Parla tedesco?

6 07 2011

„Nach Ihnen, bitte!“ Herr Breschke hielt mir die Pforte des Gartenlokals auf. Gemütlich zockelte er hinterdrein, immer einen Schritt zurück, bald links, bald nach rechts ausweichend, weil Bismarck seiner Lieblingsbeschäftigung nachging und zwischen seinen Beinen lief. Der dümmste Dackel im weiten Umkreis beäugte die Blumen. Keine Gartenzwerge. Aber in einem italienischen Restaurant war ja auch nicht damit zu rechnen gewesen.

„Buon giorno!“ Die Kellnerin wies mit einer einladenden Handbewegung auf die Terrasse. Man hatte einen herrlichen Blick hinab auf den Fluss. Hansi Bückler hatte das Haus nicht umsonst gelobt. „Un tavolo per due persone?“ „Si“, antwortete Breschke. Wir setzten uns. Bismarck kroch unter den Tisch und lauschte angestrengt dem Geräusch der Vögel. Es hatte bis eben noch geregnet; die Äste hingen vor Feuchtigkeit. „Ich wusste gar nicht, dass Sie Italienisch sprechen.“ Der pensionierte Beamte lächelte. „Ja, damals waren wir ein paar Mal dort, meine Frau und ich.“ Die Kellnerin legte die Karte auf den Tisch und ging ins Haus. „Signora Mascheroni“, mutmaßte ich. „Hansi war dreimal hier, er fand den Service perfekt. Und Bruno war sehr begeistert von den Speisen.“ Der richtige Ort, um die Einweihung von Breschkes elektrischer Heckenschere zu feiern, genauer: die Tatsache, dass ich ihm beim Beseitigen der gröbsten Schäden und beim Wiederaufforsten des Gartens geholfen hatte.

„Schnell“, flüsterte Breschke mir zu, „was hieß noch mal ‚Pilz‘?“ „Funghi“, antwortete ich ebenso leise. Da war La Mascheroni schon am Tisch und zückte den Block. Triumphierend blickte Horst Breschke sie an. „Due funghi al tonno!“ Verwirrt schaute die Kellnerin ihn an, dann mich, dann wieder ihn. „Mi dispiace molto“, stammelte sie. „Lasciate fare a me“, beruhigte ich sie und wandte mich an den Alten. „Was um Himmels willen wollen Sie damit sagen?“ „Ich habe nur zweimal Pils bestellt“, verteidigte er sich, „Pils vom Fass – tonno, oder?“ Rasch orderte ich einen Rotwein, um die Situation zu klären, ein paar Kleinigkeiten und Spaghetti. „Mi potrebbe dare un consiglio?“ Signora Mascheroni strahlte und wies auf die erste Seite der Karte. „Le cozze.“ Breschke verzog angewidert das Gesicht. „Wo haben Sie mich hier hingeschleppt“, stieß er hervor, „das ist ja einfach nur unappetitlich! Pfui Teufel!“

Ein halbes Gläschen später, die Sonne hatte sich durch die nassen Zweige gekämpft und beschien zaghaft, aber beharrlich über das Wasser, war auch Breschke wieder aufgeräumt. Der Tisch leerte sich, der Alte schenkte nach, Bismarck fiepte unter dem Tisch. Die Kellnerin erkundigte sich nach unserem Befinden. „Bene“, ließ sich Breschke vernehmen, „tutti bene.“ „Was halten Sie beispielsweise von einem Schokoladenhibiskus an der Hausseite? Oder ein paar Zistrosen.“ Da nahte sich auch schon Signora Mascheroni mit den Spaghetti. Sie stellte die Teller auf den Tisch. „Il primo“, verkündete sie. „Na“, sagte Breschke und äugte auf die Pasta, „ob die wirklich so gut sind, würde ich dann gerne noch selbst beurteilen, junge Frau.“

Inzwischen hatte sich auch Bismarck bemerkbar gemacht. Die Kellnerin näherte sich mit einem Napf; sie stellte das Gefäß unter den Tisch und streichelte dem Dackel über den Kopf. „Ciao bello!“ „Nein“, korrigierte Breschke mit erhobenem Zeigefinger. „Bismarck. Er heißt Bismarck!“ „Grazie“, warf ich ein, „sehr freundlich von Ihnen.“ „Dass diese Italiener auch immer nur Italienisch sprechen“, nöckerte Horst Breschke. „Vielleicht entdecken Sie ja noch ein paar ältere Exemplare“, gab ich lakonisch zurück, „dann können Sie es auf Latein versuchen.“ Er winkte ab. „Ich habe ja gar nichts dagegen“; hielt er dagegen. „Ist auch ganz schön, wo es hingehört – aber wir waren seinerzeit in der Emilia-Romagna, Rimini natürlich, und was sage ich Ihnen: nicht eine einzige vernünftige Bockwurst gab’s da, und keinen Sauerbraten. Da muss man sich doch auch nicht wundern, wenn die Touristen nur Spaghetti essen und kein Interesse an der italienischen Kultur entwickeln.“

„Il secondo“, gab die Donna kund und servierte Schnitzelchen in Zitronenrahm. „Na, das hat aber länger gedauert!“ Geräuschvoll hieb Breschke auf das Kalbfleisch ein. „Mi fà piacere“, murmelte sie und ging. Breschke fröstelte ein wenig. „Vielleicht sollten die hier mal das Vordach rauskurbeln“, gab er zu bedenken, „es könnte sicher bald wieder mit dem Regen anfangen.“ „Macht nichts“, antwortete ich. „Wir sitzen erstens unter dem Schirm und die Markise ist zweitens ein paar Meter zu kurz.“ „Va bene?“ Signora Mascheroni war aufmerksam um unser Wohl besorgt; allein Breschke war das nicht entgangen, er rieb sich die Hände. „Fa caldo!“ „Si“, lächelte die Dame des Hauses. Schließlich regnete es noch nicht.

„Sie nehmen sicher noch so einen Matschiato“, meinte Breschke, der sich schon zum Gehen rüstete. Offenbar wurde es ihm kalt. „Il conto per favore“, bat ich die Kellnerin. Da sprang er auf. „Nix Konto, ich lasse die doch nichts abbuchen! Nein, nur Bargeld, mein Lieber. Bei Südländern weiß man doch nie – überhaupt, was treibt sich unsereins bei diesen Makkaronis herum, sieht man doch, dass sie einen nur ausrauben wollen! Treulose Tomaten!“ Und ohne sie eines Blickes zu würdigen stob er, Bismarck zwischen den Beinen, dem Ausgang zu. „Probleme?“ Der baumlange Mann mit den blonden Locken war dem Schild nach Sandro Mascheroni. „Alles bestens“, beruhigte ich ihn. „Sie sind schon länger hier im Lande?“ „Swee Jahre“, bestätigte er. „Ick bin jebürtig von Marzahn. Eijentlich Sandro Wuhlcke. Aa für’t Jeschäft ha’ck bei die Hochsseit mit Vittoria ihrn Nahm anjenomm. Sie kommt aus Bochum. Sie kann ooch besser Italienisch, wa?“ Ich lächelte. „Un det war allet zu Ihra Zufriedenheit?“ „Ausgezeichnet“, bestätigte ich. „und wissen Sie, der alte Herr wird demnächst ein neues Garagentor einbauen. Wir sehen uns bestimmt bald wieder.“





Die Flut der Bilder

20 04 2009

Der Dauerregen trug sintflutartige Züge. Ganze drei Tage lang waren die Wassermassen über das Land niedergegangen. Die Flüsse schwollen gewaltig an und die Straße ins Tal war vielerorts unterspült worden. Die Behörden versuchten, die Bevölkerung zu warnen. Doch wurden die Rundfunkstationen angewiesen, keine Katastrophenmeldungen mehr zu verbreiten, um einer Massenpanik vorzubeugen.

Mitten in der Nacht brach der Staudamm. Die Flut ergoss sich in ein Dutzend kleiner Städte und die umliegenden Dörfer. Eine Fläche von mehr als 50 Quadratkilometern wurde völlig überflutet. Ein Dutzend Menschen ertranken unmittelbar danach, weitere 150 wurden vermisst. An die 60 Millionen Kubikmeter strömten über das Land, sammelten sich in einem Talkessel, schnitten das Gebiet von der Außenwelt ab. Viele Häuser, die im Zuge des staatlich finanzierten Wohnungsbauprogramms der vergangenen Jahre errichtet worden waren, hielten dem Druck nicht stand und brachen zusammen. Ungefähr 80.000 Menschen wurden obdachlos. Die Rettungsmaßnahmen verliefen unkoordiniert, da die Telefonleitungen sofort abgeschaltet worden waren. Die eingekesselten Menschen verständigten sich durch Zurufen, mit Trillerpfeifen, durch Schilder und Zeichensprache.

Der Präsident war nicht erreichbar. Es hieß, er müsse für ein Fernsehinterview eine neue Krawatte besorgen. Stattdessen ließ sich der Minister für Tourismus einfliegen. Er begutachtete vom Helikopter aus die Staumauer, konnte jedoch keine Konstruktionsmängel feststellen und kehrte ohne Zwischenlandung in sein Wochenendhaus zurück.

Die Regierung entschied sich noch am selben Tag, ein Hilfsangebot aus dem Nachbarstaat anzunehmen. Die Spendengelder dienten zum Kauf mehrerer Großzelte, mit denen 30 Familien ein notdürftiges Dach über dem Kopf bekommen sollten. Man hatte nur das Beste für die Opfer der Katastrophe ausgewählt. Bedauerlicherweise gab es im Umkreis von Kilometern kein trockenes Land, auf dem man die Zelte hätte errichten können. Das Ministerium für Viehzucht empfahl, die Zelte in den Süden des Landes zu schaffen; da viele der Bewohner noch immer auf den Dächern ihrer vom Einsturz bedrohten Häuser ausharrten, riet der Ministeriumssprecher, einzeln in höher gelegene Gebiete zu schwimmen. Das sei zudem gesund, da es der Ertüchtigung des ganzen Körpers diene. Der Präsident war unterdessen für eine Stellungnahme noch nicht zu erreichen. Er musste für das Fernsehinterview unbedingt neue Schuhe kaufen.

Die Ordnungskräfte waren in der Zwischenzeit schwer beschäftigt. Aus allen Landesteilen hatte man Beamte zusammengezogen, um die Situation unter Kontrolle zu behalten. Die Reporter zweier privater Fernsehsender konnten aufgespürt und schnell verhaftet werden; sie hatten versucht, das ganze Ausmaß der Überschwemmung für eine Sondersendung zu dokumentieren. Man fand bei ihnen Material, das nachwies, wie systematisch gegen Bauvorschriften verstoßen worden war, um die Wohnblöcke in mehreren Dörfern rechtzeitig zu einem Wahlkampfauftritt des Präsidenten fertig zu stellen. Der jedoch äußerte sich dazu nicht. Er suchte für das bevorstehende Fernsehinterview einen neuen Anzug aus.

Fernsehkameras kamen erst am folgenden Tag mit dem Präsidenten, der sich eine ganze Stunde Zeit nahm, die leitende Notärztin auszufragen: welches ihre Lieblingsblumen seien, ob sie ein Faible für ältere Männer mit Neigung zu Glatze und Schmerbauch besäße und ob sie sexuell freizügig sei. Die überfluteten Ortschaften, die Massen von Schlamm und Trümmern hatte er nicht zur Kenntnis genommen. Die Ärztin, der das Gespräch sichtlich peinlich war, ließ ihn schließlich stehen, da sie einen Notfall zu versorgen hatte. Der Präsident wurde vom Kamerateam des staatlichen Fernsehens zum Rathaus einer knapp 15 Kilometer entfernten Kleinstadt begleitet, wo er beteuerte, an den Neubauten könnten keine Baumängel bestanden haben; er habe sich selbst in der Nähe aufgehalten, aber niemand habe ihn auf etwaige Versäumnisse hingewiesen.

Weiterhin versicherte der Präsident, dass die medizinische Betreuung und die Verpflegung für die Opfer der Überschwemmung hervorragend angelaufen sei. Sie verbrächten die Nächte zwar weiterhin unter freiem Himmel, dies sei jedoch nicht mehr gravierend, da der Regen inzwischen abgeklungen sei.

Dasselbe gab am folgenden Tag auch der Minister für Versicherungsbetrug und Justizirrtümer zu Protokoll. Er hob noch einmal besonders hervor, dass der Staudamm ein nationales Prestigeprojekt sei, das von der hochstehenden Technologie des Landes zeuge. Fragen zur Koordination im Krisengebiet wurden nicht gestellt. Das staatliche Fernsehen sendete statt der Pressekonferenz die Wiederholung eines Zeichentrickfilms, was aber nicht weiter auffiel.

Einer Kommission aus China, die die Erfahrung mit dem Bruch des Drei-Schluchten-Staudamms einbringen wollte, wurde die Einreise verweigert. Man habe, teilte das Ministerium für gesundes Volksempfinden auf Anfrage mit, ausländische Hilfe nicht nötig. Die Naturkatastrophe sei ein nationales Symbol, das dem Land ganz alleine gehöre. Geldspenden seien jedoch weiterhin willkommen.

Das geplante Fernsehinterview fiel aus. Der Präsident meinte, die neue Krawatte passe nicht zu seinem Anzug.