Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXX): Der ignorierte Wandel

24 06 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für Rrt war die Sache eigentlich klar: dort, wo Steppenhase und Wollrind des kühnen Waidmanns harrten, erwischte ihn auch die Säbelzahnziege. Der Ort war derselbe, die Erwartungen ließen sich nicht voneinander trennen, denn sie beruhten auf genau derselben Voraussetzung. Nur manchmal, wenn er mit den Kollegen vor der westlichen Felswand den rituellen Tanz vollführte, der das Glück bezwingen sollte, wuchs in ihm die Gewissheit, dass man einen Teil ganz einfach aus der Gleichung kürzen könne. Vielleicht ist das am Ende der Nahrungskette ja einfacher als weiter unten, doch es liegt definitiv nicht daran, dass die Natur ein Einsehen hätte. Die durchschnittliche Lebenszeit des Hominiden ist zu kurz, seine Erkenntnisfähigkeit erheblich zu dünn angerührt, um auch nur die wesentlichen Dinge zu begreifen. Das Bröseln der Berge bemerkt er so wenig wie die Kontinentaldrift, weil beides für ihn nicht geradewegs erfahrbar ist. Was aber, wenn der intellektuelle Heckenpenner längst das Zeitalter der Aufklärung durchlebt und die Wissenschaft zur Verfügung hat, die ihm die Zusammensetzung der Erdatmosphäre und deren schlagartige Erwärmung in leicht fasslichen Häppchen vorlegen, damit er nur noch kapieren muss, was zu tun ist? Er lässt es sein, ignoriert den Wandel und zieht sich auf das zurück, was er am besten beherrscht: die Opferrolle, verursacht durch die kognitive Dissonanz.

Von der offiziellen Verlautbarung bis hinab zur Primatenpostille feiert die Meinungsproduktion den brüllenden Frühsommer, während sie simultan von Waldbränden und Ernteausfällen berichtet, und es fällt niemandem auf. Die Hitze, die die Flüsse so weit austrocknen lässt, dass der künstlich verbilligte Sprit gar nicht erst an die Tanke kommt, kann ja nicht das schnuckelige Gartengrillwetter sein, bei dem man trotz Biermangel das viszerale Fett in die Landschaft hält, so wie das schöne Wasser, auf dem man mit dem Floß in die nächste Ortschaft stakt, nicht für die Flutkatastrophe im eigenen Dorf verantwortlich sein darf. Wälzt sich der Nappel zur Nachtzeit in schwitzigen Laken, weil die laue Luft ihn durchgaren lässt, so fällt ihm nicht auf, dass für seine älteren Verwandten das Normalwetter zur Lebensgefahr wird, nicht obwohl, sondern weil es den Normalzustand darstellt, allerdings nach dem Umschlag in die Katastrophe, die en bloc in unsere Existenz brettert, unübersehbar und präsent.

Die Rechenkapazität unter der Kalotte reicht schon für schwierigere Dinge nicht aus, wie sollte der gemeine Dumpfschlumpf dann für einfache Zusammenhänge empfänglich sein? Eine bequeme Variante des Versteckspiels besteht darin, sich die Augen ganz fest zuzuhalten, damit man selbst gar nichts tun muss und trotzdem diese ganze blöde Realität weg ist. So funktioniert die bis in politische Höhen praktizierte selektive Wahrnehmung, die Ursache und Wirkung, Problem und Lösung nicht sauber trennt, bisweilen verwechselt, aber selten in die richtige Reihenfolge bringt. Derzeit diskutiert man wieder ernsthaft über Kohleverstromung, als helfe gegen eine Alkoholvergiftung therapeutisches Saufen – die Anzeichen häufen sich, dass selbst Entscheidungsträger mit Formalbildung das Prinzip von Ursache und Wirkung aus ihrem Denken verbannt und gegen kopflosen Aktionismus ohne Rücksicht auf Verluste ersetzt haben. Es sind die Zusammenhänge; der gemeine Knalldepp ist zur Konstruktion jeglicher Art von Hirnschrott aus Halbbildung und magischem Denken bereit, wenn es ihm nur erklärt, was er eh glauben will. Logik stört da nur, komplexe Systeme wie die Natur mit multikausalen Triggern, Ping-Pong-Effekten und Kipppunkten findet er hinterhältig und schwiemelt sich vorsorglich ein Konglomerat aus Feindbildern zusammen, die sich das ausgedacht haben müssen. Der Radius dieser intellektuellen Einsichtsfähigkeit indes ist Null, und die meisten nennen es ihnen Standpunkt; mithin ein Begriff, der ihre komplette Bewegungslosigkeit umfasst.

Was wir in guten Augenblicken Zivilisation nennen, also den Versuch, einander nicht kollektiv auszurotten, wirkt inzwischen wie die Teilnahme am Darwin Award, aber auf Zeit: wer es schafft, möglichst viele zuverlässig über die Wupper zu bringen, bleibt im Gedächtnis der Menschheit, immer vorausgesetzt, diese Menschheit gibt es lange genug, um sich an irgendetwas zu erinnern. Wir haben ja bereits Schwierigkeiten, das ständig Gehörte als Teil einer Kette von Konsequenzen einzuordnen, die wir bei jeder Gelegenheit wieder verdrängen, weil es zu schwierig ist, sich der Wahrheit zu stellen. Den Preis zahlt in Gestalt einer prätraumatischen Belastungsstörung die folgende Generation, die nicht mehr leugnen kann, weil sie bereits mit der Katastrophe als Normalzustand die Bildfläche betreten hat und keinen Wandel mehr wahrnimmt. Erst wenn es den Leistungsträgern der sogenannten besseren Gesellschaft nicht mehr möglich ist, aus ihren mit röhrenden Klimaanlagen umstellten Erdlöchern zu entkommen, weil an der Außenluft ihr Blut aufkocht, werden sie ein leises Bedauern äußern. Es gilt ihnen selbst, denn wenn sie das gewusst hätten, sie wären noch barbarischer gegen die anderen vorgegangen. Aus Prinzip.





Autofreie Gesellschaft

25 05 2022

„Wir müssen das trotzdem…“ „Aber es ist Unsinn.“ „Wir müssen trotzdem…“ „Es ist Quatsch, und Sie wissen es ganz genau.“ „Wir müssen an der Prämie für Elektroautos festhalten!“ „Es ist nachweislich falsch, es ist Unfug, und es ist Wählerbetrug.“ „Und warum, meinen Sie, wollen wir es trotzdem?“

„Das Geld macht doch nicht die Autos billiger, es geht nur an die Hersteller, damit sie die Autos teurer machen können.“ „Also wie beim Sprit.“ „Aber so teure Autos kann sich dann ja keiner ohne Prämie leisten.“ „Wollen Sie eine Gesellschaft, in der sich keiner mehr ein teures Auto leisten kann?“ „Am Ende landen wir noch in der autofreien Welt, die uns die Grünen angedroht haben!“ „Gnade!“

„Es geht doch nicht um Autos an sich, sondern nur um Elektroautos.“ „Die verbrauchen aber kein Öl.“ „Aber Strom.“ „Und damit fossile Energie.“ „Wenn wir den Leuten Elektroautos finanzieren, können wir uns nicht gleichzeitig Windräder leisten oder Sonnenkollektoren.“ „Richtig, eins geht nur.“ „Außerdem wäre das ein Eingriff in den Markt, den der Staat gar nicht machen darf.“ „Und wenn die Konzerne das Aus für Verbrenner beschließen?“ „Das ist natürlich unternehmerische Freiheit, die wir als Staat durchaus unterstützen dürfen.“

„Das hört sich ja fast an, als müssten wir mit der Kaufprämie die Käufer entlasten.“ „Das ist ja auch geplant.“ „Wer von den hohen Preisen der heutigen Elektrofahrzeuge entlastet wird, kann sich auch die aktuell hohen Preise der anderen Wirtschaftsgüter leisten.“ „Denken Sie nur an die Lebensmittel.“ „Die bezahlen aber auch andere, die sich kein E-Auto kaufen.“ „Jetzt machen Sie doch nicht die Leute, die sich ein Elektroauto kaufen wollen, für die anderen verantwortlich!“ „Im Gegenteil, er hat doch nur gesagt, dass die sich kein…“ „Ich bin doch nicht dafür verantwortlich, nur weil sich einer gerade kein Auto kauft.“ „Die kaufen sich das aber vielleicht nur nicht, weil sie die hohen Preise für die Lebensmittel bezahlen müssen.“ „Dann könnte man denen doch die Prämie für Elektroautos geben, dann kaufen die sich eins und haben wieder Geld für Lebensmittel.“ „Und wenn die ihre Kaufprämie in Wahrheit für Lebensmittel ausgeben und sich das Elektroauto vom Ersparten leisten?“ „Das ist deren eigene freie Entscheidung, da darf der Staat nicht einfach so eingreifen.“

„Andererseits könnte man dann ja gleich die Lebensmittel subventionieren.“ „Ich bitte Sie, wir sind doch hier nicht im Sozialismus.“

„Aber faktisch ist es doch so, dass viele Leute gar nicht am Autoverkehr teilnehmen, weil sie zum Beispiel gar keinen Führerschein haben.“ „Die sind dann zum Beispiel auf ein Taxi angewiesen.“ „Oder leben in einem weit abgelegenen Dorf und brauchen im Fall einer lebensbedrohlichen Erkrankung den Arzt, der sich ja hoffentlich ein Elektroauto leisten kann.“ „Und hier, Pizzaservice!“ „Wenn man zu viel Pizza frisst, kommt der Arzt halt früher.“ „Das tut doch jetzt nichts zur Sache!“ „Also finanzieren wir jetzt den Pizzaservice oder den Arzt?“ „Wer braucht denn da wen?“ „Ist auch eine Frage des Preises.“ „Der Arzt hat mehr Geld.“ „Dann sollten wir den unterstützen, damit das auch so bleibt.“

„Und wenn wir diese autofreie Gesellschaft einfach als Gesellschaft definieren, in der jeder frei ist, sich ein Auto zu kaufen?“ „Die haben wir jetzt schon.“ „Dann frage ich mich, worüber wir hier diskutieren.“ „Haben wir den Autoherstellern die Subventionen denn direkt versprochen?“ „Unter Freunden muss man das doch gar nicht erst.“ „Das würde ich als Gewohnheitsrecht bezeichnen.“

„Könnte man diese Subvention nicht einfach antiproportional zur Fahrzeuggröße gestalten?“ „Sie wollen die Menschen dafür bestrafen, dass sie sich ein großes Auto leisten können?“ „Sagen Sie doch gleich, dass Sie im Sozialismus leben möchten!“ „Wir hätten aber Einspareffekte, die wir sonst nur mit einen Tempolimit erreichen würden.“ „Das ist doch eine krasse Marktverzerrung!“ „Kein Mensch würde sich ein teures Auto kaufen, wenn er damit nicht Höchstgeschwindigkeit fahren könnte!“ „Und kein Hersteller würde mehr solche Wagen bauen!“ „Und dann würde keiner mehr Autos kaufen!“ „Das wäre der Staatsbankrott!“ „Sie spielen hier mit der kulturellen Identität unseres Landes!“ „Und die Menschen würden komplett das Vertrauen in die Politik verlieren, wenn wir ihnen Prämien für ein Elektroauto versprechen, und dann können sie sich gar keins anschaffen!“ „Das ist Volksverrat!“

„Wahrscheinlich klappt es sowieso nicht, weil wir gar nicht genug Strom haben.“ „Seit wann denn das?“ „Die erneuerbaren Energien werden doch bis 2040 eingeführt?“ „Gehen Sie mal von 2050 aus.“ „Also faktisch 2080.“ „Bis dahin müssen wir in einer Langzeitstudie verlässliche Zahlen haben, wie viel Strom wir zur Umstellung des Verkehrs auf Elektromobilität brauchen.“ „Stellen Sie sich mal vor, wir bauen zu viele Windräder.“ „Das kostet vor allem auf Landesebene Wählerstimmen.“ „Das wäre ja schrecklich!“ „Könnte man dann nicht den Aufbau der erneuerbaren Energien an den Verkauf von Neuwagen koppeln?“ „Eher umgekehrt.“ „Auf jeden Fall brauchen wir mehr Wind und Sonne im Strommix, sonst haben wir gar nichts mehr für die Industrie.“ „Welche Industrie?“ „Die, die die Autos baut.“ „Ach so.“ „Das kann man doch jetzt noch gar nicht sagen.“ „Richtig, wir können nicht einfach Windräder bauen, die wir erst 2040 brauchen.“ „Oder 2050.“ „Also faktisch 2080.“ „Oder wenn wir endlich wieder alle Bauteile bekommen, um Elektroautos bauen zu können.“ „Sehen Sie, das ist das Schöne an solchen Diskussionen – wenn man ein bisschen wartet, erledigt sich alles von selbst.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIV): Klimarealität

13 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung war absehbar gewesen. Obwohl Metuschelach im Kanaanitischen Boten eindringlich gewarnt hatte, blieben die ortsungebundenen Stämme skeptisch. Was hatte die Intelligenz ihnen nicht schon alles angekündigt: das Ende der Warmzeit, Dürren, vielleicht sogar die unabsehbaren Folgen der neolithischen Revolution. Sie aber waren für die Freiheit, sich überall und zu jeder Zeit auf neuem Territorium niederlassen zu dürfen, auch wenn das Volk sich dafür ständig die Schädel einschlagen musste und sich ohne fremde Hilfe dezimierte. Letztlich war das alles egal, die Flut kam doch. Während Noachs Kahn auf den Wogen tanzte, dämmerte es den Deppen in ihren Nussschalen, dass der Anstieg des Meeresspiegels mit dem Abschmelzen der glazialen Stauseen das Ende des Holozäns bedeutete, mehr noch: ihnen wurde der kausale Zusammenhang deutlich, und zwar deutlich zu spät. So ging Klimarealität.

So geht sie noch heute, mit dem Ergebnis, dass die dümmsten Brauchtumsterroristen unmittelbare Auswirkungen des Wandels nicht einmal sehen würden, wenn sie ihnen das eigene Haus unterm Hintern wegschwimmen ließe. Natürlich steigt die Erdtemperatur ab und zu an, dummerweise nur nie so schnell und konsequent in der Geschichte des Planeten. Dass Naturkräfte die Küsten der Welt geformt habe: geschenkt, nur haben die Deppen da noch nicht im Binnenland gebaut und klagten über gleichzeitigen Grundwassermangel. Die Erkenntnis von einer multikausalen, sich selbsttätig von einem Kipppunkt zum nächsten hochschaukelnden Serie von Katastrophen kommt auch heute nicht, und erst recht bleibt das Begreifen aus, dass wir nicht an der Schwelle zum Untergang stehen. Wir sind längst mittendrin und wollen es nicht sehen.

Es brennt gerade so nett in Sibirien, in Ostafrika und Indien verdorrt die Erde, verursacht immense Hungersnöte und Flüchtlingsströme, aus denen der SUV-fixierte Egoleptiker sich die Horrorvision vom Konsumverzicht herbeifantasiert, um mit ruhigem Gewissen kernkorrupte Klötenkönige zu wählen, die sie noch mit fadenscheinigen Lügen zukleistern, wenn die deutschen Mittelgebirge abfackeln. Die unbeholfenen Versuche, allgemein sichtbare Folgen der Überhitzung zu leugnen, sind trotzige Manöver, von einem rotierenden Karussell abzuspringen, indem man die Trägheit der Masse ignoriert. Leider kippt dabei nicht nur das Kompetenzimitat aus der Politik auf die soi-disant Gesichter, wir alle baden es ja jetzt schon aus.

Leider, und das muss stimmen, wenn es uns die Staatslenker einreden, ist der Kapitalismus nicht mit Fahrrädern zu retten, weil irgendwo in einem Dörfchen diese eine Beamtenwitwe lebt, die es mit dem Omnibus nur einmal am Tag zum Einkaufen schaffen würde. Müsste sie auf frische Brötchen verzichten, sie würde sofort eine der unzähligen linksextremistischen Terrororganisationen mit der mühsam von den Hedgefonds abgesparten Pension unterstützen, und das kann doch keiner wollen. Die steigenden Außentemperaturen bekommt auch sie zu spüren, und kann sie ihren Garten nicht mehr wässern, weil zum Wohle der Aktionäre der ganze Landstrich für eine Autofabrik draufgeht, dann ist das ein Opfer fürs Vaterland. Gestorben wäre sie ja früher oder später sowieso. Mit dem Wassermangel gehen auch die Ernten flöten, der deutsche Wein wird knapp, die Freibäder trocknen aus, da sich die Rechnung keine Gemeinde leisten wird, der in jeder Stadt wohlgelittene Springbrunnen ist passé, und es fällt jedem braunblauen Klosteinverkoster leicht, die ökoversifften Umweltextremisten für das eigene Versagen hinzuhängen, da sie es immer so machen: alle anderen von der Klippe schubsen in der festen Überzeugung, irgendwer würde bis zum Aufprall aus dem Inhalt seiner Hosentaschen den perfekten Fallschirm zusammenschwiemeln.

Längst sind wir so weit, wir wollen es nur als Fehler in einem ganz anderen Erdteil entschuldigen, der auf uns keine Wirkung hat. Überhitzte Meere führen dazu, dass die Korallenriffe die färbenden Algen abstoßen und ausbleichen – ein Ökosystem verendet still und quasi als ästhetisches Problem, wie alles, was uns wumpe ist: das Insektensterben, die steigenden Meeresspiegel, Extremwetter, der tauende Permafrost und die daraus resultierende Freisetzung von Kohlendioxid, die den ganzen Krempel nochmals triggert. Schon hört man das Gejodel der Stumpfstullen, die die Wissenschaft der Lüge bezichtigen, weil die Folgen alle eintraten, aber viel früher als befürchtet.

Wir sollten agieren, solange Zeit ist, denn viel Zeit zum Reagieren bleibt uns nicht. Die Meere werden die Seychellen als Urlaubsparadies vom Markt nehmen, bevor Sylt von der Karte radiert wird. Eines Tages heißt es: Imrhein-Westfalen. Mit dem Jetski über Venedig zu cruisen wird cool sein. Aber die Nachfahren werden uns fragen, warum wir diese klinisch bekloppten Kurzstreckendenker nicht einfach an die Wand gestellt haben. Wir haben, sagen wir, auf warmes Wetter gewartet, sie in die Sonne geschoben, den Dingen ihren Lauf gelassen, und schon war die Sache erledigt. Es war ja, sagt man, von Anfang an absehbar gewesen.





Atlantis 21

26 10 2021

„… einen Anstieg von etwa zwei Millimetern pro Jahr messe. Damit sei Sylt noch nicht akut durch den Klimawandel gefährdet, eine Überflutung der Nordseeinsel sei jedoch so gut wie…“

„… fordere Lindner, dass die Regierung ein nationales Notprogramm zur Rettung der Insel beschließe. Angesichts der Immobilienpreise sei der drohende Verlust eine nicht hinnehmbare…“

„… dass der Meeresspiegel vor Helgoland seit 1954 bereits um fünfzehn Zentimeter gestiegen sei, während der Anstieg vor dem Festland viel geringer ausfalle. Merz mache ein von linksradikalen Geologen manipuliertes Messergebnis für regional unterschiedliche Strömungen verantwortlich, die er als Bundeskanzler durch echte deutsche…“

„… das Arbeitslosengeld abschaffen oder wenigstens halbieren werde, sobald er als Finanzminister dazu in der Lage sei. Lindner sehe keine andere Möglichkeit, die Rettung der Insel ohne eine unsolidarische Steuererhöhung oder neue Schulden zu bewerkstelligen, wenn nicht die…“

„… seien die Bewohner der Insel nicht davon zu überzeugen, dass nur eine zeitnahe Umsiedlung auf das deutsche Festland für sie in Frage komme. Es gebe bereits eine Bürgerinitiative, die die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht in einen…“

„… der Meeresspiegel nicht gleichmäßig steige, sondern durch eine Anhebung des Meeresbodens an einigen Stellen auch erhöht werde. Merz werde eine demnächst in Deutschland erfundene Technologie dazu nutzen, den nicht von Menschen ausgelösten Anstieg des Meeresbodens durch den Anstieg des Meeresbodens, der den angeblichen Klimawandel nebensächlich erscheinen lasse, mit einem in…“

„… auch der Tourismus als wichtiger Zweig der schleswig-holsteinischen Wirtschaft betroffen sei. Die Landesregierung benötige für ein Projekt zur kompletten Eindeichung allerdings Bundesmittel, die nur durch Steuererhöhungen oder ein Aussetzen der Schuldenbremse für mehrere…“

„… nicht möglich sei, da der Freistaat Bayern durch die Alpen und unzählige Naturschutzgebiete einen akuten Mangel an bebaubarem Wohnraum aufweise. Söder habe als erster Ministerpräsident die Aufnahme von Klimaflüchtlingen auch aus Deutschland strikt zurückgewiesen, um nicht durch vorschnelles Handeln einen Präzedenzfall zu…“

„… nur sehr schwierig zu bauen sei. Mehrere ostdeutsche Firmen hätten sich zwar bereit erklärt, zur Schaffung neuer Jobs in der Baubranche eine zehn Meter hohe Mauer rund um die gesamte Insel zu errichten, diese könne dann aber nur noch aus der Luft versorgt oder durch eine unterseeische…“

„… seien deutsche Ingenieure in der Lage, ein Rückhaltebecken in der Größe des Saarlandes vot der Nordseeküste auszuheben. Merz plane ein etwa hundert Kilometer tiefes Loch, das er als Kanzler persönlich einweihen werde, um Deutschland als den wichtigsten Industriestandort in der ganzen…“

„… sehe das Projekt Atlantis 21 in der Schutzmauer keine Öffnungen vor, da diese in absehbarer Zeit von der Nordsee unter Wasser gesetzt werde. Damit sei auch der Badetourismus vorbei, falls nicht ein mit Meerwasser gespeistes Hallenbad auf Sylt die Möglichkeit für einen…“

„… auch in Sachsen nicht willkommen seien. Der AfD-Landesverband drohe im Falle einer Umsiedlung von Syltern mit massiven Ausbrüchen des völkischen Selbstbestimmungsrechts, der auch durch Schusswaffen oder…“

„… dass die Bautätigkeiten nun von erheblichen Protesten begleitet würden. Es sei vorerst nicht mit einer Fortsetzung der Ausschachtungsarbeiten zu rechnen, da sich zahlreiche Bewohner Westerlands an die Maschinen gekettet hätten, um die…“

„… die Insel als Reservat für Geflüchtete nutzen wolle. Höcke halte die Ansiedlung rassefremder Elemente vor der Abschiebung für geboten, um die Durchseuchung der Volksgemeinschaft mit fremden Infektionskrankheiten nicht zu…“

„… eine kostenneutrale Lösung gesucht werden müsse, die Steuersenkungen für die Mittelschicht mit einem Jahreseinkommen bis dreißig Millionen Euro erlaube. Merz schlage vor, dass jeder Sylter zehn Erwerbslose zugeteilt bekomme, die das Wasser in die Nordsee zurück schippen sollten, damit der Tourismus sich nicht in der…“

„… die Baggermaßnahmen gestoppt werden müssten, da das Ausbreitungsgebiet der auf Sylt heimischen Kartoffel-Rose gefährdet sei. Bis zur gerichtlichen Klärung werde daher auf eine weitere Aufspülung vor dem Hörnumer…“

„… habe Merz im Falle eines Wahlsieges vor, den von linksfaschistischen Ökoterroristen gegen die Wirtschaft geplanten Umweltschutz praktisch umzusetzen. Jeder Sylter erhalte hundert Hartz-IV-Empfänger, die als Eindeichung vor der…“

„… sei die Zunahme von Sturmfluten an der Nordsee sehr wahrscheinlich. Für Lindner bedeute dies, dass Leistungsträger ab sofort durch eine steuerfinanzierte Steuersenkung für Investitionen in eine steuersubventionierte…“

„… das Projekt nicht ausreiche, auch wenn die gesamte Insel eingedeicht werde. Grundstücke und Gebäude seien nicht mehr versicherbar, wenn die Wahrscheinlichkeit für Elementarschäden bei 100% liege. Eine Gefährdungsklasse, die eine dauerhafte Zerstörung der Landschaft einkalkuliere, sei nicht mehr mit einer herkömmlichen…“

„… ausländische Investoren sich zufrieden über den Deal mit der Bundesregierung zeigten. Laschet habe mit seiner Anwerbung einer neuen Autofabrik Erfolg gehabt, da das Wassermanagement in der als Industriepark ausgewiesenen Fläche erhebliche…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXV): Die Krisenkaskade

8 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt begriff, aber er begriff zu spät. Seine Sippe hatte in mühevoller Kleinarbeit über Jahre das Wäldchen neben der westlichen Felswand gefällt, um immer genug Feuerholz zu haben für gebratene Singvögel. Erst wurde die Jagd beschwerlich, weil die Beute sich aus den gelichteten Baumkronen zurückgezogen hatte, dann lohnte sich nicht einmal mehr der Weg zum Schlagen. Ein Drittes sollte aus den beiden Mängeln erwachsen, und das wussten sie erst bei Einbruch der kalten Jahreszeit: keiner hungerte, ohne zu frieren, denn auch thermische Bedürfnisse waren ohne das Material nicht mehr hinreichend zu befriedigen. Hält der Jetztmensch in seiner Hybris sich auch für intellektuell zuverlässig ausgestattet, er bewältigt die ungleich komplexere Krisenkaskade der Gegenwart nicht viel besser.

Er beherrscht sie, um die Wahrheit zu sagen, gar nicht, da er sie nicht einmal erkennt. Die aktuelle Krise in der Holzversorgung liegt tatsächlich nicht allein am Mangel; die Bretter sind nicht weg, sie kleben nur vor anderer Stirn. Wie üblich auf einem freien Markt steigt der Preis für Bauholz, wie er für Weizen ebenso rasch angezogen hat. Hauptakteur China hat sich zum Exportweltmeister entwickelt, verdrängt Deutschland auf den dritten Rang und kann sich neben den USA einen leisten, die so an anderer Stelle fehlen. Der dürrebedingte Mangel in der Forstwirtschaft ist nur ein Teil der Geschichte, der Rückgang von Weizen- und Maisernten nur eine Facette im Kampf um die Belieferung der größten Volkswirtschaften. Der gemeine Dorfdepp, der sein Haus nur verlässt, um die Nudelregale vor einer drohenden Plünderung leer zu kaufen, sieht wie immer nur die Hinterseite des Wasserfalls.

Zugleich wird es schwierig für Landwirte, die nötigen Getreidemengen überhaupt zu erzeugen, da auch die Düngemittel fehlen. Dass China erheblich mehr Phosphatdünger kauft, als es selbst exportiert: geschenkt. Auch hier steigen die Energiepreise, da noch nicht ausreichend regenerative Erzeugung in der Wirtschaft ankommt – wahrscheinlich standen die Windräder alle zu nah an der Fabrik, irgendeine Bundesregierung musste die Fotovoltaik plätten, es ist halt kompliziert. Abgesehen davon sorgt die Dürre für sinkende Wasserspiegel, auf denen keine Vorprodukte angeschifft, keine Abwässer entsorgt werden können. Bereits hier bewirkt eine ungute Schleifenbildung durch verkettete Effekte für den Ernterückgang. Wer den Intellekt von Fischfutter als ausreichend ansieht, wird sich nicht lange mit den Gründen herumärgern: der Chinese war’s. So lässt sich wenigstens ein Wahlkampf bestreiten.

Vielschichtig wird es bereits bei den Chips, ohne die wir weder Mobiltelefone noch Autos bauen können – Deutschland wird kampfunfähig – obwohl es noch nicht zu wenig Ausgangselemente gibt. Vernachlässigen wir für einen Moment die US-Firmen, die EU-Firmen nötigen wollen, nicht mehr für chinesische Firmen zu arbeiten, damit am Ende keiner mehr seine Kunden beliefern kann. Es sind die pandemiebedingten Probleme, die sich in den Lieferketten aufstauen, Wassermangel (schöne Grüße von vorhin) und die üblichen Preiskonflikte. Wir merken: zu wenig verfügbare Arbeitskapazität durch die COVID-19-Bedrohung ist ein neuer Player, den Rest kennen wir aus der Mottenkiste. Würde uns jetzt noch jemand erklären, dass die aus Asien exportierte Containerkrise genau dieselben Ursachen hat, aber zum Ausgleich weiter reichende Folge auf die ganze Lieferketten- und Logistikkrise, wir wären halbwegs glücklich. Warum muss man immer einen Grund zum Verzweifeln finden.

Die zahlreichen Nebenwirkungen – Armut, Wohnraummangel, Waffengewalt, Drogenkartelle, Kriegspolitik gegen Konsumenten – sind nicht monokausal zu erklären, auch wenn es die Geschäfte mancher Regierung viel leichter macht. Aber nichts weniger schwiemelt die fadenscheinig zusammengewirkten sozialen Folgen besser zurecht als die Realität in manchen kapitalistischen Staaten, die sich mit Wirkungen auf die eigene Bevölkerung ebenso wenig befassen wollen wie mit denen auf andere. Der Klimawandel hat in den vergangenen Jahrzehnten die Ausbreitung von Fledermausarten gefördert, wie er die europäischen Singvögel, die Blütezeit der Bäume und den Ertrag des Getreides manipuliert. Mit fremden Spezies in Kontakt zu geraten war also riskant, aber nicht ungewöhnlich, und wurde Trigger mannigfaltiger Katastrophen, die wir uns vorher nicht hatten vorstellen können. Wir haben immerhin in globalem Maßstab versagt.

Wäre es nur eine Überschwemmung, die eine nicht vorhersehbare Wendung nähme, da die Flut auch die Abflussventile verstopft, wir könnten uns durch neuen Baumaßnahmen gegen den Dünkel der Unwissenheit stellen. Aber die Katastrophen der Zukunft lassen nicht nur einfach die Bäume vor der eigenen Haustür verdorren, sie lassen vergessen, dass die Welt ein komplexer Regelkreis ist, bei dem man jeden Tag die Folgen seiner Dummheit zahlt. Ab einer gewissen Zeit merkt man es. Aber auch da bleibt die Gefahr, dass man den Klimawandel für verhandelbar hält, wenn man nur jede Landschaft mit Spundwänden zuballert. Falls es Spundwände noch gibt. Oder Lieferketten für Spundwände.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXIV): Der ökologische Verzichtsdiskurs

1 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was tut er nicht alles, der Mensch. Fährt mit dem Auto zur Arbeit, kauft Gemüse in Einmalplaste und benutzt nie die Pinkeltaste. Kein Wunder, dass die Polkappen verkochen und der Permafrost sich in die Atmosphäre verabschiedet. Wäre er doch nur vernünftig, sagen alle, wir könnten Klimaziele mit lockerer Leichtigkeit wuppen und uns selbst feiern für diesen Sieg der Vernunft – aber nein, es muss der energieineffiziente Kühlschrank sein, aus dem er seinen Schampus zwitschert, damit er die alte Umweltsau in den Hühnerstall kriegt. Der Mensch ist dumm, das ist unbestritten, aber lässt sich das abstellen? Zur Not mit konsequentem Verzicht?

Fehlverhalten, das haben Debatten um innere Sicherheit und Wirtschaftskraft uns eingehämmert, beginnt in der kleinsten Keimzelle der Gesellschaft. Der ordentliche Bürger sammelt Buntmetall, gibt seine Spende für den Bürger in Uniform und hat die Nase gerne im Briefkasten des Nachbarn, der ja ein Volksverräter sein könnte. Natürlich braucht es kein Gesetz, um die Einhaltung der Kehrwoche in einem manierlichen Mietshaus sicherzustellen, das wird von den Erfüllungskräften schon organisiert, um zu klären, wer noch in der Kaste mitmachen darf. Und so übt sich der kapitalistisch sozialisierte Zonk in der Tugend des Mülltrennens, während der Strom spart und Verpackungen löffelrein zur allgemeinen Begutachtung an den Straßenrand verlastet. Fleißig nutzt er auch die modernen Möglichkeiten, die ihm das Netz bietet: hier und da, bereitgestellt von allen großen Ämtern und Verbänden, summiert er auf, was alles er tut und treibt, das CO2 in die Luft bläst. Wie viel Fleisch und Baumwolle hat der gemeine Mann verbraucht, wie oft ist er in den Urlaub geflogen, wie heizt er, und womit? Emsig schwiemelt er zusammen, was seine Selbstkritik in stattliche Form zu blähen weiß, und kriegt hernach das Ergebnis: schuldig mit Vorsatz. Wer Biogurken in Kunststoffpelle kauft, will halt ins Fegefeuer.

Dabei ist die Mär vom ach so privaten ökologischen Fußabdruck denn auch nichts anderes als ein relativ abgeschmackter PR-Stunt, den sich die Fossilienverbrennerindustrie ausgedacht hat, um dem durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt den pechschwarzen Peter zuzuschieben, warum sich das Klima von Kipppunkt zu Kipppunkt hangelt. Der individuelle Verzicht, so greint’s aus der moralisch frisch gebleichten Etage, muss unbedingt sein. Wer da noch nicht seine Flusskreuzfahrt im Paddelboot macht, werfe die erste Grillwurst! Dazu gelingt es den Grünwäschern durch das abgeschrägte Framing locker, mit erhobenem Zeigefinger dem Volke die sittliche Überlegenheit unter die Nase zu reiben. Wie das Ökostrom aus eigenem Sonnenkollektor fürs Zehn-Zimmer-Passivhaus nutzt! Abgasfreie 600 PS! Rüben aus dem Hochbeet! Warum kann das denn nicht einfach jeder?

Weil es eben nicht jeder so einfach kann. Es ist eine politische Entscheidung, Windräder aus der Energieerzeugung zu verbannen und die gesamte Fotovoltaik mit Anlauf und Ansagen in die Tonne zu treten, samt aller Arbeitsplätze – wer dann seine elektrische Schleuder mit Diesel über die Autobahn schwiemeln muss, weil es dort keine vernünftige Schienenverbindung gibt, hatte eben keine andere Wahl. Das Altölkondom über dem Grünzeug ist bei Verbrauchern beliebt wie Pickel. Und wer in einer Mietwohnung lebt, hat kaum Einfluss auf Qualität und Alter von Sanitär- oder Küchenausstattung, Heizung und Dämmung, die er selbst bezahlen darf, damit sein Vermieter nicht plötzlich verhungert. Dazu kommt dann das Paradoxon der angeblichen Verbotsparteien als kognitiver Dissonanzgrundton, bei dem wir denken sollen, die Gewissensprüfung sei gleichzeitig unsere Schwachstelle und uns durch defizitäre Entscheidungen von Wirtschaft, Politik und System aufgedrückt. Das Muster funktioniert in aufklärungsfeindlichen Kreisen derart gut, dass es für beliebige Schuldzuweisungen herhält: wer nicht jeden Kriegs- oder Klimaflüchtling schnellstens in die zerbombte Heimat abschieben will, muss sich fragen lassen, ob er ihn im eigenen Wohnzimmer aufnehmen will, wie man auch Erwerbslosigkeit als individuelle Schwäche ansieht. L’État, c’est moi.

Wenn es mal so wäre. Das angebliche Wesen hat sich längst abgekoppelt und füttert die Frustration der durchschnittlich Engagierten, die irgendwann keinen Bock mehr haben, gegen die weltfremden Eskapaden einer Regierung zu demonstrieren, die sämtliche Klimakiller mit Subventionen polstert und Hilfsgelder aus dem Fenster schmeißt, als wäre eine Welt ohne Postkutschen und Schreibmaschinen nicht mehr existenzberechtigt. Solange Theoretiker sich trösten, dass die Gesellschaft den Menschen formt, können wir uns jeden Versuch in die Haare schmieren, die Verhältnisse zu ändern, wenigstens nicht auf wohlgesittete Art. Mit Fackeln und Äxten sähe die Sache gleich ganz anders aus, sie würde auch ungleich mehr Spaß machen. Natürlich muss die Menschheit sich in Verzicht üben, nur wollen eben nicht die verzichten, die bisher nichts mit Solidarität oder Verursacherprinzip am Hut hatten. Für sie war der Mensch ein schnell nachwachsender Rohstoff. Wir können auf diese Haltung verzichten. Und wir könnten es uns langsam auch leisten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVII): Marx und die Vernichtung der Menschheit

13 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für den Materialisten ist die Sache einfach. Nach Sklavenhalter- und Ständegesellschaft kommt der Feudalismus, der Kapitalismus, dann geht kurz das Licht aus, und dann fegen die Sozialisten die rauchenden Trümmer des Neoliberalismus auf den Müllhaufen der Geschichte. Abgesehen davon, dass der Sozialismus für gescheitert angesehen wird, da man ihn zu oft ausprobiert hat, wobei das, was als Sozialismus verkauft wurde, nicht einmal mit der Verpackung übereinstimmte, fehlte der für jede gute Dialektik unerlässliche Bruch: es wurden nur die herrschenden Zustände legitimiert, wobei je nach Zustand die Herrscher wechselten. Gab es je einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so wurde er von anderen Sozialisten mit Herrschaftsanspruch in eine ideologiekonforme Ausstattung überführt – der Mensch störte da nur. Wer sich die Zustände im heutigen Kapitalismus ansieht, Elend, Ausbeutung und Entfremdung, der kommt nicht umhin, Marx’ Theorie für gründlich gescheitert zu halten, weil der Wandel schon längst hätte kommen müssen. Das Ende der Zivilisation wird mit Naturkatastrophen in unsere Häuser gespült – hat mit der Vernichtung der Menschheit sich auch der Kommunismus erledigt?

Marx fehlte der letzte dialektische Schritt, er sah Globalisierung, Internationalisierung, Verstädterung als positive Entwicklungen hin zum Weltmarkt, der die Weltrevolution ermöglichen sollte, ohne sich über die Konsequenzen für den Lebensraum im Klaren zu sein, wiewohl die Grundregeln des dialektischen Materialismus dies zwingend hätten bedenken müssen: in einer Totalität besteht alles untereinander im objektiven Zusammenhang, alle Materien, alle Abhängigkeiten. Dass nicht alles die unsichtbare Hand des Marktes regelt, wusste auch er. Haben wir diese Welt, statt sie verschieden zu interpretieren, auch verändert, so wirken sich diese Veränderungen auf das Ganze aus, nicht allein auf Produktionsmittel und Kapital. Diese werden im Zweifel von den herrschenden Verhältnissen gut behütet, um die Veränderung zu verhindern.

Doch wir weichen aus. Hat sich etwa mit der hereinbrechenden globalen Katastrophe auch die Aussicht auf einen radikalen Umsturz erledigt und dürfen die Geldfetischisten sich bis zum Absaufen im steigenden Meeresspiegel an der Wertlosigkeit der eigenen Gehirnvortäuschung berauschen? Wäre dies korrekt, sie trieben mit dem Beelzebub den Teufel aus, indem sie den Verwertungszwang als Feind aller Nachhaltigkeit und die daraus resultierende Zerstörung des Planeten als Rettung begreifen, die den Untergang ihres Regimes noch einmal abwenden. Sie würden in Festungen leben, aber nicht aus Angst vor dem aufgebrachten Mob, sondern aus Furcht vor der sengenden Sonne, vor Wirbelstürmen und Flutwellen, während in ihrem Auftrag die Knechte noch immer die Erde untertan machen, oder wenigstens das, was noch davon mit bloßem Auge zu sehen ist.

Aber genau das ist der Denkfehler, der dem Kapitalismus zugrunde liegt: er setzt kurzfristige Ziele und fordert die sofortige Erfüllung, die sich in der Natur durch ebenso kurzfristige Maßnahmen nicht aufwiegen lassen. Einen Wald abzuholzen ist eine Sache von Tagen, ihn wieder aufzuforsten eine Aufgabe für Generationen, und nicht jeder Verlust ist mit einem gleich großen Gewinn aufgewogen, schon gar nicht für dieselben. Der Rest ist schlecht in die Umgebung geschwiemeltes pseudoreligiöses Geröll für intellektuelle Aufstocker. Was seit der Industrialisierung nur durch die Beschäftigung in möglichst billiger Lohnarbeit funktioniert, nämlich die Ausbeutung der Massen, wird dann kompliziert. Zwar kann man mit Millionen Klimaflüchtlinge in Europa beschäftigen, Bananen am Bodensee ernten oder gleich ganze Kontinente entvölkern, sobald in der tropischen Zone kein menschliches Leben mehr möglich ist, aber selbst mit technischem Fortschritt, wie ihn sich die Schnappatmungsplapperer auf der Kimme kloppen, wird es keinen Weg mehr zurück in eine normale Wirtschaft geben, die Rohstoffe rafft und sich am Erlös mästet.

Der Fachkräftemangel, das Märchen von den Massen, die leider nicht mehr für ein Butterbrot an die Arbeit gehen, ist nur der Auftakt. Spätestens mit dem Wegklappen der systemrelevanten Berufe kann sich dann die vermögende Schicht, die bisher als Investmentbanker die Moneten von Rentnern in die Tonne getreten oder durch Spekulation zuverlässig in den Entwicklungsländern für Hungersnot gesorgt haben, ihre Möbel selbst aus abgesägten Resten der Grünflächen zusammennageln, den Müll abholen und die Klos reparieren. Keiner backt mehr Brot, fährt es in den Supermarkt oder hockt an der Kasse, keiner steht mehr mit der Knarre vor ihrer Tür, um den klimatisierten Bonzenbunker vor Plünderern zu schützen – falls es noch Strom geben sollte, um die Bude halbwegs unter Fiebertemperatur zu halten, denn Windräder bauen sich auch nicht von alleine. Die Magnaten werden nicht mit Marx von der Platte geputzt, sondern durch etwas, das sie schlicht übersehen haben. Als würde eine Gesellschaft nicht an einer Pandemie krepieren, sondern an bockiger Verweigerung, Warnsignale zu beachten. Da ist noch Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte.





Nasser Abriss

5 08 2021

„Vor allem würde man so die Überflutungsgebiete einigermaßen schnell wegkriegen.“ „Allerdings ist das größtenteils außerhalb der Ballungsräume.“ „Dann muss man da auch nicht so viel umbauen.“ „Was ist denn jetzt los, plant Laschet schon wieder neue Küchenstudios?“ „Nee, Olympische Spiele.“

„Entschuldigen Sie mal, der Mann hat doch nicht mehr alle Rillen auf der Erbse!“ „Hat ja auch keiner behauptet.“ „Aber man kann doch nicht so einfach mal…“ „Wissen wir.“ „Eigentlich weiß es jeder, nur er hat’s noch nicht gerafft.“ „Und dass die Spiele in elf Jahren schon an Australien gegangen sind?“ „Das findet in einer Realität außerhalb seiner Birne statt.“ „Nur, weil eine rechtlich bindende Entscheidung getroffen wurde, ändert doch ein Laschet nicht seine Politik.“ „Es sei denn, irgendein Kohlekonzern dreht plötzlich den Arm in seiner Sprechpuppe um.“

„Er hatte doch für die Spiele versprochen, dass 90% der Veranstaltungsstätten bereits existieren?“ „Richtig, aber das heißt ja nicht, dass die auch in vollem Umfang funktionsfähig sind.“ „Das kurbelt ja sonst die Wirtschaft nicht an.“ „Wahrscheinlich wird Küchenbauen dann auch olympisch.“ „Und Motorsport mit Wasserstoffautos.“ „Jetzt bleiben Sie doch mal ernst, das ist doch alles gar nicht mehr planungsfähig.“ „Wissen wir.“ „Deshalb haben wir ja auch den Beratervertrag angenommen.“ „Vorher haben wir dem Bundesverkehrsministerium den größten Bullshit angedreht, den man im Vollsuff hinkriegt.“ „Aber jetzt müssen wir uns halt einen anderen Auftraggeber suchen.“ „Und deshalb wird dieses größenwahnsinnige Ding noch mal aus der Schublade geholt?“ „Realistisch kann ja jeder.“ „Und er hat auch dafür gesorgt, dass so gut wie jede Stadt in Nordrhein-Westfalen etwas vom großen Kuchen abkriegt.“ „Wobei wir das jetzt natürlich neu planen müssen.“

„Zeigen Sie mal her.“ „Das ist erstmal nur eine vorläufige Ideensammlung.“ „Vielleicht fallen uns noch ein paar bessere Vorschläge ein.“ „Skispringen in Erftstadt!?“ „Diese Abbruchkante muss man doch einfach nutzen.“ „Die ist natürlich gewachsen und muss nicht extra abgebaggert werden.“ „Und wir haben auch gleich die Integration von neuen Sportarten, falls wir bis dahin den Klimawandel nicht mehr in den Griff kriegen.“ „Dann kann man da das ganze Jahr über bei dreißig Grad im Schatten trainieren.“ „Das ist eine komplett kaputte Stadt, und Sie wollen da einen olympischen Wettbewerb abziehen?“ „In Fukushima haben die Japaner auch irgendwas gemacht.“ „Sollte in der Zwischenzeit in NRW ein Kohlekraftwerk in die Luft gehen, wären wir sofort dabei.“ „Zumindest kann man dann die Fläche optimal nutzen.“ „Eben, stehen wird danach garantiert nichts mehr.“ „Und Sie wollen die Schwimmwettbewerbe nach Wuppertal…“ „Das ist Geschichte, die Stadt ist ja fast wieder trocken.“ „Da kann man leider nichts mehr machen.“ „Im Bergischen Land ist vielleicht irgendwo noch etwas unterspült, da müsste man jetzt einfach bis zum nächsten Hochwasser warten und dann den Abfluss verstopfen.“ „Also quasi als natürliches Bauprojekt einer Wasseranlage.“ „Oder naturidentisch, wenn Sie so wollen.“ „Sie haben ja nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ „Für den Beratervertrag war das die Grundvoraussetzung, wieso?“

„Wenn ich mir das so angucke: Fußball in Bochum, Tennis in Düsseldorf, Mountainbike in Recklinghausen…“ „Das war ja der alte Plan.“ „Die Sportstätten waren auch noch nicht nach aktuellen Sponsoren benannt.“ „Und RWE baut lieber neu.“ „Im Abbauen haben sie ja genug Erfahrung, jetzt wollen sie es mal mit Aufbauen probieren.“ „Sie können doch nicht eine ganze Region planieren, um sie mit Sportstätten zuzubauen.“ „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“ „Sie müssten doch ganze Städte einebnen.“ „Meine Güte, dass er Dörfer und Kirchen ausradiert und den ganzen Hambacher Forst wegbaggern lässt, das hat Laschet doch schon bewiesen.“ „Und da hatte er nicht einmal eine Rechtsgrundlage.“ „Wenn er das jetzt mit seinen Koalitionspartnern aus Handel und Industrie durchs Parlament bringt, dann steht doch den Olympischen Spielen nichts mehr im Weg.“ „Zumindest nichts, was sich nicht mit ein paar Hundertschaften Polizei und ausreichenden Mengen an Schmiergeld aus dem Weg schaffen ließe.“

„Und wie soll das mit dem heutigen Gebot zur Nachhaltigkeit zusammenpassen?“ „Indem wir die Ergebnisse möglichst langfristig anlegen.“ „Dann muss man hinterher ja auch nichts mehr abreißen.“ „Obwohl die Sponsoren das ja auch nicht unbedingt ungern sehen würden, aber Laschet kann sich auch nicht immer nach der Wirtschaft richten.“ „Da baut man einfach etwas strategisch gut in die Landschaft hinein und wartet einfach, bis die nächste Flutwelle kommt.“ „Nasser Abriss.“ „Nach spätestens vier Jahren haben die Deutschen das kapiert und werden diese Politiker zum Teufel jagen.“ „Deshalb sorgen wir im Land für Nachhaltigkeit durch Straßenbau.“ „Was man durch Bundesautobahnen nicht an Schwemmflächen wegkriegt, das zerstören wir halt mit überflüssigen sechsspurigen Schnellstraßen.“ „Damit mittelfristig Gleisanlagen unterspült werden und nicht mehr brauchbar sind.“ „Damit langfristig noch mehr Schnellstraßen gebaut werden können.“ „Damit wir das Freiwasserschwimmen irgendwann in Wuppertal abziehen können.“ „Soll noch einer sagen, wir seien nicht nachhaltig.“ „Bis auf Aachen, das muss trocken bleiben.“ „Wieso Aachen?“ „Da muss das Laschet-Denkmal hin.“ „Lebensgroß.“ „Immerhin der erste Kanzler, der mit Betonschuhen im Duisburger Hafens steht.“





Schwimmblase

29 07 2021

„Natürlich ist das eine großartige Idee, die stammt auch aus der Wirtschaft. Wenn schon die Politik zu bescheuert ist, die aktuelle Situation in den Griff zu kriegen, dann müssen doch wir das Beste aus der Zukunft machen.

Denn das war ja erst der Anfang, in Zukunft werden die Jahrhunderte für Jahrhunderthochwasser verdammt kurz sein, und wenn Sie irgendwo bauen wollen, dann müssen Sie erst mal einen Hügel aufschütten. Falls Sie sich die Versicherung für den Schuppen überhaupt noch leisten können. Klar, in den Alpen ist es auch schön, nur haben da nicht alle Platz. Gewöhnen Sie sich ruhig schon mal daran, dass man mit Rheinländern im Gebirge das macht, was die Rheinländer bisher mit Afrikanern gemacht haben: ihnen eine aufs Maul hauen, weil sie die als Wirtschaftsflüchtlinge sehen, die in ihrer Heimat nichts zu suchen haben.

Deshalb setzen wir jetzt voll auf das Hausboot. Nicht mehr als Lifestyleartikel, sondern als neue Alternative zum normalen Eigenheim. Bis jetzt war es immer eine Schwierigkeit für unsere Zielgruppe, auch einen Liegeplatz für das schwimmende Haus zu finden, aber wenn wir mit einer unionsgeführten Bundesregierung endgültig absaufen, dann können wir uns bald nicht mehr vor Anfragen retten.

Man muss Architektur gesellschaftlich auch mal neu denken. Natürlich wird sich nicht jeder sein Hausboot leisten können, der Boom mit diesen Tiny Houses war ja auch nur für die Profilneurotiker, die mit dem Scheiß unbedingt ins Fernsehen wollten. Wer bitte kauft sich ein Grundstück für zehnmal das Jahresbrutto und kloppt sich einen Sperrholzsarg drauf? Mich dürfen Sie dafür nicht verantwortlich machen, wir haben nur das Geld von der Industrie gekriegt und dann die Werbung geschaltet, wer sich auf den Mist einlässt, ist selbst schuld. Markt nennt sich das. Oder Eigenverantwortung.

Dass Sie für ein Hausboot eine Versicherung brauchen, muss ich Ihnen auch nicht erklären, oder? Na also. Da macht man das Einstiegsangebot ein bisschen geschmeidig und ballert dann die Kosten rauf, sobald die Spezialisten aus der FDP der Branche erklärt haben, dass es den Ärmsten dient, wenn man die Vermögen der Steuerbetrüger schont. Aber wie gesagt, gesellschaftlich neu denken. Mit mehr ertrunkenen Deutschen kriegt man das Problem der Renten in den Griff, mit noch mehr ertrunkenen Deutschen braucht man auch nicht mehr so viele schädliche Wähler, die vorher vielleicht gar nicht im Eigenheim ersoffen sind.

Wir werden unser ganzes Leben in eine neue Wirklichkeit überführen müssen – das wollten diese linksversifften Hysteriker doch immer, wenn sie von dauerhaftem Homeoffice oder Computern für alle Schüler aus der Schmarotzerschicht geredet haben. Oder von Impfungen für Leistungsträger. Wir sind doch hier nicht im Wunschkonzert, wenn die Pandemie nach unseren Spielregeln verlaufen wäre, dann würde das doch gar nicht mehr leben. Aber da haben die sich getäuscht, wir haben ganz andere Pläne. Mit unserer Kampagne, sämtliche Autos, Häuser oder Wertgegenstände so schnell wie möglich zu sozialversicherungsmäßig verwertbarem Schonvermögen umzurubeln, hatten wir den Bogen doch schon fast überreizt. Jetzt kommen überall die Bootsverkäufer, die den Katastrophenopfern ins Gewissen reden, dass zehn Prozent ihres Besitzes als Entschädigung für ein Hausboot ausreichen, da das Ding die nächsten Jahrhundertfluten überlebt.

Dass wir denen die dreistöckige Superversion mit begehbarem Schuhschrank und vergoldeten Wasserhähnen verkaufen, sollten Sie von Ihrem Autohändler kennen. Bei neunzig Prozent sollte es für ein notdürftig überdachtes Floß mit Garantie gegen Blitzschlag reichen, Gewitter ausgenommen. Wir sind ja nicht das Sozialamt der Welt, und seit wann sinken die Kaviarpreise? Irgendwann steigt Springer ein, dann reißen wir eine Marketingaktion für das Volksboot auf, jeder verdient ein bisschen an der Katastrophe mit und freut sich, dass er das dicke Ende vermutlich nicht mehr miterlebt, und dann sticht Deutschland in See.

Überlegen Sie sich nur mal das riesige Potenzial für Wassersport, schwimmende Freizeitparks und neue Branchen wie Jetski-Verleih für Leute, die es sich eigentlich gar nicht leisten können. Bald gibt es die ersten schwimmfähigen Flugtaxis, Yachten mit geringem Tiefgang für den Törn über die ehemaligen Mittelgebirge und alles, was man nicht braucht, aber haben will. Das bedeutet Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum, und damit sind wir, entschuldigen Sie das bescheuerte Wortspiel, wieder flüssig und steuern an der Börse auf die nächste große Schwimmblase zu.

Mit etwas Pech haben wir trotzdem immer noch ausgedehnte Landflächen, aber das macht nichts. Unsere Kunden sollen ja aus einer komfortablen Situation heraus ihr Geld loswerden. Wenn sie es erst einmal in unseren Konzern gesteckt haben, ist es nicht weg, es haben eben nur andere. Vielleicht bricht dann auch ein ganz anderes Zeitalter für das Transportwesen an, wenn schon Behausung nicht mehr ortsgebunden sein muss. Sie können den Mist auch elektrifizieren, dann kombinieren Sie Haus und Auto zu einer neuen Art von Wohnmobil. Damit haben wie die Autobauer auch wieder mit an Bord. Ist das nicht genial? Und wenn Sie jetzt mal nachdenken, was wir alles nicht mehr finanzieren müssen, Freibäder und Eisenbahnen und Parkplätze für Anwohner in terrestrischen Siedlungsformen, dann können Sie sich ausrechnen, dass wir… –

Schwimmunterricht? wieso Schwimmunterricht?“





Bildungsverständnis

7 07 2021

„Homeoffice ist ja zum Glück bald vorbei, man kann wieder ganz normal mit dem Auto zur Arbeit fahren. Das ist auch ganz gut so, uns fehlen ja nicht nur die Einnahmen aus der Mineralölsteuer, es sind auch die leeren Autobahnen. Wir können doch nicht ständig neue Autobahnen bauen, wenn keiner mehr darauf fährt.

Kommen Sie mir nicht mit Bahnen, die sind viel zu voll – das auch daran, dass die Menschen sich nicht genug Autos kaufen. Deshalb müssen wir die Autos billiger machen, dann lohnt sich ja auch der billige Kraftstoff, und dann haben wir auch einen richtigen Investitionsanreiz, um mehr Autobahnen zu bauen, um den Stau zu vermeiden, der aus der vermehrten Anzahl an Autos resultiert. Das müssen Sie mir nicht vorrechnen, oder denken Sie etwa, die Bundesregierung sei bescheuert?

Haben Sie eigentlich eine Ahnung, was so eine Eisenbahnbrücke kostet? Oder ein Meter Schiene? Das sind enorme Summen, vor allem auch, weil die letzte Bundesregierung die anderen davor nicht im Auge behalten hat, was die Instandhaltung kostet. Wenn man da jahrelang kein Geld ausgibt, muss man irgendwann richtig viel Geld ausgeben. Das ist ein politischer Grundsatz. Das ist so grundsätzlich, damit müssen wir uns noch nicht mal beschäftigen. Und deshalb setzen wir auf den Autoverkehr, weil der viel wirtschaftlicher ist – über so eine Brücke oder diesen Schienenmeter kann ja immer nur ein Zug gleichzeitig fahren, aber über eine Autobahn, da kommt es immer darauf an, wie viele Spuren die hat. Und man kann leichter eine dreispurige Straße fünfspurig ausbauen als eine Eisenbahnbrücke, das muss ich Ihnen doch nicht erklären?

Die Kosten sind übrigens auch viel höher, das kommt noch dazu. Wenn Sie einen Meter Schiene instand halten wollen, müssen Sie auch für Ersatz sorgen. Bei einer Autobahn gibt es einfach eine Umleitung. Und dann haben Sie noch diese Züge, die sind ja auch ganz schön teuer, das kostet den Steuerzahler jede Menge Geld, während so ein Auto der Wirtschaft eine Menge Geld einbringt und ganz nebenbei über die Unternehmenssteuern und die Umsatzsteuer den Steuerzahler netto sogar entlastet. Das entlastet den so sehr, wir könnten eine von den Steuern sogar senken. Dass keine Bundesregierung bisher auf solche Ideen gekommen ist, das wirft nun wirklich ein schwaches Bild auf dies Land.

Wir kommen Sie auf den Gedanken, dass das Auto die Haushalte belastet? Das ist überhaupt kein Thema für den Staatshaushalt, das kaufen Sie sich als mündiger Bürger doch schließlich selbst. Oder erwarten Sie jetzt, dass wir allen Menschen ein Auto kostenlos vor die Tür stellen, nur weil wir ihnen die Autobahnen auch schon kostenlos bis genau an die Anschlussstellen gebaut haben? Sind wir hier im Sozialismus?

Und jetzt kommen Sie mir nicht auch noch mit diesem linksradikalen Tempolimit! Wenn wir das in Deutschland einführen, dann können wir nämlich bald den Laden dichtmachen. Tempo 100 im ICE, da kommen Sie ja nie an! Ich frage Sie ganz direkt, wenn Sie mit dem Bummelzug zum Flughafen fahren, weil Sie nach Mallorca wollen, wie lange wollen Sie denn dann in der Bahn sitzen? Da kann ich ja gleich mit dem Taxi fahren, das ist im Zweifel sogar noch preiswerter als der Zug, weil ich da für den Strom nicht ständig diese unglaublich teuren Windräder in die Gegend bauen muss!

Überhaupt, Windräder – Sie regen sich doch sonst auch immer über Zersiedelung auf und noch mehr versiegelte Flächen, aber haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass man im Umkreis von einem Kilometer um so ein Windrad überhaupt gar nichts mehr bauen darf? Oder ist das für Sie als Verbotsfetischisten dann okay, wenn man dadurch den Verstädterungsprozess fördert, der wieder mehr Straßenbaumaßnahmen in der Stadt erfordert? Das sind alles Folgekosten, oder wie wollen Sie denn bis zur Anschlussstelle kommen? In der Umwelt hängt eben allen mit allem zusammen, aber so weit denkt ja bei Ihnen keiner. Das überlassen Sie wohl lieber der Bundesregierung, die Sie ja ansonsten total ablehnen.

Sie reden doch die ganze Zeit davon, dass diese Klimasache ein globales Problem ist, wieso soll die Bundesregierung sich denn auf eigene Kosten mit regionalen Lösungen daraus verabschieden? Oder gibt es in Ihrer Physik irgendein Modell, bei dem das Abschmelzen der Polkappen durch Windräder in Nordrhein-Westfalen verhindert werden kann? Wobei ich ja eher nicht glaube, dass Sie in Physik irgendwas gelernt haben. Aber das passt ja bestens zu Ihrem Bildungsverständnis, dass Sie die Jugend lieber zu Berufsdemonstranten umerziehen wollen, statt sie etwas Vernünftiges lernen zu lassen, wovon wir diesen ganzen Spaß bezahlen. Oder wollen Sie in Ihrer unendlichen Gnade Ihr Auto verkaufen, um davon ein Windrad zu finanzieren?

Jetzt seien Sie mal nicht gleich eingeschnappt, man kann doch vernünftig über alles reden. Nur halt nicht mit jedem. Wenn Sie ein bisschen mehr Kompromissbereitschaft zeigen würden, wären wir vielleicht auch bereit, uns einen sozialverträglichen Weg zu überlegen, wie man Deutschland ein wenig ökologischer gestalten könnte. Da kommen Sie mit Wissenschaft nicht weiter, das muss man auch für die Zukunft gestalten, und Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie jetzt schon wüssten, was die Wissenschaftler in der Zukunft erzählen. Das wäre ja so, als würden Sie einer Wettervorhersage für nächstes Jahr glauben. Nein, lassen Sie uns das gemeinsam anpacken. Jetzt sofort. Uns hält nichts auf, die Pandemie ist ja zum Glück vorbei.“