Burkenstaat

9 01 2018

„Das hätten wir uns ja denken können. Jetzt machen wir endlich was für Frauen, dann passt es ihnen auch wieder nicht. Ich sage Ihnen mal was: das ist politisch gewollt. Die sind gegen uns, egal, was wir hier tun.

Sie wissen genau, dass der Verfassungsschutz – der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz übrigens, Sie wissen schon – uns beobachtet, sagt doch einiges. Der war sonst für große Sensibilität gegenüber Gesetzesbrüchen nicht zu haben, nicht mal dann, wenn er sie nicht selbst begehen musste. Und wenn die hier eine Parallelgesellschaft sehen, dann kann ich denen auch nicht helfen. Wir halten uns geradezu vorbildlich an die Empfehlungen, die von der Politik gegeben werden, wie man sich in eine pluralistische Gesellschaft integriert, in der unerwünschte Tendenzen sofort vom Gesetzgeber sanktioniert werden. Die Frauen sollen zu Hause bleiben, sich wieder mehr um die Kinder kümmern, ihnen eine durchaus wertkonservative, religiös fundierte Erziehung angedeihen lassen, die richtige wirtschaftliche Vertretung ist doch sowieso dem Mann vorbehalten, und wenn man sich schon in der Öffentlichkeit bewegen muss, dann doch bitte nur unter seinesgleichen. Und das soll für Salafistinnen jetzt plötzlich nicht mehr gelten?

Ja, das finden Sie skandalös. Aber seit wann bestimmt Bayern über die deutsche Sozialpolitik? Die dürfen in jeder Schule ihr Kreuz aufhängen und das Grundgesetz verhöhnen, das finden wir skandalös.

Wir sorgen ja wenigstens dafür, dass in den Kitas keine kleinen Araber mehr herumspielen, mit denen die obere Mittelschicht soziologisch total überfordert wäre. Findet auch keiner gut. Und wir als Landfrauenverband aus dem Nahen Osten bleiben wenigstens unter uns und gehen nicht in irgendwelche Moscheevereine, die ein komplett durchgeknallter Innenminister für die Nachrichten zusperren muss. Dankt einem natürlich niemand. Sie brauchen überhaupt keine Rücksicht auf uns zu nehmen, wir kommen schon ganz gut alleine klar.

Gut, mit einer Ausnahme. Wenn sich der eine oder andere eventuell richtig radikalisiert, dann kann es schon mal zu Problemen kommen. Ab und zu kriegt dann eine der ideologisch nicht gefestigten Muttis kalte Füße, schlägt beim Verfassungsschutz auf, und da passiert dann genau was? Richtig. Die Haben ja keine Zeit mehr, weil sie überall in den Moscheen Attentäter aufspüren müssen. Und mit Waffen ausrüsten. Und mit Lastern.

Was übrigens die Netzwerkfähigkeit dieser Frauen angeht, kann sich das Familien- und gerne auch das Wirtschaftsministerium mal eine Scheibe abschneiden. Bei derart miserabler Digitalisierung, wie wir sie im Vergleich zu anderen EU-Staaten haben, wird man halt erfinderisch und nutzt alle vorhandenen Möglichkeiten auf eine ganz neue, kreative Art. Da hätte die Regierung schon mal eine Chance, mit ordentlicher technischer Ausstattung würden die ganzen Mutti vor Netflix hocken, aber nicht überm Koran. Tolle Leistung, aber das lag ja sicher daran, dass ein Bayer beteiligt war.

Und ansonsten haben wir das volle Programm. Salafistisches Kochen – letzte Woche waren die Lieblingsrezepte des Propheten dran – und radikale Erziehungsmethoden, Scharia für Anfänger und Fortgeschrittene, Missionstheorie, alles. Wir bauen uns hier einen eigenen Burkenstaat auf. Weil Sie das verpennen. Aber okay, ist ja nicht unsere Integration. Sie wollten das so.

Immerhin waren Sie ja so freundlich, uns in den Bürgerkrieg zurückzuschicken. Da fühlt man sich gleich viel mehr in der Demokratie angekommen, was westliche Werte angeht oder Ihr Verständnis von politischer Verantwortung. Ich gehe mal davon aus, dass Sie das nicht nur als Kollateralschaden sehen, sondern von langer Hand geplant haben, weil Sie Ihre Überwachungsfantasien ohne unseren Terrorismus gar nicht verwirklichen könnten, oder? Den Rest machen dann die Flüchtlingslager. Wenn man das mehrere Monate miterlebt hat und dann hier empfangen wird wie der letzte Dreck, weil man möglicherweise verhindert, dass er zukünftige Ex-Außenminister seinen Aufsichtsratsposten beim Waffenhersteller antreten kann, dann ist das mit der Radikalisierung eigentlich nur noch eine Frage der Zeit. Da müssen Sie nicht mehr viel machen, das läuft wie am Schnürchen. Und es bleibt ja alles in der Familie. Wie wollen Sie denn da reinkommen mit Ihren Verfassungsschützern, hm? die Frau mit dem Schnurrbart ist Tante Mustafa aus Inschallalah, oder wie hatten Sie sich das gedacht?

So, ich muss mich jetzt ein bisschen kurz fassen, gleich ist Schießunterricht – wir haben uns entschieden, das erst ab dem zehnten Lebensjahr anzubieten, vorher ist die Treffsicherheit einfach noch zu gering – und dann habe ich noch ein religionswissenschaftliches Kolloquium. Das muss ich aber sagen, das haben uns die Bayern nicht empfohlen. Bis bei denen mal eine Erzbischöfin wird oder auch nur Pfarrerin, das dauert ewig, und so lange können wir mit der Integration nicht mehr warten.“

Advertisements




Missionsarbeit

9 09 2014

„… könne nicht bestätigen, dass die in Bochum auftretenden christlichen Ordnungskräfte einen negativen Einfluss auf das jugendliche…“

„… ebenfalls zahlreiche Strafanzeigen wegen Amtsanmaßung und Nötigung erstattet worden seien. Es sei jedoch zu keinem Ermittlungsverfahren gekommen, da die selbst ernannte Bibel-Polizei keine ordnungsrechtlichen Befugnisse gehabt und somit auch keine wirksamen…“

„… wolle sich das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt nicht zu der Sache äußern, solange nicht festgestellt worden sei, ob es sich um evangelisch-lutherische, römisch-katholische oder freikirchliche…“

„… stehe es natürlich in Deutschland jeder Glaubensgemeinschaft frei, die Mittel ihrer Missionsarbeit selbst zu wählen, was in diesem Fall auch tatsächlich…“

„… einerseits zum Fegefeuer, andererseits zu ewiger Gottesferne verdammt sei. Kardinal Woelki moniere diese theologisch inakzeptablen Widersprüche und verlange vor jeder kirchenrechtlichen Beurteilung zunächst eine klare Aussage über die Lehrinhalte der…“

„… weit von sich gewiesen habe. Faktisch existiere keine christlich-fundamentalistische Paralleljustiz, abgesehen von Paderborn habe es auch nie einen solchen…“

„… keinerlei Beanstandungen seitens des EKD- Ratsvorsitzenden gebe. Die Äußerungen gegenüber den Passanten seien nachprüfbar gemäß der Bibel, größtenteils wörtlich zitiert nach der Lutherübersetzung in der revidierten Fassung von 1984, was ganz im Sinne der…“

„… nicht vorschnell Kritik zu üben. Die Deutsche Bischofskonferenz empfehle zuvor eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Inhalten der Wächtertruppe, um sich konstruktiv mit den…“

„… dass das Absingen ausländischer Lieder wie Happy Birthday zwar nicht unmittelbar zur Verdammnis bis ins siebte Glied führe. Dennoch sei es ein durchaus bedenkenswerter Ansatz, auch auf diese Art für mehr Toleranz und Hinwendung zum deutschen geistlichen Liedgut…“

„… könne behördlicherseits keine strafbare Handlung festgestellt werden. Es sei auch für Laien klar erkennbar, dass die Warnwesten der christlichen Ordnungshüter nicht in der vorgeschriebenen liturgischen Farbe gehalten seien, so dass man nicht von einer bewussten Täuschungsabsicht der…“

„… den populären Slogan Maria statt Scharia durchaus benützen dürfe. Dieser stelle keine einseitige Hinwendung zum Katholizismus dar, sondern sei als religiöses Angebot zur Inklusion aller…“

„… dass der Verfassungsschutz sich für befangen erklärt habe. Da das Grundgesetz einen Gottesbezug habe, dürfe eine christliche Miliz nicht nach den üblichen Maßstäben für…“

„… sich Kauder und von der Leyen darin einig seien, dass die Bibel-Polizei ein mutiges Signal für den Rechtsstaat bedeute. Damit werde der demokratisch gesinnten Öffentlichkeit vermittelt, dass jede Glaubensgemeinschaft ein Recht habe, sich mit ihren eigenen Thesen der…“

„… erstens nicht geklärt, ob es sich tatsächlich um eine Zwangstaufe gehandelt habe, die in der…“

„… beispielsweise die Wiedereinführung der Todesstrafe für Ehebrecherinnen gefordert habe. De Maizière habe jedoch auch hier erklärt, dass es sich natürlich um einen symbolischen Anspruch auf alttestamentarische Bestrafung gehandelt habe, der im Rahmen der freien Meinungsäußerung ganz und gar…“

„… und zweitens berechtigterweise empört sei, wenn auf ein heiliges Sakrament mit derart ablehnenden…“

„… es sehr begrüße, wenn sich die Bibelwächter für ein Verbot von Alkohol und Tabakwaren einsetze. Dies sei ein sittliches Unterfangen, das dem guten Namen der deutschen Polizei durchaus zur Ehre…“

„… sei es eine populistisch verkürzte Ansicht, die Bibel-Polizei für religiösen Fanatismus verantwortlich zu machen. Eine Religion selbst sei nie schuld an der fundamentalistischen Auslegung, sie könne auch nie für verfassungsfeindliche Ansichten herangezogen werden, die in ihrem Namen…“

„… die vermeintlich andersgläubigen Personen mit dem Foliensticker ‚Ich bin eine Missgeburt Satans‘ zu versehen, da der dazu verwendete Sekundenkleber nur schwer aus dem Gesicht…“

„… biete die Aktion nach Ansicht des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg auch eine wichtige identitätsstiftende Aufgabe für die Gesellschaft. In Zeiten, in denen durch den erodierenden Glauben an Staat und Kirche gefährliche Ansichten von Freiheit entstünden, könne eine Bibel-Polizei labilen jungen Menschen wieder einen echten Halt…“

„… nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nicht um eine tätliche Beleidigung gehandelt habe, da nach gängiger Rechtsauffassung Satan keine real existierende Person sei, was also nichts im…“

„… dass die deutsche Wirtschaft das generelle Verbot von Ladenöffnungen an Sonn- und Feiertagen als Kriegserklärung verstehe. Merkel habe den Einsatz der GSG 9 trotz seiner überraschenden Brutalität als angemessenes Mittel gebilligt, um auch weiterhin für alle Bürgerinnen und Bürger in der Bundesrepublik die…“





Zur Sicherheit

29 06 2009

Er knöpfte sehr sorgfältig sein Jackett auf, bevor er hinter dem Schreibtisch Platz nahm. Die Sonne war schon weit gestiegen, Malloukh saß seit Stunden im Vorzimmer, als al-Abbassi ihn endlich hineinbat. Mit gewinnender Geste hieß er den jungen Anwalt Platz nehmen. Die Luft war stickig. Staub tanzte vor den Scheiben, die auf den Innenhof gingen.

„Ich habe mir die Akte noch einmal kommen lassen“, begann der Sekretär das Gespräch, „aber es gibt für mich keinen Grund, Ihren Mandanten freizulassen. Es entspricht nicht der Gesetzeslage.“ Malloukh sackte unmerklich in sich zusammen. „Das sagen Sie mir, wo ich seit Wochen immer wieder darauf hinweise, dass er suizidgefährdet ist? Haben Sie nicht gehört, was sein Bruder getan hat?“ „Oh doch, das ist es ja. Wie können wir einen Mann freilassen, dessen Bruder versucht hat, sich an seinem Gürtel aufzuhängen. Am Ende begeht Ihr Mandant wirklich Selbstmord – nein, das kann sich unser Land derzeit nicht erlauben. Denken Sie an die Presse. Es geht nicht.“ Und er spitzte die Hände vor der Brust, als wolle er den jungen Juristen aus dem Weg schießen.

„Stellweger ist unschuldig. Was werfen Sie ihm vor? Die Ermittlungen haben ergeben, dass Sie ihm nichts vorwerfen können. Warum halten Sie ihn im Internierungslager…“ „Es gibt keine Internierungs- und keine Straflager“, schnitt ihm der Beamte das Wort ab, „merken Sie sich das endlich! Er ist Gast unseres Landes. Wenngleich ich zugeben muss, dass wir ihn lieber früher als später loswerden wollen.“ „Sein Verbrechen ist also, dass er noch kein Verbrechen begangen hat!“ Malloukh hatte sich in Rage geredet. Mit zitternden Fingern hob er das Teeglas an. „Sein Verbrechen, wie Sie es zu nennen belieben, ist die Tatsache, dass er deutscher Staatsbürger ist und in dieser Hinsicht zu fast allem fähig.“ Kalt wie ein Fallbeil sah al-Abbassi ihn an. „Er zeigt alle Anzeichen eines Gefährders. Wir können uns kein Sicherheitsrisiko leisten. Noch dazu ein halbes Jahr vor den Parlamentswahlen.“

Malloukh blätterte die Akte durch. Sie hatten Stellweger den Telefonanschluss abgeklemmt, damit er sich nicht am Kabel erhängen könne; dann hatte man seine Internetverbindung gekappt, ihm das Mobiltelefon weggenommen, schließlich hatten sie die ganze Wohnung nach Papier und Bleistiften durchsucht. Sie hatten ihn unter Hausarrest gestellt, er wäre wegen einer Panne fast verhungert, weil der Verbindungsoffizier der Miliz seinen Urlaub angetreten hatte, ohne seinen Stellvertreter davon in Kenntnis zu setzen. Stellmacher hatte tagelang gegen die Tür gehämmert, bis der Polizeioffizier bemerkt hatte, dass er verzweifelt nach Brot schrie.

„Natürlich haben wir ihm das Mobiltelefon abgenommen. Es erhärtete den Verdacht, den wir in diesem Augenblick bekamen. Lauter ausländische Namen waren darin gespeichert, Meyer, Müller, Huber. Es klang bedrohlich. Da merkten wir das erste Mal: es könnte sich um jemanden handeln, gegen den wir vielleicht in naher Zukunft würden ermitteln müssen. Wir wissen nicht, was er mit den Ausländern besprochen hat, wir wissen auch nicht, ob er überhaupt mit ihnen gesprochen hat, aber wir können auch nicht ausschließen, dass er – rein theoretisch – mit ihnen hätte sprechen können.“

„Sie werfen ihm die Mitgliedschaft in einer Sekte vor. Darf ich wissen, worauf sich Ihr Urteil gründet?“ „Aber natürlich“, entgegnete al-Abbassi, „der Mann hat in seiner Vernehmung ausführliche Angaben zur Person gemacht. Er ist Mitglied der römisch-katholischen Kirche.“ „Und das reicht ihnen?“ „Das reicht uns. Er ist außerdem Konvertit. Früher war er evangelisch. Und Sie wissen, die Konvertiten sind die Schlimmsten.“

Der Sekretär goss Tee nach und steckte sich eine Zigarette an. Tief sog er den Rauch ein, der sich im Lichtstrahl der staubmatten Luft kräuselte. „Was Sie immer mit Ihrer Isolationsfolter haben in der Oppositionspresse. Haben wir ein Guantanamo? Er ist noch immer in seiner Wohnung. Keiner wird ihn abholen bei Nacht und Nebel. Und das wissen Sie ganz genau.“ „Aber Sie sperren ihn in seiner Wohnung ein“, begehrte Malloukh auf, „und Sie reden von Abschiebung, obwohl nicht der geringste Grund dafür vorhanden ist. Stellweger ist Techniker an einem Hochbauprojekt. Die Regierung selbst hat ihn vor drei Jahren ins Land geholt.“ „Wir können auch nicht ausschließen, dass er sich bei diesem Projekt beworben hat, um den neuen Parteipalast für einen Terroranschlag auszukundschaften.“

Eine Weile herrschte eisiges Schweigen. Keiner der Männer ließ sich etwas anmerken. Malloukh brach die Stille. „Die Gesetze sehen vor, dass er abgeschoben wird. Sollte Stellweger tatsächlich ein unerwünschter Ausländer sein, dann müssen Sie ihn abschieben. Warum halten Sie ihn weiterhin fest?“ Al-Abbassi drückte die Zigarette aus. „Wir können doch nicht zulassen, dass er sich in Luft auflöst. Stellweger ist längst ein Symbol geworden. Er ist berühmt. Das Internationale Rote Kreuz, die UNO, amnesty international, alle wollen Sie sich um ihn kümmern. Der deutsche Außenminister ist schon dreimal gekommen, um ihm Mut zuzusprechen.“ „Im Gegenteil“, antwortete der Anwalt mit rauer Stimme, „er ist ein Symbol für unseren Staat. Sie brauchen ihn, um die Opposition in Schach zu halten. Sie wollen an ihm ein Exempel statuieren.“ Lächelnd lehnte sich al-Abbassi zurück. „Unsinn. Seit dem Sicherheitsermächtigungsgesetz lebt es sich in Deutschland nicht mehr so angenehm wie früher. Sie sind nur etwas verärgert, dass wir ihre westlichen Standards so perfekt kopieren. Aber was soll man machen in einer globalisierten Welt?“