Das muss mal zur Sprache kommen

4 08 2022

„Montag geht nicht. Montag ist ganz schlecht, da sind wir schon bei Drei gegen alle, Donnerstag wäre Ich habe recht!, und dann ist auch schon so ein Sommerinterview mit irgendeinem Grünen, dem müssen wir ideologisch motivierte Lügen vorhalten. Mittwoch wäre okay. Da kommt ein Spielfilm? Das ist mal wieder typisch für Ihren Staatssender, nichts darf man mehr sagen!

Herr Merz hat als wichtigster und führendster Politiker Deutschlands nun wirklich Besseres zu tun, als sich Ihre Programmvorschau durchzulesen, das ist Ihnen hoffentlich klar? Schließlich sind Sie bloß für die politische Propaganda zuständig, Volksaufklärung, wollte ich sagen, und worüber das Land aufgeklärt werden will, das lassen Sie mal unsere Sorge sein. Sie sollten sich mal lieber Gedanken machen, warum man in diesem Land so gegängelt wird und das Image von Politikern so mies ist. Das hat Herr Merz schon letzte Woche bei Jetzt rede ich gesagt, wenn Sie sich erinnern. Ich weiß, dass das nicht Ihr Sender ist, aber zu einer gesunden Medienvielfalt gehört nun mal, dass die Sender sich einig sind und nicht irgendwelche obskuren Sonderinteressen bedienen. Nehmen Sie sich gefälligst mal ein Beispiel an den anderen Sendern, die sind nämlich noch nicht so gleichgeschaltet wie Ihrer.

Ich möchte Sie nur an die letzte Sendung Das muss mal zur Sprache kommen erinnern, wo Sie ernsthaft behauptet haben, wenn die Mehrheit der deutschen Bevölkerung für ein Tempolimit ist, dann kann das Herr Merz nicht als Einschränkung der Freiheit bezeichnen. Sie sind hier nur der Redakteur, Sie haben die Sendung nicht moderiert, schon klar – um Ausflüchte sind Sie hier in dem kommunistischen Hetzkollektiv ja selten verlegen. Ist ja auch egal, jedenfalls steht es Ihnen einfach nicht an, die Meinung eines so großen deutschen Politikers der CDU, der nämlich fast Bundeskanzler geworden wäre, wenn nicht ein anderer Politiker die Wahl für die Union verloren hätte, als seine persönliche Ansicht zu kritisieren. Haben Sie eventuell mal nachgeschaut, welche Mehrheit sich da für das Tempolimit ausgesprochen hat? waren das möglicherweise Bevölkerungsteile ohne eigenes Auto? Haben da diese linksgrünen Lastenradfetischisten eventuell ein paar Scheinchen liegen lassen, dass Sie sich so rührend um die Abschaffung des Autoverkehrs kümmern? Die Mehrheit der Deutschen kann sogar für ein totales Tempolimit sein, deshalb hat Herr Merz trotzdem recht, weil er immer recht hat, und wer immer recht hat, der hat auch recht, wenn er darin eine Abschaffung der verfassungsmäßig garantierten Freiheiten sieht. Mit Logik haben Sie’s eher nicht so, oder!?

Doch, es ist eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, wenn Herr Merz seine Ansichten nicht frei äußern darf! Neulich bei Wirtschaft im Blickpunkt, da war plötzlich das Thema nicht relevant, weil es da nur um Wirtschaft ging. Natürlich geht’s da um Wirtschaft, und zwar um die deutschen Autobauer, oder meinen Sie, die haben keine Absatzprobleme, wenn man hier nur noch mit Tempo 30 über die Autobahnen schleichen darf? Das ist strukturelle Diskriminierung, wenn Sie das mit Ihrem limitierten Intellekt kapieren sollten – man wird nicht gleich ausgeladen, weil man dem linksradikalen Publikum mit der Wahrheit nicht mehr zuzumuten ist, man wird für irrelevant erklärt, und das heißt doch, man wird gleich ganz aus dem Diskurs entfernt. Letztlich bedeutet das doch, dass Herr Merz recht hat, sonst würde man ihn eben nicht rausschmeißen!

Möchten Sie uns an dieser Stelle vielleicht noch ein paar Gedanken zum Thema Gendern mit auf den Weg geben? Kultur heute hatte ja angefragt, ob wir uns dazu äußern würden, aber das war eine Diskussion mit einer Wissenschaftlerin, und die reden ja sowieso Sachen, die man mit normaler deutscher Erziehung und gesundem Menschenverstand gar nicht versteht und auch gar nicht verstehen soll. Jedenfalls lassen wir uns da nicht von so einer woken Extremistin vorführen, die außer schwammigen Begrifflichkeiten aus der Soziologie nichts in der Hand hat und vom Sender bezahlt wird, um die Deutschen umzuerziehen. Da werden Sie halt dann auf die Stimme der Vernunft verzichten müssen, die fällt eben der Zensurkultur zum Opfer, oder kann man bei Ihrem Sender schon sagen: Zensurkult?

Sie hätten mal lieber die Sendung von Thema: Deutschland im Programm lassen sollen, statt die Debatte über Denken und Gesellschaft einfach abzusetzen. Dann wüssten jetzt nämlich Sie und die interessierte Bevölkerung, dass es nur zwei Geschlechter gibt! Das ist wissenschaftlicher Fakt, das wollen Sie nur unterdrücken!

Ich sehe das gerade, nächste Woche kommt Franz Hassberg schon aus der Sommerpause zurück? Vielen Dank, aber Herr Sarrazin hatte angefragt, ob er das übernehmen darf, und da wollen wir nicht dazwischengrätschen. So ein bisschen Meinungsvielfalt tut ja manchmal auch ganz gut.“





Besserwisser

20 07 2022

„Also für mich ist das Umerziehung.“ „Das klingt so negativ.“ „Aber das Volk wird doch gezwungen, sein Verhalten zu ändern.“ „Für Sie ist Erziehung also gleich Zwang?“ „Ich will aber nicht von der Regierung erzogen werden!“ „Und was sollte Ihrer Meinung nach eine Regierung tun?“ „Irgendwas besser machen, aber nicht mich erziehen.“

„Ich nehme an, Sie wollen lieber ungezogen sein.“ „Ich lasse mir von einer Regierung nicht per Gesetz das Gendern vorschreiben!“ „Es gibt gar kein Gesetz, das das Gendern vorschreibt.“ „Aber dieser Regierung ist es zuzutrauen!“ „Müssen Sie mir eigentlich auf die Schuhe urinieren?“ „Wo habe ich Ihnen…“ „Ich dachte nur, zuzutrauen wäre es Ihnen ja.“ „Dann ist das ja noch viel schlimmer!“ „Dass Sie mir nicht auf die Schuhe pinkeln?“ „Die Leute derart indoktriniert, dass sie das freiwillig machen!“ „Also gendern manche Menschen aus freien Stücken, ernähren sich vegan, obwohl sie niemand dazu zwingt, und fahren ohne Not Tempo 100 auf der Autobahn.“ „Das ist Terror, und wir wären keine Deutschen, wenn wir dagegen nicht in den Widerstand…“ „Sind Sie eigentlich geimpft?“ „Keine wahren Deutschen!“ „Und wenn sich die Deutschen freiwillig vegan ernähren, ist das dann auch Staatsterrorismus?“ „Man wird als Deutscher ja gezwungen, sich freiwillig zu verhalten!“ „Von den philosophischen Implikationen abgesehen, ist es Ihnen denn zu schwer, einen freien Willen zu entfalten?“ „Gar nichts darf man mehr in diesem Scheißland, das ist genau wie in der…“ „Sie hatten jetzt aber nicht vor, irgendeinen antisemitischen Vergleich anzuführen?“ „Gar nichts mehr darf man in diesem Land, gar nichts mehr!“

„Was würden Sie eigentlich machen, wenn Ihre Stromrechnung plötzlich enorm anstiege?“ „Das sind doch wieder diese Panikbotschaften, die die Ökoterroristen benutzen, um das Volk bevormunden zu können!“ „Die Energiekonzerne haben die Preise jedenfalls schon angehoben.“ „Aber das war nicht aus Gründen der Umerziehung.“ „Wäre es da nicht in Anbetracht Ihrer übrigen Lebenshaltungskosten ganz gut, wenn Sie sich mal ein bisschen mit dem Thema Ressourcensparsamkeit…“ „Ich lasse mich von dieser Regierung nicht wie ein Kleinkind behandeln, damit das mal klar ist!“ „Sie verhalten sich also lieber als asozialer Schmarotzer, wenn ich in Ihrer Diktion bleiben dürfte?“ „Was hat das denn damit zu tun?“ „Und wenn Ihre Stromrechnung auf einmal so hoch würde, dass Sie sie nicht mehr zahlen könnten?“ „Dann kann ich immer noch an den anderen Sachen sparen.“ „Sie sparen, sobald Sie wissen, dass Sie sowieso schon im Minus sind.“ „Das weiß man doch nicht vorher!“ „Was meinen Sie wohl, warum die Regierung Ihnen schon jetzt die eine oder andere Handreichung gibt, sich mit dem Thema Sparsamkeit zu beschäftigen?“ „Das sind diese Besserwisser, die immer meinen, dass sie immer alles schon vorher gewusst haben!“ „Dann haben Sie es ja schon einigermaßen kapiert.“

„Ich finde es nur generell problematisch, wenn die Regierung…“ „Wissen Sie immer ganz genau, dass sich eine Regierung dahinter verbirgt?“ „Das weiß man doch, weil das alle sagen.“ „Und wenn alle sagen, dass man besser Wasser sparen sollte, damit die Rechnung nicht so hoch ist, dann ist das eine Bevormundung?“ „Die Leute sind eben schon so indoktriniert, dass sie alles nachplappern, was sie in den sozialen Medien finden.“ „Was auf Sie nicht zutrifft.“ „Natürlich nicht!“

„Was würden Sie denn ändern, wenn Sie es könnten?“ „Ich kann als Bürger gar nichts ändern, das sind doch die Fakten!“ „Aber wenn Sie es könnten?“ „Dann würde diese ganze Panikmache auf der Stelle beenden!“ „Panikmache?“ „Seit zwei Jahren wird uns gesagt, wir sollen uns endlich mit diesem Virus infizieren!“ „Ich dachte, wir sollen überall Masken tragen und uns impfen lassen, damit eben das nicht passiert?“ „Das hatte ich auch erst gedacht, aber jetzt wird überall gesagt, wenn man sich nicht infiziert, steckt man sich später an.“ „Das ist natürlich ein Unterschied.“ „Und deshalb mache ich diese Panikmache jetzt nicht mit!“ „Sie tragen also Masken, halten Abstand und lassen sich in den nächsten Wochen noch mal impfen?“ „Wieso das denn?“ „Damit Sie sich nicht infizieren müssen, wie die Regierung das von Ihnen erwartet.“ „Wieso denn die Regierung, ich dachte, das machen die Ärzte und dieses Institut?“ „Na, Sie wissen doch ganz genau, dass sich dahinter nur die Regierung verbergen kann.“ „Die kriegt doch das gar nicht hin, genauso wenig wie diese Panik mit der Hitze!“ „Was schlagen Sie stattdessen vor?“ „Man kann sich doch einfach mal freuen, wenn es ein paar Tage lang warm ist.“ „Also dieses Freibadwetter, von dem alle gerade reden?“ „Genau – man muss das den Leuten nur oft genug erklären, dass das ganz normal ist, dann kapieren sie es vielleicht auch irgendwann mal.“ „Sie meinen, das Volk muss endlich aufgeklärt werden?“ „Die Leute müssen doch mal verstehen, dass man mit Tatsachen weiter kommt als mit diesem endlosen Gejammer!“ „Und deshalb wollen Sie, dass sich die Leute über vierzig Grad freuen.“ „Richtig, diese vierzig Grad sind doch keine Horrorvision, das sind Tatsachen!“ „Also auch die Leute, die ernsthafte Probleme mit den Temperaturen haben?“ „Wieso…“ „Die unter Umständen sterben, weil sie diese plötzliche Hitze gesundheitlich nicht verkraften?“ „Das sind doch Tatsachen!“ „Die erkannt haben, dass das schon die Auswirkungen des unumkehrbaren Klimawandels sind?“ „Fakten sind das!“ „Wissen Sie, wie ich das nenne?“ „Äh, nein?“ „Umerziehung, Sie Arschloch!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIX): Listicles

17 06 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann muss irgendein Redakteur derart gründlich verschlafen haben, dass der für mittags fällige Einspalter ohne Bild ihn in die Nähe der ordentlichen Kündigung gebracht haben wird – es sah nach purer Arbeitsverweigerung aus, dass er nicht einmal die sommerlochtypischen Causerien ohne Tiefgang oder Geist aus der Rübe zu rattern verstand, wie das von einer routinierten Tippkraft zu erwarten war. Hatte er sonst die wichtigsten Punkte des Beitrags auf den Spiralblock geworfen, um sie dann geschmeidig in Form zu kneten, so waren es diesmal ein paar kryptische Krakel auf der Rückseite der Kopfschmerztablettenschachtel, was mit dem Anlass seiner körperlichen Beschwerden auffällig korrelierte. Statt nun aber in einem kurzen Prozess den Schmodder runterzukloppen, möglichst unkreativ und deshalb wasserdicht, verfiel er auf den Gedanken, die Materialsammlung einfach als Endprodukt zu verkaufen, ohne sich erst einen Text zurechtzuschwiemeln. In einfache Form gepfropft erschien das Zwischending aus Liste und Artikel, kurz: der Listicle.

Wer sich im Online-Journalismus tummelt – oder dort, wo sich alles irgendwie für Journalismus hält, was aus aufgeschaufelten Buchstaben besteht – kennt diese Klickfängerklebestreifen, die meist aus subjektiven Gründen entstehen und gelesen werden, wobei im Gegensatz zum Erzeugnis herkömmlicher Machart der Sachverhalt vernachlässigbar ist. Ob es um die lustigsten Katzenvideos im Internet geht oder um die zehn angesagtesten Hirnerkrankungen, die angebliche Würze der Kürze wird durch allerlei künstliches Gedöns aufgehübscht. Zum einen steht die Frage im Raum, welchen Nutzwert das Elaborat über zwölf Dinge, die eins schon immer über Fußnägel wissen wollte, für den schmerzbefreiten Leser haben sollte, falls er sich überhaupt für derlei Thematik interessieren sollte, zum anderen bleibt im Ungefähren, ob aus dem Müllbeutelinhalt je ein Artikloid hätte entstehen können, den der Textchef ohne Antesten des fabrikneuen Schlagrings hätte durchrutschen lassen.

Die journalistische Hybridsau hat seither nichts an ihrem schlechten Ruf eingebüßt, noch immer ist sie Verbalgerümpel auf Sinnsuche im bodennahen Niveau der Junkerzeugnisse, wie sie als Füllmasse schon im Totholzgewerbe weiße Flächen zwischen der bezahlten Reklame zu stopfen hatten. Was an Aufplusterung für moderne Schreibzwecke in den Hirnplüsch hineingeheimnist wird – Storytelling, Literarizität, Edutainment – ist letztlich nicht mehr als der Versuch, sich einer tiefgründigen Erörterung des Dingsbums an sich auf Elementarschulhöhe zu entledigen, gleichzeitig Haha-Humor anzutäuschen und sich mit der bereits genannten Manier von Widerstand gegen Arbeitsverträge sorgfältig zu disqualifizieren.

Irgendwelchen Schmalz in die weichen Formen suchmaschinenfreundlichen Marketings zu kippen war noch nie Kunst im engeren Sinne; die Nepper, Schlepper, Bauernfänger, die sonst vorwiegend für Drückerkolonnen in aufstrebenden EU-Ostgebieten tätig sind, nutzen den angeblich rechercheintensiv aus dem Sack geknüppelten Krempel, um sich in der Suchmaschine gelenkig nach oben zu schleimen und geistig weniger gesegnete Günstlinge dabei zu beeindrucken. Tatsächlich eignet sich das Stakkato aller fünf Gründe, warum man sofort einen neuen Heizkessel in die Butze schieben sollte, am besten fürs Verkaufsgespräch, nicht aber für ein Blättchen, das überwiegend von Hochhausmietern gelesen wird, die den ganzen Spaß bezahlen dürfen.

Wahrscheinlich existiert schon eine virtuelle Art der Inhaltsvermittlung, die Redaktionen als NFT oder Cyber-Content anbieten: fünf hingerotzte Punkte auf einem Stadtplan, aus denen der geneigte Rezipient sich eine Sightseeing-Tour auswürfeln darf. Die ideale Bikini-Figur in nur sieben Schritten (einer enthält die Adresse eines Fettabsaugers). In zehn leicht fasslichen Schritten Superstar werden. Spätestens hier wird klar, dass die Zehn Gebote so unbeliebt sind, weil sie die Rechenleistung eines durchschnittlichen Hasenhirns überschätzen, das sich nicht einmal wundert, warum Du sollst nicht töten nicht unter den Top 3 steht. Außerdem sind ungerade Zahlen eh attraktiver, was die Strukturierung noch nicht verarbeiteter Daten angeht – bei fünfzig Dingen, die man vor seinem Ableben unbedingt getan haben sollte, wirft der Bekloppte spontan die Flinte ins Korn, weil er noch etwas Besseres zu hat.

Spätestens in ein paar Jahren wird keiner mehr seinen Einkaufszettel von den sieben wichtigsten Kafka-Texten unterscheiden können, es sei denn, die Dinger gehören zu den 25 überflüssigsten Items in der Kohlenstoffwelt, haben sich den Ruf der effektivsten Vergrämungsmethode für Hipster im Netz erarbeitet und führen nur noch ein bisschen Schattendasein, bis die Boomer sie entdecken und endgültig ins Aus katapultieren. Ab dann muss man die elf schönsten Städte der Toskana wieder an den Fingern abzählen, bis irgendjemand etwas Neues entdeckt, um nicht schon wieder Prosa schreiben zu müssen. Dabei gibt es gute Gründe, die für den klassischen Fließtext sprächen. Mindestens fünf.





Dramaturgisch akkurat

15 06 2022

Ich musste zugeben, diesen Teil des Studiogeländes kannte ich gar nicht. Weit hinter den großen Hallen für Talkshows, Quizsendungen und Seifenopern lag ein unscheinbarer Bau, fast eine Baracke, die ihre beste Zeit längst hinter sich gehabt haben musste. Aber die Nummer stimmte, und die klapprige blaue Limousine neben dem Tor sagte mir, dass Siebels schon vor mir angekommen war. Ich trat ein.

Auch von innen sah das Gebäude aus wie eine Lagerhalle, die sich mit den Jahren in eine Deponie zu verwandeln schien. Nur im hinteren Teil, wo die Beleuchtung von der rostigen Deckenkonstruktion reflektiert wurde, war eine Art Kulisse improvisiert worden, eine Wand aus himmelblau gestrichenem Sperrholz, ein paar Quadratmeter schräg am Boden festgeklebter Teppich von minderer Qualität, zwei Drehsessel, ein arg zerschrammtes Rednerpult aus Plexiglas. Nahm man das Bild nur knapp links und rechts von den beiden Sesseln auf, so merkte man keinen Unterschied zu den üblichen Studios, in denen sich Politiker interviewen ließen. Auf dem Kontrollmonitor wirkte die ganze Szenerie seltsam nüchtern, aber nicht halb so müde und abgehalftert wie im Original. Siebels saß in seinem Faltstuhl, schwenkte den Automatenkaffee im Pappbecher mit lustlosem Kreisen herum und nickte mir zu. Ich setzte mich neben ihn.

Jetzt erst bemerkte ich den dumpfigen Geruch der abgestandenen Luft. „Wir haben lange gesucht“, sagte der Produzent, „und wir haben das Passende gefunden.“ Hinten, wo sich ein Verschlag befand, musste die behelfsmäßige Maske sein. Das Licht fuhr ein wenig herunter, dann trat er sichtlich agil q die Bühne. „Für einen Parteichef sieht er doch geistig derart reichlich belanglos aus“, flüsterte ich. Aber das konnte sicher auch Tarnung sein. Jedenfalls saß der Anführer der Liberalen dort souverän und leicht angespannt in einem leise knarrenden Sessel, der sich nicht ohne Mühe drehen ließ, so dass er die dazu nötige Anstrengung krampfhaft verbergen musste. Aber vielleicht gehört ja auch das schon zur Inszenierung.

Die Interviewerin gab sich keine große Mühe mit dem routiniert ausweichenden Politiker, der auf ihre Fragen gar nicht erst antwortete, sondern gleich ein dramaturgisch akkurat wie inhaltlich miserabel einstudiertes Potpourri an Propagandagewäsch vom Stapel ließ. Er dozierte ohne Ansehen der Sache, es bereitete körperliche Schmerzen, das Geschwätz anzuhören. „Worum geht es eigentlich?“ Siebels zog die Schultern hoch. „Um ihn.“ Er stellte den leeren Becher leise auf die Armlehne. „Es geht ihm immer nur um ihn, das ist das das Angenehme – Sie können ihn vor ein Mikrofon setzen und anschalten, dann lassen Sie ihn reden, und wenn die Sendezeit zu Ende ist, schalten Sie ihn einfach wieder ab.“ So hatte ich das noch gar nicht betrachtet.

Die Moderatorin brauchte eine kleine Pause – sie war, genauer gesagt, keine Moderatorin, sondern eine Kulturredakteurin, die bald eine neue Sendung im Abendprogramm übernehmen sollte und einige Monate lang wenig zu tun hatte. „Dafür reicht’s“, befand Siebels. „Sie versteht sowieso mehr als er von Politik, was aber auch nicht besonders schwer sein dürfte.“ „Das heißt, hier wird im Grunde derselbe Monolog immer und immer wieder aufs Neue aufgezeichnet und ausgestrahlt?“ Er nickte. „Er merkt es allerdings nicht, und das dürfte auch auf einen Großteil der Zuschauer zutreffen.“ Ich begriff: so sicherten sie gemeinsam die Existenz des Senders. Bei der Partei hatte es ja auch geklappt.

Die Moderatorin kam wieder, und sie machte einen Fehler: sie hörte ein wenig zu lange zu, was der Politiker gerade von sich gab. Siebels kicherte. Sie verdrehte die Augen. „Ich wusste gar nicht, dass der Mann geistig derart verkümmert ist.“ Er schüttelte den Kopf. „Das täuscht“, antwortete er, „er war noch nie besonders gut ausgestattet.“ Der Mann im Maßanzug schwafelte einfach weiter. Ob es ihn überhaupt interessierte, wer ihm zuhört? „Wir gehen nicht davon aus“, schnitt Siebels den Faden ab. „Das ist ja auch Sinn der Veranstaltung.“

Ich war irritiert. Vielleicht hatte ich den Ernst der Sache nicht verstanden? „Erstens“, begann er, „sind viele froh, dass wir ihn endlich von der Straße weg haben – stellen Sie sich mal vor, er würde den Mist in noch mehr Talksendungen, auf öffentlichen Plätzen oder vor intellektuell zurechnungsfähigen Bürgern von sich geben.“ Mich schauderte. „Und zweitens befriedigen wir damit sein Interesse, seine kruden Thesen in dem abzusondern, was er für ‚die Medien‘ hält.“ „Sie meinen“, überlegte ich, „es ist gar nicht so wichtig, ob jemand zuhört, solange er ein Mikrofon vor der Nase hat?“ Siebels nickte. „In dem Fall: eine Kamera.“ Plötzlich ergab alles einen Sinn. „Vierundzwanzig Stunden Getöse“, grinste er. „Sollte der Laden absaufen, kriegt er es erst danach mit, und bis dahin sind wir verschont von diesem sinnlosen Schmus.“ Das Konzept war durchdacht, auch die Justiz- und Verkehrsfragen wurden von der medialen Dauerfliegenfalle abgedeckt, sogar ein paar Altlasten, die man sonst nicht nüchtern vors Mikrofon bekam. „Komplettprogramm“, kicherte Siebels, „wir nehmen sie in freiwillige Geiselhaft.“

Drinnen erklärte der selbstverliebte Idiot mit ansteigendem Sprechdruck zum zehnten Mal, dass er Grundrechenarten für Kommunismus hielt. Die Tür kreischte in den Angeln, als stürzte der Bau in nächster Sekunde über dem Trauerspiel zusammen. „Was für eine Lachnummer“, spie ich hervor. „Ich frage mich, wer das ausstrahlt.“ Siebels prustete durch die Nase. „Seit wann zeichnen wir den Unfug denn auf?“





Gewinnabsicht

19 05 2022

„… mit der Chatkontrolle ein neues Instrument der digitalen Vertrauensbildung einführen werde, mit dem die Europäische Union weitere Fortschritte auf dem Weg der Verbrechensbekämpfung und des…“

„… es der Politik nicht um die Abschaffung der bisher praktizierten Grundrechte gehe. Für die EU stehe der Aufbau vieler neuer Arbeitsplätze in der digitalen Wirtschaft im Vordergrund, die mit der Überwachung sämtlicher…“

„… könne gerade nicht von Generalverdacht der Behörden gegen alle Bürger gesprochen werden, da es sich ja ausdrücklich um verdachtsunabhängige Kontrollen der jeweiligen…“

„… zeige das Beispiel China, dass staatliche Kommunikationskontrolle und wirtschaftlicher Erfolg einander nicht ausschlössen. Die EU habe für die Zukunft eine viel bessere Form gefunden, das Verhalten ihrer Bürger mit einem positiven…“

„… die Nachrichten der Handynutzer ohnehin zum Lesen durch andere erstellt würden. Eine fundamentale Kritik, die nur daraus entstehe, dass die Nachrichten der Handynutzer durch andere gelesen würden, sei daher nicht nur vollkommen unlogisch, sondern auch politisch sehr fragwürdig, so dass man darin eine höchst verdächtige…“

„… diene beispielsweise die automatisierte Fertigung von Strafanzeigen gegen Nutzer zur Senkung der Arbeitsbelastung bei der Polizei. Die Beamten könnten so wieder in Ruhe die Anschrift von Helene Fischer abfragen, Morddrohungen an Rechtsanwältinnen versenden oder sich in…“

„… die Friedenssehnsucht der westlichen Welt tatkräftig unterstützen könne. So sei durch eine größere Geschlossenheit in der Bevölkerung auch das chinesische Verhältnis zu Russland viel besser, was die deutsche Bundesregierung mit erheblicher Unterstützung für den…“

„… dass viele Nutzer ihre Daten bisher den großen Digitalkonzernen wie Google oder Meta anvertraut hätten, ohne dies für eine diktatorisch ausgerichtete Überwachungsstrategie zu halten. Die EU-Behörden seien im Gegensatz zu diesen Firmen nicht nur nicht gewinnorientiert, sie würden ihre Rechtsbrüche auch ohne Gewinnabsicht oder…“

„… es durch Manipulationen durchaus möglich sei, kriminelle Inhalte als nicht verdächtig im Sinne der verwendeten Suchalgorithmen zu erscheinen zu lassen. Zur sukzessiven Verbesserung der KI sei es daher unabdingbar, Strafverfahren gegen völlig unverdächtige Personen zu führen, um mit einer noch genauer arbeitenden Software schließlich irgendwann Ergebnisse zu erzielen, die der jetzt prognostizierten Trefferquote zumindest…“

„… dass der Staat nicht selbst für die Suche nach verdächtigen Inhalten zuständig sei. Durch eine Verlagerung der Verantwortung auf digitale Konzerne könne die EU-Kommission ausschließen, dass sich staatliche Stellen durch Rechtsbrüche oder massive Einschränkungen von Grundrechten im…“

„… sei es technisch durchaus möglich, dass die KI nachträglich Inhalte auf die digitalen Endgeräte der Nutzer kopiere, die eine Strafverfolgung nach sich zögen. Dies müsse aber immer im Verhältnis zum erwünschten Ermittlungserfolg stehen und sei nur für den Kampf gegen Cannabis oder…“

„… würden Anbieter wie Meta oder Google die Verschlüsselung der Nutzerdaten unterlaufen, um die Inhalte ausspähen. Solange der Staat auf der Seite der Bürger sei, könne man sich daher immer auf ein gemeinsames Feindbild arbeiten und es gebe keinen Anlass für eine…“

„… habe man bisher im Verfassungsschutz gute Erfahrungen mit gefälschten Daten gemacht, die sich heute beispielsweise bei der Bekämpfung der Clankriminalität, aber auch unmittelbar vor einer wichtigen Parlamentswahl und der…“

„… werde der normale Bürger von der Suche nach illegalen Inhalten gar nichts merken. Für die EU stehe ein uneingeschränktes Nutzererlebnis im Vordergrund, um die Ermittlungen nicht durch die übermäßige Vorsicht der…“

„… internationale Kooperationen mit IT-Firmen erlaube. Bereits jetzt seien russische Anbieter von Antivirensoftware durch anerkannte Expertise eine marktbeherrschende…“

„… sich falsche Positivtreffer spätestens bei einer ergebnislos verlaufenden Hausdurchsuchung oder nach der Untersuchungshaft zu einem…“

„… sei das Misstrauen der Menschen gegenüber den Digitalkonzerne im Gegensatz zur Ablehnung der staatlichen Pläne vollkommen gerechtfertigt. Die Firmen würden auf gesetzliche Anordnung der EU die Verschlüsselung umgehen, was für den Protest der Nutzer eine optimale…“

„… völlig ausgeschlossen sei, dass durch die Abschaffung der Verschlüsselung Mobiltelefone von den Ermittlungsbehörden ferngesteuert werden könnten. Dem BKA würden dazu nicht nur Personal und Fachkompetenz, sondern auch Erfahrung, finanzielle Mittel und die nötige technische…“

„… dass der Einsatz der Chatkontrolle gegen Missbrauchsdarstellungen unwirksam sei, da die Kriminellen bereits andere Wege zur Verbreitung von illegalen Daten nutzen würden. Für die EU sei dies jedoch nicht erheblich, da sich durch eine zur Serienreife gelangte Technologie auch Straftaten bekämpfen ließen, die heute noch nicht als…“

„… rechtsradikale Chats unter Polizisten oft nicht entdeckt oder gesichert werden könnten. Das Problem werde aber auch die EU-Kommission mit Kontrollmaßnahmen nicht lösen können, da es sich dabei um schwere Eingriffe in die vertrauliche Kommunikation und um einen verfassungsrechtlich unter gar keinen Umständen zu…“





Interdisziplinär

13 04 2022

Sie standen in kleinen Grüppchen zusammen und redeten leise aufeinander ein. Die meisten waren mittelalte, mitteldicke Männer. Nur vereinzelt ging einer von ihnen durch die Halle, blickte ab und zu in einen Schnellhefter oder murmelte vor sich hin. „Wir haben regen Zuspruch“, freute sich Doktor Eckermann. „Das Bildungswesen ist doch gar nicht so schlecht, wenn man es privat betreibt.“

Das viersemestrige Aufbaustudium stand jedem zur Verfügung, hieß es im Informationsfaltblatt. „Worauf baut denn dieses Studium auf?“ Der Chef des Instituts wiegte den Kopf. „Das kommt darauf an, so einfach lässt sich das nicht sagen. Aber wir geben uns im Regelfall mit einem Schulabschluss und einem Aufnahmegespräch zufrieden.“ Ich sah in den Lehrplan. „Sie verlangen eine Menge von den Absolventen“, mutmaßte ich, „auch wenn es sich größtenteils um Theorie handeln dürfte.“ Er nickte. „Das Studium der Expertologie ist neuartig und verspricht große Erfolge, außerdem ist es in der deutschen Bildungslandschaft geradezu großartig integrationsfähig.“ Das verstand ich nicht. „Nun“, lächelte Eckermann, „damit man Ihnen irgendetwas abnimmt, reichen zwar theoretische Kenntnisse, aber doch nicht ohne einen offiziellen Titel.“

Der erste Kandidat stand nun also vor unserem langen Tisch und wartete aufgeregt auf die so lange vorbereitete Zwischenprüfung. „Bitte fangen Sie an“, forderte die Beisitzerin ihn auf. „Wir erwarten einen Vortrag über die deutsche Wirtschaft.“ „Die deutsche Wirtschaft ist natürlich zuallererst die der Bundesrepublik Deutschland“, brach es aus den dicklichen Kahlkopf heraus. „Als rohstoffarmes Land müssen wir deshalb vor allem Subventionen in neue Technologien stecken, die aber nur durch fossile Energieträger…“ Er stockte. Eckermann malte zwei kleine Häkchen auf das Blatt. Offenbar hatte der Prüfling das Thema verstanden und ein paar sehr allgemeine Allgemeinplätze verwendet. „Und?“ Der Dicke sah verwirrt in die Runde. „Die Wirtschaft ist ja so“, mühte er sich, „der Mittelstand ist am wichtigsten für den Umsatz, aber am meisten Geld ist in der Industrie, die deshalb nicht ohne Kleinunternehmen…“ Die Beisitzerin lächelte. Auch der Chef war zufrieden. „Sehen Sie“, flüsterte er, „es geht doch. Damit gehen Sie in der normalen deutschen TV-Talkshow als Profi durch.“

Der nächste Examinand hatte bereits sehr gute Kenntnisse im Einzelhandel, wurde folglich also in Infektionsbiologie geprüft. „Mut zur Lücke“, sagte Doktor Eckermann. „So eine Ausbildung soll ja das Ziel haben, dass auch interdisziplinäre Forschung in die Gesellschaft getragen wird.“ „Ich kann es mir vorstellen“, antwortete ich. „Einen Virologen, der gleichzeitig einen Supermarkt betreiben kann, wird man ja kaum finden.“ Er musste es überhört haben. „Wir haben es bei Grippe vor allem mit Influenza zu tun“, dozierte der junge Mann. „Das heißt, dass die Sekundärinfektionen, und dazu zählen auch die, die erst nach einer Infektion, und das bedeutet dann, dass man nicht an, aber mit Influenza, die aber nur eine normale Grippe ist.“ Die Beisitzerin setzte ein Häkchen nach dem anderen. „Viele Absolventen bekommen gleich nach dem Abschluss attraktive Angebote aus der Wirtschaft“, erklärte Eckermann. „Der hier ist bereits als hoher politischer Beamter für die FDP im Gespräch.“ Er enttäuschte auch in der zweiten Hälfte nicht. „Wenn Gletscherschwund durch die sogenannte Erderwärmung immer nur als Problem betrachtet wird, dann ist das natürlich nur ideologischer Blödsinn, weil wir gleichzeitig daraus grünen Wasserstoff machen können.“ Ich war schwer beeindruckt. „Er soll vorher zweimal aus einem Rhetorikkurs geflogen sein – großartig!“

Ungefähr ein Drittel der Prüfungsgespräche war geschafft. Doktor Eckermann goss sich einen Tee aus der Thermoskanne ein. „Wenn Sie den Lehrplan einmal genau betrachten, fällt Ihnen sofort auf, dass wir keins der üblichen wissenschaftlichen Verfahren zur Theoriebildung bevorzugen.“ Ich sah auf das Faltblatt. „Genauer gesagt, Sie lehren gar nicht erst wissenschaftliches Arbeiten.“ Eckermann nickte. „Wer sich damit gar nicht erst belastet, fällt in der Praxis auch nicht durch vermeintliche Fehler auf.“ Das machte mich stutzig. „Aber heißt das nicht im Umkehrschluss, dass diese Experten einfach nur ein Sammelsurium zusammenhanglosen Wissens in die Öffentlichkeit tragen?“ „Das ist richtig“, bestätigte er. „Aber sehen Sie sich nur mal unsere moderne Kommunikation an, die sozialen Medien – ohne die Experten könnte man das ganze Internet zumachen, vor allem die öffentliche Meinung, Kommentare und Spezialwissen zu aktuellen Themen, über die es einfach noch keine fundierten wissenschaftlichen Analysen gibt.“ Das war natürlich richtig, denn wie sonst sollte man etwa einen gerade erst begonnenen Krieg beurteilen, wenn man darüber in der Schule noch nichts gelernt hatte.

Der nächste Prüfling war schon in den Raum gekommen. Die Beisitzerin legte die Papiere auf den Tisch, der Kandidat räusperte sich noch einmal und wollte beginnen. „Nicht so schnell“, unterbrach Eckermann, „Wir wollten eigentlich erst die Fragen zum Themenkomplex Straßenverkehr und Chemie stellen.“ Der Mann blickte konsterniert zu Boden. „Eigentlich hatte ich mich jetzt nur auf Fußball vorbereitet, und meiner Meinung nach hätte statt Klinsmann damals gleich Lothar Matthäus Trainer werden müssen, dann wären wir 2006 Weltmeister geworden.“ Die Beisitzerin nickte und Eckermann klappte den Aktendeckel zu. „Ja, das kann man gelten lassen. Mehr wissen die anderen auch nicht.“





Showtime

6 04 2022

Ich war früh dran, außer ein paar Bühnenarbeitern sah man noch nichts. Bestimmt würden sie im Laufe des Morgens erst die poppigen Kulissen der letzten Unterhaltungssendung abbauen, jedenfalls erwartete ich das. Doch nichts dergleichen geschah. Sollte ich mich im Studio geirrt haben?

„Immer noch dieselbe Brühe“, knurrte es schräg hinter mir; da war mir klar, dass Siebels mir keinen falschen Standort angegeben hatte. Der große alte Mann der TV-Produktion, oft als graue Eminenz der Mattscheibe bezeichnet, schlenzte den Becher aus dem Handgelenk in den Mülleimer an der Wand. Ohne Automatenkaffee war er nicht zu ertragen, mit aber auch nicht. „Wir sind hier richtig für dies neue Nachrichtenformat?“ Er nickte müde. „Kein Plan, wie man die Subboomer aus dem Chill catcht, aber wir sind on the fly.“ Vielleicht hatte ich mich auch nur verhört, aber die ganze Sache bereitete mir noch immer enorme Schwierigkeiten.

„Ich bin ein bisschen spät“, keuchte der Mann im goldenen Trainingsanzug. „Können wir das Skript bitte noch einmal kurz durchgehen?“ Er hätte Siebels auch um eine Einführung in die Philosophie in tausend Häppchen bitten können, seine Miene sagte: such Dir einen Job, bei dem Du Reißnägel nach Geschmack sortieren kannst. Die Assistentin hieb ihm das Papier in den Bauch. Der Produzent sah mich entschuldigend an. „Wenn man aktuelle Nachrichten auf den Tisch bekommt, kann man auch nicht um eine Stunde Bedenkzeit bitten.“

Stampfende Rhythmen brachen los. Eine Art Feuerwerk im Sparmodus – jeder musste ja seine Stromrechnung im Auge behalten – begleitete die Fanfare aus ein paar Dutzend Synthesizertröten, die den Auftritt von Paolo Tamburini begleiteten, der in Glitzermontur die Treppe hinabstieg. „Aus“, röhrte die Aufnahmeleiterin durch den Lautsprecher. „Ich habe schon viel Mist gesehen, aber das brauche ich wirklich nicht!“ Die Beschallung war bereits weg, die Lichter flackerten noch ein paar Sekunden nach, und schon ging alles wieder von vorne los. „Es ist anscheinend zu einfach“, murmelte Siebels. „Sie sind fürs Affektfernsehen nicht mehr geeignet.“ Doch der blinkende Anchorman tänzelte hüftstark und grinsend auf die Bühne und begrüßte sein imaginäres Publikum. „Meine Damen und Herren“, johlte er, „heute für Sie: Bombenangriffe!“

Hatte ich mich etwa verhört? Siebels warf einen kurzen Blick in den Plan. „Alles gut.“ Vielleicht war ich nicht ganz wach. „Wir sind so weit im Soll, er müsste jetzt nur noch die Übergabe an die da schaffen, die da eben gerade nicht steht.“ Offenbar hatte es auch die Aufnahmeleiterin bemerkt, die nur zögerlich aus ihrem Lehnstuhl aufstehen wollte. „Ich wollte das wirklich nicht sehen.“ Siebels zog unmerklich eine Braue in die Höhe. Ihre Karriere hatte sich für einen anderen Weg entschieden.

Günther Krzyznankowialek, wie der Goldjunge bürgerlich hieß, war die Sache unangenehm. „Sie ist manchmal etwas streng“, lächelte er verzweifelt, „sie versteht ja nicht, worum es hier geht.“ Siebels warf einen Blick auf sein Treatment. „Hauptsache, die Zuschauer verstehen es.“ Tamburini hüpfte die Treppe wieder hinauf, das Studio verdunkelte sich, die blecherne Musik setzte ein. „Heute für Sie: das Klima ist im Arsch!“ Irgendjemand musste etwas ins Leitungswasser gekippt haben, jedenfalls ging das nicht mehr mit rechten Dingen zu. „Regen Sie sich ruhig auf“, sagte Siebels seelenruhig. „Genau das ist ja der gewünschte Effekt.“

Insgesamt sieben Anmoderationen ließ er den armen Mann proben, der schwitzend und verstört auf der Treppe hockte und eine Zigarette rauchte. Die Aufnahmeleiterin hatte schon gar nichts mehr dazu gesagt. Der Kaffeeautomat streikte. „Wir könnten natürlich auch eine gewisse Komik in die Auftritte bringen“, überlegte der Produzent. „Aber das bringt die Stimmung auch schnell zum kippen, wir bewahren uns das als allerletzte Möglichkeit.“ Krzyznankowialek nickte geistesabwesend. Als Krawalldarsteller war er in allerhand Sendungen aufgetreten, aber das war auch für ihn neu. „Ich habe immer das Gefühl, dass das absolut unpassend ist.“ Siebels nickte. „Damit kommen wir der Sache schon mal näher.“ Hatte ich das richtig verstanden? „Natürlich nicht das reine Overacting“, dozierte er, „damit schaffen wir allenfalls kurzfristig ein wenig Aufmerksamkeit, aber hier geht es prinzipiell um Verfremdung.“ Ich begriff. „Die Zuschauer sollen wieder einen Maßstab dafür bekommen, was an den Nachrichten wichtig ist.“ Siebels wiegte den Kopf. „Ja und nein – nicht rein objektiv, wir wollen das Publikum ja auch emotional sensibilisieren.“

Tamburini war die Treppe emporgestiegen. Es wurde dunkel. Musik. Scheinwerfer. Auftritt. „Wieder gibt es neue Opfer unter der ukrainischen Zivilbevölkerung“, rief der Schauspieler, „und die Deutschen sind in großer Sorge: wird es dieses Jahr zu Ostern ausreichend Plastikmüll zum Einwickeln von Schokoladeneiern geben?“ Die Assistentin sah auf die Aufnahmeleiterin; sie nickte gottergeben und hob den Daumen. Konservenlachen erscholl. Die Nachrichtensprecherin trat in den Lichtkegel neben der Treppe. Siebels war zufrieden. „Wir haben sicherlich nicht alle Antworten, wir stellen aber die richtigen Fragen.“ Tamburini tänzelte um die Sprecherin herum, die keine Miene verzog. Ob sich das Format durchsetzen würde? Vielleicht. Es würde sich nur irgendwann auch abnutzen wie alle anderen Formate, mit denen man das Interesse der gelangweilten Trottel auf dem Sofa gewinnt und wieder verliert. Aber so weit waren wir sicher noch nicht. Noch hatten wir diesen zappelnden Mann in seinem goldenen Trainingsanzug.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCIV): Die Overton-Spirale

4 03 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Kriegsvorbereitungen der antiken Epoche waren dem heutigen Vorgehen nicht unähnlich. In der Propaganda wurden dieselben hohlen Phrasen gedroschen, die Gegner als moralisch minderwertig und schwach, aber immer noch aggressiv genug zur Vernichtung des eigenen Gemeinwesens bezeichnet und mit allerlei Schimpf beschmiert: Langnasen, Schwarzfüße, Stotterer, Weiberknechte, Anbeter der zwar vor einigen Jahrzehnten auch im eigenen Staat verehrten Gottheit, die jetzt aber durch dynastische Verschiebungen nicht mehr statthaft ist. Schritt für Schritt wiegelte man das eigene Volk auf, heizte die Stimmung an, bis der präventive Schlag gegen die verhassten Feinde alternativlos schien. Man kennt diese Maschinerie aus der Fortsetzung der PR mit anderen Mitteln, und wie das Overton-Fenster dient sie zunächst der schleichenden Veränderung des Diskurses. Hat man zunächst das Brudervolk, das als eigene Nation lebte, schlechter Nachbarschaft geziehen, galt es irgendwann als normal, ihnen die Aushöhlung der eigenen staatlichen Souveränität durch pure Existenz vorzuwerfen. Eines Tages wird der Machthaber verkünden, jenseits der Grenze würde die durchschnittliche Bevölkerung Kinder zum Frühstück verspeisen. Die Brüllaffen fühlen sich bestätigt, der Krieg bricht los. Was aber jüngst in vermeintlich diktatorischen Zeiten, fernab von militärischem Vorgehen und Diktatur, in denen nur ein paar billige Dinger vom Aufmerksamkeitsstrich den Bürgerkrieg herbeijodeln wollen, weil sich ihre überflüssige Restexistenz gerade im Selbstmitleid ertränkt hat, die Erkenntnis deformieren soll, ist so subjektiv lächerlich wie objektiv infam.

Die Philosophie des Geistes setzt dummerweise Geist voraus. Das hatte sich in den Niederungen des Kommentariats eh nie herumgesprochen, weshalb die Pyromantiker sich nun am eigenen Feuer die Klöten verkokeln. Kaum noch ein Kolumnist, der in Erwartung des kommenden Rechtsrucks – der aller Paradoxie nach ja im herrschenden linksextremen Mainstream löckt – heiter den Holocaust relativiert, Hakenkreuze als deutsches Volksgut verteidigt oder sich solidarisch mit Hirnschadensympathisanten zeigt, die die Regierung vor den Internationalen Strafgerichtshof zerren wollen, ohne dass einer von den anderen angestachelt die Schraube immer noch weiter dreht, damit noch der letzte Idiot merkt, dass hier der Nachtfrost bleibenden Spuren hinterlassen hat. Natürlich haben sie das alles nicht so gewollt und nicht so gemeint, geben den anderen die Schuld an der notwendigen Selbstviktimisierung, ohne die sie in Stumpfstullenkreisen gar nicht mehr als die Speerspitze der degenerierten Arschgeigen gelten, und nässen sich die Alte-weiße-Männer-Windel ein, ohne die sie ihre tägliche Absonderung nicht für die Nachwelt erhalten würden.

Im Gegensatz zu den hysterischen Knalltüten, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit plärren, dies und das dürfe man ja nicht mehr sagen – was sie dann im Regelfall sagen und dabei sich selbst Lügen strafen – bereitet die Spirale des Schreiens zielgerichtet die Ausweitung der Kampfzone vor, zunächst nur verbal, aber wer die Mentalität rechter Intensivtäter kennt, der weiß, dass das nur eine Art präventiver Feuerschutz ist, sobald die Brandsätze auch real fliegen. Beachtung um jeden Preis ist die Währung, für die diese Blödföhne die zu Wortkotze geronnene Denkschwächelei in Fachperiodika für soziokulturelle Exklusion schwiemeln, damit ihre schenkelklopfenden Schnackbratzen schnell etwas zum Verdauen haben. Wo die Reizüberflutung eh schon die gängigen Einfallstore der Beklopptheit verstopft, müssen die Einschläge härter werden, und schon befinden wir uns in einem Rattenrennen um die absurdeste Stellungnahme zur eigenen Komplettverdeppung. Wir nehmen derlei Schmutz noch ernst, indem wie das Gejammer nach dem Rauswurf aus der Redaktion tatsächlich als Cancel Culture aufwerten, statt den Wunsch nach brauner Nestwärme im Lager der Kackbratzen zu erkennen.

Zur Verteidigung werden Wassersuppenkasper wie die Gewohnheitsskribenten anführen, sie seien ja nur Sprachrohre der Faschisten und würde mit ein paar provokanten Thesen für frischen Wind in der öffentlichen Debatte sorgen. Wonach die Abluft aber stinkt, merkt man schnell, sobald die üblichen Verdächtigen die Verteidigung übernehmen, wenn sich Opfergruppen ohne Erlaubnis des gesunden Volksempfindens angegriffen fühlen. Natürlich, so dröhnt’s aus dem Fußraum traditionsverbundener Blattmachereien, ist es unschön, wenn man diesen Juden immer wieder vorwerfen muss, zu laut gegen den Antisemitismus zu protestieren. Wenn sie jetzt ein bisschen konzilianter sind, hängen wir erst mal nur den Bundeskanzler auf oder die Impfmafia, die Jugendlichen, die die Todesstrafe für Besitz und Fahren eines SUV durchdrücken, und lassen diesen Typen genug Zeit, nach Israel auszuwandern. Bis dahin halten wir Hitler für einen Sozialisten, damit wir alle, die dagegen einschreiten, zu Kommunisten erklären können. Man muss schon ein degoutanter Schmock sein, um sich sein Publikum in diesem Faulschlamm zu erwinseln. Oder ein alternder Alki in der Privatinsolvenz. Natürlich ist das schlimm, aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen.





Reality

10 02 2022

Das Licht verlosch, nur über der Sprecherin, die noch einmal mit bedrohlicher Energie ihre Blätter auf die Tischplatte stieß, schienen die Lampen mit nicht nachlassender Stärke. Im weiten Bogen fuhr die Kamera einmal an der Studiodecke entlang und blieb dann unmittelbar vor ihr stehen. „Meine sehr verehrten Damen und Herren“, begann sie mit glasharter Stimme, „ich begrüße Sie zu den Nachrichten. Auch gestern Abend haben wieder Tausende von dämlichen Arschlöcher gegen soziales Verhalten in der Pandemie demonstriert.“

Ich zuckte innerlich zusammen; Siebels musste es bemerkt haben, jedenfalls verzog sich seine Miene zu einem sardonischen Grinsen. Während die Nachrichtensprecherin mit schroffem Akzent die Niedertracht einiger Knalldeppen beschrieb, die im Einspielfilm enthemmt kreischend durch eine regnerische Innenstadt stolperten, blickte ich zu der Regisseurin, die über den Rand ihrer Brille hinweg das Bild fixierte. „Großartig“, murmelte Siebels. „Das ist zwar erst ein Pilot, aber wenn wir das alles redaktionell in diesem Stil hinkriegen, haben wir es geschafft.“ Der TV-Produzent nippte an seinem lauwarmen Automatenkaffee. Immerhin einer, der zufrieden war.

„Der neue CDU-Vorsitzende hat zwar keine Ahnung, davon aber jede Menge.“ Fast hätte sich der legendäre Fernsehmacher verschluckt. „Auf einer ansonsten sinnfreien Veranstaltung betonte Merz, dass die Energiewende nur mit Kernkraft zu bewältigen sei – was allerdings die Betreiber von Kernkraftwerken anders sehen.“ Auf einmal wuchs meine Verunsicherung. Was, wenn er mich nur in diesen Sender geschleppt hatte, damit ich ihm die Nachrichtentexte für diese Sendung schreibe? „Ich würde das nicht ausschließen“, lächelte er, nahm einen weiteren Schluck Kaffee und fuhr fort. „Das ist ja eine echte Marktlücke, jedenfalls habe ich das bisher noch nicht in den öffentlich-rechtlichen Programmen entdeckt.“ „Nun ja“, gab ich zurück, halb geschmeichelt, halb irritiert. „Nachrichten im Satireformat, das klingt jetzt nicht so neu.“ Aber er schüttelte den Kopf. „Das ist ein Missverständnis“, erläuterte er. „Es handelt sich nicht um Satire, wir wollen eher ein Reality-Format.“

Der Probelauf war beendet, die Regisseurin sah zufrieden aus. Ich schlenderte hinter den großen Tisch und nahm die Meldungen in Augenschein: keine ungewöhnlichen Themen, nichts, was man nicht in einer Nachrichtensendung erwartet hätte. „Wo ist jetzt Reality?“ Siebels balancierte seinen leeren Pappbecher spielerisch zwischen Daumen und Zeigefinger, bevor er ihn mit gekonntem Schwung in den Papierkorb an der Rückwand schnippte. „Die ganzen Nachrichten sind endlich in der Realität angekommen, und sie zeigen sie auch.“ Langsam begriff ich. „Ist denn dann das andere zwangsläufig Lügenpresse, oder wie auch immer es genannt wird?“ Siebels schüttelte den Kopf. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, man kann schließlich auch etwas falsch wiedergeben, wenn man die falsche Wirklichkeit wahrnimmt – zum Beispiel eine subjektive.“

Die Regisseurin probte jetzt die Kamerafahrt, deren Bilder sie auf einem Monitor begutachtete. Nach einem halben Dutzend Durchgängen war sie vom Ergebnis immer noch nicht recht zufrieden, es wirkte zielgerichtet, aber viel zu hektisch. Kein sehr guter Einstieg in die Sendung. Sie versuchten es nochmals, die Sprecherin eröffnete die Nachrichten mit einer anderen Meldung. „Chaos im Kleinstaat – offensichtlich ist Ministerpräsident Söder mit dem Grundgesetz intellektuell überfordert.“ „Echte Nachrichten“, lobte Siebels. „Diesen restlichen Einheitsbrei hat man ja schon vergessen, wenn die Sendung vorbei ist.“ Tatsächlich wirkte die gesamte Produktion erstaunlich seriös, was wohl der typisch deutschen Abwesenheit von Humor geschuldet war. Aber das hätte sicher das Konzept in eine falsche Richtung gedrängt, weil Nachrichten an sich schon zu oft wie Satire wirken und Satire dafür die Rolle der Nachrichten übernehmen muss. „Ich sehe das als großen Fortschritt“, erklärte der Produzent. „Das eine ist, dass man das Publikum da abholen muss, wo es ist, das andere ist Aufgabe des Journalismus per se: die Dinge nicht nur nennen, sondern auch einordnen.“ Ich begriff; eines aber erschloss sich mir immer noch nicht. „Wie sollen es denn echte Nachrichten sein, wenn auch hier eine subjektive Meinung vertreten wird?“ Ich hatte noch nicht ganz fertig gesprochen, da fiel mir die Antwort auch schon ein. „Indem man bei den Fakten bleibt und die Inhalte nicht durch seine subjektive Meinung uminterpretiert.“ Siebels nickte. „In der Tat.“ Mit etwas Glück hatte ich mir jetzt einen mittelfristigen Job als Nachrichtenredakteur eingehandelt. Meine Zweifel daran schwanden, denn hier würde es noch viel lohnenswerte Pionierarbeit geben: aus einer gut recherchierten Faktenbasis klar verständliche Texte in einer einprägsamen Sprache verfassen, die die Wirklichkeit nicht nur versehentlich streift, weil man dem Publikum die Wahrheit nicht zumuten kann oder will. Die Regisseurin nickte, der zweite Durchlauf war zu Ende. „Schade“, murmelte Siebels. „Wirklich schade, man hätte daraus ein sehr innovatives Format machen können.“ Ich war erstaunt. „Warum geben Sie jetzt schon auf?“ Er steckte die Hände tief in die Hosentaschen. „Eine Sendung, die der Wirklichkeit verpflichtet ist und sich an die Wahrheit hält – und das im Fernsehen?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVIII): Das Geknipse

21 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Anzeichen ästhetischer Selbstverwirklichung gab es früh. Schon der Cro-Magnon-Hominide beschränkte sich bei der Ausstattung seiner Höhlen nicht auf kultische Großformate, wie sie etwa in der Sixtinischen Kapelle bis heute Touristen aus aller Welt anziehen, er folgte ganz der Inspiration des Augenblicks. Jetzt ein Stück Protein, dachte der Kreative des späten Pleistozän, und flugs hatte er mit farbigen Fingern die so formschön wie auch schmackhafte Säbelzahnziege an die Wand gemalt. Von hier bis zum durchschnittlichen Honk, der sein Schnitzel fotografieren muss, weil man ihm sonst dessen Existenz nicht abnimmt, ist nur ein kleiner Schritt, der vordergründig mit dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduktionsfähigkeit zu tun hat. Wenn es denn um Kunst ginge bei diesem ganzen Geknipse.

Seit Erfindung der Box als frei verkäuflichem Billigapparat, dem noch lange der Ruf vorauseilte, albernes Spielzeug zu sein, stolpern Pausenclowns mit Kleinkameras durch ansonsten schmucke Städte und Museen, Tier- und Biergärten sowie alles, was sich schwimmend, fliegend oder vom Boden aus erreichen lässt. Sie drückend lachend ihren Finger in den Auslöser rein, schwiemeln sich ein Dutzend Abbildungen zurecht von Tauben im Rinnstein, dem gelben Sonnenschirm über dem Eiscafé in Bad Gnirbtzschen oder dem kleinen Flüsschen nahe der Pension in der Badgasse, wo der Großonkel schon vor fünfzig Jahren einmal übernachtet haben muss. Unvergessliche Momente wie die Hochzeit von Dings und dieser einen da, wie hieß sie noch, aber das Kind war schon da, und die Taufe ist auch auf dem Film, werden erst auf Celluloseacetat gebannt, in handliches Format für ein Einklebealbum oder die Geldbörse auf allmählich gilbendes Papier mit leicht abknickbaren Ecken transformiert und landen schließlich in der zweituntersten Staubschicht, die während der Verschmelzung mehrerer Seiten auf niedermolekularer Ebene zu einem Festkörper wird, der jeder mechanischen Verformung abhold nicht mehr zu benutzen ist und im Container endet. Es heißt, Heisenbergs Unschärferelation sei Produkt eines Familienfotobuchs, das damals noch nicht im Internet bestellt und originalverschweißt dem Müll zugeführt wurde, sondern durch Photoneneinfall in Verwendung gebracht werden sollte, was direkt zur physikalischen Katastrophe führte.

Das Problem ist weniger die qualitative Beurteilung des Outputs, der bei vernünftiger Beherrschung der handwerklichen Mittel sowie beherztem Wegschmeißen sämtlicher Fehlversuche nicht einmal den Vergleich mit der professionellen Bilderzeugung scheuen muss, immer vorausgesetzt, es handelt sich um Waffengleichheit: der Irrglaube, man erlange durch Erwerb und Mitführen einer Ausrüstung im Wert eines fabrikneuen Spähpanzers die höheren Weihen eines qualifizierten Fotografen, ist ungefähr so weltfremd wie der Plan, durch die Anschaffung eines Konzertflügels die Ausbildung zum Pianisten zu sparen. So produziert auch der Berufslichtbildner allerlei experimentellen Schrott bar jeglicher Brillanz, ödes Zeug und fehlbelichtete Spreu, die aber dank digitaler Möglichkeiten nicht mehr in die mühselige Korrektur gehen, sondern gleich in den Orkus. Die Lernkurve ist steil, es gibt allerhand wohlmeinende Ratgeber, und spätestens bei ‚Sonne lacht – Blende 8‘ merkt dann auch der obenherum eng gedübelte Hutträger, dass es sich beim Bildermachen selten um Hexenwerk handelt, sondern vielmehr oft um pure Technik.

Es ist einerseits die Wahl des Motivs. Neben der üblichen Alltagsdokumentation, die angesichts der Anzahl von Bildern belegter Brötchen klar Abstand nehmen lässt von der These, dieses Material werde aus historisch-forensischen Beweggründen in die Linse gedrückt, sind es Freizeitaufnahmen aus dem Sockelbereich des Banalen: Kevin mit Eiffelturm, Kevin am Hotelpool, Kevin mit belegtem Brötchen. Auch paartherapeutischen Ansätzen könnte man zustimmen, wären die Abbildungen signifikanter Anderer nicht tiefenschärfenmäßig ungefähr in der Kategorie der Brötchenbilder. Wahrscheinlich wird sich der Schöpfer irgendwann nicht mehr an die Reise mit dem Ding da erinnern, aber Hauptsache, er hat dann noch ein Foto davon. Und so sieht es ja auch aus.

Es ist andererseits das Zwanghafte der Belästigung, mit der die gesamte Mitwelt das ewige Geknipse sieht und hört und auf die eigenen Geräte geschickt bekommt, als könnte keiner nur einen Tag ohne Hohlhupe am Hotelpool mitsamt belegter Brötchen überleben. Die Einheit von Subjekt und Objekt perfektioniert den Prozess, für das längst zum Goldstandard der Fotografie gereifte Selfie ist nicht einmal mehr ein nennenswerter Hintergrund notwendig. Mit der Sättigung der Kameradichte ist das Fotografieren zum quasi reflexartigen Vorgang geworden, der jeglichen Anspruch künstlerischer Daseinsäußerung preisgibt. Denn wer würde sich, auch ohne erkleckliche Kenntnisse, mehrmals am Tag in sein kleines Zimmerchen zurückziehen und ein Streichquartett komponieren, auf die Gefahr hin, dass er niemanden findet, dem er damit auf die Plomben gehen kann?