Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXVII): Die rechte Reizerregung

8 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hat sich ein dementer Saufschädel am Rande des Badeverbots die Inkontinenzhose wieder über die Knie gezogen, schon bricht ihm die Suppe aus der oberen Verdauungsöffnung: der Bettnässer von Braunau, äfft der völkische Beo, war ja in Wirklichkeit ein lieber Bub, auch wenn man das ja jetzt gar nicht mehr so sagen wolle, obwohl es doch eigentlich stimmt. Was nicht einmal hundert Stück Spulwurmauswurf vorgekotzt kriegen, wird in der Flüstertüte dem Rest der Kulturlandschaft als medialer Gülleregen übergezogen. Da jauchzt aber der Braune, hatte er sich doch genau das erhofft, die kostenlose Echokammer, die ihm für eine gehörige Skandalisierung reicht. Nun diskutiert ein Land wieder über Dinge, die es nicht gibt, die keinen Sinn haben und keine Relevanz, aber: es redet. Nichts scheint leichter als die rechte Reizerregung.

Das Reizleitungssystem dieser Gesellschaft hat ein mählich verdumpfendes Anfangspotenzial, also muss der Einsatz jedes Mal lauter kommen, um in den letzten Winkeln des Landes den Staub erzittern zu lassen. Das Niveau, jene Variable, die meist nur noch in kleinsten Unterschieden gemessen wird, wenn Realitätsallergiker das Zäpfchen schwingen, rutscht regelmäßig unter dem Bodenbelag durch, um die Fluchttür zu erreichen. Mittlerweile wäre es für die zurechnungsfähigen Zuschauer fast eine Erleichterung, würde man den verdeppten Alten mit heruntergelassenen Hosen auf dem Greisparteitag sehen, statt ihm zuhören zu müssen, wie er Muster in den Putz brüllt. Denn die Themen sind immer dieselben, die Mär vom Untergang des christlichen Abendlandes in wenigen Jahrhunderten, mit quasi wissenschaftlich zusammengeschwiemelter Logik, die an den Nahtstellen doch wieder Heftpflaster braucht und Hakenkreuzarmbinden.

Begierig greift das Kleingetier jenes Narrativ der tapferen Ignoranz auf und phantasmagoriert sich einen Bäcker zurecht, dessen Kundenschlange die Gefahr eines tödlichen Angriffs auf die Ehre der deutschen Rasse birgt, immer vorausgesetzt, man hüpft im Quadrat über jedes Stöckchen, das die volkstümelnden Ratten ihnen vor die Nase halten. Sie nutzen nicht nur das Erzählmuster und das Vokabular, sie freuen sich über den kostenfreien Resonanzraum, in dem jeder Zwerg sein elendes Gerülpse wie Donnerhall vernimmt, und merken nicht, dass sie bei diesem Vorgang selbst das Produkt sind, für das sie nicht bezahlen, es sei denn mit ihrer Zukunft. Eine Seele haben sie nicht zu bieten, wenn abgerechnet wird.

Und es wird abgerechnet, bei jedem Wahltag wird wieder von Kompetenzimitat in wechselnden Anzügen die Betroffenheit formuliert, mit der man das Wachsen des Mobs zur Kenntnis nimmt, zwar gefasst und in den Randbereichen der Hirnleistung durchaus koalitionsbereit, aber doch betroffen, denn erst einmal fehlen wichtige Sitze, die den Zugang zu den Fleischtöpfen anderen lassen in einer marktkonformen Demokratie. Das Nähere regelt hier kein Bundesgesetz.

Andere, die sich für geistreich halten, nehmen dem Sumpf nicht das Vokabular ab – wer das tut, ist meistens stolz, keinen Geist zu besitzen – sondern das Strickmuster. Sie entwerfen einen Nationalismus mit einigermaßen menschlichem Antlitz: seht her, auch der Kanak pfropft schwarz-rot-gülden einen Stülper über die Seitenspiegel seines auf arischer Scholle gedengelten Diesels, wenn ein paar Bimbos wieder Bälle treten, soll man es ihm, der mutmaßlich nicht in die Kirche geht, sondern stattdessen nicht in die Moschee, etwa auch noch verübeln, dass er sich anpasst, assimiliert, in die geistige Behinderung von Blut und Boden mit Lust und Wonne integriert? Sind wir nicht alle irgendwo auf dieser Welt Scheißausländer? Und mal ehrlich, ist ein enthemmtes Schlandgeröhr im Zuge des allgemeinen Partypatriotismus nicht auch ästhetisch irgendwie anziehend? In einem Land, das Gaffen bei Unfällen mit tödlichem Ausgang zu einem Volkssport kultiviert hat, ähnlich erfolgreich wie Autowaschen und Steuerhinterziehung? Das ist nicht menschlich, das ist nicht einmal ein Gesicht.

Solange die Gesellschaft an der Neurose krankt, dass nur der überhaupt eine Chance hat, der das Rennen gewinnt, sei es beim Weltkrieg oder auf der Suche nach einem Kitaplatz, bei gleichzeitiger Zerstörung dieser Chancen mit dem Hammer der neoliberalen Reichideologie, solange die Gründe für die kollektive Depression nicht genommen sind, fällt auch jede Provokation wie ein Streichholz in den Benzinkanister, verwandelt sich zum Brandsatz und wird mit nationaler Notwehr entschuldigt gegen die Krätze, mit der man selbst die Täter infiziert hat. Hier hilft nicht Seife. Es sei denn, sie liegt in der Ecke einer Knastdusche.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIV): Das Geduze

18 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir wissen es nicht. Sicher war die Sprache der Hominiden im Grundausstattungsbereich eher an der lebensnotwendigen Körperfunktionen orientiert. Die Standesgesellschaft lag noch in einer halben Dimension herum, das Grunzinventar innerhalb der Sippe differenzierte sich nach Lautstärke, aber die wesentlichen Dinge kriegte das Volk schmerzfrei auf die Reihe. Ab einer gewissen Dialektvielfalt wurde es schwierig. Mit der Idee eines höheren Wesens kam vorübergehend die Komplexität der Anrede, aber das währte nicht lang. Manche in der Geschichte verwehte Epoche setzte auf Höflichkeit und teils gekünstelten Affekt, aber was war das alles schon gegen die Vorteile der gewaltfreien Kommunikation. You can say you to me. Es begann das Geduze.

Mit der allgemeinen Planierung der ästhetischen Distinktion durch mangelnden Anstand und dem pseudopolitischen Getöse der Theoretiker wucherte eine egalitäre Pest aus dem soziologischen Gulli, die ihre Tentakeln in die Nasenlöcher einer fast noch Babypuder riechenden Schicht von Hipstern stopfte, ihnen ansehnliche Teile der Großhirnrinde verödete und ihnen das Du einkokelte, wo sonst der Brechreiz verortet sitzt. Pfarrer, Richter, Dealer, alles wurde seiner respektablen Position entkorkt, man duzte nur noch, aber nicht auf die brüderliche Art, wie es auf den ersten Biss den Anschein hätte haben können. Wo die Fremdwahrnehmung eines intakten Miteinanders komplett in die Grütze ging, musste das narzisstische Selbsterleben bunte Blüten schlagen – so kam es, und das war das Problem.

Das brägenreduzierte Gesellschaftskonglomerat duzt einander, als hätte man das Sie durch standrechtliche Exekution beseitigt. Der formlose Umgang zeigt eben das: das kaum in Konturen schwiemelbare Kompott, das amorph in die Ritzen der Selbstachtung sickert, ignoriert jegliche Individualdistanz, kumpelt sich an, als wären alle in kollektiver Besoffenheit, und verursacht der Menge einen Grad an Enthemmung, der gebraucht würde, um die Belegschaft vollständig degenerieren zu lassen. Mit dem Schwinden der Scham setzt der Schwachsinn ein, hier schaltet er bereits röhrend in den dritten Gang.

Stil ist für die meisten Bekloppten nur die greifbare Seite des Besens. Davon abgesehen führt die große Gleichmacherei, die jeden Blödföhn auf die eigene Stufe zerren will, zum großen Einebnen von oben nach unten. Schon schleimt sich der erste Katalog aus dem geistigen Flachland mit der zweiten Person Singular ins Beziehungsgefüge: wir sind alle eine große Familie, schwallt der Schwede, und Du bist das Kind. War ‚Du‘ bisher natürlicher Ausdruck von gewachsener Vertrautheit und Nähe, ist es nun lediglich klebriger Aufpapper einer strikt verordneten Sympathie, die auch für die größten Arschlöcher zu gelten hat.

Einige Fremdsprachen, insbesondere die im deutschen Artikulationsraum verbreiteten, nehmen das ‚Ihr‘ des Mittelalters bis in die Gegenwart in Gebrauch und fahren nicht schlecht damit. Einmal planiert, schon schwinden sämtliche Gefälle, die in der Wirklichkeit sinnvoll sind und produktiv. Wo sich Vorstandsvorsitzende und Azubis gegenseitig das Dumm-Du um die Backen hauen, entsteht eben keine Professionalität, wie Modernisierer meinen, sondern ein schmerzbefreites Gemansche, als sei die traditionelle Form des Stammbaums in diesem Familioiden ein Kreis. Was als infantile Auflehnung gegen vermeintliches Spießertum das gegenüber liegende Extrem zum allein seligmachenden Dogma erhob, mutet einer systematisch strukturierten Welt den Terror des Egalitären zu, indem es ihn einfach als kommunikativen Befreiungskampf und zugleich als dessen Ergebnis präsentiert. Der Schüler aber, der seinen Pauker nicht siezen muss und trotzdem von ihm Noten kassiert, ist auch Mittel, Zweck und Folge eines Irrwegs, in den sich falsche Liberale mit Anlauf und Ansagen verrennen. Sie werden uns befreien, ob wir wollen oder nicht.

Was gaukelt uns in dieser Simulation von Stall- und Nestwärme nicht alles die große, erlösende Liebe vor – weg mit Schlips und Kragen, ein Hoch auf die Berufsjugendlichkeit, die bis zum Schluss fit und leistungsfähig bleibt und nie so wird wie ihre Eltern, vermoost und verknöchert, nur eben verharzt sie obenrum, dreht eher frei, als frei zu sein und deliriert sich einen Schmarrn von Selbsthass mit gelebter Erniedrigung bunt. Denn sie ertragen den ganzen neoliberalen Schrott nur, wenn sie den anderen genauso herablassend behandeln, wie sie selbst in dieser Ansammlung von Kontrollverlust und reziproker Verachtung behandelt werden. Mach platt, was Dich platt macht, dröhnt’s aus dem Maschinenraum. Hier bröseln die Reste einer bis dato noch intakten Intimsphäre. Wer braucht die noch in einer Welt, in der wir uns selbst vermessen und die Ergebnisse hautnah ins Netz stellen. Eine Armlänge Abstand täte uns gut. Es würde so vieles wieder funktionieren, wie es gedacht war. „Wir duzen uns hier alle“, informiert mit Nachdruck und dem Finger am Abzug der Depp seine Umwelt, und die einzig richtige Antwort ist und bleibt: „Schön für Sie.“





Nazi!

19 04 2018

„… noch ‚Nazi‘ sagen dürfe. Die Sendung wolle klären, ob eine politisch korrekte Bezeichnung auch für Minderheiten im Bereich des…“

„… von den Hörern begrüßt worden sei. Dies könne laut Intendantin Wille jedoch kein Grund sein, eine einmal angesetzte Sendung auch ins Programm zu…“

„… auch ein Recht hätten, als national gesinnte und besorgte Bürger wahrgenommen zu werden. Zum Ausgleich schlage Petry vor, den Begriff ‚völkisch‘ nicht mehr negativ zu…“

„… wenigstens einen freundlichen Umgangston angemahnt habe. Dass ein gewisser Personenkreis die Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus leugne, verharmlose oder wiederholen wolle, sei noch kein Grund, sie als…“

„… die politische Korrektheit laut Weidel auf den Müllhaufen der Geschichte gehöre. Das heiße jedoch nicht, dass plötzlich jede zugewanderte Muselsau das deutsche Volk mit aggressiver…“

„… zunächst ein Gegengutachten einholen wolle, ob die Aussprache des Wortes ‚Nazi‘ im Rundfunk auch phonetisch korrekt sei. Eine fehlerhafte Vokalqualität sei durchaus geeignet, sich nachhaltig auf das Verhältnis der Deutschen zu ihren eigenen Landsleuten am rechten Rand zu…“

„… die Diskurshoheit nicht dem führenden linksversifften Mainstream überlassen, der zu 87 Prozent Deutschland an den Islam verkaufen wolle. Nur die wirklich mit der Materie politisch und historisch vertrauten Experten seien in der Lage, eine Diskussion auf Augenhöhe zu…“

„… es andererseits nicht nur eine negative Bedeutung des Wortes gebe. Wer beispielsweise an den Holocaust denke, so Höcke, könne auch ein…“

„… man in einer Radiosendung nicht gerne mit Betroffenen diskutieren wolle. Als Insassen von in Brand gesteckten Asylbewerberheimen oder linke Landtagsabgeordnete könne man sicher nicht objektiv beurteilen, ob die deutsche…“

„… dass es keinen ‚Nazikuss‘ gebe. Damit sei das deutsche Volk noch weniger vor rassistischen Anfeindungen geschützt als ausgerechnet die afrikanischen…“

„… überhaupt ein linker Begriff sei, wie Steinbach nochmals betont habe. Der sozialistische Anteil an der Nazi-Ideologie habe erst zu den menschenverachtenden Entartungen geführt, wie sie Stalin, Mao, Willy Brandt und die…“

„… posttraumatische Belastungsstörungen zu erdulden habe. Viele nationalkonservative Teil der deutschen Bevölkerung hätten nach einer sehr schwierig verlaufenden Bildungskarriere und zahlreichen Kontakten mit Drogen, Justiz und Gewalt eine geistig eher nicht so…“

„… nachgewiesen habe, dass das Wort nachträglich von der Antifa mit dem Einverständnis der Weisen von Zion in die historischen Dokumente eingefügt worden sei. Steinbach habe selbst alle…“

„… nur innerhalb der historisch relevanten Periode zutreffe. Danach habe man sie nur noch als Neonazis, allenfalls als Neofaschisten zu bezeichnen, da jeder andere Tatbestand nicht korrekt im Sinne der…“

„… dass die Bezeichnung als ‚Deutsche mit nationalistischem Hintergrund‘ nicht mit den Zielen der Bewegung zu vereinbaren sei. Höcke sei der Ansicht, dass jeder echte Deutsche einen…“

„… nicht darum gehe, politische Korrektheit als Kampfbegriff gegen die Vaterlandszersetzer zu etablieren, die schon längst eine Zerstörung des jüdisch-christlichen…“

„… als Volksverhetzung bezeichnet habe. Die AfD wolle einen Gesetzentwurf in den Deutschen Bundestag einbringen, der die Begriffe ‚Nazi‘ und ‚rechts‘ für in vierter Generation deutschblütig arische, weißhäutige und in den Grenzen des Reiches von…“

„… das Konzept der Sendung keine Nazis berücksichtigt habe, um der öffentlichen Meinung keine Möglichkeit zur Kritik zu geben. Meuthen habe angekündigt, den verantwortlichen Redakteuren der demokratieversifften Hetzpresse nach der Machtergreifung ihre Judendreckfressen mit der ganzen Härte des…“

„… eine ausgewogene Diskussionsrunde angekündigt habe, die aus zwei bekennenden Holocaustleugnern bestehe und zwei Kämpfern für die Reinheit des rassischen…“

„… dass viele gewaltbereite Deutsche mit geistiger Behinderung, Störung der Impulskontrolle und Alkoholproblemen keine Schwierigkeiten damit hätten, als Nazis bezeichnet zu werden. Man könne eine Maßnahme aus politischer Korrektheit aber nicht außer Acht lassen, da diese Personen aus eigenen Mitteln nicht in der Lage seien, ihre…“

„… nur als rhetorisch überspitzte Einstiegsfrage gemeint sei. Keiner wolle anständige Deutsche als Nazis bezeichnen, man wolle nur darüber kritisch diskutieren, ob der linksvegane Mainstream, der seinen Stolz, Deutscher zu sein, noch nicht an den Islam…“

„… müsse auch auf diskriminierende Prägungen wie ‚Halbnazi‘ angewendet werden dürfen. Die sächsische Justiz wolle auf jeden Fall die…“

„… Ausnahmen geben solle. Die Bezeichnung ‚Linksfaschist‘ etwa beruhe immer auf Tatsachen und dürfe daher nicht als strafrechtlich…“





Crossposting

4 04 2018

„Sie können unbegrenzt Fotos hochladen, auch von Leuten, die Sie nicht kennen. Wir kennen die für Sie, schließlich haben wir mit den Leuten jeden Tag zu tun. Das bietet Ihnen Facebook nicht. Das kann nur die Deutsche Post.

Also das war jetzt kein Ausrutscher, verstehen Sie das nicht falsch. Das war auch kein Testballon. Wir haben nur ein sehr spezielles Produkt im B2B-Bereich verkauft, ging ja auch ganz gut, und dann haben Sie in der Zeitung gelesen, dass wir dabei gegen kein Gesetz verstoßen haben. Kann ja mal vorkommen. Dass wir unser Adressmaterial jetzt gerade an die CDU geliefert haben, das war eine marktwirtschaftliche Entscheidung. Die haben am meisten dafür gezahlt, und wir tun damit auch etwas für die Umwelt. Wenn man nur da Werbung hinschickt, wo sie auch gelesen wird, spart das eine Menge Papier und Rohstoffe.

Aber das ist ja auch erst der Anfang, wir dehnen unseren Service natürlich für sämtliche Kunden in Deutschland und Europa aus, optimal auf die Bedürfnisse der modernen Nutzer zugeschnitten, und das Beste ist: Sie zahlen nichts. Alles absolut kostenneutral. Natürlich nur für Sie.

Sie müssen die Debatte im Kontext der letzten Jahre betrachten. Da haben Politiker immer wieder eine deutsche Alternative zu Facebook gefordert. Hohe Datenschutzstandards, bessere Technik, alles im Rahmen der geltenden Gesetze. Also der Gesetze, die die Politik dafür macht – wenn Sie sich nicht gerade ein Jahresabo vom Neuen Deutschland nach Niederbayern liefern lassen, wird sich kein Schwein für Ihre Anschrift interessieren. Für Sie ist das vollkommen kostenfrei und wird ständig weiterentwickelt. Das verspricht Facebook auch, aber das ist ein Riesenkonzern, der gehört sich quasi selbst, und wir haben nicht einmal Server in Amerika stehen. Unsere Daten werden noch regional produziert. Das ist doch was!

Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie sehen ein paar Klamotten und bestellen die im Internet, die werden Ihnen geliefert, wir haben zwar die Lieferadresse, aber Sie wissen ja: Datenschutz, daraus lässt sich für uns kein Rückschluss ziehen, dass Sie die auch bestellt haben. Alles absolut sicher. Wenn Sie jetzt aber den speziellen Service kostenlos dazubuchen, dann teilen wir Ihnen schon vorher mit, die Hose ist ein bisschen eng, Rabatt beim Fitnessstudio wird gleich klargemacht, wir stellen das auf Ihre Seite ein, gleich in Ihr Profil, wird am Liefertag ergänzt, wir wissen ja, wann geliefert wird, beziehungsweise wann Sie üblicherweise zu Hause sind, und zack! Influencer. Neue Hose. Hundert Profilbesuche garantiert. Macht Ihnen Facebook nicht.

Ja, die haben Fernsehserien. Wir müssten mit der Telekom reden, dass wir für die Rechnungen die Anschriften abgleichen können, aber das dürfte nicht schwierig sein. Sie bekommen das ja auch kostenlos, einmal anklicken, wir pflegen das in unser Programm ein. Das Gute ist, Sie brauchen keine zusätzlichen Geräte, zumindest nicht von uns, und da Sie nichts dafür bezahlen, brauchen wir auch keine Kontodaten. Clever, oder?

Grundsätzlich ist es so, dass wir Ihnen nur maßgeschneiderte Angebote machen. Das, wofür Sie die nötige Kaufkraft haben und das passende Bankverhalten, je nach Ihrer mutmaßlichen Bildung und Familienstruktur. Vielleicht sind Sie eher der Typ für Fantasy-Serien, dann bieten wir Ihnen halt keine Musicalfilme an. Oder Western. Wir verschicken Ihre Briefe ja auch nicht ungefragt per Luftpost, nur weil es uns ein bisschen mehr Umsatz bringen würde. So gut sollten Sie Ihren Anbieter schon kennen.

Das könnte Ihr gesamtes Leben revolutionieren, endlich haben Sie mal soziale Medien, die diesen Namen auch verdienen. Sie schließen eine nette Urlaubsbekanntschaft, dann fällt Ihnen plötzlich auf, dass Sie ganz vergessen haben, nach der Adresse zu fragen, zack! Treffer auf Ihre Post-Seite, die Postbenachrichtigung machen wir sogar schriftlich für Sie, wenn Sie das nicht online erledigen wollen, und Sie brauchen sich um nichts mehr zu kümmern. Wir stellen Kontakte her.

Das haben Sie jetzt falsch verstanden. Die Aktion mit den CDU-Anschriften war ganz anders gemeint, außerdem haben Sie davon ja gar nichts mitgekriegt. Das ist ein Beitrag zur Demokratie in Deutschland, denn wir wollen die Mitwirkung der demokratisch gewählten Parteien an der politischen Willensbildung unserer Kunden unterstützen. Und wir haben die CDU damit nicht finanziell gefördert. Ganz im Gegenteil. Und wir haben auch unsere Reserven dadurch aufgefüllt. Das heißt, eine Portoerhöhung ist damit erst mal vom Tisch. Davon profitieren Sie sogar, wenn Sie nicht CDU wählen.

Wissen Sie, was das Beste an unserer Arbeit ist? dass bei uns grundsätzlich alle Daten anonymisiert werden. Verlassen Sie sich darauf. Oder glauben Sie, die Deutsche Post interessiert sich für ihre Kunden?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDVI): Die Konstruktion der Wahrheit

23 03 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In einem besonders klebrigen Paralleluniversum gibt es bestimmt dreizehnäugige Mollusken, die der festen Überzeugung sind, man könne nur fliegen, wenn man keine Ohren besäße. Das sagt ja bisher noch nichts über die physikalische Beschaffenheit der Atmosphäre aus, in denen diese Organismen vor sich hin stoffwechseln, aller Wahrscheinlichkeit nach sind nur alle Zellkumpen, mit denen sie die beobachtbare Galaxie teilen, gleichzeitig flugfähig und ohrlos. Das schließt ein, dass man ohne Ohren existiert und trotzdem nicht fliegen kann, aber das nur am Rande. Es ist, wie gesagt wahrscheinlich, und ab einer genügend großen Anzahl an seienden Paralleluniversen ist es ratsam, die Sache für nicht ganz ausgeschlossen zu halten. Und selbst das sagt uns nicht, ob es auch wahr ist.

Wahrheit ist, ob wir nun wollen oder nicht, eine Konstruktion, es ist komplett ohne metaphysisch aufgeladene Laberei möglich, jede Wahrheit als an sich existierendes Gedöns zu begreifen, wenn es dem Auge des Betrachters vernünftig erscheint. Für die transzendentalen Gräten braucht es freilich eine nicht nur subjektive Betrachtung, aber noch ist nicht raus, wie man die ohne dreizehn Augen auf den Schirm kriegt, und wenn ja, auf welchen. Etwas absolut Wahres zu konstruieren ist noch keinem gelungen, abgesehen von Lebenshilfegurus und wahlkämpfenden Politikern, Schlagertextern und Mario Barth. Und selbst da ist noch nicht klar, aus welchem Paralleluniversum das kommt.

Deshalb gibt es einerseits genug Wahrheit, auf die sich der Bekloppte mit seinesgleichen geeinigt hat: Wasser ist nass, Kreise sind rund, das Nähere regeln Bundesgesetze. Bisweilen ist die Definition Zirkelschlüssen unterworfen – was rund ist, wenigstens im engeren Sinne, wird wohl auch Kreis sein – doch sie fußt auf empirischem Wissen oder wenigstens logischem Schluss. Insofern ist das, was als wahr bezeichnet wird, redundant, da es keiner weiteren Nennung bedarf: ob p nun wahr ist, und niemand hört es, macht keinen Unterschied. Andererseits einigen sich beständig die geistigen Karnevalspräsidenten auf Wahrheiten, weil sie nicht verstehen, was sie da von sich geben. Kreise sind nur rund, weil die Erde eine Scheibe ist, das weiß man doch, und warum das so ist, dass darf man ja niemandem erzählen.

Was die Kohärenz betrifft, so fügt sich jeder Müll in den Haufen ein, auf dem er landet. Der Mond besteht aus grünem Käse, der Mars besteht aus grünem Käse, folglich muss ja auch die Erde aus grünem Käse bestehen. Etwaige Korrelationen zur Verdeppung einer Bildungsschicht sind hier nicht einmal als statistische Ausreißer markiert, wir nehmen sie bloß zur Kenntnis. Das an sich Dumme tritt an die Stelle des Wahren und überlagert es zur Kenntlichkeit – auf diesem Dung wächst trefflich die Verschwörungstheorie, der die Grätsche zwischen Wahrheit und Richtigkeit nicht mehr in den Sinn kommt. Wozu auch. Sie konstruiert das Wahre, ohne auf das Gute und Schöne Rücksicht nehmen zu müssen, und schwiemelt sich innerhalb der Paralleluniversen eine eigene Parallelwelt mit windschiefen Linien, die ihren eigenen Anspruch in den Grund und Boden des eigenen Nichtdenkens zementieren.

Ohne auf das Koordinatensystem zu achten hält die intelligenzabstinente Schicht aber nun jegliches Werturteil für nicht nur wahrheitsfähig, sondern auch für unbedingt schützenswert, als sei nur eine genügend große Masse dreizehnäugiger Knalltüten vonnöten, um die quasi gesetzmäßige Zustimmung zum den Ausflüssen ihre Brägenbewölkung zu erzwingen – jeglicher Widerspruch sei damit, meint das offenporige Klientel der populistischen Deppen in sportlichem Ehrgeiz, an sich hinfällig, und so leugnet das auf höherem Level geistig gestörte Vieh alles, was nicht rechtzeitig beiseite springt, bis tief hinab zu Präsidenten übel beleumundeter Staaten mit demokratischem Zuckerguss. Alternativ sind nun nicht Fakten, dies wäre lediglich ein rhetorisch müder Taschenspielertrick mit klammen Griffeln, die alternative Wirklichkeit wird konstituierendes Element einer konsensfähigen Mehrheitswahrheit. Sicher gäbe kein philosophischer Nichtschwimmer das ungeprügelt zu – man müsste ja auch denken – doch er wird mit den Konsequenzen leben müssen, und das in einer Welt, die auf ihre Befindlichkeiten keinen gesonderten Wert legt. Sie stimmen über den Wahrheitsgehalt eines Hirngespinstes ab und warten darauf, dass sich der Rahmen verzieht, um ihrer eigene Raumkrümmung zu folgen.

Die Wahrheit schafft sich selbst, nur eben über den Diskurs, zu dem die Hohlhupen nicht in der Lage wären. Denn der Diskurs wird nicht geführt durch Brüllen und Weglaufen. Wer Diskursmacht vor allem als Macht des Diskurses begreift, begreift weder eins noch das andere und ist dazu verdammt, in der eigenen Wahrheit der endgültigen Ignoranz anheimzufallen. Spätestens dann ist die Wahrheit, die eigentliche, auch zumutbar.





Selbstzerstörungsmodus

7 03 2018

Luzie wedelte mit den Ellenbogen, dann wischte sie sich mit der Hand über das Gesicht, vielmehr: sie vollführte die international bekannte Geste für Dinge und Menschen, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Mit einem säuerlichen Lächeln zeigte sie auf den Würfel, der den Tresen zierte. „Das ist sie.“ So klein, und doch brachte sie die ganze Kanzlei durcheinander.

„Eigentlich sollte das Gerät vieles einfacher machen“, überlegte ich, „aber danach sieht es nun nicht gerade aus.“ Die Lämpchen begannen leicht zu leuchten. „Ich verstehe Deine Besorgnis“, säuselte der Kubus. „Aber wenn Du Dich an meine Funktionen gewöhnt hast, kann ich vieles für Dich leichter machen.“ Genau das hatte ich erwartet. „Sie hält einfach nicht die Klappe“, knirschte Luzie zwischen den Zähnen hervor, „immer muss das Ding das letzte Wort…“ „Ich wusste ja nicht, dass Du nichts mehr sagen wolltest.“ „Und patzig ist das Blechteil auch noch!“ Zwischen Luzie und Lexi war das Tischtuch offenbar gründlich zerschnitten. „Dabei wollte Anne sicher alles nur ein bisschen moderner gestalten.“ Aber sie blickte immer noch skeptisch.

Die Rechnungen waren erklecklich. „Das war der Mandant mit den vielen Strafzetteln.“ Er, ein durchaus lauter Zeitgenosse, hatte das Büro mehrmals aufgesucht, Unterlagen eingereicht, kurz nach dem Befinden gefragt, und jedes Mal hatte er Lexi in Betrieb genommen, wenn auch ungewollt. „Einmal wollte er mit dem Taxi nach Hause fahren, zack: Taxi bestellt, und zwar zur Sicherheit gleich mehrfach. Und dann meinte er: ‚Ach, jetzt eine schöne große Pizza!‘. Noch Fragen?“ „Du wolltest eine schöne große Pizza“, schnarrte Lexi, „ich habe Dir schon eine bestellt, wie Du sie in der letzten Woche haben wolltest.“ Luzie stöhnte auf. „Ich wusste es.“ Ich kratzte mich am Kinn. „Hat das Ding eigentlich einen Selbstzerstörungsmodus?“ Luzie schüttelte den Kopf. „Nein, aber unsere Kanzlei.“

Sollte es eine Bedienungsanleitung geben für die Kiste, so hatte Anne sie sehr gut versteckt. Überhaupt hielt sie sich gerade recht bedeckt, kam nicht mehr aus ihrem Beratungszimmer und schwieg auch sonst auf eine Art, die geradezu unheimlich wirkte, umso unheimlicher, wenn man sie sonst kannte. „Das muss sein“, erklärte sie kurz angebunden. „Ich muss den Mandanten ja schützen, schließlich sind unsere Gespräche streng vertraulich. Stell Dir mal vor, jemand legt bei mir ein Geständnis ab, das Gerät hört es und überträgt es direkt an den Staatsanwalt!“ „Das wäre für Dich als Strafverteidigerin doch eine enorme Motivation, den Mandanten trotzdme herauszuhauen.“ Lexi konnte mit ihrer Schimpfkanonade nicht wirklich etwas anfangen.

Immerhin wusste das Gerät, wo Anne auf die Schnelle Kopfschmerztabletten herbekommen könnte. „Dabei hat sie noch nicht einmal gesagt, dass sie Kopfschmerzen hat?“ Wir hatten den Feind ins Boot geholt. „Das Ding ist imstande und…“ Luzie hielt ihr dem Mund zu. „Nicht aussprechen“, knurrte sie. „Vermutlich ist es genau das, wozu die Mafia das gebaut hat: wir wünschen jemandem die Pest an den Hals, und die Maschine schickt sie uns vorbei.“ „Die Pest ist bei Ihrem Versand als Taschenausgabe und elektronisch verfügbar, der Preis liegt zwischen…“ „Keiner mag Streber“, schrie Anne. „Wie wär’s mit einer geschlossenen Gesellschaft?“

„Vielleicht muss man sie nur besser einstellen?“ Anne hatte nicht einmal eine Bedienungsanleitung für den Kasten, was aber nichts machte; sie hätte sie ohnehin nicht gelesen. „Oder man nimmt sie als Navigationsgerät?“ Luzie schnaufte. „Ich würde sie aus dem Fenster schmeißen.“ „Sie läuft sowieso nicht mit Batteriebetrieb“, beschwichtigte Anne. Das änderte jedoch nichts daran, dass der metallene Quader ruhig lauernd auf dem Tresen thronte, als wolle eine finstere Fürstin alle Geheimnisse der Kanzlei ausforschen. Was den Verbrauch an Kaffee und Pizza anging, es wäre nachvollziehbar gewesen, aber auch nur in wirtschaftlicher Hinsicht. „Das Mikrofon müsste man irgendwie verlöten können“, mutmaßte Luzie. „Oder man probiert etwas mit Sekundenkleber.“ „Nagellack“, meinte Anne. „Nagellackentferner?“ „Oder einfach einen Nagel?“ Die unverhohlene Brutalität der beiden Frauen machte mir schon ein wenig Angst, obgleich ich kaum etwas zu befürchten hatte. „Oder Du lässt Sie rein zufällig in den Geschirrspüler fallen, wenn Du abwäschst?“ „Ein Eimer Wasser dürfte bei ihr doch reichen, oder?“ „Haarspray!“ „Ich habe noch Sprühkleber.“ Luzies Augen begannen gefährlich zu funkeln. „Klarlack, und danach in Sand wälzen.“ „Also erst den Sprühkleber, dann Sand und danach den Klarlack?“ Sie wäre wie eine Furie auf den Quatschkasten losgegangen, hätte ich sie nicht im letzten Augenblick daran gehindert. „Ich bitte Euch“, rief ich sie zur Ordnung. „Das kann man doch zivilisiert lösen.“

Im ausgeschalteten Zustand sah sie sogar recht stylish aus. Schwarz eloxiertes Aluminium, der Standfuß war von einer silbernen Leiste umgeben, die wenigen Anschlüsse lagen dezent an der unteren Kante verborgen. „Es gibt immer Abnehmer“, sagte ich. „Gebt eine Kleinanzeige auf, und innerhalb von drei Tagen seid Ihr das Biest garantiert los.“ Anne klatschte in die Hände. „Perfekt! Jetzt müssten wir nur noch…“ Luzie biss sich auf die Lippe. „Lexi, wo verkaufen wir Dich?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCV): Die Schnipselflut

1 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt spuckte in die Hände. Das von der Sippe bestellte Fresko stand kurz vor seiner Vollendung, Säbelzahnziege und Wollelefant flohen vor dem Speer des Jägers, der Schwager mit dem fusseligen Bart war am linken Bildrand noch einigermaßen lebendig, was sich mangels Zeitfaktor nicht visuell darstellen ließ. Zur Anfertigung des Werks waren ein paar Klumpen Ocker vonnöten, das Ergebnis sollte unbeschadet bis in die Postmoderne halten, wenngleich dies zum Zeitpunkt der Werkerstellung so nicht vorauszusehen war. Sorgenfrei konnte der prädiluviale Schöpfer seine Umwelt reflektieren und auf die Ostwand der Eigentumshöhle das Ergebnis in mythologischer Überhöhung bannen: die Große Göttin, erkennbar an der Rundform sämtlicher Körperteile, wacht noch Jahrtausende später über der Szenerie. Weiß der Hominide auch nichts von der Ewigkeit, so ahnt er wenigstens den Rahmen seiner transzendentalen Tätigkeit. Das Bild als indexikales Zeichen erreicht trotz allem seinen Empfänger, wird es auch in eine Zukunft geworfen, die nicht zu fassen ist. Heute jedoch, wo diese Zukunft sich bereits manifestiert, gehen die Bilder unter in der Flut, die sie selbst erzeugen. Schnipsel, überall Schnipsel.

Das allfällige digitale Endgerät hat dem Beknackten die Kontrolle aus der Hand gewunden. Überall schwenkt und knipst es, nimmt auf und speichert, schleudert Daten und pflastert die Kulisse mit farbigen Positiven. Nichts oberhalb der Erdkruste bleibt langfristig unaufgenommen, alles wird in traute Viereckform gestopft, Sekunden später mit Unschuldigen geteilt, die sich Fotos von Weihnachtsmärkten antun müssen, Katzen, Kuchen, Modeschmuck, spielende Kinder, kurz: das optisch erfassbare Grauen des Planeten in konzentrierter Form, wie es sich kein Apokalyptiker hätte aus der trüben Hirnrinde hätte wringen können. Seinen Anfang nimmt es im Auge des Betrachters, und da beginnt auch der Prozess der medialen Verbreitung.

Das Selfie, jene von Realitätsallergikern in den allgemeinen Diskurs geprügelte Form der Verblödung, die die Egogesellschaft im wahren Sinn des Wortes spiegelt, spielt auch nach dem Nachlassen der Medikamente nur in der eigenen Birne. Es ist nur Störschall im weißen Rauschen, eine von vielen überflüssigen Facetten, die keinen anderen Menschen je erreichen, Schaumkronen auf der Pixelflut, eine Nullinformation, die sich auf ein nicht existentes Image beziehen, Marketing für eine Blase voller Dünnluft. Abgesehen von der reinen Abbildungsfunktion ist das stetige Aufnehmen und Verteilen der eigenen Front eine unsubtile Form der Kontrolle – die Unterwerfung unter das Diktat der stereotypen Ausbringung von Lebenszeichen macht aus dem Selbstschnipsler einen unfreiwilligen Lieferanten von Füllstoff für die große digitale Deponie, die Netze und Nutzer verstopft, virtueller Plastemüll in Datengestalt, der sich in Strudeln und schwarzen Löchern zusammenschmoddert. Vor dem Hintergrund der reinen Masse wird jede Aussage im Bild quasi unsichtbar – der universale Matsch wird zur Lawine, die alles Denkbare mit sich fortreißt.

Längst haben sich eigene Kulturtechniken aus dem Umgang mit der Materie entwickelt. Minuziös porträtiert der Bekloppte seine Nahrungsaufnahme, stapelt Salatstreifen und Käsebröcken nach dem Goldenen Schnitt, belichtet das Produkt und zieht Filter über die Angelegenheit, um der Mitwelt mit Nachdruck in die Birne zu schwiemeln: ich drücke mir gerade Kalorien hinters Zäpfchen. Normal ist es mittlerweile, Mahlzeiten auf Umgebungstemperatur abkühlen zu lassen, weil das bildgebende Verfahren die komplette Zwischenzeit einnimmt, in der die Entropie auf ein wünschenswertes Maß gelangt ist. Eine ganze Generation inszeniert hartnäckig und liebevoll Haute Cuisine, während sie sich hinter dem Objektiv schnöde Tütensuppe reinpfeift. Auch dies dient als Ablenkungsmanöver, und wieder ist es das Subjekt, das sich einbildet, irgendwer würde sich für seine Schlappschüsse interessieren.

Die Steigerung des Sinnlosen in die Tristesse schließlich ist das Bewegtbild, der Fetzen aus dem Leben, das keinen kümmert. Außerirdische werden eines Tages den Schutt wegfegen, Festmeter von Flashspeichern freilegen, sich äonenweise Filmchen in die lichtempfindlichen Organe quetschen, und sie werden merken: sie dokumentieren nichts, es ist keine Kunst, es steht in keinem inneren, in keinem äußeren Zusammenhang, es hält wenig fest, beweist nichts, prognostiziert nichts, die Aussage geht gegen Null (abgesehen von der Tatsache, dass das Medium die Botschaft ist), es ist die totale Aufzeichnung, das Gedächtnis plus eingebrannte Amnesie, die auf Halde produzierte Redundanz, die die Menschheit in allen Epochen über ihre eigene Beklopptheit gerettet hat. Nicht auszuschließen, dass der Vanitas-Gedanke hier kulminiert, um in einem orgiastischen Mahlstrom das Dasein zu Sperrmüll zu verarbeiten. Vielleicht kriegt die Menschheit das mit der Quote an Katzenvideos irgendwie geregelt. Wer weiß, was der nächste Urknall sonst bringt.