Gernulf Olzheimer kommentiert (LXX): Ästhetische Katastrophen im Alter

13 08 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Zustand der Materie ist das, was durch eine Veränderung Zeit sein lässt; so wenigstens definiert es der Physiker, während die Uneingeweihten das fundamentalontologische Gerüst eher andersherum bauen. Sein und Zeit betrachten sie so, dass der Verlauf von Uhr, Kalender und astronomischen Zyklen erst jene Prozesse fördert, die schließlich in die Allbezwingerin des Fleischlichen münden, in die Schwerkraft, die alles, Bindegewebe samt ornamentalem Fortsatz, irgendwann ergreift. Und so geht alles, was ist, irgendwann auch wieder in die majestätische Ruhe des Anorganischen über, zumindest in farblicher Hinsicht.

Das Ende der Welt, as we know it, es ist beige. Jener braungrüngrau in die Optik gehebelte Unfall ist eine Mixtur aus nassem Sand und morschem Brot, Körpersekret und Langeweile, die allem den Abstumpfungsgrad von Tapetenkleister verleiht. Was in diese Masse stolpert, wird aufgesogen, wie in ein Gravitationsfeld geschlürft, aus dem es kein Entrinnen gibt, weil der Ereignishorizont gleich Null ist: Senioren, von Kopf bis Fuß in klamme Klamotten verklammert, sind als Beiges Loch in der Existenz gefangen und ziehen gnadenlos ihre Altersgenossen in die Quadranten der Nichtfarbe, die jegliche Ästhetik ausradiert. Nicht nur, dass die Signalunfarbe in Menschenansammlungen von drei Einheiten aufwärts unwillkürlich Assoziationen mit einem weichen Ziel aufkeimen lässt, sie lässt die zu Popeline geronnene Scheußlichkeit magenkranker Schnittmustersadisten Wahrheit werden, jenes als Tarnkleidung gedachte Rentnerbeseitigungstextil, das den visuellen Teilchenstillstand symbolisiert, ein Nullschalter für die Entropie. Sobald sich die ästhetische Katastrophe in Eierschalenblassbraun ereignet, ruhen Kreislauf, Hirnströme und andere niedermolekulare Bewegungsmuster – würde der in Matschton geschwiemelte Ruheständler als zweiter Nijinsky durch die vollbelebte Innenstadt von Bad Harzburg hüpfen, es würde keiner Seele auffallen.

Beleidigender jedoch sind die Schnitte, mit denen sich das trübe Tuch gerissen als Mode tarnt. Viereckige Sackdarsteller mit angenagelten Ärmeln und mittig eingenietetem Reißverschluss ergeben die allseits beliebte Windjacke – eine nur in der Kleidergröße fortgesetzte Demütigung, wie sie das Kindergartenalter kannte, als die Blagen motorisch noch damit überfordert waren, sich die Joppe selbst zu schließen. Die Seitentaschen sind selbstredend so beschissen geschnitten, dass jeder noch so kurzarmige Bekloppte sich beide Ellenbogen amputieren lassen müsste, um einmal mit den Pfoten ins Futter zu kommen – doch wozu? der Thoraxfeudel, tunlichst kurz geschnitten, da im Lebensherbst ja überwiegend regungslos gesessen wird, ist nicht einmal geeignet, pro Seite ein Paket Papiertaschentücher aufzunehmen, von größeren Objekten einmal ganz zu schweigen. Genügsamkeit ist das Wesen dieser Gewandung. Als ob das senile Sediment in Sandstein-mit-Schimmelpilz-Uniform noch Bedürfnisse anmelden dürfte.

Geht es der Seniorin besser? Das Kittelett im Ich-war-eine-Schlafzimmergardine-Dekor deutet ein desolates Nein an, das die beiden verfügbaren Rocklängen – etwas zu kurz, unvorteilhaft lang – mit gehässiger Verve unterstreichen. Dazu ist das Schuhwerk wie geschaffen, die Geschichte der Jetztmenschen aus dem Urgrund der Savannenjäger zu erklären: formloses Geklumpe, das aussieht, als sei der Cro-Magnon ungeschickt in irgendeinen Beutelsäuger getreten und habe das Ding aus reiner Bequemlichkeit gleich an den Füßen gelassen.

Ist also Beige, prickelnd vor Langeweile und ein Generalangriff auf die arglose Netzhaut, nichts als eine Reminiszenz an die Urzeit des Hominiden, als man jene kurz vor dem Ausscheiden aus dem Sippenverband begriffenen Claninsassen hurtig in den Modder schmiss, um sie für Säbelzahntiger und Mammut unsichtbar zu machen, wie wir auch heute unsere Oldies ins soziale Hintergrundrauschen zurückdrücken, sobald uns bewusst wird, dass wir sie noch nicht legal losgeworden sind? Oder ist es der verzweifelte Versuch, uns vor einer Schar durchgeknallter Silberrücken zu bewahren, die in berufsjugendlichem Outfit die Zivilisation stürmen, in Sport- und Funktionskleidung, atmungsaktiven PU-Stoffen, jugendlichem Chic (oder wenigstens dem, was systemkritische Herrenschneider in Wochenendbeilagen unter Zuhilfenahme des Wortes modemutig dazu erklären) mit zehn Prozent Schafschurwolle und in Farben, die man in den Siebzigern noch für eine Ausgeburt von Drogen und Kommunismus hielt? So kleckert es ansatzlos aus brechreizaktiv gefederten Überlandbussen, wenn die halbe Einwohnerschaft von Rheinland-Pfalz zum Heizdeckenrodeo mit Pflaumenkuchen anrollt und in erbsengrünen Windjacken mit malve-taubenblau abgesteppten Kragenapplikationen zu weinroten Damenblousons aus Waschseide alle frei flottierenden Vorurteile schreiend bestätigt. Hie und da greift das lebensältere Personal schon zur Baseballkappe, und es wird eine Frage der Zeit sein, bis die Gesellschaft zum 90. Geburtstag im Kill-your-Idol-Shirt anrückt. Wir werden es aushalten. Hauptsache, das Ding ist nicht beige.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLII): Freizeitkleidung

29 01 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Noch vor ganz wenigen Jahrzehnten gab es in der Bevölkerung dieser Breitengrade Menschen, die in Wollpullovern, in Baumwollhemden und, ab und zu streifte dies fast die Grenze zum ästhetisch Hinnehmbaren, Polyesteranzughosen mit Bügelfalte und Umschlag mannigfaltige Tätigkeiten ausübten. Das Gewand signalisierte sofort, wer sich wohl zu welchem Behufe darin befand, und erlaubte dem Betrachter auf diese Art, seinen kleinen Kosmos zu ordnen. Der blütenweiße Kittel machte den Arzt kenntlich, der zwischen zwei Golfpartien kurz seine Praxis aufsuchte, um den Alkoholspiegel an die Tageszeit anzupassen. Am Blaumann erkannte man die Stützen der Gesellschaft, wackere Handwerker, denen aus dem Stand achtzig Gründe einfallen, warum man ein Kupferrohr nie rechtwinklig verschrauben könne, und wenn doch, dann nur zum doppelten Preis und frühestens in sechs Wochen. Man musste nur die Strumpfhose über der Rübe sehen, schon wusste jedes Kind: da schickte sich ein Bürger an, den Ermittlungsbehörden mehr Praxis bei der Aufklärung von Straftaten zu bescheren, und auch die Justizbehörden bekamen ihren Teil. So wussten alle, Kleider machen Leute.

Diese so verhältnismäßig einfach wie nützlich gestrickte Gesetzmäßigkeit kann man heute in die Tonne treten, da das Gros der Behämmerten in kotzbunt bedruckten, logoverzierten Plastesäcken durch die Vegetation torkelt. Als wäre der Anblick nicht schon beschissen genug, den das kognitiv naturbelassene Volk darin hinterlässt, hören die in frischem Minzgrün mit pinkfarbenen Applikationen an die sterbliche Hülle geschwiemelten Fetzen auf den Gattungsbegriff Freizeitkleidung, was eine der frechsten Lügen seit der Dolchstoßlegende und der Geschichte mit dem Klapperstorch ist. Denn gerade jene meist männlichen Homo-sapiens-Parodien, die im Balkansmoking ihr Frühstück in der Tanke jagen, sind nicht darauf angewiesen, ihre Existenz in die beiden Großbereiche Arbeit und Freizeit aufzuteilen, letztere wohlbemerkt als Gegenbegriff zu der Spanne des Tages, die man im Monteur- oder Taucheranzug verbringt und nicht in einer Kombination aus wirr zusammengedengelten Stoffresten mit Reißverschlüssen, die man auch dann noch betätigen kann, wenn wegen temporären Arbeitsspeichermangels Kulturtechniken wie das Kauen bereits gegen den Schluckreflex zurücktreten müssen. Wer diesen Bronxfummel in Verkennung der Wirklichkeit gar Trainingskleidung nennt, kann sich höchstens auf einarmiges Reißen in der Ein-Liter-Klasse beziehen. Mehr Leibesertüchtigung läge den vollzeitig Freizeitbekleideten fern.

Die Herkunft der geschmacksfreien Kluft aus dem Sportbereich mag man ja hinnehmen, und so bietet die Ganzkörpermülltüte dem Bekloppten in der Tat einige Vorzüge gegenüber traditionellen Kleidungsstücken. So lassen sich die Hosen dank der Druckknopfleisten an- und auch rasch wieder ablegen, falls die Blase drückt oder Kopulation auf dem Stundenplan steht. Sonn-, Feier-, sonstige Tage kann der Bescheuerte im Ferkelfrack verleben, er braucht weder grobmotorisch komplexe Stunts wie Knöpfen oder Schnüren zu erlernen, am Zipper endet sein Intellekt. So wird er nie entmutigt und glubscht weiterhin hoffnungsfroh in eine Welt, von der er nicht wissen muss, dass er für sie zu doof ist. Was aber nun dem Rasensportler beim Einüben geschickter Abseitsfallen dienlich sein soll, indem es seine Muskeln warm und die Gliedmaßen agil hält, dem Behämmerten in Polymerplünnen vermag das nichts zu geben, und er ist allem Anschein nach in einem fatalen Irrtum gefangen: die Ballonseidenhülle des Hygienephobikers ist wohl geeignet, ein Vielfaches ihrer Eigenmasse an Schweiß aufzusaugen, sie gibt ihn allerdings nicht wieder her, und wenn, dann über Äone verteilt mit der tödlichen Sicherheit, zwischendurch die olfaktorische Blaupause für ein Zeltlager zu liefern.

Schon machen sich neue Zeichenstrukturen breit im Synapsengeflecht; wie man beim Anblick einer Uniform automatisch die Knochen zusammenreißt, wenn man nicht versehentlich mehr Intellekt als ein Fischstäbchen besitzen sollte, so gibt auch der Anblick eines in Anhängtracht gehüllten Primaten dem Gehirn zu verstehen, dass es für Netzhaut und Magen viel angenehmer wäre, auf der Stelle die Straßenseite zu wechseln oder, sollte dies der baulichen Gegebenheiten halber gerade nicht zu bewerkstelligen sein, die mitgeführte Speitüte zu zücken. Fortgeschrittene erkennen schon am Bewegungsmuster des Bierdosenhalters den Verkrustungsgrad des zugehörigen Strampelanzugs.

Vermutlich werden sich auch hier irgendwann feine soziale Marker herausbilden. Dann gilt ein Knisterdress, der im Neuzustand weniger als drei Kästen Hopfenschorle vom Billigen kostet, als nicht mehr standesgemäß und entscheidet über Wohl und Ehe einer Zeugungsgemeinschaft. Besonders stilsichere Prekarmani-Träger werden sich spätestens dann für eine Zweitjacke in Grün-Lila entscheiden und dem Einzelhandel wertvolle Impulse für einen neuen Aufschwung geben. Wir sollten dem nicht im Weg stehen. Wir sollten, wie gesagt, die Straßenseite wechseln. Solange es geht.