Um jeden Preis

25 06 2009

„Meine Güte! Immer regst Du Dich gleich so auf!“ Hildegard fuhr mich an und fast einem parkenden Wagen in die Seite. Dabei hatte gar nichts gesagt, als sie verkündete, dem neuen Einkaufszentrum einen Besuch abzustatten. Sie muss mein langes Schweigen – ich hatte gut eine halbe Sekunde Zeit gehabt, ihr zuzustimmen – als passive Aggression aufgefasst haben. „Außerdem brauchen wir noch ein paar Sachen, am Wochenende kommen wir wieder zu nichts.“ Meine vorsichtige Andeutung, es sei Montag und kurz nach halb zehn, überging sie.

Gegen Mittag fanden wir einen Parkplatz. Der Sprit würde, so überschlug ich im Kopf, gerade noch bis zur nächsten Tankstelle reichen. Ein gutes Omen. Wir passierten die Eingangstore und fanden uns in einem wirren Getümmel. Das erforderte eine sofortige Strategiediskussion. „Wir brauchen zwei Wagen“, befahl Hildegard, „sonst schnappen sie uns alles weg.“ So bewegte ich zwei Drahtkörbe durch das Chaos, schiebend wie ziehend.

Hildegard blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Augen ruhten auf dem Schild über dem Kühlregal. „Fruchtquark“, stammelte sie, „und nur 49 Cent!“ Ich machte sie zaghaft darauf aufmerksam, dass sie weder Frucht- noch Kräuter- noch sonstigen Quark zu essen pflegte, doch sie hörte nicht. „30 Cent pro Packung! Weißt Du, wie viel wir hier sparen?“ Sie stemmte Quarkschälchen, bis der erste Wagen leise knackte. Mit Mühe konnte ich das schwere Gefährt in Bewegung setzen. „Da! Kiwis!“ Dass die Strahlengriffelfrüchte bereits überreif bis matschig waren, musste ihr entgangen sein, doch rief ich Hildegard in Erinnerung, dass ich auf die grünen Beeren allergisch reagiere. Eine Scheibe genügt, mir den Hals zuschwellen zu lassen. Ob sie mich überhaupt verstand? Schon war sie in die Bananen eingefallen und wuchtete eine Staude empor. „Was wir da sparen!“ Da knickte ihr Absatz – oder war sie auf einer der Schalen ausgerutscht, die den Boden bedeckten? – und sie landete mitsamt der bräunlich-gelben Schläuche im kippelnden Korb. „Und Birnen! Und Äpfel! Und noch Birnen!“ Es gab keinen Zweifel, Hildegard hatte den Verstand verloren. Ein akuter Anfall von Kaufrausch hatte sich ihrer bemächtigt.

Zwei Schichten Nüsse – Haselnüsse, Walnüsse, Erdnüsse, Paranüsse, Kokosnüsse, Pekannüsse, Cashewnüsse sowie Nüsse – später ging Hildegard dazu über, Teebeutel in den Trolley zu schaufeln. Ich trinke keinen Beuteltee. Nicht einmal der Hibiskus-Brennnessel-Mischung mit der feurigen Blutorange auf dem Päckchen konnte ich etwas abgewinnen. Sie auch nicht. Aber bei 89 Cent pro Schachtel sind Kompromisse unausweichlich.

Wahrscheinlich würde sie vom Ersparten ein Lustschloss in Südfrankreich erwerben. Oder gleich einen Hotelkomplex in Dubai. Man soll nicht kleinlich sein in solchen Angelegenheiten.

Lautstarkes Keifen riss mich aus der süßen Träumerei. Eine feiste Endvierzigerin, deren Antlitz krebsrot und verschwollen aussah, hieb Hildegard rhythmisch eine Putenoberkeule in den Rücken, während sie mit den Hackenschuhen verzweifelt Halt suchte in der Kühltruhe voller Geflügelfleisch. „Das ist meine Entenbrust“, schrie sie, „ich habe sie zuerst gesehen!“ Entsetzt sah ich, wie sie mit dem Truthuhnbollen zum finalen Hieb ausholen wollte, da hatte Hildegard eine Gans zu fassen bekommen. In letzter Sekunde schleuderte sie den steinhart gefrorenen Vogel der Kontrahentin ins Gesicht, dass diese ins Hühnerklein grätschte. Chicken-Nuggets flogen in alle Himmelsrichtungen. Ein Suppenhuhn für 1,99 begrub ihre Überreste zwischen Putenbrust Handelsklasse A und Hähnchengebein in Pappe. Hildegard erhob sich. Genugtuung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich habe die Grillspaß-Hähnchenschenkel gerettet“, rief sie triumphierend, „die letzten Packungen! Das Kilo zu 3,69!“ Während sie die Monatsproduktion einer mittleren Geflügelzuchtfarm in den Karren verfrachtete, fielen mir die Damenhygieneartikel auf, die aus dem Gitterboden in die Freiheit drängten. Hildegard hatte nie Binden benutzt, nicht einmal mit Kamille und Pfefferminz. Das war nicht unser Wagen. „Weiß ich ja“, keuchte sie und stapelte panierte Vogelbeine, „aber da ist die Mehrfruchtkonfitüre drin, die vorhin schon vergriffen war.“ Ich war gerührt. Sie würde ab jetzt jeden Morgen mit mir frühstücken. Auch wenn sich nach elf Jahren Mehrfrucht auf dem Brötchen möglicherweise eine gewisse Monotonie einstellen würde.

Was folgte, waren verhältnismäßig geringe Mengen an Raps-, Oliven-, Maschinen- und Sesam- und Diesel- und Schmier- und Sonnenblumenöl, Vollkornbrot und Schwarzbrot und Weißbrot und Graubrot, Schmierkäse, Schnittkäse, Schimmelkäse und Fleischkäse, Schnittlauch, Lauchzwiebeln, Zwiebelmett, Mettwurst, Wurstsalat, Salatköpfe, Kopfwehpulver, Pulverseife, Seifenkraut, Krautwickel, Wickelkinder, Kinderwagen, Wagenheber und einige Dinge, die nicht mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen waren wie der Industriestaubsauger und die Tischtennisplatte.

Der Bezahlvorgang wurde jäh unterbrochen, als die Kassiererin, unermüdlich die Waren über den Scanner schleifend, mit einem Schmerzensschrei zusammensackte. Der Arzt diagnostizierte einen ausgekugelten Arm. Ich zückte die Kreditkarte und stutzte. Doch Hildegard griff ein. Das Auto, meinte sie, würden wir nie wieder so günstig los wie jetzt.

Erschöpft saßen wir auf dem Parkplatz. In den Strahlen der sinkenden Sonne sahen wir ein letztes Mal das gleißende Metallic der Karosse, die die Lageristen in die Halle des Kauftempels schoben, wo sie sicherlich ein Sonderangebotsschild tragen würde. Ich spürte meine Beine kaum noch. Es wurde auch langsam empfindlich kalt. Doch ich fühlte mich geborgen und blickte in eine rosige Zukunft, Seite an Seite mit Hildegard. Sie würde immer Mehrfruchtkonfitüre für mich haben.