Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXIV): Das Essensfoto

17 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann hatte Rrt so halbwegs den Bogen raus und begann mit der dunklen Matsche vom Ufer des Tümpels figürliche Muster an die Wand der Großfamilienhöhle zu malen – halbwegs figürlich, da nur der Eingeweihte wirklich wissen konnte, ob es sich bei den seltsamen Formen tatsächlich um die Säbelzahnziege handelte oder um das ominöse Raumschiff, das Jahrtausende später Experten für Präastronautik aus dem Gekrakel würden erkennen wollen. Ehrlich gesagt handelte es sich seinerzeit um eine Art Beschwörung, nicht zu sagen eine sehr historische Form der Speisedarstellung, die den Gästen signalisierte: es gibt Geiß, Baby. Vorab malte der Hausherr an den Felsen, was tags darauf im Feuer gemütlich schmurgeln und den Gaumen der Verwandtschaft delektieren sollte. Hätte man den Hominiden ein digitales Endgerät in die Hand gedrückt, vielleicht hätten sie die Reihenfolge auch schon umgekehrt – erst Kochen, dann Malen. Aber auch heute bildet man erst ab und isst danach, was übrigbleibt. Warum auch immer. Das Essensfoto bleibt eines der soziokulturellen Geheimnisse der Gegenwart.

Zum Beispiel die Frage, warum und wann und in welcher Form man es überhaupt anfertigt, im Netz an unschuldige Opfer verschickt und dafür eine Reaktion erwartet, die das ahafreie Erlebnis übersteigt. Vordergründig knipsen Menschen Salat und Bohnensuppe, um zu zeigen, dass sie es können – sie sind in Besitz eines digitalen Endgeräts und wollen ihre Abhängigkeit an die Kommunikations- und Speichermaschine schlechthinnig zeigen, eine krude Mixtur aus Credo und Mea culpa, zeitgleich der Nachweis einer Zugehörigkeit zur Welt, die ja außerhalb der allwissenden, allumfassenden und allgegenwärtigen Müllhalle nicht mehr stattfindet, es sei denn außerhalb des platonischen Gehäuses, und was sich da an Gebilde an die Höhlenwand schwiemelt, mag sich der Abhängige lieber gar nicht erst vorstellen. Er gehört dazu, mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.

Anders als der gemeine Anorektiker, der einen leeren Designerteller gepostet hätte, schmaddert der Durchschnittslurch Schnitzel ins WLAN, als gäbe es dafür Anerkennung. Die Darreichungsform ist so demonstrativ wie verzweifelt, denn was hätte der Esser auf Sozialentzug zu bieten außer vorgefertigter Ware, wie sie jede beliebige Gasterei dem Vorübergehenden liefert. Anders wird es nur, lichtet der Esser selbst gehobelte Kartoffeln mit Öl und Essig ab, was aber nur dokumentiert, dass er Kartoffeln kaufen kann und in Besitz eines Hobels ist, beides so spektakulär wie ein Fahrrad in China. Größtenteils ersetzt das Teilen die Gemeinschaft zu Tisch, die sich mitesserfreie Kalorienverbraucher in jenen Situationen wünschen, wo sie gegen die Zeit gabeln, Endpunkte eines Netzwerks, in dem alle alleine am Zipfel ihres Hungertuchs hocken. Die mediale Form der Zwangseinladung gerinnt mit der Zeit zur stereotypen Postkarte, wie sie der Tourist aus Leidenschaftslosigkeit an den Rest der Familie sendet: es gibt Betten, das Essen ist gut, das Wetter findet statt, Grüße, aus.

Als Präsident mit Kinderwertigkeitskomplex zeigt man gerne das Ergebnis seiner Verrichtung, der traurige Tellerkauer muss die verrinnende Zeit festhalten, die er für einen knappen Moment im sozialen Milieu seiner Wünsche verbracht hat, eine Mittagspause im Kantinenalltag, Gemeinsamkeit im Szeneviertel, die er ins Medium pfriemeln muss, um aus seiner Existenz überhaupt eine Botschaft zu erhalten. Was sich nicht abbilden lässt, so das Netz in ehernem Diktat, hat gar nicht stattgefunden, und was nicht stattgefunden hat, gibt keine Punkte. Wer sich einmal dazu entscheidet, auf dem Zeitstrahl in Richtung Ego zu surfen, stellt fest, dass das Ding ihm aufwärts zu schwimmen gebietet; es erfordert permanente Energiezufuhr, der Moloch will stetig gefüttert werden, auf dass die Person hinter ihrem Account überhaupt ist. Man stelle sich vor, Prozess und Technik wären noch nicht erfunden, zweidrei Leutchen, die irgendwas mit Medien machen, zücken beim Anblick der Käsestulle hysterisch ihre Schmalfilmkamera, kurbeln knatternd eine Spule herunter, die entwickelt und umgekehrt wird, in Streifen geschnitten und geklebt, überblendet, mit Gabelgeklapper und Gläserklang nachvertont, und doch bleibt nur gelbstichig ruckelnder Bildschrott, der nach drei Wochen müde dem Zerfall entgegen im Keller rottet, weil kaum jemand sagte: wollen Sie mal Frollein Müllers Schwarzbrot sehen? In der Summe entsteht vielleicht der Eindruck, für das bisschen Pudding geliebt zu werden, doch nur ein klein wenig von jedem, nicht messbar, da zu viele zu oft zu viel teilen. Wenn jeder sein täglich Brot in den Äther klotzt, sind alle anderen überfüttert. Danke, satt, Amen.

Wie anders wäre die Geschichte gelaufen, und es hätte beim letzten Abendmahl schon Instagram gegeben. Sehet her, dies ist mein Gemüse, dies ist mein Chardonnay, zehn von zehn Punkten, ein Bild für die Götter. Das letzte Bild, so sagt man, nimmt man mit, vermutlich auch in die Cloud, oder es wird in der Netzhaut gespeichert. Ob das Turiner Tuch Saucenflecken hat? Man weiß es nicht.

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Alles gut

5 05 2019

Für manches kleine Missgeschick
empfiehlt es sich zu lächeln,
sich mit dem allerkleinsten Trick
ein bisschen Luft zu fächeln.
Man kommt sich einmal fast zu nah,
da kann es schon passieren,
dass sich die Kreise hier und da
unangenehm berühren.
Dann bleibt man ruhig. Was macht es schon,
wenn sich die Situation
mit einem Wort entschärfen lässt,
statt dass man sich entnerven lässt.
Wohl dem, der einfach gar nichts tut
und also spricht:
    Alles gut.

Die ganze Welt ist angepasst.
Man zeigt auch keine Ecken.
Man ist mitunter angefasst
und will das nicht verstecken.
Ach, die Gesellschaft! immerhin
verträgt sie keine Störung
und bleibt gemäßigt mittendrin
im Herzen der Empörung.
Man bleibt zwar stumm, doch beißt man sich
wohl in die Finger innerlich,
weil jeder, der die Klappe hält,
wohl über eine Schlappe fällt.
Pass jetzt gut auf! Sei auf der Hut!
und sage nur:
    Alles gut.

Die Welt verdirbt, versackt, verroht.
Ein jeder will uns lynchen,
der uns mit Unkultur bedroht.
Wer will das übertünchen?
Schon tritt man nach, wenn einer liegt.
Das hat so still und redlich
die fromme Denkungsart besiegt
und macht sie jetzt unschädlich.
Wer ehrlich ist, der kocht vor Wut
aus Zornes Heil wohl tief im Blut,
und seufzt trotzdem:
    Alles gut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXII): Empörialismus

3 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nein, es ist nicht der Skandal, jene aus sozialen oder ästhetischen, manchmal aus beiden Gründen jäh stattfindende Implosion des gesamten Umfeldes, warum man die unverhüllte Brust der Milchfrau mehr beschreit als die ordensbekleckerte Brust eines Generals, der das ganze Lametta nur für Mordübungen bekommen hat. Schräge Musik mit windschiefen Quartakkordfolgen sorgte einst für veritable Massenschlägereien, an denen manch ein Zahnarzt seine helle Freude hatte – man konnte von den Honoraren einen ganzen Reitstall bezahlen, und heute wäre es immerhin die linke Flügeltür eines nur zum Protzen gebauten Sportwagens, der nie anders als in Rot ausgeliefert wird – und die Bilder es aufkommenden Surrealismus hatten auch ihren Anteil an der Geschichte der Saalschlachten. Es geht letztlich immer und selbst in den absurden Momenten der Erklärung um die Wertvorstellungen einer Mehrheit, was einerseits die Existenz von Werten im engeren Sinne voraussetzt, andererseits auch das Bewusstsein einer Mehrheit, die sich nicht als terrorisierendes Gegengewicht der Wenigen verstünde. Die wenigen, die dann auch noch laut werden, da sie sonst das Bild von der schweigenden Mehrheit nie transportiert bekämen. Sie brauchen die Lautstärke als Luftdruck, um sich gegen die Standfesten zur Wehr zu setzen. Sie leben nicht in der Gegenwart und erst recht noch weniger in der Wirklichkeit. Sie sind Jünger des Empörialismus.

Man gebe ihnen einen Punkt, und sie lassen aus jedem Anlass die Welt darum rotieren, die Richtung ist egal, und es geht ihnen, den kleinen wütenden Trollen mit den Schrillstimmen, niemals um eine Art von Solidarität mit den Opfern von Tat oder Unterlassung. Dass in Bad Gnirbtzschen kleine Kinder zu Fuß gehen müssen, während daneben der kostenlose Omnibus täglich leer von klein A nach klein B gurkt, reicht allenfalls für einen Protestchor mit Flötenbegleitung, aber die Kinder sind ihnen wumpe. In den besten Momenten, wo sich der Spießer für nichts mehr schämt, würde er auch wohnungslose Landwirte aus Entwicklungsländern beweinen, die uns Ananas zum Selbstkostenpreis liefern müssen, weil das Nähere von einem Bundesgesetz geregelt wird, jedes aus Schmierkäse geschwiemelte Motiv wäre billig genug für einen zünftigen Shitstorm, wenn sich nur eine möglichst wirre pseudomoralische Implikation daraus ableiten ließe: Du sollst zwar weiterhin subventionierte Ananas kaufen, weil das ein Zeichen neoliberalen Freiheitsdenkens ist, denn keiner kann uns dafür verantwortlich machen, dass wir in einer der reichsten Industrienationen auf diesem zweifelhaft beleumundeten Rotationsellipsoiden geboren wurden, aber wehe, Du regst Dich nicht künstlich über die vorsintflutlichen Zuchtbedingungen auf. Der Verbraucher kaut heulend vor Wut Flugfrucht um Flugfrucht, er hat für den Moment fast den Sinn des Lebens gefunden. Das reicht. Es verpflichtet ihn ab sofort zu nichts mehr.

Gerne echauffiert sich der gemeine Knalldepp über das, was er nicht versteht – so geht er gleich im Vorfeld jeder sinnvollen Diskussion aus dem Weg und kann sich als teilautonomer Ein-Personen-Widerstand quasi argumentationsfrei mit einer fertig gestanzten Meinung an die Rampe stellen, die sein Geplärr weit in den Raum schickt, ohne dass es einer weiteren Handlung bedürfte, denn das ist ja das Schöne am Krawall: es verpflichtet zu nichts, man hat auf das Schlechte dieser Welt hingewiesen, den Schmodder beseitigen dürfen alle anderen. Gegebenenfalls regt sich der Dummschlumpf noch einmal auf, dass dein verbales Gerümpel weiterhin in der Gegend herumliegt, aber dann zieht er wieder die Nachtmütze auf und knipst das Licht aus.

Empörung ist nicht viel mehr als negative Schadenfreude, jene urdeutsche Tugend, sich am Unglück des anderen pharisäernd zu erfreuen, weil man sonst so wenig Gelegenheit findet, sich über andere zu erheben. Der Ereignistyp bleibt gleich, aber der teutonische Torfschädel verquickt es geschickt gleich mit der Neigung, sich über alles ärgern zu wollen, was er nicht ändern kann, und sei es nur das Wetter, das ausgerechnet an seinem freien Wochenende falsch bestellt ist. Gar heitere Verschwörungstheorien lassen sich aus dem Garn stricken, Kristallisationspunkte für kursives Denken und vorbildlichen Hirnverlust, denn Gesellschaft braucht Bewegung, und sei es sinnfreies Stampfen in konzentrischen Kreisen, wie es der Nationalheld Rumpelstilzchen tat. Die cholerische Natur braucht ausreichend Futter, sonst steht sie auf der Stelle.

Längst hängen sich die Entrüster das dünne Mäntelchen einer Empörungskultur um, als besäßen sie überhaupt eine; denn die meist nur medial geschlagenen Wellen bestehen größtenteils aus Schaum, der sich an den Innenwänden des Internets bricht und die Botschaft transportiert: ich war auch dabei. Dies freilich nur innerhalb der Blase, zwar sichtbar von außen, aber dabei bleibt es auch. Wir haben so viel zum Aufregen, dass wir es auf Dauer gar nicht schaffen, die wirklichen Probleme unserer Welt zu analysieren oder, sollte dies bereits geschehen sein, nach den Ergebnissen dieser Analyse zu leben, und so wird sich billigerweise auch in mittlerer Zukunft, also vor dem Einschlag des verheißenen Kometen, nichts ändern, und wir alle werden es als tröstlich empfinden, weil wir es ja gar nicht anders haben wollen, denn sonst wäre es ja alles verändert. Eigentlich schlimm. Darüber sollte sich mal einer aufregen, aber so richtig.





Morbus Glotz

24 04 2019

„… herausgefunden hätten, dass zu langes Fernsehen dem Langzeitgedächtnis schaden könne. Die amerikanischen Wissenschaftler seien nach wenigen Monaten durch eine groß angelegte Studie auf den…“

„… von Gauland bestätigt worden sei. Er habe dazu erst am Vortag eine Sendung gesehen, wisse aber leider nicht mehr, wer wann und auf welchem Programm die…“

„… Nachrichtensendungen nur noch in sehr kurze Einzelblöcke teilen wolle. Es sei für die Sender der Pro7-Sat.1-Gruppe wesentlich, dass kein Beitrag mehr als eine Minute inklusive der Anmoderation und einem…“

„… nicht geklärt worden sei, ob die Probanden der Fernsehsendung nicht mehr gefolgt oder aus Müdigkeit das Interesse an der…“

„… könne wenigstens im deutschen Fernsehen Dieter Nuhr als Störfaktor ausgeschlossen werden, da ein Großteil der Zuschauer dessen Sendungen ausschließlich konsumiere, um hinterher keine Erinnerungen mehr an die…“

„… müsse allerdings bei modernen Fernsehern berücksichtigt werden, dass häufiges Umschalten der Kanäle zur diskontinuierlichen Wahrnehmung der medialen Inhalte führe, wie sie auch bei neuronal geschädigten Patienten in der…“

„… zeige sich bei den Beispielen eine von den Medien unabhängige Verminderung der Intelligenz durch muslimische Zuwanderer. Auch vor einer blutsmäßigen Durchmischung der Rassen sehe Sarrazin bereits eine signifikante Minderung des…“

„… werde RTL das Zeitfenster auf vierzig Sekunden schließen, wobei durch eine längere Anmoderation durch Influencer bereits die Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne auf wenige…“

„… nachdem zahlreiche Faktoren wie Alkohol- und Tabakkonsum herausgerechnet worden seien. Es habe sich in einer ersten Testreihe gezeigt, dass die Erinnerung der Zuschauer für die Anzahl der getrunkenen Gläser Bier wesentlich genauer sei als für den Inhalt einer Abendshow mit dem…“

„… der längere Verbleib vor dem Fernseher neurodegenerative Prozesse fördere, die zu einer fortschreitenden Orientierungslosigkeit führen würden. Dieses führe im Gegenzug zu einem ungewollten Verharren vor dem Fernsehapparat, was zu einer noch stärkeren Einschränkung der Orientierung führe, was dann zu einem ungewollten Verharren vor dem…“

„… dass sich die Intervalle zwischen zwei Werbepausen als maximale Gedächtnisspanne herausstellen würden. Die Wissenschaftler hätten daher angeregt, einen Kontrollversuch in einem Kino durchzuführen, in dem keine…“

„… dass das Betrachten eines Liveberichts vom AfD-Parteitag ähnliche Wirkungen wie eine Lobotomie entfalte. Andererseits sei diese Art von Fernsehprogramm sowieso nur für solche Zuschauer geeignet, die ohnehin weder ein intaktes Langzeitgedächtnis noch andere kognitive Formen von…“

„… an der sprachlichen Struktur liege, die es mit zunehmender Sendedauer immer schwieriger mache, komplexe Inhalte zuschauergerecht zu kommunizieren. arte habe daher bereits ins Auge gefasst, längere Features über die Abholzung des Regenwaldes oder die Geschichte der flämischen Malerei durch Grunzlaute sowie eine australische Krimiserie durch getanzte Untertitel und…“

„… schlage Spitzer ein strafbewehrtes Verbot aller Unterhaltungsgeräte vor bis hin zu E-Books und Kaffeemaschinen mit elektronischer Anzeige. Dann werde eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Fernsehen in der für die christlich-abendländischen Kultur angemessenen…“

„… keine Entschuldigung darstelle. Dennoch müsse gerade der Nachrichtenbereich dafür Sorge tragen, dass durch zu viele negative und emotional aufgeladene Inhalte eine starke Verkürzung der Aufmerksamkeit provoziert werde. Die größte Verantwortung für den Tatbestand liege demnach bei der Politik, die nicht durch entsprechende…“

„… als Morbus Glotz bezeichnet werde. Spahn sei jedoch am Rande der Debatte entgangen, dass es sich lediglich um eine ironische Bezeichnung für den…“

„… eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben habe, dass der durchschnittliche Deutsche nicht mehr in der Lage sei, Nachrichtenbeiträge von mehr als zehn Sekunden ohne eine…“

„… politische Beiträge künftig von Mario Barth erklären lassen wolle. In einer Pilotsendung habe sich der Komiker selbst jedoch schwer getan, die Zusammenhänge zwischen Witterungseinflüssen und Getreidepreisen schlüssig in einem einzigen Satz zu…“

„… neue interaktive Formen der Informations- und Wissensvermittlung nutzen müsse. Spitzer schlage vor, das Fernsehen auf einfache bunte Texttafeln zu reduzieren, die der Betrachter erst nach mehreren Minuten Lektüre und einer inhaltlichen Verstehenskontrolle weiterschalten könne, um so Schritt für Schritt komplexere…“

„… aber nicht genannt werden wolle. Als Chefredakteur einer großen deutschen Zeitung mit vielen Bildern sei er davon überzeugt, dass das Lesen von Printmedien pädagogisch viel besser und informativer sei als der Konsum von zu viel…“





Ungesellschaftliche Zielgruppen

18 04 2019

„Ausländer!“ „Und Radfahrer!“ „Aber erst die Ausländer!“ „Und die Frauen!“ „Wieso Frauen?“ „Wieso dann Radfahrer?“ „Können wir vielleicht mal zum Thema…“ „Ausländer!“

„Wir suchen hier eine Gefahr, für die man die Öffentlichkeit sensibilisieren kann.“ „Einbrecher?“ „Hat Seehofer schon probiert.“ „Hat’s geklappt?“ „Nee, die Leute haben vorher die Statistik gelesen.“ „Kann natürlich keiner ahnen.“ „Aber noch haben wir die Flüchtlinge.“ „Und Ausländer, viel zu viele Ausländer!“ „Abschieben!“ „Seehofer?“ „Mann, Sie sind doch nicht ganz dicht!“ „Sprechen Sie mit ihm? diese Ausländerfeindlichkeit geht mir auch gewaltig auf den…“ „Fühlen Sie sich manchmal auch so müde?“

„Der Dollar war auch mal stabiler.“ „Und der Euro erst!“ „Das liegt an den Ausländern!“ „Ich möchte das nicht mehr hören, verstehen Sie?“ „Aber es ist doch so, die Deutschen sind zunächst total verängstigt, weil es hier so viele Ausländer gibt.“ „Das mag alles sein, aber das können wir nicht steuern.“ „Sie sind doch Soziologe?“ „Aber ich bin bei der Bundesregierung angestellt, da wird man nicht nach seiner Meinung gefragt, und wenn, soll man keine Lösungen finden, sondern nur einen Schuldigen.“ „Ah, verstehe.“ „Das ist ja im Ausland meistens auch nicht anders.“

„Jetzt ist ja gerade wieder diese Sache mit den Schülern in den Medien, da könnte man…“ „Finden Sie nicht auch, dass der deutsche Fußball sich in einer epochalen Krise befindet?“ „Und dass das Brot ständig teurer wird, das kann doch auch keiner wollen!“ „Eben, da müsste mal einer was machen!“ „Wenn Sie Ihren Quatsch nicht sofort in der Tasche verschwinden lassen, dann haben Sie ein Problem mit den Autoherstellern.“ „Was hat das denn mit Fußball zu tun?“ „Ihre Hetze gegen den Diesel ist unter jedem Niveau!“ „Ich habe doch gar keine…“ „Sie wollten hier mit irgendeinem Klimascheiß anfangen, das haben alle gemerkt!“ „Das ist ja gar nicht…“ „Ausländer!“ „Noch so ein Opfer von dieser schwedischen Göre!“ „Widerlich!“ „Igitt!“ „Der Papst hat sogar mit ihr…“ „Bei kleinen Mädchen macht der Vatikan schon mal eine Ausnahme.“ „Das interessiert doch keinen, wir brauchen einen echten Aufmacher, der sich gegen die Aufreger der letzten Monate durchsetzt und keine gesellschaftliche Zielgruppe…“ „Gibt es auch ungesellschaftliche Zielgruppen?“ „Und Sie wollen Soziologe sein?“ „Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst!“ „Wir müssen viel mehr gegen Ausländer tun!“ „Wir regen uns vollkommen zurecht auf wegen der Autokonzerne, die uns ihre Schrottkarren unterjubelt und dann so tut, als ob sie das Klima nichts angehen würde.“ „Und Notre Dame.“ „Was hat das mit Diesel zu tun?“ „Haben Sie eine Ahnung, was bei so einem Brand an Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangt?“ „Das ist nicht Ihr Ernst.“ „Und der Vatikan zahlt nicht mal dafür, das ist doch die Schweinerei!“ „Weil die Kirche Frankreich gehört, warum sollte dann der…“ „Der Franzmann blecht für Notter Dam’, weil Päpste halt kein Schotter ham.“ „Lassen Sie sich manchmal auf Ihren Geisteszustand untersuchen?“

„Wieso machen wir dann nichts mit Flugzeugen, die sind doch sowieso an allem schuld.“ „Haben Sie denn die Anweisung nicht gelesen? Wir brauchen eine Schlagzeile, und zwar sofort.“ „Ja.“ „Und zwar eine, auf die sich alle unsere Leser einigen können.“ „Ja.“ „Und die sollen sich so schnell wie möglich darüber aufregen können, damit wir ein neues Gesprächsthema haben und nicht wieder über Sachen reden, die unseren Auftraggebern nicht so gefallen.“ „Sie meinen, Volkswagen und die Deutsche Bank würden sich nicht über die vielen Ausländer beschweren, die gerade hierher kommen, um es sich in der sozialen Hängematte bequem zu machen?“ „Nein, das habe ich nicht gesagt. Es ist nur…“ „Und das darf man jetzt nicht mehr als Thema bezeichnen, über das sich alle aufregen können, weil es uns alle angeht!?“

„Jetzt noch mal ganz langsam. Wir sind eine Zeitung, die eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt: wir setzen die Agenda, das heißt, wir bestimmen die Gesprächsthemen.“ „Das war klar.“ „Sowieso.“ „Dann sollten Sie auch kapieren, dass wir keine nebensächlichen Dinge wie Klima oder die Verantwortung der Autoindustrie in den Fokus nehmen können, weil sonst unsere Zielgruppe über Dinge redet, von denen sie nicht genug versteht.“ „Von Innenpolitik, Verteidigung oder geostrategischen Interessen haben die Leute doch auch keinen blassen Schimmer?“ „Ja, aber das ist eine ganz andere Problematik. Wir müssen uns hier auf die naheliegenden Themen beschränken, bei denen die Menschen eine reelle Chance haben, sie zu verstehen.“ „Und das kann man nicht mit einer Zeitung machen, die die Agenda so setzt, dass man den Leuten nach und nach vermittelt, was im Interesse unserer Auftraggeber ist?“ „Doch, aber das ist ja nicht der Punkt. Sie sollen eben nicht merken, dass es unsere Auftraggeber sind, die die Agenda setzen und…“ „Und wenn wir jetzt nur als eine Einzelmeinung jemanden zitieren, der die Theorie, irgendjemand habe die Kirche, natürlich nur aus Versehen und natürlich nie im Auftrag eines…“ „Dass die Deutsche Bahn mal wieder die Preise erhöht, das geht auch unter.“ „Und wer hat die Grundsteuerreform vergeigt?“ „Uploadfilter!“ „Ich warte auch immer noch auf schnelles Internet in meinem Betrieb.“ „Wissen Sie, dass Wohnraum in den Großstädten kontinuierlich…“ „Halt! Das reicht!“ „Und jetzt?“ „Ich gebe mich geschlagen. Wir machen jetzt doch das mit den Radfahrern.“





Die Revolution bespaßt ihre Kinder

27 03 2019

„Jetzt gucken Sie nicht so gelangweilt, Sie wollen neue Anhänger generieren. Also los, schön in die Kamera, und dann: ‚Tod den Imperialisten!‘ Meine Güte, Sie sagen das wie vor einer Schulklasse!

Das Problem ist ja, die meisten Teilnehmer haben nicht nur absolut kein Charisma, sie sind auch total unfähig, sich selbst zu radikalisieren. Es gibt einige Fälle, in denen kommt auch das Internet an seine Grenzen. Oder die Leute können halt überhaupt keine klare Ideologie entwickeln, die sich für Amokläufe, Attentate und solche Aktionen verwerten ließe. Da setzen wir dann an und helfen mit Grundlagenwissen: was mache ich mit Medien, wenn die Medien schon nichts aus mir machen? Wir brauchen diese Kompetenzen einfach. Die meisten Nachwuchsterroristen sind nämlich absolut ahnungslos von diesen Zusammenhängen, die haben keinen Plan und wundern sich dann, wenn sich nach einem Anschlag die öffentliche Meinung selbst innerhalb der eigenen extremistischen Subkultur gegen sie kehrt. Das kann man verhindern, man muss nur wissen, wie.

Sie gehen jetzt mal mit dieser Waffe in den Raum rein, und dabei halten Sie die Kamera immer auf die Mitte des Raums. Und Action! Mitte, habe ich gesagt. Die Mitte! Das macht doch einen ganz anderen Blickwinkel. Ja, so ist es gut. Erst mal nicht schießen, das können wir später immer noch erledigen. Sie müssen den Überfall schon sehr gut inszenieren, damit Sie hinterher schnittfähiges Material liefern können. Die blutigen Szenen für den harten Kern, den Rest zum Anteasern. Das ist Marketing, kapieren Sie das mal. Wir machen doch dieses Spektakel nicht zur Unterhaltung. Also nicht nur zur Unterhaltung.

Wenn Sie sich über unsere Teilnehmer wundern, das ist gelebte Koedukation. Warum sollen wir dieselben Kurse zweimal abhalten für Islamisten und Nationalsozialisten, wenn selbst wir die beiden nicht mehr voneinander unterscheiden können? Erstens kriegen wir damit mehr Kurse schneller voll, wir haben ja den Ruf zu verteidigen, dass sich niemand schneller radikalisiert als unsere Anhänger, und zweitens können beide Seiten immer noch etwas voneinander lernen. Sie haben ja denselben Feind, die liberale, demokratische Gesellschaft. Da tauscht man sich gerne mal aus über Erfahrungen mit dem Gegner.

Zeigen Sie mal Ihren Twitter-Account. Nein, das ist viel zu früh! Nicht einsteigen, ein paar Szenegrößen folgen und dann sofort einen Anschlag auf ein Flüchtlingsheim ankündigen – erstens ist das unglaubwürdig, weil die Botschaft schon viel zu elaboriert daherkommt, als würden Sie diesen Kanal nur für vorgefertigte Meinungen nutzen, und dann haben Sie auch noch nicht genug Resonanz. Das ist immer wichtig: entwickeln Sie sich. Nur wer sich radikalisiert, der bleibt sich treu. Die Revolution bespaßt ihre Kinder, aber irgendwann will sie eben mehr von ihnen.

Werden Sie ein Mem, bevor die öffentliche Meinung sich gegen Sie kehrt, vor allem: bevor es die anderen tun. Also die Selfies ruhig ein paar Sekunden länger, wackeln Sie nicht so, das muss vernünftige Standbilder bringen für die Printmedien mit der Massenauflage – das liegt auf den Massen wie Mehltau, und es muss Ihre Signatur tragen. Wenn die angeheizten Jugendlichen das spannend finden, sind wir auf dem richtigen Weg.

So, und jetzt noch mal zu Ihnen. Kamera fertig? Dann noch mal mit etwas mehr Verve: ‚Tod den Imperialisten!‘ Gut, das war jetzt schon ein bisschen überzeugender, aber immer noch unter Ihren Möglichkeiten. Was haben Sie denn jetzt nicht verstanden? Was Imperialismus ist? Das kann Ihnen doch völlig egal sein, wenn Sie Ihr Gesicht für ein Konsumprodukt ins Fernsehen halten, muss es Ihnen ja auch nicht schmecken. Sie wollen die jungen Leute nicht zur Diskussion auffordern, Sie wollen einen Fußabdruck in der Fresse hinterlassen, an den sie sich erinnern, wenn sie das nächste Mal den Sinn ihrer überflüssigen Existenz suchen. Sie sind doch hier nicht dazu auserkoren, den Leuten mit Überzeugung auf die Nerven zu gehen. Der Rattenfänger diskutiert auch nicht mit den Ratten.

Ich sehe das jetzt auch nicht als großes Problem, wenn einer von denen zwischendurch die Seiten wechseln sollte, der Gegner bleibt ja, wie gesagt, derselbe. Wichtiger ist, dass Sie Ihre Pressekontakte aufbauen und immer weiter nutzen. Lassen Sie die Journalisten ruhig ein Stück weit an sich heran, das ist nur die Lügenpresse, wenn Sie sie als solche bezeichnen. Ansonsten ist das ein willfähriges Instrument, das gegen seine Bedeutungslosigkeit kämpft und jeden Strohhalm nutzt, um sich wichtig zu machen – also durchaus mit Ihrer Situation zu vergleichen. Sie werden Gehör finden, wenn Sie es richtig anstellen.

Und, ganz wichtig: setzen Sie auf Nachahmer. Geben Sie ihnen ein einfaches Handlungsmuster für komplexe Sachverhalte. Sie sind mit ihrem Leben nicht zufrieden, also müssen Menschen sterben. Erklären Sie es meinetwegen mit ideologischen Versatzstücken, aber niemals so kompliziert, dass sie sie nicht rücksichtslos aus dem Zusammenhang reißen können, um ihre eigene Ideologie damit zu begründen. Mit etwas Glück sprengen Sie eine Synagoge in die Luft und ernten dafür eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung, warum sich die Opfer nicht in die europäische Leitkultur integrieren wollen. Triggern Sie das Paradoxe, es wartet nur auf Sie. Und jetzt noch mal, Beine auf Schulterbreite, Brust raus: ‚Tod den Imperialisten!‘ Na also. Geht doch.“





Goldene Worte

7 03 2019

Ich nickte leicht zur Begrüßung. Er hatte mich wohl nicht erkannt, ließ es sich aber nicht anmerken. „Wir haben Sie erwartet.“ Ein recht unmöbliertes Büro mündete in eine Art Lagerraum, in dem eine Couch stand, daneben ein Schreibtisch und eine Tafel. „Es wirkt alles noch ein wenig improvisiert“, druckste er heraus, und in der Tat, das war nicht zu übersehen. Immerhin war ich richtig.

„Die wichtigeren Arbeiten werden ja ohnehin vom Stab erledigt“, stellte er fest. „Deshalb sind wir auch froh, dass wir immer wieder Fachleute finden, die wir als Sachverständige in Ausschüsse senden können, in Gremien und teilweise sogar in die Arbeitskreise.“ Ich nickte anerkennend. „Das sind schwierige Einzelfallentscheidungen, die wir nur den Experten anvertrauen, und wir hoffen, dass Sie sich mit dieser Aufgabe identifizieren können.“ „Ich werde mein Bestes tun“, versicherte ich, „auch wenn ich noch nicht so genau weiß, worum es hier eigentlich geht.“ „Das sehen wir später“, beruhigte er mich. „Wir müssen das Problem erst einmal sehr gründlich analysieren, damit wir auch eine Lösung erarbeiten können, die sich juristisch trägt und für die Öffentlichkeit akzeptabel ist.“ Ich nickte. „Wie“, fragte er vorsichtig, „würden Sie denn diese Problematik nun im Einzelnen angehen?“

Möglicherweise hatte ich mich in der Tür geirrt, denn eigentlich hatte mich ein Fernsehsender mit der Planung einer Samstagabendshow über alle Schweizer Kantone beauftragt. Hier aber schien es sich um eine weniger bedeutsame Angelegenheit zu handeln, an der höchstens ein paar Ministerien zu hängen schienen. „Wir müssen die Fakten klar aus den zur Verfügung stehenden Materialien ziehen“, begann ich. „Vorher würde sich eine Reaktion in der Öffentlichkeit als ungeschickt erweisen, Sie wissen ja, wie die Medien reagieren.“ Er schreib eifrig mit. „Vor allem lege ich großen Wert auf ein akkurates Framing – wir leisten immer und überall Aufklärungsarbeit, der Gegner ist nur bestrebt, die Tatsachen zu verdrehen.“ „Bedenken Sie“, wandte er fast schüchtern ein, „wir haben es hier mit einem Oberstaatsanwalt zu tun, der sich gegen die…“ Mit einer heftigen Bewegung wischte ich den Satz vom Tisch. „Ich werde das nicht zulassen, wir sind als Träger der Handlung immer in der Verantwortung und wollen uns das nicht nehmen lassen.“

Die Tür ging auf. Er tuschelte kurz mit dem Kollegen und entschuldigte sich; so saß ich alleine, bis ein Mitarbeiter hineinsah, um einen großen Stapel Akten auf dem Tisch abzuladen. „Schön“, ätzte ich. „Halb elf durch, und wir sind auch schon da.“ „Das sagt der Alte auch immer“, knurrte er, „aber was soll ich denn machen, wenn Berlin den Scheiß immer zu spät schickt? Ich kann doch auch nicht hexen!“ Mit einer weitläufigen Bewegung hieß ich ihn niedersetzen. „Sie wissen“, hub ich an, „dass wir die Abteilung sehr genau strukturiert haben, damit die Informationsflüsse genormt sind.“ Er nickte. „Deshalb brauchen wir auch ein System, das auf drei Säulen beruht: kein Kompetenzstreit, keine sich überdeckenden Wissensbereiche, und eine sehr genaue Planung des Zeitplans mit Hilfe eines Plans, der die Zeit plant. Können Sie mir folgen?“ Eifrig nickt er; immerhin hatte er bereits begonnen, sich Notizen zu machen. Er tat recht daran, so schnell würde er nicht wieder goldene Worte hören. „Dazu bedarf es einer genauen Planung der einzelnen Komplexitätsstufen – können Sie mir folgen?“ „Komplexitätsstufen.“ Noch schrieb mein junger Freund mit, aber ich war nicht mehr so ganz davon überzeugt, dass er auch genügend bei der Sache war.

„Kommen Sie jetzt erst?“ Der Abteilungsleiter hatte offensichtlich nicht mich gemeint. Dennoch regte mich die Frage auf, mit der er plötzlich in die Besprechung geplatzt war. „Ihnen ist es also lieber“, stellte ich leicht indigniert fest, „wenn wir ohne ein personelles Konzept in die erste Projektphase starten und die Implementierung notwendiger Kontrollen irgendwann zwischendurch erledigen?“ Sein Gesicht rötete sich. Darauf konnte ich jetzt aber keine Rücksicht mehr nehmen, wer hatte denn die ganze Zeit die Koordination zwischen Stab und Ministerium schleifen lassen? „Ohne eine vorherige Machbarkeitsstudie müssen wir doch das ganze Änderungsmanagement in Frage stellen.“ Sie nickten. So schwer war es also doch nicht, mit ein bisschen Vernunft war der Laden offenbar zu retten. „Machen Sie mir bis morgen eine Kosten-Risiken-Matrix und dann schicken Sie das an den Stab. Ich werde immer in CC: gesetzt, auch bei finanziellen Umstrukturierungen unterhalb einer Milliarde.“ Sie schluckten, aber was sollte ich denn machen. Einer musste es ihnen doch beibringen.

„Sie haben schon Anschluss gefunden“, sprach mich die Empfangskraft an, als ich gerade vor den Lieferantenmanagern in der Lobby die generelle Neuverhandlung aller Qualitätsprozesse anregte. Er störte, aber das nahm ich in diesem Augenblick hin; schließlich muss man qualifizierte Kräfte auch mit neuen Entwicklungen alleine lassen können, ohne gleich an eine Katastrophe zu denken. „Haben Sie sich schon entschieden?“ Ich blickte einen Moment in die Ferne. „Was ich mir vorstellen könnte“, sagte ich mit Tatkraft, „das ist eine Restrukturierung der Entscheidungsprozesse. Ich werde Ihre Berater beraten.“ Bewundernd blickte er mich an, die große Erkenntnis des Moments begreifend. Wir schieden als strategische Partner mit einer großen Sache, die Geschichte schreiben würde. Jetzt müsste ich nur noch herausfinden, worum es ging. Aber man kann sich eben nicht mit jeder Kleinigkeit aufhalten.