Ökologisch orientiert

13 07 2022

„… zwar noch nicht zu ernsthaften Engpässen gekommen sei, dass aber behördliche Maßnahmen durchaus denkbar seien. Der aktuelle Pegelstand in Köln sei bereits unterhalb des langjährigen…“

„… die Wirtschaft zunächst noch keine genauen Zahlen veröffentlicht habe. Da derzeit noch keine Konflikte um den Rohstoff ersichtlich seien, werde man sich nicht in die öffentlichen…“

„… schlage CDU-Energieexperte Spahn vor, die Pegelstände von den Bürgern auffüllen zu lassen. Nach seiner Berechnung müsste jeder Anwohner täglich nur eine Badewanne voll Wasser in den Rhein gießen, um wieder für einen normalen…“

„… die Rheinschifffahrt unter dem niedrigen Wasserstand leide. Merz habe Sanktionen für die Union jedoch kategorisch abgelehnt. Wer über die nötige unternehmerische Flexibilität verfüge, könne den Güterverkehr auch über ein Privatflugzeug oder seinen elektrisch betriebenen…“

„… sich an der Diskussion nicht beteiligen wolle. Kubicki könne seinen Flüssigkeitsbedarf in Eigenverantwortung mit Alkoholika decken und sehe für Einschränkungen keinen…“

„… durch chemisch-physikalische Prozesse umgewandelt werden könne. Ziel der Technologie, die deutsche Ingenieure innerhalb der kommenden Jahrzehnte sicher entwickeln würden, sei laut Lindners Beschreibung die Synthese von Wasser aus Wasserstoff, für den man nur Wasser chemisch oder physikalisch in einem Prozess aufspalten müsse, der Energie aus wasserstoffbetriebenem…“

„… einen Wassersparplan erarbeiten müsse. Habeck habe der unionsgeführten Bundesregierung sechzehn Jahre lang zugesehen und dürfe nun die Bevölkerung nicht länger durch seine linksgrüne Stillhaltetaktik, die nur in Schönwettersituationen wie dem Atomausstieg oder den…“

„… nicht um eine deutsche, sondern um eine rein polnische Zersetzungsaktion handeln würde, die das Volk diesseits der Oder-Neiße-Linie zu zersetzen geeignet sei. Gauland erwarte die Vernichtung der ostischen Untermenschentums durch die heroisch kämpfende Wehrmacht, die auch in den ausgetrockneten Flussbetten einen Krieg zur Verteidigung des Lebensraumes im…“

„… keine akute Gefährdung vorliege. Niedrige Pegelstände auf Rhein und Elbe seien für die Wirtschaft hinnehmbar, da sie durch eine gesetzliche Regelung nicht untersagt werden könnten. Buschmann setze stattdessen auf die…“

„… täusche der Vizekanzler die Bevölkerung. Verantwortlich für den akuten Wassermangel, so Chrupalla, sei nicht der Klimawandel, sondern die künstlich hoch gehaltenen Preise, die die Bundesregierung durch eine Inflation verursacht hätten. Die AfD fordere, dass Wirtschaftsasylanten grundsätzlich der Zugang zu Trinkwasser verwehrt werde, damit die Deutschen wieder ausreichend…“

„… beobachten müsste, wie lange die Knappheit anhalte. Dobrindt sehe die Chance, das Niedrigwasser als nachhaltig einstufen zu lassen, um durch eine EU-Einstufung zusätzliche Gelder für die Anerkennung der deutschen Landwirtschaft als ökologisch orientiertes…“

„… schlage Lindner vor, die Transferleistungen in den Sommermonaten um den Anteil der Heizkosten zu kürzen. Dies entlaste vor allem die Leistungsträger, denen er eine Senkung der Einkommensteuer um bis zu…“

„… wolle Kubicki sich ein Fußballstadion mieten, um es einen Monat lang rund um die Uhr zu bewässern. Alle Spacken, die sich nicht einmal einen eigenen Garten leisten würden, um ihre Grundrechte gegen den Ökoterrorismus der Grünen auszuüben, könnten ihn gepflegt am…“

„… plädiere Spahn für Einschränkungen bei Erwerbslosen und Rentnern. Sie sollten seiner Meinung nach nicht mehr Surfen, Rudern oder Schwimmen dürfen, um das noch vorhandene Wasser den Leistungsträgern, die Steuern zahlen würden, uneingeschränkt zu…“

„… sei auch eine positive Nachricht für die Tourismusbranche. Wissing empfehle, deutsche Urlaubsorte auf deutschen Autobahnen anzufahren, da sich im Rheinland mittlerweile eine Szenerie anbiete, die mit dem Flair der Poebene durchaus mithalten könne, abgesehen von…“

„… die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag den sofortigen Stopp jeglicher Migration über das Mittelmeer fordere. Der Wasserverbrauch sei ein Grund, dass die globale Katastrophe sich vor allem auf Deutschland auswirke, das als Opfer einer Verschwörung überstaatlicher Kräfte die…“

„… sich der Transport von Treibstoff nicht mit Flugtaxis bewerkstelligen lasse. Söder wolle stattdessen zehn neue Kernkraftwerke bauen lassen, was zwar in keinem Zusammenhang mit der Wasserknappheit stehe, aber ohnehin als Ziel seiner Landesregierung und im…“

„… Union und FDP an einem Strang zögen. Der Import von Seewasser aus der Russischen Föderation stelle gleichzeitig eine Chance dar, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Putin wieder zu normalisieren und das internationale Projekt der Bewässerungspipeline als Investitionsgelegenheit für den deutschen und den EU-weiten…“

„… dass die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung verfassungswidrig gewesen seien, da alle Engpässe regional auftreten würden. Weidel werde diesen Fakt in Karlruhe klären lassen, um die Ampel notfalls mit gerichtlicher Hilfe zu…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXII): Zurück zur Natur

8 07 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Immerhin das hatte Rrt kapiert: wenn man seine Abfälle auf einen großen Haufen schmeißt, lockt es allerhand Getier an, das den Geruch von Aas nicht als Belästigung empfindet. Dass aber die einmal abgerissenen Süßgräser so schnell nicht wieder am Flussufer wachsen, entdeckte er erst nach mehreren Jahren, in denen er auf Buntbeeren und Holzschliff ausweichen musste. Noch waren er und seine Sippe Jäger und Sammler und die Proteinzufuhr reichte gerade zur Erhaltung der Sollstärke. Die für ein tieferes Verständnis von Vegetationszyklen nötige Rechenkapazität gab das noch nicht her. Dabei hatte es der Hominide in dieser frühen Epoche noch recht einfach, sich die Vorgänge in Feld und Wald durch empirisches Gucken oder Versuch und Irrtum zu erschließen; er musste dafür keinen Outdoorurlaub buchen, die Dinge geschahen unmittelbar außerhalb seines Kopfes. Und da sind sie auch heute noch, wo der durchschnittliche Depp zurück zur Natur will.

Zu den unangenehmsten Erkenntnissen zählt, dass wir auch nach Jahrtausenden systematischer Beobachtung noch immer nichts verstanden haben, vielmehr: nicht einmal verstehen wollen. Wir haben kaum Ahnung von Wolken, stehen bei der Erforschung der Tiefsee ganz am Anfang und sind von der Tatsache überrascht, dass nicht nur Tiere und Pflanzen zur Arterhaltung, Verbreitung und Abwehr miteinander kommunizieren, sondern auch Pflanzen untereinander. Wenig drückt die Hybris der Menschheit so sinnfällig aus wie die Annahme, der Hominide sei der einzige, der in Netzwerken denken, nachhaltig organisieren und sozial handeln könne. Kurz und ungut, wir sind die Art, die gerade dies am meisten verlernt hat, wenn wir es jemals vermocht haben sollten.

Spätestens mit der festen Absicht, sich die Erde untertan zu machen, was als reines Machtstreben über den beherrschbaren Untertanen in Gestalt des Heimatplaneten endete, schwand das Bewusstsein, dass undertæne die Schutzbedürftigkeit impliziert, die der ökonomisch durchgedrehte Mensch ihr aus Profitgründen sofort entzog, um komplett in der Diesseitigkeit aufzugehen, die ihm die Gier verordnete, seine neuer Religionsersatz. In diesem verschwiemelten Verhältnis von Haben und Sein behandelte er selbstverständlich die Natur, wie er zuvor seine bürgerliche Metaphysik behandelt hatte: als tugendhaften Schild der Anständigkeit, den man gerne vor sich trug, um dahinter die Hosen herunterzulassen. Nur manchmal, in romantischen Anwandlungen oder bei der bangen Ahnung, dass dieser ganze kapitalistische Mist minutiös geplanter Massenmord an allen möglichen Lebensformen ist, einschließlich der eigenen, entdeckt der Trottel die Tröstung des Mystischen, überwiegend in Form von Sonnenaufgängen, Meer oder Mischwald, vage nur ahnend, dass er sie für sein Menschenrecht auf Billigwurst aus Separatorendreck täglich in die Tonne tritt. An vereinzelten Tagen merkt er, was er durch seine reine Existenz angerichtet hat. Dünkel und Stolz schirmen ihn ansonsten davon ab, die enorme Widerstandsfähigkeit seines bekloppten Verhaltens auch nur zu ahnen.

Denn jetzt passiert, wovor die Wissenschaft seit Jahrzehnten warnt: wenn wir nicht endlich die Natur wieder als komplexe Ordnung sehen wollen, dann kommt sie zu uns in Form von Überflutung und Dürre, Extremkälte, Windgeschwindigkeiten jenseits unserer Kenntnisse, Erosion und Feuer. Es wird dennoch eine große Überraschung sein, weil ja niemand damit gerechnet hat, außer eben denen, die uns damit ewig in den Ohren gelegen haben. Natur und Technik, Natur und Gesellschaft, Natur und Zivilisation wurden von jeher als Gegensätze aufgebaut und verstanden, was nur insofern verkehrt ist, als dass die Natur immer als Ausnahmezustand betrachtet wurde und wird. Wir haben uns nie mit Stadtentwicklung und Tourismus, Ernährung, Sport und Freizeit, Mode oder Logistik beschäftigt, nicht als Antagonisten zur Natur, nicht als Trigger der großen Beschleunigung, die früher oder später das Leben großflächig abschaffen. Wir haben die Atmosphäre zerstört, die Biosphäre hat bereits an ihrer Auslöschung mitgewirkt, aber wir sind unbeugsam, wenn nicht gerade hausgemachter Mist wie Viren oder Kriege die Zweckbestimmung des Blödföhns einschränkt, zur Produktion diverser Krebsarten auf eine Insel zu jetten, als hinge davon das soziale Überleben der Ersten Welt ab, was auch nicht ganz verkehrt ist. Sinnvoller wird es davon allerdings auch nicht.

Die Industrialisierung der Fortwirtschaft hat die Wälder von der Landkarte gekloppt, Arten in den Orkus gejagt und die Konsequenzen für die eigene Besiedelung der Gemarkungen nicht beachtet, da er sie nicht wahrnahm. Nach und nach kehrt nun das ökologische Gleichgewicht zurück, wo es durch die politischen Anstrengungen wieder zugelassen wird. Kehrt nun aber als Zeichen einer intakten Umwelt der Wolf zurück, wesentlich länger hier beheimatet als die Zweibeiner, die sich die Birne wegbembeln, Wassersuppenkasper zu ihren Anführern machen und sich für die Zerstörung ihrer Unterkunft feiern, reagiert der Mensch mit Aggression. Gut so. Wir wissen wenigstens, woran wir untergehen werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXI): Schwammintelligenz

1 07 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte kurz Kopfweh. Dann delirierte er ein wenig von alten Männern in Frauenkleidern, die mit einer qualmenden Handtasche durch große Höhlen liefen und dabei fromme Gesänge absonderten, und dann schaltete sein Betriebssystem auf Durchzug. Er war stundenlang durch die Steppe gestreift auf der Suche nach schmackhaften Schuppenrüsslern, die sich hitzebedingt lieber unterhalb des sandigen Bodens aufhielten, und hatte sich dabei die Kalotte verkocht. War es seine Dummheit oder sein tief im männlichen Ego wurzelnder Urtrotz – wobei diese beiden Faktoren sich nicht richtig trennen ließen – er hatte sich in die ewigen Jagdgründe verzogen, statt auf die Warnungen seiner jungen Gefährten zu hören, dass eine Wanderung ohne Wasser oft eine Wanderung ohne Wiederkehr ist. Jahre vor dem Bau der hängenden Gärten, der üppig begrünten Paläste der Antike und der Neuzeit wussten die klimatisch herausgeforderten Wüstenbewohner, dass es nicht ohne Flüssigkeitsregulation geht. Was uns heute fehlt, ist ihre Schwammintelligenz.

Das Wunschbild der bürgerlichen Nachtmützen ist bis heute das Häuschen im Grünen, vulgo: die Readymade-Idylle in pseudoindividueller Bauweise am Arsch der Welt, nur erreichbar durch Kilometer von Autobahnen und Schnellstraßen, ordentlich in drei Spuren durch die Landschaft gefräst, damit der Pendler privat und eigenverantwortlich ein paar Quadratmeter Natur bastelt. Zum Ausgleich wird hektarweise Wald wegplaniert, der beim Gasgeben stören würde. In den Städten blieb dafür das eine oder andere Stück Rasen übrig, das den Reichtum der Feudalgesellschaft demonstrierte: Landbesitz, der nicht wirtschaftlich genutzt wurde, sondern wie drohend nur der Repräsentanz diente. Mit dem Sieg der Bourgeoisie mehrten sich Lustgärten, bald auch dem gemeinen Volk zugänglich, doch was sich im Zeitalter der Industrialisierung an Treibhausgasen in der Atmosphäre ballte, bekamen auch Park und Prater nicht mehr weg. Die Stadt trocknete aus.

Dabei gibt es kurzfristig wirkende, langfristig den Wohnwert des urbanen Umfelds steigernde Mittel, um den Wasserhaushalt und damit die Hitze zu regulieren. Begrünte Dächer, vertikaler Wuchs, Drainage zur Speisung der Baumwurzelschicht, die Stadt der Zukunft ist porös und hat eine vielfach vergrößerte Oberfläche statt eines zentralistischen Abflusssystems, die Wasser größtenteils am Ort seines Bodenkontaktes speichert und nutzt. Das ist nicht getan mit drei Handbreit Grünstreifen, die im Zweifel doch von Blechlawinen überrollt werden, und nicht gesichert mit regelmäßig ausgetauschten Bäumchen, die direkt über Regenwasserkanälen zum Verdorren aufgestellt werden. Die natürliche Verzögerung, mit der Feuchtigkeit aus den oberen Bodenschichten in die Tiefe sinkt, macht sie auch länger nutzbar. Der immer noch auf den Straßen produzierte Dreck, wasserlöslich oder wenigstens schwemmfähig, sickert nicht in die Kanalisation und dringt nicht ins Grundwasser ein. Aber das geht ja nicht, weil das welkende Schimmelhirn seinen Straßenpanzer unbedingt drei Schritte von der Tür der gefäßchirurgischen Praxis parken muss, weil seine Nudel weich bleibt.

Auch die punktuellen Wolkenbrüche, die den periodischen Niederschlägen den Rang ablaufen, verlieren durch die Verhinderung einer Überflutung ihre Schrecken – nicht ganz, dazu hat die idiotische Gier der Menschheit den Karren schon zu weit in die Grütze geritten. Wie man Schwemmflächen und natürliche Rückhaltebecken mit Flussbegradigung und -bettvertiefung zur verkehrsoptimierenden Landschaftsvergewaltigung durchgedrückt hat, so rächt sich der Flächenversiegelungswahn, der die Wassermassen auch in noch so großen unterirdisch angelegten Kavernen nicht halten kann, völlig egal, woher sie strömen. Wir könnten, aber es wäre viel zu schön, um wahr zu werden.

Allein die autofixierte Hochglanztristesse, die sich von mürben Metropolen bis in die piefigste Provinz schwiemelt, um das Programm Unser Dorf soll schnöder werden mit Verve in die Netzhaut wehrloser Anwohner zu prügeln, besteht aus Fahr- und Standflächen, zwischen denen sich ungeschlechtlich Straßenbegleitgrünantäuschung mit Waschbeton paart, Kübel auf Kübel klinisch sauber vom Erdreich getrennt, damit nichts den verkehrstechnischen Nutzfaktor torpediert, und es ist wahr: wer das täglich sieht, kann nur schnell das Elend hinter sich lassen wollen. Der Städtebau der Zukunft wird vermutlich weniger Tankstellen und mehr Ladestationen haben, weniger störende Wege für lästige Läufer oder renitente Radler, weil ein paar gierige Arschgeigen die Sache durchgerechnet haben: bei normaler Lebenserwartung privilegierter Großkapitalisten dürfte ihr Ableben ungefähr dann stattfinden, wenn die Katastrophe alle Kipppunkte genommen hat und der Planet nicht mehr zu retten ist. Mit etwas Pech könnte man sie zwischendurch an die Wand stellen, aber wahrscheinlicher ist, dass sie dereinst im Pflegeheim irrtümlich in die Sonne geschoben werden, auf einen Weg ohne Schatten, ohne Wasser, ohne Wiederkehr. Da sie bisher wenig Sinnvolles abgesondert haben, wird der Hitzschlag kaum jemandem auffallen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXX): Der ignorierte Wandel

24 06 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für Rrt war die Sache eigentlich klar: dort, wo Steppenhase und Wollrind des kühnen Waidmanns harrten, erwischte ihn auch die Säbelzahnziege. Der Ort war derselbe, die Erwartungen ließen sich nicht voneinander trennen, denn sie beruhten auf genau derselben Voraussetzung. Nur manchmal, wenn er mit den Kollegen vor der westlichen Felswand den rituellen Tanz vollführte, der das Glück bezwingen sollte, wuchs in ihm die Gewissheit, dass man einen Teil ganz einfach aus der Gleichung kürzen könne. Vielleicht ist das am Ende der Nahrungskette ja einfacher als weiter unten, doch es liegt definitiv nicht daran, dass die Natur ein Einsehen hätte. Die durchschnittliche Lebenszeit des Hominiden ist zu kurz, seine Erkenntnisfähigkeit erheblich zu dünn angerührt, um auch nur die wesentlichen Dinge zu begreifen. Das Bröseln der Berge bemerkt er so wenig wie die Kontinentaldrift, weil beides für ihn nicht geradewegs erfahrbar ist. Was aber, wenn der intellektuelle Heckenpenner längst das Zeitalter der Aufklärung durchlebt und die Wissenschaft zur Verfügung hat, die ihm die Zusammensetzung der Erdatmosphäre und deren schlagartige Erwärmung in leicht fasslichen Häppchen vorlegen, damit er nur noch kapieren muss, was zu tun ist? Er lässt es sein, ignoriert den Wandel und zieht sich auf das zurück, was er am besten beherrscht: die Opferrolle, verursacht durch die kognitive Dissonanz.

Von der offiziellen Verlautbarung bis hinab zur Primatenpostille feiert die Meinungsproduktion den brüllenden Frühsommer, während sie simultan von Waldbränden und Ernteausfällen berichtet, und es fällt niemandem auf. Die Hitze, die die Flüsse so weit austrocknen lässt, dass der künstlich verbilligte Sprit gar nicht erst an die Tanke kommt, kann ja nicht das schnuckelige Gartengrillwetter sein, bei dem man trotz Biermangel das viszerale Fett in die Landschaft hält, so wie das schöne Wasser, auf dem man mit dem Floß in die nächste Ortschaft stakt, nicht für die Flutkatastrophe im eigenen Dorf verantwortlich sein darf. Wälzt sich der Nappel zur Nachtzeit in schwitzigen Laken, weil die laue Luft ihn durchgaren lässt, so fällt ihm nicht auf, dass für seine älteren Verwandten das Normalwetter zur Lebensgefahr wird, nicht obwohl, sondern weil es den Normalzustand darstellt, allerdings nach dem Umschlag in die Katastrophe, die en bloc in unsere Existenz brettert, unübersehbar und präsent.

Die Rechenkapazität unter der Kalotte reicht schon für schwierigere Dinge nicht aus, wie sollte der gemeine Dumpfschlumpf dann für einfache Zusammenhänge empfänglich sein? Eine bequeme Variante des Versteckspiels besteht darin, sich die Augen ganz fest zuzuhalten, damit man selbst gar nichts tun muss und trotzdem diese ganze blöde Realität weg ist. So funktioniert die bis in politische Höhen praktizierte selektive Wahrnehmung, die Ursache und Wirkung, Problem und Lösung nicht sauber trennt, bisweilen verwechselt, aber selten in die richtige Reihenfolge bringt. Derzeit diskutiert man wieder ernsthaft über Kohleverstromung, als helfe gegen eine Alkoholvergiftung therapeutisches Saufen – die Anzeichen häufen sich, dass selbst Entscheidungsträger mit Formalbildung das Prinzip von Ursache und Wirkung aus ihrem Denken verbannt und gegen kopflosen Aktionismus ohne Rücksicht auf Verluste ersetzt haben. Es sind die Zusammenhänge; der gemeine Knalldepp ist zur Konstruktion jeglicher Art von Hirnschrott aus Halbbildung und magischem Denken bereit, wenn es ihm nur erklärt, was er eh glauben will. Logik stört da nur, komplexe Systeme wie die Natur mit multikausalen Triggern, Ping-Pong-Effekten und Kipppunkten findet er hinterhältig und schwiemelt sich vorsorglich ein Konglomerat aus Feindbildern zusammen, die sich das ausgedacht haben müssen. Der Radius dieser intellektuellen Einsichtsfähigkeit indes ist Null, und die meisten nennen es ihnen Standpunkt; mithin ein Begriff, der ihre komplette Bewegungslosigkeit umfasst.

Was wir in guten Augenblicken Zivilisation nennen, also den Versuch, einander nicht kollektiv auszurotten, wirkt inzwischen wie die Teilnahme am Darwin Award, aber auf Zeit: wer es schafft, möglichst viele zuverlässig über die Wupper zu bringen, bleibt im Gedächtnis der Menschheit, immer vorausgesetzt, diese Menschheit gibt es lange genug, um sich an irgendetwas zu erinnern. Wir haben ja bereits Schwierigkeiten, das ständig Gehörte als Teil einer Kette von Konsequenzen einzuordnen, die wir bei jeder Gelegenheit wieder verdrängen, weil es zu schwierig ist, sich der Wahrheit zu stellen. Den Preis zahlt in Gestalt einer prätraumatischen Belastungsstörung die folgende Generation, die nicht mehr leugnen kann, weil sie bereits mit der Katastrophe als Normalzustand die Bildfläche betreten hat und keinen Wandel mehr wahrnimmt. Erst wenn es den Leistungsträgern der sogenannten besseren Gesellschaft nicht mehr möglich ist, aus ihren mit röhrenden Klimaanlagen umstellten Erdlöchern zu entkommen, weil an der Außenluft ihr Blut aufkocht, werden sie ein leises Bedauern äußern. Es gilt ihnen selbst, denn wenn sie das gewusst hätten, sie wären noch barbarischer gegen die anderen vorgegangen. Aus Prinzip.





Nachtschicht

20 06 2022

„… werde die zu erwartende Hitzeentwicklung in diesem Sommer spürbare Auswirkungen haben, die aber von den Bürgern eigenverantwortlich und ohne öffentliche Unterstützung bewältigt werden könne. Die Bundesregierung plane deshalb keine…“

„… nun Hilfen für die Landwirtschaft benötigt würden. Lindner sehe jedoch angesichts der gerade endenden Spargelsaison keine Möglichkeit, dies im aktuellen Bundeshaushalt zu…“

„… als Brückentechnologie unterstützt werden müsse. Merz rate jetzt zum Bau neuer deutscher Kernreaktoren, die dringend benötigt würden, wenn die ausländischen Atomkraftwerke wegen fehlender Kühlwasserkapazitäten nicht mehr die nötige…“

„… keine Klimaanlagen anschaffen könne, da dies eine zusätzliche Energiebelastung bedeute, die für die Länder finanziell kaum zu stemmen sei. Die Kultusministerkonferenz empfehle wie im Winter Stoßlüften, was nach den Sommerferien in allen…“

„… der Wasserknappheit schnell mit geeigneten begegnen müsse. Söder rate daher, wenigstens in Notfällen auf Bier zurückzugreifen, da dieses ja bereits hergestellt sei und nicht mehr aus dem…“

„… dass sich die Menschen wegen der hohen Temperaturen kaum in der Öffentlichkeit bewegen würden. Für Buschmann sei dies ein Beweis, dass die Infektionsmöglichkeiten sinken würden, so dass eine veränderte Gesetzgebung nicht mehr im…“

„… abgestellte Atomreaktoren ersetzen müsse, um die Wirtschaft mit ausreichend Energie zu versorgen. Lindner sehe eine Möglichkeit im Bau neuer Kohlekraftwerke, da sich bei steigenden Außentemperaturen Kohle schneller entzünde, so dass sich eine höhere Energiedichte mit dem…“

„… die erwartbaren Straßenschäden den ÖPNV behindern würden. Wissing wolle daher das Neun-Euro-Ticket mit sofortiger Wirkung stoppen, um die frei werdenden Gelder in eine Kaufprämie für…“

„… auch die positiven Effekte der Hitzewelle zur Kenntnis nehmen müsse. Angesichts der stark sinkenden Pegelstände in Rhein und Ruhr halte Wüst die Wahrscheinlichkeit einer Flutkatastrophe im Ahrtal in diesem Sommer für so gut wie…“

„… das bisher aus anderen Ländern berichtete Massensterben bei Nutzvieh in Deutschland noch nicht vorgekommen sei. Für den Einzelhandel sei die Versorgung der Verbraucher mit Grillfleisch auf absehbare Zeit gesichert, auch wenn sich die Erzeugerkosten durch die Wasserpreise schnell…“

„… in den Sommermonaten nicht anfallende Heizkosten aus dem Regelsatz streichen wolle. Die Bundesagentur für Arbeit werde im Gegenzug auf eine Erhöhung der Heizkosten für den kommenden Winter verzichten, um eine kostenneutrale…“

„… zum Personalmangel eine erhebliche Gefahr beim Bau von Windkraftanlagen hinzukomme, da viele Arbeiten bei starker Sonneneinstrahlung nicht durchgeführt werden könnten. Für Merz bleibe als logische Folge nur die Errichtung mehrerer hundert Klein-AKWs, die mit einer Laufzeit von wenigen Jahren sehr flexibel und preiswert in der…“

„… die Klimaanlagen am Arbeitsplatz sparen könne. Die Hälfte der Arbeitgeber sei zwar nicht bereit, aus Gründen des Gesundheitsschutzes die Berufstätigkeit auf das Homeoffice zu verlagern, die anderen wären aber daran interessiert, die Arbeitszeiten um zwölf Stunden zu verschieben, so dass sich eine einfachere…“

„… habe sich in den deutschen Schulen weder durch die Pandemie etwas geändert, noch werde sich durch den Klimawandel etwas ändern, da es die deutschen Schulen seien. Stark-Watzinger habe die Kultusminister aufgefordert, sich nicht an den Diskussionen um eine Anpassung des Unterrichts zu beteiligen, da dies nur unnötige…“

„… die Hitze im Sommer speichern und mit Hilfe chemischer Substanzen einlagern solle. Diese Energie wolle Merz’ in den Wintermonaten in die Kernreaktoren einspeisen, um die Energiebilanz auf ein Minimum zu…“

„… zuversichtlich seien, dass die Artenvielfalt in Deutschland reagiere. Tierzüchter würden es als Verbesserung sehen, wenn der Wolf sich durch den Temperaturanstieg wieder nach Osteuropa oder bis nach Asien in seine eigentlichen…“

„… das Modell einer dauerhaften Nachtschicht im Einzelhandel ausprobieren wolle, um die Kunden in den kühleren Stunden des Tages bedienen zu können. Da es sich dabei allerdings um eine generelle Verschiebung der Arbeitszeiten handle, bei alle Tagstunden frei seien, weigere sich der Konzern, die üblichen Schichtzulagen, die sonst aus dem Wechsel von…“

„… man eher bei Alten und Vorerkrankten mit lebensgefährlichen Folgen rechnen müsse. Die Betroffenen würden so nicht an, sondern mit der Hitze versterben, was für Buschmann keinerlei gesetzgeberische Eingriffe in die…“

„… sei die FDP überzeugt, die Energiewende bis 2050 ohne zusätzliche Beschleunigungsschritte erreichen zu können. Es sei nicht ausgeschlossen, dass deutsche Ingenieure bereits in den nächsten Jahren eine Technologie erfinden würden, mit der es möglich sei, Hitze direkt in Benzin zu…“

„… ein genaues Monitoring durchführen werde, auch wenn die Erhebung der genauen Zahlen noch dezentral erfolgen müsse und an Wochenenden und Feiertagen aus technischen Gründen unterbleiben werde. Sollte die Anzahl der Hitzetoten unterhalb der bisherigen Zahlen für COVID-19 bleiben, sehe die Bundesregierung ohnehin keine Veranlassung zu einer allgemeinen…“





Bruttoasozialprodukt

23 05 2022

„Das ist ja genial! Wir haben noch keine Toten, das macht die Besprechung immer ein bisschen lustiger, aber das kann ja noch kommen. Die Sachschäden sind okay, und wenn wir Deutschland weiter so in die Scheiße reiten, läuft es ganz nach Plan.

Das muss man der AfD lassen, die trauen sich, die Wahrheit auszusprechen. Je schlechter es uns geht, desto besser für die Wirtschaft, desto besser für Deutschland. Hört sich erst mal kompliziert an, ist aber so. Das ist letztlich so einfach, irgendwann hat auch Lindner das kapiert, und bis der was rafft, das kann länger dauern. Nein, Sie müssen das mal von der volkswirtschaftlichen Seite aus betrachten, dann wird Ihnen vieles klar. Für Volkswirtschaftler ist das Bruttosozialprodukt der Fetisch schlechthin, mit dem können Sie als Politik so gut wie jede Diskussion knacken. Die Leute glauben, dass diese Zahl so gut wie alles sagt, dass wir davon abhängig sind, wie hoch sie ist, und dass wir bei sinkendem Sozialprodukt automatisch verloren sind. Ehrlich, mit Arbeitslosenzahlen oder Zinsen alleine kriegen Sie das nicht mehr hin. Vielleicht noch mit Inflation und Staatsverschuldung, aber wir sind ja nicht die Union, die den Leuten Angst machen muss, damit sie wiedergewählt wird. Wir wollen Ihnen ja zeigen, dass wir gut sind für Deutschland. Beziehungsweise für die Idioten, die uns wählen, weil sie glauben, dass sie davon etwas abkriegen.

Sie denken, das Bruttosozialprodukt sagt aus, wie gut es uns geht? Dann rechnen Sie falsch. Sie müssen das Klima berücksichtigen. Also nicht die paar Kröten, die diese Ökofuzzis in Windräder und Wandsteckdosen reinstecken wollen, sondern die Folgen des Klimawandels. Letzte Woche in NRW, die Tornados – einfach hinreißend, was meinen Sie, wie wir da gefeiert haben! Fast so gut wie letztes Jahr, als das Ahrtal abgesoffen ist. Auf einen Schlag stellt man fest, die Vorwürfe, die Politik hätte sich jahrelang nicht um Deutschland gekümmert, sind vom Tisch. Eine ganze Region geht kaputt, Häuser und Verkehrswege und Brücken und Infrastruktur, und wir haben jede Menge Feuerwehreinsätze. Die Schäden werden von keiner Versicherung getragen, weil sich die Leute die gar nicht leisten können, aber jeder Rettungseinsatz wird vollständig aufs Bruttosozialprodukt angerechnet. Und jetzt denken Sie das zu Ende: was lohnt sich für die deutsche Wirtschaft mehr, Umweltschutz oder Klimawandel?

Allein die Hitzeschäden auf den Autobahnen – da werden Sie doch keinen finden, der sich traut, den Autoverkehr auszubremsen. Und das haben wir seit Jahren, die Schäden wachsen an, summieren sich und erreichen kontinuierlich einen neuen Höchststand, weil wir keine Veranlassung sehen, im Straßenbau nach neuen Materialien forschen zu lassen, wie das unsere Ideologen immer fordern. Die Schlaglöcher sind da, die müssen ausgebessert werden, die werden ausgebessert, und dann ist das Geld für Radwege, die sich die Grünen wünschen, halt futsch. Wir können nicht nur jeden Preis dafür verlangen, wir wissen auch, dass wir den Auftrag sofort in der Tasche haben. Zur Not entdecken wir den armen Rentner, der mit Herzinfarkt schnell ins Krankenhaus gefahren muss, und da können wir keine Straßenschäden gebrauchen.

Gut, die Krankenhäuser gibt’s gar nicht und für die meisten Straßenschäden zahlen die Kommunen, aber hier geht es ums Prinzip. Außerdem ist das im Wahlkampf sowieso egal.

Das ist auch gut so. Wenn wir die Zeitenwende im öffentlichen Bewusstsein schaffen wollen, dann klappt das in Deutschland nicht, indem wir alles ändern. Wir haben schon viel zu viel verändert, der Deutsche will Probleme, die er ignorieren oder von anderen ausbaden lassen kann. Und wenn man ihm dann auch noch erklärt, dass er an der Scheiße gutes Geld verdient, dann ist er richtig zufrieden und will unbedingt, dass es so weitergeht. Kann er kriegen.

Wir dürfen uns nur nicht darauf verlassen, dass das ewig so weitergeht, deshalb muss man auf mehr als eine Methode setzen. Im Bruttoinlandsprodukt, also das, was tatsächlich am Standort Deutschland erwirtschaftet wird, haben wir inzwischen auch die Schattenwirtschaft eingerechnet, oder wie Sie es ausdrücken würden: Geldwäsche. Zehn Prozent illegal, zum Beispiel über die Immobilienbranche. Fragen Sie sich mal, warum so ein Tiefbahnhof die Stimmung in der Wirtschaft nachhaltig hebt. Und das liegt nicht einmal an den Polizeieinsätzen. Das müsste man jetzt nur noch geschickt miteinander kombinieren, also ein paar neue Großflughäfen, die nicht fertig werden, nach zwanzig Jahren Umbau gleich wieder abgerissen und von Tornados platt gemacht werden – was die Reihenfolge angeht, lege ich mich noch nicht fest – und wir hätten trotz der Personalknappheit und des Baustoffmangels eine brummende Bauindustrie. Wenn Sie Ihr Häuschen im Ahrtal wieder hochziehen wollen, sind Sie zwar gekniffen, aber auf dem Schwarzmarkt und mit den richtigen Verbindungen kriegen Sie alles, und da wären wir wieder in der Schattenwirtschaft. Eine Hand wäscht bekanntlich die andere.

Sollte es im nächsten Wahlkampf eng werden, werden wir uns auf die wirklich wichtigen Themen wie Terrorismusbekämpfung, Bildung und Zinsen stürzen. Denn das Wetter kann man ja nicht ändern, das haben die meisten schon kapiert. Und damit das auch so bleibt, müssen wir die Rahmenbedingungen für den möglichst linear verlaufenden Klimawandel schaffen, damit die Sache wie organisch gewachsen aussieht. Oder warum, glauben Sie, haben wir diesen bescheuerten Tankrabatt durchgedrückt?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIV): Klimarealität

13 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung war absehbar gewesen. Obwohl Metuschelach im Kanaanitischen Boten eindringlich gewarnt hatte, blieben die ortsungebundenen Stämme skeptisch. Was hatte die Intelligenz ihnen nicht schon alles angekündigt: das Ende der Warmzeit, Dürren, vielleicht sogar die unabsehbaren Folgen der neolithischen Revolution. Sie aber waren für die Freiheit, sich überall und zu jeder Zeit auf neuem Territorium niederlassen zu dürfen, auch wenn das Volk sich dafür ständig die Schädel einschlagen musste und sich ohne fremde Hilfe dezimierte. Letztlich war das alles egal, die Flut kam doch. Während Noachs Kahn auf den Wogen tanzte, dämmerte es den Deppen in ihren Nussschalen, dass der Anstieg des Meeresspiegels mit dem Abschmelzen der glazialen Stauseen das Ende des Holozäns bedeutete, mehr noch: ihnen wurde der kausale Zusammenhang deutlich, und zwar deutlich zu spät. So ging Klimarealität.

So geht sie noch heute, mit dem Ergebnis, dass die dümmsten Brauchtumsterroristen unmittelbare Auswirkungen des Wandels nicht einmal sehen würden, wenn sie ihnen das eigene Haus unterm Hintern wegschwimmen ließe. Natürlich steigt die Erdtemperatur ab und zu an, dummerweise nur nie so schnell und konsequent in der Geschichte des Planeten. Dass Naturkräfte die Küsten der Welt geformt habe: geschenkt, nur haben die Deppen da noch nicht im Binnenland gebaut und klagten über gleichzeitigen Grundwassermangel. Die Erkenntnis von einer multikausalen, sich selbsttätig von einem Kipppunkt zum nächsten hochschaukelnden Serie von Katastrophen kommt auch heute nicht, und erst recht bleibt das Begreifen aus, dass wir nicht an der Schwelle zum Untergang stehen. Wir sind längst mittendrin und wollen es nicht sehen.

Es brennt gerade so nett in Sibirien, in Ostafrika und Indien verdorrt die Erde, verursacht immense Hungersnöte und Flüchtlingsströme, aus denen der SUV-fixierte Egoleptiker sich die Horrorvision vom Konsumverzicht herbeifantasiert, um mit ruhigem Gewissen kernkorrupte Klötenkönige zu wählen, die sie noch mit fadenscheinigen Lügen zukleistern, wenn die deutschen Mittelgebirge abfackeln. Die unbeholfenen Versuche, allgemein sichtbare Folgen der Überhitzung zu leugnen, sind trotzige Manöver, von einem rotierenden Karussell abzuspringen, indem man die Trägheit der Masse ignoriert. Leider kippt dabei nicht nur das Kompetenzimitat aus der Politik auf die soi-disant Gesichter, wir alle baden es ja jetzt schon aus.

Leider, und das muss stimmen, wenn es uns die Staatslenker einreden, ist der Kapitalismus nicht mit Fahrrädern zu retten, weil irgendwo in einem Dörfchen diese eine Beamtenwitwe lebt, die es mit dem Omnibus nur einmal am Tag zum Einkaufen schaffen würde. Müsste sie auf frische Brötchen verzichten, sie würde sofort eine der unzähligen linksextremistischen Terrororganisationen mit der mühsam von den Hedgefonds abgesparten Pension unterstützen, und das kann doch keiner wollen. Die steigenden Außentemperaturen bekommt auch sie zu spüren, und kann sie ihren Garten nicht mehr wässern, weil zum Wohle der Aktionäre der ganze Landstrich für eine Autofabrik draufgeht, dann ist das ein Opfer fürs Vaterland. Gestorben wäre sie ja früher oder später sowieso. Mit dem Wassermangel gehen auch die Ernten flöten, der deutsche Wein wird knapp, die Freibäder trocknen aus, da sich die Rechnung keine Gemeinde leisten wird, der in jeder Stadt wohlgelittene Springbrunnen ist passé, und es fällt jedem braunblauen Klosteinverkoster leicht, die ökoversifften Umweltextremisten für das eigene Versagen hinzuhängen, da sie es immer so machen: alle anderen von der Klippe schubsen in der festen Überzeugung, irgendwer würde bis zum Aufprall aus dem Inhalt seiner Hosentaschen den perfekten Fallschirm zusammenschwiemeln.

Längst sind wir so weit, wir wollen es nur als Fehler in einem ganz anderen Erdteil entschuldigen, der auf uns keine Wirkung hat. Überhitzte Meere führen dazu, dass die Korallenriffe die färbenden Algen abstoßen und ausbleichen – ein Ökosystem verendet still und quasi als ästhetisches Problem, wie alles, was uns wumpe ist: das Insektensterben, die steigenden Meeresspiegel, Extremwetter, der tauende Permafrost und die daraus resultierende Freisetzung von Kohlendioxid, die den ganzen Krempel nochmals triggert. Schon hört man das Gejodel der Stumpfstullen, die die Wissenschaft der Lüge bezichtigen, weil die Folgen alle eintraten, aber viel früher als befürchtet.

Wir sollten agieren, solange Zeit ist, denn viel Zeit zum Reagieren bleibt uns nicht. Die Meere werden die Seychellen als Urlaubsparadies vom Markt nehmen, bevor Sylt von der Karte radiert wird. Eines Tages heißt es: Imrhein-Westfalen. Mit dem Jetski über Venedig zu cruisen wird cool sein. Aber die Nachfahren werden uns fragen, warum wir diese klinisch bekloppten Kurzstreckendenker nicht einfach an die Wand gestellt haben. Wir haben, sagen wir, auf warmes Wetter gewartet, sie in die Sonne geschoben, den Dingen ihren Lauf gelassen, und schon war die Sache erledigt. Es war ja, sagt man, von Anfang an absehbar gewesen.





Atlantis 21

26 10 2021

„… einen Anstieg von etwa zwei Millimetern pro Jahr messe. Damit sei Sylt noch nicht akut durch den Klimawandel gefährdet, eine Überflutung der Nordseeinsel sei jedoch so gut wie…“

„… fordere Lindner, dass die Regierung ein nationales Notprogramm zur Rettung der Insel beschließe. Angesichts der Immobilienpreise sei der drohende Verlust eine nicht hinnehmbare…“

„… dass der Meeresspiegel vor Helgoland seit 1954 bereits um fünfzehn Zentimeter gestiegen sei, während der Anstieg vor dem Festland viel geringer ausfalle. Merz mache ein von linksradikalen Geologen manipuliertes Messergebnis für regional unterschiedliche Strömungen verantwortlich, die er als Bundeskanzler durch echte deutsche…“

„… das Arbeitslosengeld abschaffen oder wenigstens halbieren werde, sobald er als Finanzminister dazu in der Lage sei. Lindner sehe keine andere Möglichkeit, die Rettung der Insel ohne eine unsolidarische Steuererhöhung oder neue Schulden zu bewerkstelligen, wenn nicht die…“

„… seien die Bewohner der Insel nicht davon zu überzeugen, dass nur eine zeitnahe Umsiedlung auf das deutsche Festland für sie in Frage komme. Es gebe bereits eine Bürgerinitiative, die die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht in einen…“

„… der Meeresspiegel nicht gleichmäßig steige, sondern durch eine Anhebung des Meeresbodens an einigen Stellen auch erhöht werde. Merz werde eine demnächst in Deutschland erfundene Technologie dazu nutzen, den nicht von Menschen ausgelösten Anstieg des Meeresbodens durch den Anstieg des Meeresbodens, der den angeblichen Klimawandel nebensächlich erscheinen lasse, mit einem in…“

„… auch der Tourismus als wichtiger Zweig der schleswig-holsteinischen Wirtschaft betroffen sei. Die Landesregierung benötige für ein Projekt zur kompletten Eindeichung allerdings Bundesmittel, die nur durch Steuererhöhungen oder ein Aussetzen der Schuldenbremse für mehrere…“

„… nicht möglich sei, da der Freistaat Bayern durch die Alpen und unzählige Naturschutzgebiete einen akuten Mangel an bebaubarem Wohnraum aufweise. Söder habe als erster Ministerpräsident die Aufnahme von Klimaflüchtlingen auch aus Deutschland strikt zurückgewiesen, um nicht durch vorschnelles Handeln einen Präzedenzfall zu…“

„… nur sehr schwierig zu bauen sei. Mehrere ostdeutsche Firmen hätten sich zwar bereit erklärt, zur Schaffung neuer Jobs in der Baubranche eine zehn Meter hohe Mauer rund um die gesamte Insel zu errichten, diese könne dann aber nur noch aus der Luft versorgt oder durch eine unterseeische…“

„… seien deutsche Ingenieure in der Lage, ein Rückhaltebecken in der Größe des Saarlandes vot der Nordseeküste auszuheben. Merz plane ein etwa hundert Kilometer tiefes Loch, das er als Kanzler persönlich einweihen werde, um Deutschland als den wichtigsten Industriestandort in der ganzen…“

„… sehe das Projekt Atlantis 21 in der Schutzmauer keine Öffnungen vor, da diese in absehbarer Zeit von der Nordsee unter Wasser gesetzt werde. Damit sei auch der Badetourismus vorbei, falls nicht ein mit Meerwasser gespeistes Hallenbad auf Sylt die Möglichkeit für einen…“

„… auch in Sachsen nicht willkommen seien. Der AfD-Landesverband drohe im Falle einer Umsiedlung von Syltern mit massiven Ausbrüchen des völkischen Selbstbestimmungsrechts, der auch durch Schusswaffen oder…“

„… dass die Bautätigkeiten nun von erheblichen Protesten begleitet würden. Es sei vorerst nicht mit einer Fortsetzung der Ausschachtungsarbeiten zu rechnen, da sich zahlreiche Bewohner Westerlands an die Maschinen gekettet hätten, um die…“

„… die Insel als Reservat für Geflüchtete nutzen wolle. Höcke halte die Ansiedlung rassefremder Elemente vor der Abschiebung für geboten, um die Durchseuchung der Volksgemeinschaft mit fremden Infektionskrankheiten nicht zu…“

„… eine kostenneutrale Lösung gesucht werden müsse, die Steuersenkungen für die Mittelschicht mit einem Jahreseinkommen bis dreißig Millionen Euro erlaube. Merz schlage vor, dass jeder Sylter zehn Erwerbslose zugeteilt bekomme, die das Wasser in die Nordsee zurück schippen sollten, damit der Tourismus sich nicht in der…“

„… die Baggermaßnahmen gestoppt werden müssten, da das Ausbreitungsgebiet der auf Sylt heimischen Kartoffel-Rose gefährdet sei. Bis zur gerichtlichen Klärung werde daher auf eine weitere Aufspülung vor dem Hörnumer…“

„… habe Merz im Falle eines Wahlsieges vor, den von linksfaschistischen Ökoterroristen gegen die Wirtschaft geplanten Umweltschutz praktisch umzusetzen. Jeder Sylter erhalte hundert Hartz-IV-Empfänger, die als Eindeichung vor der…“

„… sei die Zunahme von Sturmfluten an der Nordsee sehr wahrscheinlich. Für Lindner bedeute dies, dass Leistungsträger ab sofort durch eine steuerfinanzierte Steuersenkung für Investitionen in eine steuersubventionierte…“

„… das Projekt nicht ausreiche, auch wenn die gesamte Insel eingedeicht werde. Grundstücke und Gebäude seien nicht mehr versicherbar, wenn die Wahrscheinlichkeit für Elementarschäden bei 100% liege. Eine Gefährdungsklasse, die eine dauerhafte Zerstörung der Landschaft einkalkuliere, sei nicht mehr mit einer herkömmlichen…“

„… ausländische Investoren sich zufrieden über den Deal mit der Bundesregierung zeigten. Laschet habe mit seiner Anwerbung einer neuen Autofabrik Erfolg gehabt, da das Wassermanagement in der als Industriepark ausgewiesenen Fläche erhebliche…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXV): Die Krisenkaskade

8 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt begriff, aber er begriff zu spät. Seine Sippe hatte in mühevoller Kleinarbeit über Jahre das Wäldchen neben der westlichen Felswand gefällt, um immer genug Feuerholz zu haben für gebratene Singvögel. Erst wurde die Jagd beschwerlich, weil die Beute sich aus den gelichteten Baumkronen zurückgezogen hatte, dann lohnte sich nicht einmal mehr der Weg zum Schlagen. Ein Drittes sollte aus den beiden Mängeln erwachsen, und das wussten sie erst bei Einbruch der kalten Jahreszeit: keiner hungerte, ohne zu frieren, denn auch thermische Bedürfnisse waren ohne das Material nicht mehr hinreichend zu befriedigen. Hält der Jetztmensch in seiner Hybris sich auch für intellektuell zuverlässig ausgestattet, er bewältigt die ungleich komplexere Krisenkaskade der Gegenwart nicht viel besser.

Er beherrscht sie, um die Wahrheit zu sagen, gar nicht, da er sie nicht einmal erkennt. Die aktuelle Krise in der Holzversorgung liegt tatsächlich nicht allein am Mangel; die Bretter sind nicht weg, sie kleben nur vor anderer Stirn. Wie üblich auf einem freien Markt steigt der Preis für Bauholz, wie er für Weizen ebenso rasch angezogen hat. Hauptakteur China hat sich zum Exportweltmeister entwickelt, verdrängt Deutschland auf den dritten Rang und kann sich neben den USA einen leisten, die so an anderer Stelle fehlen. Der dürrebedingte Mangel in der Forstwirtschaft ist nur ein Teil der Geschichte, der Rückgang von Weizen- und Maisernten nur eine Facette im Kampf um die Belieferung der größten Volkswirtschaften. Der gemeine Dorfdepp, der sein Haus nur verlässt, um die Nudelregale vor einer drohenden Plünderung leer zu kaufen, sieht wie immer nur die Hinterseite des Wasserfalls.

Zugleich wird es schwierig für Landwirte, die nötigen Getreidemengen überhaupt zu erzeugen, da auch die Düngemittel fehlen. Dass China erheblich mehr Phosphatdünger kauft, als es selbst exportiert: geschenkt. Auch hier steigen die Energiepreise, da noch nicht ausreichend regenerative Erzeugung in der Wirtschaft ankommt – wahrscheinlich standen die Windräder alle zu nah an der Fabrik, irgendeine Bundesregierung musste die Fotovoltaik plätten, es ist halt kompliziert. Abgesehen davon sorgt die Dürre für sinkende Wasserspiegel, auf denen keine Vorprodukte angeschifft, keine Abwässer entsorgt werden können. Bereits hier bewirkt eine ungute Schleifenbildung durch verkettete Effekte für den Ernterückgang. Wer den Intellekt von Fischfutter als ausreichend ansieht, wird sich nicht lange mit den Gründen herumärgern: der Chinese war’s. So lässt sich wenigstens ein Wahlkampf bestreiten.

Vielschichtig wird es bereits bei den Chips, ohne die wir weder Mobiltelefone noch Autos bauen können – Deutschland wird kampfunfähig – obwohl es noch nicht zu wenig Ausgangselemente gibt. Vernachlässigen wir für einen Moment die US-Firmen, die EU-Firmen nötigen wollen, nicht mehr für chinesische Firmen zu arbeiten, damit am Ende keiner mehr seine Kunden beliefern kann. Es sind die pandemiebedingten Probleme, die sich in den Lieferketten aufstauen, Wassermangel (schöne Grüße von vorhin) und die üblichen Preiskonflikte. Wir merken: zu wenig verfügbare Arbeitskapazität durch die COVID-19-Bedrohung ist ein neuer Player, den Rest kennen wir aus der Mottenkiste. Würde uns jetzt noch jemand erklären, dass die aus Asien exportierte Containerkrise genau dieselben Ursachen hat, aber zum Ausgleich weiter reichende Folge auf die ganze Lieferketten- und Logistikkrise, wir wären halbwegs glücklich. Warum muss man immer einen Grund zum Verzweifeln finden.

Die zahlreichen Nebenwirkungen – Armut, Wohnraummangel, Waffengewalt, Drogenkartelle, Kriegspolitik gegen Konsumenten – sind nicht monokausal zu erklären, auch wenn es die Geschäfte mancher Regierung viel leichter macht. Aber nichts weniger schwiemelt die fadenscheinig zusammengewirkten sozialen Folgen besser zurecht als die Realität in manchen kapitalistischen Staaten, die sich mit Wirkungen auf die eigene Bevölkerung ebenso wenig befassen wollen wie mit denen auf andere. Der Klimawandel hat in den vergangenen Jahrzehnten die Ausbreitung von Fledermausarten gefördert, wie er die europäischen Singvögel, die Blütezeit der Bäume und den Ertrag des Getreides manipuliert. Mit fremden Spezies in Kontakt zu geraten war also riskant, aber nicht ungewöhnlich, und wurde Trigger mannigfaltiger Katastrophen, die wir uns vorher nicht hatten vorstellen können. Wir haben immerhin in globalem Maßstab versagt.

Wäre es nur eine Überschwemmung, die eine nicht vorhersehbare Wendung nähme, da die Flut auch die Abflussventile verstopft, wir könnten uns durch neuen Baumaßnahmen gegen den Dünkel der Unwissenheit stellen. Aber die Katastrophen der Zukunft lassen nicht nur einfach die Bäume vor der eigenen Haustür verdorren, sie lassen vergessen, dass die Welt ein komplexer Regelkreis ist, bei dem man jeden Tag die Folgen seiner Dummheit zahlt. Ab einer gewissen Zeit merkt man es. Aber auch da bleibt die Gefahr, dass man den Klimawandel für verhandelbar hält, wenn man nur jede Landschaft mit Spundwänden zuballert. Falls es Spundwände noch gibt. Oder Lieferketten für Spundwände.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXIV): Der ökologische Verzichtsdiskurs

1 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was tut er nicht alles, der Mensch. Fährt mit dem Auto zur Arbeit, kauft Gemüse in Einmalplaste und benutzt nie die Pinkeltaste. Kein Wunder, dass die Polkappen verkochen und der Permafrost sich in die Atmosphäre verabschiedet. Wäre er doch nur vernünftig, sagen alle, wir könnten Klimaziele mit lockerer Leichtigkeit wuppen und uns selbst feiern für diesen Sieg der Vernunft – aber nein, es muss der energieineffiziente Kühlschrank sein, aus dem er seinen Schampus zwitschert, damit er die alte Umweltsau in den Hühnerstall kriegt. Der Mensch ist dumm, das ist unbestritten, aber lässt sich das abstellen? Zur Not mit konsequentem Verzicht?

Fehlverhalten, das haben Debatten um innere Sicherheit und Wirtschaftskraft uns eingehämmert, beginnt in der kleinsten Keimzelle der Gesellschaft. Der ordentliche Bürger sammelt Buntmetall, gibt seine Spende für den Bürger in Uniform und hat die Nase gerne im Briefkasten des Nachbarn, der ja ein Volksverräter sein könnte. Natürlich braucht es kein Gesetz, um die Einhaltung der Kehrwoche in einem manierlichen Mietshaus sicherzustellen, das wird von den Erfüllungskräften schon organisiert, um zu klären, wer noch in der Kaste mitmachen darf. Und so übt sich der kapitalistisch sozialisierte Zonk in der Tugend des Mülltrennens, während der Strom spart und Verpackungen löffelrein zur allgemeinen Begutachtung an den Straßenrand verlastet. Fleißig nutzt er auch die modernen Möglichkeiten, die ihm das Netz bietet: hier und da, bereitgestellt von allen großen Ämtern und Verbänden, summiert er auf, was alles er tut und treibt, das CO2 in die Luft bläst. Wie viel Fleisch und Baumwolle hat der gemeine Mann verbraucht, wie oft ist er in den Urlaub geflogen, wie heizt er, und womit? Emsig schwiemelt er zusammen, was seine Selbstkritik in stattliche Form zu blähen weiß, und kriegt hernach das Ergebnis: schuldig mit Vorsatz. Wer Biogurken in Kunststoffpelle kauft, will halt ins Fegefeuer.

Dabei ist die Mär vom ach so privaten ökologischen Fußabdruck denn auch nichts anderes als ein relativ abgeschmackter PR-Stunt, den sich die Fossilienverbrennerindustrie ausgedacht hat, um dem durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt den pechschwarzen Peter zuzuschieben, warum sich das Klima von Kipppunkt zu Kipppunkt hangelt. Der individuelle Verzicht, so greint’s aus der moralisch frisch gebleichten Etage, muss unbedingt sein. Wer da noch nicht seine Flusskreuzfahrt im Paddelboot macht, werfe die erste Grillwurst! Dazu gelingt es den Grünwäschern durch das abgeschrägte Framing locker, mit erhobenem Zeigefinger dem Volke die sittliche Überlegenheit unter die Nase zu reiben. Wie das Ökostrom aus eigenem Sonnenkollektor fürs Zehn-Zimmer-Passivhaus nutzt! Abgasfreie 600 PS! Rüben aus dem Hochbeet! Warum kann das denn nicht einfach jeder?

Weil es eben nicht jeder so einfach kann. Es ist eine politische Entscheidung, Windräder aus der Energieerzeugung zu verbannen und die gesamte Fotovoltaik mit Anlauf und Ansagen in die Tonne zu treten, samt aller Arbeitsplätze – wer dann seine elektrische Schleuder mit Diesel über die Autobahn schwiemeln muss, weil es dort keine vernünftige Schienenverbindung gibt, hatte eben keine andere Wahl. Das Altölkondom über dem Grünzeug ist bei Verbrauchern beliebt wie Pickel. Und wer in einer Mietwohnung lebt, hat kaum Einfluss auf Qualität und Alter von Sanitär- oder Küchenausstattung, Heizung und Dämmung, die er selbst bezahlen darf, damit sein Vermieter nicht plötzlich verhungert. Dazu kommt dann das Paradoxon der angeblichen Verbotsparteien als kognitiver Dissonanzgrundton, bei dem wir denken sollen, die Gewissensprüfung sei gleichzeitig unsere Schwachstelle und uns durch defizitäre Entscheidungen von Wirtschaft, Politik und System aufgedrückt. Das Muster funktioniert in aufklärungsfeindlichen Kreisen derart gut, dass es für beliebige Schuldzuweisungen herhält: wer nicht jeden Kriegs- oder Klimaflüchtling schnellstens in die zerbombte Heimat abschieben will, muss sich fragen lassen, ob er ihn im eigenen Wohnzimmer aufnehmen will, wie man auch Erwerbslosigkeit als individuelle Schwäche ansieht. L’État, c’est moi.

Wenn es mal so wäre. Das angebliche Wesen hat sich längst abgekoppelt und füttert die Frustration der durchschnittlich Engagierten, die irgendwann keinen Bock mehr haben, gegen die weltfremden Eskapaden einer Regierung zu demonstrieren, die sämtliche Klimakiller mit Subventionen polstert und Hilfsgelder aus dem Fenster schmeißt, als wäre eine Welt ohne Postkutschen und Schreibmaschinen nicht mehr existenzberechtigt. Solange Theoretiker sich trösten, dass die Gesellschaft den Menschen formt, können wir uns jeden Versuch in die Haare schmieren, die Verhältnisse zu ändern, wenigstens nicht auf wohlgesittete Art. Mit Fackeln und Äxten sähe die Sache gleich ganz anders aus, sie würde auch ungleich mehr Spaß machen. Natürlich muss die Menschheit sich in Verzicht üben, nur wollen eben nicht die verzichten, die bisher nichts mit Solidarität oder Verursacherprinzip am Hut hatten. Für sie war der Mensch ein schnell nachwachsender Rohstoff. Wir können auf diese Haltung verzichten. Und wir könnten es uns langsam auch leisten.