Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXVI): Kapitalistischer Eskapismus

7 08 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher, als die Gummistiefel noch aus Holz waren, da schien jene unlösbare Verbindung von Religion und Gesellschaft noch sinnvoll zu sein; wer mühselig und beladen war, und das waren eben alle, suchte Erquickung im Glauben, wo sich die unfreundliche Realität ein Stück weit ausblenden ließ. Zwar hält sich der Unterhaltungswert von zwanzig Rosenkränzen für Durchschnittspersonen ohne ausgesprochene Leidensbejahung in engen Grenzen, doch schon die Heilige Messe mit Brot und Wein, Weihrauch und Georgel stärkte die Kraft der Menschen, in einer Welt voller Sünde und miserabler medizinischer Versorgung vor der Erfindung von Flaschenbier und Streamingdiensten den notwendigen Beitrag zur Erhaltung weltlicher Güter im Dienste der Obrigkeit zu leisten. Uns geht es vergleichsweise gut, wir haben Flaschenbier und Streamingdienste, zahlen Steuern, statt den Zehnten abzugeben, und befinden uns trotzdem in einer eher noch mieseren Lage. Die Religion hat sich in die Transzendenz verkrümelt, das System verspricht so gut wie jedem irdisches Heil, wo er nur gewillt ist, dafür anderen eins aufs Maul zu geben, und nur die Ewigkeit ist geblieben, dummerweise in Gestalt des Hamsterrades, dem Sinnbild des Kapitalismus. Was aber hält uns heute so leidensfähig?

Das Flaschenbier ist es nicht, da abgesehen von ein paar aufgekratzten Werbespots keiner das Zeug zum Objekt unserer existenziellen Träume macht. Wir haben aus unseren affektiven Bedürfnissen, aus der Suche nach Entspannung und Ablenkung, einen Hochleistungssport gemacht, der selbstverständlich den Gesetzen des Marktes genügt: immer die beste Gelegenheit suchen, das Minimalprinzip verfolgen, und alles außer uns ist Feind. Wenn wir uns schon zu Tode amüsieren müssen, dann soll es wenigstens erfolgreich sein. Was uns integriert, Identifikation und Selbstfindung gibt, ist nur Nebenwirkung der hektischen Suche nach emotionaler Erregung, die erst mit dem Übergang zur Biomasse jäh abbricht, weil wir die Endlichkeit begreifen. Aber begreifen wir denn überhaupt die Wirklichkeit davor?

Wo uns die Conditio humana mit voller Wucht einholt, breitseitlich trifft und aus der Bahn kegelt, bemerken wir, dass die apokalyptischen Reiter noch immer munter ihre Runden drehen. Technisch sind wir inzwischen imstande, den Planeten mehrfach in die Luft zu jagen, wenn nicht zuvor aus klinischer Beklopptheit heraus unsere Art die erste ist, die sich zielgerichtet selbst ausrottet, weil sie ihre religiösen Fantasievorstellungen hier auf Erden verwirklichen will – der Kapitalismus ist die Religion geworden, die sich den Nachwuchs in den Gierschlund stopft, und also kann sie nicht mehr als teils sinnvolle, teils ins Absurde entlastende Gegenwelt der materiellen Gesellschaftsordnung dienen, sondern nur noch sich selbst auf sich selbst beziehen, womit dann auch die Identifikation brüllend an die Wand fährt, wo der ganze Rest schon herunter rinnt. Selbst da, wo der große Grauschleier der Langweiligkeit das Sein in unerträglich breiigen Stumpfsinn verschwiemelt, bleiben nur noch Entfremdung und Angst, die im Rausch weggeshoppt werden, im perpetuierenden Partymarathon über die Klippe stolpern, auf der Flucht vor der Flucht rund um den Globus fliegen und immer neue Fluchtpunkte suchen, bis wir mit touristischen Mitteln den Rest der Umwelt erledigt haben.

Sehnt sich der Realitätsallergiker nach Katharsis im Sinne der Tragödie oder einfacher Regeneration, wie sie eine Woche Malle im Ethanolkoma en passant erledigt als Fußtritt in den Resetknopf? Ist Gleichgewicht von intelligenzabstinenter Duldung der Istzeit und idealtypischer Traumwelt mit oder ohne Hilfsmittel aus der Drogenküche ein guter Weg, auch wenn ihn die obersten Zehntausend für sich behalten? Harmonisieren wir uns gerade zu Tode, um den Boden unter den Füßen zu finden, damit die Würg-Life-Balance Balance uns nicht versehentlich den Magen umkrempelt? Oder ist der Schmodder doch nur verzweifelte Reaktion auf den Triebstau, den Priester der Betriebswirtschaft in uns erzeugt haben, als sie drakonische Strafen für die Steuerhinterzieher unterhalb der Armutsgrenze mit Notwehr gegen den Staat für Steuerhinterziehung oberhalb der Milliardengrenze verteidigten, weil man den Stumpfstullen stets vorturnen muss, dass sie als Opfer der intellektuellen Raumkrümmung nicht in ihrer eigenen Blödheit gefangen sind, sondern in den taktischen Grenzen des Systems?

Was auch immer sich hier anstaut, es sucht nach einem Ventil. Dies Virus hat uns nur angezählt, das nächste ebnet ein, was die Flut an Zivilisation nicht mehr beseitigen wird. Religionen mögen noch Heil versprechen, solange es keiner Marktanalyse nach Verbraucherzufriedenheit unterzogen wurde, doch der Kapitalismus kann mit Freiheitsversprechen, die nur Narkose von der Sklaverei meinen, nicht viel erreichen. Wir wären gerne Kapitalisten, uns fehlt nur das Kapital, weshalb eine Ersatzreligion mit der Option auf Mitmachgerede so kläglich versagt. Die alten Vorstellungen hatten noch eine Gemeinschaft der Heiligen, quasi das Zwei-in-eins-Produkt der virtuellen Spiritualität. Welcher Knalldepp gibt das für den sozialen Vollkollaps aus?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXIII): Der Zeitzwang

8 05 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Rrts Höhle gab es ein rudimentäres Sortiment an Einordnungen, wann und wie etwas geschehen sollte: vor dem Essen oder danach, nach der Jagd oder davor, tags oder nachts, wobei gerade letzterer Gegensatz saisonaler Variabilität unterlag, was sich auf andere Verrichtungen des täglichen Daseins nicht minder auswirkte. Die Dinge waren geordnet, nicht aber in ein starres Gerüst gepresst, für deren Einheiten die präzise Messung noch nicht einmal gefunden war, geschweige denn der Sinn, warum es eine präzise Teilung der Zeit in Zeiten überhaupt je würde geben müssen. Rrt wusste das nicht; er hatte sich daran gewöhnt, im Einklang zu leben mit den windschiefen Rhythmen der Natur, vor allem daran, deren Erfordernisse und Gebote zu lesen und dann zu begreifen, wann der Tag gekommen war, die Buntbeeren zu pflücken. Er und seine Leute, sie kannten keinen Zeitzwang.

Tatsächlich war das Messen der Zeitabstände zunächst ein Akt der religiösen Organisation, mit dem die Karnevalspräsidenten ihr Untergetän auf die gottgefällig verordnete Zahl von Arbeitsstunden einnordeten. Mit der Vereinheitlichung, wie sie den Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang aus der vormals künstlich zurechtgeschwiemelten Ordnung wieder heraushieben, marschierte die Bevölkerung in ihre Werktätigkeit und nahm sich ins Gebet. Wie auch immer in irdische Verhältnisse geschwiemelte Abläufe regelten folglich nicht nur die äußere, auch die innere und damit moralische Führung – wer zu spät kommt, den bestraft noch heute das Leben als solches. Seit der Mechanisierung ist Allgemeinheit nur noch unter der Kontrolle der Zeiger möglich, seit der Ausbreitung des Digitalen nur noch unter der Kontrolle der gestoppten Sekunden. Die ganze Existenz ist ein arbeitsteiliger Prozess geworden, der unsere Fertigstellung zum Ziel hat.

Die fließende Produktion der immer gleichen Untertassen, Zahnbürsten und Sockenhalter rattert der Welt den Takt vor, in dem sie zu ticken hat: in sklavischer Gleichmäßigkeit, die kein Bedürfnis kennt und damit keinerlei Ende. Es herrscht das Objektprinzip, das ganz auf den Verrichtungsträger fixiert ist; ein Pech, handelt es sich noch um den Menschen selbst, aber es wird nicht besser, wenn er nur ausgelagertes Bedienelement der Maschine ist, das aus dem Gesichtspunkt des Kostenträgers nie gleichmäßig, schnell und erschütterungsfrei genug die stereotype Bewegung verrichten kann, weil sie gerade durch lästige Nebenbeschäftigungen wie Atmen abgelenkt wird. Die ganze Abhängigkeit des einzelnen Organismus von der Gruppe, von der Spezies und ihren Beschränkungen findet sich in der Abfolge des Zeitzwangs, die einen Handgriff in den anderen übergehen lässt, so dass die Person eigentlich nie exakt genug sein kann, weil sie die Summe ihrer Fehlermöglichkeiten darstellt.

Nichts weniger als physiologische Bedürfnisse werden mit der Vertaktung eingezwängt. Schicht um Schicht wird das körperliche Konstrukt dieser Realität neu geformt, bis es sich nicht mehr mit den geänderten Variablen verträgt; korrigiert wird dann nicht der Prozess, sondern der Mensch. Wie im Wahn, aus irrwitzigem Brauchtum einmal im Jahr alle Uhren ohne Nachteil für das Gemeinwesen je eine Stunde in die eine oder andere Richtung zu biegen, schmeißt die ansonsten normsüchtige Rotte offenporiger Oberhäuptlinge alle utilitaristischen Regeln über Bord und vertaut auf die magische Kraft des Wir-haben-es-immer-schon-so-gemacht. Aus Schaden werden Sie nicht klug, wenn sie ihn nicht wahrnehmen. Sie kommen wohl nicht dazu.

Was aber, wenn sich der Rahmen selbst verbiegt und die komplette Struktur ersatzlos wegfällt, weil die ganze Gesellschaft auf dem Rücken liegt wie ein Käfer im Bett? Für das einzelne Individuum mag Strukturlosigkeit immer noch gelingen, doch ist nur ein Teilhaber der gesellschaftlichen Gruppe von konkurrierenden Bedürfnissen der Außenwelt betroffen, terrorisiert sie das ganz Gefüge wie ein Sonntag, an dem ausnahmsweise nicht sämtliche Mitglieder im Morgengrauen aufstehen müssen. Die Routine wirkt auch dort weiter, wie ein aus Müdigkeit vernachlässigtes Gebet moralinsauer den Schlaf zerstört. Der Stress einer Work-Life-Balance tritt immer da auf, wo er überhaupt gefühlt werden kann, und das ist nicht in der Betäubungsphase der Zeitverrichtung.

Die Konfliktvermeidungspsychologie empfiehlt eine längere Auszeit, um sich neu zu ordnen; ganze Monate werden ohne äußere Zwänge gestaltet, um dann, endlich vom Unsinn eines bizarren Irrtums an Heuschreckenkapitalismus geheilt, ohne vorherige Wiedereingliederung in den gefräßigen Schredder der Zeitvernichtungsanlage zu springen, damit sich das Bruttosozialprodukt freut. Einziges Schlupfloch bleibt der Freizeitstress. Wer sich dem Heilsweg des Geltungskonsums verschreibt, verendet dereinst sozialverträglich an Verkalkung oder Fettleber, bricht beim Marathon zusammen oder verdämmert nach der Hirnembolie in einer Risikogruppe, die nur noch dazu taugt, dass sich die Heckenpenner für einen sinnlosen Singsang vor einer Rundfunkanstalt aufregen. Zeitzeichen soll man hören. Bevor sie zwanghaft werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXI): Hysterischer Materialismus

24 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es könnte so schön sein, wäre diese Welt ein Paradies. Dass dummerweise nicht das Bewusstsein die Existenz bestimmt, hat sich auch unter ärgsten Zweiflern mit einigem Erfolg herumgesprochen, zur Not damit begründet, dass die vielen Armen vor dem Fenster einem den Spaß an der gepflegten Inneneinrichtung nehmen können. Zieht man dann in ein Häuschen, das weit genug von der Straße im Grünen steht, so tritt man selbst den Beweis dafür an, dass das Sein die entscheidende Kategorie ist, mühsam von idealistischen Chimären funzelhaft erleuchtet. Wer satt wird, kann sich den Glauben an das Gute am Menschen sparen, wer nicht satt wird, steckt sich den Glauben an den Hut. Der daraus resultierende Klassenkampf ist für eine Klasse bereits entschieden: für die obere. Denn gäbe es keinen Sieg der bigotten Scharlatane über das Fußvolk, es gäbe dieses verdammte Paradies. Nur halt ohne Scharlatane. Dann schon lieber den hysterischen Materialismus.

Auch die raffende Klasse glaubt fest an die Notwendigkeit der Produktion; sie verendete sonst elend in ihren Luxuskarossen, die spritlos nicht zur Fahrt in den Supermarkt taugten, wo sie sich an der Backwarentheke mit stumpfem Gepöbel in die Erinnerung derer zurückrufen könnten, denen sie im besten Fall Ignoranz entgegenbringen, um sich nicht der ständigen Gefahr gewaltsamen Ablebens auszusetzen. Sie feiern genau den Ökonomismus, den sie ansonsten als methodische Verfehlung des Staates ansehen, wo er den Falschen Recht verleiht. Im Zweifel sind das die scheinbar Schwachen, die sich vor dem Geschnösel der Werteverweigerer aus lauter Ekel zusammenschließen und schädliches Gedankengut wie ein Gesellschaftsordnung nicht nur fordern, sondern auch organisieren. Wo bliebe denn da das Primat der Produktion? Wie brüchig ihre Denkungsart ist, zeigt sich in der vollständig eindimensional verschwiemelten Fixierung auf den quantitativen Geltungskonsum, den sie für das Abzeichen von Macht halten, obwohl sie sich mehr als augenscheinlich zu winselnden Knechten des fossilen Entwicklungsstadiums, in dem plärrende Fellträger sich möglichst viel Zeugs um den Wanst hängen mussten, um als stark zu gelten – in Zeiten ohne Krankenversicherung führte das nicht selten zum kurzen, aber klaren Verdrängungswettbewerb in einer Gesellschaft reiner Eigenverantwortung.

Jede echte als Ideologie getarnte Religion hat im Zentrum ihrer Anschauung einen Mythenbrei, aus dem sich die eigene Degeneration systematisch zur Philosophie umbügeln lässt. Vor dem immanenten Bewusstsein, dass irgendeine Prädestination die Menschen in Produktionsstufen unterschiedlicher Güte eingeteilt haben muss, weil sonst der eigene Besitz, ererbt, erpresst oder gestohlen, nicht als Rangabzeichen der Höherwertigkeit durchgeht, lässt sich der fetischistische Wesenskern nicht verleugnen. Es wird nicht einmal der Tauschwert als höheres Wesen angebetet, sondern inzwischen nur noch dessen nackter Besitz, als verspräche die Fotografie eines reproduzierbares Götzenbildes Heilung von peinlichem Siechtum, das man sich auf dem Abtritt einer Fabulantenkaschemme zugezogen hat. Denn erst das Dingliche, die Verachtung des eigenen Besitzes, der ja irgendwann aus Gründen des zwanghaften Konsums wieder durch ein neues Objekt ersetzt werden muss, um die verhassten Freunde von der eigenen Dominanz zu überzeugen, erst dieser Unterwerfungsakt zeigt, dass sich der Dreckrand auf Sozialentzug in der Nebelregion der Religiotenwelt am unteren Ende der Laternenpfähle entlang tastet: Erleuchtung ausgeschlossen, aber die Bodenhaftung ist auch nicht freiwillig.

Noch weniger überraschend dürfte es sein, wenn der Auspuffliberalismus weimernden Waschlappen das Spielzeug wegnimmt: sie verharren in ihrem präadoleszenten Zustand, wollen eher gewaltsam die Koordinaten der Umwelt verbiegen und fordern von den Untergebenen weniger Atmung beim Schwitzen, damit sie nur ihre frische Luft beim Nichtstun genießen können. Erfahrungsgemäß wird die Sklavenhaltergesellschaft nicht in den Orkus gestampft, weil eins ihrer komplett verkoksten Quotenwürstchen der Plebs spätrömische Dekadenz vorgerülpst hätte, während es sich die Rosette nach Anmeldung der Kreischpresse blattvergoldet. Dass der Besitz eines Aktienpakets davor schützt, als Ausbund der Ichlingspest über den Gartenzaun geprügelt zu werden, ist noch immer ein Gerücht im lächerlichen Konvolut der Volksweisheiten, aber wen würde das stören. Jedenfalls nicht die Klasse der Besitzenden, die noch immer für die kostenlose Feuerversicherung betet, weil sie nicht hoffen will, dass sich die Kotzpröpfe gegenseitig die Autos abfackelt, damit sie ihre Potenzprothesen ungerührt vor der Bude stehen lassen kann, während bei den Parteifreunden die Blechtrümmer abrauchen. Die Degeneration frisst ihre Kinder. Sie schmatzt, wie auch sonst. Manierliches Verhalten wird man nicht erwarten können von verkommenen Ungeheuern, die sich am Fleisch laben, während es noch zuckt. Der Kapitalismus nimmt es von den Lebendigen. Aus Gründen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVIII): Der Markt

3 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte manchmal das Glück, bei der Suche nach Buntbeeren auf den Großen Prickelpilz zu stoßen, der bei knapper Dosierung lustig machte. Ein mittelgroßes Exemplar reichte für einen recht gemütlichen Abend in der Einfamilienhöhle, und fand er mal zwei, so konnte er in durchschnittlichen Sommern eine gute Keule von der Säbelzahnziege für den Schwamm eintauschen. Natürlich half es, die Nester im kleinen Wäldchen bei der westlichen Felswand gut zu kennen. Kaulauch und Hasen hatte Rrt unter Kontrolle, diese Segmente schienen längst abgesteckt. Aber die Wirtschaftsteilnehmer wussten es schon damals, der Markt regelt alles.

Wenn man ihn denn lässt. In den meisten Fällen besteht er aus dreißig Bestattungsinstituten in einer Hundert-Seelen-Gemeinde, die sich karnickeloid vermehren und nach Staatshilfen plärren, weil ihnen keine verraten hat, dass mit Gewerbefreiheit nicht gemeint war, nach Belieben als Unternehmen am Markt aufzutreten, wenn dies keinen Erfolg zu versprechen droht. Manche schwenken sofort um auf Nagelstudio, Musikschule, Feng-Shui-Bude oder notfalls Unternehmensberatung, weil das jede Knalltüte hinkriegt – doch nicht jede Lücke, in die nach Motivationsgeplärr des Analysten Mut suppt, ist auch als Standort der Vernunft bekannt. Der voodooeske Betriebswirtschaftlerzauber, nach dem Nachfrage und Angebot vollkommen unabhängig voneinander im luftleeren Raum existieren, hier wird er Ereignis.

Wie sonst könnte es grundsätzlich gesteuerte Märkte geben wie den Arbeitsmarkt, auf dem sich die Anbieter degradieren lassen müssen, indem man sie als Arbeitnehmer bezeichnet. Nach unverdünnt aufgetragener Marktlogik könnten derzeit alle Kassierer im Einzelhandel, alle Gesundheits- und Krankenpfleger, Lkw-Fahrer sowie angeschlossene Branchen sich lässig zurücklehnen, ihre staubigen Tarifverträge mit mildem Lächeln in den Schredder kloppen und die verschwiemelten Ausflüchte der sogenannten Tarifpartner – outgesourcte Zwerge für russisches Roulette mit Lohnempfängern – schlicht ignorieren, denn was wäre dieses Land, würde nicht das zehnfache Brutto monatlich rüberwachsen. Aber wen kümmert schon die Definition, wenn man doch klarmachen kann, dass es überall geistig schwer gestörte Brechbeulen gibt, die nur da nach den Regeln spielen, wo sie sie nach Belieben ignorieren können.

Tatsächlich sehnen aufmerksamkeitsgestörte Hackfressen sich nur nach dem Scheinoligopol, in dem sie als arbeitsscheue Anteilsschmarotzer den Preis für systemrelevante Leistungen durch gezielte Verknappung so weit in die Höhe zwiebeln können, dass sie das Gleichgewicht halten: nicht zu geringe Erlöse unter Berücksichtigung aller vorsätzlich hinterzogenen Steuern und Abgaben, keine zu niedrigen Verluste in der Verbraucherschicht, um zu kompensieren, dass man nicht jedem, der wegen eines überteuerten Medikaments verstirbt, vorher noch ins Gesicht hat spucken können.

Sollten sie sich im Vollsuff einmal zu hart mit dem Gesichtsversuch in die Tischecke gelegt haben, so werden sie angenehm erfreut sein, dass es auch an Sonn- und Feiertagen einen Notdienst für die Esszimmerreparatur gibt. Eigennutz, wusste auch der geneigte Nazi, ohne es zugeben zu wollen, geht ja stets vor Gemeinnutz, und der Taxifahrer, der den letzten Zug am Bahnhof abwartet, tut dies nicht aus reiner Philanthropie: beide wollen ihren Kredit abbezahlen und schielen kalt auf die Zuschläge, die sich in einem ausgedünnten Angebot wie von selbst ergeben. Zuverlässig anwesende Hühner lachen bei Gelegenheit, wenn der Preis sich durch etwaige Kaufverweigerung einpendeln sollte – mit dem vereiterten Zahn hockt der Nanodenker freilich ein ganzes Quartal vor des Dentisten Tor, bis die Kasse ein Machtwort lispelt, und gibt es kein Brot, frisst der geneigte Kunde auf Befehl Kuchen.

Die komplett unsichtbare Hand, die sich nur in einem Paralleluniversum zeigt, regelt nur bei denen ihren Schlamassel, wo der Brägen auf Halbmast hängt. Auf einem perfekten Markt gäbe es keine Märkte, das Volumen wäre begrenzt, da es sich in einem abgeschlossenen Kreislauf befindet, das den Energieerhaltungssatz auch durch schamanisches Hüpfen nicht abschafft, und das religiös verehrte Wachstum wäre eine Folge von Lack on the rocks, den die im Oberstübchen verseiften Soziopathen zur Aufrechterhaltung ihrer Laberzirrhose nötiger haben als die Dünnluft zum Atmen. Kaum ist für sie der Spargel in Gefahr, plärren die Waschweiber im Chor nach Mammi, die ihnen die Windeln wechselt, weil sich diese verdammte Realität nicht an die Vorstellungen hält, die man nach einer Tüte Tanzdragees entwickelt. Sicher gibt es Wachstum, ungebremste Progression ohne Rücksicht auf alle anderen Faktoren, freie Entfaltung durch gezielte Zerstörung der Umgebungsvariablen. Im gut sortierten Fachhandel heißt das Zeug Krebs, und wer es sich selbst wegbeten will, kommt früher oder später zum Arzt. Und sei es, mit etwas Glück für alle anderen, zum Sterben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DIII): Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

28 02 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann nach dem Urknall müssen sich Materie und Strahlung entkoppelt haben, dann begann die Bildung der Galaxien, große Gaswolken kollabierten zu Sternen, die Planeten gingen auf die Umlaufbahnen, dann entstanden Jahreszeiten, Ebbe und Flut. Trüb guckte der Troglodyt in den Regen, in die Nacht. Heute hockt der Hominide wie doof vor dem visuellen Endgerät und lässt Werbepausen an sich vorüberwabern, bevor der Filmdreck ihm wieder die Synapsen verkleistern darf. Das Konzept Zeit hat sich auch makrokosmisch durchgesetzt, ist aber in der Art Gesellschaft, die den Namen nicht unbedingt rechtfertigt, nicht mehr Grundgröße, nur selten von eigenem Wert, ansonsten nutzbares Zeug und nachwachsender Rohstoff. Es ist noch nicht einmal hinreichend geklärt, ob wir die Zeit verloren haben oder sie uns. Und niemand weiß, ob eine Antwort auf diese Frage es nicht schlimmer machen würde. Viel schlimmer.

Noch vor wenigen Jahrhunderten besaß nicht jeder das Bewusstsein, ein Individuum zu sein, indes er teilte seine Existenz in zwei Phasen ein, die vorübergehende in der Kohlenstoffwelt, eine nicht vergängliche im metaphysischen Ereigniskomplex. Letzterer gibt heute nur noch sporadisch Hoffnung und wird bisweilen ausgeblendet, wo in der reinen Zeitdilatation der Augenblick selbst sich zerdehnt wie Kaugummi unter einen Kinositz. Wir haben gerade noch so viel Zeit, dass wir jedem sagen können, wir hätten keine mehr. Die rigide Struktur neuzeitlicher Verwertungslogik hat uns abgerichtet, wir unterwerfen uns nicht mehr den Zeiten, sondern der Uhr, ihrer Weiterung ins Minutiöse, das als geldwerte Einheit überhaupt unsere Würde als wirtschaftliche Subjekte bestimmt. Als Teil einer kapitalistischen Nutzerbringung ist der Mensch in der Pflicht, seine Zeit in den Dienst des Marktes zu stellen, weil dieser Markt ihn sonst nicht überleben ließe, auch nicht in der resultierenden Restzeit, in der man atmet und schläft, isst und wohnt, nach Möglichkeit aber als Verbraucher seine Zeit auch im Interesse der Wirtschaft einsetzt, weil sich sonst die verlorene Zeit endgültig nicht mehr lohnen, das heißt: rechnen würde. Die Berechtigung zu ein paar Stunden Freigang erhält der ökonomisch getriebene Bürger nur, wenn er sie gegen die Käfighaltung der Leistungsethik eintauscht. So will es das Gesetz.

Als ungesetzlich, da unmoralisch, gilt sogleich alles, was die Verwertbarkeit abstreitet, indem es dem Gut Zeit einen inneren, untilgbaren Wert beimisst, als ob sie eine eigene Würde besäße. Der Arbeitslose wird nicht wegen seines mangelnden Beitrag am BIP geschmäht, man wirft ihm vor, seine Lebenszeit autonom zu nutzen, für sich selbst und verdachtsweise auch in eigenem Interesse. Der Bettler schon unterlag der verschwiemelten Ausbeutungssystematik, denn er unterlag noch immer dem grob gerasterten Stundenschlag, Auf- und Untergang der Sonne, Morgen-, Abendläuten sowie den Elementarkräften, die sich nicht beugen wollten, wenn die Börse es verlangte. Sie wurden frühzeitig als schlechte Vorbilder für die Jugend und die konditionierte Arbeiterklasse von der Gasse gefegt, eingesperrt und ins Werkhaus gestopft, um fortan nach dem Rhythmus der Industrialisierung den Fluss der Dinge zu erfahren. Noch heute zwingt die Maßnahme des Erwerbslosen, sich ans Maß zu gewöhnen, Struktur in den Tag und also in die reine Gegenwärtigkeit des Schaffens zu bringen, auch wenn dies den Wert der Person am Markt mindert.

Als reine Provokation bleibt das klassische Ideal der Muße auf der Strecke, ohne den Künste und Wissenschaft, namentlich die Philosophie nie den hohen Stellenwert im abendländischen Konstrukt gewonnen hätten, den ihm die Bildungsstelzen bis heute zuschreiben. Allerlei larmoyantes Wirrwerk mit Lufthaken dengeln sich die ökonomisierten Triebkraftprotze zusammen, als könne es Freiheit nur im Knast der Stechuhren geben, Wohlstand der Wenigen durch die Vertaktung der Vielen dabei fadenscheinig ausblendend. Dass eine ehedem heilige Zeitordnung des Immateriellen durch eine noch viel sakrosanktere Tempovorschrift ersetzt wird, verdeckt mühselig, wie wenig man das Motiv für Entdeckung und Innovation: die Faulheit ernst nimmt und ihren Endzweck erkennen will, nämlich die Auslastung der Maschine, der man gar nicht erst ein Ethos zusammendichten muss, um sie in eine pseudoreligiöse Sphäre zu hieven. Ohnehin hält der Apparat besser und treuer den Takt, kennt er doch keinerlei Barmherzigkeit, Herrenfeste oder Urlaub.

So bestrafen wir, dass wir die Ordnung der Vernunft verlassen haben, an denen, die noch an ihr festhalten, statt sich paradoxaler Beschleunigung hinzugeben, die in einem geschlossenen Kreis gar nicht funktionieren kann, da es Gesetze gibt, Gesetze und Grenzen, nicht nur in der Genauigkeit, auch in der Größe. Bei der Lichtgeschwindigkeit ist dann spätestens Schluss, nicht nur zufällig, sondern als Folge der Rahmenbedingungen. Sie werden das nicht ändern, auch nicht bei Sonnenaufgang. Sie hätten sich einen anderen Urknall suchen müssen.





Zielalter

22 05 2017

„Die Rüben sind von, warten Sie mal, gestern war Donnerstag? nee, dann sind die doch schon älter. Aber Hauptsache weich. Dann brauchen die nicht so lange zu kochen, einmal durchpürieren, und schon haben wir eine wunderbare Suppe für gut drei Tage. Besser als diese Frischware, ich verstehe das auch nicht, können diese Leute denn nicht lesen? Wer soll denn die kauen?

Das ist der Unterschied zwischen den Tafeln und unserem Selbsthilfeprogramm: wir wollen die Leute nicht einfach nur satt kriegen. Wir geben ihnen etwas mit, das ihre individuelle Lebensperspektive vollkommen ersetzt. Wenn die dann irgendwann in der Altersarmut angekommen sind, dann haben sie gut und gerne fünf bis zehn Jahre Training hinter sich. Dann sitzen die Prozesse und das Leben wird relativ schön – relativ im Vergleich beispielsweise zum Tod, man kann ja alles mit allem vergleichen, wenn man will. Gucken Sie sich das ruhig mal an, wir arbeiten mit absolut realistischen Methoden, da bekommen Sie mal einen kleinen Eindruck, links bitte. So, hier.

Das ist eine Kleiderkammer, absolut realistisch nachgebaut, hatte ich Ihnen ja gesagt. Wir legen größten Wert darauf, dass Sie original abgelegte Kleidung aus bürgerlichen Haushalten bekommen, und zwar zu weit Dritteln in Beige und Grau, das da ist irgendwas dazwischen, und immer eine Größe zu groß. Da wächst man rein, oder eben auch nicht. Bedenken Sie den Vorteil, wenn Sie das Zielalter erreicht haben, haben Sie schon körperlich keine Chance mehr, in den Container zu kriechen. Da nehmen Sie, was Sie kriegen können. Außerdem kriegen Sie unter die Jacke zwei Pullover. Wir haben hier ja ganz gemütlich geheizt, die Halle wird nachts etwas klamm und ich kann meinem Personal die Kälte nicht zumuten, aber wenn Sie dann die Heizkosten nicht mehr werden bezahlen können, dann sind Sie glücklich über zwei Pullover. Und einen Schal. Und die Jacke. Und die Mütze. Man kann ja nicht immer nur draußen herumlaufen.

Natürlich muss man da anstehen. Guter Mann, wir sind hier in einem der reichsten Länder der Welt, wir können uns den Verwaltungsaufwand doch locker leisten. Ja, die Dame steht jetzt hier seit einer halben Stunde, die Jacke, die sie beantragt hat, die hängt auch schon abholbereit, die Mitarbeiterin wird jeden Augenblick da sein, um ihr zu sagen, dass die Papiere tatsächlich vollständig sind, und dann haben wir auch schon Dienstschluss, und dann darf die Dame gerne, warten Sie mal, gestern war Mittwoch? nee, dann erst übermorgen. Wir müssen den ganzen Administrationskram auch irgendwann erledigen, das macht sich nicht von alleine, und die paar Tage wird sie ja wohl auf ihre Jacke warten können. Es sei denn, sie erkältet sich. Dann kriegt die Jacke eben jemand anders.

Früher konnten die Rentner ihr Gemüse noch im Schrebergarten ziehen, und statt Fernsehen gab’s dann eben Kirchenchor. Aber die Gebühren, wenn man sich das mal anschaut, der soziale Kahlschlag, wo gibt es denn heute noch Kirchenchöre, das ist schon eine komische Sache – eigentlich gut, denn wo kriegen wir sonst unsere Geschäftsmodelle her? Man ist ja als Dienstleister immer nur so gut wie die Gesellschaft, die einen Bedarf entdeckt. Ganz einfaches betriebswirtschaftliches Denken. Wenn unten keine schwarze Zahl rauskommt, hat man etwas falsch gemacht. Aber wir wollen nicht immer nur von den Sozialversicherungen reden, hier geht’s ja noch weiter hinter der Tür. Vorsicht, Stufe!

So, und da hätten wir dann unsere neue Flaschensammelanlage. Sieht natürlich erstmal aus wie normale Mülleimer, die werden auch täglich mit Frischmüll beschickt, damit die Teilnehmer ein möglichst authentisches Geruchserlebnis haben, der haptische Reiz erfordert ja doch etwas Gewöhnung, und dann können unsere Teilnehmer hier die notwendigen Übungen machen. Das heißt, zunächst unterscheidet man die pfandpflichtigen von den nicht pfandpflichtigen Behältnissen, und wenn man dann die pfandpflichtigen rausgesucht hat, kann man sich eindecken. Dann muss man natürlich noch eine gewisse kombinatorische Schulung und die anschließenden Übungen durchlaufen – so eine Rucksackaufgabe, verstehen Sie? Manche Flaschen sind ja mehr wert, manche sind auch nicht in allen Automaten abzugeben, da braucht es eine genaue Planung, wie man seine Transportkapazitäten nutzt. Sie sehen, wir vermitteln hier durchaus höhere Bildung im Auftrage der sozialen Idee.

Also unser Konzept ist ja als Lizenzgeschäft zu verstehen, Sie dürfen gegen Schutzgebühr ein eigenes Lebenshilfe-Lager betreiben. Funktioniert so ähnlich wie Bewerbungstraining oder Ein-Euro-Jobs, die Verwaltung beschickt sie regelmäßig mit der vereinbarten Teilnehmermenge, Sie kriegen die Kohle garantiert, und was Sie hier machen, gilt von vornherein als zertifiziert. Stempel drauf, danach fragt Sie niemand mehr, was Sie hier machen. Dreißig bis vierzig Leutchen schleusen Sie hier immer so durch, für den Nachschub legen Sie eine Warteliste an, dann sieht das für die Verwaltung automatisch nach erhöhter Nachfrage aus – so ist unter anderem der Fachkräftemangel entstanden, wenn Sie wissen, was ich meine – und ab da läuft das Business eigentlich auch schon von alleine. Ab und zu mal die Gebühren erhöhen, fertig. Das kriegt man auch ohne staatliche Hilfe hin, oder?“





Wagniskapital

18 01 2016

„Haben Sie ein paar Unterlagen für mich dabei?“ „Hier, wie besprochen.“ „Vielen Dank. Und Sie haben ein eigenes kleines Familienunternehmen?“ „Ich leite eine eigenständige Zelle, aber wir wollen jetzt expandieren.“ „Eigenes Ausbildungscamp?“ „Mittelfristig. Momentan mieten wir uns im Jemen wochenweise ein.“ „Gut, dann wollen wir mal sehen. Haben Sie schon über ein Anlagemodell nachgedacht?“ „Kann man sich das aussuchen?“ „Klar. Als Finanzdienstleister sind wir immer auf der Seite unserer Kunden.“ „Toll!“

„Wie kamen Sie auf Terrorismus?“ „Wir hatten alle schon Erfahrung im Drogengeschäft, aber das ist politisch zu unsicher. Die Staaten werden alle zu normal, die Hysterie ist weg.“ „Ja, traurig. Und wie ist es mit Menschenhandel? Schlepperei?“ „Der logistische Aufwand ist hoch, man ist ständig in Südeuropa unterwegs.“ „Immerhin an der frischen Luft.“ „Aber man wird ja auch nicht jünger.“ „Da haben Sie auch wieder recht.“ „Wir suchen jetzt eine Finanzierung, die uns Sicherheit gibt.“ „Da sind Sie bei uns absolut richtig.“ „Danke, das bedeutet mir sehr viel. Man muss sich auf seine Partner ja verlassen können.“

„Unsere Basisleistungen gehen los bei einfachen Schwarzmarktbeschickungen mit unverzollter Ware.“ „Zigaretten?“ „Die Kundenzufriedenheit ist in dem Segment am höchsten. Marlboro lässt sich nicht so gut fälschen wie Adidas.“ „Das wäre jetzt beispielsweise etwas mit Eigenleistung?“ „Je mehr Sie an eigener Arbeit reinstecken, desto mehr können Sie sparen. Das Bauherrenmodell, wenn Sie so wollen.“ „Aber reicht das? ich meine, noch sind wir ja ein übersichtliches Unternehmen, aber bei geopolitisch nicht erwartbaren Entwicklungen muss man immer flexibel sein für Veränderung und Wachstum.“ „Sie können ja jederzeit langfristige Anlagen mit in Ihren Mix nehmen. Streuen Sie Ihr Portfolio. Antike Kunst beispielsweise.“ „Aber die wird gerade überall zerstört.“ „Nur die Bauwerke, die müssen natürlich weg, weil sie den Preis niedrig halten. Bewegliche Gegenstände haben immer noch einen sehr guten Markt.“ „Und das lässt sich dann gut steuern?“ „Bei Sachwerten schon. Die Märkte sind da weitaus weniger volatil als der DAX oder irgendwelche Wahlprognosen.“ „Gut zu wissen.“

„Was auch gerne genommen wird, ist ein Modell mit Franchise-Unternehmern.“ „Haben Sie da mal etwas Material?“ „Freilich. Hier sind die Routen, eine kleine Fahrzeugflotte, man kann die Wagen wie ein Taxi über eine App ordern.“ „Und die blauen Linien?“ „Der Global Service. Flüge, Schiffspassagen. Alles drin bei Call-a-Bomb.“ „Wo kommen wir da ins Spiel?“ „Sie leisten eine Art Vorfinanzierung durch den Kauf der Fahrzeuge, und dann…“ „Wenn ich mal unterbrechen darf: was für Fahrzeuge?“ „Oh, gute Ware. Regierungswagen, teilweise von Geheimdiensten, manchmal beides. Scheckheftgepflegt aus Steuergeldern.“ „Toll!“ „Dafür können Sie natürlich auch einen guten Preis verlangen.“ „Und unsere eigenen Lieferungen?“ „Setzen Sie natürlich als Betriebskosten von der Steuer ab.“

„Hätten auch eine Möglichkeit, regional zu investieren?“ „Natürlich, wir empfehlen krisenfeste Krisenregionen. Saudi Plus wäre da so ein Fonds.“ „Saudi Plus?“ „Exakt. Wir kombinieren Aktien aus den Bereichen militärisches Großgerät mit den klassischen Erdölspekulationen.“ „Und das bringt Gewinn?“ „Sogar doppelt. Je mehr Sie an den Waffenlieferungen an Saudi-Arabien verdienen…“ „Deutsche Waffen?“ „Nur die besten.“ „Toll!“ „Wie gesagt, je mehr Sie verdienen, desto mehr haben Sie auch von den Börsenspekulationen.“ „Und wenn der Ölpreis weiter fällt?“ „Dann investieren die Saudis natürlich weiter in Rüstungsgüter. Eine echte Win-Win-Anlage.“

„Aber da muss ich doch noch mal nachhaken.“ „Bitte.“ „Die USA zerstören eine Menge Ölfelder.“ „Das ist richtig, warum?“ „Gilt Ihr Fonds da nicht als Risikokapitalanlage?“ „Sehen Sie, deshalb haben wir unsere Aktien ja auf die Stabilitätsanker in der Region konzentriert. Wenn Sie trotzdem eine Investition in Wagniskapital in Erwägung ziehen sollten, könnten Sie beispielsweise kleine Beträge an die Beamten im Irak und in Afghanistan leisten. Das rentiert sich langfristig. Immer vorausgesetzt, die Beamten leben dann noch.“

„Verzeihen Sie, wenn ich so direkt frage…“ „Aber bitte, nur zu.“ „Existieren möglicherweise auch staatliche Fördermittel für uns?“ „Ich nehme an, Sie wollen eine Direktförderung beantragen?“ „Gibt es denn da noch andere?“ „Sie könnten beispielsweise einen privaten Geheimdienst gründen und mit einer westlichen Regierung eine Art Exklusivvertrag abschließen, aber das ist eine komplizierte Sache. Zumindest in Bezug auf die Finanzierung.“ „Dann lieber direkt.“ „Sie können in den Aufbaugebieten, in denen Blauhelme so tun, als würden sie die Demokratie verteidigen, mit den Verwaltungsposten kooperieren.“ „Das geht?“ „Die Übergänge von staatlichen zu privaten Stellen sind dort ungefähr so durchlässig wie in der deutschen Baubranche.“ „Verstehe, da wird dann über die Aufbauhilfe entschieden.“ „So ist es. Sie können als öffentlich-private Partnerschaft dafür sorgen, dass eine Hand ganz legal die andere wäscht.“ „Und welche Auftragsvolumina wären da zu erwarten?“ „Konjunkturabhängig. Brunnen, Krankenhäuser, vor dem Besuch der deutschen Verteidigungsministerin auch oft mal ein Dutzend Mädchenschulen.“ „Ist das nicht eine unsichere Sache? Irgendwann ist doch das letzte Wüstenloch mit einem Brunnen ausgestattet.“ „Na und? Je mehr Mädchenschulen Sie bauen, desto mehr können Sie hinterher auch wieder platt bomben.“ „Toll!“ „Bei den Krankenhäusern helfen Ihnen sogar die USA aus.“ „Sie denken aber auch an alles!“ „Als international agierender Konzern ist das doch selbstverständlich. Oder was meinen Sie, warum wir uns so toll verstehen?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLIV): Fußball-Weltmeisterschaft

13 06 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich fing es an, als die Hominiden sich nicht mehr wahllos und durcheinander aufs Maul kloppten, sondern Clans bildeten, lagebedingte Höhlengemeinschaften, in denen die Bewohner diesseits des Rinnsals die Bewohner jenseits für zu kurz gekommene Deppen hielten und mit unreifen Früchten bewarfen, was andersherum ebenso gut funktionierte. Eine Generation später nahm man Steine, dann Stöcke, schließlich zivilisierte sich die Auseinandersetzung in einem ritualisierten Spiel, bei dem Auserwählte – versicherungstechnisch wäre man heutzutage bereit, sie als Opfer zu klassifizieren – gegeneinander antraten. Alles lief, keiner hatte ein Problem damit, bis irgendein Torfschädel anfing, Statistiken über die Kämpfe anzulegen. Endgültig in die Grütze geriet alles mit dem Brauch, sich kunterbunte Abzeichen aufs Wams zu popeln. Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft eigentlich nur ein kleiner Schritt.

Hauptsache, die Menschheit blieb auf der Strecke. Alle vier Jahre, alternierend zu Europa- und sonstigen Cups, röhrt das kollektive Überbestusste aus dem Hirnzellenkeller der Schnackbratzen. Sie topfen sich Sondermüll auf den Schädel, farbige Zylinder aus Plüsch mit Klatschapparatur, damit beim Betrachten der Kalotte der Notfallneurologe sofort weiß: niemand zu Hause. Sie setzen sich Sonnenklobrillen auf, behängen sich mit Plastegirlanden, als wollten sie Primaten Nachhilfe geben, wie man eine komplette Spezies bis zum nächsten Urknall blamiert, und sie singen. Nein, sie rülpsen sich einen Choral aus Alkoholresten und abgestorbenem Neocortex aus der Austrittsöffnung, die sonst für den Nachschub an vergrillten Schweinskadavern und Alkaloiden zuständig ist. Bisweilen nennen sie es Fankultur, aber was hat der gut eingeübte Nachweis totaler Unzurechnungsfähigkeit mit Kultur zu tun?

Weil der Fußball heute nur noch marginal mit einer seiner Begleiterscheinungen zu tun hat. Mit Fußball. Es geht einer Rotte Furunkelträger im warzigen Beerdigungszwirn nur noch um die fette schwarze Zahl, nebst der Tatsache, dass man die Gewinne an der öffentlichen Ordnung vorbeischleifen kann. Ein paar Dümmlinge mit larmoyanten Frisuren und albernem Schuhwerk posieren auf dem Rollrasen und lassen sich quotenkompatibel die Innenbänder eindellen, damit die Bundesträne fürs Ausscheiden im Achtelfinale die passende Ausrede im Köcher findet. Dazu jodelt eine Fettklopsbude im Kontrapunkt mit einer Industrieabfertigungsfirma für bieroides Geplörr, alle zwanzig Sekunden schwiemelt sich irgendein brechreizblöder Logo-Versuch über den Bildschirm, bis der letzte Dödel vor der Glotze kapiert hat: friss Popcorn, dann erträgt man auch dieses bekloppte Gekicke im Hintergrund ohne Magenbluten.

Denn Fußball, und das hören die alzheimernden Schorffressen aus den Verbandsvorständen am wenigsten gern, Fußball war nie eine Angelegenheit der bürgerlichen Massen, ganz zu schweigen von der agogisierenden Wunschwirkung auf das Proletariat. Er ist ein Gewächs der britischen Oberschicht, die ihn an die germanischen Offiziere und ihre Burschen- und Mannschaften weiterreichte, Alemannia und Borussia, die sich vor dem großen Schlachten als Geschwadermeister und Rekruten gegen Hereros und Hottentotten warmliefen, nationalbekiffte Dumpfschädel, denen jeder schwarzweißrote Lappen als Heiligtum erschien. Erst dem Personalmangel in der Armee ist es zu verdanken, dass auch Arbeiterjungen sich an der Kickkugel versuchen durften, und selbst die wurden entsprechend eingenordet, um im Sinne der elitären Vernichtungsmaschinerie aufzulaufen.

So nimmt es auch kaum Wunder, dass sich das abgesunkene Sozialdeformat gängeln lässt unter der Knute des explodierenden Imperialkonsumismus. Wie die Proletenjournaille reicher Nationen Arme aufhetzt gegen Ärmere noch ärmerer Länder, so lässt sich der Bolzplatzjunkie in steigerungsfähige Aggregatzustände von Beknacktheit manövrieren, und das alles nur mit einer Zielsetzung: korrupte Bürokraten bekommen von korrupten Konzernen jede Menge Bares in die Schleimhaut gerieben, damit die organisierte Kriminalität unter dem Deckmäntelchen eines Sportspektakels die Geldwaschmaschine anschmeißen kann. Ein paar dösige Medienmarionetten halten das sicher für maßlos übertrieben – man hat ihnen inzwischen bestimmt schon die Grablege der Kritiker vom letzten Jahr gezeigt – und werden auf höheren Befehl mehrmals täglich aufgezogen, um ihre affirmativen Hintergrundgeräusche loszuwerden.

Sollte im arabischen Wüstensand der Sturm samt Mittelfeld in die Embolie torkeln, dann werden sie natürlich entsetzt aufjaulen. Die immer noch gutgläubigen Zwangskonsumenten natürlich, nicht die Zuhälter in der VIP-Lounge. Sie werden es verkraften, denn sie humpeln noch immer den Führern hinterher. Es sind noch immer dieselben Opportunisten, die auch mit Menschenköpfen Freistöße ballern, wie es ihre historischen Vorbilder getan haben.

Zum Glück gibt es diesen akustischen Gestank, die Masse übler und übelster Meisterschaftssongs, die teils aus Gaudi, teils aus ehrlichem Sadismus im Dudelfunk die Generalattacke aufs Brechzentrum reiten. Nicht ausgeschlossen, dass diese ganze Angelegenheit nach dem Genuss zweier Portionen Müllbeutelimitat der Zielgruppe selbst peinlich wird. Die Hoffnung geht ja bekanntlich zuletzt von der Fahne.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXIV): Verordneter Narzissmus

21 03 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das hat die Natur ja wieder mal voll tricky eingerichtet. Wer mit etwas höherer Intelligenz und durchaus tauglichem Sozialverhalten ausgestattet ist, Elefanten etwa, erkennt seine Artgenossen. Für den Arbeitsalltag in freier Wildbahn ist das so verkehrt nicht, erspart mancherlei Missgriffe und reicht aus, um die Spezies zu erhalten, wenn sich die umliegende Evolution einmal weitergedreht hat. Einfach strukturierte Kohlenstoffklötzchen, die ihre Existenz nicht recht überblicken, etwa die ersten Hominiden, sie flippen komplett aus beim Blick in die spiegelnde Fläche. Was für den einen simpler Guckreiz ist, was der andere zur Selbsterkenntnis aufpustet, ist dem nüchternen Betrachter nur der Beweis, dass die durchschnittlichen Beknackten mit ihrem Spiegelbild irgendwas anfangen wollen, es heiraten, ihm ein in die Fresse möllern oder aber vor ihm schreiend weglaufen. Sei es, wie es sei, Objekt klein a hat definitiv gesiegt, und doch nölt das kapitalistische Verstörungspersonal, dass sie die Beute so leicht nicht vom Haken lassen. Das Spiegelbild ist der beste Hänger für eine besonders perfide Form, die Selbstentfremdung zum Inhalt der Inkarnation zu adeln. Wenn schon krankhafter Narzissmus, dann wenigstens verordnet.

Nicht die Epoche war es, es ist eine Geisteshaltung, die uns vorschreibt, noch ein Kilo Fett am Arsch loszuwerden. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Irgendwann zückt der Anorexieberater seine Visitenkarte. Wie erlösend muss es da sein, wenn die Tante mit der komischen Brille zu den Täubchen im Speckmantel sagt: alles gut so, Ihr findet Euch jetzt gefälligst mal hübsch, danke fürs Geräusch. Nein, es geht nicht darum, dass sie keine nennenswerte Ahnung von den Gelenkproblemen adipöser Schlunzen hat. Oder westerwelleske Epidermis für tageslichtkompatibel hält. Sie hämmert den Mehlmützen ein, dass jedes noch so gebeutelte Schnitzelkind sich selbst für perfekt halten soll. Nicht annehmbar, nicht knapp im Rahmen des Erträglichen, sondern: perfekt. Dann ist es auch so. Glaub dran und halt’s Maul.

Die neoliberale Esoterikkacke funktioniert nach dem einfachen Strickmuster, dass jeder Depp jedes noch so aberwitzige Ziel erreichen kann, wenn er sich nur genug anstrengt – die als Regierungen getarnte Zusammenrottung genetischer Dropouts plärren in stetiger Einheit, dass nur mit noch mehr Verarmung und sozialem Abstieg für alle ein Wettrennen gelingt, bei dem auch alle Erster werden. Warum also nicht die ohnehin kaum zu komplexer Logik fähigen Robbenbarbies mit in den Strudel der Schnellverdeppung schubsen, wo sie lernen, aus allen Knopflöchern nach Ich zu stinken.

Sie zwingen sich zur Fröhlichkeit, lassen sich bis über den Steiß liften, um eine jugendliche Fresse ziehen zu können, und wenn der Verfall sich dem Endstadium nähert, beten sie sich mit obskuren Methoden, Zuckerpillen und Hokuspokus gesund, weil der gezwirbelte Dumpfsinn sich so schön glauben lässt: es geht uns gut, solange wir es wollen, weil wir stark sind, unerschütterlich, nicht, in Worten nicht sterblich, und wer etwas anderes behauptet, gehört nicht zu uns. Der antiintellektuelle Schorf, an dem mancher Auswurf der menschenfeindlichen Gesinnung haften bleibt, ist auch hier wieder nur die reinste Form des Irrationalismus. Wider jede Vernunft, wider jeden Verstand klotzt sich die Kasperade auf, und wüssten sie, wie die filigranen Symptome der Beklopptheit auf die Außenwelt wirkten, sie hielten den Rand.

Leider haben sie auch noch Erfolg mit dem Schmadder. Ein Dutzend meist für ramponierte Egos ins Publikum geschwiemelte Zeitschriften, in diesem Fall: Periodika für Leserinnen, walzen die pseudolibertäre Befreiungsbotschaft so platt, dass sie unter jeder Tür durchsuppt. Nimm Dich selbst positiv wahr, jodeln die Hirnkneter, dann strahlst Du auch positive Energie aus, mit denen Du die Tranmöpse neben Dir aus dem Rennen kickst.

Dass sich keine der traumatisierten Tussen die Birne an der Erkenntnis zermarmelt, dafür sorgt die gründliche Selbstentfremdung, eingeübt über Jahrzehnte und Generationen, entstellt und in die Kategorien der Verwertbarkeit gedengelt. Sie sehen sich, wie die Sklaven ihren Kolonialherren gegenübertraten, Leibeigene ohne eigenen Leib, verzerrt, vom verinnerlichten Stereotyp verdumpft. Das Ich ist ein Anderer, es ist nur nicht das Ideal, das der Narzisst aufpoppen sieht. Die Zuneigung mag dem Anderen gelten, aber das ist nicht das Ich. Willkommen in der Schizophrenie.

Die Quittung folgt sowieso, sobald die Physis in der Realität aufschlägt. Gerade noch euphorisch vor dem Spiegel, alles supi, alles schön, und schon passt der Arsch wieder nicht in die Dinger, mit denen die Textilterroristen ihre Klientel zur Sau machen. Nicht einmal Lacan trug Größe 38. Tja.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXX): Die Grenzen der Arbeit

21 02 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt Berufe – Maschinenschlosser, Henker, Rübenzüchter – bei denen man sich nicht einfach Arbeit mit nach Hause nehmen kann, und es gibt solche – Rübenzüchter, Henker, Maschinenschlosser – bei denen das nicht wünschenswert wäre, für wen auch immer. Die Personalsachbearbeiterin im Zahnbürstenkonzern zieht sich ihren Job am Freitagabend aus wie einen Laborkittel, den man drei Nächte lang im Spind hängen lassen kann. Wer wollte ihr das verübeln? Höchstens der Aufsichtsratsvorsitzende, der sich einen Job nicht einmal anzieht, weil er für ihn austauschbar ist: heute Zahnbürsten, morgen Zigaretten, wer interessiert sich schon für mehr als Zahlen. Das aber ist nicht das Problem. Die Arbeit suppt ins Private, ihre Grenzen sind nicht mehr zu erkennen.

Sie haben es durch die elektronischen Fußfessel der permanenten Erreichbarkeit geschafft, die ortsunabhängigen Personen in einen virtuellen Käfig zu locken und den Schlüssel wegzuwerfen. Die Lohnsoldaten wohnen nicht mehr auf dem Fabrikhof, sie dürfen die Individualität ihrer Existenz voll ausschöpfen. Dass sie es bis an den Rand der immateriellen Prekarisierung zu spüren bekommen, ist kein Zufall, sondern Methode. Denn Sklaven haben keinen Anspruch auf zeitsouveräne Lebensmuster wie Feierabend, Wochenende oder Urlaub, sie sind ein beliebig einzusetzender Wegwerfartikel auf dem Markt der billigen Ressourcen.

In der Stellenanzeige wurde das noch als human orientiertes Ganzheitlichkeitsgeschwiemel verkauft, in der Praxis riecht die Sache schon anders. Alles, was man von der Persönlichkeit verlangt, die der Kandidat gern voll in die Arbeitsmaterie einbringen darf, ist seine Zeit, abgesehen von seinen Nerven. Es beginnt subtil mit einem Meeting an der Grenze zum Arbeitsende. Eine oder zwei Stunden, maximal, aber mehr Mehrarbeit wird nicht verlangt, und schließlich ist es nur die Rufbereitschaft, die dem durchschnittlichen Nichtschwimmer im Haifischbecken das Privatleben versaut. Immerhin ganzheitlich, das will man nicht abstreiten.

Die Dumpfschnösel im Flexibilisierungswahn, die gerade eben zu blöd sind, um den eigenen Burnout an der Haustür kratzen zu hören, plärren natürlich die dritte Stimme im Hohelied der neuen Verwertungswelt – die erste tönt von Aktionären, die zweite speichelt hervor aus dem erfüllenden Management – und loben den Abteilungsleiter, der beim Tête-à-tête, wahlweise auch nach dem vollzogenen Auffahrunfall im Rettungswagen die Quartalszahlen ins Mobilgerät erbricht, weil sonst eine Aufsichtsratte schlechter schliefe. Im Dienste der wirtschaftlichen Schlacht sind wir allzeit bereit, den Feind zu schlagen; dumm nur, wenn wir merken, dass der Feind wir selbst sind.

Die Arbeit wird generell zum Projekt erklärt, mit einer Ziellinie versehen, als unter vorgegebenen Umständen ablaufender Prozess definiert. Wer sich nicht einpasst und durch die unternehmenspolitisch vorgegebene Individualität aufstößt, wird vor die Tür gesetzt. Die Mittel, um dem Leistungsdruck zu widerstehen, darf jeder selbst aufbringen. Wer hätte das gedacht.

Die strukturelle Ausbeutung beginnt meist mit einer Kleinigkeit, die noch am Wochenende erledigt werden darf – an dem heimischen Werkbank, am Computer an der eigenen Steckdose, mit eigenem Bleistift auf eigenem Papier. Eine Umdrehung weiter sitzen die Daumenschrauben bereits so gut, dass auch komplizierte Fälle werktags bis zum folgenden Morgen gelöst werden. Der Kurzstreckendenker hat sich längst an Einzelarbeit ohne das soziale Gefüge im Büro gewöhnt, da wird er auch schon aus seinem erzwungenen Workflow herausgelabert: der Vorgesetzte ruft an und ätzt, ob seine Domestiken nicht schon längst fertig sind, weil sie sonst am kommenden Tag störende Augenringe tragen würden. Die Differenz zum Tyrannenmord schrumpft mit jedem Mal.

Am Ende der Entwicklung werden die Lautsprecher nicht mehr wissen, welche Chancen sich denn hinter den Risiken verbargen. Doch, wir können das Risiko der Selbstorganisation so gut wie privatisieren, aber auch das heißt wieder nur, dass der Unternehmer ausbeutet, während der Arbeiter die posttraumatische Belastungsstörung mit sich selbst privatisiert und freundlicherweise seine Kündigung deswegen nicht weiter hinterfragt. Die Bescheuerten haben sich nicht rechzeitig genug überlegt, wie man es anstellt, in diesem Umfeld nicht permanent auf die Fresse zu fallen, und auf wen sollten sie ihr Versäumnis schon abwälzen.

Wie angenehm, dass immer mehr Spitzenkräfte sich den Schädel perforieren, vom Dach hüpfen oder sonst wie unaufgefordert das Atmen einstellen. Sie reagieren vor den Anforderungen des marktkonformen Terrors nicht anders als die anderen Arbeitnehmer, die irgendwann unter dem Druck kollabieren. Schön, wenn man nicht alleine ist. Und gut, wenn wenigstens einer mit leuchtendem Beispiel voranschreitet.