangasius auf Spinat langsam den Mekong versanden lässt.

Schuld ist nicht der böse Hühnerschrecker, dem eine auf Schnellverdeppung getrimmte Medien- und Lobbyistenblase die Verantwortung in die Schuhe schieben will. Schuld ist nicht eine bis dato lieb und gut agierende Alimentationsindustrie, die von kosmischer Strahlung getrieben urplötzlich am Rad dreht und dem ahnungslosen Konsumenten Separatorendreck hinters Zäpfchen zwängt. Schuld sind wir. Schuld ist der bis zum Marktextremismus degenerierte Genomzonk, der dümmstmögliche Fehlgriff der Evolution. Denn Fressen heißt nun mal Gefressenwerden – eine wahrhaft clevere Idee, ausgerechnet in einem Stoffkreislauf alles um sich herum zu verpesten und zu hoffen, dass die eigenen Brötchen vom Mars herübergebeamt werden. Wir bekommen die Quittung, so oder so, sei es kurzfristig als Einlagerung im eigenen Körperfett, mittelfristig als Lochfraß im Erbgut oder final als Untergang dieses Rotationsellipsoiden mitsamt dem Doofheitscluster, der Bier trinkt, schlechte Musik hört und Hunde bellen lässt. Bio ist nur behutsame Vergiftung, das Zeug ist eh im globalen Verkehr angekommen und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Die Elite wird genauso abnippeln wie die armen Schlucker, die sich Eier für acht Cent wünschen und Filetsteak zum Preis von Torf. Sie werden an der Würgstoffkombination ersticken, sie sterben an der Gier, die uns immer schon an den Knochen genagt hat – die Lebensmittelskandale sind die Bankenkrise des kleinen Mannes, der Geiz geil fand, den Hals nie voll kriegte und sich daran schließlich verschlucken wird. Unser Mitleid wird sich in Grenzen halten, denn die Gierigen haben es nicht anders verdient, als selbst gefressen, verdaut, recycelt zu werden. Das System verstoffwechselt seine Kinder.





Keine Panik

8 12 2010

Zwei martialisch kostümierte Polizisten standen am Eingang der Kongresshalle. Mit Schussweste, Helm und Maschinenpistole behängt zeigten sie genau die nervöse Unruhe, die auch mich ansteckte: was, wenn nun einer von ihnen versehentlich gegen den Abzug käme? Die Sicherheitsbeamten an den anderen Eingängen würden sofort gerannt kommen und auf mich anlegen, sobald sie die Schüsse vernähmen, und dabei wäre es doch nicht sehr viel mehr gewesen als nur eine kleine Unachtsamkeit.

Die Halle war angenehm gefüllt, hier und da lag Literatur an den unterschiedlichsten Tischen aus. Kromschröder hatte mich rasch ausfindig gemacht und winkte herüber. „Ich habe Ihnen wohl nicht zu viel versprochen“, begrüßte er mich. „Es ist ja doch recht viel auf dem Programm, haben Sie sich schon etwas ausgesucht?“ Ich gab mich verbindlich. „Da Sie mich eingeladen haben, dürfen Sie mir ruhig ein paar Vorträge ans Herz legen. Sie wissen ja, wofür ich mich interessiere – Hellenismus, Spätmittelalter, Renaissance…“ Er runzelte bedenklich die Stirn. Hatte ich etwas Falsches gesagt? „Oder gibt es das eventuell gar nicht? Hat sich hier soviel verändert?“ Kromschröder schaute mich leicht verstört an, was mich wiederum irritierte. „Das ist ja schließlich der Deutsche Historikertag, nicht wahr?“ Pikiert zeigte er auf das Programmheft; ich lief schamrot an, denn nicht einmal auf der Eintrittskarte war es mir aufgefallen: Deutscher Hysterikertag.

„Hexenwahn“, dozierte Professor Kunstätter, „ist ein kulturunabhängiges Phänomen. Sie werden daher sehr genau nach den strukturellen Elementen suchen müssen, um es zu beschreiben. Das lässt sich nicht monokausal beschreiben, und schon gar nicht aus einer heutigen Perspektive als Aberglaube abtun.“ „Also doch ein historischer Aspekt?“ Ich begann, mich auf seinen Vortrag zu freuen, doch Kunstätters Erläuterungen machten mir einen Strich durch die Rechnung. „Wir betreiben das heute mit professionellen Mitteln, verstehen Sie? Sie können sich ja vorstellen, was die Aufregung sonst an Kopflosigkeit hinterließe. Wäre das nicht übertrieben? Sagen Sie selbst: wäre das nicht ein Grund zur Hysterie? Sie werden daher in meinem Referat hören, wie wir den Hexenglauben produktiv machen können, um die Gesellschaft auch heute noch in den Wahnsinn zu treiben.“ Im Hintergrund schlich ein Alter im härenen Gewand vorbei. Wir werden alle sterben stand auf seinem Pappschild, und mehr musste man ja auch nicht wissen.

„Vor der Mittagspause sollten Sie unbedingt noch den Gastreferenten zur Massenpanik und gruppendynamischen Prozessen hören“, riet mir Kromschröder. Er selbst hatte sich einen Becher Tee besorgt und studierte ein Verlagsprogramm. „Das ist mal etwas Praktisches“, lobte er das Heftchen. „Eine zweibändige Ausgabe über den Terrorismus: in Teil eins wird erklärt, wie man eine Terrorzelle gründet und unterhält und die Attentate erfolgreich plant und durchführt, und im zweiten Teil liest man, wie man diese Terrorzellen erkennt und aufspürt und unschädlich macht. Wenn beide Seiten beide Bücher lesen, statt die Terroristen nur das eine und die Polizei nur das andere, dann haben wir ein viel größeres Fachwissen. Terrorismus und Aufklärung auf einem höheren Niveau, wäre das nicht toll?“

Eine junge Dame, die sich nicht vorstellte, aber als Mitarbeiterin des Bundesinnenministeriums zu erkennen gab, hatte sich mitsamt ihrer Bockwurst an unser Tischchen gesellt. „Sie schreiben doch immer diese Berichte, stimmt’s?“ Ich lächelte geschmeichelt, schließlich musste sie mich mit einer enorm wichtigen Person verwechselt haben. „Der Jahresplan funktioniert ja mal wieder ganz ausgezeichnet.“ „Sie sind mit der Organisation beauftragt?“ Sie verstand mich falsch, aber das um so besser. „Genau auf den Punkt. Dieser Terror mit dem Terror klappt wie am Schnürchen. Alles sehr gut einstudiert, wir können uns auf unsere Kontakte verlassen.“ Ich schaute neugierig. „Als da wären?“ Sie lächelte. „Die Medien. Die Sicherheitsbehörden und die jeweiligen Lobbyisten. Wir arbeiten schon Hand in Hand. Das muss ja professionell werden.“ „Und was stand bisher so auf Ihrem Jahresplan?“ Ich schielte auf ihren Papierstapel, konnte aber trotz der Klarsichthüllen mit den Internetausdrucken nicht viel erkennen. „Das sollten Sie doch noch in Erinnerung haben“, versetzte sie. „Schweinegrippe. Und davor die Vogelgrippe. Und haben Sie BSE noch auf dem Radar?“ „Irgendwann dazwischen haben wir auch mal einen Wintereinbruch gehabt“, sinnierte ich, „aber ich kann mich auch täuschen. Vermutlich war ich da gelähmt vor Angst.“

Der Diavortrag über den 2012 stattfindenden Weltuntergang ließ mich kalt, ich holte mir noch einen Kaffee. Die Ministeriale stand noch immer am Tisch. „Wollen Sie nicht auch eine Kleinigkeit“, fragte sie, „die Wurst ist sehr zu empfehlen.“ „Sie lenken ab“, gab ich zurück; wieder verstand sie mich falsch. „Das stimmt. Aber keine Panik, das ist nun mal mein Job.“ „Wo sehen Sie die größten Potenziale?“ Der Alte mit dem Büßerhemd hatte sich schon wieder aufgemacht und trug sein Schild durch die Halle. „Stellen Sie sich vor, die Leute wollten wissen, wie viele Fässer in der Asse lagern und wie stark das Zeug tatsächlich strahlt – da ist es doch besser, wenn wir ihnen sagen, wann wir den nächsten Terroranschlag erwarten. Statt der Höhe der Schulden. Oder der Arbeitslosenzahlen.“

Fröstelnd schritt ich am Ufer entlang, die Kongresshalle im Rücken. Was würden diese beiden Polizisten nur mit ihren Maschinenpistolen anfangen, wenn sie dann plötzlich, inmitten der Menschenmenge, einen Sprengsatz entdeckten? Fast hätte ich ernsthaft darüber nachgedacht. Aber wäre das nicht übertrieben gewesen? Und am Ende doch wieder nur ein Grund zur Hysterie?





Bombenstimmung

1 12 2010

„Bleiben Sie bitte am Apparat, ich verbinde Sie sofort weiter! – Das ist jetzt langsam nicht mehr lustig, sage ich Ihnen, pausenlos solche Anrufe. Es nützt auch nichts, wenn Sie den Leuten sagen, dass sie keinen Grund zur Hysterie haben. Die drehen durch. Das hätte man wissen können, aber Sie was erwartet man von … Hotline für Terror, mein Name ist Christiane Öchelrauch, was darf ich für Sie tun?

Also eine Person, die merkwürdige Laute von sich gibt? ‚Yo man, suckah‘ und ‚Play dat phonkey shit, dude‘? Kapuzenjacke? Und die Nachbarn sagen, das gehöre verboten? Dann handelt es sich wahrscheinlich um einen kreativen Jugendlichen, die dabei ist, seine soziale Rolle zu definieren. Abfällig über Deutsche hat er sich aber noch nicht geäußert? Ich frage nur, dann hätte ich vielleicht das Bundesfrauenministerium, Sie wissen schon, die Ministerin Schröder ist da sehr – die heißen Krczenanynsky? Dann sind das Deutsche? Ach ja, sehen Sie, Kevin und Steve, das sind ja typisch deutsche Vornamen, da brauchen Sie keine Angst zu haben. Die treten einen Rentner tot, der sie mit einer Wehrmachtspistole bedroht, aber Terroristen sind das nicht. Kein Grund zur Sorge.

Das glauben Sie gar nicht, was hier los ist. Wir sind ja inzwischen schon in drei Schichten dran, weil diese Verwaltungstypen nicht einmal wissen, was sie nun eigentlich suchen. Schauen Sie, es ist wie mit einem Amoklauf, da zeigen sich hinterher alle betroffen, er hat Jugendliche erschossen, er hat schwarze Kleidung getragen, er hatte Poster in seinem Jugendzimmer hängen – und dann sind es diese Killerspiele, nicht wahr? Und wenn sie sagen würden, es war ein junger Mann ohne Freundin, der ausschließlich Turnschuhe trug?

Hotline für Terror, mein Name ist Christiane Öchelrauch, was darf ich – Koffer immer dabei? Und der trägt immer so einen langen… helle Farbe? Und er hat einen Vollbart? Aber wenn das einen Gürtel hat, ist es wohl eher ein Trenchcoat? Er terrorisiert die Nachbarschaft? Rausgeworfen? Ja, das kann ich mir gut vorstellen, es handelt sich da um einen Staubsaugervertreter. Doch, Sie können mir schon glauben. Wir kennen den. Doch, echt!

Nicht, dass Sie denken, wir täten nichts – falsch, das trügt! Wir sind unermüdlich dabei, uns ganz neue und tolle Ideen auszudenken, die dann äääh… also ich weiß es ja auch nicht. Es soll jetzt eine Kommission tagen, die eine Anzahl von Leitlinien beschließt, über die der Innenausschuss diskutiert, damit wir nach einem Terroranschlag wissen, woran es eventuell gelegen haben könnte. Oder so. Ja, ich sag’s Ihnen, so schnell geht hier nichts. Da müssen erst einmal die Gremien, und dann die Ausschüsse, und wenn man dann keine Spuren von gesundem Menschenverstand mehr nachweisen kann, dann macht man ein Gesetz daraus. Stefan Müller, das ist der integrationspolitische Sprecher der Union, der meint, man sollte einfach herumgehen und fragen. Das ist doch großartig von dem Mann? und so simpel? Stellen Sie sich das doch mal vor, Sie kreuzen mit einem Trupp Polizisten in der Moschee auf und fragen, ob da irgendwelche Fanatiker seien – die öffnen Ihnen doch Tür und Tor?

Hotline für Terror, mein Name – Beschwerde? Wieso Beschwerde? Aber das Bundesministerium des Innern hat doch selbst gesagt, dass islamistische Fundamentalisten in Burnus und Kufiya viel zu auffällig wären und daher nicht… Fernsehberichte? Natürlich werden diese Leute von bewaffneten Polizisten festgehalten und gefilzt – es könnte doch sein, dass es ein arabischer Extremist ist, der sich als deutscher Spaßvogel ausgibt, der als arabischer Extremist verkleidet ist? Da muss einschreiten! Und wissen Sie etwa, wie viele islamistische Terroristen Hamburger Dialekt sprechen?

Hotline für Terror, mein Name ist Christiane Öchelrauch, was darf ich für Sie tun? Hetzparolen? Ja, ich höre. Können Sie ihn genauer beschreiben? Unberechenbar? Gut, ich nehme das mal so auf. Inkompetenz? Wo genau sehen Sie die? Ah ja, das leuchtet ein. Und Seehofer heißt der Mann? Gut, wir bleiben dran. Keine Ursache – vielleicht ist es ja nur ein kleiner Dummbazi, das müssen dann die Gerichte entscheiden. Danke vielmals, ich leite das auch gleich weiter.

Ja, ich höre – nein, da hat man Sie falsch durchgestellt. Wie, Mindestlohn? Anpassung der Regelsätze? Streichung von Blindengeld und Ernährungskosten für pflegebedürftige Behinderte? Jugendmedienstaatsvertrag? Atomindustrie? Da sind Sie sicher falsch verbunden worden von den Kollegen in der – Terrorismus? Das ist jetzt eine Frage, die ich Ihnen nicht beantworten kann.

Hotline für Terror, mein Name ist Christiane Öchelrauch, was – haben Sie da eventuell auch einen Herkunftsnachweis? Wir müssten das natürlich schon auch vorher abklären, ob es unter §129a StGB fällt, inkompetente Politiker und korrupte Abgeordnete sind auch nicht unbedingt so gut für die Demokratie, aber danach war ja nicht gefragt. Wenn Sie in Dubai wegen Ihres katholischen Glaubens verfolgt werden, dann ist das traurig, aber für diese jüdisch-christliche Bundesregierung nicht erheblich. Wir müssen für den Wirtschaftsaufschwung nun mal Prioritäten setzen. Kann man nichts machen.

Man hätte es so einrichten können, dass sie eine Streife durch einen Problembezirk schicken, die klingeln dann an den Türen und sagen: ‚Hallo, wir haben hier eine Lieferung für den Terroristen, sind Sie das zufällig gerade selbst?‘ Das ist natürlich auch wieder Blödsinn, aber was erwarten Sie? Man muss doch irgendwas vorweisen können. Und wenn es nur sinnlose Schlagzeilen sind, aber das ist doch besser als nichts? – Hotline für Terror, mein Name ist Christiane Öchelrauch, was darf ich für Sie tun?“