Gernulf Olzheimer kommentiert (DL): Symbolpolitik

5 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt hatte ein feines Näschen für die Motivation seiner Krieger. Wann immer ein gutes Dutzend der jugendlichen Heißsporne ins östliche Jagdgebiet der benachbarten Sippe eingedrungen und als zwei bis drei Mann starke Trümmertruppe zurückgekehrt war, ereilte ihn im Trancezustand eine Botschaft der Fruchtbarkeitsgöttin – seltener auch eines für Tiere und Gemütszustände verantwortlichen Gottes ohne festen Status in der Vorstellung der damaligen Gläubigen – mit dem Auftrag, die Schmähung über eine vermeintlich heilige Pflanze am Wegesrand zu rächen und dazu Kräuter auf den nächsten Feldzug mitzunehmen und sie mit den gefallenen Gegnern zu bestatten. Rrts Wildererkollektiv bekam nach wie vor gewaltig eins auf die Kalotte, nebenbei kam auch das Bouquet garni als Grabbeigabe in Mode und blieb es in der lokalen Küchentradition bis auf die heutigen Tage, aber das war’s dann auch schon. Mehr als eine holprige Umsemantisierung kam nie zustande. Immerhin, die Symbolpolitik wurde als eigenständiges Genre öffentlichen Handelns ins Leben gerufen, und das mit weit reichenden Folgen.

In einer postmodernen Demokratie – meist ist es eine moderne Postdemokratie – erledigt das die regierende Klasse mit Kasperletheater anstelle der Gesetzgebung. Ändern Gesetze und Verordnungen nichts an der Wirklichkeit, weil beispielsweise die kostspieligen medizinischen Masken machtlos sind, wenn man in einer Pandemie fröhlich Schulen und Betriebe offen lässt, dem degenerierten Kopfschrott beim Demonstrieren zuguckt und ansonsten die Durchseuchung der Massen erwartet, dann schiebt man den bösen Wissenschaftlern die Schuld zu, da sie zu früh, zu spät, zu laut, zu leise oder überhaupt zu warnen gewagt haben. Wer plötzlich mit der Realität ankommt, glaubt nicht an den Endsieg.

Es geht um den brüllenden Führer, der nicht an der Effektivität seiner Maßnahmen gemessen wird, sondern an der Lautstärke seines aus erratischen Wortspenden zusammengeschwiemelten Geblöks. Wie in diesen Zeiten der unterste Dreckrand aus der Jauche nach oben blubbert und gegen den Rest anstinkt, wird nichts besser, und das ist gut so.

Wer dieser Leerlaufhandlung vorwirft, nichts an den drängenden Problemen zu ändern, der hat ihren taktischen Vorteil klar erkannt. Denn nichts fürchtet der Bekloppte mehr als auch nur die geringste Verschiebung irgendwelcher Koordinaten, die Ahnung einer durchbrochenen Kontinuität, die aus welchem Grund auch immer geplante Abweichung vom Zustand seit dem Urknall. Im Mittelalter und zur Kreidezeit hatte es auch Gegenwart gegeben, warum also muss man die im neuen Jahrtausend denn als Differenz vom Durchschnitt betrachten? Die Angst geht so weit, dass selbst die Kaste der Abgehängten, die noch nie über nennenswerte Vermögen verfügt haben und mit legalen Mitteln auch nie in deren Nähe kommen werden, eine moderate Anhebung der Spitzensteuersätze für ihre Ausbeuter kategorisch ablehnt, denn wer vor den Großkopferten nicht dienert, der wird den Armen gegenüber sicher erst recht gierig werden.

Denn für das kognitiv suboptimierte Gefolge ist es allemal leichter, wenn Politik lediglich hübschen Sichtschutz aufstellt vor den Problemen. Guck an, Vorratsdatenspeicherung! Hui, Elektromobilität! Jucheirassa, geschlechtergerechte Sprache, mit der es uns viel leichter reißpiepenegal sein kann, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt so scheiße behandelt werden, wie sie es wahrscheinlich verdienen, weil das ja der Markt regelt! Da werkelt man doch nicht auch noch erst mühsam an der Realität herum, mit der die meisten Deppen intellektuell eh überfordert und der Wähler an sich nicht befasst ist.

Gibt es diese Wirklichkeit denn? Entsteht sie nicht sowieso erst als Konstrukt aus Erkenntnis und Interesse, und das auch erst lange nach der Wahl – wenn alle, die es hinterher schon vorher besser gewusst haben, nicht mehr gehört werden – und auch lange vor der folgenden, bei der sich für die Zusammenhänge aus Symbol und Realität schon wieder keine Sau interessiert? Wir alle hätten es bei genauem Nachdenken wissen können, was auch gut erklärt, warum keiner irgendetwas weiß. Oder hätte wissen können wollen. Wir vertrauen dem Symbol.

Am Ende sind wir dankbar, wenn uns der große Führer auffordert, die Fensterscheiben aller Friseure aus Lippe-Lummerland einzuschmeißen, weil nur die schuld sind an der Ausbreitung der Pest. Es gibt keinen besseren Ausweg nach amtierender Logik. Wem diese Argumentation bekannt vorkommt und wer sie als festen Bestandteil der historischen wie zeitgenössischen Politik erkennt: so ist es. Wenn eine alternative Wirklichkeit reicht, um logische Widersprüche im eigenen Handeln zu verwischen, dann geht der effiziente Leader den einfachen Weg. Er baut eine Mauer an der mexikanischen Grenze, verbietet Killerspiele und stellt Kükenschreddern ab Irgendwanninderzukunft unter lächerliche Strafe, es sei denn, man hat eine Ausnahmegenehmigung, wie sie kostenfrei und unbegründet jedem ausgestellt wird, der keine Lust hat, sich mit einer kariösen Beistellblondine abzugeben. Schön, dass es nun endlich Schokoladenkuss heißt. Da weiß der Nafri, hier kriegt jeder sein politisches Korrektschnitzel.





Lauch

2 02 2021

„Wobei ich auch immer wieder festgestellt habe, dass sie total humorlos sind.“ „Vor allem haben sie absolut keine Ahnung, wie man über sich selbst lacht.“ „Doch, ab und zu macht das mal einer.“ „Also Sie meinen professionelle Kabarettisten?“ „Das ist dann nur eine einstudierte Rolle.“ „Also Nestbeschmutzung als Geschäftsmodell.“ „Typisch deutsch halt.“

„Man darf das eigentlich gar nicht sagen, sonst wird man gleich als Rassist bezeichnet.“ „Dass man die Mehrheit hier rassistisch findet?“ „Als Mehrheit darf man das sowieso nicht sagen.“ „Das liegt aber auch an dieser deutschen Eigenschaft, dass man natürlich kein Rassist ist, aber alle anderen sind natürlich Rassisten, weil sie einen als Rassisten bezeichnen, sobald sich einer von ihnen als Rassist outet.“ „Das liegt vermutlich daran, dass sie sich immer als ganzes Volk angegriffen fühlen, wenn ihnen einer Nationalismus vorwirft.“ „Manche reagieren dann sogar gewalttätig.“ „Das erkennt man aber daran, dass es Einzelfälle sind.“ „Können die sich denn in der Öffentlichkeit nicht irgendwie anders artikulieren?“ „Was artikulieren?“ „Dass sie als Mehrheit unterdrückt werden.“ „Naja, in der Öffentlichkeit darf man das jedenfalls nicht mehr sagen, sonst wird man gleich unterdrückt.“ „Klar, dann bleibt einem natürlich nur noch Gewalt.“

„Lassen Sie uns bei diesem Thema bleiben: ist es denn gerechtfertigt, dass Deutsche sich zur Wehr setzen, wenn sie sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse angegriffen fühlen?“ „Das Problem ist, Deutsche setzen sich gleich zur Reichswehr.“ „Die wollen ja gar nicht über Diskriminierung sprechen, schon gar nicht vorurteilsfrei.“ „Meinen Sie, die müssten sonst zugeben, zu Recht diskriminiert zu werden?“ „Sie müssten zugeben, dass sie das nur für die eigene Opferrolle behaupten.“ „Das ist eine schwere Anschuldigung!“ „Das fällt aber auch auf fruchtbaren Boden.“ „Wenn ich mir vorstelle, dass man mit solchen Rechtfertigungsmodellen schnell eine enorme Gefolgschaft in den sozialen Medien generieren kann, dann ist das schon plausibel.“ „Sie unterstellen den Deutschen ein gezieltes Vorgehen, das sich…“ „Es sind ja auch nicht alle dumm.“ „Und diese Mechanismen sind seit vielen Jahren produktiv.“ „Da ist vieles historisch bedingt, von den großen Einwanderungswellen unter Friedrich dem Großen angefangen.“ „Und dann haben diese Osteuropäer den deutschen Bergarbeiter ja fast verdrängt.“ „Das sind nationale Traumen.“ „Mag ja alles sein, aber sie haben seit Jahrhunderten immer wieder die Chance gehabt, sich in eine stark von Einwanderung Technologie- und Kulturtransfer geprägte Gesellschaft zu integrieren.“ „Hm, ja.“

„Hätten wir nicht einen von denen fragen sollen, die sich diskriminiert fühlen?“ „Auf der anderen Seite, haben Sie Lust, sich dieses ewige Gejammer anzuhören, dass Deutscher sein inzwischen wie eine Straftat behandelt wird?“ „Das kennt man auch aus ihren Zeitungen.“ „Und sie werden auch in manche Sendungen eingeladen, wo sie immer wieder diese alten Geschichten erzählen.“ „Also wenn man etwas als Geschäftsmodell bezeichnen sollte, dann ja wohl das!“ „Sich diskriminiert fühlen und dafür noch Startgeld kassieren!“ „Widerlich!“ „Dafür habe ich echt kein Verständnis mehr.“ „Wobei wir jetzt genau genommen nicht sehr fair sind, in einer solche Debatte sollte man auch Betroffene zu Wort kommen lassen.“ „Um sich mit Geschichten aus dem Paulanergarten zu langweilen?“ „Anekdotische Relevanz ist eben meist aus einer gewissen Hysterie gespeist.“ „Verstehe, bedauerliche Einzelfälle.“

„Meinen Sie denn, dass der Eindruck, durch Sprache diskriminiert zu werden, auch die Realität widerspiegelt?“ „Wenn wir alles verbieten würden, wodurch sich andere angegriffen fühlen könnten, dann hätten wir gar keine Meinungsfreiheit mehr.“ „Das muss der Diskurs schon aushalten, dass man auch mal Einzelmeinungen toleriert.“ „Und das mit dem Humor ist ja auch kein Einzelfall.“ „Wir reden hier jetzt nicht von Beleidigungen oder verbaler Gewalt, aber wenn man die als Kartoffel…“ „Ja, das Argument kennen wir – die Kartoffel kommt ursprünglich aus Südamerika, das stellt die Identität der Deutschen in Frage.“ „Aber die fühlen sich ja schon angegriffen, wenn sie als Lauch bezeichnet werden.“ „Lauch?“ „Das habe ich jetzt nur für ganz bestimmte Gruppen in Erinnerung.“ „Nach dem Verständnis dieser Deutschen darf aber auch nur ein Deutscher entscheiden, ob irgendetwas objektiv als Beleidigung gemeint ist.“ „Der Diskurs muss also auch aushalten, was manche nicht hören können?“ „Das würde ich dann aber nicht mehr als objektiv bezeichnen.“ „Also wenn ich jetzt einen Deutschen als Bleichgesicht anspreche, dann hat der doch aus sozialgeschichtlicher oder kulturgeschichtlicher Sicht auch immer die Chance, das positiv bewerten zu können.“ „Das sind eben die Erfahrungen, die zum Teil über Generationen…“ „Und weil diese Scheißkartoffel im Geschichtsunterricht gepennt hat, soll ich jetzt Rücksicht nehmen!?“

„Wo sehen Sie denn Wege aus dieser Krise?“ „Wieso Krise?“ „Ich bin gegen Diskriminierung, aber irgendwann muss auch mal gut sein.“ „So sehe ich das auch.“ „Ich sehe das pragmatisch, wenn die den Eindruck haben, sie könnten hier nicht mehr leben, wir hindern sie nicht am Auswandern.“ „Da der Deutsche ja alles besser kann und sich fürs Fernsehen beim Auswandern filmen lässt, ist doch alles gut, oder?“ „Liebe Zuschauer, das war unsere heutige Talkrunde Deutschland direkt live aus Studio C, morgen erwartet Sie an dieser Stelle Markus Willberg mit Zur Sache. Wir wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIX): Die Internetmetamorphose

29 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Lernen durch Nachahmung stand bei der Sippe an der westlichen Felswand hoch im Kurs. Wie Rrt Geschick bewies beim Abstreifen der Buntbeeren vom Strauch, so machten es auch andere nach, um die Beikost zur Säbelzahnziege zu sichern. Mit zunehmendem Schädelvolumen stieg auch das zum Überleben notwendige Wissen; nach und nach beschäftigten sich die Hominiden mit Ackerbau, Viehzucht, Drogen und schließlich der Vernichtung des Planeten durch bunte Blechkisten, die immer größer sein mussten als die Blechkisten vor der Hütte des Nachbarn. Berufe entstanden, Bäcker und Arzt, Investmentbanker und Totengräber, und die Kenntnisse spezialisierten sich zwangsläufig – irgendwann war es nicht mehr egal, ob man gerade Menschen unter den Acker pflügte oder eine ganze Volkswirtschaft. Allmählich setzte das Vertrauen ein, dass die Pausenclowns an den Schnittstellen der Kompetenz etwas abverlangte: die leise Ahnung dessen, was sie schafften. Ansonsten holten Meister und Richter schnell den Hammer hervor und taten das Ihrige. Gut, dass wir heute das Internet haben.

Die schlecht gefeudelte Echokammer auf den digitalen Endgeräten ist noch immer voller Dackel, die sich als Bundestrainer ausgeben. Früher, als wir alle noch am Stammtisch saßen, war es schwieriger, sich als Fachkraft für Expertenwissen auszugeben, falls man nicht heimlich Handbücher im Rucksack mitgeschleppt hatte: ‚Raketenwissenschaft für Dummies‘, ‚Wie werde ich Bundeskanzler‘ oder ‚Alles über Jurististik (mit 666 Angeberfragen)‘. Bestand der vordergründige Vorteil auch darin, die anderen Klötenkönige vorübergehend an die Wand labern zu können, irgendwann hat es sich immer gerächt. Jeder Bauer, der zufällig die Wirkung von nichtkompetitiven Antagonisten erklären konnte, galt nur bis zum dritten Schnaps als die Kanone der Pharmazie westlich der Unterweser, abgesehen von anderen Erklärversuchen der Scherungsdynamik von Festkörpern oder des Verstrickungsbruchs. Das aber lässt sich schon durch eine Verschiebung des Kommunikationskanals bewerkstelligen.

Wie wunderbar einfach schwiemelt sich der durchschnittliche Dumpfschlumpf ein Profil aus dem bisschen Person, das er mit sich schleppt, und wie distinguiert schmückt er sich noch mit allerlei Gefieder, das Google gefällig hervorwürgt aus dem Gewölle des Datenmülls. Eben noch ein normaler Versicherungsangestellter, vom Rechnen mit einer Unbekannten körperlich überfordert, jetzt schon Fachmann für Sachen, Prozesse und Gedöns. Muss manch anderer aufwendige Artefakte beibringen, damit man ihm das Medizinstudium abkauft, mutiert der Realitätsallergiker flugs zum Chefarzt, hat schon Dutzende von Blinddärmen durch die Nase entfernt, den Nobelpreis von Dingenskirchen gewonnen und seinen eigenen DSM-Code. Allein dies ließe sich auch mit einem weißen Kittel und dem Stethoskop aus dem Onkel-Doktor-Koffer bewerkstelligen. Profis durchlaufen blitzartig und anfallsweise eine Metamorphose, und zack! sind sie Autoritäten auf dem Gebiet der abstrakten Algebra – je abstrakter, desto besser.

Nach dem Grundsatz diverser Parallelexistenzen aus Coaching und Lebenshilfe, dass Wollen gleich Können ist, glauben wir alles. Was erwartet man schon von Grützbirnen mit Bausparerabitur, die nach trockenem Husten eine Krebsdiagnose aus dem Netz popeln, am Rande des Wahnsinns ein Geländer aus Stahlseilen aufzustellen oder den Rasen mit Nitroglycerin zu sprengen. Da Angebot und Nachfrage oft knirschend kollidieren, decken die Koryphäen spielend und oft gleichzeitig Börse, Atomenergie, Terrorismus und profunde Kenntnis der Weltgeschichte ab, je nachdem, was Wikipedia gerade im Angebot hat. Wer auch immer zuerst die Idee hatte, als Profi für Pinselschimmel die Foren des Heimwerkerparalleluniversums zu entern, hier lauerte ewiger Ruhm. Oder eine Chance auf den Titel als dümmster Flusenlutscher aus Kohlenstoff.

Wahre Helden erkennt man vermutlich daran, dass sie nach ihrem Gestaltwechsel auch genau begründen können, warum sie keinen blassen Schimmer hatten. Manche von ihnen, die Talent und Neigung zum Psychopathen vorweisen, wären gar in der Politik gut aufgehoben, weil sie auf ihr dümmliches Geseier von eben gerade keinen Wert mehr legen. Vielleicht rettet sich einer mit absolut null Ahnung in die Wirtschaftsnachrichten, um das Evidente mit viel Getöse zu verschwurbeln, um bei Gelegenheit in einen astrologischen Spartenkanal zu wechseln, wo es dann auch schon reißpiepenegal ist, wer was warum unter sich lässt. Hinderlich könnte hier nur sein, dass der Halbgott auf Entzug nicht sieht, welches Chaos er mit seinem porösen Verbalgranulat hinterlässt, denn darauf kommt es ihm wohl an: dass es manche gibt, die sich von Realität und Schmerzen nicht beeindrucken lassen, wenn sie der Stimme der Beklopptheit folgen.

Irgendwann, wenn das Internet verfilmt wird, ersetzt man sie durch billige Special Effects, weil so viel Dummheit nicht mehr in drei Dimensionen passt. Aber wie kriegt man das am billigsten hin, ohne das Raum-Zeit-Kontinuum zu verdeppern? Ich frage für einen Freund.





Echte Männer

27 01 2021

Der Auslieferungsfahrer schwitzte. Der Karton war ziemlich groß, ziemlich schwer und dazu noch mit den scharfkantigen Packbändern versehen, an denen man sich sofort die Finger aufriss, wenn das Paket zu rutschen begann. Und es rutschte sofort. „Halb so wild“, erklärte Siebels. „Wir sind versichert. Sie werden gleich sehen, warum.“

Zwei andere Posten Stückgut lagen schon auf dem Wägelchen, das in den Hof rollte. „Drehen wir im Freien?“ Der TV-Produzent nickte. „In dieser Atmosphäre finden die Zuschauer das interessanter, und wir können mit der Drohne auch hervorragende Aufnahmen von oben machen.“ Im Garageneingang standen ein Rollschrank mit allerlei Werkzeug und ein Kosmetikkoffer. „Der Visagist sollte wissen, was er da tut.“ Siebels warf seinen Becher in den Müllsack neben dem Eingang. „Obwohl es bei der Knalltüte auch keinen Unterschied mehr macht, was man ihm ins Gesicht schmiert.“ Der Maskenbildner werkelte an Michi Wunder herum, seiner Ansicht nach einer der größten Schlagersänger überhaupt. „Ich will die Augenbrauen breiter“, pöbelte der Musikant, „und schmier mir hier nicht die Hose voll!“ „Das lässt er sich gefallen?“ Siebels zog die Augenbrauen hoch. „Der Visagist? Aber ja doch.“ Ein Helfer reichte ihm neuen Automatenkaffee. „Er sieht ja später zu, wie es ausgeht.“

Gänzlich ungewohnt trat Herr Wunder in einer Art Blaumann mit Glitzer in den Hof und sah dabei aus, als hätte sich Elvis in eine Klempnerei verirrt. „Wir drehen!“ Schon griff er nach einem der drei Umschläge – Gold, Silber oder Platin – die auf dem Tischchen vor ihm lagen. „Verstehe“, murmelte ich, „deshalb auch die drei Pakete.“ „Wir haben jetzt erst mal eine Viertelstunde Pause“, flüsterte Siebels zurück. „Setzen Sie sich auf den Hocker, es wird ein bisschen dauern.“ Tatsächlich mühte sich die geschniegelte Trällerfigur mit manikürten Nägeln an der Pappe ab, bis nach gut zwanzig Minuten der Regieassistent verstohlen einen Schraubendreher in die Luft hielt. „Sehr gut“, grinste Siebels. „Genug Material für eine Folge mit Outtakes, zwei bis drei Trailer und Bonusmaterial für registrierte User.“

Mich interessierte mehr, wie er es selbst an den entlegensten Orten der Welt schaffte, nach Plastik schmeckenden Kaffee in Pappbechern zu besorgen, aber da hatte Michi den Karton schon geöffnet. Das ungünstige Verhältnis von Geschicklichkeit zu Schwerkraft ließ die weiß lackierten Bretter auf den mit Steinplatten ausgelegten Boden des Innenhofes purzeln. Ein lautstarker Fluch beendete die Szene. „Danke“, näselte der Aufnahmeleiter. „Fünf Minuten.“ Unser Wunderknabe war den Tränen nah. „Es wird noch besser“, erklärte Siebels. „Sie haben das Konzept der Sendung, und glauben Sie mir, es wird sehr gut.“

Zehn Minuten und eine schnelle Schminkeinheit später war alles wieder bereit. Siebels verfolgte den Ablaufplan auf seinem gewohnten Klemmbrett und blickte aufreizend desinteressiert, während unser Schlagerstar ein halbes Dutzend Regalbretter, die Seitenteile und diverse Schrauben sortierte, sie sich in der Verpackung befunden hatten. „Ich kenne das nur zu gut“, befand ich, aber der Fernsehmacher ließ mir keine Gelegenheit für Selbstmitleid. „Er wusste, dass er sich auf ein richtiges Abenteuer einlässt, und das hat er jetzt davon.“ Noch verstand ich nicht, aber Siebels klärte mich auf. „Das Format heißt Echte Männer, und genau darum geht es auch.“ Michi fielen gerade drei Böden nacheinander zusammen, da er sie an ein schräg gestelltes Brett angelehnt hatte. „Wir haben jede Menge Material, mit etwas Glück reicht es für einen Jahresrückblick. In diesen Zeiten ist man immer froh für etwas Ablenkung.“

Unser Showstar hatte gerade eben die Tüte mit den Schrauben entdeckt. Diese sahen auf den ersten Blick alle gleich aus, es handelte sich allerdings um doch recht unterschiedliche Objekte, wie er der Aufbauanleitung hätte entnehmen können, wenn er sie denn gelesen hätte. „Tragisch“, kicherte der Aufnahmeleiter. Dabei hatte er gerade den besten Augenblick zu drehen verpasst, als Michi den Hammer in den Spanplattenhaufen schleuderte. „Es spricht ja auch so für sich“, meinte Siebels. „Die Story passt einfach: ein Aufziehaffe scheitert an einem billigen Bücherregal. Dem nehme ich doch alles ab.“ Da hatte unser Hauptdarsteller auch schon angefangen, auf die Bretter zu schimpfen. „Mir war jetzt nicht klar, dass die Bundeskanzlerin befohlen hatte, schwedische Regale so zu designen, dass man sie als weißer Mann ohne Migrationshintergrund nur aufbauen kann, wenn ein mit jüdischem Geld nach Deutschland geschleuster Flüchtling zur Hilfe kommt und einem dann den Job wegnimmt.“ Der Aufnahmeleiter drehte sich eine Zigarette; dies hier würde bestimmt länger dauern.

Wir ließen ihn wüten. „Lassen Sie sich nicht beeindrucken“, sagte er und nippte am Kaffee, „für Geld machen Leute wie der alles, weil sie ohnehin keinen Ruf mehr zu verlieren haben. Wir achten in der Vertragsgestaltung nur darauf, dass er hinterher die Klappe hält.“ Der Auslieferungsfahrer hatte unterdessen Teppich in Studio 5 verlegt, bevor zwei Möbelpacker eine Sitzgruppe mit Schrankwand und diverse Leuchten aufgebaut haben. „Vorsicht mit den Kabeln“, warnte die Regieassistentin. „Der Staubsauger ist da.“ Siebels nickte befriedigt. „Sehr gut, dann haben wir heute zwei Folgen im Kasten.“ Die Lichtprobe lief, der Visagist trug seine Koffer rein. „Noch zehn Minuten“, rief die Assistentin. „Friedrich Merz ist fast fertig.“





Fragen

16 12 2020

„Ja hallo, sind Sie das? wer? Weil ich halt nur die Liste hatte mit den ganzen Staatskanzleien und den Durchwahlen für die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, und wir leben ja eigentlich in einer Art Föderalismus, obwohl man davon meist so viel nicht mitkriegt, aber jetzt kriegt man davon schon etwas mit, und zwar immer dann, wenn der ganze Laden nicht funktioniert, und da ist es gut, dass ich gleich Sie dran habe, weil ich da nämlich ein paar Fragen hätte an Sie. Nur ein paar Fragen.

Zum Beispiel, was Sie während des Sommers alles gemacht haben. Und ob Ihnen einer verraten hat, dass der Sommer irgendwann mal zu Ende geht und dass dann der Herbst kommt. Und dass nach dem Herbst der Winter kommt. Und warum jeder davon geredet hat, dass dann die Menschen alle wieder in die Innenräume gehen, in denen sich die Infektion besser ausbreiten kann. Und warum Sie so überrascht waren, als die Infektionen sich plötzlich viel stärker ausgebreitet haben, weil ja nicht mehr Sommer war. Und ob Sie das nicht selbst ein bisschen bescheuert finden, weil jetzt plötzlich der Herbst schuld ist und nicht die Belüftungsanlagen, die man eigentlich in die Schulen stellen müsste. Und warum die nicht in den Schulen stehen, wo Sie das doch alles im Sommer schon wussten.

Aber mich würde schon auch interessieren, ob Sie das noch nicht mitgekriegt haben, wie die Leute zur Arbeit kommen und die Kinder in die Schule. Und warum Sie das noch nicht mitgekriegt haben. Und ob Sie überhaupt mal mitgekriegt haben, wie man mit dem Bus oder mit der Bahn zur Arbeit fährt, wenn sich da nicht alle an die Maskenpflicht halten. Und warum Sie nicht mitgekriegt haben, dass das in einem Staatsbetrieb wie der Deutschen Bahn keinen kümmert, wenn sich da manche nicht an die Maskenpflicht halten. Und warum Sie noch nicht mitgekriegt haben, dass das ein Staatsbetrieb ist, den mal auch mal staatlich kontrollieren kann, wenn man so etwas wie die Maskenpflicht staatlich durchsetzen will, weil man das selbst angeordnet hat. Oder vielleicht erklären Sie mir einfach mal, wann Sie das letzte Mal einen Zug der Deutschen Bahn von innen gesehen haben.

In diesem Zusammenhang müsste ich auch noch mal nachfragen, warum Sie der Lufthansa so viel Geld geben unter der Voraussetzung, dass keine Stellen abgebaut werden. Und warum Sie das nicht schert, dass dann doch Stellen abgebaut werden. Und warum die Stellen abbauen dürfen, wenn sie sagen, dass ihre Flüge eh nicht mehr nachgefragt werden und dass die neun Milliarden da auch nicht viel ausmachen. Und warum Sie das Geld da nicht zurückfordern. Und warum Sie das überhaupt an die gezahlt haben, weil ja jeder vorher wusste, dass das in anderen Branchen wie der Kultur oder der Gesundheitsversorgung viel dringender gebraucht wurde und viel mehr Arbeitsplätze hätte retten können, und warum Sie sich damit nicht einmal haben beschäftigen wollen, obwohl Sie das alles schon wussten. Und warum Sie sich bis heute nicht damit beschäftigen wollen.

Ach, das mit der Gesundheit, da wollte ich auch noch fragen, warum Sie uns so dreckige Lügen auftischen, dass es an der Menge der Intensivbetten liegt, und solange wir mehr Intensivbetten haben als Coronapatienten auf der Intensivstation, solange ist alles gut. Warum Sie nicht sagen wollten, dass die Betten auch für die anderen Patienten noch reichen müssen, und warum das mit den Betten sowieso völlig wurst ist, weil man so viel Betten haben kann, wie man will, wenn man nur die Pflegerinnen und die Pfleger nicht hat. Und warum Sie alle im Frühjahr so gejubelt haben, als Pflegerinnen und Pfleger gleichzeitig gesagt haben, dass die Kliniken in Deutschland schon seit Jahren bis zum Hals in der Scheiße stecken und dass diese Katastrophe, die wir jetzt erleben, unausweichlich war, weil denen keiner zugehört hat. Und warum denen keiner zugehört hat, das können Sie auch gleich noch mal sagen, da erinnere ich mich nämlich gerade nicht, dass Sie da überhaupt jemals irgendwas dazu gesagt hätten. Tut mir leid, ich wüsste es nur gerne.

Und ob Sie das, was da in der Pflege gerade dermaßen schief läuft, in den Schulen nur billigend in Kauf nehmen oder bewusst fördern, darüber müssten wir mal reden. Warum nicht jedes Kind einen Laptop mitbekommt, das wüsste ich ja auch gerne mal, weil ich schon nicht wusste, warum Sie das nach dem Frühjahrslockdown nicht schon hätten wissen können. Und ob Ihnen nicht mal aufgefallen ist, dass es Haushalte mit mehr als einem Kind gibt, wo ein privater Computer pro Haushalt für mehrere Kinder schon rein rechnerisch nicht hinhaut. Und dass es Familien gibt, die den für Home Office benutzen. Und Familien, die sich gar keinen leisten können, weil der im Regelsatz vom Arbeitslosengeld nicht drin ist, obwohl man von Arbeitslosen gleichzeitig verlangt, dass sie sich im Internet bewerben. Und dass das die ganze verkorkste Digitalisierung wieder bei den Bürgern scheitern lässt, weil der Staat noch nicht mal kapiert hat, wie das technisch geht. Und ob Sie wissen, dass man Schulen auch nicht mit ein paar Laptops digitalisiert kriegt, sondern nur mit ausgebildetem Fachpersonal, das ordentlich bezahlt werden muss? So ähnlich wie bei den Betten und den Pflegern, könnten Sie dazu mal etwas sagen? Da entstehen nämlich immer wieder Fragen, und die gehen auch nicht einfach weg, und von alleine schon gar nicht.

Und insbesondere zu diesem Winzlockdown, zu diesem Löckchendownchen, da hätte ich mal gerne gewusst, ob Sie auf dem Schirm haben, wie viele Menschen da gestorben sind in den sechs Wochen? Und ob Ihnen das leid tut? Und warum Sie das dann nicht mal sagen? Und warum Sie sowieso nicht sagen, dass die gestorben sind, weil Sie da einen unglaublich schweren Fehler gemacht haben? Und ob dieser unglaublich schwere Fehler Ihnen dann am Ende vielleicht mal ein Wort des Bedauerns entlockt? Und ob der Ihnen eine Entschuldigung entlocken könnte, oder ob da auch Entlockdown ist wie bei anderen Themen, bei denen Sie entweder nicht darüber reden, oder viel darüber reden, aber nichts zu den Menschen zu sagen haben? Das würde mich und das würde uns alle irgendwie mal interessieren. Wirklich, darüber sollten Sie… –

Hallo? Sind Sie überhaupt noch dran? Was? ich soll mich verwählt haben? Ja, das halte ich nicht für ausgeschlossen. Aber das lässt sich ändern.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIX): Vom Übergeneralisieren

6 11 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich sind alle Kreter Lügner. Das weiß man doch. Schließlich schaffte es dieses putzige Paradoxon dank Paulus – der ja selbst irgendwann seine Fake-News-Phase überwunden hatte – bis in die Bibel, genauer: in den von einem rassistischen Fundamentalisten verfassten Titusbrief, der bereits in der frühen Entwicklung dieser Sekte ein klares Licht auf den Charakter des korrupten Drecksacks warf, der unter dem Verdacht religiöser Wandlung stehende Nachbarn von der Straße fangen, zu Tode foltern und ihre bewegliche Habe in seine privaten Besitztümer zu überführen pflegte, um sich bei jenem höheren Wesen, das er verehrte, lieb Kind zu machen. Objektiv und nach starker Lesart heißt dies für uns, dass nie und nirgends auch nur ein Kreter vertrauenswürdig sein könnte, da sie niemals den Grad der Schwindelfreiheit erreichen, wobei diese Objektivität nur von außen zu erreichen ist, denn was wäre eine Aussage über Kreter, wenn die selbst in die Suppe spucken?

So ist es mit allen Vorurteilen, wenn sie nicht durch das Paradox der galoppierenden Dummheit verunreinigt werden. Man muss sie zwingend von außen einer Stichprobe der Gesamtpopulation überstülpen, sonst wird man sie auf die Eigenschaft, die sich negativ auswirken soll, nie reduzieren. Dass Bayern mit einem Alkoholproblem geboren werden, Radfahrer asoziale Verkehrsrowdys sind und Bestatter allesamt von Betrug leben, lässt sich nur aus einer einzigen Perspektive glaubhaft zeigen. Man darf keinem dieser Segmente angehören.

Engstirnigkeit ist ein weites Feld, und man darf niemals seine Borniertheit auf Dinge gründen, die sich zu geschmeidig in die Materie einpassen. Wäre ein Befangenheitsgrund, dass man Griechen als faul und bestechlich wahrgenommen hat, ohne aber je den Fuß auf Kreta gesetzt zu haben, taugte das Urteil nicht einen Buchstaben. Es ließe sich allemal ein deppentaugliches Stereotyp für allerlei Gewitzel und Gehetz daraus matschen, aber auch das ist nicht abendfüllend. Würde man trotz alledem behaupten, die Kreter seien verlogen, weil sie Griechen seien, hätte man sich bereits den hermeneutischen Zirkel ins Auge gestochen; Kreter zu sein impliziert die Zugehörigkeit, ein Urteil darauf aufzubauen wäre ungefähr so sinnvoll, wie veganen Kettenrauchern eine vorbildliche Lebensführung zu unterstellen, weil sie keine Fleischmasthormone anlagern.

Folglich sortieren wir aus Schutzgründen und nach sorgfältig zusammengeschwiemelten Regeln die Umgebungshominiden nach grobem Raster als Entweder-oder-Kandidaten: notorische Autofahrer oder unverbesserliche Radler, Kinderhasser oder Mutterglucken, kranke Bewegungssoziopathen oder asoziale Sofafettecken. Am Oberflächenlack zu kratzen wäre nicht dienlich, es könnte die Untiefen einer Differenzierung mit sich bringen, und wer will diese intellektuelle Herausforderung erdulden? Es gibt tatsächlich Mieter (dieses Gesindel, das den Mietzins jahrlang nicht zahlt, Handwaschbecken durch geschlossene Fenster kloppt und die Etage dann fluchtartig als Messie-Trainingscamp verlässt) und Vermieter (Kapitalistenschweine, die für eine Besenkammer eine Niere als Sicherheit und tausend Euro pro Quadratzentimetern fordern, die Heizung im Winter ausbauen lassen und beim Rohrbruch das austretende Wasser zum doppelten Preis zuzüglich Vergnügungssteuer abrechnen), und es gibt diese schreckliche Wirklichkeit, in der jemand beides sein kann. Der nicht unwahrscheinliche Mensch ist durch den Genuss einer größeren Hinterlassenschaft in Besitz eines Gebäudes geraten, in dem diese und jene Hausstände ihr Obdach haben; er ist folglich Vermieter. Zugleich hat er einen Betrieb, den er mit wirtschaftlicher Verantwortung führt, vor seiner Nase sitzt allerdings auch ein Vermieter, der auf die monatliche Entrichtung achtet und sich nicht auf Freundlichkeiten verlässt. Wären nun alle Mieter oder Vermieter gewissenloses Gerümpel im Wald der sozialen Verantwortung, wie könnte solch eine Konstellation auch nur einen Tag überleben?

Und so sortieren wir in Gut und Böse weg, was uns nicht schnell genug vor der Flinte flieht. Alle Taxifahrer sind schwatzhafte Schweine, die sich mit Umwegen den Lohn aufpolstern. Ärzte haben nur Medizin studiert, um sich beim Segeln und auf dem Golfplatz über die Patienten zu mokieren. Wer als Informatiker sein Leben in dunklen Kellern fristet, ist niedermolekular in einem wirr karierten Hemd festgewachsen, zeichnet sich durch Bartwuchs und unangenehmen Körpergeruch aus und ernährt sich von Fertigpizza. Klempner haben, wenn man von ihren Rechnungen ausgeht, einen 90-Stunden-Tag. Fünf US-Amerikaner reichen, um einen Pudel mit Hirnmasse auszustatten. Nicht grob falsch, aber im Einzelfall zu widerlegen. Wann immer die Aussage über alle anhebt, die da alle sind, ist sie mindestens doppelzüngig, denn wer weiß schon, was auf der anderen Seite als verbergenswertes Manko gilt. Sind die Jäger, die den Klavierspielern mangelnde Reinlichkeit im Sanitärbereich vorwerfen, wirklich unverbesserliche Warmwasserverschwender? Es ist ein, hähä, Kreuz. Psalm 116 hilft. Alle Menschen sind Lügner. Schöne Scheiße. Aber immerhin hätten wir das mal geklärt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVII): Die ewige Gegenwart der Nachrichtenüberflutung

23 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Versorgung der Gesellschaft mit aktuellen Nachrichten unterlag auch einem medialen Wandel, der den Umgang damit bestimmte. Im Zeitalter der kompletten Vernetzung bedarf es lediglich einer ungeschickten Handbewegung, schon quillt ein Brei an Neuigkeiten aus dem digitalen Endgerät; noch vor wenigen Jahrzehnten versammelten sich die Andächtigen vor dem televisionären Kasten, um die abendliche Ration an Kunde aus der Welt in Bild und Ton zu empfangen, wie sie davor aus der Wochenschau vermeldet ward und aus dem Radio suppte. Bis zur Nutzbarkeit der Elektrizität im industriellen Maßstab erschienen Zeitungen zwar täglich, unterrichteten jedoch noch mit erheblichem Verzug von Wahlen, Kaiserreden und anderen Katastrophen, was in interkontinentalen Maßstäben erst so richtig auftrug. Wissen ließ sich problemlos konservieren, aber dies ist ja nicht alleiniger Zweck eines Mediums. Erst die Erfindung des Buchdrucks machte es verhältnismäßig einfach, die Menschheit von der Erfindung des Buchdrucks in Kenntnis zu setzen. Warum haben wir uns zu den Konsumenten für allerlei Verkündigungskrempel entwickelt, und wenn ja, wozu eigentlich?

Tatsächlich waten wir schon nicht mehr durch die Flut der Schnell-, Eil- und Sondermeldungen, die uns ungehemmt auf allen Kanälen die Beine wegreißt, uns überspült und in sinnlosen Details der ewig schwatzenden Kommentare ersäuft. Nicht mehr die laue Berieselung eines Supermarktes, in dem seichtes Popgeträller mit trivialer Reklame die Aufmerksamkeitsspanne langsam versanden lässt, nicht die einfach zu ignorierenden Schlagzeilen, die auf langsamem Papier an uns vorüberziehen und in der nahenden Vergangenheit verwehen, die brutale Echtzeit raubt uns den letzten betriebsbereiten Nerv und stellt das Bewusstsein des Bekloppten um auf vegetatives Funktionieren. Was eigentlich noch als Information gilt, wird schon bald nur noch als Grundrauschen wahrgenommen, bis die Fähigkeit zum Differenzieren endgültig verloren geht. Zeit als fundamentaler Faktor kognitiver Unterscheidungen spielt plötzlich keine Rolle mehr, und wenn, dann nur noch eine willkürliche; wie die Hirnautomatik des Glotzenguckers den Stützapparat steuert, dass er nur in den Werbepausen Körperflüssigkeit in die Kanalisation kippt und den Kaloriennachschub in der gepolsterten Zone sichert, so schaltet auch der Cortex irgendwann auf Standby, um nicht ständig mit irgendwelchen Statusänderungen belämmert zu werden. Wir kennen das von Opa, er hat uns oft genug aus dem Krieg erzählt.

Allein der Status ändert sich nicht wirklich. Die Anzahl der Kanäle wächst fortwährend, als würden immer mehr Lautsprecher dasselbe dudeln, eine statische Woge des reinen Nichts. Die Flut löst ein Gefühl gottgleicher Allgegenwart aus, als krümme sich die Zeit zusammen zu einem omnipotenten Präsens. Üblicherweise führt eine Überlastung zum Stillstand des Systems, so auch hier – Wichtiges und Unwichtiges verschwimmen, Widersprüche werden in der mantraartigen Wiederwiederholung gar nicht erst durch den Filter gelassen, nicht einmal durch die ansonsten zuverlässig sortierende selektive Wahrnehmung, die die meisten Deppen nur das hören lässt, was sie hören wollen. Natürlich ist dies auch der weitgehend ritualisierten Form des Nachrichtenjournalismus geschuldet, der aus den immergleichen Worthülsen einen Schlamm schwiemelt, der noch jeden Gehörgang verstopft hat. Und so entsteht aus der Bündelung der Stimmen das paradoxe Gefühl, der in den Schädel gehämmerte Schrott erzeuge die unumstößliche Wahrheit, in deren Besitz sich nun jede Knalltüte wähnen darf. Ewige Erleuchtung. Das Wissen.

Das Gegenteil ist der Fall. Sobald der gemeine Hohlpflock im Vollgefühl seiner Göttlichkeit zum Kommentar anhebt, merkt man, dass die manische Druckbeschallung unter der Kalotte besenreine Sauberkeit hinterlassen hat; ein paar Staubreste kleben noch in den Synapsen, aber sonst findet hier keine Signalverarbeitung mehr statt. Alles ist, nichts wird. Kausalzusammenhänge sind schon seit längerer Zeit nicht mehr auffindbar. Geschichte und Prognose kommen nicht mehr vor, sie sind nur noch Facetten eines kontinuierlichen Bewusstlosigkeitsstroms. Welcher Kontakt mit der Botschaft auch immer diesen Zustand auslöst, im Zweifel über die sozialen Medien, es ist nicht mehr entscheidend, wer wann etwas gesagt, geschrieben, veröffentlicht hat, es zählt nur noch der Zeitpunkt der Rezeption – esse est percipi, und nicht immer ist es dasselbe, was in einem Augenblick erschaffen und im anderen vernichtet wird. Manchmal kommt auch der Geist dazwischen.

Wo immer sich mit der linearen Zeit viel mehr Material anhäuft, das in seiner absoluten Menge die differenzierte Debatte auslöscht, wird eine echte Entscheidung unmöglich. Wenn wir merken, dass wir manipuliert werden, ist es schon zu spät, aber wir merken es nicht, weil wir den Unterschied von zwei Zuständen, vorher und danach, nicht mehr erkennen. Vielleicht werden wir irgendwann sehen, dass dies eine Sackgasse ist. Irgendwann später. Jedenfalls nicht jetzt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXV): Der missverstandene Politiker

9 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vor der Einführung parlamentarischer Systeme war die Sache viel einfacher. Der staatliche Wille war auf eine Person fokussiert – Kaiser, König oder Häuptling – und drückte sich in dessen Vorstellung aus. Irgendwann in einer komplexer werdenden Welt traute man der Not gehorchend auch anderen zu, vernünftige Entscheidungen zu treffen, und das Amt des Ministers ward geschaffen: eine Person von Stand und Verstand, die professionell ein Ressort inhaltlich regeln kann, ohne sich zu schnell beim Herrscher zum Vollhonk zu machen, die eng gesetzten Grenzen seiner Kompetenz zu sprengen oder in der Öffentlichkeit als hirnfreie Knalltüte zu erscheinen, da dies unweigerlich auf den Souverän zurückfällt. Hier beginnt der dornige Weg des im Auftrag der Macht lenkenden Funktionärs, wenn er sich ohne Netz und doppelten Boden äußert. Er ist immer in Gefahr, missverstanden zu werden.

Grundsätzlich befinden sich Politiker, die in der Umlaufbahn des Sozialentzugs geparkte Kaste von Parallelexistenzen, in der verzwickten Lage, eine amorphe Masse mit Dünnsinn zu beschallen, wobei ihnen zwei Fehler unterlaufen können. Einerseits droht ihnen Verdünkelungsgefahr, wenn sie ihr intellektuell oberhalb des Durchschnitts angesetztes Verbalglutamat zum Maß aller Dinge erheben und beim Volk den Eindruck eines abgehobenen Lurchs erwecken, der sich selbst für seine Schnackerei abfeiert; die nicht mit juristischen Staatsexamina ausgestatteten Simpel fragen sich angesichts von Kompetenzkompetenz, ob die Dosis das Problem war oder die Pillen. Andererseits läuft Gehirngestrüpp durch die Gegend, das hechelnd den Juristen unter seinen Untergebenen zu erklären versucht, dass man Gesetze möglichst verworren aus der Kalotte kloppt, damit keiner mehr weiß, was eigentlich Phase ist. Diese Fachkräfte fragen sich eher, wie ein Klosteinverkoster mangelhafter Impulskontrolle in die Nähe eines Regierungsamtes hatte gelangen können. Nichts von beiden nährt das Vertrauen in den Rechtsstaat, den beide sich aus wirrer Eigenleistung kognitiv hinschwiemeln, als wäre das Grundgesetz ein rückwärts gejodeltes Wunschkonzert. Nur eines zählt für sie, nämlich die Erkenntnis, dass alle sie verkannt haben, bösartig missverstanden gar, aus drei Gründen: Dummheit, Abgehobenheit oder charakterlichen Defiziten.

Am einfachsten ist stets die Erklärung, einen Kandidaten der erfolgreichen Hirnverödung vor die Mikrofone geholt zu haben. Torheit steht in manch finsterem Landstrich offenbar noch immer für die größtmögliche Volksnähe und wird nicht minder von der bodennahen Reiterei beklatscht. Leider sind es auch nur selten andere, die über Gedeih und Verderb dieser Ausfälle richten: das fachfremde Gelaber auf Niedrighirnniveau dient nicht selten dem allgemeinen Bild der leitenden Politik, dass man dem gemeinen Mann nur oft genug denselben Schmodder ums Maul schmieren muss, um ihn von der rationalen Weltsicht zu entkoppeln. Statt den plumpen Populisten zum Schweigen zu bringen, lässt man ihn aus der verengten Brackwassersuppe Blasen werfen und freut sich, dass ein Depp zu den anderen gefunden hat.

Häufiger schon ist der weltfremde Bekloppte, er deliriert frei in der Landschaft herum, weiß nicht mehr, in welcher Wirklichkeit er sich befindet, und nässt die Allgemeinheit mit seinem Seich ein. Ob sich der gemeine Dummklumpen als Außenminion gegen Arbeitslose wendet, denen er unentgeltliches Schneeräumen auf Privatgrundstücken empfiehlt, oder als Besitzer eines Privatjets zur Mittelschicht gehören will, koste es dieses Steuerzahlerpack, was es wolle, sie werden mit tödlicher Sicherheit nach einem Tag die Presse vollpöbeln, wenn sie ihr bisschen Gemächt zu weit haben hängen lassen. Die anderen sind schuld, in ihrer Schicht wäre keiner auf die Idee gekommen, sie falsch zu verstehen.

Am deutlichsten erkennbar sind die von der Macht korrumpierten Darmleuchter, die mit ihrem Schmonz den Rest der Population veralbern, als sei der gemeine Hirnschadensympathisant gewohnt, dem rhetorischen Tischfeuerwerk rechtslenkender Hohlschwätzer zu folgen, bis der Neurologe bei Null den Knopf drückt. Die entscheidenden Deppen also hocken auf den Schlüsselstellen der Stärke, um ihre autoritär verwarzten Persönlichkeitsreste in den Diskurs zu schlenzen. Nicht nur weltentrückt und intelligenzfremd ist die Parallelabteilung zum gemeinen Mann, sie reklamiert für sich auch stets das Rechtgehabe, das nur da unangenehm auffällt, wo es plötzlich auf Widerspruch stößt. Möglich ist es immerhin, dass sie – bestimmte Neigungen vorausgesetzt – aus reiner Lust an der Provokation Zweideutigkeiten vom Stapel lassen, aber das ist eine andere Geschichte. Sie sind Opfer, die mit dem Gelegenheitsverkehr auf dem geistigen Standstreifen überfordert werden, weil ihnen keiner richtig zuhört. Nie. Was braucht ein Charismatiker schon außer Publikum, das ihm das Wasser reichen kann, auf seinem Niveau ist und auch sonst alles so begreifen würde wie er, wobei: nein, Moment mal…





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIII): Podcasts

25 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die größte Herausforderung an menschlicher Kommunikation ist ihre Gegenseitigkeit. Getreu dem pragmatischen Axiom, man könne nicht nicht kommunizieren, schwafelt nun eins den anderen an, und wie Menschen nun einmal miteinander reden – aneinander vorbei nämlich – ist ihnen jeder Inhalt gleichgültig, Hauptsache: ein mäßig moduliertes Grundgeräusch verlässt das Gehege der Zähne, fernab von Verstand, Verständigung und Verständlichkeit. Wer aus reiner Gewohnheit zur Fröhlichkeit neigt, wird sich auf einer Cocktailparty dem verbalen Sperrfeuer des Nuscheltierzoos aussetzen, um Alkohol in die Birne zu kriegen, während masochistisch Veranlagte sich auf der Familienfeier bei Torte und Schnaps die amorphen Tiraden zwanghafter Laberer antun. Nach dem dritten Durchgang von Opa, der wieder vom Krieg erzählt, einer endlästigen Erbtante, deren einziges Interesse scheint, ob die jüngeren Clanmitglieder schon im Reproduktionsmodus sind, sowie einer frustrierten Hausmeistergestalt, die nach drei Scheidungen und Bewährungsstrafen im niedrigen zweistelligen Bereich argumentativ in die Ecke gedübelt noch lauthals verkündet, dass die arbeitslosen Ausländer uns die Frauen wegnehmen, irgendwann dann schalten sich die Synapsen auf Null und löschen, was auch immer vorher darin festgeklebt war. Ähnlich spannend ist nur noch die Bedienungsanleitung ältlicher Haushaltskleingeräte, vorgetragen mit der Anmut einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin. Oder eben ein Podcast.

Brecht hatte recht, als er seine Radiotheorie der leidenden Hörerschaft vortrug: schlimm ist, wenn einer etwas zu sagen hat und keinen hat, der ihm zuhört, und schlimmer, wenn einer zuhören will und nur solche findet, die nichts zu sagen haben. Der Konservenfunk geht stolpernd eine kleine Stufe weiter, da auch hier irgendjemand nichts sagt, meist mehrere Stunden lang und gerne mehrmals, und es ist ihm von Herzen wumpe, wer alles weghört. Im Gegensatz zum Hörspiel, das neben literarischem Anspruch öfter durch Inhalte auffällt, quillt die Hörsuppe unstrukturiert aus dem Netz, das als Ort des unbefleckten Empfangs heute jedem technisch unbedarften Freizeittalent die Möglichkeiten bietet, beliebigen Schmodder zu speichern und bis zum endgültigen Abschmelzen der Polkappen kostenfrei bereitzuhalten. So weit, so hübsch.

Wie der digitale Druck jede Menge Schmodder auf den Markt geschwiemelt hat, weil plötzlich jede Fußhupe meint, die Kunst des Erzählens zu beherrschen, so schwadroniert auch eine Heerschar intellektabstinenter Erklärbären plötzlich Mengen an schwer verdaulichem Schall auf die Festplatten dieser Kohlenstoffwelt, für die sich das Anwerfen einer Schreibmaschine meist nicht gelohnt hätte. Die thematische Vielfalt übersteigt nur selten den Radius des eigenen Nabels; wozu auch, wird das Elaborat doch meist nur von kleinem Klüngel konsumiert, der sich für den Inhalt – Backen, Weltpolitik, irgendwas mit Medien – sowieso nicht interessiert, aber irgendetwas zum Einschlafen braucht. Wie auf dem weiten Feld der Printprodukte übersteigt die Zahl der angebotenen Titel längst die verfügbaren Verbraucher, die statistisch 25 Stunden am Tag die Lauscher gestopft bekommen müssten, um den ganzen Krempel zu Lebzeiten wegzuhören. Aber wer will das schon.

Zumal es kaum möglich wäre, weil an anderen Fronten ähnlich geballert wird. Videodienste und Streamingplattformen buhlen mit dem Rundfunk um ungeteilte Aufmerksamkeit, während sich das lineare Fernsehen vor der finalen Grätsche rettet. So verlockend die emanzipatorische Funktionalität der digitalen Kanäle auch ist, sie wird auch hier nur als Einbahnstraße genutzt. Einer redet, den anderen fallen die Augen zu. Wer Schule lustig fand, wird Podcasts lieben. Und macht vermutlich selbst einen.

Inzwischen haben sogenannte Prominente das Medium für sich entdeckt – mäßig begabte Knalltüten, die gestern noch keiner kannte und jeder morgen vergessen haben wird – und casten fleißig pod, dass es seine Bewandtnis hat. Wer nicht bedeutend genug ist, seinen Nachnamen auf eine Zeitschrift tackern zu lassen, muss halt regelmäßig vor einem Mikrofon sitzen und Belanglosigkeiten in die Umgebungsluft plappern. Ab und zu peppt sich einer der Profilneurotiker durch Gäste auf, die auch nur Nebensächliches quasseln und das Zeug nicht besser machen. Mangels messbarer Kompetenz wird so jedes Format von bröselndem Smalltalk verschüttet, einem Verbalglutamat, das bereits im Ansatz sinnvolle Strukturen verpappt und verpopelt, ob im astrophysikalischen Kontext oder in Spiel, Sport, Mord. Vielleicht taugt es ja, um die drei Stunden Stau auf dem Weg zum Arbeitsplatz angenehm zu gestalten, vielleicht es aber gerade an der sittlichen Verrohung im Straßenverkehr schuld: wer ständig Schrott hört, will ihn irgendwann auch sehen. Die Hoffnung bleibt, dass sich das Klangbad irgendwann als akustische Meditationskulisse zur endgültigen Aushöhlung der Kalotte etabliert, und dann folgen Erleuchtung, Liebe und Frieden. Aber das wollte Opa sicher auch, und dann hat er wieder nur vom Krieg erzählt. Bis zum bitteren Ende.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXII): Die wissenschaftliche Sprachbarriere

18 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eines schönen Tages, der so finster gar nicht war, wie man sich heute das Mittelalter vorstellt, da schlug Meister Godehard seinem Lehrjungen auf die Schulter und machte ihn mit der wichtigsten Weisheit des Gewerks vertraut, das bis auf unsere Tage seine Gültigkeit besitzt: querstiebige Wunzen immer schöllig abknörzen, weil sonst die Raufen sich verhuddern. Seither haben wir die Kernkraft entdeckt, sind zum Mond geflogen, bestellen Obst und Fahrräder im Internet, sehen ein paar Deppen dabei zu, wie sie hauptberuflich mit Autos immer im Kreis herumfahren, und kippen unseren Müll ins Meer. All dies geschieht aus tiefem Unverstand, da wir die Zusammenhänge des Lebens nicht recht kapieren. Doch kein kluger Mann, kein Handwerker und keine Professorin, würde aus heiterem Übermut je auch nur eine querstiebige Wunze nach Gefühl und Wellenschlag abknörzen. Die Folgen wären immens, nicht sofort ersichtlich, mittelbar aber katastrophal. Wie viel Jammer, Pein und Ungemach ließe sich verhindern, würden wir die klaren Worte der geistigen Vorbilder für Gelehrtheit halten, statt ihnen Simpelei zu unterstellen? Sind wir nicht alle Opfer der wissenschaftlichen Sprachbarriere?

Wo immer Fachleute sich auf einem Haufen befinden, müssen sie sich über die wichtigsten Dinge auf diesem Planeten unterhalten. Erst durch eine lebhafte Diskussion, dass das Geräusch dem gehört, der das Federwild aufbricht, wird die an sich selbstverständliche Regelung vom Waidmann zum anderen nochmals bekräftigt – regelmäßig, wie der Jurist anmerkt, da es überdies billig ist. Der Heizungsbauer denkt sich seins, während Koch und Coiffeur um die Wette blondieren, der Bergmann eine Pfeife bohrt. Nichts ist für den Zusammenhalt in der Gruppe besser als gemeinsames Vokabular, das Sinn stiftet und bisweilen die Zaungäste, die mitreden wollen, es aber nicht können, ausschließt. Außerdem würde es dem Arzt maximal auf die Plomben gehen, statt ‚Hypovolämischer Schock‘ jedes Mal eine Kurzgeschichte zu erzählen, damit die Pfleger wissen, ob es sich noch lohnt, die Ärmel hochzukrempeln. Die Sprache ist eine Übereinkunft synchron tickender Individuen, die sich die Welt ein bisschen einfacher machen wollen, etwas genauer und nicht ganz so unsicher. Ein wesentlicher Prozess der Wissensdifferenzierung besteht darin, unterschiedliche Sachverhalte mit unterschiedlichen Begriffen zu benennen, auch wenn die Alltagssprache regelmäßig die juristische Regelmäßigkeit verkennt. Sie stellt ein Modell her, mit dem sich die Welt erkennen und beschreiben lässt, und sei sie noch so theoretisch.

Der Zwang gewisser Kommunikationslurche jedoch, möglichst verworrenen Schmodder zur Verdeckung von Nullinformation in die Gegend zu schreiben, ist nicht neu und hält an. Wen würde es wundern, beschlösse irgendwann eine ganze Generation, eine Wissenschaftsdisziplin mit voller Ignoranz in die Endablagerung zu befördern, weil ihr zum Mysterium aufgeblasenes weißes Rauschen jeden Versuch im Keim erstickt, sich ernsthaft damit zu beschäftigen? Ist dann der Zweck dieser Beschäftigung mit intellektuell niederschwelligen Angeboten auf einem künstlich hochgeziegelten Niveau nur das Bedienen der Heißluftposaune, um sich selbst unfassbar klug zu fühlen? Jahrhunderte haben die großen Denker um Klarheit gerungen, in den Gräben des Geistes dümpeln lediglich trübe Tümpel vor sich hin. Die Unverständlichkeit wird zum Fetisch, wo sie umgekehrt proportional zum Erkenntnisgewinn der Schwurbelei nur ein Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana liefert.

Der Verdacht erhärtet sich zusehends, dass gewisse Disziplinen wie die Soziologie nur dazu erfunden wurden, damit man eine verschwiemelte Terminologie überhaupt verwenden könne, denn wer sonst hätte für den verbalen Bauschaum in flamboyantem Gepränge noch Verwendung als ein Pausenclown, der hysterisch sein Spiegelbild anbalzt. Größtmögliches Getöse liefern sonst nur die heideggernden Hilfshegel, die sich in ihrer Welt als Wille und Zwangsvorstellung heillos verkanten. Wozu auch immer diese Protzbrocken sich ein Rangabzeichen an die eigene Brust tackern, sie erweisen der Suche nach Wahrheit einen Bärendienst. Wie das Sozialgerümpel langfristig als Intelligenzsimulation durchgeht, interessiert nur die im luftleeren Raum, die sich nicht mit anderen Personen abgeben, weil es ihnen objektiver scheint. So wird nun also geworfene Dunkelheit des Soseins im Gewese des Dinglichen ein Ist-Status, dessen sich vorweg befindlicher Entwurf als Eigentlichkeit des Weltbezugs vorweg ist, je nach Vorlauf auch im Gegenteil oder mit Blümchen. Schlimm wird es nicht, wenn einer der Heißluftschlümpfe es nicht durchdringt, richtig schlimm wird es, wenn einer von ihnen vorgibt, den Müll zu verstehen. Mehr Schaden wird nie sein, als wenn Scheinriesen auf den Schultern von Zwergen herumstelzen. Man soll querstiebige Wunzen immer schöllig abknörzen, weil sonst die Raufen sich verhuddern. Mehr reine Hermeneutik geht nicht. Der Rest ist hoffentlich Schweigen.