Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVII): Die Verschandelung der Landschaft

12 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwo musste man die Felle zum Trocknen aufhängen, auch wenn die Sippe sich immerzu über den Anblick empörte. Links neben dem Höhleneingang würde der Aasgeruch früher oder später Tiere anlocken, die sich auch über den Buntbeerenstrauch hermachten, rechts daneben stand in regelmäßigen Abständen die Skulptur der Großen Mutter, die Rrts Sippe aus Gründen der Fruchtbarkeitssteigering anzubeten pflegte. In der Mitte versaute das Gestell der Belegschaft die Aussicht. Stress im Paradies! Ästhetisches Empfinden oder wenigstens die Vorstufe einer moralischen Selbstbespiegelung traf auf die praktischen Notwendigkeiten eines Lebens in der Gemeinschaft, die schafft und entsorgt. Wir können diese Welt kaum noch verändern, wir hatten sie, als wir ihre Oberfläche betraten, ja gründlich verändert vorgefunden. Woher also dieser Furor, das zu verhindern, und: wozu?

Selten las man, Dome und Kathedralen seien wichtig, wenn man darunter ganze Dörfer, ganze Landschaften wegklappen könne für Braunkohle, aber ein popeliges Kernkraftwerk darf man in die Gegend kloppen, Schnellstraßen, Klärwerke, als seien die Tempel der Abwasserentsorgung von Karl dem Großen persönlich geplant, entworfen und gebaut worden. Plötzlich und unerwartet mutieren die Apologeten des Fortschritts, die sonst an jeden Abwasserkanal einen Reaktor schwiemeln würden, wenn sie dafür einen Aufsichtsratsposten in die Rippen gestopft bekämen, zu Heimatschützern. Vernachlässigbare Hügel, ab und an mit Nadelwald begrünt, sind in der ad hoc kodifizierten Geschichte der Samtgemeinde Bad Gnirbtzschen schon immer eine Stätte der Naturschönheit gewesen, die jährlich bis zu anderthalb Wanderer aus dem Nachbarkreis anzieht, der noch nichts weiß von der Legende des Heiligen Humpelbert, dem einst ein sprechender Elch über den Weg gehumpelt sein soll – vielleicht sind sie am Stammtisch an dieser Stelle auch schon voll auf LSD, und wo sie schon einmal dabei sind, stricken sie fix die Historie der Perserkriege fertig, Da geht’s um höhere Interessen, Generationen übergreifendes Kulturgut, mindestens nationale Identität. Was nützt dagegen schon ein Windrad?

Wie ein einziger Zeitzeuge der Geschichtsschreibung den Teppich unter den Füßen wegziehen kann, ist auch das Phänomen der konservativen Raumordnung historisch sattsam bekannt. Auch gegen städtische Umbauten des Mittelalters haben sich die Bewohner beschwert, zumal dann, wenn sie für irgendeinen Bischofssitz ihre Wohnquartiere schleifen lassen mussten. Die Proteste wurden zwar von Kirche und weltlicher Obrigkeit geschmeidig weggeknüppelt, aber die Investitionen blieben, und wer bezahlte schon für die Architektur, wo noch nicht einmal klar war, dass sich halbes Jahrtausend später eine ganze Industrie an der puren Anwesenheit religiöser Zweckbauten bereichern würde. Wäre es nach landschaftlichem Nutzwert gegangen, sogar nach vorromantischen Kriterien hätte ein hübsches Haufendorf gegen das Trockenlegen von Sümpfen oder die Anlage von Stadtmauern gewonnen, die sich nur mit Mühe zurückbauen lassen, wenn jahrzehntelang kein Verteidigungsfall drohen will. Die Bauruine, die die Köln zum Improvisationsnotfall machte, hätte man nach heutigen Maßstäben für die beliebte Leerstandskombination aus Shoppingcenter mit Büroflächen plus Tiefgarage gecancelt. Irgendeiner muss ja daran verdienen, wenn es schon keiner bezahlt.

Wo schon vom Fremdenverkehr die Rede war, gibt es Lokalpolitiker auf Stimmenfang, die einen Kreuzzug gegen Ampeln und Verkehrsschilder ankündigt haben, weil Senioren aus dem Umland beim Fotografieren von St. Mandy immer dieses Einfahrtsverbotszeichen vor der Linse haben? Schleift der Dezernent für freiheitliche Stadtsilhouetten am Friseursalon Schni-Schna-Schnippi das Schild, weil der Bömmel immer vor das Standbild von Erzherzog Paul dem Beschränkten ragt? Was ist mit Umgehungsstraßen, die das Landschaftsbild für Umwohnende nicht nur optisch, sondern auch akustisch und olfaktorisch zur Steißgeburt des schlechten Geschmacks adeln?

Der Hominide hat komische Angewohnheiten. Baut er einen Turm, um zu beweisen, dass sein Volk die höchsten Türme von allen bauen kann, gereicht das seiner klebrigen Narzisstenseele zur freudigen Genugtuung; jodeln Klänge vom Turm herunter, die mit seinem Lokalgeschmack nicht korrelieren, wähnt er das Ende seiner Kultur, zumindest aber die Implosion des Universums. Stellt er sich einen Mast auf, um in seiner Butze Lampen anzuknipsen, ist das unaufhaltsamer Fortschritt. Baut eins bodennah Platten an den Hang, damit der Gegenwartsmensch überhaupt etwas hat, was er aus der Leitung saugen kann, bedeutet es das Ende der siebzigjährigen Geschichte der Arbeitersiedlung Schaffenslust. Was auch richtig ist, der Bau der Kanalisation machte ja auch dem Brauch den Garaus, nach Sonnenaufgang seine Fäkalien aus dem Fenster zu kippen. Aber wer sind wir Zeitzeugen schon. Und was ist dagegen die Geschichte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIV): Konservativismus

14 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Französische Revolution bescherte der Welt viele schöne Dinge: die Republik, Restaurants der gehobenen Küche, bequeme Freizeithosen und die Weltanschauungen des Liberalismus sowie des Sozialismus, geboren aus dem Geist der Gleichheit. Spätestens zum Ende der Hochphase aber kippte die Stimmung, denn was gab es für die Kaste der Besitzenden schon zu verlieren als die Ketten, die sie sich durch ein paar Jahrhunderte Ausbeutung und Unterdrückung eingehandelt hatten. Der Citoyen war eine nette Idee, die Besitzbürger aber siegten und machten sich einen hübschen Lenz daraus, zur Abwechslung während ihrer Jeunesse dorée auf die Unterschicht zu schießen. So wurde der Grundstein gelegt für die wichtigste politische Idee kommender Epochen, den Konservatismus.

Aber was ist aus ihm geworden? Im Gegensatz zum Sozialismus, der Inkarnation des Bösen, wo es keine Bananen gibt und Fabrikanten dieselbe Rente bekommen wie Fabrikarbeiter, zum Liberalismus, der die narzisstische Persönlichkeitsstörung zur Kunstform aufbläst, hat das trotzige Aufbäumen der Beharrer nicht einmal ein eigenes Programm außer zu ignorieren, dass sich Dinge ändern. Sie wollen einfach nicht einsehen, was auch ohne ihre bräsige Opposition passieren würde. Die Zeit läuft an ihnen vorbei, die gute alte Zeit, in der es Dampfschiffe gab, Postkutschen, später auch Schreibmaschinen. Ihre Frauen waren noch Haustiere, die Kirche hatte grundsätzlich recht, eigentlich war der Krieg ganz lustig gewesen, sie haben ihn auch nicht verloren, die anderen haben nur gewonnen, und wenn nicht überall böse Fremde herumlaufen würden, wäre die gutbürgerliche Epoche, die eigentlich nie existiert hat, nicht vorbei. Deshalb pochen sie auf Werte.

Werte? Guter Witz. Was unter diesem Etikett zusammengeschwiemelt wird, ist moralgesättigte Abwehr des Denkens, die sich gegen Veränderung imprägniert. Der Schutz des Lebens ist vor allem für Ungeborene eminent wichtig, für Moribunde, aber nicht für das Reinigungspersonal. Als soziale Normen werden sie von einer ängstlichen Schicht in Beton gegossen und gelten definitionsgemäß nur für die Untergebenen. Eine offene Gesellschaft ist dem Konservativen verhasst, da deren sittliche Vorstellungen in der Gegenwart liegen und sich nicht ins Gestern hieven lassen – schaudernd steht er vor den Versprechungen der Verfassung, die er nie anzweifeln darf, da er für Law & Order bestallt wurde, und arrangiert sich mit seiner Art von Ethik: Grundrechte, aber eben nicht für alle. Er begründet dies gerne mit der Hierarchie, die die harmonische, göttliche Ordnung des Ständestaates noch gehabt hat, bevor die Knechte Teufelszeug wie Demokratie und Menschenrechte aus der Hölle holten.

Werte! Nicht von der Religion geschaffen, in mühseliger Kleinarbeit und oft gewaltsam gegen sie durchgesetzt, um eben die bürgerliche Gesellschaft zu etablieren, für die sich bourgeoise Pimpfe halten. Stünde das vor dem Affenkäfig, man wüsste, wer da mit Kot schmisse. Als letzte Larmoyanz popelt sich der konservative Klötenkönig zum Nachweis des Machtanspruchs das christliche Menschenbild aus der Nase. Das Menschenbild, das sich bei noch nicht ganz vollgelaufenen Intensivstationen kaum entscheiden kann, ob man das Pflegepersonal mit mehr Pandemiepatienten oder durch die totale Abschaffung aller Verkehrsregeln im Namen der Freiheit voll auslasten soll – nicht vergessen, die von den Berufschristen geforderten Freiheiten im Sinne des Grundgesetzes sind Dienstleistungen, die überwiegend von Ungeimpften erbracht werden, und die Christlichkeit besteht allenfalls darin, ein paar Niedriglöhner für die gute Sache zu opfern. Also für das Kapital. Und die Wiederwahl.

Im Endeffekt geht es doch nur darum, sich ohne gesellschaftliche Konsequenzen – die juristischen räumt eine Rotte teurer Rechtsanwälte schon weg – die Taschen vollzustopfen, gerne auch durch reiche Zuwendungen zugewandter Reicher, die mit einem privaten Trickle-down gnädig ihre Domestiken in Freilaufhaltung füttern, während sie mit den kleinen Leuten besser nicht in Berührung kommen wollen, es sei denn in Form der durch sie erwirtschafteten Renditen. Der konservative Politiker ist eine Art Hündchen, vielseitig verwertbar zum Kläffen, zum Beißen und zum Männchen machen.

Die Lächerlichkeit der Konservativen zeigt sich in der Ablehnung von Natur- und Klimaschutz, die als Bewahrung der Schöpfung tatsächlich zu den religiös motivierten Ideen einer wertorientierten Haltung zählen könnten, während die blindwütige Technikgläubigkeit ohne Rücksicht auf Verluste die peinlichste Attitüde der Traditionsbehämmerten ist, der quasi esoterische Glaube, irgendjemand würde gegen alle Widrigkeiten der Welt patentierbare Wundermittel erfinden. Aber bestimmt schlummert auch hierin nur der Wunsch, sich an dem Zeug dumm und dämlich zu verdienen.

Konservatismus ist Heimweh nach einer Utopie von Vergangenheit, Sehnsucht nach weltfremden Idealen, an denen man die Weltfremdheit lobt, weil man nur so mit dem Finger auf alle die zeigen kann, die ihnen nicht entsprechen. Was wären wir ohne ihn, wenn nicht glücklich im Hier und Jetzt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVII): Politik für das Gestern

27 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gab Sippenälteste, Stammeshäuptlinge, dann Tyrannen und Könige aus allerlei Geschlechtern, die von Usurpatoren und empor gespülten Fürsten ersetzt wurden, Kaiser, Diadochen, schließlich die Schicht der professionellen Politiker, die sich der Wahl durch eine sogenannte Bevölkerung stellen, alle Jahre wieder. Was es auch gibt, das nicht endet, ist der Verdruss angesichts tönender Versprechen und ihrem kärglichen Ende, das zwischen Dichtung und Wahrheit in ebendieser Verantwortung keimt. Was hatten sie nicht alles aus dem Hut gezaubert, echte Demokratie, Wohlstand für alle, Tugend und Ethik mit Zuckerguss, hurra! Was bleibt, ist je und wieder ein Abglanz, so dünn wie verschlissen, von der Politik für das Gestern, das nie vorbei ist.

Das waren die schönen Tage, in denen es noch genug Zukunft gab, so viel Zukunft, dass man sich als Bürgerlicher Vergangenheit leisten konnte. Man hatte nichts gegen Macht, die ja in regelmäßigen Abständen regelrecht bestätigt wurde. Ab und zu ließ man das Volk befragen, guckte hier und da in die Antworten hinein, ignorierte, was sich nicht mit Parteiprogrammen und Freundschaften in Industrie und Verbänden vertrug, so ging es immer weiter, analog, harmlos-christlich bis feucht-völkisch im Abgang, alles verschwiemelt zu einer schillernden Tunke, die direkt ins Gestern floss. Die kognitive Dissonanz dieser offensichtlich hilflosen Schläue strebte das Nichts an, den abstrakten Fortschritt, in dem aber alles blieb, wie es nie war, ein Zerrbild, nur durchsichtig. Strukturen sind wichtiger als der Inhalt; Menschen sind, man sieht es, austauschbar.

Denn immer wieder erweist sich eine eklatante Lücke zwischen der gefühlten Wirklichkeit in den Köpfen der politischen Entscheider und der weit in die Zukunft denkenden Einstellung der Wähler, die sich nicht mit theoretisierendem Kleinkrempel die Metadiskussion verquarken lässt, sondern, horribile dictu, praxisbezogen denkt und lösungsorientiert vorgeht. Der Krümmungswinkel der EU-Gurke ist ihnen nicht wichtig, aber der Treibhausgasausstoß geht ihnen auf die Plomben. Die Subventionen für Kurzstreckenflüge zur Sicherung fetter Boni in den Chefetagen der Airlines ist für sie kein soziales Ziel, weil sie Kurzstreckenflüge längst für ein nicht mehr benötigtes Relikt aus dem mobilen Neandertal halten. Das Unverständnis der Bürger, auch und gerade der aufgeklärten Mittelschicht, gerinnt zu hässlicher Wut, wenn sie Lobbyopfer ertappt, wie sie Postkutschenbauer, Schreibmaschinenfabriken und Kohlekraftwerke retten wollen, indem sie ihnen Löcher in die Erde buddeln, damit sie sich vor der Sintflut verstecken können. So wie wir Lochkarten und Wählscheibenfernsprecher überwunden haben, werden wir auch Fotovoltaik und Windkraft nicht aus purem Willen wieder los, schon gar nicht in der Vernunftvorstellung der Mehrheit.

Mit etwas grober Logik könnte man ihnen, den alten Männern (die nicht einmal alle weiß sind), die reine Machtgier unterstellen oder einfacher noch Abhängigkeit von wirtschaftlichen Verflechtungen. Es wäre nicht einmal weltfremd. Warum dann aber strategisches Denken ebenso der Vergangenheit angehört, kann das nicht erklären. Das Ende einer mehrheitskompatiblen Politik erinnert an den jähen Tod der Saurier, die noch einmal träge in den Himmel linsen, den Meteoriten schon pfeifen hören und phlegmatisch äußern, es werde vielleicht einen oder zwei von ihnen erwischen, der Rest werde es aber morgen schon verdrängt haben. Es gab kein Morgen. Es gab nicht einmal jemanden, der sich an das Gestern noch hätte erinnern können.

Die Erzählung von der Kontinuität ist gründlich kaputt, weil die Parole Weiter so ohne ein überlebbares Ziel blieb. Hinter all dem tumben Motivationsgeballer, das uns permanent einbläut, jede Krise als Chance zu sehen, damit wir uns über den großen Vorrat an Krisen freuen können, steht die bräsige Ignoranz, dass sich sämtliche Variablen verändert haben, vermutlich sogar die gesamte Umgebung nicht mehr existiert oder demnächst von der schiefen Ebene in den Abgrund rauscht. Sie haben den Arbeitern die 40-Stunden-Woche gegen die kapitalistischen Unternehmer erkämpft, jetzt bringen sie uns bei, dass wir mehr arbeiten müssen, weil es nicht mehr genug Arbeit gibt, obwohl sie alles tun, um die Technik zu zerstören, die uns die Arbeit abnehmen würde – bei voller Rendite für die kapitalistischen Unternehmer. Jede Diskussion mit ihnen ist eine intellektuelle Nahtoderfahrung, und so diskutiert der Betroffene nicht mehr mit, sondern längst ohne, häufiger noch gegen die Wortspender und ihr verbales Granulat. Noch fehlt ihnen der nötige Organisationsgrad, um sie über die Kante zu kippen, doch das ist angesichts der Vernetzung und täglich anwachsender Zukunft nur noch eine Frage der Zeit, die keiner mehr hat. Ein Gestern aus reiner Ungleichheit, das Führer und Geführte kennt, und eine Mainstream-Politik, die ihre komplette Energie mit dem Widerstand gegen die Selbstzerstörung verbraucht, sind wie Einsteins Endgegner. Nicht die Dinge verändern sich, ein Koordinatensystem aus Raum und Zeit beult sich in Zeitlupe aus, wenig, aber messbar. Keiner weiß, wie lange es noch hält. Bis gestern ging es noch.





Konventionelle Waffen

16 01 2018

„Jedenfalls sollten wir beim Klimawandel nicht haltmachen.“ „Nee, nee, nee.“ „Das wird dann aber sehr kontrovers.“ „Soll’s ja auch.“ „Und damit will man Staat machen?“ „Vorerst nur eine Regierung.“

„Also Verbrennungsmotoren müssen wir auf jeden Fall erhalten.“ „Wofür denn?“ „Na, für die Autoindustrie!“ „Werden denn Elektromotoren nicht von der Autoindustrie gebaut?“ „Das ist eine gute Frage, aber die bauen dann sicher Roboter.“ „Können die keine Verbrennungsmotoren bauen?“ „Aber darauf kommt es doch gar nicht an!“ „Er hat das nicht ganz kapiert.“ „Der Verbrennungsmotor ist schließlich ein deutsches Kulturgut, das lässt sich nicht einfach ersetzen.“ „Was ist mit dem deutschen Erfindergeist?“ „Nee, nee, nee.“ „Das ist ja alles gut und schön, aber Sie wollen doch nicht die Weltwirtschaft destabilisieren, indem Sie auf Öl verzichten?“ „Und was machen wir, wenn die Reserven eines Tages erschöpft sind?“ „Das wird garantiert nicht in der nächsten Legislaturperiode sein, also geben Sie schon Ruhe!“

„Aber wo wir schon bei Elektromotoren sind, dürfen wir tatsächlich Staubsauger abschaffen, die der EU zu stark sind?“ „Das ist doch Politik gegen den Bürger!“ „Viel schlimmer, die Energiekonzerne werden dabei benachteiligt!“ „Man muss ja auch daran denken, dass viele Aktionäre ebenfalls Bürger sind.“ „Manche leben sogar in Deutschland.“ „Das ist schon eine Verpflichtung.“ „Und wenn wir nicht so viel Strom verbrauchen, müssen die Kraftwerke abgebaut werden.“ „Nee, nee, nee!“ „Das hieße ja mittelfristig, dass wir gar keine Kraftwerke mehr haben.“ „Und dann gehen bei uns die Lichter aus.“ „Das wird doch keiner wollen können, oder?“ „Deshalb sind Elektromotoren auf jeden Fall sehr wichtig.“ „Starke Elektromotoren!“ „Jedenfalls im Staubsauger.“ „Selbstredend.“

„Wir müssen aber auch konsequent sein.“ „Finde ich auch!“ „Ganz meine Meinung!“ „Dann sollten wir bei dem zu erwartenden Mehrverbrauch an elektrischem Strom konsequent auf den Erhalt von Kohlekraftwerken setzen.“ „Sehr gut!“ „Das ist ein ganz starkes Signal!“ „Damit werden wir uns auf jeden Fall durchsetzen, weil wir damit unser konservatives Profil stärken.“ „Richtig, zugleich ist das ein ganz wichtiger Beitrag zur Standortpolitik in der Bundesrepublik.“ „Dass wir ausländische Kohle kaufen müssen?“ „Die Globalisierung kriegt man halt nicht nur mit deutschen Mitteln hin, sonst hätten wir’s schon längst gemacht.“ „Die deutsche Wirtschaft kann mehr!“ „Als Verbrennungsmotor der EU sind wir Deutschen einfach unersetzbar!“ „Könnte man nicht auch die elektrischen Loks wieder von der Schiene nehmen?“ „Sie wollen wieder mit Kohle fahren?“ „Zumindest Kohlestrom wäre doch denkbar.“ „Nee, nee, nee.“ „Also ich fände die Idee ja ganz charmant.“

„Das mit dem Bleigießen…“ „Das kann man vielleicht den Grünen irgendwie in die Schuhe schieben.“ „Bundesimmissionsschutzgesetz, oder?“ „Grundwasser.“ „Sowieso.“ „Und die Dämpfe, da ist meine Schwippcousine vierten Grades ja wohl fast mal ohnmächtig geworden.“ „Also das muss ich mal sagen, wenn wir mit diesen Linksradikalen koalieren, müssen solche Ausnahmen eingedämmt werden.“ „Selbstredend.“ „Aber hallo!“

„Und die Landwirtschaft?“ „Müssen wir jetzt die Kühe auf Analogbetrieb umstellen?“ „Nee, nee, nee.“ „Wenn wir Massentierhaltung zum Standard erklären?“ „Zum Industriestandard?“ „Das ist doch genau das aus der guten, alten Zeit?“ „Eben, wie konventionelle Waffen.“ „Das kann man doch nur mögen.“ „Kommt immer darauf an, ob Sie in Afrika die Turbohühner fressen oder die in Sachsen.“ „In Sachsen gibt’s mehr Widerstand gegen Neger.“ „Nee, nee, nee…“ „Ich finde das gut, dann werden wir nicht mehr so oft in bewaffnete Konflikte gezogen.“ „Ich fände eine noch konservativere Linie gut, dann könnten wir uns wenigstens aussuchen, wo wir die bewaffneten Konflikte anfangen.“

„Meinen Sie nicht auch, wir sollten dieses neumodische Zeug verbieten?“ „Aber sicher!“ „Klar, weg damit!“ „Zum Teufel!“ „Hoffentlich protestiert dann nicht die CSU.“ „Wegen dieser ganzen liberalen Auswüchse?“ „Das ist doch purer Sozialismus!“ „Also ich lasse mir den linksgrünen Genozid an meinem Grundstück nicht mehr lange gefallen, wenn die ein Windrad hinter mein Haus stellen, dann wird der Bürgermeister vergast!“ „Ich meinte jetzt eher Glyphosat, aber danke für Ihre Ausführungen.“

„Gut, fassen wir mal zusammen.“ „Hatten wir denn schon über Kinderbetreuungsmöglichkeiten gesprochen?“ „Brauchen wir nicht, die Leute sollen lieber Arbeiten gehen.“ „Und wenn sie keinen Job finden, will die gesellschaftliche Mitte, dass sie ihre Apanage gestrichen bekommen.“ „Das muss doch am Ende wieder der Bürger zahlen!“ „Und die wählen auch nur extremistische Parteien, mit denen ist kein Staat zu machen.“ „Sehr richtig!“ „Nee, nee, nee.“ „Solange sich die Wirtschaft da nicht eindeutig positioniert hat, sollten wir auch die Füße still halten.“ „Das würde bestimmt Arbeitsplätze gefährden.“ „Und an die Kinder denkt auch wieder mal keiner!“ „Na, ich glaube schon, dass wir jetzt alles zusammen haben.“ „Das Gesamtpaket für die konservative Revolution.“ „Nee, nee, nee. Wir wollen doch endlich Koalitionsverhandlungen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXI): Die konservative Chimäre

3 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gespenster gehen genug um, meistens sieht man schnell, aus welchem Holz sie geschnitzt sind – bis auf den Faschismus, der Stoffwechselergebnisse aufbraucht – und bezieht entsprechend Stellung. Der Sozialismus sagt, der Mensch braucht keine Bananen. Der Anarchismus erlaubt Bananen, nur nicht ihre alleinige Nutzung. Der Liberalismus ist nicht gegen Bananen, Arbeiter dürfen sie anbauen, ernten, verschiffen und käuflich erwerben, essen jedoch nur ein paar korrupte Klötenkönige. Die nur noch selten auftretende Mische aus Katholiban und Evangelikazis verteufelt die Banane, da sie nicht in der Bibel auftaucht, gesteht sie aber ein paar sehr Gläubigen zu, für die Gesetze sowieso nicht gelten. Nur der Konservative steht alleine im Bananenhain, weiß alles, kann aber nichts erklären, und ist fein raus. Seine Politik steht für alles, aber auch für gar nichts, und genau das macht er seinen Anhängern klar. Seine Ideologie ist die konservative Chimäre.

Denn Konservatismus ist politische Ideologie ohne Programm, Philosophie oder Perspektive. Die Anhänger dieser Bewegung wollen alles, nur keine Bewegung. Zwar wissen sie, dass die Zeit noch nie für sie gearbeitet hat, aber genau deshalb wollen sie zurück, um keine positiven Utopien entwerfen zu müssen. Sie vermeiden strategische Ziele, und sie tun es nicht ohne Bedacht: je mehr ihnen aus reiner Konzeptionslosigkeit die Welt aus den Fingern gleitet, weil der Wirklichkeit Parteikarrieren wumpe sind, desto hektischer gerät das entschiedene Durchgreifen zum reinen Aktionismus hampelnder Marionetten, die erst in totaler Panik wieder zur alten Überzeugung finden, dass Angststillstand in Krisensituationen noch immer am besten ist.

Abgesehen von Rechts und Links geht dabei der Gesellschaftsentwurf nicht weiter, man kann ihn nur noch in die graue Vorzeit zurückkatapultieren. Darum ist inzwischen auch der Rechtspopulismus so attraktiv – man hasst seine Vergangenheit vorwiegend wegen ihrer unangenehmen Symptome, aber immerhin kennt man sie – und nicht der linke, den man für Abklatsch hält, nachdem sich die sozialdemokratische Idee erfolgreich suizidiert hat. So wird konservative Anschauung, die auf Welt größtenteils verzichtet, zur reinen Politik, die für ihre Selbstbespiegelung keine Menschen nötig hat, sondern nur einen Staat, der dem kollektiv in tiefes Selbstmitleid gesunkenen Kompetenzimitat eine aus keimfreien Zutaten hastig zusammengenagelte Ersatzreligion bietet: Du bist nichts, dies Ding ist alles. Genau so regiert das auch.

Amüsanter als alles andere ist die konservative Einsicht, die menschliche Vernunft sei beschränkt und könne ohne die Vorsehung einer um die Sonne kreisenden Teekanne, zu klein, um sie jemals zu entdecken, nie die unbewusste Weisheit der Ahnen begreifen, und die Empirie gibt ihnen recht: sie bemerken es als Letzte, dass sie eine Gesellschaft in die Scheiße geritten haben, und immunisieren sich wirksam gegen jede Verantwortung. Immerhin sind sie klug genug, sich selbst für dumm zu halten, und leiten aus der Erkenntnis den Anspruch ab, klüger zu sein als alle anderen. Mal ehrlich, was soll da schon schiefgehen.

Daraus entsteht die geradezu groteske Dialektik von geradezu religiöser Wissenschaftsfeindlichkeit und hysterischem Fortschrittsglauben, der an den Rändern gerne in tobsüchtiges Nachgeplapper von Zauberformeln eskaliert, die ihnen Wirtschafts- und andere Pseudoforscher hinterlassen. Alles geht, der Mensch wird schon irgendwann zur Sonne fliegen, fleißiges Beten schafft Arbeitsplätze, und dass der Neger in Europa nichts zu suchen hat, ist durch ein Bauchgefühl hinreichend legitimiert. Die in diesem Milieu siedelnden Parallelexistenzen lehnen alles ab, vorrangig aber das Fremde, Andersartige, kurz: das, was seit Jahren bis Jahrzehnten eine Mehrheit als Normalität ansieht. Sie verachten nur nicht ihresgleichen, denn das wäre egalitär, widerspräche ihrem im Mittelalter fein auf Flaschen gezogenen Klassismus und ließe sich nicht mehr mit den alten Etiketten als Vielfalt des historisch Gewachsenen verkaufen. Wenn es schon immer so war, muss es auch immer so bleiben.

Der Konservatismus will zurück zur Natur, am liebsten in atomgetriebenen Dampfwalzen, und hat bisher immer sein Möglichstes getan, um sich in den Paradoxa seiner eigenen Motivation gründlich zu verheddern. Wo immer der Mensch die Zukunft nicht überblicken kann, gerät er in Sorge, und was triebe das geistig ungesegnete Proletariat besser in die Angst, als sie zu beschwören. Der autoritäre Charakter, den er so schätzt, funktioniert nicht mit Toleranzen, die es erst seit Jahrzehnten gibt, und so erschließt sich, dass der Konservatismus an einer Neurose leidet, die er mit möglichst vielen teilen will – kein Wunder, Feiglinge kommen in einem dunklen Keller selten alleine zurecht. Ursprünglich waren Naturschutz, ein christliches Menschenbild und Verfassungstreue in Verdacht, als konservative Werte durchzugehen, aber längst wird man dafür als linker Vogel bespieen. Denn man will ja damit der normativen Wirklichkeit mit Widerstand begegnen, und wogegen lohnt sich Widerstand mehr? Gut, die Schwerkraft. Aber wäre das mehrheitsfähig?





Die Macht der Gewohnheit

31 03 2011

„Ganz ruhig! Bleiben Sie gelassen und machen Sie sich jetzt nicht – ruhig, habe ich gesagt! Sie bleiben entspannt und reagieren mit… Moser, die Spritze. Wir kriegen ihn nicht mehr in den Griff.“ Der junge Mann wand sich, aber der Pfleger war viel stärker; wehrlos ließ er die Injektion über sich ergehen und sank schließlich auf dem Stuhl zusammen. „Sehen Sie“, sagte Karla Oppenheim, „es wirkt. Er wird es lernen. Wozu werden wir von den Banken auch bezahlt, wenn wir ihr Personal nicht vernünftig auf die Zukunft vorbereiten.“

Sie streifte ihre Handschuhe ab und reichte mir das Handbuch. Ich war doch recht erstaunt. „Das ist alles? Die Behandlungsmethode hatte ich mir viel komplizierter vorgestellt.“ Oppenheim lächelte mit einem leicht schnippischen Ausdruck. „Das ist ja gerade das Faszinierende daran: Sie müssen kaum Gedanken machen, die Sache ist inzwischen universell einsetzbar. Wie Sie sehen.“ Von fern dröhnte und rauschte es. „Ihr Grundkonzept“, fasste ich zusammen, „besteht also daraus, den einmal eingeschlagenen Weg beizubehalten und sich nicht von etwaigen Ereignissen abbringen zu lassen?“ Karla nickte. „Genau, das ist die eine Säule unserer Auffassung. Eine einmal gewonnene Erkenntnis, sagt unsere Erfahrung, kann gar nicht falsch sein, sonst hätte sie nicht zu einer Erkenntnis geführt.“ Das Rauschen schwoll an und wurde bedrohlich. „Die Aufgabe ist es, diese Erkenntnis nun mit den Mitteln der Vernunft gegen alle Einwände zu verteidigen.“ „Sehr vernünftig“, spöttelte ich, während der Fußboden schon leicht zu vibrieren begann. „Sie stellen also fest, dass die Erde eine Scheibe ist, und Ihre Vernunft teilt Ihnen mit, dass eine Auseinandersetzung mit der Empirie nur Verwirrung stiftet? Ihr Weltbild steht also fest, mit Tatsachen kann man Sie nur verwirren?“ Sie drehte sich um und lief schnurstracks auf die Tür zu.

Der ganze Raum schien zu wackeln. Auf der Leinwand sah man brennende Häuser und wilde Seebeben, jeden Moment schien ein Meteorit auf die Erde zuzustürzen. Grollen und Poltern drang aus den Lautsprechern, eine Alarmsirene kreischte zwischendrein, aus einigen unauffällig in den Fußleisten angebrachten Düsen strömte brandig riechender Qualm, der in den Augen biss. „Sehr lebensecht“, keuchte ich, „mein Kompliment!“ „Beachten Sie unsere Kandidaten!“ Oppenheim hielt sich an einer Stuhllehne fest, denn die Windmaschine lief auf voller Stärke. Die jungen Leute saßen fast bewegungslos in ihren Sesseln, die Finger fest in die Lehnen gekrallt. Plötzlich war der Spuk vorbei. Das Licht ging an, Vorhänge flogen wie von Geisterhand auf, die Projektionsfläche schnurrte an einer verborgenen Apparatur in die Decke. Hüstelnd erhoben sich die Eleven, die eben noch starr vor Angst gewesen waren. „Wir können gerne einmal die Probe aufs Exempel machen“, meinte Oppenheim und wandte sich an den Schüler vor ihr. „Wie sehen Sie die Lage, was können Sie der Öffentlichkeit sagen?“ Unwillkürlich versteifte sich sein Rückgrat; das Gesicht nahm maskenhafte Züge an. „Es besteht kein Anlass zur Besorgnis, wir sind mit den neu gewonnenen Erkenntnissen, die die Lage völlig verändern, weil die nachhaltige Veränderung, die aber kein Anlass zur Besorgnis ist, wie die Opposition, und ich betone: vorübergehend, mit den sich neu…“ „Er ist noch ein wenig übermotiviert“, erklärte sie. „Gegen einen GAU wird man ihn nicht von der Leine lassen können, aber bei einem Großfeuer oder bei der Erhöhung der Krankenkassenbeiträge dürfte es schon gehen.“

Karla Oppenheim zog sich mit obsessiver Langsamkeit neue Handschuhe an; sie machte in einer Liste einige Häkchen. „Das ist das Schöne an der Methode, sie lässt sich überall einsetzen.“ „Wo landet denn Ihr Personal?“ Sie lächelte. „Da unser Kurs von einem internationalen Waffenexporteur und einem Pharmaunternehmen bezahlt wird, können Sie es sich wohl denken: im Bundestag. Es ist schließlich gleichgültig, ob man die Folgen einer Atomkatastrophe vertuscht oder die Bankenkrise. Die Sache ist dieselbe. Man muss weitermachen. Sonst geht es nicht weiter.“ „Sie verordnen den künftigen Lenkern des Gemeinwesens Verdrängung als Mittel zur Realitätsbewältigung“, konstatierte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Prokrastination wäre der richtige Begriff. Sie wissen schon, was richtig ist. Sonst würden sie ja auch nicht so eine Energie entwickeln, um davor wegzulaufen.“ „Sie meinen, der Reformstau käme letztlich nur zustande, weil Ihre Sprösslinge sich so erfolgreich drücken?“ Oppenheim zog eine Braue in die Höhe. „Sie haben es erfasst. Das Wesen des Konservativen ist es, die Verhältnisse zu erhalten.“ „Sie meinen ernsthaft“, ereiferte ich mich, „dass Sie eine komplette Gesellschaft in dem Zustand zementieren können, in den Sie ihn durch Nachlässigkeit gebracht haben? Sie denken, Sie könnten bis zum jüngsten Tag die Augen verschließen? Wer wird Ihre Fehlentscheidungen ausbaden? Eine künftige Generation?“ „Das ist mir verhältnismäßig egal“, gab Oppenheim kühl zurück. „Dann bin ich schon nicht mehr am Leben, und an die Reinkarnation zu glauben überlasse ich anderen. Übrigens hätten Sie mir besser zuhören können; es geht durchaus nicht um eine Gesellschaft, dem Konservativismus geht um ihre Verhältnisse. Es reicht doch, wenn Sie die Bankenkrise bezahlen, oder haben Sie etwa Geld?“ „Und ich hatte es für die Macht der Gewohnheit gehalten.“ Sie zupfte nervös an ihren Handschuhen. „Eher schon die Gewohnheit der Macht.“