Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXVI): Vom richtigen Leben im falschen

15 10 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Situation ist unübersichtlich: kein Komet am Himmel, die Erde tut sich nicht auf, Leviathan lässt auf sich warten. Nur die Flüsse steigen über die Ufer, während die Felder verdorren, der Sand wird knapp und es gibt so viele Jobs, dass manche von ihnen gleich drei haben. Es seufzen die Lenker der Staaten und lehnen sich verdrießlich zurück, da ihnen auch nichts einfällt. Sie müssen zusehen, wie alle ihre Absichtserklärungen zu Asche zerfallen, tatenlos natürlich. Am Ende werden es die Leute sein, dieses schwer erziehbare Volk von Menschen, das noch immer Plastikverpackungen kauft, weil es billige Discounterschnitzel nun mal nicht gleich in die Manteltasche gibt. Es ist schlimm, aber nicht ausweglos, der Schuldige ist gefunden: wir sind es. Wir, die ein richtiges Leben versuchen im falschen.

Wie man den Berufspendlern den Stau in die Schuhe schiebt, weil sie an der stillgelegten Bahnstrecke wohnen und ihre Autos nicht einfach für den Klimaschutz stehen lassen, so macht man uns weis, wir seien das System. Daneben übt sich die Politik in milder Enttäuschung, wo immer ein Kreuzfahrtschiff dem Reiseveranstalter Gewinne verschafft und dennoch wie vorhergesehen die Luft verpestet – sie täten ja gerne etwas, aber sie können nicht. Es liegt am ungeheuren Bedarf, und wer würde schon verbieten wollen, was so beliebt ist? Unsere Wirklichkeit passt nicht zu den Ansprüchen, die wir haben sollen, wie sie uns der Zeitgeist in die Rübe schwiemelt. Es gibt da ein gesellschaftliches Ideal, und doch gibt es den Sachzwang, in dem das Leben stattfindet. In dieser Spreizung stecken wir fest, und es ist kein schöner Anblick, wenn wir das große Ganze sehen. Wie schon in den traditionellen Mythen zur Lenkung systemstabilisierender Ethik erprobt lässt sich nichts besser instrumentalisieren als nachhaltig erzeugtes Bewusstsein, eine Sünde begangen zu haben. Einmal geboren, zack! alles falsch gemacht. Warum soll sich der korrupte Dreckrand ein anderes Deckmäntelchen umhängen als das bequeme Christentum?

Gerade vor dem Leistungsgedanken, den der Kapitalismus neu definiert – die konsumistische Konfession bekennt zuerst den Glauben, sich alles leisten zu können – bleibt auch das Versprechen auf einen Aufstieg gefangen: die Unterschicht wird sich bald so viel leisten können wie die Mittelschicht, die sich wird leisten können, was die Oberschicht besitzt. Scheuklappen weg, auch Geltungskonsum schützt nicht davor, als weißes Rauschen in die Geschichte der Hirntätigkeit einzugehen. Auch der gezielte Kauf kostspieliger Produkte ist noch keine Absolution; solange die Designernietenhose aus demselben Stoff an derselben Maschine von demselben Kind gefertigt wird wie die Jeans für den Billigheimer, die nur etwas weniger als fünf Prozent der Protzklamotte kostet, solange kann sich der liberale Wurstverkäufer in eine Körperöffnung nach Wahl predigen, wenn er Arbeitslosigkeit als Chance auf eine individuelle Neuerfindung preist oder Armut als sozial erwünschtes Gegengewicht für eine Kaste, die ihre verschissene Randexistenz ohne Flugmango für das hält, was sie in Wahrheit längst ist: überflüssig wie Brechdurchfall beim Drahtseilakt. Askese als Pfad der Erkenntnis wird vor allem dem Armen empfohlen. Vermutlich sind andere für spirituelle Impulse eh nicht mehr zu begeistern. Oder für Ethik. Oder die Menschheit.

Ob mit oder ohne gründliche Entsolidarisierung durch den Fokus auf die individuelle Schuld an der gesellschaftlichen Entwicklung frisst sich ein Gesinnungsterror durch die prekären Schichten, der die eigene Verkettung in die Phänomene noch viel gründlicher verdrängt, als es die nutznießende Elite könnte. Sie teilt und lässt herrschen, vornehmlich von den kultivierten Kräften der Gier, die sich so unerhört produktiv ansteuern lässt durch Werbung, Spaltung, Angst, kurz: alles, was den Trieb ihrer intellektuellen Überformung durch die Zivilisation entledigt. Wir werden Mittäter, Kollaborateure, Ausnutzer, wo unsere Entscheidung alternativlos ist und nur der eigenen Rechtfertigung dient. Bald ist Armut der neue Reichtum – die Pseudoeliten der Bourgeoisie neiden den Erwerbslosen ja schon ihre Zeitsouveränität und würden sie am liebsten acht Stunden lang in die Tretmühle zwingen, auch wenn dann keine Zeit mehr bliebe, sich um die Arbeit zu bemühen, die es ohnedies nicht mehr gibt – und nur der Gedanke an die Umsätze des Einzelhandels ist noch im Weg, dass man dem Prekariat den Konsum kategorisch untersagen würde. Irgendwie muss das Pack überleben, sagt sich der Kapitalismus, womit allerdings nicht die Kunden gemeint sind.

Die humane Konditionierung lässt nur wenige Wahlmöglichkeiten. Ohne Revolution sind alle an den bestehenden Verhältnissen schuldig und also trefflich erpressbar. Wer mittwochs nach sechs eine Flugmango wollte oder zu Weihnachten für den Nachwuchs unbedingt eine Spielkonsole, der trägt die gleiche Schuld. Die einen werden schweigen, grinsend vermutlich, weil sie wissen, dass sie in diesem Klassenkampf die Opfer werden schlachten können. Die anderen schweigen ebenfalls. Im Sinne einer nachhaltigen Lösung wäre es nicht verkehrt, die Positionen einmal zu überdenken.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXIV): Clickbaiting

24 06 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für Rrt sah die Sache auch nicht besser aus. Die Hauptfrau hat ihn aus der Höhle geworfen, nachdem er einen Eimer Palmschnaps aufs frisch gereinigte Schlaffell gehustet hatte. Bei Nggr war gerade die bucklige Verwandtschaft zu Besuch, die Gattin von Uga hatte soeben irgendein Kind zur Welt gebracht – so genau zählte man damals nicht – und er wusste nicht, wo er übernachten sollte. Ein Kleckerchen Getreidebrei trug er noch bei sich für die Nacht, aber das verbesserte seine Gefühlslage nicht nennenswert. Da stand eine fesche Braut an der Blätterhütte neben dem Fischtümpel. Rrt drückte der Drallen drei Eberzähne ins Händchen, nestelte erwartungsfroh seinen Pelz auf und spürte das Blut in seinen Arterien gefriertrocknen. Auf der Moosunterlage rekelte sich etwas, das nur einen Schluss zuließ. Die am Eingang musste ihre Enkelin gewesen sein. Schade eigentlich.

Das funktioniert bis heute, und das funktioniert im Internet erst recht. Weil das Klickibunti mit den gefühlten 99 Prozent Luft nach unten jede noch so redundante Information zur Not hinter sich selbst versteckt, um den Nutzer im Augenblick festzuschwiemeln, braucht es Angelhaken, spitze Dornen zum Kobern für den schnellen Leserausch, damit die hirnreduzierte Masse im Dunkel des unsortierten Wortdurchfalls nicht weiterdümpelt und nach dem nächsten Wurm schnappt. Das bisschen intelligente Leben in diesem stehenden, halb umgekippten Gewässer, es hat sich schon fast abgewendet von der Hoffnung, in der medialen Unratsuppe zu überleben. Die Nebenprodukte der Zivilisation haben die Herrschaft übernommen, kurzlebige Arten mit der Aufmerksamkeitsspanne von Mikroben, instinktgesteuert, wenngleich mit wenig davon ausgestattet. Zehnmal wollen sie unbedingt sofort und jetzt gleich alles, statt etwas zu verpassen, von dem sie nicht einmal wissen, was es ist. Sie wissen nicht, dass sie eigentlich Köder sind, weniger Konsumenten als das Produkt selbst, das in evolutionär signifikanten Mengen verbraucht und gleich darauf entsorgt wird.

In der eher vernachlässigbaren Existenz der Querkämmer passiert nachweislich nichts – wie auch, wenn Permanentberieselung mit medialem Sondermüll zum seit Generationen in die Gene eingelaserten Programm gehört, das die mähliche Abstumpfung bis in valiumgeschwängerte Gefilde hievt, wo nur noch grobe Schmerzreize für wenige Sekunden aus dem Halbkoma holen, bevor die Dumpfklumpen wieder im Sopor ersaufen. Jetzt aber, jetzt! Unglaublich, was der Mann da mit dem Eierkarton macht! Faszinierend! Wir werden alle gar nicht darauf kommen, was dann geschieht! Der nackte Wahnsinn! Wahrscheinlich klatscht er ihn platt und tritt das Ding in die Tonne.

Aber selbst da, rabulierende Rhetorik im letzten Gewindegang für zu viel Scheiße unter der Sahnehaube, rechnet sich der knapp kalkulierende Businesskasper aus, wie viel Adrenalin er braucht, um den Aggregatzustand der sedierten Herde zu ändern. Er arbeitet gegen seine eigene Verrichtung an, proximate Ursachen des Verhalten zeitweilig wieder zu unterdrücken. Der instinktiv Beknackte wird intellektuell ausgeknipst, bevor er in einer Art Kurzschlusshandlung aufflackern darf, damit der Konsumismus nicht die Grätsche macht. Latscht in die Werbung, sagt der Schmadder, um mehr geht es doch gar nicht. Wenn wir sie verkaufen, dann doch wenigstens für dumm.

Damit der dünn angerührte Schlumpf sein Äußerstes gibt, wird er am Plärrzentrum gepackt. Ein Zehnjähriges ist seit Wochen um, jetzt lesen wir den erschütternden Brief an die Eltern. (Reklame für Appetitzügler, mit einem einfachen Trick zehn Kilo in weniger als einer Million Jahren verlieren.) Die Tragödie eines Schülers, der als Großvater wieder nach Hause fand. (Weil er mit einem Kredit die Hütte abreißen konnte.) Die dreiundneunzig Dinge, die man nicht verpasst haben darf, wenn man vor siebenunddreißig Jahren höchstens elf war. (Billiger Spot für gefärbte Zuckerplempe, die es damals noch nicht gab, aber der Creative Director macht den Mist auch nur für die Kohle, außerdem ist er noch nicht alt genug.) Kurz bevor es haarig wird, rutschen Kinder und Katzen auf den Rührungsdrüsen herum. Irgendwie kriegt man die Sache immer verkauft.

Der Guckreiz drückt von innen gegen die Rinde. Der auf Passivität gedrillte Kurzstreckendenker muss selbst die Tür eintreten, die ihm ein Komplize von innen vernagelt, er ist nicht verführt worden. Und der Komplize weiß um die Denkart der Schnitzelkinder: was alle wollen, das muss gut sein. Teilt der Bescheuerte seinen Müll, den er nicht einmal begriffen haben wird, auch noch in den asozialen Medien, so wird er endgültig seinem Ruf als Marionette gerecht: die Beute, die Lockspeise wird. Das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Achtunddreißig Gründe, warum es einem trotzdem wumpe ist. Bei Nummer dreizehn wäre der Redakteur fast eingeschlafen. Und jetzt die Klickstrecke. Bleib dran, Du Opfer.





Misfits

2 07 2015

Gurken. Viele, viele Gurken. Kistenweise Gurken, eine krummer als die anderen. „Das hier“, erklärte Bartusziak nicht ohne einen Anflug von Stolz, „sind die Ernten, die wir täglich wegwerfen. Gleich auf dem Feld, in der Verarbeitung, und den ganzen Rest im Supermarkt.“ Wer weiß, wie viele Gurken er noch in den Lastern hatte. Diese Halle war jedenfalls imposant genug.

„Sie haben ja keine Ahnung, wie pingelig die Handelskonzerne sind.“ Eine Liste lag zufällig auf dem kleinen Wägelchen. „Die Sellerieknollen sollen nicht zu groß sein und nicht zu klein, es sei denn, sie werden extra groß bestellt oder extra klein. Und dann die Möhren erst – schrecklich!“ Die verwachsenen Rüben füllten einen ganzen Wagen, der zum Ausladen bereit an Tor B stand. „Alles komplett krumm, feinste Suppenqualität.“ Ich stutzte. „Nicht Super-, Suppenqualität. Mehr als das werden Sie damit nicht herstellen, aber selbst die Industrie war sich zu fein dafür. Wahrscheinlich sind die Schälmaschinen, die das Gemüse für einen automatischen Linseneintopf mit Suppengrün häckseln, motorisch nicht ganz so begabt wie zwei menschliche Hände.“ Ich drehte eine der wuchsindividuellen Dinger in den Fingern. „Sie bekommen beim Kauf einer Zwei-Kilo-Schale gleich noch eine praktische Arbeitshilfe mitgeliefert.“ „Ein Messer?“ Bartusziak schüttelte den Kopf. „Eine Packung Pflaster.“

Die Würste sahen nicht viel besser aus. Vermutlich hatte die Maschine, die sie füllte, öfters Aussetzer. „Teilweise stimmt das“, bestätigte er. „Sie werden jedoch auch in Handarbeit hergestellt. Und da geht viel daneben.“ Angesichts dieser Mengen an krummen, zu kurzen und ungleichmäßig dicken Wurstwaren fragte ich mich, wer sie alle verzehren würde. „Keine Sorge“, entgegnete Bartusziak, „wir haben eine langfristige Vereinbarung mit den Imbissbudenbetreibern.“ „Warum Imbissbuden und nicht der Einzelhandel.“ Er lächelte überlegen. „Wenn Sie sich im Laden die Wurst aussuchen können, nehmen Sie dann die krumme?“ Ich begriff.

Der grau lackierte Schrank knirschte, als Bartusziak die Schublade herauszog. Vermutlich auch ein Produktionsfehler, dachte ich. Er hing voller Akten. „Eine unserer Dienstleistungen besteht darin, ungeeignetes Personal zu vermitteln.“ „Sie meinen: geeignetes“, unterbrach ich. „Nein“, beharrte er, „ungeeignetes. Und wir gehen sehr sorgfältig auf die Suche. Vollkommen inkompetent zu sein, das reicht schon nicht mehr. Wir erwarten auch charakterliche Defekte, erhebliche Dummheit sowie…“ Er schlug eine Akte auf. Ich begriff. „Sie beliefern ganze Parteivorstände?“ Er nickte. „Und Unternehmensvorstände, Gewerkschaften, den Deutschen Bundestag – was Sie wollen.“

Schnittblumen, Schuhe, Oberhemden, offenbar gab es nichts, was die Qualitätskriterien sämtlich unterlief. „Haben Sie schon einmal ein Hemd angezogen, das auf der Brust so ein kleines bisschen spannte, und dann gingen nach dem zweiten Tragen alle Knöpfe ab?“ Bartusziak schien genau zu wissen, was Hildegard mir regelmäßig mitbrachte. „Die werden, wie gesagt, oft einfach weggeworfen, aber wir haben noch vielfältige Verwendungsmöglichkeiten dafür. Beispielsweise die Altkleidercontainer – haben Sie sich schon einmal gefragt, wer die alle befüllt? und womit?“ „Sie ruinieren also die Textilwirtschaft in Afrika“, knurrte ich. „Indem Sie tonnenweise Stoffe in die Entwicklungsländer schicken, nehmen Sie jedem Fabrikanten seinen Markt weg, weil man so preiswert einfach nicht neu produzieren kann, wie man den Ausschuss verkauft.“ Merkwürdigerweise nickte er, und auch das nicht ohne einen gewissen Stolz. „Mit Erdbeeren könnten wir es nicht, denn die Afrikaner essen zu wenig Erdbeeren, und sie würden den Transport auch nicht unbeschadet überstehen. Also die Erdbeeren.“ Ich wollte gerade etwas antworten, doch er ließ sich gar nicht unterbrechen. „Und so sehen Sie, dass unsere Wirtschaft längst auf einem globalen Level angekommen ist – unsere Produktionsfehler sind ein Exportschlager geworden.“ „Und was sind daran vielfältige Verwendungsmöglichkeiten?“ Er faltete eines dieser grauen Hemden auf. Die Brusttasche saß leicht schräg und ein bisschen zu tief, außerdem waren die Manschetten viel zu breit für die schmalen Ärmchen. „Haben Sie schon einmal vor einem Kassenschalter gestanden und sich gefragt, woher so ein Kassierer schon am frühen Morgen diesen verkniffenen Gesichtsausdruck hat?“

Objektiv betrachtet ging es Bartusziak gut; die Gurken wuchsen nach, die Würste ebenso. Welche Perspektiven hat man da noch? Er öffnete einen Karton mit Tonträgern. „Feinster deutscher Schlager“, erklärte er. „Das entspricht genau unseren Sortimentsrichtlinien. Und es wird wirklich Zeit, dass die Mongolei Helene Fischer kennenlernt.“





Wurst

17 07 2014

„Wir mussten es einfach tun. Es gab keine andere Möglichkeit. Schauen Sie, das war keine einfache Situation für uns, aber dieses System mit den Absprachen, das hatte sich einfach auch bewährt. Endlich stabile Preise!

Jetzt echauffieren Sie sich mal nicht künstlich, beim Sprit passiert das auch, und da schreitet keiner ein. Wollen Sie denn die schizophrene Lage haben, dass Sie ein heißes Würstchen an der Tankstelle kaufen, und da wacht das Kartellamt darüber, und dann bezahlen Sie Ihren überteuerten Kraftstoff, weil gerade die Ferien losgehen, und dann drückt das Kartellamt beide Augen zu? Es geht doch hier um einen nationalen Wirtschaftsfaktor! Als was würden denn Sie die deutsche Wurst bezeichnen?

Eigentlich hatten wir auch vor, die ganzen Gewinne in die Forschung zu investieren. Doch, ernsthaft! Schauen Sie, die Rezepturen werden immer ausgeklügelter, die Zutaten sind immer mehr vom Verbraucher abhängig, das muss natürlich im Erzeugnis seinen Niederschlag finden. Die Qualität muss stimmen, die Mischung, und Sie können heute nicht irgendwelche Schlachtabfälle in Ihr Produkt kippen. Das müssen schon die besten sein. Und dann dieser Trend zum Fleischverzicht! Schauen Sie, wir haben ja gar nichts gegen Veganer, das sind die Verbraucher von morgen, da müssen wir am Ball bleiben, und wir arbeiten ja längst daran, eine Wurstware so gut wie komplett ohne Fleisch… –

Das tut dem Markt nämlich auch gut. Unsere Erzeugnisse dürfen gar nicht zu billig sein, schauen Sie, das ist mit dem Markt immer so, dass der alles regelt, und dann werden die Produkte, die sich nicht an die Preise halten, die werden dann, weil der Trend geht zu den besseren Produkten, und die sind nun mal teurer, weil daran erkennt man die. Wenn etwas gut ist, dann kann man auch den Preis anheben, und wir wollen auf dem nationalen Markt natürlich nur Premium-Wurstwaren handeln. Sonst käme es möglicherweise zu einem Preisverfall, und dann würde die Produktqualität sofort nachlassen, und dadurch sinken dann die Umsätze, wodurch die Arbeitsplätze verloren gehen. Wollen Sie das?

Der Preiskampf ist nämlich außerordentlich hart. Schauen Sie, mit so einer durchschnittlichen Wurst ist heute nichts mehr zu verdienen. Die wird für den Verbraucher produziert, der kauft sie, und dann ist sie weg. Wenn wir jetzt beispielsweise Luxuslimousinen bauen würden, das ist natürlich eine ganz andere Herangehensweise, schauen Sie: der Produktlebenszyklus ist erheblich länger, Sie kaufen sich ja nicht alle drei Tage ein neues Auto, und daher haben wir erheblich mehr Zeit, uns mit der Wurst zu beschäftigen, ich meine, wir würden das beim Auto haben, schauen Sie, aber nicht bei der Wurst. Die muss ja frisch zum Verbraucher, und das ist auch ganz richtig so, weil wenn sie nicht frisch ist, dann verlieren wir auch das Vertrauen des Verbrauchers, und dann müssten wir vielleicht wirklich anfangen, Autos zu bauen. Aber das würde auch heißen, dass es bald in Deutschland keine Wurst mehr gibt. Das ist Marktverzerrung!

Dabei sind gar nicht wir die Schuldigen, das ist der Einzelhandel! Die haben nämlich die höheren Einkaufspreise an die Verbraucher weitergegeben – würden Sie das noch als soziale Verantwortung bezeichnen? Also in meinen Augen ist das ganz klar Raubtierkapitalismus, jawohl: Raubtierkapitalismus in seiner gemeinsten Ausprägung! Weil sich diese Supermärkte nämlich an den Verbrauchern schadlos halten, die nur aus reiner Existenzangst ihre Lebensmittel kaufen. Noch dazu sind es viele Bürgerinnen und Bürger, die durch diese gesellschaftlichen Verwerfungen mit niedrigen Löhnen auskommen müssen und ihre Lebenshaltungskosten zum Teil gar nicht ohne aufstockende Leistungen bestreiten können. Das ist, schauen Sie, ich bin da ehrlich, eine riesengroße Schweinerei. Weil das zahlen wir alle, wir alle als Steuerzahler müssen dafür geradestehen, dass diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den unteren Einkommensklassen als erste von diesem Preisdruck betroffen sind. Dafür werden wir in die Verantwortung genommen!

Schauen Sie, irgendwo muss das Geld dann ja auch herkommen. Die Steuern zahlen sich ja nicht von alleine. Wäre mir jedenfalls nicht bekannt.

Ich könnte Ihnen ja, wenn Sie es nicht an die große Glocke, aber wirklich auch nur ganz im Vertrauen – behalten Sie das für sich? Wir sind nämlich selbst Vegetarier. Alle. Ich auch. Doch, Sie müssen mir glauben! Wir tun das nur für den Tierschutz. Ausschließlich für den Tierschutz tun wir das. Dass die Tiere nun mal geschlachtet werden, das ist ja ganz normal, das kommt auch überall vor, und ich meine, schauen Sie, wir müssen ja unsere Einkünfte auch irgendwoher beziehen, das habe ich Ihnen lang und breit erklärt. Da ducken Sie sich jetzt mal nicht weg, wir leben schließlich in der Wirklichkeit. Und als Aktivist sind Sie sowieso auf der sicheren Seite, wenn Sie Ihre Ziele nicht zu sehr in der Öffentlichkeit publik machen, das werden Sie wohl verstehen. Aber man muss doch dem Produkt, ich meine dem Tier, das in dem Fleischerzeugnis auch irgendwie noch personifiziert ist, dem Tier muss man doch Respekt zollen, und dann muss man den gesellschaftlichen Kampf aufnehmen, dass es zu diesem Fleischkonsum gar nicht mehr kommen kann. Ich hatte es Ihnen doch erklärt: hohe Preise lassen den Markt ausbluten, niedrige Qualität für ein als Premium-Lebensmittel gehandeltes Erzeugnis, das immer weniger Fleisch enthält – das kauft keiner mehr! Der Fleischverbrauch wird in Zukunft beständig sinken, wir werden es noch erleben, dass wir uns alle vegan ernähren! Nur noch Obst von glücklichen Bäumen! Kein Schwein muss mehr für die Wurst sterben! Wäre das nicht wirklich wundervoll?

Jetzt schreiben Sie mal schön Ihren Artikel, und wenn Sie noch was brauchen, Sie sollten sich mal die Bierpreise anschauen. Finden Sie das etwa gerecht?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXVI): Bio

21 09 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, als der Hominide die Früchte des Feldes dankbar und guten Gewissens verzehren konnte. Der Baum der Erkenntnis war tabu, doch der Rest ließ sich je nach Reife und Aggregatzustand als Kalorienzufuhr verwenden. Jeder aß dasselbe, so er nicht durch Glück oder Tüchtigkeit Pilze fand, die satt machten (oder lustig, aber jedenfalls nicht tot) und knuspriges Getier, das für die Flucht anatomisch nicht gerüstet war. Mit der Erfindung des Handels in der arbeitsteiligen Gesellschaft, deren eine ernteten und jagten, während die anderen buken und brutzelten, trennte sich die Einheit. Korn blieb erschwinglich für die meisten, doch da sich andere süße Früchte leisten konnten, musste ein Statussymbol her. Es ward Abend, es ward Morgen, und es ward Bio.

Die Heckenpennerhorde, die weiland in der Biostunde Malstifte in den Frontallappen gestopft hat, sondert heute Bücher über genetische Marker zweitausend Jahre alter Völker ab oder rülpst ihre Kindervorstellungen über Synapsenverdellung durch das böse Internet in jede Kamera, die nicht rechtzeitig in Flammen aufgeht. Weil sie vom naturwissenschaftlichen Einmaleins so viel Ahnung hat wie eine Braunalge von Schnadahüpfel und munter Kinderglaube und Esoterik verquirlen. Urgrund des Bio-Wahns ist der hirnverdübelte Unsinn, man könne den Kuchen fressen und dabei doch aufbewahren, vulgo: den Kapitalismus bis in die Schlusszuckungen mitturnen, aber gleichzeitig gesund wie die Ahnen, pesti-, fungi-, herbizidfrei die Möhre mümmeln, aus eherner Scholle tapfer ins Maul. Schon die Ausgangsposition ist Mumpitz dritter Kategorie, denn gäbe es nicht Turbofarm und Fleisch-KZ, um den als Wohlstand deklarierten Müll in den Kommerzkreislauf zu klatschen, keine Kartoffel bedürfte einer zusätzlichen Taufe zum naturbelassenen Produkt – als diese suizidale Form der Nährstoffakkumulation noch nicht das Gesicht dieses Planeten verpickelte, gab es überhaupt nur naturbelassenes Gemüse, naturbelassenes Obst und naturbelassenes Getreide. Eine Perversion der sachzwangreduzierten Ehrlichkeit allemal, dass dies bis in die DNS aufgebohrte Nachzuchtmassaker als konventionelle Landwirtschaft gilt. Die Parallele ist dem konventionellen Krieg geschuldet, der zwar auch die ganze Menschheit ausrottet, aber nicht so hip ist wie die Nummer mit dem Atompilz.

Es ist ja nichts als physiologischer Aberglaube, dass bei Vollmond im Beisein einer Bezugsperson geerntete Pflaumen ein besseres Karma machen als die Discounterversion der Steinfrucht. Die Mitochondrien interessiert es nicht, woher die Proteine kommen, sie verarbeiten Frischmilch wie Fettklops. Alles andere ist Animismus im Gewand postmoderner Verdummung, weil der ideologisch gefestigte Hohlrabi, Kind des Effizienzwahns, auf mehr besteht, mehr Vitamine, mehr Eiweiße, mehr Bla vom Blubb. Eine normale Ernährung, so sie nicht nur Pommes und gedünstete Wellpappe beinhaltet, bietet ohnedies ein Überangebot aus Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen, die zum größten Teil unbehelligt in die Kanalisation rauschen – wozu also der zwanghafte Wunsch nach mehr von allem? Wenn nicht die kapitalistische Psychose nach unbegrenzbarem Wachstum der Schlüssel ist, was ist er dann?

Dass diese Vorstellung von Biologie mit dem tatsächlichen Leben nichts zu tun hat, wirft ein trübes Licht auf die Dumpfdüsen des Ökoterrors. Die Rübe an sich unterliegt einer arteigenen Schwankungsbreite der Qualität, die so groß ist, dass sie mit biologisch-dynamischen Sanktionen nicht einmal näherungsweise beeinflusst werden könnte. Das Gepopel im Gewächshaus ist, wenn überhaupt, Kosmetik an den Nachkommastellen, ein heroischer Kampf um ein paar Promille mehr Traubenzucker – falls nicht das Wetter andere Vorstellungen hat oder auf dem Transport sämtliche Nährstoffe hops gehen. Die grassierende Vorstellung, was biologische Prozesse sind, leisten und zeitigen, ist mechanistisch und kommt ohne Sachkenntnisse aus. Denn was erwartet man von den Bescheuerten, die nach Wirksamkeit fressen, nicht ohne Brot und Wasser mit Multifunktionalität auszustatten.

Bio ist nichts mehr als das Distinktionsetikett einer bornierten Schicht mediokrer Waschlappen, die den Proletariern gegenüber elitär auftreten, während sie der Elite als Proleten erscheinen. Ihr Häppchen Stolz ziehen sie aus dem Aufpappschild, als kämen nicht beide Hühner, mit und ohne Heiligenschein, aus demselben Gockelgulag, wie auch Designerhose und Billigbuxe aus demselben Kinderarbeitsknast stammen, jeder weiß es, aber der kultivierte Konsument rümpft elegant die Nase und erklärt es zur bedauerlichen Notwendigkeit der Globalisierung. Dass der ganze Schmadder, der aus dem industriellen Gleichschaltungsprozess quillt, auch nur im Entferntesten etwas mit den hehren Zielen von Umweltschutz und Gesundheit zu tun hätte, ist folkloristischer Plüsch aus dem Kabinett der Gegenaufklärung. Es ist nicht viel mehr als moderner Ablasshandel, dessen Kassenzettel in quasireligiöser Verzückung als Persilschein der ethischen Unfehlbarkeit herumgereicht wird – wie jede andere Form aggressiv vorgelebter Demut ist auch dies nichts anderes als Dünkel aus Dummheit. Wie viele Liter Sprit hätte der ökologisch korrekte Bescheuerte im SUV verheizen können, wäre ihm das 100%-Hoffart-Siegel auf seinem Kartoffelsack nicht reißpiepenegal gewesen. Sie nehmen es nicht einmal ernst, dass sie sich gegenseitig von den Segnungen der Zivilisation – Klimakatastrophe, Ozonloch, Hungerkatastrophen und ähnlicher Zores – Absolution erteilen wollen, denn sie fallen auf die Mutter der plumpen Marketinglügen herein, kaufen aus ökologisch motivierter Blauäugigkeit Spargel aus den Anden und müssen sich Flugananas aus Feuerland hinters Zäpfchen schwiemeln, mit letzter Kraft verdrängend, dass der Beknackte für jedes Kilo rund um den Erdball rödelndes Gemüse ein Jahrhundert lang auf der Pinkeltaste knien müsste. Dass jeder Affe sei eigenes Bapperl auf die Banane batschen kann, macht die Sache natürlich gleich viel glaubwürdiger.

Sie werden ihren Biomüll kauen, bis er ihnen zu den Ohren rauspladdert. Sie werden kalt gepresstes Öl schlucken, in dem karzinogene Lösungsmittel jodeln. Tuberkeln und Listerien werden ihre Brut unter die Scholle pflügen, weil sie ihre Milch nicht wie jeder andere Querkämmer auch im Supermarkt kaufen wollen. Mit etwas Glück überlebt der Nachwuchs, bleibt aber doof. Was will man mehr. Denn irgendjemand muss ja schließlich den ganzen Bioquatsch weiter kaufen.





Krümel

19 09 2012

Zwei Scheiben Brot steckten in der transparenten Kunststoffverpackung. „Exakt die richtige Menge“, befand Wippelkirchen, „von einer Scheibe wird man nicht satt, alles andere würde nur austrocknen. Genau diese Menge braucht man für ein richtiges Frühstück.“ Ob es den Kalorienbedarf des normalen Arbeitslosen decken würde, verriet er nicht.

Die Supermarktkette hatte es sich etwas kosten lassen. Eine neue Produktlinie mit neuen Marken, neuen Packungen, neuen Erzeugnissen und vielen alten Sachen, die neu hießen, aber in Kleinmengen verkauft wurden. „Faszinierend“, bemerkte ich. In der Schachtel befand sich ein (und nicht weniger als das) Würstchen. „Sehe ich es richtig, dass Sie mit diesen Portionsgrößen die Molekularküche erobern wollen?“ Wippelkirchen grinste schief. „Suchen Sie etwas?“ Ich legte das Wienerchen zurück auf die Tischdecke. „Irgendwo muss hier ein Gläschen mit einem Klecks Senf stehen.“

„Schauen Sie“, erläuterte der Manager, „unsere Zielgruppe ist der durchschnittliche Konsument auf der Straße. Er möchte eine möglichst große Vielfalt an Produkten: Graubrot, Weißbrot, Toastbrot, Zweikorn, Dreikorn, Mehrkorn, Vollkorn, Erdbeer-, Brombeer-, Himbeer- und Kirschmarmelade, dazu Butter oder Margarine. Sie kaufen sich doch auch keine Kuh, wenn Sie ein Glas Milch wollen, oder?“ Wippelkirchen übertrieb durchaus nicht. Der ganze Tisch war mit Kleinpackungen vollgestellt, als hätte eine komplette Reisegesellschaft fluchtartig ein Hotelfrühstück verlassen. Eine einzelne Scheibe Mortadella neben einer einzelnen Scheibe Gouda und einer einzelnen Scheibe Salami lag neben einer einzelnen Scheibe Gurke; selbst an die Dekoration hatte der Konzern gedacht. „Wie Sie sehen, haben wir auch für den schmalen Geldbeutel eine Menge Auswahl. Sie müssen nicht reich sein, um sich ein gutes, abwechslungsreiches Frühstück zu leisten.“

Die Firma schrieb schwarze Zahlen; offenbar waren sie nicht schwarz genug. „Die Käufer haben zwar noch ein bisschen Geld, um sich ausreichend zu ernähren, aber sie kaufen immer dasselbe.“ „Sie meinen, es gibt keine Distinktion mehr in den Einkaufswagen?“ Wippelkirchen spielte mit einem Löffelchen voll Heringssalat, eingepfercht in einen Kunstglasstopfen. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist nicht mehr befriedigend.“

Eine ganze Wand lang zogen sich die Regale durch den Saal, vollgestopft mir unterschiedlichsten Waren. Einzelne eingeschweißte Äpfel und Birnen lagerten neben lächerlich kleinen Konservendosen. „Und Sie halten das für natürlich?“ Er nickte heftig. „Haben Sie schon einmal einen Baum gesehen, an dem die Äpfel nicht einzeln wachsen?“

Auch der Kühlschrank enthielt kein großes Geheimnis. Dennoch machte Wippelkirchen eins daraus. „Echt“, betonte er und hievte die kleinen Plastikeier aus dem Kühlfach, „es ist wirklich echter Kaviar, nicht nachgemacht.“ Fast hätte man die Eierchen einzeln mit der Lupe suchen müssen, so verloren lagen sie in der dünnen Schutzhülle. „Jedenfalls wehren wir uns dagegen, dass der nicht so begüterte Verbraucher immer nur dasselbe kauft. Man muss doch auch einmal dem Drang zur Dekadenz nachgeben!“ Eine einsame Scheibe Räucherlachs und eine Single-Languste gaben sich alle Mühe, blasiert zu wirken, erschienen aber nur ein wenig blässlich. Er seufzte. „Dabei ist diese Produktlinie doch so wunderbar unvernünftig! Wir haben sogar extra darauf geachtet, dass der Verpackungsmüll in keinem Verhältnis zum Inhalt steht!“ Ich strich ihm begütigend über den Scheitel. Wie viel Mut und Liebe musste er bereits investiert haben, damit auch alleinerziehende Mütter einmal Melone mit Parmaschinken essen.

Die Salami, genauer. eine einzelne Scheibe Edelsalami mit Pfeffermantel, hatte eine durchaus attraktive Verpackung. Nur die unverbindliche Preisempfehlung wollte mir einfach nicht ins Auge fallen. „Hier unten“, half Wippelkirchen mir. Tatsächlich kostete diese winzige Scheibe so viel wie ein halbe Packung normaler Dauerwurst. „Aber das rechnet sich natürlich. Und man hat damit sehr viel mehr Auswahl zur Verfügung.“ „Was kommt bei Ihnen denn noch? Haben Sie demnächst einzeln abgepackte Kartoffeln im Angebot?“ Er rümpfte die Nase. „Ich bitte Sie – die kann man schließlich abwiegen!“ „Und was“, warf ich ein, „hat man seit Jahrhunderten mit Frischwurst und Äpfeln getan?“

Hektisch hatte Wippelkirchen den Kühlschrank eingeräumt und verschlossen. „Wir tun doch schon eine Menge für die Menschen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Früher musste man seine Äpfel im Keller stapeln und das Brot vor dem Verschimmeln retten. Sehen Sie sich die neuen Packungsgrößen an, dann werden Sie feststellen, dass sie wesentlich besser in die heutige Gesellschaft passen.“ „Sie meinen, Sie trainieren den Konsumenten nach und nach Vorratswirtschaft und Frischhaltung von Lebensmitteln ab?“ Er nickte. „Wir brauchen doch den Konsum. Und sehen Sie, mit diesen kleinen Packungen lässt sich Ihr täglicher Speisezettel viel besser planen. Nur Vorteile! Und wir haben, ich sagte es bereits, ein erheblich besseres Preis-Leistung-Verhältnis.“ „Wer würde das behaupten“, fragte ich. „Wo doch diese eine Scheibe Salami schon so viel kostet wie drei Scheiben, wenn man die größere Packung aus dem normalen Sortiment nähme? Das nennen Sie ein besseres Preis-Leistung-Verhältnis für den Kunden?“ Wippelkirchen grinste. „Für den Kunden? Wer redet denn von dem?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXIX): Tchiboisierung

25 11 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mit dem Werkzeuggebrauch beginnt, was der Art Intelligenz im engeren Sinne verleiht, der plan- und sinnvolle Einsatz der Materie. Man kann mit der Bratpfanne zwar Nägel in den Putz dengeln, aber mit dem Hammer keine toten Tiere rösten, und je nach Größe und Geschwindigkeit des Tiers im Lebendzustand gibt es auch Objekte, die man bei der Fühlungnahme mitführen sollte, um nicht die Nahrungskette unerwartet restrukturieren zu müssen. So entstand die arbeitsteilige Gesellschaft als logische Folge des Spezialistentums, und spätestens mit der Trennung von Produktion und Handel merkte der gesellschaftlich eingebundene Mensch, dass die Vielfalt der Erzeugnisse gleichermaßen die Wissensvielfalt des Handwerkers wie des Verkäufers hervorbringt. Wer eine gute Pfanne zu schmieden weiß, muss nicht unbedingt bratfertige Tiere aus der Steppe mitbringen, und wer sein Angebot auf eisernes Geschirr ausrichtet, braucht kein Experte für Stiefel und Brennholz zu sein. Der Vertrieb fand seine Daseinsberechtigung und feilte eifrig daran, sich unverzichtbar zu machen in einer Nische, die noch von keinem anderen mit fettigem Selbstverständnis ausgefüllt worden war. Es hätte so bleiben können, es hätte ein gutes Einvernehmen fortbestanden zwischen Krämer und Kunde, und hätte man die Krankheiten des Spezialistentums im Zaum gehalten, jene Arroganz des Fachidioten, alles wäre gut geworden. Aber die Mehlmützen aus der Chefetage konnten wieder den Hals nicht voll kriegen und läuteten die Tchiboisierung des Einzelhandels ein.

Hemmungslos schwallt der Kompetenzfasching aus dem Management, neue Marketing-Ideen wollen ausprobiert sein. Hygieneartikel neben dem Kühlregal, Taiwanplaste schräg gegenüber vom Spirituosengang, nichts ist den Grützbirnen zu doof für einen merkantilen Vollrausch. Hier und da sind noch Überreste intakter Ladenstrukturen zu erkennen – wo Tiernahrung ausgeschildert ist, jodelte keine Reformkost von der Palette – und die kleineren Dorfsupermärkte lehnen den Konsumkirmes flächendeckend ab. Wo es aber urbaner wird, wo sich Marke an Marke blutige Verteilungskriege um Prozentpunkte auf dem Analogkäse-Segment abspielen, da wird der Käufer mit vorgehaltener Knarre zum Ablaschen gezwungen, ob er denn will oder nicht. Kreuz- und Querverkauf ist die Devise, ohne Heizstrahler und Digitalkurzzeitmesser kriegt das Mütterchen heute keine Tüte Mehl mehr an die Kasse gehievt. Wer einmal seinen Fuß in die Kaufhalle gesetzt hat, ungeschoren kommt er nicht mehr heraus.

Längst fräst sich das wuchernde Elend durchs ganze Geschäft. Mit knirschenden Zähnen hat man sich daran gewöhnt, dass keine Tankstelle ohne einen begehbaren Zigarettenautomaten auskam – Reisende soll man nicht aufhalten – und das Angebot sich im Laufe der Jahre subtil um Alkoholika und Schmuddelhefte erweitert hat, kurz: alles, was man auf einer unerträglichen Reise zwischen den Staurändern von Bad Salzuflen bis Pirmasens braucht, um nicht wahnsinnig zu werden. Keinen stört’s, dass der Bäcker, der einst die Morgenzeitung verkaufte, mörderische Konkurrenz bekam vom Printheini, der jetzt auch die Brötchen unters Volk jubelt. Die Angelegenheit hätte man aufhalten können. Aber wir schalten auf Durchzug.

Nicht nur der Niedergang des Fachhandels an sich ist Ergebnis dieser komplementär angeordneten Hirnkasperade, wie sie ein paar verstrahlte BWL-Popeletten aus den Synapsen geschwiemelt haben, insbesondere ist es der Abstieg der Sortimenter. Was als Shop-in-Shop zur nachhaltigen Steigerung der Kundenzufriedenheit angepriesen wird, ist in Wahrheit tonnenweise Zeugs neben der Wursttheke, Kruscht und minderwertige Ware, wie sie der billige Jakob auch nicht besser durch die Endkontrolle hätte schmuggeln können. Die Überschwemmung der unspezifischen Magazine mit Schrott im Doppelpack, mit überflüssigem Gewurbel und Geschlonz, Damenstrumpf und Klapptisch, Melonenspaltgerät und Staubsauger, nagt dem Konsumopfer an Netzhaut und Verstand, fordert zum ästhetischen Deathmatch heraus und bringt den Käufer, der einfach nur ein Stück Brot gekauft hätte für sein Geld, zur Emotionsbulimie. Wuchernde Flächen, die nach und nach das Kerngeschäft – normale Waren zum akzeptablen Preis-Leistungs-Verhältnis – an die Wand pappen. Die ganze Bude degeneriert zur dreidimensionalen Werbebande für Schutt en gros. Nicht mehr der Handel mit hereingekübelten Prekärprodukten steht hier im Vordergrund, der ist längst passé. Der Resthirnuser weiß, dass man funktionsfähige Türstopper besser nicht im Fischgeschäft kauft, der Manager weiß, dass der es weiß, und also kleistert er seinen Basar mit Lockrufzeichen voll: die Überflüssigkeit des zur Dekoration geronnenen Angebots, das der Bescheuerte getrost ignorieren kann, da es nur symbolische Form ist, kannibalisiert den Geschäftszweck.

Die Entartung des Erwerblichen grinst schon diabolisch durch die Kategorien. Man bucht seine Reise heute bei der Bank, während den passenden Kredit zur Finanzierung das Autohaus liefert. Rasenmäher und Bettgestell finden sich einträchtig neben Kinderspielzeug und Adventsdekoration im Heimwerkermarkt. Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis man beim Internisten gleich seine Bestattung buchen kann. Für drei Koloskopien gibt es wahrscheinlich einen Gutschein. Und Röstkaffee.





In der Schafkolonie

7 04 2010

Zwei Ulmen standen im weiten Innenhof, die eine, hoch wie ausladend gewachsen, dominierte das Geviert, die andere, ein kleinerer, verschämt in der Ecke verwurzelter Baum, stand in ihrem Schatten. Sie kränkelte sichtbar. Müde ragte sie aus dem gepflasterten Grund, den ein heller Streifen aus Kalkstein inmitten der Basaltquader durchmaß. Der Mann im gestreiften Pyjama blinzelte mürrisch in den Himmel. Heute geschah gar nichts mehr.

Der andere drückte sich an der Wand entlang. Er hatte mich erst keines Blickes gewürdigt, dann aber sah er doch ein, dass er nicht immerzu auf dem hellen Strich den Hof durchqueren und mich dabei ständig ignorieren könne. „Kaufen“, blaffte er und stopfte den linken Zeigefinger in sein Ohr, „kaufen Sie! Verkaufen! Kaufen!“ Man hatte ihm offenbar das Telefon gleich abgenommen, als er in die Anstalt eingeliefert worden war. Er sah mich mit Misstrauen. „Fegen Sie hier den Hof“, befahl der Schlafanzugmensch. „Hier muss gefegt werden.“ Ein leises Schmunzeln überkam mich, als ich seine hektischen Versuche betrachtete, mich zu dem Besen in der Ecke zu drängen, ohne mich berühren zu müssen; wann immer ich mich zu ihm umwandte und einen Schritt auf ihn zu tat, schreckte er sofort zurück. „Der Hof muss gefegt werden. Das macht keiner sonst. Sie müssen…“ „Lassen Sie gut sein“, beruhigte Professor Altwasser ihn. „Er ist nur zu Besuch hier. Sie müssen ihn gar nicht beachten.“

Tatsächlich war das Sanatorium – offiziell ein Sanatorium, auch wenn man es mit etwas klarerem Blick durchaus für ein Tollhaus hätte halten können – von Menschen bewohnt, die selbst nie wirklich gearbeitet hatten. Zwar waren viele tätig, manche sogar beschäftigt, etliche von ihnen ehrgeizig und nicht eben wenige hatten auch gut zu tun, aber keiner von ihnen arbeitete. „Es sind typischerweise Bankiers, Manager, auch hier und da politische Beamte, die eingeliefert werden.“ Das machte mich neugierig. „Wer liefert sie ein?“ „Die Verwandten“, erklärte Altwasser. „Wenn sie einmal unerwartet lange zu Hause sind, fällt ihre merkwürdige Art auf. Sie machen sich Sorgen. Halten das Benehmen für anomal – was es, streng genommen, auch ist – und rufen den Hausarzt. Und dann landen sie hier.“

Ein alter Mann hatte sich unterdessen zu uns gesellt. Er machte eine schüchterne, unbeholfene Verbeugung. „Dreihunderttausend“, murmelte er. „Sehen Sie“, sagte Altwasser, „sein Kopf ist ganz von Zahlen bestimmt, er kann gar nicht mehr in anderen Kategorien denken.“ „Sein Jahresgehalt“, mutmaßte ich. Altwasser nickte. „So ähnlich.“ Der Schüchterne blickte verstohlen zur Uhr. „Gehen Sie ruhig zum Tee“, ermunterte der Therapeut ihn. Keine Antwort. Er versuchte es erneut. „Fünfzehn-Komma-Fünfzig!“ Da huschte ein Lächeln über das Gesicht des Mannes; er lief mit schnellen Schritten zu der von Efeu umrahmten Pforte und verschwand hinter der grün gestrichenen Tür.

Wir setzten uns auf die Bank unter der großen Ulme. „Dies hier“, erklärte Altwasser, „ist letztlich keine Klinik, keine Irrenanstalt mehr. Es ist eine Schafkolonie. Man wird traurig hier.“ Ich sah ihn im Profil, groß und hager, das Alter hatte seine Nase spitzig hervortreten lassen, die Schatten lagen tief in seinen Augen. „So sinnlos?“ Er seufzte. „Allerdings. Sie sind nicht Herr ihrer selbst, denn sie haben es in Wirklichkeit nie gelernt – immer diese Unterordnung unter ein höheres Ziel, wie sie es nennen, der Drang, die falschen Entscheidungen auch noch vor sich selbst zu rechtfertigen.“ „Sie sehen nur die Ware“, antwortete ich versonnen, doch er widersprach mir heftig. „Das ist es nicht, nein! Das Sein ist die Ware – das Sein selbst, und darin liegt die große Gefahr. Was sich nicht als Ware definieren lässt, was keinen Preis hat, einen Preis, den man auch bestimmen und errechnen kann und drücken und aufrechnen und teilen, was keinen Preis hat, das gibt es gar nicht für sie.“ „Ein Kind, das im Sand spielt? Ein Schmetterling?“ Altwasser machte eine Handbewegung, als wischte er etwas von sich weg. „Das existiert nicht.“ Wir schwiegen.

„Wussten Sie eigentlich“, begann er nach einer Weile, „dass wir noch ein ganz anderes Syndrom behandeln?“ Ich schaute ihn erwartungsvoll an. „Den Neid.“ „Neid? Worauf sollten diese Leute denn noch neidisch sein? Sie haben doch alles.“ Altwasser lachte auf. „Ja, das denken Sie! Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, was das Leben dieser Kapitalisten überhaupt lebenswert machen sollte?“ „Geld?“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Das kann es nicht sein, denn es ist eben nur in ihrer Vorstellung existent. Jeder kleine Kaufmann kann freier wirtschaften als sie, jeder Unternehmer hat mehr Möglichkeiten, weil sich sein Denken nicht in Kapitalanhäufung und Mehrwertsteigerung erschöpft. Er ist kein Sklave der Geldvermehrung, sondern Herr über sein Leben.“ „Es macht eben nicht glücklich“, sann ich. Altwasser sah mich ernst an. „Das ist es nicht. Es ist der reine Neid – existenziell, wie eine Ware. Sie sind neidisch auf ihr Gegenbild. Kinder, Arme, Arbeitslose.“ „Auf Arbeitslose? Warum?“ „Weil sie getrieben sind und nur sehen, wie sie getrieben werden. Sie sehen auch nur, wie Arme ohne eine Aufgabe in den Tag hineinleben und nicht vor diesem Popanz durch die Stunden geschoben werden. Diese Entfremdung ist schlimmer als jede Weltflucht, schlimmer als das, was ein Fließbandkuli auszuhalten hat. Sie sind nicht mehr von dieser Welt. Eine Herde Schafe, aber nicht mehr zurechnungsfähig.“ Er blickte auf den hellen Streifen im Pflaster. „Und sie haben sogar Recht. Denn was hätten sie schon zu vererben außer ein paar ungeträumten Träumen.“