Der Jahrkreis (V). Mai

9 05 2021

Ach, süße Nacht! als wären alle Nächte
nur da, dass man sich tags nach ihnen sehnt,
was jede Nacht an Seligkeit dann brächte,
wenn man verträumt sich an den Himmel lehnt.

Nur leise ahnt man, das, was man anfänglich
umschwärmte, ließ im Dunkel man zurück.
Wie Schatten sind auch Träume rasch vergänglich.
Nicht alles, was man dafür hält, ist Glück.

Doch was soll Wehmut? Lieder, die verklangen,
sind wie verwehter Wind, erloschne Glut.
Die Bäume schlagen aus, und ein Verlangen
zieht uns hinaus und schenkt uns neuen Mut.





Der Jahrkreis (IV). April

11 04 2021

Der Sonnenschein ist nicht von langer Dauer.
Ein Schelm, wer ohne Schirm das Haus verlässt.
Fast stündlich warten auf uns Regenschauer,
von denen jeder einzelne durchnässt.

Was man heut weiß, ist keinesfalls beständig.
Woran man glaubt, hat beinah mehr Bestand.
Ein jedes Ding ist durchweg wetterwendig.
Was sich nicht ändert, ist noch unbekannt.

Doch liegt darin ein Reiz. Die Regen waschen
die ganze Welt fein sauber, und sie blüht.
So kann ihr Anblick uns noch überraschen,
wenn man zum ersten Mal sie wieder sieht.





Der Jahrkreis (III). März

14 03 2021

Ein letzter Schnee zerschmilzt. Die harte Krume
liegt an den blassen Tagen wie im Schlaf.
Ein weißer Punkt erscheint. Die erste Blume,
und dort am Himmel hüpft das erste Schaf.

Noch ist es kalt. In sonderbarer Milde
entsteht die neue Welt. Die Luft ist weich
und führt bestimmt viel Freundlichkeit im Schilde,
weil sie es kann. Und Tag und Nacht sind gleich.

Erinnert Euch, erkennt Ihr dieses Blühen?
War’s nicht einmal, saht Ihr es nicht schon oft?
So wird’s auch sein mit allen Euren Mühen.
Es ist nichts ausgeschlossen, wenn man hofft.





Der Jahrkreis (II). Februar

14 02 2021

Musik! die ersten Feste wollen rauschen
mit Mummerei und Wein und lautem Klang!
Lasst uns des Tages Mühen einmal tauschen
mit Possen, freiem Wort und Spottgesang!

Noch ist der Frühling fern, doch seine Süße
lebt auf, wenn man es will, im Augenblick.
Wer auf den Straßen tanzt, hat kalte Füße,
doch wer nicht tanzt, kriegt keine Zeit zurück.

Jetzt sind die Menschen, zugegeben, Narren
in ihrer ordentlichen Narrenzunft.
Man wäscht den Beutel, um auf Geld zu harren.
Ab morgen, ganz bestimmt! herrscht die Vernunft.





Der Jahrkreis (I). Januar

17 01 2021

Ein neues Jahr liegt dämmernd in den Kissen.
Die Welt da draußen ist zu Eis erstarrt.
Was kommen mag, will heute jeder wissen,
und ahnt und fragt und träumt und hofft und harrt.

War es nicht schon einmal, dass sich bereitet
ein Anfang hat, der gänzlich anders war,
und dann auf ausgetretnen Pfaden schreitet?
Ist dies nicht wieder so ein trübes Jahr?

Die Zeit ist eng. Begrenzt ist so ein Leben,
dem man sein Dasein nochmals anvertraut,
doch nährt uns Hoffnung: Jahr um Jahr wird’s geben,
an dem der harte Winter schließlich taut.