Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIX): Fake Work

27 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung der Arbeitsteilung dürfte nach Expertenmeinung vielschichtige Gründe gehabt haben. Jeden nach seinen Möglichkeiten, jeden nach seinen Bedürfnissen arbeiten zu lassen war eins der auch in jüngerer Zeit bekannten Motive, die am Tierreich angelehnte Kooperation ein nicht zu unterschätzendes, schließlich die Aufteilung in Familien, Sippen und Kasten, bis zur Erkenntnis, dass nicht alle mit derselben Hirnrindenmenge an den Start gehen. Ganze Volkswirtschaften nahmen ihren Ursprung auch in der Tatsache, dass es immer irgendwo eine Knalltüte gibt, die die von fleißigen Kinderhänden gesammelten und auf weiche Stellen untersuchten Buntbeeren noch einmal kontrollieren muss, was der Qualität der Früchte zwar nicht zuträglich ist, aber eine gesellschaftliche Hierarchie im Arbeitsablauf erlebbar macht und für eine zusätzliche Position sorgt, die Verantwortung und Führungsanspruch innehat. Im Kontext der heutigen Konzerne ist dies als mittleres Management bestens bekannt, aus psychologischer Sicht als Fake Work.

Natürlich hat der Arbeitsfetischismus uns alle zwangsbeglückt, damit das kapitalistisch geprägte Luxusleben seine Berechtigung erhält und erhalten kann, bis irgendwann eine Maschine, ein Computer oder ein Kind in einem schmierigen Tümpel am anderen Ende der Welt unseren Job erledigt und uns damit demonstriert, dass wir für den weiteren Lauf der Dinge überflüssig geworden sind. Damit alle an den Segnungen der Vollbeschäftigung teilhaben dürfen, müssen wir leben, um zu arbeiten – der umgekehrte Weg erwies sich als gesünder, ließ aber oft die Börsenkurse nachgeben. Nützlich im Sinne der Arbeitsethik, jener von Luthers Lakaien im Selbsthass zusammengeschwiemelten Theorie der geistlichen Umnachtung auf schriftlicher Grundlage einer traditionellen Wahnvorstellung, in der Hexen fliegen können und Leibeigene an ihrer Herkunft selbst schuld sind, ist nur der, der wenigstens von außen den Anschein erweckt, als sei er tätig, ob nun produktiv oder zerstörerisch, aber letztlich doch in stetiger Aktion beim Verschandeln dieser Welt. Der moderne Mensch hat sich sein Ableben erst dann verdient, wenn er sich vorher kaputt gearbeitet hat, sei es am Fließband, sei es auf stressigen Reisen in brasilianische Laufhäuser, da die Funktionärsstelle eben zweckmäßigeres Tun nicht vorsieht; müßig zu sagen, dass für diese Verrichtung die erweiterte Kenntnis internationalen Strafrechts, ein Studium der Betriebswirtschaft sowie Erfahrung als Erbe einer Bonzendynastie zwingend vorausgesetzt wird.

Aber die Entwicklung bringt es an den Tag, und wir haben bereits genügend Erkenntnisse aus der jüngeren Vergangenheit gewonnen. Noch immer ist ein Großteil der Arbeitsabläufe unkoordiniert und bar jeder Struktur; die Rechnungskontrolle wird durch die Rechnungskontrollkontrolle geprüft, die mehr Zeit und Geld in Anspruch nimmt, als eine Handvoll Zahlendreher je kosteten. Längst hocken wir in endlosen Videokonferenzen und reden wirr aneinander vorbei, nachdem sich kurz und folgenlos der Gedanke eingeschlichen hatte, dass der größte Teil aller Besprechungen aus Buchstabentanzen und sinnlosem Singsang besteht, der, wenn überhaupt, mit einer Mail abgekaspert werden kann. Nun ist in der Überflussgesellschaft Verschwendung eine der Kardinaltugenden, warum also soll nicht auch Zeit aus dem Fenster geschmissen werden? Und so hat genug Personal der auf Wichtigkeit und Wirkung getrimmten Unternehmen die Aufgabe, Arbeiten zu wiederholen, doppelt zu erledigen oder zwischen Baum und Borke auszuführen, damit nach dem Ende der Unterbrechung der erste Teil wieder fröhlich von vorne beginnt.

Die Knechte in der Tretmühle haben in ihrer Sozialisierung trefflich gelernt, mit großem Getöse nichts zu tun, konstant busy auszusehen und gerade noch so viel Zeit zu haben, dass sie überall sagen können, sie hätten überhaupt keine Zeit. Wo der aus naheliegenden Gründen realitätsentwöhnte Chef zweiter Ordnung den Krawall der Kulis bemerkt, wird er den bevorzugen, der unter möglichst großer Lärmentfaltung den subalternen Seppeln Leistung vorturnt, hektische Action bei geistiger Windstille. Ein Schuft, wer nicht schuftet – bis in die delikate Dramaturgie wird exerziert, dass Abteilungsleiter minutenlang Aktenordner bündeln, um dann das Konvolut als Monstranz der eigenen Produktivität über den Büroflur zu wuchten. Ab einer gewissen Konstanz wird der Große Boss den Aspiranten mit auf seine Ebene nehmen und ihm Verantwortung für die Gehilfen übertragen, die rastlos rackern und dabei doch nicht mehr schaffen, als Sand auf einen Haufen zu schippen, der der Schwerkraft folgt.

Wir wissen, dass wir nicht essen sollen, wenn wir nicht zumindest so tun, als würden wir arbeiten; von Freude daran war nie die Rede. Die säkularen Mythen recyceln lediglich religiöse Märchen, der Kapitalismus bastelt sich aus den Relikten der Riten sein neomasochistisches Geschäftsmodell. Der eine sammelt die Beeren, der andere bringt sie nach Hause, der letzte frisst sie auf. Wie unverzichtbar sind wir doch, dass wir alle in diesem Prozess eine Rolle spielen dürfen, und sei auch nur, um andere vor dem Hungertod zu retten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVIII): Postdemokratie

20 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mit etwas Glück landen die Aliens bald in einer Gartenanlage in Bad Gnirbtzschen – es ist nicht auszuschließen, dass sie bereits hier sind in Gestalt eines permanent zugesoffenen Soziopathen mit Kurzlunte, der unbedingt Kanzler einer sozial total unterbelichteten Nation werden will, weil ein Job als Chefabschmecker im Klärwerk ihn intellektuell überfordern würde – und verlangen, zu unserem Anführer gebracht zu werden. Je nach evolutionärer Bauart stecken sie sich Finger in Austrittsöffnungen ihres Stoffwechselsystems, implodieren, vernichten aus spontan entwickeltem Ekel die Zivilisation oder stellen fest, dass die Unterwerfung von ein paar Milliarden Torfschädeln durch eine Kleinstkaste moralfreier Arschgeigen reibungslos geklappt hat. Letzteres dürfte zu erwarten sein, wenn die grünen Gestalten noch auf dem Stand der Antike sind, die als Demokratie ein Staatswesen verkaufte, das nicht gerade Gleichheit und Menschenrechte versprach, aber zumindest mehr als die niederen Instinkte von ein paar Dumpfdüsen befriedigte. Aber das Modell hat seinen Zenit überschritten. Die Postdemokratie hat wesentliche Merkmale kaputtgespielt, die nicht zu retten sind, gewaltsame Versuche ausgenommen.

Die widerliche Inhaltlosigkeit jeglicher Art von politischer Auseinandersetzung, die den Wahlkampf zum Brechmitteltest degenerieren lässt, hat in den vergangenen Jahrzehnten den Zenit erklommen, auf dem die Niveaulosigkeit nun steht, von dem aus sie auf den Souverän herunterseicht. Ein kleiner Schritt vom Gemeinwesen zum Unwesen der Gemeinen, den die Parteien als Akteure eines Staates zunächst alleine gingen, um sich den Laden unter den Nagel zu reißen – natürlich nicht ganz alleine, denn was da nach oben gespült wurde, waren Dummklumpen, Parteisoldaten, geistig minderbemitteltes Pack, das Noten würfelt und über Gräber tanzt, und sie hatten immer einen dienstbaren Schmierlappen zur Hand, der als Berater Gesetze zusammenschwiemelte, die Profite als Branchenvertreter klein rechnete und als Interessenvertretung des Kapitals den Sozialstaat an die Wand stellte. Parteien und Konzerne filetieren die Gesellschaft und schmeißen den Abfall dem Volk vor, damit die gierigen Armen etwas fressen können und das Vorurteil der Emporkömmlinge ein bisschen besser bestätigt wird.

Zwar wird in diesem Gequassel gewählt, aber wozu? Wechselnde Koalitionen beliebiger Ichlinge ändern weder Richtung noch Geschwindigkeit der Talfahrt in den globalen Untergang, der der Plebs als Exekution des eigenen Willens vorgespielt wird. Während Wissenschaft und Bürgertum aus dem Bedeutungsnirwana fiepen, läuft die Verheerung der Heuschrecken planmäßig ab: erst das Aushebeln der Regierungen, dann der Parlamente, irgendwann werden Verfassungen überflüssig, Menschenrechte obsolet, und eine globalisierte Elite feiert die Wiederaufrichtung der Klassengesellschaft, wie sie sich Marx nicht besser hätte ausdenken können.

Die politische Kommunikation ist zum Füllsel in den Ritzen der Aufmerksamkeit zerkrümelt, das angebliche Staatsgeschäft wird zum Business der Sockenpuppen, die inhaltsentkernte Kasperade liefern. Der Diskurs findet in Talksendungen statt, in denen Entscheider ihre billigen Marionetten tanzen lassen, während sich das Deppensortiment mit talentlosem Gehampel zu erkennen gibt. Was als diskussionswürdige Problemfälle vorgegeben wird, das ewige Hochrülpsen und Nachkauen des Empörbreis, lenkt die verseifte Menge von den tatsächlichen Skandalen ab, die nur ja nicht öffentlich angesprochen werden dürfen – wehe, eins beschwert sich und pocht dann auch noch auf den Amtseid der Koordinationstrottel, die nicht einmal unfallfrei eine Kartoffel schälen könnten, wenn sie eine schriftliche Anleitung dazu bekämen. Hier und da steckt man einem Quotenhonk Kohle zu, damit er als Experte Milchmädchendurchblick antäuscht, aber wozu? Die Show wird davon nicht besser.

Aber das muss sie auch nicht, das Publikum hat längst verstanden, dass es Klatschvieh ist in einer realitätsallergischen Inszenierung des Weltendes, in der es sich die Privilegierten noch einmal gut gehen lassen wollen, bis der ganze Kulissenkrempel an die Wand klatscht und der Kaiser, die lallende Pottsau, nackt vor der Unterschicht steht und sie für ihren Hunger verhöhnt. Es wird in der Glotze kommen, präsentiert von einem elektrischen Garagentor, und die Märkte werden sich freuen, dass wir mit einer schwarzen Null absaufen, während gleichzeitig die Bilder vom Volk, das sich niederknüppeln lässt für eine sponsorenfreie Demokratie, wegen mangelnder Reichweite ausfallen, sich versenden und leider als gefährlich gelöscht werden müssen.

Das Problem am Status quo ist, dass er sich jetzt nicht mehr beliebig verlängern lässt. Schon hängt Angstgeruch in der Luft, weil den Hampelmännern die Düse geht, dass es eben doch Ausnahmen geben könnte, die sich gewaltsamer Mittel bedienen. Die sind als revolutionärer Akt reaktionärer Ratten nicht ganz unerwünscht, solange es die richtigen trifft. Vielleicht kolonialisieren totalitäre Staaten ohne das übliche Demokratiedefizitgejammer den westlichen Saftladen und sorgen für Ruhe. Mehr kann doch der Kapitalismus nicht verlangen, so kurz vor Schluss.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVII): Marx und die Vernichtung der Menschheit

13 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für den Materialisten ist die Sache einfach. Nach Sklavenhalter- und Ständegesellschaft kommt der Feudalismus, der Kapitalismus, dann geht kurz das Licht aus, und dann fegen die Sozialisten die rauchenden Trümmer des Neoliberalismus auf den Müllhaufen der Geschichte. Abgesehen davon, dass der Sozialismus für gescheitert angesehen wird, da man ihn zu oft ausprobiert hat, wobei das, was als Sozialismus verkauft wurde, nicht einmal mit der Verpackung übereinstimmte, fehlte der für jede gute Dialektik unerlässliche Bruch: es wurden nur die herrschenden Zustände legitimiert, wobei je nach Zustand die Herrscher wechselten. Gab es je einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so wurde er von anderen Sozialisten mit Herrschaftsanspruch in eine ideologiekonforme Ausstattung überführt – der Mensch störte da nur. Wer sich die Zustände im heutigen Kapitalismus ansieht, Elend, Ausbeutung und Entfremdung, der kommt nicht umhin, Marx’ Theorie für gründlich gescheitert zu halten, weil der Wandel schon längst hätte kommen müssen. Das Ende der Zivilisation wird mit Naturkatastrophen in unsere Häuser gespült – hat mit der Vernichtung der Menschheit sich auch der Kommunismus erledigt?

Marx fehlte der letzte dialektische Schritt, er sah Globalisierung, Internationalisierung, Verstädterung als positive Entwicklungen hin zum Weltmarkt, der die Weltrevolution ermöglichen sollte, ohne sich über die Konsequenzen für den Lebensraum im Klaren zu sein, wiewohl die Grundregeln des dialektischen Materialismus dies zwingend hätten bedenken müssen: in einer Totalität besteht alles untereinander im objektiven Zusammenhang, alle Materien, alle Abhängigkeiten. Dass nicht alles die unsichtbare Hand des Marktes regelt, wusste auch er. Haben wir diese Welt, statt sie verschieden zu interpretieren, auch verändert, so wirken sich diese Veränderungen auf das Ganze aus, nicht allein auf Produktionsmittel und Kapital. Diese werden im Zweifel von den herrschenden Verhältnissen gut behütet, um die Veränderung zu verhindern.

Doch wir weichen aus. Hat sich etwa mit der hereinbrechenden globalen Katastrophe auch die Aussicht auf einen radikalen Umsturz erledigt und dürfen die Geldfetischisten sich bis zum Absaufen im steigenden Meeresspiegel an der Wertlosigkeit der eigenen Gehirnvortäuschung berauschen? Wäre dies korrekt, sie trieben mit dem Beelzebub den Teufel aus, indem sie den Verwertungszwang als Feind aller Nachhaltigkeit und die daraus resultierende Zerstörung des Planeten als Rettung begreifen, die den Untergang ihres Regimes noch einmal abwenden. Sie würden in Festungen leben, aber nicht aus Angst vor dem aufgebrachten Mob, sondern aus Furcht vor der sengenden Sonne, vor Wirbelstürmen und Flutwellen, während in ihrem Auftrag die Knechte noch immer die Erde untertan machen, oder wenigstens das, was noch davon mit bloßem Auge zu sehen ist.

Aber genau das ist der Denkfehler, der dem Kapitalismus zugrunde liegt: er setzt kurzfristige Ziele und fordert die sofortige Erfüllung, die sich in der Natur durch ebenso kurzfristige Maßnahmen nicht aufwiegen lassen. Einen Wald abzuholzen ist eine Sache von Tagen, ihn wieder aufzuforsten eine Aufgabe für Generationen, und nicht jeder Verlust ist mit einem gleich großen Gewinn aufgewogen, schon gar nicht für dieselben. Der Rest ist schlecht in die Umgebung geschwiemeltes pseudoreligiöses Geröll für intellektuelle Aufstocker. Was seit der Industrialisierung nur durch die Beschäftigung in möglichst billiger Lohnarbeit funktioniert, nämlich die Ausbeutung der Massen, wird dann kompliziert. Zwar kann man mit Millionen Klimaflüchtlinge in Europa beschäftigen, Bananen am Bodensee ernten oder gleich ganze Kontinente entvölkern, sobald in der tropischen Zone kein menschliches Leben mehr möglich ist, aber selbst mit technischem Fortschritt, wie ihn sich die Schnappatmungsplapperer auf der Kimme kloppen, wird es keinen Weg mehr zurück in eine normale Wirtschaft geben, die Rohstoffe rafft und sich am Erlös mästet.

Der Fachkräftemangel, das Märchen von den Massen, die leider nicht mehr für ein Butterbrot an die Arbeit gehen, ist nur der Auftakt. Spätestens mit dem Wegklappen der systemrelevanten Berufe kann sich dann die vermögende Schicht, die bisher als Investmentbanker die Moneten von Rentnern in die Tonne getreten oder durch Spekulation zuverlässig in den Entwicklungsländern für Hungersnot gesorgt haben, ihre Möbel selbst aus abgesägten Resten der Grünflächen zusammennageln, den Müll abholen und die Klos reparieren. Keiner backt mehr Brot, fährt es in den Supermarkt oder hockt an der Kasse, keiner steht mehr mit der Knarre vor ihrer Tür, um den klimatisierten Bonzenbunker vor Plünderern zu schützen – falls es noch Strom geben sollte, um die Bude halbwegs unter Fiebertemperatur zu halten, denn Windräder bauen sich auch nicht von alleine. Die Magnaten werden nicht mit Marx von der Platte geputzt, sondern durch etwas, das sie schlicht übersehen haben. Als würde eine Gesellschaft nicht an einer Pandemie krepieren, sondern an bockiger Verweigerung, Warnsignale zu beachten. Da ist noch Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte.





Schwimmblase

29 07 2021

„Natürlich ist das eine großartige Idee, die stammt auch aus der Wirtschaft. Wenn schon die Politik zu bescheuert ist, die aktuelle Situation in den Griff zu kriegen, dann müssen doch wir das Beste aus der Zukunft machen.

Denn das war ja erst der Anfang, in Zukunft werden die Jahrhunderte für Jahrhunderthochwasser verdammt kurz sein, und wenn Sie irgendwo bauen wollen, dann müssen Sie erst mal einen Hügel aufschütten. Falls Sie sich die Versicherung für den Schuppen überhaupt noch leisten können. Klar, in den Alpen ist es auch schön, nur haben da nicht alle Platz. Gewöhnen Sie sich ruhig schon mal daran, dass man mit Rheinländern im Gebirge das macht, was die Rheinländer bisher mit Afrikanern gemacht haben: ihnen eine aufs Maul hauen, weil sie die als Wirtschaftsflüchtlinge sehen, die in ihrer Heimat nichts zu suchen haben.

Deshalb setzen wir jetzt voll auf das Hausboot. Nicht mehr als Lifestyleartikel, sondern als neue Alternative zum normalen Eigenheim. Bis jetzt war es immer eine Schwierigkeit für unsere Zielgruppe, auch einen Liegeplatz für das schwimmende Haus zu finden, aber wenn wir mit einer unionsgeführten Bundesregierung endgültig absaufen, dann können wir uns bald nicht mehr vor Anfragen retten.

Man muss Architektur gesellschaftlich auch mal neu denken. Natürlich wird sich nicht jeder sein Hausboot leisten können, der Boom mit diesen Tiny Houses war ja auch nur für die Profilneurotiker, die mit dem Scheiß unbedingt ins Fernsehen wollten. Wer bitte kauft sich ein Grundstück für zehnmal das Jahresbrutto und kloppt sich einen Sperrholzsarg drauf? Mich dürfen Sie dafür nicht verantwortlich machen, wir haben nur das Geld von der Industrie gekriegt und dann die Werbung geschaltet, wer sich auf den Mist einlässt, ist selbst schuld. Markt nennt sich das. Oder Eigenverantwortung.

Dass Sie für ein Hausboot eine Versicherung brauchen, muss ich Ihnen auch nicht erklären, oder? Na also. Da macht man das Einstiegsangebot ein bisschen geschmeidig und ballert dann die Kosten rauf, sobald die Spezialisten aus der FDP der Branche erklärt haben, dass es den Ärmsten dient, wenn man die Vermögen der Steuerbetrüger schont. Aber wie gesagt, gesellschaftlich neu denken. Mit mehr ertrunkenen Deutschen kriegt man das Problem der Renten in den Griff, mit noch mehr ertrunkenen Deutschen braucht man auch nicht mehr so viele schädliche Wähler, die vorher vielleicht gar nicht im Eigenheim ersoffen sind.

Wir werden unser ganzes Leben in eine neue Wirklichkeit überführen müssen – das wollten diese linksversifften Hysteriker doch immer, wenn sie von dauerhaftem Homeoffice oder Computern für alle Schüler aus der Schmarotzerschicht geredet haben. Oder von Impfungen für Leistungsträger. Wir sind doch hier nicht im Wunschkonzert, wenn die Pandemie nach unseren Spielregeln verlaufen wäre, dann würde das doch gar nicht mehr leben. Aber da haben die sich getäuscht, wir haben ganz andere Pläne. Mit unserer Kampagne, sämtliche Autos, Häuser oder Wertgegenstände so schnell wie möglich zu sozialversicherungsmäßig verwertbarem Schonvermögen umzurubeln, hatten wir den Bogen doch schon fast überreizt. Jetzt kommen überall die Bootsverkäufer, die den Katastrophenopfern ins Gewissen reden, dass zehn Prozent ihres Besitzes als Entschädigung für ein Hausboot ausreichen, da das Ding die nächsten Jahrhundertfluten überlebt.

Dass wir denen die dreistöckige Superversion mit begehbarem Schuhschrank und vergoldeten Wasserhähnen verkaufen, sollten Sie von Ihrem Autohändler kennen. Bei neunzig Prozent sollte es für ein notdürftig überdachtes Floß mit Garantie gegen Blitzschlag reichen, Gewitter ausgenommen. Wir sind ja nicht das Sozialamt der Welt, und seit wann sinken die Kaviarpreise? Irgendwann steigt Springer ein, dann reißen wir eine Marketingaktion für das Volksboot auf, jeder verdient ein bisschen an der Katastrophe mit und freut sich, dass er das dicke Ende vermutlich nicht mehr miterlebt, und dann sticht Deutschland in See.

Überlegen Sie sich nur mal das riesige Potenzial für Wassersport, schwimmende Freizeitparks und neue Branchen wie Jetski-Verleih für Leute, die es sich eigentlich gar nicht leisten können. Bald gibt es die ersten schwimmfähigen Flugtaxis, Yachten mit geringem Tiefgang für den Törn über die ehemaligen Mittelgebirge und alles, was man nicht braucht, aber haben will. Das bedeutet Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum, und damit sind wir, entschuldigen Sie das bescheuerte Wortspiel, wieder flüssig und steuern an der Börse auf die nächste große Schwimmblase zu.

Mit etwas Pech haben wir trotzdem immer noch ausgedehnte Landflächen, aber das macht nichts. Unsere Kunden sollen ja aus einer komfortablen Situation heraus ihr Geld loswerden. Wenn sie es erst einmal in unseren Konzern gesteckt haben, ist es nicht weg, es haben eben nur andere. Vielleicht bricht dann auch ein ganz anderes Zeitalter für das Transportwesen an, wenn schon Behausung nicht mehr ortsgebunden sein muss. Sie können den Mist auch elektrifizieren, dann kombinieren Sie Haus und Auto zu einer neuen Art von Wohnmobil. Damit haben wie die Autobauer auch wieder mit an Bord. Ist das nicht genial? Und wenn Sie jetzt mal nachdenken, was wir alles nicht mehr finanzieren müssen, Freibäder und Eisenbahnen und Parkplätze für Anwohner in terrestrischen Siedlungsformen, dann können Sie sich ausrechnen, dass wir… –

Schwimmunterricht? wieso Schwimmunterricht?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXII): Überwachungskapitalismus

9 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Unterbewusstsein ist ein lustig Ding, hin und wieder gaukelt es uns vor, wir besäßen einen freien Willen. Natürlich ist uns längst klar, dass wir von unseren Trieben durch eine komplexe Welt dirigiert werden, die sich unserem Geist und damit lediglich einem sehr kleinen Teil von uns erschließt. Ist es da nicht verhältnismäßig logisch, dass wir versuchen, dieses Steuerungsmodell auf eine ganze Gesellschaft zu übertragen, um die zielsicher am Gängelband zu führen, die ohnehin nicht viel Geist mitbringen, um ihre Rolle als Objekt der Begierde zu begreifen? Das spätkapitalistische Menschenbild hat sich eine ganze Population untertan gemacht, um sie notfalls auch gegen ihren Willen glücklich zu machen mit den Segnungen von Konsum und Sicherheit. Mit dem Überwachungskapitalismus ist das Paradies auf Erden endlich erreicht.

Oder auch nicht. Sicherheit, das hat uns die zwangsgestörte Staatlichkeit der angeblich liberalen Welt exzessiv in die Hirnrinde geschwiemelt, ist nur durch ständige Kontrolle zu gewährleisten, und den besten Schutz bietet vorausschauender Zwang. Um das Verbrechen zu bekämpfen, wenn man keine Gedanken lesen kann, hilft nur die Beobachtung der Willensäußerungen, aus denen sich mit Hilfe von Algorithmen der Inhalt der Black Box extrapolieren lässt – wobei Observieren und Abservieren fließend ineinander übergehen. Die Hölle sind wir selbst, aber wir haben keine Chance, sie erträglicher zu machen, weil wir eine Art der Sklaverei gegen eine andere nur austauschen können, wo wir genügend Bonuspunkte gesammelt haben. Das ist das falsche Leben im richtigen.

Was bereits als soziale Dressur taugt, kann auch im Wettbewerb nicht verkehrt sein. Hin und wieder in die Lebenswirklichkeit der Probanden, vulgo: Verbraucher einzugreifen ist legitim, wenn es dem Markt stetiges Wachstum sichert – um Sicherheit geht es ja, und wer will schon beschränken, ob es immer nur staatliche ist. Oder Sicherheit vor dem Hominiden, der in seiner intellektuellen Ausstattung plötzlich die Schalter für Denken, Widerspruch und Verweigerung entdeckt, bevor man sie ausknipsen konnte. Oder ihn. Je mehr sichere Aussagen über das dynamische Verhalten eines Versuchsmenschen vorhanden sind, desto besser wird er sich steuern lassen, wie ein Insekt im Laborkasten, das nur noch seinem Instinkt folgt, weil andere Einflüsse fehlen.

Wie in einer Gated Community alle schädlichen Außenreize ausgeschaltet werden, damit innen der himmlische Frieden herrscht, beobachten uns im Idealexperiment die Sensoren einer Maschinerie in einem mit Reiz-Reaktions-Mechanik ausgestatteten Käfig, beispielsweise mit einem lernfähigen Gerät, das die Temperaturschwankungen misst, die von der Anwesenheit eines Menschen ausgehen. Je nach Muster erhebt sich die Person aus dem Bett, betritt erst die Nasszelle oder bereitet ein Heißgetränk zu – der Apparat gibt die Reihenfolge, ihre Tempi und Schwankungen an die Datenhalde weiter, die bald Beleuchtungs- und Heizungsbedarf in den weiteren Zimmern vorausberechnet, die Vorräte checkt und in vorauseilendem Befehlston nachbestellt. Das Ding schlägt uns nicht vor, schneller an die Arbeit zu gehen, weil in der Dusche das Wasser langsam kälter wird, es triggert nur unsere Unlust, die sich allmählich in eine emotional unterfütterte rationale Verhaltenswahl hineinsteigert. Zunächst wird es nur der Kühlschrank sein, der sich im Netz der Dinge selbst auffüllt, irgendwann ist es ein Angebot, das der Kunde gar nicht bestellt hat, und ob er sich nun daran gewöhnt oder nicht, es bleibt auf der Liste der zu konsumierenden Produkte. Es wird sich steigern, denn dazu sind Mechanismen da, und was aus der Reaktion auf das Empfehlungsmarketing lesbar ist, wird uns nicht einmal nach langer Analyse klar. Mit der Kontrolle der Informationsinfrastrukturen, die ähnlich wie die Metadaten wichtiger sind als der eigentliche Inhalt, kapern sich technische Systeme Macht über die Masse, die sie nach Belieben durch Werbung, Propaganda, Willensbeeinflussung und Auswahlbeschränkung in jede beliebige Ecke ihres kleinen Stübchens namens Freiheit lotsen kann. Das Verhaltensexperiment sind wir, unsere Freiheit ist, dass wir es nicht bemerken wollen.

Es gibt keine künstliche Intelligenz, die den Musikgeschmack, Veränderungen im Hautbild oder Schrittfrequenzen genau genug zergliedern könnte, um Terrorgefahr auszuschließen oder den Wunsch, sich doch keinen neuen SUV zu kaufen – beides für sich gemeinschädliches Verhalten, wenn man nicht gerade Kriegswaffen herstellt. Also so wird der Algorithmus Korrelation als Kausalität werten, da 0,3% der blauäugigen Veganer nach zweimaligen Herzrhythmusstörungen zu Straftaten neigen, und da ist es allemal besser, einen mehr zu beseitigen als statistisch notwendig. Oder zwei. Oder alle. Für eine sichere Gesellschaft darf es keine Denkverbote geben, wenn sie den Gewinn nicht destabilisieren.

Interessant wird es, wenn die marktkonforme Postdemokratie feststellt, dass sich beide Sphären deckungsgleich aufeinander abbilden lassen; wird allgemein akzeptiert, dass Politik das ist, was die Wirtschaft ihr an Raum lässt, und Wirtschaft der reine Daseinszweck der Dienstboten im politischen Geschäft, so wird es gar keinen Anspruch mehr auf Freiheit geben, auf Wissen, Recht oder Leben. Die Mechanik der Verhaltenssteuerung annektiert die politischen Räume und hat bald kein Problem mehr damit, alles auszulöschen, was ihren Börsenwert dämpfen könnte, alle Prognosen gewinnen mit zunehmender Datenmenge an Verlässlichkeit, und wir werden es normal finden: die Kamera auf dem Klo, die zwei Wochen vor der Krebsdiagnose das Ergebnis an die Krankenkasse und den Arbeitgeber schickt, einen Präsidenten, der im TV Dosenbohnen anpreist, und dieses pelzige Gefühl beim Nachbarn, der im Treppenhaus immer so freundlich grüßt. Er hat offensichtlich nichts zu verbergen. Verdächtiger geht’s ja gar nicht.





Kostenfaktor

9 12 2020

„Aufgehängt!?“ „Sie haben ihn auf dem Dachboden gefunden.“ „Aber gestern hat der Chef doch noch gelebt!“ „Da hatte er ja noch keine Quartalszahlen.“

„Absturz um wie viel?“ „Schauen Sie sich das mal an.“ „Die Kurve?“ „Nein, die andere.“ „Das sind ja fast…“ „Eben.“ „Wir haben die Umsätze von 2019 nicht getoppt.“ „Das ist für die Märkte schlimmer als eine Insolvenz.“ „Stimmt, da kommt irgendwann der Staat.“ „Der Chef wollte schon das Personal halbieren, damit er ein paar Milliarden als Entschädigung kriegt.“ „Aber wir sind doch bloß zehn Leute?“ „Naja, mich hätte er schon nicht vor die Tür gesetzt, und Sie bestimmt auch nicht.“ „Und, hat er die Kündigungen schon geschrieben?“ „Offensichtlich hat der Staat ihm gesagt, dass das so nicht funktioniert.“ „Schlimm!“ „Und die Bank hat gemeint, sie würde uns das Geld nicht schenken können.“ „Schlimm, schlimm!“ „Dabei hat der Chef letztens noch gesagt, es würde irgendwann bestimmt wieder besser werden.“ „Ja, weil doch die meisten in der Krise noch viel reicher werden.“ „Das Problem ist nur, das betrifft lediglich ein paar Reiche.“ „Und wir sind reich?“ „Eher nicht.“

„Ich verstehe das nicht, wir machen doch alles richtig.“ „Das hat ja auch dreißig Jahre lang gut geklappt.“ „Billig eingekauft, schlechte Löhne…“ „Gut, bei Ihnen vielleicht.“ „… und dann teuer wieder verkaufen.“ „Wenn man es wirtschaftlich betrachtet, dann haben wir alles richtig gemacht.“ „Aber sonst nicht?“ „Der Markt hat eigentlich auch alles richtig gemacht, aber eben nicht für uns.“ „Und woran lagen diese Quartalszahlen?“ „Keiner hat etwas von uns gekauft.“ „Dann hätten wir doch noch viel reicher werden müssen.“ „Nein, das haben Sie jetzt nicht ganz verstanden.“ „Wieso? entweder man ist reich, oder man kriegt Geld vom Staat, oder beides.“ „Eben nicht, wir hatten halt nur richtig miese Umsätze.“ „Vielleicht hätten wir uns Flugzeuge kaufen sollen, oder einen Flughafen.“ „Das ist ganz schön teuer.“ „Also sind das diese Reichen, die haben so viel Geld für Flugzeuge, dass sie hinterher noch Geld draufkriegen, wenn sie die nicht fliegen lassen können.“ „So ähnlich, ja.“ „Und die Leute haben dann eben… – Ich weiß es doch auch nicht!“ „Die Kunden haben nichts gekauft.“ „Aber die Kunden haben immer irgendwas von uns gekauft!“ „Das mag ja sein, nur halt nicht in der Krise.“ „Das hat jetzt dreißig Jahre lang geklappt, warum soll damit denn jetzt auf einmal Schluss sein?“ „Weil die Leute in der Krise…“ „Ich habe die doch in den Geschäften gesehen, die waren überall unterwegs.“ „… nur das gekauft haben, was sie unbedingt brauchten.“ „Mehr nicht?“ „Mehr nicht.“ „Und die wussten auch, dass sie damit der Wirtschaft schaden? und Deutschland?“ „Ja, das kann man wohl annehmen.“ „Diese verdammten Vaterlandsverräter!“

„Wir könnten ja auf der Ausgabenseite einiges sparen, aber leicht wird das nicht.“ „Noch billiger einkaufen? Geht das überhaupt?“ „Ich dachte da eher an Gehaltskürzungen.“ „Mit Kurzarbeit wäre dann aber nicht mehr so viel Ware da und wir würden noch viel weniger verkaufen.“ „Ich rede aber gar nicht von Kurzarbeit.“ „Sondern?“ „Man könnte die Entlohnung ja ein bisschen anders gestalten als nach dem alten Muster. Zum Beispiel weniger materialistisch.“ „Wollen Sie die Firma in Aktien umwandeln und der Belegschaft schenken?“ „Nein, ich dachte eher an Spekulatius. Oder ein Lavendelsträußchen?“ „Bitte!?“ „Oder zur Not auch mal Applaus vom Balkon. Es gibt so viele Firmen, die ihre Mitarbeiter nur mit Geld bezahlen, da kann man sich doch wirklich mal abheben und für ein anderes System eintreten, das die Arbeitnehmer nicht nur als reinen Kostenfaktor betrachtet.“ „Und das funktioniert?“ „Schauen Sie sich die Pflege an, die da ging’s einwandfrei.“ „Echt?“ „Das ist eine kleine, aber sehr engagierte Minderheit in diesem Land, die für ihre Jobs wirklich alles gibt.“ „Und das würden wir auch hinkriegen?“ „Wenn man den Angestellten deutlich macht, dass sie jederzeit an die frische Luft gesetzt werden können, dann werden sie dafür sicher Verständnis haben.“

„Aber mal ernsthaft, es muss doch jetzt irgendwie weitergehen.“ „Reicht Ihnen Spekulatius nicht aus? Ich meine, uns geht’s doch gerade sehr gut, weil unsere Arbeitsplätze nicht in Gefahr sind.“ „Sie haben doch eben noch gesagt, dass die Firma kurz vor dem Ruin steht?“ „Ja, das sagt man so, wenn man gerade Finanzhilfen haben möchte, die einem streitig gemacht werden.“ „Streitig gemacht? von wem denn?“ „Zum Beispiel von Künstlern, und die haben im Gegensatz zu uns überhaupt keine Umsätze gemacht, was ja wohl deutlich zeigt, dass wir als Konsumgüterindustrie durchaus mehr Nachfrage erzeugen und deshalb auch früher an staatliche Hilfen kommen müssten, wenn es denn gerecht zuginge.“ „Ja, das klingt jetzt irgendwie logisch.“ „Und wenn wir selbst merken, dass die Gesellschaft sich in der Krise auf Konsumverzicht eingestellt hat, dann ist es doch nur konsequent, wenn wir auch andere damit konfrontieren und sie mal zum Umdenken bringen, indem wir ihnen das Konzept mal als Ausweg aus der aktuellen Lage vor Augen führen, meinen Sie nicht?“ „Da ist etwas dran.“ „Sehen Sie, ich wusste, dass ich mit Ihrem Verständnis rechnen konnte.“ „Wir müssen ja alle irgendwie unseren Teil dazu beitragen, dass die Gesellschaft aus der Krise rauskommt.“ „Und das Unternehmen natürlich auch.“ „Selbstverständlich.“ „Gut. Ich wusste doch, dass sich meine Firma auf Sie verlassen kann.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXVI): Kapitalistischer Eskapismus

7 08 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher, als die Gummistiefel noch aus Holz waren, da schien jene unlösbare Verbindung von Religion und Gesellschaft noch sinnvoll zu sein; wer mühselig und beladen war, und das waren eben alle, suchte Erquickung im Glauben, wo sich die unfreundliche Realität ein Stück weit ausblenden ließ. Zwar hält sich der Unterhaltungswert von zwanzig Rosenkränzen für Durchschnittspersonen ohne ausgesprochene Leidensbejahung in engen Grenzen, doch schon die Heilige Messe mit Brot und Wein, Weihrauch und Georgel stärkte die Kraft der Menschen, in einer Welt voller Sünde und miserabler medizinischer Versorgung vor der Erfindung von Flaschenbier und Streamingdiensten den notwendigen Beitrag zur Erhaltung weltlicher Güter im Dienste der Obrigkeit zu leisten. Uns geht es vergleichsweise gut, wir haben Flaschenbier und Streamingdienste, zahlen Steuern, statt den Zehnten abzugeben, und befinden uns trotzdem in einer eher noch mieseren Lage. Die Religion hat sich in die Transzendenz verkrümelt, das System verspricht so gut wie jedem irdisches Heil, wo er nur gewillt ist, dafür anderen eins aufs Maul zu geben, und nur die Ewigkeit ist geblieben, dummerweise in Gestalt des Hamsterrades, dem Sinnbild des Kapitalismus. Was aber hält uns heute so leidensfähig?

Das Flaschenbier ist es nicht, da abgesehen von ein paar aufgekratzten Werbespots keiner das Zeug zum Objekt unserer existenziellen Träume macht. Wir haben aus unseren affektiven Bedürfnissen, aus der Suche nach Entspannung und Ablenkung, einen Hochleistungssport gemacht, der selbstverständlich den Gesetzen des Marktes genügt: immer die beste Gelegenheit suchen, das Minimalprinzip verfolgen, und alles außer uns ist Feind. Wenn wir uns schon zu Tode amüsieren müssen, dann soll es wenigstens erfolgreich sein. Was uns integriert, Identifikation und Selbstfindung gibt, ist nur Nebenwirkung der hektischen Suche nach emotionaler Erregung, die erst mit dem Übergang zur Biomasse jäh abbricht, weil wir die Endlichkeit begreifen. Aber begreifen wir denn überhaupt die Wirklichkeit davor?

Wo uns die Conditio humana mit voller Wucht einholt, breitseitlich trifft und aus der Bahn kegelt, bemerken wir, dass die apokalyptischen Reiter noch immer munter ihre Runden drehen. Technisch sind wir inzwischen imstande, den Planeten mehrfach in die Luft zu jagen, wenn nicht zuvor aus klinischer Beklopptheit heraus unsere Art die erste ist, die sich zielgerichtet selbst ausrottet, weil sie ihre religiösen Fantasievorstellungen hier auf Erden verwirklichen will – der Kapitalismus ist die Religion geworden, die sich den Nachwuchs in den Gierschlund stopft, und also kann sie nicht mehr als teils sinnvolle, teils ins Absurde entlastende Gegenwelt der materiellen Gesellschaftsordnung dienen, sondern nur noch sich selbst auf sich selbst beziehen, womit dann auch die Identifikation brüllend an die Wand fährt, wo der ganze Rest schon herunter rinnt. Selbst da, wo der große Grauschleier der Langweiligkeit das Sein in unerträglich breiigen Stumpfsinn verschwiemelt, bleiben nur noch Entfremdung und Angst, die im Rausch weggeshoppt werden, im perpetuierenden Partymarathon über die Klippe stolpern, auf der Flucht vor der Flucht rund um den Globus fliegen und immer neue Fluchtpunkte suchen, bis wir mit touristischen Mitteln den Rest der Umwelt erledigt haben.

Sehnt sich der Realitätsallergiker nach Katharsis im Sinne der Tragödie oder einfacher Regeneration, wie sie eine Woche Malle im Ethanolkoma en passant erledigt als Fußtritt in den Resetknopf? Ist Gleichgewicht von intelligenzabstinenter Duldung der Istzeit und idealtypischer Traumwelt mit oder ohne Hilfsmittel aus der Drogenküche ein guter Weg, auch wenn ihn die obersten Zehntausend für sich behalten? Harmonisieren wir uns gerade zu Tode, um den Boden unter den Füßen zu finden, damit die Würg-Life-Balance Balance uns nicht versehentlich den Magen umkrempelt? Oder ist der Schmodder doch nur verzweifelte Reaktion auf den Triebstau, den Priester der Betriebswirtschaft in uns erzeugt haben, als sie drakonische Strafen für die Steuerhinterzieher unterhalb der Armutsgrenze mit Notwehr gegen den Staat für Steuerhinterziehung oberhalb der Milliardengrenze verteidigten, weil man den Stumpfstullen stets vorturnen muss, dass sie als Opfer der intellektuellen Raumkrümmung nicht in ihrer eigenen Blödheit gefangen sind, sondern in den taktischen Grenzen des Systems?

Was auch immer sich hier anstaut, es sucht nach einem Ventil. Dies Virus hat uns nur angezählt, das nächste ebnet ein, was die Flut an Zivilisation nicht mehr beseitigen wird. Religionen mögen noch Heil versprechen, solange es keiner Marktanalyse nach Verbraucherzufriedenheit unterzogen wurde, doch der Kapitalismus kann mit Freiheitsversprechen, die nur Narkose von der Sklaverei meinen, nicht viel erreichen. Wir wären gerne Kapitalisten, uns fehlt nur das Kapital, weshalb eine Ersatzreligion mit der Option auf Mitmachgerede so kläglich versagt. Die alten Vorstellungen hatten noch eine Gemeinschaft der Heiligen, quasi das Zwei-in-eins-Produkt der virtuellen Spiritualität. Welcher Knalldepp gibt das für den sozialen Vollkollaps aus?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXIII): Der Zeitzwang

8 05 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Rrts Höhle gab es ein rudimentäres Sortiment an Einordnungen, wann und wie etwas geschehen sollte: vor dem Essen oder danach, nach der Jagd oder davor, tags oder nachts, wobei gerade letzterer Gegensatz saisonaler Variabilität unterlag, was sich auf andere Verrichtungen des täglichen Daseins nicht minder auswirkte. Die Dinge waren geordnet, nicht aber in ein starres Gerüst gepresst, für deren Einheiten die präzise Messung noch nicht einmal gefunden war, geschweige denn der Sinn, warum es eine präzise Teilung der Zeit in Zeiten überhaupt je würde geben müssen. Rrt wusste das nicht; er hatte sich daran gewöhnt, im Einklang zu leben mit den windschiefen Rhythmen der Natur, vor allem daran, deren Erfordernisse und Gebote zu lesen und dann zu begreifen, wann der Tag gekommen war, die Buntbeeren zu pflücken. Er und seine Leute, sie kannten keinen Zeitzwang.

Tatsächlich war das Messen der Zeitabstände zunächst ein Akt der religiösen Organisation, mit dem die Karnevalspräsidenten ihr Untergetän auf die gottgefällig verordnete Zahl von Arbeitsstunden einnordeten. Mit der Vereinheitlichung, wie sie den Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang aus der vormals künstlich zurechtgeschwiemelten Ordnung wieder heraushieben, marschierte die Bevölkerung in ihre Werktätigkeit und nahm sich ins Gebet. Wie auch immer in irdische Verhältnisse geschwiemelte Abläufe regelten folglich nicht nur die äußere, auch die innere und damit moralische Führung – wer zu spät kommt, den bestraft noch heute das Leben als solches. Seit der Mechanisierung ist Allgemeinheit nur noch unter der Kontrolle der Zeiger möglich, seit der Ausbreitung des Digitalen nur noch unter der Kontrolle der gestoppten Sekunden. Die ganze Existenz ist ein arbeitsteiliger Prozess geworden, der unsere Fertigstellung zum Ziel hat.

Die fließende Produktion der immer gleichen Untertassen, Zahnbürsten und Sockenhalter rattert der Welt den Takt vor, in dem sie zu ticken hat: in sklavischer Gleichmäßigkeit, die kein Bedürfnis kennt und damit keinerlei Ende. Es herrscht das Objektprinzip, das ganz auf den Verrichtungsträger fixiert ist; ein Pech, handelt es sich noch um den Menschen selbst, aber es wird nicht besser, wenn er nur ausgelagertes Bedienelement der Maschine ist, das aus dem Gesichtspunkt des Kostenträgers nie gleichmäßig, schnell und erschütterungsfrei genug die stereotype Bewegung verrichten kann, weil sie gerade durch lästige Nebenbeschäftigungen wie Atmen abgelenkt wird. Die ganze Abhängigkeit des einzelnen Organismus von der Gruppe, von der Spezies und ihren Beschränkungen findet sich in der Abfolge des Zeitzwangs, die einen Handgriff in den anderen übergehen lässt, so dass die Person eigentlich nie exakt genug sein kann, weil sie die Summe ihrer Fehlermöglichkeiten darstellt.

Nichts weniger als physiologische Bedürfnisse werden mit der Vertaktung eingezwängt. Schicht um Schicht wird das körperliche Konstrukt dieser Realität neu geformt, bis es sich nicht mehr mit den geänderten Variablen verträgt; korrigiert wird dann nicht der Prozess, sondern der Mensch. Wie im Wahn, aus irrwitzigem Brauchtum einmal im Jahr alle Uhren ohne Nachteil für das Gemeinwesen je eine Stunde in die eine oder andere Richtung zu biegen, schmeißt die ansonsten normsüchtige Rotte offenporiger Oberhäuptlinge alle utilitaristischen Regeln über Bord und vertaut auf die magische Kraft des Wir-haben-es-immer-schon-so-gemacht. Aus Schaden werden Sie nicht klug, wenn sie ihn nicht wahrnehmen. Sie kommen wohl nicht dazu.

Was aber, wenn sich der Rahmen selbst verbiegt und die komplette Struktur ersatzlos wegfällt, weil die ganze Gesellschaft auf dem Rücken liegt wie ein Käfer im Bett? Für das einzelne Individuum mag Strukturlosigkeit immer noch gelingen, doch ist nur ein Teilhaber der gesellschaftlichen Gruppe von konkurrierenden Bedürfnissen der Außenwelt betroffen, terrorisiert sie das ganz Gefüge wie ein Sonntag, an dem ausnahmsweise nicht sämtliche Mitglieder im Morgengrauen aufstehen müssen. Die Routine wirkt auch dort weiter, wie ein aus Müdigkeit vernachlässigtes Gebet moralinsauer den Schlaf zerstört. Der Stress einer Work-Life-Balance tritt immer da auf, wo er überhaupt gefühlt werden kann, und das ist nicht in der Betäubungsphase der Zeitverrichtung.

Die Konfliktvermeidungspsychologie empfiehlt eine längere Auszeit, um sich neu zu ordnen; ganze Monate werden ohne äußere Zwänge gestaltet, um dann, endlich vom Unsinn eines bizarren Irrtums an Heuschreckenkapitalismus geheilt, ohne vorherige Wiedereingliederung in den gefräßigen Schredder der Zeitvernichtungsanlage zu springen, damit sich das Bruttosozialprodukt freut. Einziges Schlupfloch bleibt der Freizeitstress. Wer sich dem Heilsweg des Geltungskonsums verschreibt, verendet dereinst sozialverträglich an Verkalkung oder Fettleber, bricht beim Marathon zusammen oder verdämmert nach der Hirnembolie in einer Risikogruppe, die nur noch dazu taugt, dass sich die Heckenpenner für einen sinnlosen Singsang vor einer Rundfunkanstalt aufregen. Zeitzeichen soll man hören. Bevor sie zwanghaft werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXI): Hysterischer Materialismus

24 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es könnte so schön sein, wäre diese Welt ein Paradies. Dass dummerweise nicht das Bewusstsein die Existenz bestimmt, hat sich auch unter ärgsten Zweiflern mit einigem Erfolg herumgesprochen, zur Not damit begründet, dass die vielen Armen vor dem Fenster einem den Spaß an der gepflegten Inneneinrichtung nehmen können. Zieht man dann in ein Häuschen, das weit genug von der Straße im Grünen steht, so tritt man selbst den Beweis dafür an, dass das Sein die entscheidende Kategorie ist, mühsam von idealistischen Chimären funzelhaft erleuchtet. Wer satt wird, kann sich den Glauben an das Gute am Menschen sparen, wer nicht satt wird, steckt sich den Glauben an den Hut. Der daraus resultierende Klassenkampf ist für eine Klasse bereits entschieden: für die obere. Denn gäbe es keinen Sieg der bigotten Scharlatane über das Fußvolk, es gäbe dieses verdammte Paradies. Nur halt ohne Scharlatane. Dann schon lieber den hysterischen Materialismus.

Auch die raffende Klasse glaubt fest an die Notwendigkeit der Produktion; sie verendete sonst elend in ihren Luxuskarossen, die spritlos nicht zur Fahrt in den Supermarkt taugten, wo sie sich an der Backwarentheke mit stumpfem Gepöbel in die Erinnerung derer zurückrufen könnten, denen sie im besten Fall Ignoranz entgegenbringen, um sich nicht der ständigen Gefahr gewaltsamen Ablebens auszusetzen. Sie feiern genau den Ökonomismus, den sie ansonsten als methodische Verfehlung des Staates ansehen, wo er den Falschen Recht verleiht. Im Zweifel sind das die scheinbar Schwachen, die sich vor dem Geschnösel der Werteverweigerer aus lauter Ekel zusammenschließen und schädliches Gedankengut wie ein Gesellschaftsordnung nicht nur fordern, sondern auch organisieren. Wo bliebe denn da das Primat der Produktion? Wie brüchig ihre Denkungsart ist, zeigt sich in der vollständig eindimensional verschwiemelten Fixierung auf den quantitativen Geltungskonsum, den sie für das Abzeichen von Macht halten, obwohl sie sich mehr als augenscheinlich zu winselnden Knechten des fossilen Entwicklungsstadiums, in dem plärrende Fellträger sich möglichst viel Zeugs um den Wanst hängen mussten, um als stark zu gelten – in Zeiten ohne Krankenversicherung führte das nicht selten zum kurzen, aber klaren Verdrängungswettbewerb in einer Gesellschaft reiner Eigenverantwortung.

Jede echte als Ideologie getarnte Religion hat im Zentrum ihrer Anschauung einen Mythenbrei, aus dem sich die eigene Degeneration systematisch zur Philosophie umbügeln lässt. Vor dem immanenten Bewusstsein, dass irgendeine Prädestination die Menschen in Produktionsstufen unterschiedlicher Güte eingeteilt haben muss, weil sonst der eigene Besitz, ererbt, erpresst oder gestohlen, nicht als Rangabzeichen der Höherwertigkeit durchgeht, lässt sich der fetischistische Wesenskern nicht verleugnen. Es wird nicht einmal der Tauschwert als höheres Wesen angebetet, sondern inzwischen nur noch dessen nackter Besitz, als verspräche die Fotografie eines reproduzierbares Götzenbildes Heilung von peinlichem Siechtum, das man sich auf dem Abtritt einer Fabulantenkaschemme zugezogen hat. Denn erst das Dingliche, die Verachtung des eigenen Besitzes, der ja irgendwann aus Gründen des zwanghaften Konsums wieder durch ein neues Objekt ersetzt werden muss, um die verhassten Freunde von der eigenen Dominanz zu überzeugen, erst dieser Unterwerfungsakt zeigt, dass sich der Dreckrand auf Sozialentzug in der Nebelregion der Religiotenwelt am unteren Ende der Laternenpfähle entlang tastet: Erleuchtung ausgeschlossen, aber die Bodenhaftung ist auch nicht freiwillig.

Noch weniger überraschend dürfte es sein, wenn der Auspuffliberalismus weimernden Waschlappen das Spielzeug wegnimmt: sie verharren in ihrem präadoleszenten Zustand, wollen eher gewaltsam die Koordinaten der Umwelt verbiegen und fordern von den Untergebenen weniger Atmung beim Schwitzen, damit sie nur ihre frische Luft beim Nichtstun genießen können. Erfahrungsgemäß wird die Sklavenhaltergesellschaft nicht in den Orkus gestampft, weil eins ihrer komplett verkoksten Quotenwürstchen der Plebs spätrömische Dekadenz vorgerülpst hätte, während es sich die Rosette nach Anmeldung der Kreischpresse blattvergoldet. Dass der Besitz eines Aktienpakets davor schützt, als Ausbund der Ichlingspest über den Gartenzaun geprügelt zu werden, ist noch immer ein Gerücht im lächerlichen Konvolut der Volksweisheiten, aber wen würde das stören. Jedenfalls nicht die Klasse der Besitzenden, die noch immer für die kostenlose Feuerversicherung betet, weil sie nicht hoffen will, dass sich die Kotzpröpfe gegenseitig die Autos abfackelt, damit sie ihre Potenzprothesen ungerührt vor der Bude stehen lassen kann, während bei den Parteifreunden die Blechtrümmer abrauchen. Die Degeneration frisst ihre Kinder. Sie schmatzt, wie auch sonst. Manierliches Verhalten wird man nicht erwarten können von verkommenen Ungeheuern, die sich am Fleisch laben, während es noch zuckt. Der Kapitalismus nimmt es von den Lebendigen. Aus Gründen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVIII): Der Markt

3 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte manchmal das Glück, bei der Suche nach Buntbeeren auf den Großen Prickelpilz zu stoßen, der bei knapper Dosierung lustig machte. Ein mittelgroßes Exemplar reichte für einen recht gemütlichen Abend in der Einfamilienhöhle, und fand er mal zwei, so konnte er in durchschnittlichen Sommern eine gute Keule von der Säbelzahnziege für den Schwamm eintauschen. Natürlich half es, die Nester im kleinen Wäldchen bei der westlichen Felswand gut zu kennen. Kaulauch und Hasen hatte Rrt unter Kontrolle, diese Segmente schienen längst abgesteckt. Aber die Wirtschaftsteilnehmer wussten es schon damals, der Markt regelt alles.

Wenn man ihn denn lässt. In den meisten Fällen besteht er aus dreißig Bestattungsinstituten in einer Hundert-Seelen-Gemeinde, die sich karnickeloid vermehren und nach Staatshilfen plärren, weil ihnen keine verraten hat, dass mit Gewerbefreiheit nicht gemeint war, nach Belieben als Unternehmen am Markt aufzutreten, wenn dies keinen Erfolg zu versprechen droht. Manche schwenken sofort um auf Nagelstudio, Musikschule, Feng-Shui-Bude oder notfalls Unternehmensberatung, weil das jede Knalltüte hinkriegt – doch nicht jede Lücke, in die nach Motivationsgeplärr des Analysten Mut suppt, ist auch als Standort der Vernunft bekannt. Der voodooeske Betriebswirtschaftlerzauber, nach dem Nachfrage und Angebot vollkommen unabhängig voneinander im luftleeren Raum existieren, hier wird er Ereignis.

Wie sonst könnte es grundsätzlich gesteuerte Märkte geben wie den Arbeitsmarkt, auf dem sich die Anbieter degradieren lassen müssen, indem man sie als Arbeitnehmer bezeichnet. Nach unverdünnt aufgetragener Marktlogik könnten derzeit alle Kassierer im Einzelhandel, alle Gesundheits- und Krankenpfleger, Lkw-Fahrer sowie angeschlossene Branchen sich lässig zurücklehnen, ihre staubigen Tarifverträge mit mildem Lächeln in den Schredder kloppen und die verschwiemelten Ausflüchte der sogenannten Tarifpartner – outgesourcte Zwerge für russisches Roulette mit Lohnempfängern – schlicht ignorieren, denn was wäre dieses Land, würde nicht das zehnfache Brutto monatlich rüberwachsen. Aber wen kümmert schon die Definition, wenn man doch klarmachen kann, dass es überall geistig schwer gestörte Brechbeulen gibt, die nur da nach den Regeln spielen, wo sie sie nach Belieben ignorieren können.

Tatsächlich sehnen aufmerksamkeitsgestörte Hackfressen sich nur nach dem Scheinoligopol, in dem sie als arbeitsscheue Anteilsschmarotzer den Preis für systemrelevante Leistungen durch gezielte Verknappung so weit in die Höhe zwiebeln können, dass sie das Gleichgewicht halten: nicht zu geringe Erlöse unter Berücksichtigung aller vorsätzlich hinterzogenen Steuern und Abgaben, keine zu niedrigen Verluste in der Verbraucherschicht, um zu kompensieren, dass man nicht jedem, der wegen eines überteuerten Medikaments verstirbt, vorher noch ins Gesicht hat spucken können.

Sollten sie sich im Vollsuff einmal zu hart mit dem Gesichtsversuch in die Tischecke gelegt haben, so werden sie angenehm erfreut sein, dass es auch an Sonn- und Feiertagen einen Notdienst für die Esszimmerreparatur gibt. Eigennutz, wusste auch der geneigte Nazi, ohne es zugeben zu wollen, geht ja stets vor Gemeinnutz, und der Taxifahrer, der den letzten Zug am Bahnhof abwartet, tut dies nicht aus reiner Philanthropie: beide wollen ihren Kredit abbezahlen und schielen kalt auf die Zuschläge, die sich in einem ausgedünnten Angebot wie von selbst ergeben. Zuverlässig anwesende Hühner lachen bei Gelegenheit, wenn der Preis sich durch etwaige Kaufverweigerung einpendeln sollte – mit dem vereiterten Zahn hockt der Nanodenker freilich ein ganzes Quartal vor des Dentisten Tor, bis die Kasse ein Machtwort lispelt, und gibt es kein Brot, frisst der geneigte Kunde auf Befehl Kuchen.

Die komplett unsichtbare Hand, die sich nur in einem Paralleluniversum zeigt, regelt nur bei denen ihren Schlamassel, wo der Brägen auf Halbmast hängt. Auf einem perfekten Markt gäbe es keine Märkte, das Volumen wäre begrenzt, da es sich in einem abgeschlossenen Kreislauf befindet, das den Energieerhaltungssatz auch durch schamanisches Hüpfen nicht abschafft, und das religiös verehrte Wachstum wäre eine Folge von Lack on the rocks, den die im Oberstübchen verseiften Soziopathen zur Aufrechterhaltung ihrer Laberzirrhose nötiger haben als die Dünnluft zum Atmen. Kaum ist für sie der Spargel in Gefahr, plärren die Waschweiber im Chor nach Mammi, die ihnen die Windeln wechselt, weil sich diese verdammte Realität nicht an die Vorstellungen hält, die man nach einer Tüte Tanzdragees entwickelt. Sicher gibt es Wachstum, ungebremste Progression ohne Rücksicht auf alle anderen Faktoren, freie Entfaltung durch gezielte Zerstörung der Umgebungsvariablen. Im gut sortierten Fachhandel heißt das Zeug Krebs, und wer es sich selbst wegbeten will, kommt früher oder später zum Arzt. Und sei es, mit etwas Glück für alle anderen, zum Sterben.