Protz und Wasser

14 10 2013

„Behalten Sie die Schuhe ruhig an, wir haben Filzpantoffeln. Das ist bei durchgängig Marmor einfach praktischer, als jeden zweiten Tag feucht durchzuwischen. Vor allem, weil die Kehrmaschine immer so einen Höllenlärm veranstaltet, das hört man ja bis in die Bibliothek.

Hübsch, nicht wahr? Das war für uns auch eine echte Herausforderung. Also nicht wegen des Exposés, so zwei bis fünf Aktenordner kriegt man ja auch schnell mal voll, aber bis Sie einen richtigen Immobilienkaufmann dazu bringen, dass er in der Anzeige lauter Untertreibungen schreibt – mein lieber Mann, ich sage Ihnen! Aber wenn wir hier gleich alles reingeschrieben hätten, würde sich bestimmt kein Interessent melden. Zumal dieser Kasten ja auch ganz nette Unterhaltungskosten hat.

Nehmen Sie ruhig den Treppenlift, der ist in weniger als fünf Minuten oben. Für schwerere Sachen haben wir hinter der Empore natürlich noch den Lastenaufzug. Sonst hätte der Adventskranz nie ins Obergeschoss gekonnt. Vorsicht mit den Gobelins, die sind echt. Wir haben hier links die Einhörner, im rechten Aufgang die vier Evangelien als Synopse. Es wirkt etwas unübersichtlich, aber das ist wie mit manchen Filmen: am Ende ist das Buch immer noch besser.

Sie können übrigens von hier aus alles steuern: Heizung, Licht, Beamer, Zugbrücke, und wenn Sie Ihr mobiles Endgerät mit der Hausanlage vernetzt haben, temperieren Sie die Badewanne schon, noch bevor Sie das Grundstück betreten haben. Da hinten ist das Ankleidezimmer, aber das ist eher schlicht gehalten. Ein paar hundert Meter Kleiderstange, die Rolltore natürlich elektrisch, die Spiegel drehen sich automatisch mit. Die getragenen Stücke werfen Sie gleich in den Schacht, dann landen sie unten in der Waschküche. Das ist praktischer, als für jedes Käppchen immer gleich in den unteren Keller zu latschen.

Das wäre dann hier die Küche. Wir haben sie recht einfach gehalten, der Herd ist freistehend, Hochbackofen, Kühlschrank mit begehbarem Drei-Sterne-Fach und Eiswürfelspender, Oblateneisen, und diesen byzantinischen Ambo haben wir als Kochbuchständer umgebaut. Hübsches Ensemble, und für die Beleuchtung haben wir diesen kleinen Kronleuchter an die Decke gehängt. Als Leselicht. Schauen Sie mal, Zicklein in Milch. Und Donnerstag gab’s Lamm für dreizehn Personen. Nein, als Getränkeautomaten würde ich das hier nicht bezeichnen. Wir haben uns das bei diesem Versandhaus abgeschaut. Der Ausgabeschrank ist durch eine App steuerbar und hat über ein automatisches Kommissionierfahrzeug Zugriff auf den Messweinkeller. Bei der jetzigen Bestückung sollte der Bestand bis zum Jahr 2048 reichen. Die Bistümer Trier und Paderborn natürlich inbegriffen.

Hier bitte einmal aufpassen, die Tür öffnet sehr leicht beim Gegenlehnen, und dann führt die Treppe bis ins Untergeschoss oberhalb des Kellers, der oberhalb des oberen Kellers liegt. Also eine Art unteres Zwischengeschoss. Das ist Terrakotta, richtig, und es ist eine Armee. Aber nicht, was Sie jetzt erwartet hatten. Das sind die himmlischen Heerscharen. In Lebensgröße. Nennen Sie es halt Kunst am Bau. Ich finde es auch etwas komisch.

Ja, das ist das Bad. Wirklich beeindruckend, was man aus einem derart großen Raum ohne Außenfenster alles machen kann. Wir waren sehr ergriffen, als wir dies hier das erste Mal gesehen hatten. Manche haben regelrecht geweint. Protz und Wasser. Das wäre hier die Badewanne, und der Waschtisch drüben war früher mal der Hochaltar von Sankt Bonifatius. Die Geschmeide an den Wasserhähnen sind natürlich abnehmbar, man muss das Objekt ja auch vernünftig putzen können. Deshalb ist die Keramik auch nicht aus Keramik. Sie wollen ja ein bisschen Freude an der Nasszelle haben, schließlich verbringen Sie hier die ersten Augenblicke eines langen, arbeitsamen Tages. Der Deckel wird hydraulisch bewegt, und dann kann man die Unterwasserbeleuchtung hier regeln. Den zweiten Hebel von links ziehen. Wieso Whirlpool? Das ist das Gästetaufbecken.

Es ist weitläufig, da haben Sie recht. Aber wenn Sie sich erst einmal an die Rolltreppen in den Verbindungsfluren gewöhnt haben werden, dann fühlen Sie sich ganz schnell zu Hause. Das ist der Durchgang zum Kölner Dom, falls Sie mal den Metropoliten sprechen müssen. Irgendwie vermisse ich auch den Herrn Kraußwinkel, der hat sich offenbar beim letzten Termin verlaufen. Steckt wohl im Funkloch, der Gute. Nein, das ist noch nicht so lange. Morgen werden es erst sechs Wochen.

Das ist jetzt natürlich unser ganzer Stolz. Wenn Sie mal schauen möchten, dies ist die Hauskapelle. Also unsere Sixtinische Hauskapelle. Doch, im Maßstab 1:1. Wir wollten es auch nicht unnötig verkleinern, sonst hätte es eine gewisse Unwucht mit der Statik im Kellergeschoss gegeben. Das ist unsere Sängerschule. Das Kyrie aus der Missa Papae Marcelli, wenn mich nicht alles täuscht. Wir wollten sowieso mal einen neuen Ton für die Türklingel.

Das wäre jetzt so der erste Eindruck, ich hoffe, es sagt Ihnen schon ein wenig zu? Natürlich feinste Tropenhölzer, die sind einfach haltbarer, und wir müssen da ja nicht so auf den Preis schauen. Sie sind zufrieden? Das freut mich. Dann würde ich vorschlagen, wir sehen uns jetzt das Hauptgebäude an.“





Wer’s glaubt

3 04 2013

„Weil Sie der richtige Ansprechpartner sind, Herr Kardinal, und da haben wir uns gedacht, sprechen wir doch mal Herrn Kardinal an, was Herr Kardinal dazu sagen. Also Sie jetzt. Man muss als Vertreter der säkularen Klassen ja auch mit der Kirche in gutem Einvernehmen stehen, wenn es um gewisse weltanschauliche Frage geht. Glaubensfragen eben.

Wir hatten uns das so gedacht, Euer Durchlaucht – Sie haben doch da jetzt diesen neuen Papst, diesen Franziskus, und der tut doch so auf moralisch, richtig? Eben. Und da haben wir uns gedacht, wir sollten an demselben Strang ziehen. Nur halt von verschiedenen Seiten. Sie machen das mit der Moral, und wir machen das, naja, das andere halt eben. Das ist eine klassische Win-Win-Situation. Sie gewinnen, weil man Ihnen endlich mal abkauft, dass Sie jetzt die Guten sind, und wir gewinnen sowieso immer. Das ist ein großartiger PR-Sieg für beide Seiten, Höchstwürden, und das Tolle ist, diesmal muss man Ihnen das einfach mal abkaufen.

Das mit den Kindern, Sie verstehen? Muss ich noch deutlicher werden? Ihr pädophiles Personal, Euer Durchzecht. Das würde man nicht unbedingt sofort mit Recht und Ordnung in Verbindung bringen. Sie haben sich zwar sehr bemüht, den Skandal aufzuklären. Fast so sehr, wie Sie sich bemüht haben, den Skandal zu vertuschen. Und jetzt haben Sie hier die einzigartige Gelegenheit, das alles völlig aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu entfernen. Also quasi den umgekehrten Fall. Das ist doch gut? Na eben. Und deshalb würde ich sagen, Sie lassen sich das mal durch den Kopf gehen und – Abtreibung? Könnten wir eventuell später mal darüber reden? Wir wollen und nicht mit so kleinkarierten Details beschäftigen, bevor Gras über die Sache gewachsen ist.

Sicher, Eminenz, sicher. Wir sind uns da im Klaren. Natürlich kann die Kirche tun und lassen, was sie will. Schließlich bezahlen wir sie ja aus Steuermitteln dafür, dass sie uns mitregiert. Aber man kann doch wenigstens ein bisschen so tun, als sei einer von uns moralisch. Irgendwie moralisch. Wenigstens einer. Manchmal.

Schauen Sie mal, der Papst ruft zur Solidarität mit den Armen auf. Ist das nicht goldig? Also ich finde das zu goldig. Da müssen wir dann nicht immer die Ursula von der Goebbels von der Leine lassen. Von der kriegen wir immer Magenbluten, wissen Sie, das macht Ihr Papst viel hübscher. Hört sich nicht so ekelhaft selbstgerecht an, wenn er die Globalisierungsverlierer segnet. Und bei Ihnen hat das viel mehr Stil. Na, denken Sie mal an, die Schröder würde im Tuckenbrokat im Bundestag ans Rednerpult stöckeln, mit qualmender Handtasche, und dann sagt sie: Kommet her zu mir, die Ihr mühselig und irgendwie auch ein Stück weit beladen seid, ich will Euch Kita-Plätze versprechen, die Ihr zwar im Leben nicht zu Gesicht bekommt, aber dafür blase ich ein paar Spitzenverdienern die Kohle doppelt und dreifach in den Arsch. Klingt nicht wirklich christlich, oder?

Das ist meiner Ansicht nach schon eine wichtige Glaubensfrage, Euer Effizienz. Ich glaube nämlich, so leicht kommen wir beide aus dieser Nummer nie wieder raus. Oder meinen Sie, dass auch nur einer in diesem Zusammenhang fragen würde, warum die Kirche nicht ein paar Milliarden springen lässt und ihre Steuern bezahlt und ihre Priestergehälter? Wer’s glaubt, wird selig, die anderen müssen halt daran glauben.

Und dabei kommt Ihre Firma verhältnismäßig locker aus der ganzen Sache raus. Sie beten, Ihre Schäfchen spenden für die Armut. Oder dagegen, wenn Sie so wollen. Sie machen so eine schöne Roadshow, Euer Seligkeit, das hat doch bei dem Wojtyła auch so toll geklappt, und dann sammeln Sie ein paar Scheinchen ein. Wir werden uns auch bemühen, extra korrupt zu sein und uns ordentlich die Taschen vollzustopfen. Dann können Sie aus dem Brustton der Überzeugung sagen, dass Geben seliger ist denn Nehmen, und wir verkrümeln uns mit dem ergaunerten Geld, moralisch geschlagen und verurteilt und verdammt.

Aber Sie müssen schon irgendwann auch wieder Verzeihung üben, Euer Emergenz. Wie in Canossa. Entweder Sie sind wirklich christlich und vergeben und vergessen all unsere Schuld, dann müssen Sie bei der nächsten Wahl wieder ganz klar Stellung beziehen und empfehlen, für eine christliche Partei zu stimmen. Natürlich für uns, was dachten Sie denn? Bibeltreue Christen? haben Sie noch alle Tassen im Schrank, Sie Schweinepriester!? Also wie gesagt, Euer Barmherzigkeit, Sie müssen uns alle Sünden vergeben. Sonst kippt das auf. Ist halt in Ihrem eigenen Interesse.

Sie können ja bei Gelegenheit mal eine kleines Strategiepapier formulieren, und das reichen Sie dann über die CSU rein. Da fällt das nicht ganz so auf, wenn die Hälfte aus Attacken gegen das Grundgesetz besteht. Machen wir so, Euer Allerwertesten? Machen wir.

Ach, noch was. Wir hatten da letztens so eine Sache mit einem Bahnhof. Planen Sie in nächster Zeit größere Sakralbauten?“





Nur aus Nächstenliebe

21 05 2012

„Sie müssen das ins richtige Verhältnis setzen. Kirche geht uns alle an. Deshalb sollen auch alle dafür zahlen. Auch dann, wenn Sie überhaupt nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Erst recht, wenn Sie nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Wir können da sehr empfindlich werden.

Ja, wir haben das verstanden. Im Grundgesetz steht, dass Sie Glaubensfreiheit genießen. Das war so gedacht. Aber da steht nichts davon, dass die auch kostenlos ist. Und da steht auch nicht, dass wir nicht trotzdem Steuern auf alles erheben können. Jetzt ist das eben mal eine Steuer für alle, die nicht römisch-katholisch sind. Haben Sie ein Problem mit Katholiken? Dürfen Sie nicht. Steht so im Grundgesetz drin. Da sind alle Menschen gleich.

Aber selbstverständlich haben Sie etwas davon – denken Sie an die vielen schönen Prozessionen, wenn die Bischöfe ihre prunkvollen Gewänder spazieren führen, oder denken Sie an den Papst, der aus lauter Gottvertrauen hinter drei Zentimetern Panzerglas durch seine Gläubigen rollt. Das ist ein lieb gewonnenes Brauchtum, das will gepflegt sein. Nein, nicht so gepflegt! Obwohl einige der Leute schon eine höhere Pflegestufe gebrauchen könnten.

Rabatte? Aha, ich verstehe. Sie denken, wir Grünen sind inzwischen wie die FDP? Ich müsste mal nachfragen. Wenn Sie sich ein Parteibuch besorgen, können Sie eventuell die Clubbeiträge – Kirchensteuer, wollte ich sagen, Kirchensteuer, können Sie dann verrechnen. Das müsste gehen. Immer vorausgesetzt, dass Ihr Einkommen auch hoch genug ist. Wir als Volkspartei nehmen ja nicht mehr jeden.

Und ich verstehe jetzt auch gar nicht, wie Sie sich aufregen können. Wir machen das sowieso schon. Wir lassen unsere kirchlichen Kindergärten aus Steuern finanzieren, und das Arbeitsrecht haben wir gar nicht nötig. Sie wollen doch Ihre Kinder nicht etwa von einer Frau aufziehen lassen, die sich scheiden lässt?

Ob es das für Muslime gibt? Um Himmels willen, wir leben doch hier nicht im Gottesstaat!

Sie glauben an gar nichts? Im Vertrauen, wir auch nicht. Deshalb handelt es sich schließlich auch nicht um eine kirchliche Initiative, sondern um Kulturrettung. Kennen Sie? So rechtsdrehende Sachen? Das haben wir von diesen Piraten gelernt, es geht nicht um Inhalte, es geht um das Modell.

Sie bezahlen dann auch einen ermäßigten Satz, wenn Sie kein Auto haben. Ja, dasselbe Modell – Sie sind kein Autofahrer, also können Sie sich gerne solidarisch an der Kultur unseres automobilen Fortschritts beteiligen. Das ist ein Stück unserer nationalen Identität, wissen Sie, da muss man doch erwarten können, dass die Bürger hier etwas mehr Bereitwilligkeit zeigen. Da kommt ja auch einiges zusammen. Die Gebühren für die entgangene Mineralölsteuer, Ersatzsteuer für Versicherungen und Autobahnnichtnutzungsgebühr, der Straßenbau will schließlich auch leben – da gucken Sie, was? So betrügen Sie den Staat, mein Lieber, so zocken Sie heimlich die Allgemeinheit ab und füttern Ihr privates Portemonnaie!

Hören Sie mal, so eine Krankenkasse wird auch nicht nur von den Kranken getragen! Christliche Nächstenliebe, klar!? Wissen Sie eigentlich noch, was das ist? Solidarität? Solidarisches Verhalten, das ist, wenn Sie meinen Ferrari bezahlen dürfen, auch Sie nicht darin fahren. Sind Sie eigentlich immer so ein kaltherziger Egoist?

Jetzt hören Sie doch mit dieser Kirchensache auf! Das ist doch nur ein Aufhänger, der in den Medien sinnlos hochgejazzt wird! Haben Sie Kinder? Oha, das wird teuer. Das wird Sie jetzt aber ganz schön teuer zu stehen kommen, dass Sie sich der Nachwuchsproduktion für den Arbeitsmarkt so einfach mal entziehen. Sie können sich keine Kinder leisten? Ist das etwa mein Problem?

Hund haben Sie auch keinen? Ich frage wegen der negativen Hundesteuer. Wenn Sie einen todsicheren Tipp wollen: Rennpferde. Kaufen Sie sich Rennpferde. Ermäßigter Mehrwertsteuersatz. Können Sie steuerlich als Hotelfrühstück absetzen.

Denken Sie doch mal an die Kinder! Sie müssen sich mal klarmachen, was wir hier für Verhältnisse hätten, wenn die Kinder nicht eine sorgfältige Einführung in die –

Wir machen das wie mit dem Kosovokrieg und den Hartz-Gesetzen. Öffentlich predigen wir dagegen, bis Ihnen die Ohren bluten. Und dann sorgen wir dafür, dass das Gegenteil passiert und wir daran hübsch verdienen. Wir dürfen das. Und das wissen Sie.

Ich sehe gerade, Sie sind kein Parteimitglied? Dann bekommen Sie demnächst Post von uns. Wir müssen ja der schleichenden Entdemokratisierung entgegenwirken. Wären Sie mal früher den Grünen beigetreten, dann hätten Sie die Scherereien jetzt nicht. Ihre Kulturpauschale ist jetzt höher als die Mitgliedsbeiträge, weil wir per Beweislastumkehr schlussfolgern müssen, seit wann Sie schon nicht mehr Parteimitglied hätten sein können. Sie kennen das Verfahren von der GEZ. Die kennen sich damit aus. Also mit Staatsverträgen. Nicht mit Kultur.

Gut, das wär’s dann gewesen. Vorerst. Dass Sie keine Aktien haben, hatten Sie ja schon erwähnt, aber das ist nicht unser Problem. Das Geld für die Investmentbanken holt sich die Regierung noch selbst. Ach, eine Frage hätte ich das noch. Rauchen Sie?“





Vergebens

26 09 2011

„Wir bringen uns schon mal in Stellung, falls es ernst wird. Man weiß ja nie, ob die Regierung die nächsten drei Tage übersteht, da muss man dann schnell reagieren können. Und seitdem der Papst hier war, wissen wir auch endlich, wie wir das alles hinkriegen. Wir vergeben uns. Das klappt immer.

Ja, Sie haben richtig gehört. Wir vergeben uns. Die Sozialdemokraten haben offiziell beschlossen, sich ihre Sünden und Verfehlungen zu vergeben. Ein Akt der christlichen Nächstenliebe. Gut, normalerweise vergibt sich die Partei sonst nichts, aber wir wollen mal nicht so sein. Schließlich geht es diesmal um etwas. Noch eine Legislaturperiode ohne Kanzler, dann kommen die Grünen wieder auf die Beine und wir müssen uns mit Künast als Spitzenkandidatin herumschlagen – das werden Sie doch nicht ernsthaft wollen?

Ablasshandel, das halte ich jetzt nicht für den richtigen Begriff. Das klingt so negativ. Wir haben uns entschlossen, Buße zu tun. Zunächst einmal durch ein vollkommen anderes Auftreten – nicht mehr diese fürchterlichen Selbstzweifel, die einen zerknirscht und angstbeladen erscheinen lassen und völlig regierungsunfähig, nein, wir stehen jetzt zu unseren Sünden. Ja, wir haben viel falsch gemacht. Und deshalb können wir auch selbstbewusst sagen, dass ab jetzt alles richtig ist. Weil wir ja unsere alten moralischen Maßstäbe nicht mehr beachten. Eine Vergebensstrategie – klingt cool, oder?

Es muss mehr Offenheit herrschen im Kontakt mit den Gläubigen, mit den Wählern, wollte ich sagen. Es muss wieder eine ganz klare Haltung her, die uns abhebt von der jetzigen Regierung – die Kanzlerin kommuniziert einfach falsch mit den Bürgerinnen und Bürgern, und dabei kommt ja auch nichts raus als lauter Chaos und Verwirrung. Daher haben wir Sozialdemokraten uns entschlossen, gar nichts mehr zu erklären. Toll, oder? Wir führen damit auch offiziell die Trennung von Kirche und Staat durch – wir, das ist die Kirche, und der Staat kann machen, was er will.

Dass wir jetzt Abgeordnetenbestechung strafbar machen wollen, das passt doch voll in dieses neue Profil, oder? Klar, wollten wir schon immer. Genau wie den Mindestlohn oder einen Truppenabzug aus Afghanistan. Das war immer sozialdemokratisches Kernanliegen! Wir konnten das nur nicht so zeigen, weil wir bis 2009 so wahnsinnig viel mit Regieren beschäftigt waren, da sind wir zu nichts gekommen. Und jetzt, wo wir die nächste Kanzlerschaft schon so gut wie sicher haben, da wollen wir jetzt auch gestalten. Weil wir die SPD sind, und wir sind ja eine klassische Dafür-Partei.

Das müssen Sie jetzt auch unter dem Gesichtspunkt der tätigen Reue sehen. Wir haben der Vorratsdatenspeicherung zugestimmt, aber das heißt ja nicht, dass wir das jetzt auch tun würden. Ganz sicher nicht. Wir sind ja eine klassische Dagegen-Partei. Nein, wir würden im Falle einer Regierungsübernahme nur ganz einfach eine neue Form von anlassloser Datensammlung planen, da das einfach zu unserem Profil gehört. Das erwartet ein Teil der Wähler. Das erwarten natürlich auch unsere politischen Gegner – und glauben Sie, dass wir denen in Nächstenliebe begegnen könnten, wenn wir ihnen einfach ihr Feindbild wegnähmen? Wie sollen die denn Petitionen einreichen und vors Bundesverfassungsgericht ziehen ohne uns? Wie sollen die denn demonstrieren? Sie müssen die SPD doch auch mal gesamtgesellschaftlichen sehen, wir können doch nicht einfach so machen, was wir für richtig halten! So ein dogmatisches Gebäude, das können Sie doch nicht einfach in drei Tagen abreißen und neu bauen!

Es gibt immer ein paar Mysterien, die Sie nicht rational begreifen werden. Den elektronischen Personalausweis und die Terrorgesetze kann man nicht vernünftig erklären. Glauben Sie einfach dran. Ist im Zweifel sowieso besser, weil Sie sonst dran glauben müssen.

Natürlich kann das auch problematisch werden. Schauen Sie, die Glaubensgrundsätze können wir nicht von heute auf morgen vom Tisch wischen. Wir müssen an den Hartz-Gesetzen festhalten, weil wir ja wissen, dass ein bisschen Druck, ein bissel Repression die Menschen erst gefügig macht. Wenn man Ihnen nicht regelmäßig erzählt, wie schlimm es in der Hölle ist, würden Sie dann noch in die Kirche laufen? Na, sehen Sie! Und wenn wir nicht mit einer parteipolitisch ausgewogenen Lohn- und Arbeitsmarktpolitik den Leute klarmachen, dass das Lohnabstandsgebot für die deutsche Wirtschaft, also für uns alle gut ist, dann werden Sie als Arbeitnehmer sicher doppelt so freudig einem sittlich einwandfreien Lebenswandel nachgehen.

Klar, für die Aufstocker ist das hart. Aber wenn Sie es mal unter der historischen Perspektive sehen, was wäre eine große Bewegung ohne Märtyrer?

Befreiungstheologische Momente werden wir wahrscheinlich auch irgendwo mit aufnehmen, ja. Irgendwie müsste man sich ja auch mal erneuern und ein bisschen modernen Geist atmen. Ob wir in unseren Wahlkampfreden vielleicht immer mal wieder Internet sagen? Ich meine, wir müssen ja nicht gleich Internet gucken wie die Grünen, es reicht doch, wenn wir darüber sprechen. Meinen Sie nicht, dass unser netztheologisches, -politisches natürlich, dass das Profil dadurch besser würde?

Das wird sich zeigen. Bis jetzt haben wir noch immer alle unangenehmen Sachen aufgeklärt in der sozialdeko… ’tschuldigung: sozialdemokratischen Partei, auch die Verfehlungen, die zu massenhaften Austritten und Glaubwürdigkeitsverlust geführt haben. Da, wo wir große Probleme haben, unsere Wähler noch in Gnade und Barmherzigkeit zu begegnen. Es gibt in unseren Reihen ja durchaus einige, die es uns schwer machen, bei denen auch kein Erneuerungsprozess hilft, weil sie einfach zu schwere Schuld auf sich geladen haben. Wir dürfen sie nicht einfach weiter irren lassen, das wäre für uns alle nicht gut, verstehen Sie? Wenn man Ketzer wie Sarrazin und Edathy nicht in die Gemeinschaft zurückholen kann, dann muss man offensiv ein Zeichen setzen dagegen. Frau Nahles hat sich daher bereiterklärt, nächste Woche eine Viertelstunde lang ganz böse zu sein auf Helmut Schmidt. Das wird uns bestimmt spirituell viel reifer machen. Oder so.

Also, was halten Sie davon? Glauben Sie nicht auch, dass St. Peer uns alle retten wird? Na, dann werden Sie mal schön selig.“





Der heilige Schein

5 05 2010

„Das finde ich jetzt aber schon ein gutes Angebot. Wenn Sie bedenken, dass Sie fast zehn Sekunden lang eine faire Chance haben, das Grabtuch zu sehen, dann sind fünfzehnhundert Euro gar nicht so viel Geld. Und Sie wissen, dass wir inzwischen zu den Bedürftigen gehören, wir sind quasi verarmt. Wenn das alles so weitergeht, müssen wir den Petersdom vermieten. So ein Vatikan ist teuer, das glauben Sie ja gar nicht – was meinen Sie, was da so an Kosten zusammenkommt!

Natürlich die Schmerzensgeldzahlungen, aber das Leben ist auch so schon kostspielig geworden. Sie machen sich keine Vorstellung. Vor fünfzehn Jahren, da haben Sie einen Richter oder einen Staatsanwalt noch für vierzigtausend Mark gekriegt und einen Minister für eine halbe Million. Höchstens. Aber schauen Sie sich heute einmal die Preise an. Inflationär, sage ich Ihnen. Unmoralisch. Aus allem will dieses Pack Kapital schlagen.

Ach, hören Sie bloß auf – Schneeberger Kropp Lützebleich hat dann die Corporate Communication Germany übernommen. Wenn ich’s Ihnen doch sage! Ja. Die haben uns natürlich erst einmal eine neue Strategie für das Personality Management in die Agenda gepackt, also Firmung als crazy Event und Themen-Taufe und individuelle Funeral Party, und was machen diese Deppen? Erstkommunion mit Mixa als Stargast, ich bitte Sie! Die Eltern, wenn die das erfahren, die treten doch gleich mit aus der Kirche aus! Katastrophal! Jetzt sind wir mit der Diözese zu Schnittbrodt & Söhne gegangen, die sind zwar Protestanten, aber darauf kommt’s mittlerweile auch nicht mehr an.

Mal ernsthaft, es ist doch mit Olympia dasselbe. Oder mit der Fußball-WM. Da geht’s doch auch nicht mehr um den Sport, oder? Sehen Sie, und da muss die Kirche sich ruhig mal an der Wirklichkeit orientieren. Wenn schon nicht in den anderen Dingen, hier kann man es ja mal probieren. Ja, wir lassen uns da ganz gerne sponsern. Jetzt lassen wir uns gerade einen umweltfreundlichen Kleinwagen zum Papamobil umbauen. Gut, oder? Und dass wir jetzt das Original-Papst-Shirt mit Schirmmütze und Halstuch im Set anbieten, das ist doch auch gleich ganz jugendlich, nicht wahr? Da machen Sie sich mal keine Sorgen wegen der Produktionskosten, in Bangladesch sind die Leute doch froh, wenn sie für einen Euro am Tag arbeiten können.

Wir können gewisse Dinge nicht mehr mit unserem favorisierten Branding auf den Markt bringen. Markenüberdehnung, verstehen Sie? Das ist wie alle zwei Wochen Weihnachten. Nach dem dritten Mal hinge Ihnen das zum Hals raus. Aber kreuzweise. Da haben wir das Benedikt-Brot und den Benedikt-Klingelton und jetzt diese T-Shirts, von denen ich Ihnen erzählt hatte – die kriegen Sie übrigens nur im Devotion-Wear-Point, verstehen Sie? Aber jetzt den Immobilienfonds und das neue Herztonikum und die Rheumadecken, das kriegen wir nicht mehr in die Marke integriert. Der Papst ist nicht groß genug für seine eigene Markenwelt, das ist das Problem. Es ist ein Kreuz, ja.

Also ja, in gewisser Weise haben Sie Recht: der Schein heiligt die Mittel. Unsereins muss ja auch sehen, dass er seinen Grundbesitz nicht ohne guten Gewinn verwaltet. Man tut’s nicht für Gotteslohn.

Das Herztonikum, das geben wir dem Meisner in den Marketing-Mix. Nutzenversprechen? Naja, eigentlich ist das Zeug ja unnütz. Aber vielleicht passt es deshalb so gut zum Meisner?

Man kann das mit den Souvenirs natürlich auch übertreiben, ja. Dieser Piranesi-Bildband, da hätte man den Mixa sicher nicht als Werbefigur nehmen müssen, das war schon grenzwertig. Aber dass sie den Williamson im Campingbedarf mit Gasflaschen – nein, ich will das gar nicht mehr kommentieren, das geht mir einfach zu weit!

Kaffeefahrten? Um Gottes Willen, da werden wir nicht einmal unsere Mutter-Maria-Heizdecken los. Das können Sie aber völlig in die Tonne treten. Nein, das müssen Sie als touristisches Angebot ins Auge fassen, vierzehn Tage Club-Urlaub an der Adriaküste, Frühmesse, Angelus, Abendmahls-Büfett, all inclusive, Animationsprogramm macht Opus Dei, nach zwei Wochen haben wir die alle derart weich in der Birne, dass die Rentner uns ihr Vermögen an Ort und Stelle überschreiben. Das nenne ich Marktpenetration. Davon können diese Anfänger von Scientology nur träumen.

Klar, Lourdes haben wir noch im Programm. So als Healing-Festival. Wir hatten da evangelikale Schützenhilfe, ist jetzt sehr charismatisch. Ja, die Organisation ist jetzt auch straff, leichte Trübungen der Dogmatik ließen sich bedauerlicherweise nicht vermeiden, will sagen: wenn Sie am vorletzten Tag nicht geheilt sind, fliegen Sie raus, damit die Stimmung bei den anderen nicht in den Arsch geht. Chronisch Kranke und Miesmacher brauchen wir nicht. Außerdem versaut uns das die Bilanz.

Warten Sie mal, bis die Saint Outlets in Betrieb sind. Ja, Reliquien. Was meinen Sie, warum der Polenpapst wie blöde heiliggesprochen hat – die sind jetzt alle gut durch, werden ausgebuddelt, hier mal ein Zahn, da mal eine Kniescheibe, das gibt Kohle! Und wenn Sie da fünfhundert Finger von der Heidi von Dingenskirchen verscheuern, denken Sie, dass das einer merkt? Na?

Und dann kann immer noch das Finanzamt kommen. Wir haben die Finanzministerien zwar schon ganz gut im Griff, aber Gott, man ist ja nicht überall. Krise? Das halte ich für übertrieben. Wenn es wirklich haarig wird, haben wir noch ein Eisen im Feuer. Und ich bin der Meinung, diesmal kriegen wir das mit den Ablassbriefen besser hin.“





Voll auf die Eier. Achtmal Ostergrüße

5 04 2010

I. Horst Köhler

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Der Bundeshotte

II. Helene Hegemann

Es dauert keine zwanzig Sekunden, dann hat dieses Scheißarschloch ein Osternest unter dem Regal mit den blaugestreiften Hüttenschuhen aus Paraguay gefunden und frisst sofort sämtliche Nougateier. Anscheinend liegt es an seiner verschissenen Scheißerziehung, dass es die Nougateier frisst, klingt für mich voll plausibel und so, aber ich kann das mit dem Repressionsfreien und so voll nicht nachvollziehen, weshalb ich jetzt dem Scheißarschloch die Nougateier wegnehme, und wenn dieses Scheißarschloch hier noch einmal Nougateier frisst, dann sag ich das nämlich meinem Pappi und der kauft mir einen Büchner-Preis! So!

© Helene Hegemann

III. Frank Schirrmacher

Erhole mich. Ganz langsam. Zwei Ostereier gleichzeitig waren einfach zu viel.

FSch

IV. Angela Merkel

Liebe Bürgerinnen und Bürger in der Partei,

über Euer Osternest habe ich mich sehr gefreut. Besonders die Ostereier mit Gutti und Guido finde ich dufte. Ich kann gar nicht verstehen, dass der Pofalla daran wieder etwas auszusetzen hat. Nur, weil der Gutti ein Kuckucksei ist und der Guido ein Überraschungsei? Wir werden zu einer gemeinsamen Lösung finden. Und dann machen wir das christlich und liberal und sozial und ganz klimaneutral und vielleicht sogar irgendwie auch nachhaltig, und wenn mein Freund Jürgen dann die 58% in NRW geholt hat, sehen wir weiter. Falls wir das finanzieren können. Alles Liebe von

Angie

V. Guido Westerwelle

Liebe Freunde,

lasst Euch von der Freiheitsstatue dieser Republik eins sagen: Charity begins at Rome. (Das ist übrigens Englisch.) Und deshalb werden Wir Uns auch nach Unserem Wiedererstarken zu epochaler Größe, wenn Wir dann endgültig diese Republik übernehmen, in der es so wundervolle Dinge gibt wie private Krankenversicherungen, Leerverkäufe und Hoteleröffnungen, für die glänzendsten Zeiten von dem Ballast befreien müssen, den wir dann nicht mehr brauchen können. Denn wer lähmt dies Land, wer saugt es in perfider, gottloser Gier aus und wird es dereinst höhnisch in Drangsal verdämmern lassen, wenn die teuflische Saat der Niedertracht aufgekeimt sein wird – wer wird Deutschland voll in die Scheiße reiten?

Euer Guido

VI. Sahra Wagenknecht

Genossinnen! Genossen!

Die LINKE sagt geschlossen NEIN zu den offen formulierten Kriegszielen dieses westlichen Bankenkapitalismus, den ich trotz der Reisefreiheit für einen falschen halte. Wir müssen auch an Ostern für den Osten uns einsetzen, damit die positiven Erfahrungen des realen Sozialismus in eine neue sozialistische Gesellschaft führen. Heute gibt es Streit um Bananen und andere Südfrüchte – wenn wir die Klassiker lesen, stellen wir fest, dass es dort überhaupt nie um Bananen ging! Wir brauchen eine neue Mauer und antifaschistisches Verstehen von Einkaufsmöglichkeiten in der Gesellschaft der Nichtvermögenden, immer vorausgesetzt, ich muss ihnen nicht ständig über den Weg laufen.

Rosa Sahra

VII. Dirk Niebel

Yippie-ya-yeah, Schweinebacken!

Bin Ostern nach Südwest. Nachgucken, ob die Bimbos die Steppe gefegt haben. Natürlich wieder alle unartig. Im Kral gibt’s kein Schwarzbrot. Gleich mal einen Neger rausgegriffen. Ordentlich zusammengeschissen. Weiß nicht, wer es war, ist aber auch egal. Die Lakritznasen sehe ja sowieso alle gleich aus.

Der Massa hat gesprochen!

VIII. Walter Mixa

Wieder haben überstaatliche Feindmächte bewiesen, dass unmenschliches Verhalten und praktizierte Gottlosigkeit möglich sind. Wir haben daran erkannt, dass die seit dem frühen Mittelalter anhaltenden Verleumdungskampagnen von Kommunisten, Protestanten und Journalisten alle auf zu vielen Schwangerschaftsabbrüchen beruhen. Und wer etwas anderes behauptet, dem haue ich die Fresse ein!

WM





Der böse Hirte

25 02 2010

„Weil nämlich die Chinesen auch so gelbe Haut haben, nicht wahr, und das weiß doch auch ein jedes Kind, gell? Dann danke ich recht schön für Ihr Interesse, gnädige Frau – setzen Sie sich da hinten hin, aber stoßen Sie mir die Aktenordner da nicht um, hören Sie? Wir machen diesen Schmarren hier nicht zum Spaß, damit Sie’s wissen, wir denken uns etwas dabei, und das kommt dann letztlich über die staatsbürgerliche… also wenn Sie das vom Staat her aus betrachten tun wollen, dann haben Sie da auch eine Betrachtungsweise, nicht wahr. Und jetzt lassen Sie mich gefälligst in Ruhe, ja, ich habe hier genug zu tun!

Katholische Beratungsstelle für unchristliches und anderweitig widernatürliches Gedankengut, Ketzinger am Apparat, womit kann ich Sie auf den Pfad der Tugend – um Gottes Willen! Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass Sie Ihren Buben in ärztliche Behandlung geben? Verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Kreuzpointner, so war doch der Name, manche Menschen im Ausland, also da, wo man nicht primär der katholischen, also überhaupt keiner vernünftigen Glaubensform nicht anhängt, da finden sie, dass das als eine Übergangsphase im Leben mit Schmerzen, mit Zähneknirschen, ja mit einer gewissen Toleranz für diese Verirrung – Sie wissen, was das ist? Toleranz? wenn nicht, sagen’s das nur frei heraus, die komplizierteren Begriffe erkläre ich gerne noch mal gründlich, damit hier auch ja kein Missverständnis entsteht – also dass das geduldet werden muss. Man muss das dann gemeinsam durchstehen. In der Familie, mit leichtem Druck von Seiten der Arbeitsstelle, etwas größerer Belastung vielleicht durch Ihren Herrn Pfarrer, das ist jetzt… also Psychoterror würde ich es jetzt nun nicht direkt nennen, aber Sie wissen ja, weil der Gottlose Übermut treibt, muss der Elende leiden, Psalm 10, Vers 2, da sind wir schon vor, das soll’s bei uns gar nicht erst geben. Also sagen’s nur Bescheid, wenn Ihr Bub wieder auf den Gedanken kommen sollte, etwas anderes als die CSU zu wählen, wir sind dann natürlich für Sie da, Frau Kreuzpointner – Heberbachstraße 23, ist recht? Ja, sehen Sie mal, was wir alles wissen. Wiederhören!

Erlauben Sie mal, ich muss mir doch von Ihnen nicht in mein Weltbild hineinreden lassen! Das ist ja wohl die Höhe! Was wollen Sie eigentlich, einen gottlosen Sozialismus? Das hätte man sich ja denken können – alle, die mich hassen, raunen miteinander wider mich und denken Böses über mich. Psalm 41, Vers 8. Wenn’s Ihnen etwas…

Katholische Beratungsstelle für unchristliches und anderweitig widernatürliches Gedankengut, Ketzinger am Apparat, womit kann ich… diese vielen Verirrungen, dass man die kleinen Knaben – nein, das sehen Sie falsch, das geht ja anatomisch nicht, man muss die schon in den… also ja, das ist, ääh, das ist die so genannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von progressiven Moralkritikern…

Natürlich, das ist vollkommen unbedenklich. Wir haben unser Weltbild rechtzeitig strafrechtlich schützen lassen. Wir dürfen das.

Katholische Beratungsstelle für unchristliches und anderweitig widernatürliches Gedankengut, Ketzinger – nein, hängen Sie freitags bloß keine Wäsche im Freien auf, das könnte die Heiligen erzürnen, und dann haben Sie einen Typhus in der Verwandtschaft. Oder Schweinegrippe. Da müsste ich erst im Erzbischöflichen Ordinariat nachfragen, was gerade gilt. Nichts zu danken.

Ach, und das wollen Sie jetzt auch anprangern? wenn wir uns nicht mehr gefallen lassen, dass solche Schweinereien der Jugend vorgeführt werden? Shakespeare und Goethe und Heine und wie diese ganzen Teufelsanbeter heißen, Sie, das ist mir egal, der Shakespeare soll ja noch nicht einmal einen Nobelpreis gewonnen haben! Wenn Sie immer alles wissen wollen, anstatt mal daran zu glauben, was wir Ihnen hier sagen, dann muss es Sie doch auch nicht wundern, wenn Sie irgendwann überheblich werden und ein Fanatiker!

Katholische Beratungsstelle für unchristliches und anderweitig widernatürliches… Bitte bewahren Sie jetzt Ruhe, es muss noch nicht zu spät sein. Eine schwarze Katze ist natürlich prinzipiell vom Teufel besessen, Sie können den Schadzauber aber bannen, indem Sie das Tier in einen Haushalt verbringen, in dem entweder Protestanten oder ähnlich gottloses Volk haust, oder Sie suchen jemanden, der jemanden in der Familie hat oder wenigstens in der Nähe wohnt von jemandem, der einen kennt, der vielleicht sozialdemokratisch gewählt haben könnte. Das ist genauso schlimm. Und dann natürlich Finger waschen. Falls Sie den Sozialdemokraten angefasst haben.

Was wollen Sie denn eigentlich? Können Sie mir das vielleicht mal sagen? Gott hat die Menschen nicht als Heilige geschaffen, sondern mit einem freien Willen. Jeder Mensch kann sich deshalb zwischen Gut und Böse entscheiden und hat persönlich für die Konsequenzen seines Handelns gerade zu stehen. Sie spielen natürlich nur auf die eine Sache an – die Täter versündigen sich an der Psyche ihrer Opfer und sie versündigen sich auch gegen die Kirche. Und wie Sie wissen, sind wir ja dafür bekannt, dass wir Sünden stets schnell und unbürokratisch vergeben. Katholische Beratungsstelle für unchristliches und anderweitig widernatürliches Gedankengut, Ketzinger am Apparat, womit kann ich Sie auf den Pfad der Tugend zurückbringen?“





Augsburger Puppenkiste

14 04 2009

Der Prälat fand einfach seinen Taschenkalender nicht wieder. Hatte er die Tabletten denn nun schon geschluckt? Sicher ist sicher, dachte er sich, und warf gleich noch zwei hinterher, spülte sie auch verbotenerweise mit einem großen Schluck Kirsch hinunter. Und damit begann das Desaster.

Während noch der letzte Weihrauch durch das Kirchenschiff qualmte, tastete sich der Bischof ans Pult. Zudem hatte er die falsche Brille eingesteckt und stand nun in vollem Ornat vor einer misslichen Lage. Man erwartete gespannt seine Osterpredigt, doch seine Erinnerung war wie ausgelöscht – alle Erinnerungen, die er hatte. Er improvisierte und verlor ein paar Mal den Faden, hörte sich selbst beim Reden zu und schickte wohl auch manches Mal ein Stoßgebet gen Himmel, dass niemand es bemerken würde. Nach und nach wurde er warm und redete sich in Rage. Nur konnte er sich nach der Predigt an nichts mehr erinnern. Er wusste beim besten Willen nicht, was er gesagt hatte.

Dem Gesicht eines Vikars nach muss es eine Menge krauses Zeug gewesen sein. Der Gottesmann reichte ihm seine Brille und fragte ängstlich, ob er das alles auch tatsächlich so gemeint habe. Das mit dem Atheismus und mit den Massenmorden. Und dass die Nazis so gottlos gewesen seien. Das könne man doch gar nicht so sagen. Doch dem Bischof war ein wenig übel und er wollte schnell nach Hause.

Natürlich regte sich sofort heftiger Widerstand gegen die politisch brisanten Thesen. Richard Williamson verwahrte sich in aller Schärfe gegen die Behauptung, es habe während der Zeit des Nationalsozialismus nennenswerte Massenmorde gegeben. Und es sollte nicht die einzige deutliche Kritik an der Kanzelrede gewesen sein.

Vor den Abendnachrichten kommentierte der Radiosprecher bereits heftig die Einlassungen des Hirten, die Moscheen in den christlichen Ländern abzuschaffen und Muslimen im Analogieschluss die Daseinsberechtigung abzusprechen. Pater Aloysius hörte nur mit einem Ohr zu. Am anderen hielt er das Telefon und lauschte den Instruktionen des Kardinals, der dem Bischof striktes Stillschweigen befahl. Weitere Ausführungen zum Thema Kirche und Nationalsozialismus seien vor Pfingsten nicht mehr gestattet. Und kaum hatte die Eminenz das Gespräch abrupt beendet, da meldete sich der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog. Ratzinger höchstselbst war erzürnt gewesen und drohte dem Augsburger, ihn fortan nicht mehr in seinem Nachtgebet zu berücksichtigen, wenn er sich weiterhin erdreistete, die Israel-Reise des Pontifex zu torpedieren – noch dazu an Ostern.

Unterdessen war der Bischof damit beschäftigt, seinen Kalender zu finden. Wo hatte er ihn bloß so gut verstecken können, dass er ihn den ganzen Tag nicht mehr wieder fand?

In den Spätnachrichten wurde es haarig. Der Bundesvorstand der NPD ritt scharfe Attacken gegen den Kleriker. Von Wortbruch war die Rede und von Geschichtsklitterung, von undeutscher Feindpropaganda gar. Die braune Massenpartei pochte unerbittlich auf dem Festhalten am Reichskonkordat, dem einzigen immer noch gültigen Pakt, den der Führer unterzeichnet hatte. Streng verwahrten sich die Rechtsschwenker gegen Verunglimpfung von SS-Männern und der NSDAP überhaupt als gottloses Gesindel, schließlich war das Bekenntnis zum Atheismus in diesen Verbänden im Nationalsozialismus nicht erwünscht gewesen. Schließlich wies der Bundesvorsitzende persönlich auf die unverbrüchliche Treue des NS-Regimes zur katholischen Ideologie hin. Man habe die besten Ideen fix und fertig übernommen – der verhinderte Seminarist Dr. Joseph Goebbels hätte ein so praxiserprobtes System wie den katholischen Antisemitismus gar nicht selbst erfinden können.

Das Innenministerium fragte leise an, ob der Bischof denn tatsächlich alle, die nicht römisch-katholisch waren, als Atheisten bezeichnet hätte. Das Ordinariat wimmelte den angekündigten Hausbesuch schnell ab und verwies darauf, dies sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Der Ministeriumsmitarbeiter gab sich damit zufrieden; dennoch ärgerte er sich, dass er dem anonymen Hinweis auf verfassungsfeindliche Machenschaften nachgegangen und sich den Feiertag versaut hatte.

Als Ehrengabe schickte der Verband ehemaliger Wehrmachtsangehöriger ein original erhaltenes Koppelschloss. Man hatte es gut aufgearbeitet, das Hakenkreuz poliert und den Schriftzug Gott mit uns noch einmal nachgezogen. Dies auch als Dank, dass der Gröfaz bis zum Schluss Mitglied der katholischen Kirche und bis zum heutigen Tage nicht exkommuniziert worden war – verständlich, denn Hitler hatte nie den Holocaust geleugnet.

Spät am Abend fand der Bischof dann den Taschenkalender – er hatte ihn, wie er es eigentlich immer zu tun pflegte, in die Schreibtischschublade gelegt. Seine Brille jedoch war schon wieder weg, und so blätterte er mit der Nase im Buch die Seiten hin und her und konnte kaum etwas entziffern. Hatte er da nun ein Häkchen gesetzt? Am Tag zuvor entdeckte er auch keines. Er seufzte, griff nach dem Tablettenröhrchen und zählte eine, zwei, drei blassblaue Pillen in die Hand.





Pardon wird nicht gegeben

30 03 2009

Die Argumentation des rheinischen Klerikers war außergewöhnlich schlüssig. Die Bundeskanzlerin, so Joachim Kardinal Meisner, habe sich schleunigst beim Papst zu entschuldigen. Ihre Kritik an der Praxis, Holocaust-Leugner wieder in den Schoß des Katholizismus zu führen, sei völlig unangemessen gewesen. Schließlich sei Merkel Protestantin. Zudem solle sie sich als CDU-Vorsitzende nicht in theologische Fragestellungen einmischen; seine Organisation, so der Hardliner, schere sich ja auch nicht um politische Randbegriffe wie Christentum.

Eine ganze Nation stand sehr betroffen vor dem moralischen Spiegel. Nichts Gutes blickte heraus, als sie hereinblickte. Sünden und Laster, Missetat, Ruchlosigkeit und Frevel standen in solchem Maß zur Disposition, dass ein einzelner Bußtag gar nicht würde gutmachen können, was sie sich geleistet hatten. Sie krochen kollektiv zu Kreuze, ihre Verfehlungen öffentlich zu bekennen und Gnade zu erflehen im Bewusstsein ihrer Verantwortung.

Geständnisse auf Pressekonferenzen leiteten die Reise in den Sündenpfuhl ein. Hartmut Mehdorn und Klaus Zumwinkel erschütterten das Empfinden der Deutschen; sie hätten gelogen, getäuscht, beschissen und betrogen – noch beim Auspacken vor dem Volk kannten sie kein Maß.

In langen Schlangen kroch alle Welt zu Kai Pflaumes Beichstuhl Bitte verzeih mir, der hastig aus dem Boden gestampften Weinshow für moralresistente Wiederholungstäter. Während Karl Moik und Stefan Mross sich die Haare rauften und Barbara Salesch sich auf die Brust schlug, bettelten Sonja Zietlow, Dieter Bohlen und Margarethe Schreinemakers mit Angelika Kallwass und Oliver Geissen um die Wette und um Vergebung. Auch Eva Herman und Jürgen Fliege schlossen sich dem allgemeinen Mea culpa an; diese allerdings mit dem Hinweis, es sei ja nicht alles schlecht gewesen, jener mit dem ausdrücklichen Hinweis, er sei außerordentlich dankbar, dass er nicht so ein Sünder sei wie die anderen alle. Es war ein Riesenerfolg.

Das Feuer schien schon zu verglimmen, da legte der Kölner Erzbischof nach. Er bedauerte öffentlich, dass viele Katholiken deshalb aus der CDU ausgetreten waren – eine so nicht erwünschte Wendung der Sache. Dass etliche Mitglieder der CDU der Katholischen Kirche den Rücken gekehrt hatten, entzog sich allerdings seiner Kenntnis, wie man ja stets nur weiß, dass man nichts wisse.

Einem Erdrutsch kam die Botschaft gleich, Helmut Kohl sei zur öffentlichen Abbitte bereit. Es erwies sich als Ente; der Einheitsarchitekt ließ hernach verlautbaren, er habe offensichtlich einen Blackout gehabt.

Denn auch der deutsche Qualitätsjournalismus erwachte und bekannte Farbe. Man habe seinerzeit falsch gehandelt, ja, man sei möglicherweise zu leichtgläubig gewesen, durchaus, und es habe auch die eine oder andere vielleicht unverantwortliche Art der Berichterstattung gegeben, dochdoch. Sie suhlten sich in ihren eigenen Bekennerschreiben. Die Öffentlich-Rechtlichen veranstalteten schnell noch ein paar Sondersendungen – Quotenrenner unter ihnen wurde Brennpunkt Sünde: Müssen wir die Gesellschaft verbieten? – und n-tv twitterte die Selbstgeißelungen aus den deutschen Redaktionsstuben in alle Welt, was den SPIEGEL veranlasste, das aktuelle Heft mit dem Titel Killer-Journalisten zu schmücken. Es zeigte Kai Diekmann und Franz Josef Wagner, die einander die Stachelpeitschen um die Ohren knallten, was ihnen ein erhebendes Gefühl von Anstand verschaffte – eine gänzlich neue Erfahrung für die beiden.

Die BILD-Schlagzeilen waren ungünstigerweise schon besetzt, da Dieter Althaus in einer mehrteiligen Serie über den Begriff der Schuld meditierte. Exklusives Fotomaterial, das ihn in Gedanken versunken zeigte, durfte nicht fehlen.

Öffentliches Grübeln vollzogen auch Jan Ullrich und seine Mannen. Dabei blieb es auch. Insgesamt zeigte sich die Sportwelt wenig kooperativ. Die Inkompetenz-Damennationalmannschaft mit ihren Spielführerinnen Ulla Schmidt, Ursula von der Leyen und Brigitte Zypries schoss noch schnell ein paar Eigentore und verwies auf den kommenden Meisterschaftserfolg. Auf eine Stellungnahme des sattsam bekannten Zahlenspielers und Demagogen Christian Pfeiffer wartete die politische Nation vergebens. Er hatte die Irrtumswahrscheinlichkeit noch nicht in die richtige Richtung gebogen.

Lippenbekenntnisse aus dem Finanzwesen führten die Debatte jedoch schnell wieder ins Gesittete zurück. Zaghaft gestanden die Manager ein, es habe möglicherweise Pannen gegeben, die zu nicht vorhersehbaren Folgen geführt hätten. Man einigte sich im Qualm der Friedenspfeifen, die Sache auf die höhere Gewalt abzuschieben. Das Schicksal, so der allgemeine Tenor, müsse nun um Pardon bitten. Und so sitzen sie noch heute und schieben sich die Verantwortung zu.

Als der Kirchenvorsteher aus der Stadt der Jecken in einem seiner doch seltenen Momente als Staatsbürger bekannte, die Deutschen würden sich mit ihrer Papstmäkelei lächerlich machen, war der allgemeine Friede wieder hergestellt. Meisner hatte die Lächerlichkeit seiner Nation, die Staat und Kirche trennt, vor Gott und den Menschen geteilt und bekam Absolution.

Der Vatikan äußerte sich dazu allerdings nicht. Man blieb dort dem Vorsatz treu, sich nicht in politische Fragen einzumischen.





Weihwasserschaden

19 03 2009

Die Kommission stellte noch einmal fest, dass gut drei Milliarden Menschen nicht über sauberes Trinkwasser verfügten, sofern sie überhaupt Zugang zu Wasser hätten. Die Zahl war erwartbar. Sie wurde veröffentlicht, erhielt kaum Aufmerksamkeit und geriet knapp drei Tage später in Vergessenheit. Eine Menge von Menschen, einer europäischen Kleinstadt vergleichbar, hatte sich inzwischen an diversen Erregern infiziert, nicht wenige von ihnen waren ohne Kenntnisnahme der Weltöffentlichkeit erwartungsgemäß verstorben. Die internationale Wasserkonferenz in Mombasa stand vor der Tür. Man würde noch genug Zeit finden, während der Veranstaltung in flammenden Sonntagsreden genug Bedauern abzusondern, wenn es nur ausreichend natriumarmes Wasser ohne Kohlensäure zum Ausspülen der Espressotässchen geben würde.

Die Gastrede des Papstes wurde schon im Vorfeld als einer der Lückenbüßer eingeschätzt, die das dreitägige Programm nicht eben informativer zu gestalten geeignet wären. Umso konsternierter war das Auditorium, als der Heilige Vater die Durstigen der Dritten Welt unmissverständlich aufforderte, auf Wasser zu verzichten. Auf jegliches Wasser.

Manche glaubten, sich nur verhört zu haben, doch Benedikt XVI. stellte seine Position noch einmal deutlich dar. Er erklärte, das Trinken von Wasser löse das Trinkwasserproblem nicht, sondern verschlimmere es nur noch. Spirituelles Erwachen sei nun vonnöten, die Solidarität des Katholizismus mit den Verdurstenden einmal ganz abgerechnet.

Möglicherweise hätten es die Beobachter als einen von zahlreichen Lausbubenstreichen des Oberhirten abgetan – man erinnerte sich an die Abschaffung der Vorhölle und an die Rehabilitation des Antisemitismus in der Karfreitagsliturgie – wenn der nicht nachgelegt hätte. Auf Anfrage verlangte der Vatikan nochmals mit ausdrücklichen Worten Enthaltsamkeit. Es gebe weiterhin keinen Diskussionsbedarf.

Erste Kritik setzte ein, als Bundeskanzlerin Merkel sich postalisch mit dem Wunsch nach Klarstellung an den Stellvertreter wandte; die Kritik entzündete sich weniger an der Tatsache, sondern vielmehr an deren Wiederholung – Merkel habe doch wissen müssen, dass sie nicht berufen sei, theologische Fragen zu beurteilen. Offizielle Stellen des Gottesstaates bemühten sich sogleich um Schadensbegrenzung; Ratzinger habe vielmehr symbolisch die Brüder und Schwestern in ihrer gewissermaßen unschönen Lage in die Arme schließen wollen.

Ähnlich albern wirkten die Versuche des Vatikanorgans BILD, die Sicht der Öffentlichkeit zu korrigieren. Franz Josef Wagners dialektische Turnübung, das Wasser des Lebens und die real existierende Wasserversorgung zu synthetisieren, misslang gründlich. Es hätte indes auch nichts geholfen. Der Weihwasserschaden war längst eingetreten.

Der Widerstand formierte sich rasch. Die Aktion Wasserzeichen fand raschen Zustrom. Ihre Idee, die Entwicklungshilfe aus den Fängen der EU zu lösen und stattdessen Genossenschaften in den bedürftigen Ländern zu gründen, stieß auf Zuspruch. Es blieb nicht bei Lippenbekenntnissen. Zu Tausenden verpflichteten sich die Unterstützer, ihre Kirchensteuern, die sie nun nicht länger zu zahlen bereit waren, in die Hilfsorganisation fließen zu lassen. Erste Projekte nahmen konkrete Gestalt an, als sich der Vatikan den Organisatoren anbot, Beistand zu leisten. Zwar sei keinerlei finanzielle Hilfe zu erwarten, doch sei der Papst persönlich bereit, moralische Vorschläge zu unterbreiten.

Einer Analyse des Bundesinnenministeriums, nach der der Verzehr von Trinkwasser hygienisch mangelnder Qualität die Haupttodesursache vieler afrikanischer Landstriche sei, folgte sogleich die Rechtfertigung des päpstlichen Erlasses; der Wasserverzicht sei durchaus als präventive Maßnahme gegen die drohenden Gefahren für Leib und Leben zu verstehen. Dies wurde nicht hinterfragt. Man wusste, das Bundesministerium des Innern kannte sich mit präventiven Maßnahmen zur Abwehr drohender Gefahren bestens aus – vor allem mit Gefahren, die aus derartiger Prävention drohen.

Mit gewohnt vitaler Rhetorik ergriff Joachim Kardinal Meisner das Wort. Er sorgte für nicht unerheblichen Aufruhr, da er in einer Talkshow erklärte, der Verzicht auf Trinkwasser sei auch unter Umweltgesichtspunkten positiv zu sehen. So bleibe mehr Brauchwasser übrig. Während der Wasserkopf der vatikanischen Verwaltung noch über einen Verbleib Meisners im Amt köchelte, meldeten die Agenturen, dass die Wogen der Empörung bereits sieben Millionen Mitglieder aus der katholischen Kirche gespült hatten.

Um der Körperschaft beizutreten – der Vatikan äußerte in diesem Zusammenhang die Hoffnung, dies würde in Afrika geschehen – empfahl die Glaubenskongregation nun die Anwendung der Trockentaufe. Wie dies Verfahren zu handhaben sei, wurde nicht näher erläutert. Da gleichzeitig der konventionelle Ritus allein gültig blieb und die Priester angewiesen wurden, täglich mindestens drei neue Mitglieder für den Bund zu gewinnen, machten sich gewisse kognitive Dissonanzen bemerkbar.

Als bekannt wurde, dass die Vatikanbank einen größeren Teil ihrer Gelder in Aktien sizilianischer Wasserversorgungsgesellschaften angelegt hatte, brachen alle Dämme. Der Vatikan wurde unterspült. Die Sintflut war kaum noch aufzuhalten, als der Papst heftig zurückruderte. Wasser, erklärte Ratzinger, sei ein Menschenrecht.

Seine Anmerkung, die katholische Kirche sei für Menschenrechte selbstverständlich nicht zuständig, soff im allgemeinen Jubel der Erleichterung ab.