Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVIII): Das Geknipse

21 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Anzeichen ästhetischer Selbstverwirklichung gab es früh. Schon der Cro-Magnon-Hominide beschränkte sich bei der Ausstattung seiner Höhlen nicht auf kultische Großformate, wie sie etwa in der Sixtinischen Kapelle bis heute Touristen aus aller Welt anziehen, er folgte ganz der Inspiration des Augenblicks. Jetzt ein Stück Protein, dachte der Kreative des späten Pleistozän, und flugs hatte er mit farbigen Fingern die so formschön wie auch schmackhafte Säbelzahnziege an die Wand gemalt. Von hier bis zum durchschnittlichen Honk, der sein Schnitzel fotografieren muss, weil man ihm sonst dessen Existenz nicht abnimmt, ist nur ein kleiner Schritt, der vordergründig mit dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduktionsfähigkeit zu tun hat. Wenn es denn um Kunst ginge bei diesem ganzen Geknipse.

Seit Erfindung der Box als frei verkäuflichem Billigapparat, dem noch lange der Ruf vorauseilte, albernes Spielzeug zu sein, stolpern Pausenclowns mit Kleinkameras durch ansonsten schmucke Städte und Museen, Tier- und Biergärten sowie alles, was sich schwimmend, fliegend oder vom Boden aus erreichen lässt. Sie drückend lachend ihren Finger in den Auslöser rein, schwiemeln sich ein Dutzend Abbildungen zurecht von Tauben im Rinnstein, dem gelben Sonnenschirm über dem Eiscafé in Bad Gnirbtzschen oder dem kleinen Flüsschen nahe der Pension in der Badgasse, wo der Großonkel schon vor fünfzig Jahren einmal übernachtet haben muss. Unvergessliche Momente wie die Hochzeit von Dings und dieser einen da, wie hieß sie noch, aber das Kind war schon da, und die Taufe ist auch auf dem Film, werden erst auf Celluloseacetat gebannt, in handliches Format für ein Einklebealbum oder die Geldbörse auf allmählich gilbendes Papier mit leicht abknickbaren Ecken transformiert und landen schließlich in der zweituntersten Staubschicht, die während der Verschmelzung mehrerer Seiten auf niedermolekularer Ebene zu einem Festkörper wird, der jeder mechanischen Verformung abhold nicht mehr zu benutzen ist und im Container endet. Es heißt, Heisenbergs Unschärferelation sei Produkt eines Familienfotobuchs, das damals noch nicht im Internet bestellt und originalverschweißt dem Müll zugeführt wurde, sondern durch Photoneneinfall in Verwendung gebracht werden sollte, was direkt zur physikalischen Katastrophe führte.

Das Problem ist weniger die qualitative Beurteilung des Outputs, der bei vernünftiger Beherrschung der handwerklichen Mittel sowie beherztem Wegschmeißen sämtlicher Fehlversuche nicht einmal den Vergleich mit der professionellen Bilderzeugung scheuen muss, immer vorausgesetzt, es handelt sich um Waffengleichheit: der Irrglaube, man erlange durch Erwerb und Mitführen einer Ausrüstung im Wert eines fabrikneuen Spähpanzers die höheren Weihen eines qualifizierten Fotografen, ist ungefähr so weltfremd wie der Plan, durch die Anschaffung eines Konzertflügels die Ausbildung zum Pianisten zu sparen. So produziert auch der Berufslichtbildner allerlei experimentellen Schrott bar jeglicher Brillanz, ödes Zeug und fehlbelichtete Spreu, die aber dank digitaler Möglichkeiten nicht mehr in die mühselige Korrektur gehen, sondern gleich in den Orkus. Die Lernkurve ist steil, es gibt allerhand wohlmeinende Ratgeber, und spätestens bei ‚Sonne lacht – Blende 8‘ merkt dann auch der obenherum eng gedübelte Hutträger, dass es sich beim Bildermachen selten um Hexenwerk handelt, sondern vielmehr oft um pure Technik.

Es ist einerseits die Wahl des Motivs. Neben der üblichen Alltagsdokumentation, die angesichts der Anzahl von Bildern belegter Brötchen klar Abstand nehmen lässt von der These, dieses Material werde aus historisch-forensischen Beweggründen in die Linse gedrückt, sind es Freizeitaufnahmen aus dem Sockelbereich des Banalen: Kevin mit Eiffelturm, Kevin am Hotelpool, Kevin mit belegtem Brötchen. Auch paartherapeutischen Ansätzen könnte man zustimmen, wären die Abbildungen signifikanter Anderer nicht tiefenschärfenmäßig ungefähr in der Kategorie der Brötchenbilder. Wahrscheinlich wird sich der Schöpfer irgendwann nicht mehr an die Reise mit dem Ding da erinnern, aber Hauptsache, er hat dann noch ein Foto davon. Und so sieht es ja auch aus.

Es ist andererseits das Zwanghafte der Belästigung, mit der die gesamte Mitwelt das ewige Geknipse sieht und hört und auf die eigenen Geräte geschickt bekommt, als könnte keiner nur einen Tag ohne Hohlhupe am Hotelpool mitsamt belegter Brötchen überleben. Die Einheit von Subjekt und Objekt perfektioniert den Prozess, für das längst zum Goldstandard der Fotografie gereifte Selfie ist nicht einmal mehr ein nennenswerter Hintergrund notwendig. Mit der Sättigung der Kameradichte ist das Fotografieren zum quasi reflexartigen Vorgang geworden, der jeglichen Anspruch künstlerischer Daseinsäußerung preisgibt. Denn wer würde sich, auch ohne erkleckliche Kenntnisse, mehrmals am Tag in sein kleines Zimmerchen zurückziehen und ein Streichquartett komponieren, auf die Gefahr hin, dass er niemanden findet, dem er damit auf die Plomben gehen kann?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVII): Wertschätzungszwang

14 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst tapert herum durch die öffentliche Welt. Es stolpert ständig jedem um den Hals und herzt dahergelaufene Deppen, schlägt Knalltüten vor Freude auf die Schulter und bejubelt jeden Feuchtbeutel, der mit seiner Atmung intellektuell voll ausgelastet erscheint. Dieser Geist ist voller Respekt, ach was: geradezu liebestrunken geht er in die Knie bei allen hirnverdübelten Schnackbratzen, denen eine Runde Vollkontakt mit der Faust große Dienste erweisen würde. Es ist die dämlichste Idee der Menschheit, ausnahmslos alle Hominiden für ihre sozial kaum verträglichen Sondermeinungen zu achten, ihnen für jede hirnrissige Absonderung in aufrichtiger Ehrerbietung zu nahmen und sie auch sonst zu behandeln, als hätten diese Mehlmützen noch ansatzweise alle Rillen auf der Erbse. Dieser dämliche Wertschätzungszwang, der uns vor allem im professionellen Umgang miteinander täglich bis knapp hinter die Grenze des Erbrechens treibt, er ist schlicht und ergreifend überflüssig. Und schädlich.

Selbstredend akzeptieren wir die Neigungen des Anderen zu flamboyantem Schuhwerk, Weingenuss bei Körpertemperatur und religiösem Aberglauben, solange er uns nicht nötigt, desgleichen zu tun. Wo aber nicht der Hang zur Individualität entscheidend ist, sondern die Dummheit ihr debiles Grinsen aus dem Gesichtsübungsfeld quetscht, da wird jegliche Duldsamkeit hinfällig. Torheit lähmt die Interaktion und lässt jeden halbwegs zur Vernunft fähigen Luftverbraucher in brüllendem Schmerz zurück, dass diese versaubeutelten Fehlversuche sich mit uns auf einer Erdkrümmung aufhalten dürfen. Wir aber haben laut Anstandsvereinbarung zu allem gute Miene zu machen? Nix da.

Um des lieben Friedens willen hocken wir auf der Geburtstagsfeier treu gegenüber dem ständig angetrunkenen Urgroßonkel mit dem angespannten Verhältnis zu Wasser und Seife, hören uns seine wirren Geschichten zu Kolonialismus, Krieg und Rassentheorie an und lassen ihm alles durchgehen, auch wenn er ankündigt, mit der abgesägten Flinte auf die Nachbarskinder zu zielen, weil polnische Nachnamen ein untrügliches Zeichen für genetisch veranlagten Kommunismus seien. Wir schieben ihm Schnaps über den Tisch, ignorieren sein Geopfer und ärgern uns die Magenschleimhaut wund, weil er auch bei der nächsten Beerdigung wieder verbale Faulgase absondern und die Gesellschaft in den blanken Ekel treiben wird. Wir aber sind selbst an der Misere schuld, weil sich das dümmliche Gefasel leicht von der Klippe kippen ließe, nicht ganz ohne Gewalt, aber nachhaltig und in angenehmer Stille verebbend. Man muss es nur wollen.

Gleichfalls wird jedes Team, ob es nun kegelt oder Panzerwagen aus Kartoffelbrei schwiemelt, zu Harmonie und Eintracht verurteilt, damit keine Zeit verlustig geht durch überflüssige Konfliktlösungen oder einen klärenden Axthieb. Wir alle haben uns furchtbar lieb und gehen damit den anderen auf den Zwirn, koste es, was es wolle. Selbstverständlich ist es gut, vertrauensvoll miteinander umzugehen und nicht nur den Materialwert einer Personalressource zu betrachten, aber die ständige Rücksichtnahme auf sozial nicht anpassungsfähige Bumsrüben ist in jeder Konstellation ein schwerer Ausnahmefehler, der alsbald zum Knirschen des Systems führt.

Die Ähnlichkeit mit dem Toleranzparadoxon ist kein Zufall. Auch hier sind die sozial kompetenten Klugen solange dumm zu den sozial inkompetenten Dummen, bis die Dummen den Rest des Systems in die kollektive Beklopptheit geführt haben, weil man ihre indolente Brägenversuppung immer und immer wieder für lässliche Verfehlung, nicht aber für eine virulente Gefahr hielt, an der sich die Population mit Hohlbratzigkeit infiziert, die ohne Prügel nicht mehr weggeht, mit Prügel höchstens zur Hälfte. Wir gehen mit dem intellektuellen Schmodder um, als handele es sich um geistige Einzelgänger, die man mit dem einen oder anderen freundlichen Hinweis leicht wieder auf den Pfad der Tugend brächte, würden die manischen Stumpfstullen einem bloß einmal richtig zuhören. Die Nichtdenker, die ihre eigene Ignoranz für mindestens so viel wert halten wie das Wissen der anderen, sie fordern für sich den gleichen Respekt ein, den sie dabei anderen nicht zugestehen, weshalb sie den sozialen Kontrakt dann schlicht aufkündigen, um ebendies den Gegnern vorzuwerfen, wie man es aus Opferrollenmentalität nun einmal zu tun pflegt.

Hören wir endlich damit auf, den Nervensägen ständig mit Dankbarkeit zu begegnen, weil sie uns einfach noch nicht zusammengeschlagen haben. Sie verwechseln Freiheit grundsätzlich mit der Freiheit gegen andere, nicht zuletzt deshalb, weil alles am Ende mit Konsenssauce zugekleistert wird, wenn nur alle damit einverstanden sind, dass sich alle – die anderen nämlich – zusammenreißen, damit der Kahn nicht kippt. Sonst sind wir bald bei der Zucht von Helden ohne Geschäftsbereich, wie sie von ganzheitlich verstrahlten Eltern durch permanenten Jubel bei der geringsten Äußerung des Enddarms zu Soziopathen erzeugt werden. Wo das endet, wird bei mancherlei liberalen Lacksäufern klar, die uns Rücksichtslosigkeit als einklagbares Privileg verkaufen wollen. Respekt, wer das weghaut.





Kanzlermaterial

15 12 2021

„Das ist nicht Ihr Ernst!“ Siebels stöhnte. „Ziehen Sie das an“, presste er zwischen den Lippen hervor, „wir sind in zwei Minuten auf dem Studiogelände.“ Ich wusste nicht, wann ich mich je zuvor in einer Limousine in einen Anzug gezwängt hatte, noch dazu auf der Rückbank und bei deutlich überhöhter Geschwindigkeit.

„Niemand wird Sie erkennen“, hickste der TV-Produzent, denn wir jagten über Kopfsteinpflaster. „Sie tun einfach, was Sie in den Anweisungen für Berufspolitiker gelesen haben, dann kann uns gar nichts passieren.“ Ich versuchte irgendwie, am Reißverschluss der Hose zu ziehen. „Und für wen werden sie mich halten?“ Siebels zuckte die Schultern. „Vermutlich für einen Staatssekretär, eventuell auch für einen Minister – das Kabinett ist so neu, die haben sich bestimmt noch nicht alle Namen gemerkt.“ Da öffnete sich auch schon das Rolltor, der Wagen glitt mit scharfem Schwung hinein, um dann abrupt in die andere Richtung abzubiegen. Siebels hielt sich am Griff über der Tür fest. „Die Krawatte sitzt“, lobte er. „Beckmann, wir werden an der 3 erwartet.“ So war es auch, an der Halle stand ein Pulk mit Mikrofonen und Kameras. Der Fahrer ließ das Auto ausrollen. Jetzt galt es.

Kaum hatte Beckmann die Tür geöffnet, hatte ich schon das erste Diktiergerät unter der Nase. Ein junger Mann streckte mir den Arm gefährlich nahe; ein Schritt, und er wäre nach vorne gefallen. „Was können Sie uns zur aktuellen Situation sagen?“ In den Gesichtern der anderen Reporter war deutlich die Verärgerung zu lesen, dass ausgerechnet er die wichtigste Frage zu stellen gewagte hatte. Ich zog die Hände aus den Hosentaschen, vollführte eine beschwichtigende Geste und atmete hörbar ein. Der Geräuschpegel schien sich daran nicht zu stören; es klickte und schnaufte verbissen weiter. „Zunächst ist die Bundesregierung in engem Kontakt mit allen Experten“, begann ich. „Dabei wird es für uns keine roten Linien geben, da wir die Folgen einer solchen Lage wie der gegenwärtigen, in der wir uns jetzt befinden, auch in ihren Auswirkungen für uns und unsere internationalen Partner analysieren – wir machen uns zu jeder Entwicklung ein genaues Bild, aber ich wiederhole nochmals: wir schließen keine notwendige Reaktion auf die Ereignisse aus.“ Ich wippte ein wenig auf den Zehenspitzen, denn es war um diese Tageszeit empfindlich kalt. Siebels sah nervös zu mir herüber. Noch waren wir nicht aus dem Schneider.

„Hüppelspeck“, rief eine Journalistin, „Bad Gnirbtzschener Bote!“ Sie fuchtelte aufgeregt mit dem Kugelschreiber, obwohl ihre Assistentin das Mikrofon hielt. „Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht jetzt notwendig?“ Ich warf einen kurzen Blick zu Siebels und räusperte mich. „Vor allem werden wir schnell und entschlossen handeln“, verkündete ich. „Die Lage erlaubt keinen weiteren Aufschub, und ich sage dazu, dass wir über die Parteigrenzen hinweg uns darauf verständigt haben, Lösungen zu finden, die verfassungskonform sind – die Kritik einzelner Teile der Opposition ist nicht konstruktiv und wird uns als Bundesregierung nicht abhalten, einen wirklichen Fortschritt ins Auge zu fassen, den die Bürgerinnen und Bürger in dieser Stunde von uns erwarten können.“ „Was heißt das konkret?“ Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Siebels in diesem Moment zusammengefahren war. Aber gut, sie wollte es wirklich wissen, also würde sie auch eine Antwort bekommen. „Ich will den Beratungen in den Gremien zu dieser Stunde nicht vorgreifen“, führte ich ungerührt aus, „das würde eventuell zu vorschnellen Erwartungen an die Beschlussebene führen, die unsere Lage nicht verbessern.“ Sie nickte. Ein offenes Wort kann doch Wunder wirken.

Sicher hatte Siebels mit dem Finger auf einen der frierenden Korrespondenten haben, denn er fiel mir umgehend ins Wort. „Können wir zur Stunde einen Kursturz an der Börse ausschließen?“ Na gut, mein Junge, dachte ich mir. Du wolltest es ja nicht anders. „Können Sie zur Stunde einen Anstieg der Aktien ausschließen?“ Die anderen wussten nicht, warum sie lachten, aber sie lachten. Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, dieses Training mit dem Produzenten, der vor lauter Talkshows kaum noch vernünftige Sachen machen konnte. „Noch drei Fragen“, tönte es aus dem Hintergrund. Ich atmete auf. „Welche Belastungen werden jetzt auf die Bürger zukommen?“ Ich zog die Stirn in Falten. Zwar unbeabsichtigt, aber es passierte einfach. Pass auf, Freundchen. „Wir haben immer gesagt, dass es die notwendigen Veränderungen geben muss, und wir haben von den Bürgerinnen und Bürgern eine hohe Zustimmung zu den Transformationen in allen Lebensbereichen erhalten, mit denen wir uns nun vor den Krisen schützen, einerseits, andererseits vor den Folgen, die wir zu gewärtigen hätten, wenn wir uns eben nicht für die Zukunft wappnen würden. Das möchte ich an dieser Stelle noch einmal in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen, weil es der Auftrag ist, den ich persönlich mit meinem Amt in der Bundesregierung verbinde.“

Die Standheizung war ausgefallen. Hektisch knetete Siebels seine klammen Finger und wühlte in den Manteltaschen. „Es lief aber doch ganz gut“, zwängte er zwischen seinen klappernden Zähnen hervor. Der Wagen fuhr langsam an. „Also ich habe ja schon viele gesehen“, sagte Beckmann, „Sie sind ein echtes Naturtalent.“ Siebels nickte, vielleicht sah es auch nur so aus. Schon waren wir wieder auf dem Weg in die Produktionsfirma. „Man muss sich immer etwas einfallen lassen“, keuchte er. „Die politische Klasse verlangt das einfach.“





High Five

2 12 2021

„Gleich geht es los!“ Herr Breschke rieb sich die Hände. Zwei Teller mit Gebäck und Nüssen balancierend erklomm er die Treppe zum ersten Stock, schob sich durch die Tür im kleinen Lesezimmer, im dem er ein Tischchen mit zwei Sesseln aufgebaut hatte. „Nehmen Sie doch Platz, es ist bestimmt gleich so weit!“

Nachdem ich es mir auf dem linken Sessel bequem gemacht hatte, setzte auch er sich. Alles war an seinem Platz, das Notebook war mit allem ausgerüstet, was man brauchte – mein Neffe Kester, der auf einen Sprung zwischen zwei physikalischen Expertentreffen bei mir vorbeigeschaut hatte, war so freundlich gewesen, die notwendige Technik ins Haus des pensionierten Finanzbeamten zu schaffen. „Ein großartiger Junge“, bestätigte der Hausherr, „er hat handwerkliches Talent, das sollte er zum Beruf machen.“ Er klickte ein bisschen auf dem Bildschirm herum, ich knabberte ein paar Nüsschen und sah ihm zu. In diesen Zeiten muss man den Advent eben modern feiern.

Und schon öffneten sich die Fenster. Mit einem sonoren „Guten Abend, die Herrschaften!“ ließ sich Staatsanwalt Husenkirchen vernehmen, offenbar im Kaminzimmer sitzend. Doktor Klengel, der alte Hausarzt der Familie, hatte leichte Schwierigkeiten, den dünnen Kopfhörer auf den Ohren zu halten, und sprach anfangs etwas abgehackt. „Was für ein Tag“, stöhnte es. Bruno Bückler, weithin als Fürst Bückler bekannt, Inhaber und Küchenchef des legendären Landgasthofs, saß auf dem Stuhl im hinteren Gastraum, während leise Glas und Teller klirrten. „Dann sind wir ja vollzählig“, stellte ich fest, doch Herr Breschke schüttelte den Kopf. „Ich würde doch die Runde niemals ohne Ihre…“ „Ich kann Sie hören“, zwitscherte es hell, bevor sich das Fenster öffnete. Anne war also auch da.

„Ich muss doch den Flaschenöffner irgendwo haben“, sinnierte der Hausherr. Das Werkzeug lag sicher im Korb, der wie eine gut sortierte Hausbar aussah, und ich wunderte mich schon, suchte aber lieber. „Mein lieber Herr Breschke“, hub da Herr Husenkirchen an, „angesichts dieser schrecklichen Nachrichten bin ich doch erleichtert, Sie so gesund zu sehen.“ Dazu hob er sein Glas, prostete in die Kamera und nahm einen großen Schluck. „Da neben dem Regal“, flüsterte Breschke mir zu. Offenbar hatte er mit allem gerechnet und sich eine Auswahl an Gläsern bereitgestellt, so dass er nun seinem alten Bekannten zutrinken konnte. „Hätte etwas kälter sein können“, flüsterte er. Dem Etikett nach musste Breschkes Tochter die Flasche besorgt haben, jedenfalls handelte es sich um einen original Bordeaux Frères aus Frankenreich, und das sind ja bekanntlich die besten.

Während Doktor Klengel von der Leidenschaft des Fotografierens erzählte, schlürfte er genüsslich einen Grog von Rum nach altem Hausrezept, das sicher von einem Wasserscheuen erfunden wurde. Heißes Wasser war auf die Schnelle nicht zu haben, also goss Breschke ein bisschen Sprudel ins Glas, das er großzügig mit der Spirituose auffüllte. „Zum Wohle“, rief er, „Zucker muss ja nicht!“ Bruno seinerseits tat sich am Wodka gütlich, was leichte Verlegenheit hervorrief. Ich runzelte die Stirn. „Das scheint mir hier ein regelrechtes Besäufnis zu werden“, tadelte ich den Alten. „Sie können doch nicht alles durcheinander zu sich nehmen.“ Er aber winkte entschiednen ab. „Erstens ist nur einmal im Jahr Weihnachten, und zweitens gehört es sich doch nicht, dass man hier einer Herrenrunde…“ „Ich kann Sie hören“, ließ sich Anne vernehmen. Mehr als eine Bierflasche hatte sie nicht auf dem Tisch, aber das war sicher der Tatsache geschuldet, dass sie spät abends noch in der Kanzlei saß.

Irgendwie musste es Breschke versehentlich gelungen sein, alle Fenster zugleich vom Monitor verschwinden zu lassen, jedenfalls teilte er mir die Regeln dieser Festlichkeit mit zaudernder Zunge mit. „Ich kann doch nicht alle einladen und dann etwas anderes trinken“, bekräftigte er. „Stellen Sie sich mal vor, ich würde jetzt mit Tee…“ „Ist ja auch erst der dritte“, krähte es fröhlich. Doktor Klengel poppte auf, Bruno Bückler schüttete sich aus vor Lachen. Vor Schreck setze Horst Breschke den Wein an. „Das musste ja so kommen!“ Staatsanwalt Husenkirchen guckte schon glasig aus dem Fenster. „Dass wir hier alle noch einmal so gemund und sunter hier alle zusammen…“ Es musste ein guter Tropfen gewesen sein.

Das Gebäck erwies sich als gute Ablenkung, schnell wechselte Bruno das Thema aufs Backen, von Anne tatkräftig unterstützt. „Merken Sie sich’s schon mal fürs nächste Jahr“, flüsterte ich, „dann bietet sich eine virtuelle Kaffeetafel an.“ Bruno schimpfte ein wenig auf Hansi, den Bruder und Chef des Service, bevor er sich kräftig nachgoss. Doktor Klengel war drauf und dran, zweideutige Anekdoten aus der Geschichte seiner Praxis zu erzählen. Nur Herr Breschke guckte ängstlich auf den Bildschirm. „Sie wollen doch Ihre Gäste jetzt nicht alleine lassen“, fragte ich, „was macht das für einen Eindruck?“ Er griff zu den Plätzchen. „Sie hätten auch eher etwas nehmen sollen wie…“ Ich schaltete vorsichtshalber alle Gäste stumm, das heißt: ich versuchte es. „Ich kann Dich hören.“ Anne hielt ihre Flasche in die Linse. „Ja, es ist alkoholfrei, und nein, es ist nicht freiwillig.“

Staatsanwalt Husenkirchen äußerte noch einmal seine Freude, wie jung alle zusammengekommen seien, Doktor Klengel bekam Schluckauf. Ich schloss die Konferenz und Herr Breschke atmete sichtlich auf. „Das Gute an der Technik“, kicherte er, „das Gute ist doch, dass man danach nicht mehr nach Hause muss.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCI): Verantwortungsdiffusion

19 11 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im achten Jahrhundert war’s, die englische Landschaft besaß noch ihren anfänglichen Charme – man durfte schon damals nicht viel erwarten – und die Gastronomie war nur wenig schlechter als der Rest der Umgebung. Pippin der Mittlere hatte seinen beiden Außendienstmitarbeitern Suitbert und Willibrord die Adresse eines passablen Gasthofs in Camulodunum mit auf den Weg gegeben, wo diese nun auf in schwimmendem Fett gebratene Rüben warteten, wie es dort Sitte ist. Irgendein Scherge hatte die Bestellung aufgenommen, Bier mäßiger Qualität wurde vom Mundschenk gereicht, doch das Mahl ließ und ließ auf sich warten. Irgendwann wurde es einer der Missionsfachkräfte zu bunt, er sprach den Burschen an, der sich so prompt wie knapp aus der Affäre zog: dies, sagte der Aufwärter, sei nicht sein Tisch. Die beiden verpassten ihm unter Zuhilfenahme des Schlagrings eine fröhliche Auferstehung, wie in besseren Editionen der Gesta Romanorum noch heute zu lesen ist, als Beispiel für die frühe, schon seinerzeit unsinnige Anwendung der Verantwortungsdiffusion und wohin sie führt.

Auch ohne verwaltete Welt ist das Phänomen schnell erklärt: um eine vernünftige Handlung auf Grundlage unstrittiger Gesetze auszuführen, bedarf es einiger Personen, die dieses entschlossen und im Rahmen ihrer Befugnis tun, Ermessensspielräume eingerechnet, Sachzwänge ebenso, aber eben nicht im Vordergrund. Was aber die Zuständigkeit einer verbeamteten Kaste angeht, die sich jede Haftung mit der Übernahme des Postens verbittet, so haben wir uns längst in einen schallschluckenden Korridor begeben, in dem auch schriftliche Anweisungen das Halbdunkel der Befehlskette nicht mehr verlassen. Es liegt eine Notwendigkeit vor, die ad hoc aus der uns bekannten Welt geschafft werden muss, Flut oder Vulkanausbruch, und es bedarf offensichtlich eines Erdbebens, bis einer der Entscheidungsträger aufwacht, um seinen verschissenen Job zu machen.

Geradezu spieltheoretisch lässt sich auch die Aufgabenverteilung in der Organisation kleiner Gruppen erklären, in der vier bis sieben Grützköpfe gemächlich zuschauen, wie das Wasser bis kurz unter die Zimmerdecke steigt, bis sich einer findet, der den Stöpsel zieht – nicht der, der gut taucht, aber er hat nicht die größte Lust, mit den anderen abzusaufen. Die anderen paddeln derweil umher, stets einen klugen Kommentar auf den Lippen, dass sie es schneller und besser gekonnt hätten, eher sowieso, wenn man sie nur nicht durch kollektive Passivität an ihrer kollektiven Passivität gehindert hätte. Nicht umsonst ist das Wort Team längst in Verruf, nur Akronym zu sein für: Toll, ein anderer macht’s. Mit dieser gezielt kontrasozialen Haltung ließen sich ganze Staaten, ja Menschheiten in die Grütze reiten, wenn irgendwo zufällig eine Pandemie um die Ecke linst oder das Klima sich entschlossen hat, ohne diese degenerierten Primaten weiterzumachen.

Natürlich geht im großen Maßstab gewählter Kippfiguren der auf milchmädcheneske Strukturen zurechtgeschwiemelte Plan noch viel besser auf; bevor Passierschein A38 abgestempelt wird, muss der Widerstand der gesamten Materie überwunden werden, der sich gegen die eigenen Vorschriften sträubt. Sonst können auch die Mächtigsten gar nichts tun. Läuft es richtig gut, verstecken sie sich dafür hinter ihrer Verantwortung, die sie gar nicht erst übernehmen, und es geschieht genau nichts. Das muss dann politisch erklärt oder entschuldigt werden, notfalls haben die anderen es verhindert, aber hier sind wir auf Nebenkriegschauplätzen. Die gefühlte Schuld wird durch die große Zahl an Teilnehmenden dividiert immer geringer und damit unfühlbar. Da wir ohnehin nicht mehr in der Lage sind, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, erst recht nicht in Machtpositionen, driften Verleugnen und Verdrängen in eine realitätsallergische Form von Selbstrechtfertigung, die mittlerweile als fester Bestandteil der Politikerpsyche vorausgesetzt wird.

Irgendwann nehmen wir diesen Unfall, den das gesellschaftliche Leben darstellt, nur noch wahr wie einen zufälligen Zusammenstoß, um den man sich auf der Straße schart, ein paar Leute gaffen, manche haben aus Prinzip die Hände in den Hosentaschen, und alle wissen: das wird böse enden. Jeder würde etwas tun, sobald ein anderer vor ihm anfängt. Es ist der einzige Moment, in dem die sonst abhanden gekommene Impulskontrolle einwandfrei klappt, weil sich die Zuschauer beim Zuschauen zuschauen und gar nicht genug bekommen von ihrer Ignoranz. Natürlich lehnen wir diese Einfaltspinselei ab, sind aber von der eigenen Unschuld überzeugt, da auch die anderen sich nicht bewegen. Das ganze System gleicht einem Verantwortungsmikado, das weder Fehler noch Schwächen, nicht einmal ein normales Verantwortungsbewusstsein duldet, schon gar nicht, wenn die Rollen der Verantwortungsträger längst mit intellektabstinenten Quotenwürstchen besetzt sind, die man ab Werk unzurechnungsfähig gekauft hat und von denen man eine Reflexion ihres Tuns nie erwartet hat. Die Welt wird komplexer, die wir uns selbst geschaffen haben, und es genügt, wenn jemand daran schuld ist. Er muss ja nichts damit zu tun haben. Hauptsache, alles bleibt, wie es ist.





Influenza

15 11 2021

„Und was würde Helene Fischer kosten?“ „Das ist gar nicht unsere Zielgruppe.“ „Wollten Sie lieber irgendwas Intellektuelles?“ „Bratwurst würde zur Not genügen.“ „Die ist ja im Vergleich zu Helene Fischer durchaus gehaltvoll.“ „Aber wie macht man eine Samstagabendshow mit einer Bratwurst?“

„Das Problem mit manchen Experten ist ja, dass sie so unbeliebt sind.“ „Das Problem mit denen ist, dass sie keine Experten sind.“ „Dafür sitzen sie aber ziemlich häufig in Talkshows.“ „Dann können wir das mit dem Fernsehen knicken.“ „Sie erreichen die Leute aber nicht anders.“ „Kino?“ „Da müssen Sie ja schon geimpft sein, um reinzukommen.“ „Test reicht doch.“ „Aber dann verlieren wie die, die sich nicht testen lassen wollen, damit sie sich weiter diskriminiert fühlen können.“ „Und so ein Film ist ja auch nicht mal eben gedreht.“ „Und dann muss man auch noch Eintritt zahlen.“ „Dann schon lieber ein Zeitungsbeitrag.“ „Bitte!?“ „Er liest Feuilleton.“ „Das ist bestimmt auch ansteckend.“ „Hähähä!“ „Das ist so 20. Jahrhundert.“ „Und die Zielgruppe, die verorten Sie dann in der Gegenwart?“ „Also bitte, so kommen wir nicht weiter!“ „Früher gab es Preisausschreiben.“ „Wollen Sie da Ihre Bratwurst verlosen?“ „Man könnte so ein Treffen mit einem Experten in einer Fernsehsendung, wo sich die…“ „Wir versuchen es lieber noch mal im Guten.“

„Vorabendserie?“ „Gibt es noch diesen Arzt?“ „Welchen jetzt genau?“ „Er meint den aus Berlin.“ „Nee, von der Berghütte.“ „Krankenhaus haben wir ja genug.“ „Ab sofort nur noch Intensivstation, da können wir dann direkt…“ „Wollen Sie die Leute unbedingt mit Angst triggern?“ „Außerdem wird da gar nicht geimpft.“ „Und die nächsten drei Staffeln von dem Zeugs sind schon abgedreht.“ „Ich dachte ja nur.“ „Krimis könnte man machen.“ „Da wird eine Impfpassfälscherhöhle ausgehoben?“ „Oder sie finden einen Container mit falschen Schnelltests.“ „Das stärkt natürlich das Vertrauen in die Impfung ungemein.“ „Meine Güte, was kann ich dafür, dass das deutsche Fernsehen so beschissen ist?“ „Dann kann man ja noch eine Doku-Soap drehen.“ „Wir begleiten Krankenpfleger eine Woche lang auf der Intensivstation.“ „Das will keiner sehen.“ „Dürfen wir überhaupt zeigen, wie Ungeimpfte abkratzen?“ „Nein, Schweigepflicht.“ „Und Datenschutz.“ „Da haben wir ja gerade noch mal Glück gehabt.“

„Fußballer?“ „Bitte nicht diese Diskussion!“ „Es kann doch nicht schaden, wenn wir einen in ein Fernsehformat integrieren.“ „Also ein ungeimpfter Mittelstürmer wird in der Krankenhausserie auf die Intensivstation geschickt und spielt sich selbst, wie er sich impfen lässt.“ „Das klingt schon bekloppt.“ „Hätte also einen hohen Identifizierungsfaktor bei Impfgegnern.“ „Das kriegen Sie bei den Beratern nie durch.“ „Im Fernsehen?“ „Von den Spielern.“ „Also ich weiß ja nicht.“ „Die Bilder müssen wir aushalten.“ „Vielleicht sollten wir mal bei denen fragen, wie sie die mediale Präsenz herstellen.“ „Die Fußballer?“ „Die Impfgegner.“

„Es gibt doch diese Leute im Internet.“ „Da gibt es Leute?“ „Sie wissen schon, die da was erzählen.“ „Die sind ja eher Teil des Problems, wenn Sie das meinen.“ „Ich meine die Videos, wo Klamotten und Handys verkauft werden.“ „Teleshopping?“ „Nicht ganz, die machen da nur Werbung.“ „Und dann holt man sich Influenza.“ „Igitt!“ „Sie sprechen das aber falsch aus.“ „Ich muss das ja auch nicht selbst machen.“ „Und das macht Helene Fischer?“ „Was haben Sie denn immer mit der, die kriegt gerade ein Kind.“ „Im Internet?“ „Solange nicht irgendeine Nachrichtentante da ihre Darmspiegelung sendet, kann ich damit leben.“ „Man müsste es natürlich in den richtigen sozialen Medien zeigen.“ „Haben wir denn einen, der sich damit auskennt.“ „In unserer Abteilung ist ein Veganer.“ „Die sind ja alle im Internet.“ „Solange er sich da nicht radikalisiert hat, ist das okay.“ „Der sollte nur besser nichts erzählen über Bratwurst.“ „Darüber würden sich aber alle sofort empören.“ „Stimmt, das schafft auch eine Menge Aufmerksamkeit.“

„Haben die nicht neulich irgendwo in der S-Bahn geimpft?“ „Der deutsche Personennahverkehr ist ein schwieriges Thema.“ „Ganz weggekriegt hat ihn die Regierung noch nicht.“ „Das macht die FDP in den nächsten Jahren.“ „Ich dachte, die Pandemie ist im nächsten März vorbei?“ „Mit dem Angriff von Lindner kommt das alles in Ordnung.“ „Dann können wir ja immer noch was mit Helene Fischer machen.“ „Wenn sie dann noch will.“ „Oder auf der Straße.“ „Viel zu gefährlich.“ „Stellen Sie sich mal vor, da erkältet sich einer, wenn er zum Impfen den Ärmel hochkrempelt.“ „Das würde sofort wieder ins Internet gehen.“ „Alternativ kann man doch in den Innenstädten jemanden hinstellen, der die Leute zum Impfen überredet.“ „Auf dem Land machen Sie dann gar nichts?“ „Da kommt dann einmal in der Woche der Impfbus.“ „Das klingt schon wieder innovativ, so dämlich ist das.“ „Impfen vor dem Supermarkt?“ „Dann kommt man ja gar nicht rein, weil der Impfschutz erst zwei Wochen später an zu wirken fängt.“ „Wenn man aus dem Supermarkt rauskommt, dann kriegt man…“ „Das heißt, die Leute dürfen weiter ungeimpft in den Supermarkt.“ „Jetzt kommen Sie den Impfgegnern doch nicht mit Logik, das hatten wir alles schon.“ „Das konnte ja keiner vorhersehen.“ „Haben wir denn überhaupt genug Impfdosen für die ganze Aktion?“ „Keine Ahnung.“ „Wir machen erstmal Werbung, vielleicht verbessert sich dann die Lage.“ „Das klingt nach einem Plan.“ „Ich sage doch, wir sollten alle viel positiver denken.“ „Dann halten wir das mal fest: Weihnachten kann kommen.“ „Gut, dass wir das im Griff haben – hier in Deutschland.“





Zielvereinbarung

10 11 2021

„… eine EU-weite verpflichtende Kontrolle von Chatinhalten vorbereitet werde. Dies sei nötig, um die Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen in den sozialen Medien noch wirksamer zu…“

„… durch automatisierte Scans in Prozessoren erfolgen würden. Eine gewisse Anzahl an Treffern, die zu versehentlichen Rechtsfolgen führe, müsse von den Nutzern toleriert werden, da sich nur so die Sicherheit in den…“

„… habe auch die FDP die Maßnahmen im EU-Parlament einstimmig befürwortet. Dies sei jedoch notwendig gewesen, da sonst die Freiheit der Bürger, sich eigenverantwortlich kontrollieren zu halten, nicht innerhalb des…“

„… müsse ein Mobilfunkstandard entwickelt werden, der ältere Geräte nicht mehr unterstütze. Dies diene gleichzeitig der Modernisierung der digitalen Kommunikation und biete den Nutzern auch Vorteile wie ein permanentes Backup der…“

„… es keine verschlüsselten Nachrichten mehr gebe, wovon auch Kommunikation betroffen sei, die auf nationaler Ebene einem besondere Schutz unterliege. Die EU-Kommission empfehle etwa Rechtsanwälten, ab sofort nur unverschlüsselte E-Mails zu nutzen, da diese nicht mit großem Aufwand gehackt werden müssten, wenn es einen Grund für die…“

„… mit schweren Vorwürfen reagiert habe. Die konservative Fraktion sei der Ansicht, dass bei weniger Widerstand gegen Vorratsdatenspeicherung und Staatstrojaner eine derart komplizierte Aktion gar nicht nötig gewesen wäre, so dass man nun die Abschaffung von Bürgerrechten nur zum Schutz vor übermotivierten Demokraten und…“

„… auch erste kritische Stimmen innerhalb der Geheimdienste gehört würden. Die letzten Versuche einer Quellen-TKÜ seien mit immensem Aufwand zur Aufdeckung von Kleinstkriminalität mit Drogen unternommen worden. Diese würden durch die Legalisierung von Cannabis zu einer vollkommen überflüssigen…“

„… sich die Chatkontrolle nicht etwa gegen die Bürger wende, sondern nur wegen krimineller Banden eingerichtet werden solle. Wer keine auffälligen oder auffällig unauffälligen Begriffe benutze, werde die Überwachung gar nicht…“

„… auch Urlaubsfotos oder Kinderzeichnungen von den Algorithmen als Missbrauch interpretiert würden. Dies sei jedoch vorgesehen, da nur so die Zielvereinbarung einer Aufklärungsquote von zehn Millionen Straftaten pro…“

„… dass der Austausch von Bauteilen in einem Smartphone kompliziert und sehr kostspielig sei. Die Experten seien davon überzeugt, dass dies das Know-how der organisierten Kriminalität durchaus übersteigen könne und zu einem…“

„… Begriffe wie ‚Banane‘ oder ‚Wurst‘ als verdächtig gelten würden. Man werde zwar durch viele Einkaufslisten von der Ermittlungsarbeit abgehalten, könne aber durch viele medienwirksam inszenierte Zugriffe auf unscheinbare Nutzer in der Öffentlichkeit auf die Vorteile einer EU-weiten…“

„… dass der Informantenschutz noch immer ein ungelöstes Problem darstelle. Die Kommission rate Journalisten zur Einhaltung der Schweigepflicht, um keine unbeabsichtigten Eingriffe der…“

„… schnell Entwarnung gegeben habe. Eine Trefferquote von etwa 80% der Verdachtsfälle sei nicht viel schlechter als erwartet. Hätte man sich wie vorgesehen nur auf deutsche IT-Leistungen verlassen, wäre das Projekt innerhalb der nächsten fünfzig Jahre nicht einmal…“

„… würden die auf Smartphones gefundenen Mediendateien lediglich mit zentral gespeicherten Inhalten aus den vorangegangenen Ermittlungen vergleichen. Die Entdeckung neuer Darstellungen von Kindesmissbrauch könne die Technologie nicht leisten, weshalb die EU auch weiterhin auf die Kooperation mit Tätern setze, die sich freiwillig für eine Übergabe von…“

„… nicht von Politikern missbraucht würde, da diese für Straftaten meist technisch sichere Kanäle wie Telefax benutzen würden. Die Bundesregierung sehe eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit…“

„… dass ein Auslesen der Daten durch Hacker oder von interessierten Polizeikräften strafbare Inhalte aus der Datenbank entfernen oder nicht strafwürdige Dateien als kriminelle Inhalte einlesen lasse. Die Europäische Union lehne diese Sicht ab, da Polizeibeamte nie ihren Beruf ergreifen würden, um Straftaten zu ermöglichen, zu vertuschen oder sie in Ausübung ihres Dienstes mit Mitteln des…“

„… für Polizei- und Bundeswehrangehörige ein abhörsicheres Smartphone dienstlich gestellt werden müsse, um politisch neutral den Dienst für das Vaterland zu verrichten. Die Gefahr einer Kompromittierung durch technisch überlegene Störer sei zu groß, als dass man sie in der…“

„… werde sich die EU das Verfahren diesmal nicht so leicht machen wie bisher. Sobald die Vizepräsidentin des Parlaments herausgefunden habe, was ein Browser ist, wolle sie die ganze…“

„… habe die Politik mit dieser Maßnahme zur flächendeckenden Überwachung der Bürger schon genug für das Kindeswohl getan. Der Schutz vor einer flächendeckenden Durchseuchung mit SARS-CoV-2 sei daher weder organisatorisch noch finanziell mit den zur Verfügung stehenden…“





Vereinfachte Maßnahmen

14 10 2021

„… das Bundesprogramm zum Bürokratieabbau mit gebündelten Ressourcen zu beschleunigen. Es sei mit der Opposition abgesprochen, ein schnelles und unbürokratisches Verfahren zu…“

„… die Überregulierung im Antragswesen auf Bundes- und Landesebene eindämmen solle. Als kurzfristige Lösung sei eine Regulierungsbehörde geplant, die die Abschaffung von Gesetzen durch die Neufassung einer gesetzlichen…“

„… Verwaltungsvorschriften ab sofort nur noch digital veröffentlich werden sollten, um den Zugriff für die Wirtschaft erleichtern zu können. Strittig sei allerdings, ob die Bürgerinnen und Bürger auch für private Anliegen von den…“

„… sehe die FDP zahlreiche Möglichkeiten, den Verwaltungsaufwand bei Steuersenkungen zu minimieren, so dass durch geringere Personalkosten nochmals Spareffekte, die zu Steuersenkungen und weiteren…“

„… eine erhebliche Last von Kontrollpflichten ausgehe. So seien derzeit Steuerhinterziehung und Geldwäsche für internationale Investoren nicht mehr möglich, was für den Wirtschaftsstandort Deutschland eine empfindliche…“

„… dass das Bundesministerium für Justiz entschlossen sei, das Guter-Bürokratieabbau-Gesetz innerhalb der laufenden Legislatur vorzulegen, wenn es keine unvorhergesehenen…“

„… sofort einen interdisziplinären Arbeitskreis einsetzen werde. Dieser solle prüfen, welche der geltenden Gesetze zeitlich befristet würden, um die Belastung der Unternehmen nicht unnötig zu…“

„… die Abschaffung vieler Vorschriften auch dem Bürger dienen müsse. Der ADAC befürworte den Verzicht auf Bußgelder für Falschparken und Geschwindigkeitsüberschreitungen generell als Entlastung der Justiz und wolle damit die…“

„… in den Behörden darüber geklagt werde, dass Bürger oft vom Widerspruchsrecht Gebrauch machen würden. Dies sei zwar Teil rechtsstaatlicher Verfahren, könne aber durch stark vereinfachte Maßnahmen und größere Ermessensspielräume die Beschleunigung der Antragsverfahren im…“

„… ergebe sich aus der zeitlichen Befristung in der Steuergesetzgebung ein steigender Aufwand für Steuerberater und Finanzämter, da eine Anpassung der Verwaltungsvorschriften jeweils durch neue Dienstanweisungen und Softwareupdates in der…“

„… künftig Antragsverfahren anzubieten, in denen kein Widerspruchsrecht vorgesehen sei. Im Gegenzug sei eine beschleunigte Bearbeitung der Anträge bei den Behörden für die meisten der…“

„… dringe die FDP darauf, die Gesetzgebung im Steuerrecht regelmäßig auf Notwendigkeit zu prüfen. Lindner sehe das Modell der freiwilligen Steuerzahlung für Besserverdienende als durchaus praxistauglich an und wolle es in einem…“

„… die Bundesregierung die Digitalisierung der Genehmigungsverfahren überall da beschleunigen werde, wo die technischen Möglichkeiten verfügbar seien. Dies bedeute, dass die Verlangsamung der Verfahren vorerst nur in Einzelfällen aus den…“

„… zahlreiche Beschwerden über Landes- und Kommunalbehörden laut würden. Die Bürger hätten sich nicht selten für widerspruchsfreie Verfahren entschieden, müssten aber trotzdem teilweise viele Wochen und Monate auf Bescheide warten. Dies werde von der Verwaltung mit Personalmangel begründet, der wiederum zu bürokratischen Hürden bei der Gestaltung der Dienstwege sowie des…“

„… den Kündigungsschutz abschaffen wolle. Merz sehe in der Bevormundung der Wirtschaft eine der größten Hürden, die einseitig zu Lasten der Leistungsträger in den…“

„… seien Banken- und Versicherungsgewerbe gewillt, auf Standardschreiben bei der Änderung ihrer Geschäftsbedingungen zu verzichten, um die Kundenbindung nicht unnötig zu gefährden. Der Vorschlag werde laut Wirtschaftsministerium sehr wohlwollend geprüft, man habe aber noch keine Perspektive, wann eine Antwort auf die …“

„… eine planerische Gestaltung des Konzepts im Justizministerium derzeit noch nicht zur Gänze erfolgt sei. Man habe sich darauf verständigt, dass die zwischenzeitlichen Arbeitsgruppen, die die Übersicht über obsolete Vorschriften behalten sollten, mit einem Plus an Material eingesetzt würden, was als bürokratische Abbauprodukte in den gesetzgeberischen Richtlinien des…“

„… nehme die Länderkommission ihre Arbeit auf, sobald die Gremien besetzt seien. Insgesamt zehn Abteilungen mit mehr als 350 Untergruppen seien von der Bundesregierung eingesetzt worden, um eine schnelle Lösung verwaltungsrechtlicher…“

„… mit dem Vorschlag gescheitert sei, sämtliche EU-Rechtsvorschriften in nationales Recht überführen zu wollen, wie es im Falle des Brexit geschehen sei. Andererseits werde derzeit wieder ein Vorschlag diskutiert, nach dem sämtliches Recht in die Kompetenz der EU zu übertragen sei, damit es keine Beschwerden mehr gebe, dass es zu viel deutsche Vorschriften in den…“

„… den Maßnahmenkatalog mit den Ländern abstimmen werde, sobald sich eine Harmonisierung mit den Vorgaben des Justizministeriums abzeichne. Die Fristen seien jedoch zum Teil nicht eingehalten worden, so dass eine Wiederaufnahme des…“

„… das Verfahren noch nicht abgeschlossen sei, sich aber auf einem guten Weg befinde. Ziel der Kommission sei es nun, den Einsatz von Faxgeräten bis spätestens 2050 durch digitale Kommunikation zu ersetzen, so dass eine messbare Beschleunigung im Behördenverkehr auf Bundes- und Landesebene sowie in den zugehörigen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXI): Das Phänomen der Beibehaltung

10 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Krach im Paradies: Rrts Lieblingsfeuerstein war einfach nicht mehr aufzufinden. Die gesamte Höhle hatte der Schwager des Sippenältesten durchwühlt, Winter- und Sommerfell umgewendet, Körbchen mit Buntbeeren und Nüssen geschüttelt – nichts. Auf dem kleinen Felsvorsprung, da Ugas Speer und ein paar Lagen Bast ruhten, Zweige für Pfeil und Bogen sowie die Kieferknochensäge von Nggr, da fand sich das Werkzeug unter anderen Keilen und Messern. Keiner wusste, wie das Utensil dort hatte auftauchen können, bewahrte doch Rrt seinen Lieblingsfeuerstein stets an anderer Stelle auf, auch wenn diese ihm hin und wieder entfiel, in letzter Zeit meist täglich. Leichter wäre es gewesen, er hätte sich zur pragmatischen Lösung entschieden und den Schneidestein stets an der Stelle deponiert, an der er für alle zu finden sein würde, zum Beispiel auf jenem kleinen Felsvorsprung. Aber das war mit ihm nicht zu machen. Viel hatte Rrt nicht im Kopf, aber das war gründlich verschaltet, wie das Phänomen der Beibehaltung zeigte.

Auch heute noch zeigt sich die Wirksamkeit des Gewohnten als Erleichterung für Praxis. Wo einmal der Stift auf dem gut gefüllten Schreibtisch abgelegt wurde, bleibt er fortan auch liegen – außer, von den südlichen Hängen des Eingangskorbs segeln zehn bis neunundneunzig Blatt herunter und begraben das Schreibgerät unter sich, worauf eine Mission archäologischer Art stattfinden muss, um Materie und Strahlung voneinander zu trennen. Wer immer am Donnerstag den Gang zum Gemüseladen antritt, wird seine Gründe haben, dies auch über Jahrzehnte beizubehalten, gerät aber angesichts gesetzlicher Feiertage leicht in Schwierigkeiten, wenn sich die Realität als zu unflexibel erweist im Vergleich mit der eigenen Organisation. Ganze Lebensentwürfe, wie sie ein geistig nicht gesegneter Kotzkopf hatte, der von gelangweilten Schnöseln nach ganz oben durchgereicht wurde, um irgendwann das Land im Bodensatz seiner Dämlichkeit zu verschwiemeln, werden einmal in die Gegend geklotzt, stehen da, bedeuten nichts, und man lässt sie doch da, wo sie sind.

Nicht jedes Gewohnheit bietet die Friedlichkeit des Rituals, das ein Dasein mit zeitentrücktem Sinn strukturiert; bisweilen ist es praktisch, den Stift zur Rechten hinzulegen, wenn es die Suche effektiver macht, gleichsam als gedankenloses Reagieren auf die Notwendigkeiten des Daseins, die nicht so viel Rechenleistung erfordert wie aktive Beschäftigung mit den Objekten der Umwelt, was bei manchen an festgerosteten Synapsen scheitert, bei manchen an der preiswerten Grundausstattung unter der Kalotte. Andererseits birgt der Trott in einer komplexen Umgebung auch Konfliktpotenziale, gerade in der Zweierbeziehung, in der eine Seite die Nagelfeile in der Schublade mit den Schwimmflügeln, dem Reisewecker und den Impfpässen versteckt und die andere Seite sie einfach nicht findet. Diese sozialen Defizite haben vermutlich dazu geführt, dass das Bernsteinzimmer, die Weltformel und der Stadtplan von Atlantis frühzeitig verloren gingen, nicht, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, sondern weil sich derjenige, der noch genau wusste, wo sie immer gelegen hatten, aus dem Staub gemacht hat.

Sind die evolutionären Wurzeln der Gewohnheit auch unumstritten – immerhin können wir die nicht ganz so wichtigen Willensentscheidungen nebenher ausführen und müssen nicht ständig einen Akt der Verwaltung oder Verzweiflung ausführen – sie finden nur noch selten in lebensbedrohlicher Lage statt, wenn wir zielsicher den Feuerstein aus dem Gürtel ziehen müssen, um einen Pfeil zu schnitzen, bevor die Säbelzahnziege schlechte Laune kriegt. Sicherheit ist in der postmodernen Gesellschaft gründlich institutionalisiert, regelhafte Rationalität bringt uns dahin, Probleme mit Algorithmen zu lösen statt mit zielgerichtetem Nachdenken. Wir reagieren auf einen gewissen Reiz gar nicht mehr, lassen die Verhaltensunterdrückung arbeiten und werden automatisch, was wir bei entsprechender Routine als Fertigkeit verstehen. So wird der hinters Ohr geklemmte Stift alsbald zum Merkmal der pragmatischen Qualität, was kein Kunststück ist; das Ohr bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit an seinem Ort und wird nicht mit Schwimmflügeln in der Schublade verstaut.

Das Beibehalten einer noch so unsinnigen Handlung entlastet also die praktische Vernunft, steht aber gleichzeitig der Ausbildung ganzheitlich-kreativer Denkansätze im Weg, die die Verstarrung des Gewohnheitsmäßigen aufbrechen. Immerhin belohnt unser Gehirn uns für den Griff nach dem Griffel, nicht großflächig, aber mit einer gewissen Zuverlässigkeit, die bald Macht erlangt und alle Spuren des Gedächtnisses an Abweichungen vom Normalfall ausradiert. Bestimmt hat der erste unter Stress stehende Mensch am Rande des Paradieses den Zigarettenautomaten entdeckt, seinem Leben mit dem neuen Ritual eine neue Wendung gegeben und sein limbisches System austricksen wollen, während er von seinem limbischen System sauber ausgetrickst wurde. Am Ende, wir ahnen es, ist alles Biochemie. Irgendwer hatte es mal besser auf den Punkt gebracht. Irgendwer hat das verschlampt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIII): Wahlplakate

16 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nein, früher war nicht alles besser. Von wem man beherrscht wurde, hing im Wesentlichen davon ab, wer die letzte kriegerische Verteidigung oder Eroberung gewonnen, überlebt oder doch verloren hatte, wer von Feinden, Freunden oder der Familie einen Kopf kürzer gemacht, als Kind auf den Thron gehievt wurde oder alle seine Vorfahren ins Exil beförderte, um dann doch an Pest und Cholera zu sterben, meist mitsamt der kompletten Sippe, was die Einsetzung einer neuen Dynastie nach sich zog. Danach ging das ganze Theater wieder von vorne los, immerhin mit dem erfreulichen Unterschied, dass man sich um nichts mehr kümmern musste. Pharaonen und Könige, Kaiser und Sultane kamen und gingen, irgendwann musste sich das Volk um seine Gebieter selbst kümmern. Hin und wieder übernahm das ein starker Mann, der mit mehr oder weniger zerstörerischer Wirkung auf das Land seine Existenz in die Grütze ritt oder gleich in einem Arbeitsgang beendete. Gemeinhin müssen wir die Popanze aber selbst bestimmen, so fängt das Elend an. Mit dem Wahlplakat.

Intellektuell eher übersichtlich ausgestattete Personen halten den Akt, Gesichter auf Papier zu drucken und sie in die besiedelte Landschaft zu schwiemeln, für eine wichtige Form der Politik, die damit ihre Bereitschaft zur Verantwortung und zur Anerkennung des Wählerurteils demonstriert, alle paar Jahre wieder, in geordneter Form, streng nach Recht und Gesetz. Was da so gesittet vom Karton glotzt, ist für Idealisten immer noch ein Angebot an die Verfassung, dass das Trallala von vorgestern es auch in ein porentief weißes Übermorgen schaffen wird, wenn die Bekloppten weiterhin unkritisch und vielseitig ungebildet aus der Wäsche schauen. Es bedarf keiner Reflexion, die Nullaussagen auf den bunten Abzeichen des Brauchtumsterrors in ihre niedermolekularen Bestandteile zu zerlegen, es wird nur höchst selten unternommen.

Was ist da schon zu sehen außer einer Rotte Flachdachscheitelfressen in preisreduzierten Polyestersäcken, die Motivationsmüll von der Stange unter sich lassen: Wir für Euch – Damit die Zukunft noch besser wird – Mehr Brutto von Ihrem Netto. Die jüngste Vergangenheit, namentlich die, in der die abgebildeten Gesichtsschnitzel sich schon für Steuergeld den Steiß platt gesessen haben, war schlimm, wir als Teil des Problems wiederholen die ganze Scheiße und stopfen uns noch einmal mit Lösungen von damals für Probleme von heute die Penunzen in sämtliche Körperöffnungen. Wählt uns oder lasst es bleiben, Ihr seid uns eh wumpe. Her mit Macht und Kohle, weil eins das andere fördert, und habt Ihr keins von beidem, haltet einfach den Rand. Als Brechmittel von Wahlplakaten zu gucken ist schon widerlich genug.

Selbstredend bleibt auch hier genug Raum für die parteipolitische Auseinandersetzung, die dem mündigen Staatsbürger die Entscheidung erleichtern soll, vulgo: Konkurrenzgehabe in Form verbalen Gerümpels von der großen Halde an Hirnschrott, der sich in jeder ausreichend unterkellerten Birne ansammelt. Mehr Sonnenschein brutto, weniger Steuern auf die Zweitkakerlake, die anderen wollen das Butterbrot verbieten. Man kann und darf sich dem Schmodder nicht entziehen, aber mehr als spontan einsetzenden Ekel vor dem Gewinsel der glitschigen Kriecher entbietet kein Wähler dieser ästhetischen Vollkatastrophe.

Abgesehen von jeder politischen Standortbestimmung stellt sich ohnehin die Frage, ob die Pappnappel nicht zum anachronistischen Sperrmüll verkommen, der außer einer Beleidigung für Geist und Auge nichts mehr zeitigt. Zwei oder drei Sekunden ruht der Blick auf der verfetteten Kröte, die für uns eine Legislatur lang den Hohlkopf in den Sand stecken will, damit wir nur noch seine relevanten Körperteile zur Kenntnis nehme müssen. Zum Wegsehen reicht da auch das Internet, zum Wegschalten das dümmliche Gesülz und Geseier im TV zwischen zwei Werbungen für Inkontinenz- und Darmentleerungszubehör. Wir wissen sowieso, wer was verschweigt, weil dazu die Kalotte zu viel Dünnluft enthält, und wer seit Generationen mit perpetuierendem Mist seine Peinlichkeit untermauert. Nachhaltiger wäre ein Wahlplakat pro Partei, auf dem stünde, dass sie das sagen, was sie schon immer gesagt haben: dass sie immer schon gesagt haben. Noch nachhaltiger wäre nur die Erinnerung an die jeweils letzte Kampagne, deren beknacktes Geschwall zum nochmaligen Gebrauch empfohlen wird. Wozu neuer Wein, wenn die alten Schläuche eh aus Löchern bestehen.

Immerhin befriedigt das Wahlplakat den Instinkt des zurechnungsfähigen Staatsbürgers, dass es den braven Arbeitsmenschen irgendwo noch gibt, der in seinem Interesse und zur Befriedigung seiner tiefen Sehnsucht Politiker an einem Laternenpfahl in die Höhe zieht, während er straffrei zusehen darf, ohne Verfehlung alles geschehen lassen kann und nicht einmal durch Unterlassen sich schuldig macht. Der Wähler hat die Freiheit, die sinnfreien Objekte der Verschandelung des öffentlichen Raums komplett zu ignorieren. Dafür lohnt sich Demokratie.