Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVII): Marx und die Vernichtung der Menschheit

13 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für den Materialisten ist die Sache einfach. Nach Sklavenhalter- und Ständegesellschaft kommt der Feudalismus, der Kapitalismus, dann geht kurz das Licht aus, und dann fegen die Sozialisten die rauchenden Trümmer des Neoliberalismus auf den Müllhaufen der Geschichte. Abgesehen davon, dass der Sozialismus für gescheitert angesehen wird, da man ihn zu oft ausprobiert hat, wobei das, was als Sozialismus verkauft wurde, nicht einmal mit der Verpackung übereinstimmte, fehlte der für jede gute Dialektik unerlässliche Bruch: es wurden nur die herrschenden Zustände legitimiert, wobei je nach Zustand die Herrscher wechselten. Gab es je einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so wurde er von anderen Sozialisten mit Herrschaftsanspruch in eine ideologiekonforme Ausstattung überführt – der Mensch störte da nur. Wer sich die Zustände im heutigen Kapitalismus ansieht, Elend, Ausbeutung und Entfremdung, der kommt nicht umhin, Marx’ Theorie für gründlich gescheitert zu halten, weil der Wandel schon längst hätte kommen müssen. Das Ende der Zivilisation wird mit Naturkatastrophen in unsere Häuser gespült – hat mit der Vernichtung der Menschheit sich auch der Kommunismus erledigt?

Marx fehlte der letzte dialektische Schritt, er sah Globalisierung, Internationalisierung, Verstädterung als positive Entwicklungen hin zum Weltmarkt, der die Weltrevolution ermöglichen sollte, ohne sich über die Konsequenzen für den Lebensraum im Klaren zu sein, wiewohl die Grundregeln des dialektischen Materialismus dies zwingend hätten bedenken müssen: in einer Totalität besteht alles untereinander im objektiven Zusammenhang, alle Materien, alle Abhängigkeiten. Dass nicht alles die unsichtbare Hand des Marktes regelt, wusste auch er. Haben wir diese Welt, statt sie verschieden zu interpretieren, auch verändert, so wirken sich diese Veränderungen auf das Ganze aus, nicht allein auf Produktionsmittel und Kapital. Diese werden im Zweifel von den herrschenden Verhältnissen gut behütet, um die Veränderung zu verhindern.

Doch wir weichen aus. Hat sich etwa mit der hereinbrechenden globalen Katastrophe auch die Aussicht auf einen radikalen Umsturz erledigt und dürfen die Geldfetischisten sich bis zum Absaufen im steigenden Meeresspiegel an der Wertlosigkeit der eigenen Gehirnvortäuschung berauschen? Wäre dies korrekt, sie trieben mit dem Beelzebub den Teufel aus, indem sie den Verwertungszwang als Feind aller Nachhaltigkeit und die daraus resultierende Zerstörung des Planeten als Rettung begreifen, die den Untergang ihres Regimes noch einmal abwenden. Sie würden in Festungen leben, aber nicht aus Angst vor dem aufgebrachten Mob, sondern aus Furcht vor der sengenden Sonne, vor Wirbelstürmen und Flutwellen, während in ihrem Auftrag die Knechte noch immer die Erde untertan machen, oder wenigstens das, was noch davon mit bloßem Auge zu sehen ist.

Aber genau das ist der Denkfehler, der dem Kapitalismus zugrunde liegt: er setzt kurzfristige Ziele und fordert die sofortige Erfüllung, die sich in der Natur durch ebenso kurzfristige Maßnahmen nicht aufwiegen lassen. Einen Wald abzuholzen ist eine Sache von Tagen, ihn wieder aufzuforsten eine Aufgabe für Generationen, und nicht jeder Verlust ist mit einem gleich großen Gewinn aufgewogen, schon gar nicht für dieselben. Der Rest ist schlecht in die Umgebung geschwiemeltes pseudoreligiöses Geröll für intellektuelle Aufstocker. Was seit der Industrialisierung nur durch die Beschäftigung in möglichst billiger Lohnarbeit funktioniert, nämlich die Ausbeutung der Massen, wird dann kompliziert. Zwar kann man mit Millionen Klimaflüchtlinge in Europa beschäftigen, Bananen am Bodensee ernten oder gleich ganze Kontinente entvölkern, sobald in der tropischen Zone kein menschliches Leben mehr möglich ist, aber selbst mit technischem Fortschritt, wie ihn sich die Schnappatmungsplapperer auf der Kimme kloppen, wird es keinen Weg mehr zurück in eine normale Wirtschaft geben, die Rohstoffe rafft und sich am Erlös mästet.

Der Fachkräftemangel, das Märchen von den Massen, die leider nicht mehr für ein Butterbrot an die Arbeit gehen, ist nur der Auftakt. Spätestens mit dem Wegklappen der systemrelevanten Berufe kann sich dann die vermögende Schicht, die bisher als Investmentbanker die Moneten von Rentnern in die Tonne getreten oder durch Spekulation zuverlässig in den Entwicklungsländern für Hungersnot gesorgt haben, ihre Möbel selbst aus abgesägten Resten der Grünflächen zusammennageln, den Müll abholen und die Klos reparieren. Keiner backt mehr Brot, fährt es in den Supermarkt oder hockt an der Kasse, keiner steht mehr mit der Knarre vor ihrer Tür, um den klimatisierten Bonzenbunker vor Plünderern zu schützen – falls es noch Strom geben sollte, um die Bude halbwegs unter Fiebertemperatur zu halten, denn Windräder bauen sich auch nicht von alleine. Die Magnaten werden nicht mit Marx von der Platte geputzt, sondern durch etwas, das sie schlicht übersehen haben. Als würde eine Gesellschaft nicht an einer Pandemie krepieren, sondern an bockiger Verweigerung, Warnsignale zu beachten. Da ist noch Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIII): Cancel Culture

7 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Erinnerungen an Giovanni Stronzo, den dümmsten Sohn des dümmsten Herzogs von Padua, wurden schon frühzeitig aus den Annalen der Stadt gekratzt. Hatte er auf dem Debütantenball noch mit erheblichem Konsum von Wein und Partydrogen zu protzen versucht – gäbe es die Chroniken noch, das Bild eines sich in alle Richtungen übergebenden Adelssprosses wäre auch nördlich der Alpen weit verbreitet – und sich damit bis Sizilien zum Gespött der Fürstenclans gemacht, griff er auf der Hochzeit seiner Cousine Elisabetta einen Schwippvetter mit dem Käsemesser an, ließ unfreiwillig das Beinkleid sinken und stolperte in das Schaugericht aus drei gebratenen Schwänen auf Bärlauchpasta. Niemand war verwundert, dass ab der Verlobung der schönen Bianca mit Friedrich II. der mittelalterliche Jetset auf die Abwesenheit des kognitiv suboptimierten Kotzbrockens gesteigerten Wert legte. Ab und zu half ein Potentat mit förmlichem Schreiben, nach Taufe, Waffenstillstand sowie überstandener Pest den Dummbeutel nicht bei Hofe zu sehen: „Uns geht’s gut“, stand da, „also bleib, wo Du bist.“ Wie alle obenrum glitschig veranlagten Deppen, so wusste Giovanni, dies habe Methode. Er nannte es Cancel Culture.

Kein Wunder, entspringt der verschwiemelte Verbalmüll ja auch der Blödföhnrotte, die sich aus Prinzip von jeder Art Sittlichkeit fernhalten, sicher aus Sorge, gutes Benehmen könne abfärben. Doch ist die greinende Bezichtigung nicht einfach nur die typische Schuldumkehr, wie sie die angeblich klar denkenden Quer- und Selbstpopler immer dann von sich geben, wenn sie Überdruck am ideologischen Ventil verspüren, es ist brutalstmögliche Ablehnung des Diskurses, in dem eine angeblich schweigende Mehrheit durch eine verschwindend kleine Clique von Boykottbolden existenziell bedroht werde. Einmal öffentlich zur Vergewaltigung aufgerufen, den Holocaust geleugnet, zack! schon bilden sich ein paar Unbeteiligte ein, sie müssten das neue Buch nicht mehr kaufen, was nicht nur Zensur ist, sondern mindestens Berufsverbot und juristisch auf jeden Fall Mord. Natürlich ist diese hassverzerrte Fratze bis in die Spitzen der Staatsmacht vernetzt, droht bei der geringsten moralischen Verfehlung mit Kritik – was bei weimernden Schneeflöckchen noch viel mehr wehtut, als den Schlagstock in den Gesichtsversuch zu bekommen – und lässt sich auch dann nicht foppen, wenn sich das Gejaule der Schuldigen wie durch Zauberhand wieder in Hetze wandelt, wie sie es inhaltlich immer war. Wie ihre Schwester, das humpelnde Wechselbalg Political Correctness, ist Cancel Culture das Eingeständnis, sich im Ton vergriffen zu haben und es für normal zu halten. Die Klötenkönige machen Aufstand, wo ihnen der Anstand fehlt.

Es bedarf keiner Sehhilfe, um zu begreifen, dass es sich auch hier um nichts anderes als die bei rechten Jammerlappen beliebte Opferpose handelt, in die der ganze Heckenpennerverein reflexhaft hineinrutscht, weil an allem, was sie nicht auf die Kette kriegen, grundsätzlich altböse Eliten schuld sind, die der Satan selbst ausgespien hat: Linke, Migranten, Frauen – die Ausgeburten der Hölle und alles, wobei sich die unbeugsame Herrenrasse ad hoc einnässt. Die Flusenlutscher können es nicht vertragen, dass es außerhalb ihrer aus Angst und Selbsthass bestehenden Welt noch etwas geben könnte, das sich nicht von ihrer aus Schmierkäse geschnitzten Präpotenz beeindrucken lässt. Und wie es in einem zerbrechlichen, jederzeit am Faulen der inneren Widersprüche krankenden Weltbild nun einmal notwendig ist, braucht es die Fantasmagorie der bösartigen Verhinderungsarmee, eine fiebrige Einbildung wie Rassenkunde und Umvolkung, ein Popanz aus der Hohlwelt unter der Kalotte.

Wäre der Bettnässer aus Braunau heute auf Achse – präsumtiv mit einer drittklassigen Sendung und Filmchen, die sich selbst für Satire halten und damit ziemlich alleine an der Front hocken – würde er sich über Churchill und Stalin beschweren, wie sie seinen schönen Krieg canceln. Es waren ja auch da höhere Mächte am Werk, die sich eigenmächtig aufgeschwungen haben, aus ihrem subjektiven Urteil heraus eine komplette Neuordnung Europas wegen ihrer unmaßgeblichen Befindlichkeiten zu verhindern. Verrat! Immerhin machen die feucht-völkischen Schwurbelgurken es heute professionell und mit reichlich medialer Unterstützung, indem sie zurückrudern und sofort den Schuldumkehrschalter betätigen. So sehen Helden aus, standhaft wie Quark.

Es scheint sich alles nur um Missverständnisse zu handeln, aus denen ein schwärender Konflikt entsteht. Das Missverständnis, Meinungsfreiheit umfasse das Recht, auf seinen geistigen Sondermüll jede Antwort zu unterbinden; das Missverständnis, man dürfe jeden anpöbeln, ohne mit Konsequenzen konfrontiert zu werden; das Missverständnis, es sei Zensur, wenn einen irgendjemand nicht mehr sehen kann; das Missverständnis, man könne den Diskurs gleichzeitig fordern und zerstören. Und natürlich das Missverständnis, man sei auch als dummes Arschloch auf jedem Fest willkommen. Abgesehen von seinen Freunden, den dummen Arschlöchern.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVIII): Gesundheitswahn

7 04 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Endlich eitriger Ausschlag! Tagelang sah es nur nach einer leichten Magenverstimmung aus, die Rückenbeschwerden waren bedauerlicherweise schon nach kurzer Dauer abgeklungen – dass sie nur vom stundenlangen Stehen kamen, ist bisher sowieso ungeklärt – und der Drehschwindel wollte sich einfach nicht mehr einstellen. Es müssen die verdammten Karotten gewesen sein, die es bis vor wenigen Millionen Jahren ja auch noch nicht gab. Endlich ein Grund, auf Nuss und Nudel zu verzichten, endlich Kasteiung, kalte Sitzbäder und Rutschen auf rohen Erbsen! Kniebeugen mit Essig und Luftanhalten bei vollem Hohnausgleich! Nur eins macht glücklich, der Gesundheitswahn!

Kaum beißt dem gemeinen Europäer die Erkenntnis ins Bein, dass der Aufenthalt auf diesem zweifelhaften Rotationskörper von kurzer Dauer ist und bestenfalls im ersten Drittel ohne die lästigen Degenerationserscheinungen der geistigen Reife abgeht, schon eskaliert er in alle Richtungen. Nur gesund will er sein, vielleicht innerlich deformiert, psychisch am Rande der Auflösung, verarmt von Scharlatanerie, auf dem Jahrmarkt der Quacksalber verschollen, bloß: gesund. Wenigstens so, dass er sich für gesund hielte.

Aber was heißt das schon. Der in Peru vereinzelt vorkommende rote Rübenwurm, dem man hinter vorgehaltener Hand eine Mitschuld am eruptiven Nachtschweiß gibt, muss in badischen Bäckerblättchen breitestmöglich als Gefahr für das teutonische Abendland ausgerufen werden. Erst jetzt erkennt die züchtig waltende Hausfrau, dass die je um je sommers wie auch winters grippoid die Schleimhaut verschwiemelnde Angelegenheit in Wahrheit aus Mangel an gestampften Sojakeimen rührt, was jeder weiß, der schon einmal im Anflug der Erkältung gestanden haben mag. Zack, schon pfropft eine Anzeigenindustrie ohne Furcht noch Adel ihnen Postwurf in die Pupille, die Message Iss Cola, trink Popcorn aufzusaugen, und dann keimt der Schmadder. Das glitschige Konglomerat aus Stolz und Vorurteil greift zu allerhand Hausmittelchen, schwört Gluten und Baumwollhosen ab und vertraut nach dem straffen Heilbaden auf Schrumpelhaut als untrügliches Anzeichen des plötzlichen Herztodes.

Schwierig wird’s, wenn Nachbarn, Freunde oder verbliebene Familienmitglieder den Bescheuerten beim Verzehr roher Gurke sehen, beim Stehen auf dem falschen Bein, Duschen mit zu kaltem, mit zu warmem Wasser, Wasser überhaupt, Duschen an sich, Körperpflege im Allgemeinen, Äußerungen des organischen Lebens im weiteren Sinne. Da hat früher der Russe die Finger im Spiel gehabt, jetzt sind es Mainstream und Medien, die falschen natürlich, und die Pharmalobby, die mit boshafter Einflüsterung dem Todgeweihten zu verstehen gibt, er sei im Wahrheit gar nicht magersüchtig (habe keinen Krebs, sei nicht schizophren), obwohl er pro Tag einen Kubikliter Chemtrails einatmet (Pestizide per Fruchtfliegen schluckt, Kontaktgifte mit der Apfelschale inkorporiert). Gegen diese böswillige Verkürzung höchst komplexer Zusammenhänge arbeitet ein konzertiertes Hysteriemarketing an mit der generalstabsmäßig für die Marketingschlacht eingedosten Placeboschwemme, die dem Deppen eine Vorstellung von den mittleren Höllenkreisen gibt, in denen das Verbot von Kohlehydraten und Zucker gar nicht mehr diskutiert wird. Sie verfallen in pseudoreligiöse Raserei, brägenbewölkt und im Kern des Wesens erleuchtungsfähig wie Teerpappe.

Denn nichts anderes ist die Kulturideologie für Dumpftüten, die für eine vernünftige Psychose nicht genug Vorbildung besitzen. Sie wollen ihre eigene Endlichkeit jenseits jeglichen Verfalls in die Transzendenz wuppen, koste es, was es wolle, auch und vorwiegend unter komplett bescheuerten Umgebungsvariablen einschließlich einer Askese, die die Restbestände des vegetativen Handelns für intellektuell zurechnungsfähige Dritte nicht mehr wie Leben aussehen lässt. Das Kreisen im denkfreien Raum macht vorsichtshalber alles zur Krankheit, damit spirituelle Ausfallerscheinungen es wieder ausgleichen können – Heilung to go, Jesus muss sich angesichts der komplett verseiften Pauschalpropheten vorkommen wie ein Gesundbeter aus dem Anzeigenblättchen. Hätte er wenigstens schon Wein in Milchzuckerkügelchen verwandelt, die Nummer wäre in die Geschichte eingegangen. Ja, die Lage ist aussichtslos, aber immer noch nicht ernst genug. Schauen wir den Kranken zu, wie sie joggen, auf Mehl verzichten, Bäume rechtsdrehend umarmen und lösungsmittelfrei gebatikte Tapeten an die Wand vom Meditations- und Bügelzimmer tackern. (Leim ist halt nicht vegan.) Irgendwann sind sie derart mies überdosiert, dass sie sich schon wieder gesund fühlen. Und dann plötzlich sterben sie. Alle. Was ist das für eine Welt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXI): Die konservative Chimäre

3 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gespenster gehen genug um, meistens sieht man schnell, aus welchem Holz sie geschnitzt sind – bis auf den Faschismus, der Stoffwechselergebnisse aufbraucht – und bezieht entsprechend Stellung. Der Sozialismus sagt, der Mensch braucht keine Bananen. Der Anarchismus erlaubt Bananen, nur nicht ihre alleinige Nutzung. Der Liberalismus ist nicht gegen Bananen, Arbeiter dürfen sie anbauen, ernten, verschiffen und käuflich erwerben, essen jedoch nur ein paar korrupte Klötenkönige. Die nur noch selten auftretende Mische aus Katholiban und Evangelikazis verteufelt die Banane, da sie nicht in der Bibel auftaucht, gesteht sie aber ein paar sehr Gläubigen zu, für die Gesetze sowieso nicht gelten. Nur der Konservative steht alleine im Bananenhain, weiß alles, kann aber nichts erklären, und ist fein raus. Seine Politik steht für alles, aber auch für gar nichts, und genau das macht er seinen Anhängern klar. Seine Ideologie ist die konservative Chimäre.

Denn Konservatismus ist politische Ideologie ohne Programm, Philosophie oder Perspektive. Die Anhänger dieser Bewegung wollen alles, nur keine Bewegung. Zwar wissen sie, dass die Zeit noch nie für sie gearbeitet hat, aber genau deshalb wollen sie zurück, um keine positiven Utopien entwerfen zu müssen. Sie vermeiden strategische Ziele, und sie tun es nicht ohne Bedacht: je mehr ihnen aus reiner Konzeptionslosigkeit die Welt aus den Fingern gleitet, weil der Wirklichkeit Parteikarrieren wumpe sind, desto hektischer gerät das entschiedene Durchgreifen zum reinen Aktionismus hampelnder Marionetten, die erst in totaler Panik wieder zur alten Überzeugung finden, dass Angststillstand in Krisensituationen noch immer am besten ist.

Abgesehen von Rechts und Links geht dabei der Gesellschaftsentwurf nicht weiter, man kann ihn nur noch in die graue Vorzeit zurückkatapultieren. Darum ist inzwischen auch der Rechtspopulismus so attraktiv – man hasst seine Vergangenheit vorwiegend wegen ihrer unangenehmen Symptome, aber immerhin kennt man sie – und nicht der linke, den man für Abklatsch hält, nachdem sich die sozialdemokratische Idee erfolgreich suizidiert hat. So wird konservative Anschauung, die auf Welt größtenteils verzichtet, zur reinen Politik, die für ihre Selbstbespiegelung keine Menschen nötig hat, sondern nur einen Staat, der dem kollektiv in tiefes Selbstmitleid gesunkenen Kompetenzimitat eine aus keimfreien Zutaten hastig zusammengenagelte Ersatzreligion bietet: Du bist nichts, dies Ding ist alles. Genau so regiert das auch.

Amüsanter als alles andere ist die konservative Einsicht, die menschliche Vernunft sei beschränkt und könne ohne die Vorsehung einer um die Sonne kreisenden Teekanne, zu klein, um sie jemals zu entdecken, nie die unbewusste Weisheit der Ahnen begreifen, und die Empirie gibt ihnen recht: sie bemerken es als Letzte, dass sie eine Gesellschaft in die Scheiße geritten haben, und immunisieren sich wirksam gegen jede Verantwortung. Immerhin sind sie klug genug, sich selbst für dumm zu halten, und leiten aus der Erkenntnis den Anspruch ab, klüger zu sein als alle anderen. Mal ehrlich, was soll da schon schiefgehen.

Daraus entsteht die geradezu groteske Dialektik von geradezu religiöser Wissenschaftsfeindlichkeit und hysterischem Fortschrittsglauben, der an den Rändern gerne in tobsüchtiges Nachgeplapper von Zauberformeln eskaliert, die ihnen Wirtschafts- und andere Pseudoforscher hinterlassen. Alles geht, der Mensch wird schon irgendwann zur Sonne fliegen, fleißiges Beten schafft Arbeitsplätze, und dass der Neger in Europa nichts zu suchen hat, ist durch ein Bauchgefühl hinreichend legitimiert. Die in diesem Milieu siedelnden Parallelexistenzen lehnen alles ab, vorrangig aber das Fremde, Andersartige, kurz: das, was seit Jahren bis Jahrzehnten eine Mehrheit als Normalität ansieht. Sie verachten nur nicht ihresgleichen, denn das wäre egalitär, widerspräche ihrem im Mittelalter fein auf Flaschen gezogenen Klassismus und ließe sich nicht mehr mit den alten Etiketten als Vielfalt des historisch Gewachsenen verkaufen. Wenn es schon immer so war, muss es auch immer so bleiben.

Der Konservatismus will zurück zur Natur, am liebsten in atomgetriebenen Dampfwalzen, und hat bisher immer sein Möglichstes getan, um sich in den Paradoxa seiner eigenen Motivation gründlich zu verheddern. Wo immer der Mensch die Zukunft nicht überblicken kann, gerät er in Sorge, und was triebe das geistig ungesegnete Proletariat besser in die Angst, als sie zu beschwören. Der autoritäre Charakter, den er so schätzt, funktioniert nicht mit Toleranzen, die es erst seit Jahrzehnten gibt, und so erschließt sich, dass der Konservatismus an einer Neurose leidet, die er mit möglichst vielen teilen will – kein Wunder, Feiglinge kommen in einem dunklen Keller selten alleine zurecht. Ursprünglich waren Naturschutz, ein christliches Menschenbild und Verfassungstreue in Verdacht, als konservative Werte durchzugehen, aber längst wird man dafür als linker Vogel bespieen. Denn man will ja damit der normativen Wirklichkeit mit Widerstand begegnen, und wogegen lohnt sich Widerstand mehr? Gut, die Schwerkraft. Aber wäre das mehrheitsfähig?





Mut zur Wahrheit

20 06 2016

„Wie lange sind Sie da schon Mitglied?“ „Gut zwei Jahre. Aber gemerkt habe ich es recht schnell, dass da etwas nicht stimmen kann.“ „Schön. Und Sie haben sich entschlossen, den Ausstieg zu wagen?“ „Ja, ich kann nicht mehr. Mein Leben ist völlig im Arsch, das geht so nicht weiter.“

„Sie haben sicher am Anfang das Gefühl gehabt, dass Sie endlich eine Orientierung finden.“ „Genau, ich hatte endlich wieder den Durchblick – diese ganzen Zusammenhänge, man macht sich das ja gar nicht klar, wie man bisher gelebt hat.“ „Und Sie haben ein ganz neues Denkmodell bekommen.“ „Ja, das war so eine Art, wie soll ich es nennen…“ „Wie Sie wollen. Hier gibt es keine Denkverbote.“ „… eine Art Erlösung, weil plötzlich alles stimmte. Das war ganz wichtig für die Ausrichtung im Alltag, man musste da ja immer wissen: die anderen sind alle gegen uns. Die wollen uns zerstören.“ „Hm, verstehe. Und Sie sind dann aus ihrem bisherigen Umfeld herausgelöst worden?“ „Ganz massiv. Das ging aber von ganz alleine, denn ich habe von Anfang an eine Entfremdung gespürt – ich habe denen gar nicht mehr zugerhört, weil ich ja wusste, nur ich habe recht.“ „Hm.“ „Und dann waren da zwei ganz und gar getrennte Welten, wir und die. Und dann wurde uns immer klarer, auch wenn man es nicht so merkt, dass die uns bekämpfen wollen, wir müssen die fertigmachen. Die schaden uns.“ „Hm.“ „Und das machte dann natürlich einen großen Teil des Denkens aus.“

„Sie haben ein ganz neues Gesellschaftsmodell bekommen.“ „Uns wurde mit sehr vielen Klischees beigebracht, wie wir sie zu hassen haben, damit wir als Gruppe an Ende den Sieg davontragen würden.“ „Also eine Ideologie der Überlegenheit.“ „Genau, gleichzeitig wurde uns immer wieder gesagt, dass wir die Bewahrer der einzig richtigen Werte seien, die die anderen nur missbrauchen würden.“ „Wie hat man es begründet?“ „Sie haben sich immer neue Geschichten ausgedacht, wie die Bösen mit ihren Lügen die Welt ruinieren würden.“ „Sie sagen, die hätten es sich ausgedacht?“ „Meistens handelte es sich nur um Halbwahrheiten, Übertreibung, um Mythen, oft um bewusste Irreführung.“ „Von Ihnen wurde aber erwartet, dass Sie das glauben?“ „Ja, und wir galten dann in der Ideologie als Mutige, die gegen die Herrschaft der Lüge ankämpfen.“

„Wie sah Ihre Gruppe Wissenschaft?“ „Es gab da zwei Grundprämissen. Nach der einen waren die Voraussetzungen für Wissenschaft immer von der fremden Ideologie gesteuert.“ „Und die zweite?“ „Wir waren der Ansicht, dass jeder Wissenschaftler irgendwie auch zur Wissenschaft gekommen sei, weil er Teil eines vom Teufel behafteten Systems ist. Sonst würde er ja die Wahrheit suchen und nicht so eine abstrakte Sache wie Wissen.“ „Interessant.“

„Das Wichtigste war aber, dass die Ideologie nicht mehr zur Wirklichkeit passte.“ „Sie haben da eine gewisse Inkonsequenz festgestellt?“ „Es war nicht so auffällig am Anfang, aber dann habe ich gemerkt, dass wirtschaftliche Zusammenhänge sehr wichtig waren für die Organisation.“ „Sie hatten das Gefühl, dass Sie auf Lügen stießen?“ „Vor allem auf Manipulation, und zwar auf solche, bei denen sich der Führungszirkel an Geldern bediente, die eigentlich für ganz andere Zwecke gedacht waren. Das fand ich bedenklich.“ „Sie haben dies natürlich kritisiert.“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil Kritik immer und überall und mit der maximalen Schärfe geäußert werden sollte, oft beleidigend, vor Bedrohung haben diese Zirkel auch nicht Halt gemacht, aber eben nur nach außen.“ „Wie ging das mit dem Gebot der Wahrhaftigkeit zusammen, das Sie als…“ „Gar nicht. Und deshalb kamen auch die existenziellen Zweifel, die mich zum Entschluss gebracht haben, dieses Kapitel meines Lebens so schnell wie möglich abzuschließen.“

„Die Gruppe hat auch in Ihr persönliches Leben eingegriffen?“ „Oft, ja.“ „Man hat Ihnen befohlen, mit welchen Menschen Sie Umgang haben dürfen.“ „Nicht offiziell, aber jeder Kontakt außerhalb der inoffiziellen Norm wurde sofort sanktioniert, und es wurde auch stets darauf geachtet, dass die anderen nicht zu diesem Umgang geeignet waren.“ „Als überindividuelle Gruppe?“ „Ja.“ „Wurden Ihnen Vorschriften gemacht, wie Sie im Familienleben zu handeln hätten?“ „Ja.“ „Bis weit in Ihr Sexualleben hinein, richtig?“ „Ja.“ „Und das wurde immer mit dem moralischen Überbau getan, an den sich die anderen außerhalb der Gruppe nicht halten würden, richtig?“ „Richtig.“ „Das wurde instrumentalisiert als Druckmittel, um Mitglieder der Gruppe zu konformem Verhalten zu bewegen.“ „Während die Führungszirkel diesen moralischen Ansprüchen nicht nur nicht entsprochen, sondern sie auch mit Absicht gebrochen haben, um dem Fußvolk zu demonstrieren, dass sie über jeden Anspruch erhaben sind.“ „Ja. Eigentlich immer. Ja.“

„Und Sie könnten sich ein Leben außerhalb der Gruppe wieder vorstellen?“ „Ich bin natürlich sehr enttäuscht, aber ich habe auch die Hoffnung, dass mich mein soziales Umfeld wieder annimmt, wie ich vorher gewesen war.“ „Ängste?“ „Ich habe mehr als einmal erlebt, dass man Aussteiger mit dem Tode bedroht hat, und man hat sie natürlich pauschal als Lügner abgestempelt, weil sie ja jetzt bei der Gegenseite waren. Aber es ist besser so, glauben Sie mir.“ „Haben Sie denn noch Kontakte außerhalb der Sekte?“ „Wieso Sekte? Ich war in der AfD!“





Restschutzmittel

2 07 2014

„Oder doch irgendwie liberal und so?“ „Das macht mich jetzt aber echt betroffen, Du.“ „Leute, könntet Ihr vielleicht freundlicherweise mal kurz das Ziel vor Augen behalten?“ „Erneuern, oder?“ „Ja, aber die liberale Marke!“ „Ach so.“ „Hm.“ „Und ich dachte schon, die FDP.“ „Oder uns.“ „Oder so.“

„Es gibt keine Denkverbote, Ihr müsst einfach nur…“ „Was müssen wir?“ „Und wieso eigentlich: müssen?“ „Pff.“ „Sollen wir uns jetzt erneuern oder nicht?“ „Wir brauchen einen neuen Markennamen, das ist nach der letzten Bundestagswahl doch wohl klar ersichtlich.“ „So klar ist das gar nicht.“ „Was wir bräuchten, wäre ein neuer Markenkern.“ „Und eine neue Markendefinition.“ „Oder überhaupt mal die Frage, warum wir uns überhaupt als Marke aufstellen müssen, wenn wir noch nicht einmal einen einzigen Inhalt haben.“ „Soll ich Euch alle an die frische Luft setzen!?“ „Typisch.“ „Die übliche Tour, die Parteiführung besteht aus nach oben durchgereichten Versagern, und wir dürfen deren bekloppte Ideen zur Weltrettung umsetzen.“ „Habt Ihr schon Westerwelle gefragt?“ „Nee, der war ja schwer damit beschäftigt, ein paar Hundert Presseleute einzuladen und ihnen mitzuteilen, dass sie seine Angelegenheiten nichts angehen.“ „Der Markenkern der FDP, würde ich sagen.“

„Wie hieß noch mal dieser Profilneurotiker mit der Polyesterfrise?“ „Berlusconi?“ „Nee, Lindner.“ „Richtig. Der wollte vernünftige Wirtschaftspolitik in der deutschen…“ „Dann sollte er seinen Laden nicht umbenennen, sondern abwickeln.“ „Oder an die Grünen verkaufen.“ „Das macht mich aber total betroffen jetzt.“ „Nicht ernst nehmen. Vorsitzende kommen, Vorsitzende gehen. Solange sie Niebel noch nicht aus dem Bombenkrater gekratzt haben.“ „Bitte! Wir brauchen einen…“ „Den hätten wir schon vor Jahrzehnten gebraucht, aber dann kam leider der Falsche.“

„Irgendwas mit Politik.“ „Klingt nicht schlecht, ist aber zu sperrig.“ „Finde ich auch.“ „Moment, das war jetzt nicht als…“ „Wobei das mit der Politik ja eher Nebenkriegsschauplatz war.“ „Die sind auch eher für irgendwas mit Politikern zu gebrauchen.“ „Irgendwas mit Wirtschaft?“ „Jedenfalls nichts mit Menschen.“ „Wir sollten uns vielleicht auf die Kernkompetenzen der…“ „Irgendwas mit Propaganda.“ „Das tendiert ja sogar wieder in Richtung Markenbewusstsein, sehr gut!“ „Klasse!“ „Hauptsache, wir haben endlich dieses blöde D draußen.“ „Deutschland?“ „Wieso Deutschland?“ „Weil Deutschland in dieser Partei keine… nee, Moment mal.“ „Ist doch besser andersrum.“ „Dass die Partei nicht mehr in Deutschland ist?“

„Wie wär’s mit Konzertierte Lobbyisten Organisation?“ „Korrupt?“ „Geht auch.“ „Merkt man ja kaum.“ „Vor allem die Abkürzung ist gut.“ „Genau!“ „Da weiß man auf dem Wahlzettel wenigstens sofort, wo man seine Stimme rein schmeißt.“

„Leute, es geht nicht darum, dass Ihr das Rad neu erfindet.“ „Das wäre ja noch verhältnismäßig leicht.“ „Und ausnahmsweise mal eine sinnvolle Aufgabe für die Zukunft.“ „Wir müssen…“ „Wir?“ „Er meint uns.“ „Also einer schwingt die Reden und die anderen baden es aus.“ „Typisch.“ „Nein, ich meine nur, dass wir…“ „Die Partei braucht einen neuen Anstrich.“ „Bei dem Zustand auch nicht verwunderlich.“ „Eine Art Rostschutzmittel.“ „Hier wohl eher Restschutzmittel.“ „Wie ist das mit Mövenpick?“ „Wollen wir jetzt als Discounter-Ware auftreten?“ „Nein, aber dann hätten wir wenigstens mal eine Dachmarke mit renommiertem Namen.“ „Stimmt.“ „Hatten wir ja länger nicht.“

„Und wenn man das ganzen Personal…“ „Statt der Namensänderung?“ „Er meint bestimmt zusätzlich.“ „Dann wär’s ja überhaupt nicht mehr die FDP.“ „Also Mission erfüllt.“ „Warum sollen wir das eigentlich machen?“ „Wüsste ich auch gerne.“ „Na, wir wollen glaubwürdig bleiben.“ „Also ist eine Partei dann besonders glaubwürdig, wenn sie ihren Namen wegschmeißt?“ „Wohl eher dann, wenn sie ihre Herkunft verleugnet.“ „Diese Kritik an den Linken ist durchaus…“ „Wissen wir, macht es aber nicht besser.“ „Oder hat die Partei jetzt vor, den Linken alles nachzumachen?“ „Ja, aber viel erfolgreicher.“ „Na dann Prost.“

„So, keine Müdigkeit vorschützen! Liberal! Eine neue Marke in der Parteienlandschaft!“ „Und das sollen wir jetzt auf die Schneller erledigen?“ „Bis zur nächsten Bundestagswahl ist ja nicht mehr viel Zeit.“ „Bis zur nächsten Bundestagswahl ist auch nicht mehr viel Luft.“ „Nach oben schon.“ „Und wenn wir dann auch scheitern?“ „Dann sind wenigstens zwei Namen verbrannt.“ „Klingt auch nicht besser.“ „Ist es auch nicht.“ „Was darf das überhaupt kosten?“ „Frag lieber, was das wen kosten wird.“ „Den Vorstand sicherlich nichts.“ „Und was haben wir für Mittel?“ „Nicht viel.“ „Also irgendwas Junges.“ „Möglichst preiswert.“ „Und hip.“ „Oder so.“ „Ich glaube, ich hab da was.“ „Und das wäre?“ „Moment noch. – Hallo, Ikea? Ich hätte gerne den Mitarbeiter gesprochen, der die Klappstühle benennt.“