Der Jahrkreis (XI). November

7 11 2021

Das Leben stirbt. Da gibt es nichts zu deuten.
Es streut sich welke Blumen auf sein Grab.
Als wollte sich das Dasein einmal häuten,
streift es die Zeit der leichten Tage ab.

Als wär der Regen wütend, peitschen Stürme
ins Nichts ein ganzes gramgebeugtes Land.
Die Welt versinkt im Grau. Nur dunkle Türme,
sie halten diesen Ungewittern stand.

Und ist das nicht genug, geht man zum Trauern
mit Kerze, Kranz und steifem, schwarzem Kleid.
Ach, was verschließt man hinter diesen Mauern!
Ein Spalt, ein Licht – ist dies schon Ewigkeit?





Der Jahrkreis (X). Oktober

10 10 2021

Wie unter einem Teppich liegen Flächen
von Laub bedeckt. Das Tageslicht ist matt,
will dem Betrachter nicht zu viel versprechen.
Wohl dem, der nun Erinnerungen hat.

Man schreitet durch die Zeit. Auf einer Lichtung
verliert sich Vorwärts, Rückwärts wird vergehn.
Gleichwohl hat jeder Gang auch eine Richtung.
Wer sie behält, erkennt: dort ist es schön.

Gut möglich, dass man am Gedenken leidet.
Wo man vermisst, hat man einmal begehrt.
Entscheidend ist, wer sich dafür entscheidet,
dass uns bald wieder Gutes widerfährt.





Der Jahrkreis (IX). September

12 09 2021

Die Sommerseligkeit ist kaum verklungen,
da öffnet sich die Welt, und man genießt,
als wäre einer Künstlerin gelungen,
dass alles warm in goldnen Tönen fließt.

Die ersten Vögel ziehen in den Süden
wie ein gemaltes Band von feinem Glanz.
Ein letztes Mal ist uns der Blick beschieden,
dann geht er aus dem Sinn. Ein letzter Tanz.

Doch bleibt ein Bild in uns, daran wir denken,
und lässt uns bis zum Schlummer nicht mehr los.
So ist es mit den herzlichsten Geschenken,
erwartet man sie nicht, so sind sie groß.





Der Jahrkreis (VIII). August

1 08 2021

Bis gestern rann der Schweiß von unsern Stirnen,
jetzt wird der Abend seltsam blau und rot.
Schon schwellen an den Zweigen Äpfel, Birnen
und auf den Halmen Korn für alles Brot.

Noch ist es Sommer, jedenfalls am Tage.
Ganz unbemerkt verliert er die Gestalt.
Die Vögel singen sanft die leise Klage,
die in den Sternen brüchig widerhallt.

Es ist nicht Schwermut und auch keine Trauer,
und doch ist nicht zu sagen, was es ist.
Das Jahr, das ganze Leben ist von Dauer,
wenn man begreift, woran es sich bemisst.





Der Jahrkreis (VII). Juli

4 07 2021

Weich ist der Sand. Viel weicher noch als Seiden
ist kindheitsweich und warm der Sand am Meer.
Die Menschen suchen, was sie sonst vermeiden,
und reisen ihren Träumen hinterher.

Die Sonne glüht. Wir sind vom Tag ermattet.
Der Abend schließt die Pforten leise zu.
Ein Baum, der uns aus Freundlichkeit beschattet,
hat hier auf uns gewartet und gibt Ruh.

Das ist des Menschen Los: die Welt bereisen,
was in Erinnerungen uns gefällt.
So aber werden reicher nur die Weisen:
man sieht nur, wo man wahrhaft innehält.





Der Jahrkreis (VI). Juni

6 06 2021

So hell und freundlich strahlt der Frühlingshimmel,
man fühlt sich wie in allerfeinster Kunst.
Auf Erden zeigt sich allerhand Gewimmel,
das tiriliert und pfeift im Morgendunst.

Dann steigt die Sonne auf. Die Alten schmunzeln.
Was sehen sie, was dort die Jugend tut,
lässt sie mit Ironie die Stirne runzeln.
Nichts ändert sich. Und das ist wohl sehr gut.

Halt ein! will man zum Augenblick wohl sprechen,
das Dasein fassen, wenn es uns denn lässt,
den Gang der Tage einmal unterbrechen,
nur einmal. Denn das Leben ist ein Fest.





Der Jahrkreis (V). Mai

9 05 2021

Ach, süße Nacht! als wären alle Nächte
nur da, dass man sich tags nach ihnen sehnt,
was jede Nacht an Seligkeit dann brächte,
wenn man verträumt sich an den Himmel lehnt.

Nur leise ahnt man, das, was man anfänglich
umschwärmte, ließ im Dunkel man zurück.
Wie Schatten sind auch Träume rasch vergänglich.
Nicht alles, was man dafür hält, ist Glück.

Doch was soll Wehmut? Lieder, die verklangen,
sind wie verwehter Wind, erloschne Glut.
Die Bäume schlagen aus, und ein Verlangen
zieht uns hinaus und schenkt uns neuen Mut.





Der Jahrkreis (IV). April

11 04 2021

Der Sonnenschein ist nicht von langer Dauer.
Ein Schelm, wer ohne Schirm das Haus verlässt.
Fast stündlich warten auf uns Regenschauer,
von denen jeder einzelne durchnässt.

Was man heut weiß, ist keinesfalls beständig.
Woran man glaubt, hat beinah mehr Bestand.
Ein jedes Ding ist durchweg wetterwendig.
Was sich nicht ändert, ist noch unbekannt.

Doch liegt darin ein Reiz. Die Regen waschen
die ganze Welt fein sauber, und sie blüht.
So kann ihr Anblick uns noch überraschen,
wenn man zum ersten Mal sie wieder sieht.





Der Jahrkreis (III). März

14 03 2021

Ein letzter Schnee zerschmilzt. Die harte Krume
liegt an den blassen Tagen wie im Schlaf.
Ein weißer Punkt erscheint. Die erste Blume,
und dort am Himmel hüpft das erste Schaf.

Noch ist es kalt. In sonderbarer Milde
entsteht die neue Welt. Die Luft ist weich
und führt bestimmt viel Freundlichkeit im Schilde,
weil sie es kann. Und Tag und Nacht sind gleich.

Erinnert Euch, erkennt Ihr dieses Blühen?
War’s nicht einmal, saht Ihr es nicht schon oft?
So wird’s auch sein mit allen Euren Mühen.
Es ist nichts ausgeschlossen, wenn man hofft.





Der Jahrkreis (II). Februar

14 02 2021

Musik! die ersten Feste wollen rauschen
mit Mummerei und Wein und lautem Klang!
Lasst uns des Tages Mühen einmal tauschen
mit Possen, freiem Wort und Spottgesang!

Noch ist der Frühling fern, doch seine Süße
lebt auf, wenn man es will, im Augenblick.
Wer auf den Straßen tanzt, hat kalte Füße,
doch wer nicht tanzt, kriegt keine Zeit zurück.

Jetzt sind die Menschen, zugegeben, Narren
in ihrer ordentlichen Narrenzunft.
Man wäscht den Beutel, um auf Geld zu harren.
Ab morgen, ganz bestimmt! herrscht die Vernunft.