Freundschaft!

22 03 2022

„Kein Zucker? nee, hier ist kein Öl. Keinen Zucker gibt’s da drüben. Könnten Sie eventuell auch etwas freundlicher gucken, wir sind hier im Einzelhandel. Wenn Sie Ihre schlechte Laune abreagieren wollen, gehen Sie doch bitte zum Finanzamt.

Krise? das nennen Sie Krise!? Sechzehn Sorten Fruchtjoghurt, ein Regal mit Mikrowellenfraß, eins mit japanischen Aufgussnudeln, Litschis und grüner Spargel im Glas, und Sie labern von Krise? Bei der letzten Lackverkostung haben wir das Ausspucken vergessen, was? Keine dreißig, und jetzt kommen Sie hier als westliche Feierabendbrigade der rechten Knalltüten nach Bad Gnirbtzschen, um uns vor der Gefahr zu warnen, die von der Verteufelung der russischen Militärmacht ausgeht? Weil Sie dummes Weichei einen Nervenzusammenbruch kriegen, wo Sie billiges Industriemehl vermissen?

Waren Sie überhaupt schon mal in Russland? Hätte ich mir ja denken können. Ich habe damals in Moskau Marxismus studiert, deshalb bin ich heute ja auch im Einzelhandel. Da lernt man nämlich fürs Leben, genauer gesagt: warum dieser Kapitalismus, den Sie und Ihre Würstchen uns als Lösung für alle Probleme aufs Auge gedrückt haben, das Problem für alle Lösungen ist. Wir hatten damals keine sechzehn Sorten Fruchtjoghurt, und warum? weil wir keine sechzehn Sorten Fruchtjoghurt brauchten. Damals nicht, heute nicht. Es war eben nicht alles gut im Sozialismus. Aber wenn ich mir die Idioten angucke, die die sogenannte freie Marktwirtschaft hervorbringt, dann war auch nicht alles schlecht.

Gibt es irgendwo im Grundgesetz ein Recht auf Tütennudeln? Und ich meine jetzt nicht die teuren, die italienische Markenware spielen, obwohl die mittlerweile als Teil einer Industriebäckerei einem tschechischen Chemiekonzern gehören – da weiß man auch ziemlich schnell, was da drin ist und wo der ganze Krempel herkommt – sondern billige Nudeln, die sich die Rentner leisten können, weil sie sich nur die leisten können müssen. Die braucht jetzt so eine SUV-fahrende Arschgeige wie Sie, die uns weismachen will, von Marktwirtschaft hätten wir ja gar keine Ahnung. Das regelt der Markt, aber im Zweifel ist das eben Krise, wenn man mal nur Vollkornnudeln kriegt, weil die merkwürdigerweise nicht knapp werden. Oder verwechseln Sie das nur, weil bei Ihnen die Spritkasse schlimm sozialistische Quersubventionen aus dem Lebensmittelbudget braucht, die nur der Staat ausgleichen kann? Und was meinen Sie, wem dieser schlimm sozialistische Staat jetzt schneller unter die Arme greifen wird, SUV-fahrenden Arschgeigen oder Rentnern?

Ja, wir haben das auch gehabt damals. Aber wir haben uns nicht ständig beklagt, dass es kein Öl mehr gibt, nicht, weil wir zwanzig Liter Rapsöl aus Mecklenburg zum Überleben brauchten, wenn aus der Ukraine keine Sonnenblumensaat mehr kommt, sondern weil diese verschissene Opfermentalität, die uns die Westler beigebracht haben, damals nicht angesagt war. Wenn Sie Öl wollen, gucken Sie halt einmal in Augenhöhe ins Regal – Augenhöhe, das ist das, was Sie im Osten bis heute nicht auf die Reihe kriegen – und verlangen Sie keine Bückware. Das sind die Regeln, ach was: Gesetze des freien Marktes, die Sie mit Ihrer Ersatzreligion im Rücken seit dreißig Jahren vorjodeln, wenn’s mal unschön läuft für Bevölkerungsschichten, zu denen Sie nicht gehören. Haben wir gejammert, als die Russen die Produktivität mit Planwirtschaft abgewürgt haben? Dann sollten Sie jetzt das Maul halten, wenn die Versorgung durch die Marktwirtschaft versagt.

Die Kaffeekrise haben Sie nicht mitgekriegt, da waren Ihre Eltern vermutlich noch Teenager. Der Preis stieg auf das Sechsfache, dazu kam noch die Ölkrise – fragen Sie Ihre Eltern, ob ein Fahrverbot in ganz Deutschland die Bevölkerung von einem Tag auf den anderen umbringt – und die Produktion der preiswerten Sorten musste eingestellt werden. Aus dem Westen kam nichts, weil wir nicht die erforderlichen Mengen an Mandeln, Korinthen und Orangeat für echten Dresdner Christstollen hatten, wobei: es kam etwas aus dem Westen. Gewimmer. Sie mussten sich schrecklich darüber beklagen, dass es zu Weihnachten nicht den richtigen Stollen gab, mit dem Sie Ihre Wiedervereinigungssehnsucht aus dem Fenster hängen konnten. Wir haben den Kaffee mit Erbsenmehl gestreckt, sind auf Tee umgestiegen und haben haben abgewartet, bis Erichs Krönung nicht mehr die Brühmaschinen in der Gastronomie verstopft. Hat man das Gejammer über die Mauer gehört? Dann fragen Sie sich mal, warum. Von den Regierungsabkommen der DDR mit Vietnam zehrt die Kaffeeindustrie übrigens bis heute, falls Sie interessiert, warum der so billig ist. Die nächste Krise 2001 kam wegen Überproduktion. Aber daran war sicher auch der Sozialismus schuld.

Keiner hier will die DDR zurück. Keiner hier will immerzu ‚Internationale Solidarität!‘ schreien, ‚Freundschaft!‘ oder irgend etwas, das man schreit, weil man sonst nicht daran glaubt. Wenn Sie genau wissen wollen, wie gut uns die Einheit getan hat, dann gucken Sie gerne noch mal nach, was mit dem Vermögen der Ost-CDU passiert ist, bevor sich im Konrad-Adenauer-Haus die Schreibtischschubladen auf wundersame Weise für immer schlossen. Wir haben gewartet, bis es besser wurde, als wir nicht mehr warten wollten, haben wir es besser gemacht. Das steht Ihnen noch bevor. Wünschen Sie sich das nicht. Real existierende Krisen sehen Sie derzeit in der künftigen Sowjetunion, wir hatten nicht mal den real existierenden Sozialismus. Und jetzt nimm Deine Avocados und die Flasche Rotkäppchen und verpiss Dich aus meinem Laden, Du Westbeule!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCII): Der Mythos der Überbevölkerung

26 11 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Ugas Höhle wurde es langsam eng. Seit vor zehn Generationen die Leute vom anderen Ufer des Flusses hinter der westlichen Felswand eingezogen waren, hatte sich der Verbrauch an Süßgras leicht vermehrt, die Ernte aber so gut wie verdoppelt, da mit Hilfe der Einwanderer erstmals systematisch das Grobborstige Knäuelkraut angebaut wurde. Der Sippenälteste jedoch bestand auf strikten Stopp der Besiedlung aller Höhlen neben dem Fischteich. Zu viele Hominiden, so Uga, würden irgendwann die wirtschaftlichen Grundlagen zukünftiger Stämme gefährden. Ob er bereits mutmaßte, dass sich die Erfindung des Rades dadurch um Monate verzögern würde, ist nicht geklärt; möglicherweise hatten sie in der Siedlung an der westlichen Felswand keinen Wahlkampf. Aber es entstand der Mythos der Überbevölkerung, wie wir ihn auch heute noch gern nutzen, wenn uns die Argumente ausgehen.

Der mediale Brüllmüll der letzten Jahre ist noch angefüllt mit Klischees vom vermehrungsfreudigen Afrikaner, dicht gefolgt von anderen Rassen, die europäische Nasskämmer aus dem Finanzsektor gerne kastrieren wollen, weil sie so elitäre Dinge wie Nahrung oder Energie für sich beanspruchen – man denke nur mal an Südamerikaner, die den Mais für ihre Kalorienzufuhr verplempern, während die neoliberale Arschgeige damit als Biosprit noch ihr Ökogewissen grünwaschen könnte. Da macht’s freilich Sinn, wenn man Indios mit ihren Feldern simultan wegklappt. Serviceorientierte Diktatoren übernehmen den Job für wenig Geld. Sollte man die Ressourcen für unser globales Klima – da kann man es endlich mal als schützenswertes Gut raushängen lassen! – nicht viel umsichtiger nutzen, auch und gerade im Interesse der Völker, für die wir Jobs und Mülldeponien schaffen?

Fakt ist, dass ein erschreckend großer Teil der Menschheit nach wie vor in Hunger und Elend lebt, unzureichende medizinische Versorgung hat und oft keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dass es sich bei diesen Menschen um Nachfahren der vom Kolonialismus betroffenen Arbeiter handelt, wird so nachhaltig wie überhebend unterschlagen. Erst mit den politischen Umwälzungen der aktuellen Epoche haben diese Staaten einen Weg bestritten, den die Ausbeuter des angeblich freien Westens nicht mehr tolerieren können: sie sind als willfährige Objekte der Entwicklungshilfe nicht dankbar genug, das Normalmaß an Elend einzuhalten, produzieren stets unschöne Bilder von hungernden Kindern und lauern an unseren Grenzen, wenn der Klimawandel sie zum auswandern nötigt. Sie sind zu viel, anders lässt sich unsere mathematische Überzeugung nicht mit schmerzlosen Mitteln zurechtschwiemeln.

Leider benötigen wir sie immer noch. Ohne die Überbevölkerung, wie wir sie nennen, gäbe es nicht ausreichend Fabrikarbeiter, die in maroden Hallen unsere Klamotten weben, färben und schneidern, unsere Spielwaren zusammendengeln oder unsere Smartphones aus unseren Bodenschätzen braten –es sind nicht unsere Bodenschätze, aber das hat sich bis in die Industrieländer nicht herumgesprochen. Es ist ja auch nicht unser Mais. Oder unser Hunger. Vor dem Hintergrund dieser Produktivität ist nicht die Anzahl der Menschen in den armen Nationen das Problem, sondern die gelassene Bereitschaft der Reichen, diesen Zivilisationsbruch auszublenden, damit wir uns am Überfluss nicht tot kotzen.

Der Kapitalismus ist nie schuld, er definiert die Probleme gewohnheitsmäßig so, dass sie unlösbar bleiben, damit sich die Kapitalisten nicht mit einer moralischen Begründung herumschlagen müssen. Mit dem billigen Schlüssel, für eine enorme Masse an Menschen in den unterentwickelten Regionen gar nicht genug tun zu können, um deren Leben und Wohlstand zu schützen, weil es eben viel zu viele seien, sind wir fein raus. Wir haben den bequemen Weg gewählt. Uns geht es gut. Noch.

Lustigerweise ist auch hier schon das Boot voll. Wir haben nicht genug Wohnungen für alle, nicht genug Jobs, zu viele Menschen für den Markt, und nicht genug Pflegepersonal für die vielen Kranken, nichtgenug Einzahler für die Renten, nicht genug Fachkräfte. Aber Logik stört hier nur, im Grunde ist auch unser Kontinent überbevölkert, wenigstens aus der Perspektive der Eliten, die sich beim Anblick der vielen Nichtmillionäre ekeln, was da alles ohne Porsche auf der Autobahn herumeiern darf. In ihren Augen backt sich Brot von alleine, Müll holt sich selbst ab, wie sich auch ihr Konto automatisch füllt. Da braucht’s dann die anderen Schichten auch nur, um den Klassenkampf unterhaltsamer zu machen, und das in der Bundesrepublik, die dichter besiedelt ist als Nigeria, die bevölkerungsreichste Nation in Afrika. Warum hat noch keiner gefordert, Monaco mit Napalm auf die korrekte Populationsdichte zu stutzen? Geht irgendwer in diesem Loch einer volkswirtschaftlich relevanten Arbeit nach?

Wir wachsen uns kaputt, und was die obszöne Überbevölkerung angeht, hält uns China längst den Spiegel vor: ein Aufschüttung von Megacities und Industriekonglomeraten, in denen der ganze Dreck für die Europäer zusammengehauen wird. Ein hässliches Bild an Überbevölkerung, das die vor Hochmut und moralischer Überlegenheit triefende Besserwisserei der Altweltkapitalisten anwidert. Bald werden wir es ihnen sagen, dass wir sie für ein verkommenes Völkchen halten, auf das wir mit Abscheu und Selbstgefälligkeit herabblicken. Bald. Ganz bestimmt. Wir müssen nur noch eben kurz verdrängen, dass wir dazu viel zu feige wären.





Verbraucherschutz

21 10 2021

„Kann man das nicht einfach verbieten?“ „Was denn?“ „Den Dieselpreis.“ „Wieso das denn?“ „Der ist zu hoch.“ „Für wen?“ „Für mich.“ „Ach so.“ „Das müsste man doch verbieten!“ „Sind Sie von den Grünen?“ „Nein.“ „Dachte ich mir.“

„Wir müssen doch irgendwas tun können gegen diesen Wahnsinn!“ „Benzin ist sogar noch teurer als Diesel.“ „Was?“ „Ich sagte, Benzin ist…“ „Ich habe Sie verstanden, aber warum sagen Sie mir das?“ „Weil das Ihre übliche Argumentation ist.“ „Was?“ „Wenn Ihnen jemand sagt, das Arbeitslosengeld sei zu gering, dann rechnen Sie ihm doch auch immer vor, dass man damit in Afrika ein Krösus ist.“ „Das hat doch nichts mit den Benzinpreisen zu tun!“ „Sie müssen das nur relativ sehen, dann ist der Preis für Diesel gar nicht mehr so schlimm.“ „Jetzt lassen Sie doch mal Ihre blöden Witze, das kann sich doch niemand mehr leisten!“ „Wie den Klimaschutz.“ „Was?“ „Wenn Sie so viel Geld für Diesel ausgeben müssen, können Sie sich bestimmt den Klimaschutz nicht mehr leisten.“ „Ich weiß nicht, ob das lustig sein soll, aber ich finde es nicht lustig!“ „Das ist ja schön.“ „Ich finde das empörend!“

„Warum fahren Sie denn dann überhaupt Diesel, wenn es so teuer ist?“ „Eigentlich ist es ja gar nicht so teuer.“ „Und deshalb beschweren Sie sich, dass Sie es sich nicht leisten können?“ „Normalerweise kann man sich Diesel leisten, aber jetzt eben nicht.“ „Und woran liegt das?“ „Die CDU hätte die Wahl gewinnen müssen, die hätten das geändert!“ „Sie meinen, die hätten besseres Wetter beantragt?“ „Was?“ „So falsch ist das nicht, wenn die CDU weiter am Ruder bliebe, wäre es zumindest dauernd warm draußen.“ „Ich merke das, wenn Sie sich über mich lustig machen!“ „Das trifft sich gut, dann wissen Sie ja auch bestimmt, dass der Dieselpreis mit dem Herbstwetter korreliert.“ „Was?“ „Wenn es draußen kälter wird, kaufen die Leute Heizöl.“ „Das ist doch keine Überraschung, oder sollen sie das im Hochsommer kaufen?“ „Dann hätten wir schon im Sommer hohe Dieselpreise gehabt.“ „Dann hätten vielleicht mehr Leute zur Vorsicht CDU gewählt.“

„Aber wo Sie gerade von Verboten reden: wer hat eigentlich das Drei-Liter-Auto aus dem Verkehr gezogen?“ „Keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“ „Es gab doch mal Wagen, die mit drei Litern auf hundert Kilometer auskamen.“ „Das ist aber lange her, die finden Sie heute nur noch auf dem Schrott.“ „Deshalb mussten die Autohersteller neue bauen, die zehn Liter schlucken, als sie gemerkt hatten, dass die alten irgendwann durchrosten.“ „Sie können doch mich jetzt nicht für die Autofirmen verantwortlich machen!“ „Sind Sie ein mündiger Verbraucher?“ „Natürlich!“ „Deshalb kaufen Sie einen Wagen, der mehr Diesel verbraucht, als Sie sich leisten können.“ „Dann muss der Staat hier eben einschreiten!“ „Und wie genau stellen Sie sich das vor?“ „Verbraucherschutz!“ „Der Staat soll also den Verbraucher vor Fehlinvestitionen schützen?“ „Wenn das nicht der Staat macht, wer denn dann?“ „Haben denn die Bürger keine Freiheit mehr, sich selbst gegen teure Dieselautos zu entscheiden?“

„Überhaupt haben Sie noch nicht die Folgen für die Wirtschaft berücksichtigt.“ „Ja, dann werden die Transporte auf der Straße natürlich auch teurer.“ „Man kann doch nicht die Löhne kürzen, nur weil der Kraftstoff teurer wird!“ „Ach was, das würde der Wirtschaft doch nie einfallen.“ „Eben, aber wir Verbraucher müssen dann zum Beispiel mehr für Lebensmittel bezahlen!“ „Wenn man die nicht auf der Schiene transportiert, dann werden die teurer.“ „Es gibt doch gar nicht so viele Güterwagen, um ausreichend Lebensmittel zu transportieren.“ „Was Sie nicht sagen!“ „Dann müssen wir die eben weiter auf der Straße befördern, oder fällt Ihnen etwa eine bessere Lösung ein?“ „Sie könnten auf Biospargel aus Südamerika verzichten.“ „Ich lasse mir von der Dieselindustrie nicht vorschreiben, was ich essen darf!“ „Stimmt, wegen der bürgerlichen Freiheit.“ „Genau, da muss der Staat endlich einschreiten!“ „Sie könnten beispielsweise auf regionale Produkte ausweichen.“ „Aber südamerikanischer Biospargel wächst eben nicht um die Ecke.“ „Da befinden Sie sich jetzt natürlich in einem schlimmen Dilemma.“ „Die südamerikanischen Spargelbiobauern wollen schließlich auch irgendwie leben.“ „Irgendwie, man ist ja kein Unmensch.“ „Und der ist letztlich sogar preiswerter, weil der eingeflogen wird und Kerosin gar nicht so teuer ist wie Diesel.“ „Dann könnten Sie ja rein theoretisch reich werden, wenn Sie nur noch südamerikanischen Biospargel essen.“ „Sie meinen, das geht?“ „Dann sind Sie eines Tages so reich, dass Sie sich sogar Diesel leisten können.“

„Ihre Witzchen sind ja ganz nett, aber haben Sie denn auch eine ernsthafte Erklärung für den Preis?“ „Diesel wird aus Erdöl hergestellt.“ „Das hat keiner bestritten, aber ich wollte eine Erklärung.“ „Es gibt nun mal nicht genug Erdöl in der EU, also müssen wir welches kaufen.“ „Kommen Sie zum Punkt!“ „Das meiste Erdöl kommt aus arabischen Ländern.“ „Und warum ist das so teuer?“ „Weil die OPEC-Staaten weniger Öl fördern.“ „Es gibt doch jede Menge Öl da unten!“ „Sie können ja gerne mit der Schaufel nach Saudi-Arabien latschen und in der Wüste nach Öl graben, immer vorausgesetzt, man lässt Sie.“ „Es gibt kein Öl, und deshalb ist das so teuer?“ „So ähnlich wie Gold, die Menge bestimmt den Preis.“ „Das ist doch kriminell!“ „Das nennt man Marktwirtschaft – geringes Angebot bei hoher Nachfrage lässt den Preis steigen.“ „Das ist eine Sauerei!“ „Der Markt regelt das, Sie dürfen sich in diesem Wirtschaftssystem vollkommen frei fühlen.“ „Kann man das nicht einfach verbieten!?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXVI): Vom richtigen Leben im falschen

15 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Situation ist unübersichtlich: kein Komet am Himmel, die Erde tut sich nicht auf, Leviathan lässt auf sich warten. Nur die Flüsse steigen über die Ufer, während die Felder verdorren, der Sand wird knapp und es gibt so viele Jobs, dass manche von ihnen gleich drei haben. Es seufzen die Lenker der Staaten und lehnen sich verdrießlich zurück, da ihnen auch nichts einfällt. Sie müssen zusehen, wie alle ihre Absichtserklärungen zu Asche zerfallen, tatenlos natürlich. Am Ende werden es die Leute sein, dieses schwer erziehbare Volk von Menschen, das noch immer Plastikverpackungen kauft, weil es billige Discounterschnitzel nun mal nicht gleich in die Manteltasche gibt. Es ist schlimm, aber nicht ausweglos, der Schuldige ist gefunden: wir sind es. Wir, die ein richtiges Leben versuchen im falschen.

Wie man den Berufspendlern den Stau in die Schuhe schiebt, weil sie an der stillgelegten Bahnstrecke wohnen und ihre Autos nicht einfach für den Klimaschutz stehen lassen, so macht man uns weis, wir seien das System. Daneben übt sich die Politik in milder Enttäuschung, wo immer ein Kreuzfahrtschiff dem Reiseveranstalter Gewinne verschafft und dennoch wie vorhergesehen die Luft verpestet – sie täten ja gerne etwas, aber sie können nicht. Es liegt am ungeheuren Bedarf, und wer würde schon verbieten wollen, was so beliebt ist? Unsere Wirklichkeit passt nicht zu den Ansprüchen, die wir haben sollen, wie sie uns der Zeitgeist in die Rübe schwiemelt. Es gibt da ein gesellschaftliches Ideal, und doch gibt es den Sachzwang, in dem das Leben stattfindet. In dieser Spreizung stecken wir fest, und es ist kein schöner Anblick, wenn wir das große Ganze sehen. Wie schon in den traditionellen Mythen zur Lenkung systemstabilisierender Ethik erprobt lässt sich nichts besser instrumentalisieren als nachhaltig erzeugtes Bewusstsein, eine Sünde begangen zu haben. Einmal geboren, zack! alles falsch gemacht. Warum soll sich der korrupte Dreckrand ein anderes Deckmäntelchen umhängen als das bequeme Christentum?

Gerade vor dem Leistungsgedanken, den der Kapitalismus neu definiert – die konsumistische Konfession bekennt zuerst den Glauben, sich alles leisten zu können – bleibt auch das Versprechen auf einen Aufstieg gefangen: die Unterschicht wird sich bald so viel leisten können wie die Mittelschicht, die sich wird leisten können, was die Oberschicht besitzt. Scheuklappen weg, auch Geltungskonsum schützt nicht davor, als weißes Rauschen in die Geschichte der Hirntätigkeit einzugehen. Auch der gezielte Kauf kostspieliger Produkte ist noch keine Absolution; solange die Designernietenhose aus demselben Stoff an derselben Maschine von demselben Kind gefertigt wird wie die Jeans für den Billigheimer, die nur etwas weniger als fünf Prozent der Protzklamotte kostet, solange kann sich der liberale Wurstverkäufer in eine Körperöffnung nach Wahl predigen, wenn er Arbeitslosigkeit als Chance auf eine individuelle Neuerfindung preist oder Armut als sozial erwünschtes Gegengewicht für eine Kaste, die ihre verschissene Randexistenz ohne Flugmango für das hält, was sie in Wahrheit längst ist: überflüssig wie Brechdurchfall beim Drahtseilakt. Askese als Pfad der Erkenntnis wird vor allem dem Armen empfohlen. Vermutlich sind andere für spirituelle Impulse eh nicht mehr zu begeistern. Oder für Ethik. Oder die Menschheit.

Ob mit oder ohne gründliche Entsolidarisierung durch den Fokus auf die individuelle Schuld an der gesellschaftlichen Entwicklung frisst sich ein Gesinnungsterror durch die prekären Schichten, der die eigene Verkettung in die Phänomene noch viel gründlicher verdrängt, als es die nutznießende Elite könnte. Sie teilt und lässt herrschen, vornehmlich von den kultivierten Kräften der Gier, die sich so unerhört produktiv ansteuern lässt durch Werbung, Spaltung, Angst, kurz: alles, was den Trieb ihrer intellektuellen Überformung durch die Zivilisation entledigt. Wir werden Mittäter, Kollaborateure, Ausnutzer, wo unsere Entscheidung alternativlos ist und nur der eigenen Rechtfertigung dient. Bald ist Armut der neue Reichtum – die Pseudoeliten der Bourgeoisie neiden den Erwerbslosen ja schon ihre Zeitsouveränität und würden sie am liebsten acht Stunden lang in die Tretmühle zwingen, auch wenn dann keine Zeit mehr bliebe, sich um die Arbeit zu bemühen, die es ohnedies nicht mehr gibt – und nur der Gedanke an die Umsätze des Einzelhandels ist noch im Weg, dass man dem Prekariat den Konsum kategorisch untersagen würde. Irgendwie muss das Pack überleben, sagt sich der Kapitalismus, womit allerdings nicht die Kunden gemeint sind.

Die humane Konditionierung lässt nur wenige Wahlmöglichkeiten. Ohne Revolution sind alle an den bestehenden Verhältnissen schuldig und also trefflich erpressbar. Wer mittwochs nach sechs eine Flugmango wollte oder zu Weihnachten für den Nachwuchs unbedingt eine Spielkonsole, der trägt die gleiche Schuld. Die einen werden schweigen, grinsend vermutlich, weil sie wissen, dass sie in diesem Klassenkampf die Opfer werden schlachten können. Die anderen schweigen ebenfalls. Im Sinne einer nachhaltigen Lösung wäre es nicht verkehrt, die Positionen einmal zu überdenken.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXIV): Der ökologische Verzichtsdiskurs

1 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was tut er nicht alles, der Mensch. Fährt mit dem Auto zur Arbeit, kauft Gemüse in Einmalplaste und benutzt nie die Pinkeltaste. Kein Wunder, dass die Polkappen verkochen und der Permafrost sich in die Atmosphäre verabschiedet. Wäre er doch nur vernünftig, sagen alle, wir könnten Klimaziele mit lockerer Leichtigkeit wuppen und uns selbst feiern für diesen Sieg der Vernunft – aber nein, es muss der energieineffiziente Kühlschrank sein, aus dem er seinen Schampus zwitschert, damit er die alte Umweltsau in den Hühnerstall kriegt. Der Mensch ist dumm, das ist unbestritten, aber lässt sich das abstellen? Zur Not mit konsequentem Verzicht?

Fehlverhalten, das haben Debatten um innere Sicherheit und Wirtschaftskraft uns eingehämmert, beginnt in der kleinsten Keimzelle der Gesellschaft. Der ordentliche Bürger sammelt Buntmetall, gibt seine Spende für den Bürger in Uniform und hat die Nase gerne im Briefkasten des Nachbarn, der ja ein Volksverräter sein könnte. Natürlich braucht es kein Gesetz, um die Einhaltung der Kehrwoche in einem manierlichen Mietshaus sicherzustellen, das wird von den Erfüllungskräften schon organisiert, um zu klären, wer noch in der Kaste mitmachen darf. Und so übt sich der kapitalistisch sozialisierte Zonk in der Tugend des Mülltrennens, während der Strom spart und Verpackungen löffelrein zur allgemeinen Begutachtung an den Straßenrand verlastet. Fleißig nutzt er auch die modernen Möglichkeiten, die ihm das Netz bietet: hier und da, bereitgestellt von allen großen Ämtern und Verbänden, summiert er auf, was alles er tut und treibt, das CO2 in die Luft bläst. Wie viel Fleisch und Baumwolle hat der gemeine Mann verbraucht, wie oft ist er in den Urlaub geflogen, wie heizt er, und womit? Emsig schwiemelt er zusammen, was seine Selbstkritik in stattliche Form zu blähen weiß, und kriegt hernach das Ergebnis: schuldig mit Vorsatz. Wer Biogurken in Kunststoffpelle kauft, will halt ins Fegefeuer.

Dabei ist die Mär vom ach so privaten ökologischen Fußabdruck denn auch nichts anderes als ein relativ abgeschmackter PR-Stunt, den sich die Fossilienverbrennerindustrie ausgedacht hat, um dem durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt den pechschwarzen Peter zuzuschieben, warum sich das Klima von Kipppunkt zu Kipppunkt hangelt. Der individuelle Verzicht, so greint’s aus der moralisch frisch gebleichten Etage, muss unbedingt sein. Wer da noch nicht seine Flusskreuzfahrt im Paddelboot macht, werfe die erste Grillwurst! Dazu gelingt es den Grünwäschern durch das abgeschrägte Framing locker, mit erhobenem Zeigefinger dem Volke die sittliche Überlegenheit unter die Nase zu reiben. Wie das Ökostrom aus eigenem Sonnenkollektor fürs Zehn-Zimmer-Passivhaus nutzt! Abgasfreie 600 PS! Rüben aus dem Hochbeet! Warum kann das denn nicht einfach jeder?

Weil es eben nicht jeder so einfach kann. Es ist eine politische Entscheidung, Windräder aus der Energieerzeugung zu verbannen und die gesamte Fotovoltaik mit Anlauf und Ansagen in die Tonne zu treten, samt aller Arbeitsplätze – wer dann seine elektrische Schleuder mit Diesel über die Autobahn schwiemeln muss, weil es dort keine vernünftige Schienenverbindung gibt, hatte eben keine andere Wahl. Das Altölkondom über dem Grünzeug ist bei Verbrauchern beliebt wie Pickel. Und wer in einer Mietwohnung lebt, hat kaum Einfluss auf Qualität und Alter von Sanitär- oder Küchenausstattung, Heizung und Dämmung, die er selbst bezahlen darf, damit sein Vermieter nicht plötzlich verhungert. Dazu kommt dann das Paradoxon der angeblichen Verbotsparteien als kognitiver Dissonanzgrundton, bei dem wir denken sollen, die Gewissensprüfung sei gleichzeitig unsere Schwachstelle und uns durch defizitäre Entscheidungen von Wirtschaft, Politik und System aufgedrückt. Das Muster funktioniert in aufklärungsfeindlichen Kreisen derart gut, dass es für beliebige Schuldzuweisungen herhält: wer nicht jeden Kriegs- oder Klimaflüchtling schnellstens in die zerbombte Heimat abschieben will, muss sich fragen lassen, ob er ihn im eigenen Wohnzimmer aufnehmen will, wie man auch Erwerbslosigkeit als individuelle Schwäche ansieht. L’État, c’est moi.

Wenn es mal so wäre. Das angebliche Wesen hat sich längst abgekoppelt und füttert die Frustration der durchschnittlich Engagierten, die irgendwann keinen Bock mehr haben, gegen die weltfremden Eskapaden einer Regierung zu demonstrieren, die sämtliche Klimakiller mit Subventionen polstert und Hilfsgelder aus dem Fenster schmeißt, als wäre eine Welt ohne Postkutschen und Schreibmaschinen nicht mehr existenzberechtigt. Solange Theoretiker sich trösten, dass die Gesellschaft den Menschen formt, können wir uns jeden Versuch in die Haare schmieren, die Verhältnisse zu ändern, wenigstens nicht auf wohlgesittete Art. Mit Fackeln und Äxten sähe die Sache gleich ganz anders aus, sie würde auch ungleich mehr Spaß machen. Natürlich muss die Menschheit sich in Verzicht üben, nur wollen eben nicht die verzichten, die bisher nichts mit Solidarität oder Verursacherprinzip am Hut hatten. Für sie war der Mensch ein schnell nachwachsender Rohstoff. Wir können auf diese Haltung verzichten. Und wir könnten es uns langsam auch leisten.





Learning English, Lesson One

29 09 2021

„Nee, no bananas is not da, this is over there. Here we have no Ananas. – Bisschen schwierig ist das ja, wir hatten nur Russisch, aber dass wir unsere alte Kaufhalle noch mal zur Völkerverständigung gegen den westlichen Imperialismus nutzen können, das ist schon urst. Da machen wir gerne mit, das ist ein tolles Projekt zur europäischen Integration.

Kommen Sie alle ran, hier stehen die Körbe, Sie brauchen auch einen, wenn Sie nichts kaufen, und die Wahrscheinlichkeit ist momentan recht hoch, da wir den Laden original britisch eingerichtet haben. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts, und das auf unser ganzes Sortiment ausgeweitet. Wir sind zwar groß, aber ich möchte Sie doch bitten, immer nur zu zwei bis drei Personen einzutreten. Nicht wegen Corona, das verläuft sich hier, aber Sie haben dann schon mal die Gelegenheit, sich mit der Bildung eines marktwirtschaftlichen Wartekollektivs vertraut zu machen. Früher war das sozialistisch, und als Briten ist Ihnen die Kunst des Schlangestehens bestimmt auch nicht ganz fremd, oder? Eben, und Ihre erste Lektion lernen Sie schon vor der Tür. Learning English, Lesson One: if you want real Scheißdreck, captalism will do.

Einer der Unterschiede, den unsere Freunde von der Insel auch noch lernen müssen: dass sie nicht mehr unsere Freunde von der Insel sind. Wir sind die EU, sie sind draußen. Noch ein Unterschied: sie mögen Erfahrung haben mit Lebensmittelmarken und Rationierung, das hatten wir auch, aber bei uns gab es keine Wucherpreise für Grundnahrungsmittel und keine marktbedingten Hungerlöhne. Wenn das für die Briten zu kompliziert ist, weil sie jetzt erst kapieren, wie Marktwirtschaft funktioniert, dann haben wir gerne noch eine Lektion: when you want potatos, you can go to the Intershop.

Wir wollen unseren freiheitslebenden britischen Freunden auch zeigen, dass es keinen Zweck hat, stattdessen an die Tankstelle zu fahren. Die hat auch kein Gemüse mehr, ist ja auch klar – erst mal muss die Tankstelle wieder Benzin haben, dann hat die Tankstelle auch wieder Gemüse. So ist das nun mal, wenn in einem Entwicklungsland die Regierung beschließt, mit dem Kapitalismus herumzuspielen, bis Fehlallokationen auftreten. Keine ausländischen Arbeitskräfte bringen kein Benzin an die Tankstelle, keine Laster tanken kein Benzin und werden von keinen ausländischen Arbeitskräften zu den Läden gefahren, wo sie keine Waren mehr abladen. Gut, die ausländischen Arbeitskräfte fahren die schon gar nicht mehr ins Land, das verkauft die Regierung sicher schon als Erfolg, weil in den Lagern an der Grenze gerade keine Kartoffeln verfaulen. Aber im Grunde hat ihre Regierung alles richtig gemacht, wie aus dem Lehrbuch für angehende Diktatoren, die von einer Hungerrevolte weggeputscht werden und plötzlich einen Kopf kürzer sind.

And this is the Fischtheke, today we have no Kabeljau and no Hering. – Ist jetzt aber auch nicht so schlimm, dem Fisch geht’s jetzt besser. Er bleibt gleich im Wasser, auch wenn es britische Zone ist. Vielleicht sollten sich mehr Briten ein Schlauchboot und eine Angel besorgen, dann ist die Versorgung immerhin kurzfristig gesichert. Wenn sie dann alle auf hoher See absaufen, sind wir schuld, so steht es im Drehbuch. Oder die USA müssen aushelfen, sobald es ein Handelsabkommen gibt. Dann kann man auch gleich nordeuropäischen Holzschliff auf die Insel bringen, damit es wieder Toilettenpapier gibt. Dann muss die Regierung natürlich wieder vor Hamsterkäufen warnen, damit nicht gleich alles weg ist, oder man macht einen Zentralverkauf in einem einzigen Laden pro Region, wo Sie schon ein paar Tage vor Ankunft der Ware campieren müssen, um überhaupt etwas abzubekommen. Wie man das macht, das lernen Sie hier. Wenn man dann auch noch Termingeschäfte mit Toilettenpapier an der Londoner Börse machen kann, dann kann sich bald jeder so viel Benzin leisten, dass er im eigenen Auto zur Tankstelle fahren und sich Toilettenpapier kaufen kann. Falls es irgendwo Toilettenpapier gibt. Oder Benzin. Sie ahnen, wie es funktioniert?

Ein bisschen Lagerware haben wir ja noch, also Chips statt Fisch, Mikrowellenzeugs, also alles, was man auf die Schnelle mit Fett und Zucker in eine Plastikverpackung kriegt. Das ist qualitativ auch nicht viel besser als das, wovon sich die Briten in den letzten Jahrhunderten ernährt haben, und da war Großbritannien eine gewaltige Macht. Und da der NHS jetzt pro Woche wieder 350 Millionen Pfund mehr bekommt, kommt man mit den Folgen der Mangelernährung bestimmt auch viel besser zurecht. Glauben Sie mir, ein Volk, das Marsriegel frittiert, wird nie über zu hohe Qualität klagen. Und in der Hinsicht können wir auch von den Briten lernen, weil wir zwar noch Gemüse haben, aber zu erheblich höheren Preisen, die das untere Drittel der Verbraucher sich nicht mehr leisten kann. Bei uns liegt das aber auch am Klimawandel, der das Wetter versaut, und an den Mieten, dass kaum noch Geld für gesunde Ernährung mehr bleibt. Der Deutsche fährt mit dem Zwölfzylinder zum Discounter, weil er sonst kein Geld für den Zwölfzylinder hätte. Das deutsche Gemüse stammt auch immer noch zum großen Teil aus dem Ausland und wird dort von Niedriglöhnern geerntet, so viel anders sind unsere Voraussetzungen also nicht.

And here we want our money back. Thanks. Ja nun, was erwarten die Leute, dass wir Ihnen unsere Sachen schenken, nur weil sie irgendwann mal in der EU waren? Vielleicht darf jetzt jeder Lastwagen fahren, vielleicht kann man jetzt als ausländische Arbeitskraft wochenweise einreisen? Naja, eins ist wenigstens sicher. Veggie-Day kriegen die keinen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIX): Fake Work

27 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung der Arbeitsteilung dürfte nach Expertenmeinung vielschichtige Gründe gehabt haben. Jeden nach seinen Möglichkeiten, jeden nach seinen Bedürfnissen arbeiten zu lassen war eins der auch in jüngerer Zeit bekannten Motive, die am Tierreich angelehnte Kooperation ein nicht zu unterschätzendes, schließlich die Aufteilung in Familien, Sippen und Kasten, bis zur Erkenntnis, dass nicht alle mit derselben Hirnrindenmenge an den Start gehen. Ganze Volkswirtschaften nahmen ihren Ursprung auch in der Tatsache, dass es immer irgendwo eine Knalltüte gibt, die die von fleißigen Kinderhänden gesammelten und auf weiche Stellen untersuchten Buntbeeren noch einmal kontrollieren muss, was der Qualität der Früchte zwar nicht zuträglich ist, aber eine gesellschaftliche Hierarchie im Arbeitsablauf erlebbar macht und für eine zusätzliche Position sorgt, die Verantwortung und Führungsanspruch innehat. Im Kontext der heutigen Konzerne ist dies als mittleres Management bestens bekannt, aus psychologischer Sicht als Fake Work.

Natürlich hat der Arbeitsfetischismus uns alle zwangsbeglückt, damit das kapitalistisch geprägte Luxusleben seine Berechtigung erhält und erhalten kann, bis irgendwann eine Maschine, ein Computer oder ein Kind in einem schmierigen Tümpel am anderen Ende der Welt unseren Job erledigt und uns damit demonstriert, dass wir für den weiteren Lauf der Dinge überflüssig geworden sind. Damit alle an den Segnungen der Vollbeschäftigung teilhaben dürfen, müssen wir leben, um zu arbeiten – der umgekehrte Weg erwies sich als gesünder, ließ aber oft die Börsenkurse nachgeben. Nützlich im Sinne der Arbeitsethik, jener von Luthers Lakaien im Selbsthass zusammengeschwiemelten Theorie der geistlichen Umnachtung auf schriftlicher Grundlage einer traditionellen Wahnvorstellung, in der Hexen fliegen können und Leibeigene an ihrer Herkunft selbst schuld sind, ist nur der, der wenigstens von außen den Anschein erweckt, als sei er tätig, ob nun produktiv oder zerstörerisch, aber letztlich doch in stetiger Aktion beim Verschandeln dieser Welt. Der moderne Mensch hat sich sein Ableben erst dann verdient, wenn er sich vorher kaputt gearbeitet hat, sei es am Fließband, sei es auf stressigen Reisen in brasilianische Laufhäuser, da die Funktionärsstelle eben zweckmäßigeres Tun nicht vorsieht; müßig zu sagen, dass für diese Verrichtung die erweiterte Kenntnis internationalen Strafrechts, ein Studium der Betriebswirtschaft sowie Erfahrung als Erbe einer Bonzendynastie zwingend vorausgesetzt wird.

Aber die Entwicklung bringt es an den Tag, und wir haben bereits genügend Erkenntnisse aus der jüngeren Vergangenheit gewonnen. Noch immer ist ein Großteil der Arbeitsabläufe unkoordiniert und bar jeder Struktur; die Rechnungskontrolle wird durch die Rechnungskontrollkontrolle geprüft, die mehr Zeit und Geld in Anspruch nimmt, als eine Handvoll Zahlendreher je kosteten. Längst hocken wir in endlosen Videokonferenzen und reden wirr aneinander vorbei, nachdem sich kurz und folgenlos der Gedanke eingeschlichen hatte, dass der größte Teil aller Besprechungen aus Buchstabentanzen und sinnlosem Singsang besteht, der, wenn überhaupt, mit einer Mail abgekaspert werden kann. Nun ist in der Überflussgesellschaft Verschwendung eine der Kardinaltugenden, warum also soll nicht auch Zeit aus dem Fenster geschmissen werden? Und so hat genug Personal der auf Wichtigkeit und Wirkung getrimmten Unternehmen die Aufgabe, Arbeiten zu wiederholen, doppelt zu erledigen oder zwischen Baum und Borke auszuführen, damit nach dem Ende der Unterbrechung der erste Teil wieder fröhlich von vorne beginnt.

Die Knechte in der Tretmühle haben in ihrer Sozialisierung trefflich gelernt, mit großem Getöse nichts zu tun, konstant busy auszusehen und gerade noch so viel Zeit zu haben, dass sie überall sagen können, sie hätten überhaupt keine Zeit. Wo der aus naheliegenden Gründen realitätsentwöhnte Chef zweiter Ordnung den Krawall der Kulis bemerkt, wird er den bevorzugen, der unter möglichst großer Lärmentfaltung den subalternen Seppeln Leistung vorturnt, hektische Action bei geistiger Windstille. Ein Schuft, wer nicht schuftet – bis in die delikate Dramaturgie wird exerziert, dass Abteilungsleiter minutenlang Aktenordner bündeln, um dann das Konvolut als Monstranz der eigenen Produktivität über den Büroflur zu wuchten. Ab einer gewissen Konstanz wird der Große Boss den Aspiranten mit auf seine Ebene nehmen und ihm Verantwortung für die Gehilfen übertragen, die rastlos rackern und dabei doch nicht mehr schaffen, als Sand auf einen Haufen zu schippen, der der Schwerkraft folgt.

Wir wissen, dass wir nicht essen sollen, wenn wir nicht zumindest so tun, als würden wir arbeiten; von Freude daran war nie die Rede. Die säkularen Mythen recyceln lediglich religiöse Märchen, der Kapitalismus bastelt sich aus den Relikten der Riten sein neomasochistisches Geschäftsmodell. Der eine sammelt die Beeren, der andere bringt sie nach Hause, der letzte frisst sie auf. Wie unverzichtbar sind wir doch, dass wir alle in diesem Prozess eine Rolle spielen dürfen, und sei auch nur, um andere vor dem Hungertod zu retten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVIII): Postdemokratie

20 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mit etwas Glück landen die Aliens bald in einer Gartenanlage in Bad Gnirbtzschen – es ist nicht auszuschließen, dass sie bereits hier sind in Gestalt eines permanent zugesoffenen Soziopathen mit Kurzlunte, der unbedingt Kanzler einer sozial total unterbelichteten Nation werden will, weil ein Job als Chefabschmecker im Klärwerk ihn intellektuell überfordern würde – und verlangen, zu unserem Anführer gebracht zu werden. Je nach evolutionärer Bauart stecken sie sich Finger in Austrittsöffnungen ihres Stoffwechselsystems, implodieren, vernichten aus spontan entwickeltem Ekel die Zivilisation oder stellen fest, dass die Unterwerfung von ein paar Milliarden Torfschädeln durch eine Kleinstkaste moralfreier Arschgeigen reibungslos geklappt hat. Letzteres dürfte zu erwarten sein, wenn die grünen Gestalten noch auf dem Stand der Antike sind, die als Demokratie ein Staatswesen verkaufte, das nicht gerade Gleichheit und Menschenrechte versprach, aber zumindest mehr als die niederen Instinkte von ein paar Dumpfdüsen befriedigte. Aber das Modell hat seinen Zenit überschritten. Die Postdemokratie hat wesentliche Merkmale kaputtgespielt, die nicht zu retten sind, gewaltsame Versuche ausgenommen.

Die widerliche Inhaltlosigkeit jeglicher Art von politischer Auseinandersetzung, die den Wahlkampf zum Brechmitteltest degenerieren lässt, hat in den vergangenen Jahrzehnten den Zenit erklommen, auf dem die Niveaulosigkeit nun steht, von dem aus sie auf den Souverän herunterseicht. Ein kleiner Schritt vom Gemeinwesen zum Unwesen der Gemeinen, den die Parteien als Akteure eines Staates zunächst alleine gingen, um sich den Laden unter den Nagel zu reißen – natürlich nicht ganz alleine, denn was da nach oben gespült wurde, waren Dummklumpen, Parteisoldaten, geistig minderbemitteltes Pack, das Noten würfelt und über Gräber tanzt, und sie hatten immer einen dienstbaren Schmierlappen zur Hand, der als Berater Gesetze zusammenschwiemelte, die Profite als Branchenvertreter klein rechnete und als Interessenvertretung des Kapitals den Sozialstaat an die Wand stellte. Parteien und Konzerne filetieren die Gesellschaft und schmeißen den Abfall dem Volk vor, damit die gierigen Armen etwas fressen können und das Vorurteil der Emporkömmlinge ein bisschen besser bestätigt wird.

Zwar wird in diesem Gequassel gewählt, aber wozu? Wechselnde Koalitionen beliebiger Ichlinge ändern weder Richtung noch Geschwindigkeit der Talfahrt in den globalen Untergang, der der Plebs als Exekution des eigenen Willens vorgespielt wird. Während Wissenschaft und Bürgertum aus dem Bedeutungsnirwana fiepen, läuft die Verheerung der Heuschrecken planmäßig ab: erst das Aushebeln der Regierungen, dann der Parlamente, irgendwann werden Verfassungen überflüssig, Menschenrechte obsolet, und eine globalisierte Elite feiert die Wiederaufrichtung der Klassengesellschaft, wie sie sich Marx nicht besser hätte ausdenken können.

Die politische Kommunikation ist zum Füllsel in den Ritzen der Aufmerksamkeit zerkrümelt, das angebliche Staatsgeschäft wird zum Business der Sockenpuppen, die inhaltsentkernte Kasperade liefern. Der Diskurs findet in Talksendungen statt, in denen Entscheider ihre billigen Marionetten tanzen lassen, während sich das Deppensortiment mit talentlosem Gehampel zu erkennen gibt. Was als diskussionswürdige Problemfälle vorgegeben wird, das ewige Hochrülpsen und Nachkauen des Empörbreis, lenkt die verseifte Menge von den tatsächlichen Skandalen ab, die nur ja nicht öffentlich angesprochen werden dürfen – wehe, eins beschwert sich und pocht dann auch noch auf den Amtseid der Koordinationstrottel, die nicht einmal unfallfrei eine Kartoffel schälen könnten, wenn sie eine schriftliche Anleitung dazu bekämen. Hier und da steckt man einem Quotenhonk Kohle zu, damit er als Experte Milchmädchendurchblick antäuscht, aber wozu? Die Show wird davon nicht besser.

Aber das muss sie auch nicht, das Publikum hat längst verstanden, dass es Klatschvieh ist in einer realitätsallergischen Inszenierung des Weltendes, in der es sich die Privilegierten noch einmal gut gehen lassen wollen, bis der ganze Kulissenkrempel an die Wand klatscht und der Kaiser, die lallende Pottsau, nackt vor der Unterschicht steht und sie für ihren Hunger verhöhnt. Es wird in der Glotze kommen, präsentiert von einem elektrischen Garagentor, und die Märkte werden sich freuen, dass wir mit einer schwarzen Null absaufen, während gleichzeitig die Bilder vom Volk, das sich niederknüppeln lässt für eine sponsorenfreie Demokratie, wegen mangelnder Reichweite ausfallen, sich versenden und leider als gefährlich gelöscht werden müssen.

Das Problem am Status quo ist, dass er sich jetzt nicht mehr beliebig verlängern lässt. Schon hängt Angstgeruch in der Luft, weil den Hampelmännern die Düse geht, dass es eben doch Ausnahmen geben könnte, die sich gewaltsamer Mittel bedienen. Die sind als revolutionärer Akt reaktionärer Ratten nicht ganz unerwünscht, solange es die richtigen trifft. Vielleicht kolonialisieren totalitäre Staaten ohne das übliche Demokratiedefizitgejammer den westlichen Saftladen und sorgen für Ruhe. Mehr kann doch der Kapitalismus nicht verlangen, so kurz vor Schluss.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVII): Marx und die Vernichtung der Menschheit

13 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für den Materialisten ist die Sache einfach. Nach Sklavenhalter- und Ständegesellschaft kommt der Feudalismus, der Kapitalismus, dann geht kurz das Licht aus, und dann fegen die Sozialisten die rauchenden Trümmer des Neoliberalismus auf den Müllhaufen der Geschichte. Abgesehen davon, dass der Sozialismus für gescheitert angesehen wird, da man ihn zu oft ausprobiert hat, wobei das, was als Sozialismus verkauft wurde, nicht einmal mit der Verpackung übereinstimmte, fehlte der für jede gute Dialektik unerlässliche Bruch: es wurden nur die herrschenden Zustände legitimiert, wobei je nach Zustand die Herrscher wechselten. Gab es je einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so wurde er von anderen Sozialisten mit Herrschaftsanspruch in eine ideologiekonforme Ausstattung überführt – der Mensch störte da nur. Wer sich die Zustände im heutigen Kapitalismus ansieht, Elend, Ausbeutung und Entfremdung, der kommt nicht umhin, Marx’ Theorie für gründlich gescheitert zu halten, weil der Wandel schon längst hätte kommen müssen. Das Ende der Zivilisation wird mit Naturkatastrophen in unsere Häuser gespült – hat mit der Vernichtung der Menschheit sich auch der Kommunismus erledigt?

Marx fehlte der letzte dialektische Schritt, er sah Globalisierung, Internationalisierung, Verstädterung als positive Entwicklungen hin zum Weltmarkt, der die Weltrevolution ermöglichen sollte, ohne sich über die Konsequenzen für den Lebensraum im Klaren zu sein, wiewohl die Grundregeln des dialektischen Materialismus dies zwingend hätten bedenken müssen: in einer Totalität besteht alles untereinander im objektiven Zusammenhang, alle Materien, alle Abhängigkeiten. Dass nicht alles die unsichtbare Hand des Marktes regelt, wusste auch er. Haben wir diese Welt, statt sie verschieden zu interpretieren, auch verändert, so wirken sich diese Veränderungen auf das Ganze aus, nicht allein auf Produktionsmittel und Kapital. Diese werden im Zweifel von den herrschenden Verhältnissen gut behütet, um die Veränderung zu verhindern.

Doch wir weichen aus. Hat sich etwa mit der hereinbrechenden globalen Katastrophe auch die Aussicht auf einen radikalen Umsturz erledigt und dürfen die Geldfetischisten sich bis zum Absaufen im steigenden Meeresspiegel an der Wertlosigkeit der eigenen Gehirnvortäuschung berauschen? Wäre dies korrekt, sie trieben mit dem Beelzebub den Teufel aus, indem sie den Verwertungszwang als Feind aller Nachhaltigkeit und die daraus resultierende Zerstörung des Planeten als Rettung begreifen, die den Untergang ihres Regimes noch einmal abwenden. Sie würden in Festungen leben, aber nicht aus Angst vor dem aufgebrachten Mob, sondern aus Furcht vor der sengenden Sonne, vor Wirbelstürmen und Flutwellen, während in ihrem Auftrag die Knechte noch immer die Erde untertan machen, oder wenigstens das, was noch davon mit bloßem Auge zu sehen ist.

Aber genau das ist der Denkfehler, der dem Kapitalismus zugrunde liegt: er setzt kurzfristige Ziele und fordert die sofortige Erfüllung, die sich in der Natur durch ebenso kurzfristige Maßnahmen nicht aufwiegen lassen. Einen Wald abzuholzen ist eine Sache von Tagen, ihn wieder aufzuforsten eine Aufgabe für Generationen, und nicht jeder Verlust ist mit einem gleich großen Gewinn aufgewogen, schon gar nicht für dieselben. Der Rest ist schlecht in die Umgebung geschwiemeltes pseudoreligiöses Geröll für intellektuelle Aufstocker. Was seit der Industrialisierung nur durch die Beschäftigung in möglichst billiger Lohnarbeit funktioniert, nämlich die Ausbeutung der Massen, wird dann kompliziert. Zwar kann man mit Millionen Klimaflüchtlinge in Europa beschäftigen, Bananen am Bodensee ernten oder gleich ganze Kontinente entvölkern, sobald in der tropischen Zone kein menschliches Leben mehr möglich ist, aber selbst mit technischem Fortschritt, wie ihn sich die Schnappatmungsplapperer auf der Kimme kloppen, wird es keinen Weg mehr zurück in eine normale Wirtschaft geben, die Rohstoffe rafft und sich am Erlös mästet.

Der Fachkräftemangel, das Märchen von den Massen, die leider nicht mehr für ein Butterbrot an die Arbeit gehen, ist nur der Auftakt. Spätestens mit dem Wegklappen der systemrelevanten Berufe kann sich dann die vermögende Schicht, die bisher als Investmentbanker die Moneten von Rentnern in die Tonne getreten oder durch Spekulation zuverlässig in den Entwicklungsländern für Hungersnot gesorgt haben, ihre Möbel selbst aus abgesägten Resten der Grünflächen zusammennageln, den Müll abholen und die Klos reparieren. Keiner backt mehr Brot, fährt es in den Supermarkt oder hockt an der Kasse, keiner steht mehr mit der Knarre vor ihrer Tür, um den klimatisierten Bonzenbunker vor Plünderern zu schützen – falls es noch Strom geben sollte, um die Bude halbwegs unter Fiebertemperatur zu halten, denn Windräder bauen sich auch nicht von alleine. Die Magnaten werden nicht mit Marx von der Platte geputzt, sondern durch etwas, das sie schlicht übersehen haben. Als würde eine Gesellschaft nicht an einer Pandemie krepieren, sondern an bockiger Verweigerung, Warnsignale zu beachten. Da ist noch Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte.





Schwimmblase

29 07 2021

„Natürlich ist das eine großartige Idee, die stammt auch aus der Wirtschaft. Wenn schon die Politik zu bescheuert ist, die aktuelle Situation in den Griff zu kriegen, dann müssen doch wir das Beste aus der Zukunft machen.

Denn das war ja erst der Anfang, in Zukunft werden die Jahrhunderte für Jahrhunderthochwasser verdammt kurz sein, und wenn Sie irgendwo bauen wollen, dann müssen Sie erst mal einen Hügel aufschütten. Falls Sie sich die Versicherung für den Schuppen überhaupt noch leisten können. Klar, in den Alpen ist es auch schön, nur haben da nicht alle Platz. Gewöhnen Sie sich ruhig schon mal daran, dass man mit Rheinländern im Gebirge das macht, was die Rheinländer bisher mit Afrikanern gemacht haben: ihnen eine aufs Maul hauen, weil sie die als Wirtschaftsflüchtlinge sehen, die in ihrer Heimat nichts zu suchen haben.

Deshalb setzen wir jetzt voll auf das Hausboot. Nicht mehr als Lifestyleartikel, sondern als neue Alternative zum normalen Eigenheim. Bis jetzt war es immer eine Schwierigkeit für unsere Zielgruppe, auch einen Liegeplatz für das schwimmende Haus zu finden, aber wenn wir mit einer unionsgeführten Bundesregierung endgültig absaufen, dann können wir uns bald nicht mehr vor Anfragen retten.

Man muss Architektur gesellschaftlich auch mal neu denken. Natürlich wird sich nicht jeder sein Hausboot leisten können, der Boom mit diesen Tiny Houses war ja auch nur für die Profilneurotiker, die mit dem Scheiß unbedingt ins Fernsehen wollten. Wer bitte kauft sich ein Grundstück für zehnmal das Jahresbrutto und kloppt sich einen Sperrholzsarg drauf? Mich dürfen Sie dafür nicht verantwortlich machen, wir haben nur das Geld von der Industrie gekriegt und dann die Werbung geschaltet, wer sich auf den Mist einlässt, ist selbst schuld. Markt nennt sich das. Oder Eigenverantwortung.

Dass Sie für ein Hausboot eine Versicherung brauchen, muss ich Ihnen auch nicht erklären, oder? Na also. Da macht man das Einstiegsangebot ein bisschen geschmeidig und ballert dann die Kosten rauf, sobald die Spezialisten aus der FDP der Branche erklärt haben, dass es den Ärmsten dient, wenn man die Vermögen der Steuerbetrüger schont. Aber wie gesagt, gesellschaftlich neu denken. Mit mehr ertrunkenen Deutschen kriegt man das Problem der Renten in den Griff, mit noch mehr ertrunkenen Deutschen braucht man auch nicht mehr so viele schädliche Wähler, die vorher vielleicht gar nicht im Eigenheim ersoffen sind.

Wir werden unser ganzes Leben in eine neue Wirklichkeit überführen müssen – das wollten diese linksversifften Hysteriker doch immer, wenn sie von dauerhaftem Homeoffice oder Computern für alle Schüler aus der Schmarotzerschicht geredet haben. Oder von Impfungen für Leistungsträger. Wir sind doch hier nicht im Wunschkonzert, wenn die Pandemie nach unseren Spielregeln verlaufen wäre, dann würde das doch gar nicht mehr leben. Aber da haben die sich getäuscht, wir haben ganz andere Pläne. Mit unserer Kampagne, sämtliche Autos, Häuser oder Wertgegenstände so schnell wie möglich zu sozialversicherungsmäßig verwertbarem Schonvermögen umzurubeln, hatten wir den Bogen doch schon fast überreizt. Jetzt kommen überall die Bootsverkäufer, die den Katastrophenopfern ins Gewissen reden, dass zehn Prozent ihres Besitzes als Entschädigung für ein Hausboot ausreichen, da das Ding die nächsten Jahrhundertfluten überlebt.

Dass wir denen die dreistöckige Superversion mit begehbarem Schuhschrank und vergoldeten Wasserhähnen verkaufen, sollten Sie von Ihrem Autohändler kennen. Bei neunzig Prozent sollte es für ein notdürftig überdachtes Floß mit Garantie gegen Blitzschlag reichen, Gewitter ausgenommen. Wir sind ja nicht das Sozialamt der Welt, und seit wann sinken die Kaviarpreise? Irgendwann steigt Springer ein, dann reißen wir eine Marketingaktion für das Volksboot auf, jeder verdient ein bisschen an der Katastrophe mit und freut sich, dass er das dicke Ende vermutlich nicht mehr miterlebt, und dann sticht Deutschland in See.

Überlegen Sie sich nur mal das riesige Potenzial für Wassersport, schwimmende Freizeitparks und neue Branchen wie Jetski-Verleih für Leute, die es sich eigentlich gar nicht leisten können. Bald gibt es die ersten schwimmfähigen Flugtaxis, Yachten mit geringem Tiefgang für den Törn über die ehemaligen Mittelgebirge und alles, was man nicht braucht, aber haben will. Das bedeutet Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum, und damit sind wir, entschuldigen Sie das bescheuerte Wortspiel, wieder flüssig und steuern an der Börse auf die nächste große Schwimmblase zu.

Mit etwas Pech haben wir trotzdem immer noch ausgedehnte Landflächen, aber das macht nichts. Unsere Kunden sollen ja aus einer komfortablen Situation heraus ihr Geld loswerden. Wenn sie es erst einmal in unseren Konzern gesteckt haben, ist es nicht weg, es haben eben nur andere. Vielleicht bricht dann auch ein ganz anderes Zeitalter für das Transportwesen an, wenn schon Behausung nicht mehr ortsgebunden sein muss. Sie können den Mist auch elektrifizieren, dann kombinieren Sie Haus und Auto zu einer neuen Art von Wohnmobil. Damit haben wie die Autobauer auch wieder mit an Bord. Ist das nicht genial? Und wenn Sie jetzt mal nachdenken, was wir alles nicht mehr finanzieren müssen, Freibäder und Eisenbahnen und Parkplätze für Anwohner in terrestrischen Siedlungsformen, dann können Sie sich ausrechnen, dass wir… –

Schwimmunterricht? wieso Schwimmunterricht?“