Gefahr erkannt

11 04 2019

„Also man muss doch jetzt endlich mal…“ „Das gefährdet Arbeitsplätze.“ „Sie wissen doch noch gar nicht, was ich Ihnen…“ „Egal. Das gefährdet sicher Arbeitsplätze. Alles, was Sie vorschlagen, gefährdet Arbeitsplätze. Das ist nun mal so in der Wirtschaft.“

„Dann können wir im Grunde genommen nichts tun, weil es sonst Arbeitsplätze gefährden würde.“ „Doch, können wir schon. Es darf nur halt keine Arbeitsplätze gefährden.“ „Dann verraten Sie mir doch mal, was heißt das denn, Gefährdung. Was bedeutet das konkret?“ „Dass so ein Arbeitsplatz nach Meinung eines Experten, manchmal auch nur eines Politikers, in Gefahr sein könnte, sobald es gesellschaftliche Bewegungen gibt, die diesen Arbeitsplatz gefährden.“ „Das ist ein Zirkelschluss, oder?“ „Das mag sein, aber ich möchte nicht darauf eingehen. Es könnte ja Arbeitsplätze gefährden.“

„Nehmen wir nur einmal den Energiesektor, es liegt doch auf der Hand, dass wir durch den Verbleib in der Kohle eine viel größere Anzahl an Arbeitsplätzen in der Erzeugung regenerativer Energie…“ „Nein.“ „Wie, nein?“ „Also erstens ist es diese linksgrüne Solarspinnerei, die die Jobs in der Kohleverstromung gefährdet, und dann kann es ja gar keine Gefahr geben für die Windkraft oder so.“ „Warum nicht?“ „Die Arbeitsplätze gibt es gar nicht, wie sollen die denn dann gefährdet sein?“ „Aber Sire sind doch immer für den technischen Fortschritt, wie können Sie denn dann den…“ „Das täuscht. Wir wollen nichts gefährden. Für eine Entwicklung ist immer noch Zeit genug, wenn alles zu spät ist.“ „Warum ist denn dann die Atomenergie keine Gefahr für die Kohleförderung?“ „Kernkraft ist doch selbst von diesen stalinistischen Schweinen bedroht, die die Sonne verstaatlichen wollen – Sie werfen hier mal wieder Äpfel und Birnen in ein Fass, das schlägt doch dem Boden die Krone aus!“

„Also ist neue Technologie niemals eine reale Gefahr für die Arbeitsplätze?“ „Das würde ich nie sagen, schließlich bringen neue Technologien auch immense Wachstumspotenziale, aus denen ganz neue Jobs entstehen können.“ „Also zum Beispiel die ökologische Landwirtschaft.“ „Naja, das ist nun etwas einseitig gewählt.“ „Weil die Menschen dann länger leben und die Bestatter nichts mehr zu tun haben, richtig?“ „Sie und Ihr Zynismus! natürlich nicht, es hängen Jobs in der Pharmaindustrie dran und bei den Düngemitteln.“ „Und bei der Chemie.“ „Ja, auch.“ „Und bei Onkologen, die den ganzen Krebs wieder wegoperieren dürfen.“ „Die Medizin ist auch ein Wachstumsmotor, vergessen Sie das nicht!“ „Deswegen wollen Sie auch Patienten, die so kerngesund sind, dass sie möglichst noch Organe spenden können, richtig?“ „Ach, lassen wir das.“

„Nein, mal im Ernst: wenn Sie so für neue Technologien sind, warum sträuben Sie sich dann derart vehement gegen den Netzausbau?“ „Tun wir gar nicht.“ „Weil das keine Arbeitsplätze gefährdet, aber Deutschland sämtliche Wettbewerbschancen vermasselt.“ „Das sehen Sie völlig falsch.“ „Ah, jetzt habe ich begriffen: Sie haben dieses uralte Netz noch immer in Betrieb, damit wir niemals mit Robotik und ähnlichen Produktionsinstrumenten konfrontiert werden.“ „Das ist ja nun ausgemachter Unsinn. Sie wissen genauso gut wie ich, dass es mit Robotern ganz neue und viel bessere Möglichkeiten gibt, dem Markt durch qualitative und quantitative Innovation einen eigenen Stempel aufzudrücken.“ „Aber im Bereich der Produktion selbst heißt das erst einmal, dass wir sehr, sehr viele Jobs in den untersten Lohnkategorien verlieren werden.“ „Das mag sein, aber die Politik steuert dagegen, indem sie Arbeitnehmern erlaubt, sich weiterzubilden.“ „Und das schützt Arbeitsplätze in der Produktion?“ „Zunächst einmal in der Weiterbildung. Und dann natürlich auch in der Politik.“

„Im Grunde ist ihr Weltbild doch nichts anderes als permanentes Gejammer, dass es früher besser war.“ „Das kann man so natürlich auch nicht sagen. Es braucht halt immer ein gewisses Korrektiv, aber man tut gut daran, wenn man nicht zu früh alle Überzeugungen über Bord wirft.“ „Wann tun Sie das?“ „Normalerweise warten wir damit, bis es zu spät ist.“ „Es gab noch vor fünfzig Jahren in den USA Verbände, die finanzielle Hilfe vom Staat bekamen, weil die Postkutsche abgeschafft wurde.“ „Der Verbrennungsmotor hat es da in gewisser Hinsicht besser. Den kann sich heute auch der Durchschnittsbürger leisten.“ „Und wenn es eine technologische Entwicklung gäbe, die das Auto überflüssig machen würde?“ „Das wird niemals passieren. Es gefährdet zu viele Arbeitsplätze.“

„Wir sollten mal über die Rüstungsindustrie…“ „Das gefährdet Arbeitsplätze!“ „Ohne Rüstung oder Waffenexporte gäbe es weltweit viel weniger Kriege oder Konflikte.“ „Das würde natürlich viele Arbeitsplätze in der Bundeswehr gefährden.“ „Aha, und das bei der miesen Ausstattung.“ „Und die Berater! was meinen Sie, wie viele Berater ihren Job los sind, wenn einer das Ruder herumreißt.“ „Das heißt, bei einer einigermaßen vernünftigen Führung wäre eine komplette Branche plötzlich total überflüssig?“ „Es gibt keinen Beweis für diese Behauptung.“ „Und wenn Sie nicht diese vielen Auslandseinsätze hätten, könnte man auch die vielen Kampfeinsätze des…“ „Die steigern das Bruttosozialprodukt!“ „Und die Menschen in…“ „Jeder Flüchtling, der dadurch zu uns gelangt, braucht eine Wohnung, Brot, Kleider, eine Versicherung, einen Fernseher, ein Auto, eine…“ „Wissen Sie was? Ich möchte Ihnen so gerne eins aufs Maul geben.“ „Nur zu. Machen Sie ruhig.“ „Gefährde ich da nicht einen Arbeitsplatz?“ „Ich bin Politiker. Das wächst einfach nach.“

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Trennungsgerüchte

10 04 2019

„Ich wollte aber nur die Äpfel!“ Horst Breschke ließ sich nicht umstimmen; und schließlich hatte der Laden ja auch selbst schuld, dass er sein Obst in Kunststofffolie verpackt feilbot.

„Dieses ganze Plastikzeugs“, erregte sich der Alte, „warum muss man denn die Äpfel derart in Klarsichthüllen einschweißen, dass ich mehr Plastik kaufe als Obst?“ Er packte seinen Einkaufskorb aus und verstaute die Waren in den Vorratsschränken. „Sie gehen immer zu Supikauf?“ Er nickte, während er drei Dosen Pustermanns Beste aus dem Korb hob, ein verzehrfertiger Hühnereintopf mit zugegebenermaßen erkennbaren Spuren von Resthuhn. „Wegen des Fahrwegs. Es ist besser für die Umwelt, wenn wir nicht so weit fahren müssen, außerdem geht es ja auch schneller, gerade jetzt am Wochenende, wo jeder einkauft.“ „Kaufdas liegt in der anderen Richtung“, überlegte ich. „Aber Sie könnten sogar zu Fuß da hin, wenn Sie die Abkürzung durch den Kastanienpark nehmen.“ Er überlegte kurz und angestrengt. „Immerhin“, fuhr ich fort, „haben die komplett auf Papiertüten umgestellt, wenn Sie Obst und Gemüse abwiegen.“ „Das könnte Ihnen so passen“, knurrte der pensionierte Finanzbeamte. „Sie wissen doch nie, ob jemand die Sachen vorher angefasst hat – nein, mein Lieber, das muss ich nicht haben.“ Und er legte ein Päckchen Zucker in die Schublade.

Es war damit zu rechnen, dass sich der Filialleiter von Supikauf früher oder später wieder beruhigen würde. Immerhin hatte er ein kleines Einzugsgebiet und musste den Kunden in jeglicher Hinsicht entgegenkommen, auch solchen, die die sorgsam verschweißten Packungen gleich im Laden entfernten, weil sie nur das Obst zu kaufen beabsichtigten. Auf die Frage, warum er die Folie gleich im Laden entsorgen wollte, hatte der alte Herr selbstbewusst erklärt, das sei sein gutes Recht als Verbraucher; außerdem reiche es ja, die Äpfel im Einkaufswagen an die Kasse zu bringen und das von der Kunststofffolie abgezogene Etikett aufs Laufband zu legen, damit die Kassiererin es über ihren Scanner ziehen könne. Vor so viel Logik kapitulierte der junge Mann und wie seinen Kunden darauf hin, dass sein Vorgehen mindestens unüblich, wenn nicht sogar merkwürdig sei. Er hatte nicht mit Breschkes Kenntnissen des Verbraucherrechts gerechnet – die mir in diesen Zusammenhang bisher auch unbekannt gewesen waren – und dieser nicht mit der Hausordnung von Supikauf.

„Es gibt diesen anderen Laden“, überlegte ich, „unten bei der alten Sparkasse, wie hieß der noch?“ Doch Breschke schüttelte den Kopf. „Ich finde das Angebot durchaus akzeptabel“, verkündete er, „aber es ist dort alles so unübersichtlich eingerichtet. Man muss den halben Vormittag verbringen mit der Suche nach einem Becher Schlagsahne. Ich bin doch kein Trüffelschwein!“ Kurz kam mir der Gedanke, Bismarck mit einer Sondergenehmigung ausstatten zu lassen, damit der dümmste Dackel im weiten Umkreis auch im Kaufladen seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnte, nämlich seinem Herrn zwischen den Beinen herumlaufen und ihn in der Leine verheddern, aber das wäre nun wirklich zu viel Aufregung gewesen, vor allem für Herrn Breschke. „Immerhin können Sie in dem Geschäft kleine Kunststoffsäckchen mit Zugband kaufen, in denen Sie Obst und Gemüse abwiegen, und man kann die immer wieder verwenden.“ „Kaufen“, ereiferte sich Breschke, „ich höre immer nur: kaufen! Was denn noch alles, soll ich jetzt für den Einkaufswagen auch noch einen Mietvertrag abschließen?“

Jetzt hatte er einen Papiersack mit Kartoffeln aus dem Korb gehoben. „Sehen Sie“, sagte ich, „das wäre doch ein guter Kompromiss: Verpackung ja, aber wenn, dann aus Papier.“ Entrüstet sah er mich an. „Das glauben Sie!“ Und er wies mich auf einen kleinen Netzeinsatz aus Plastik hin, der auf dem Kartoffelsack angebracht war. „Den muss man immer erst ausschneiden“, erklärte Breschke. „Das macht auch Arbeit – stellen Sie sich mal vor, ich würde den einfach so in den Papiercontainer werfen!“ Vor meinem geistigen Auge erschien der Apfelkäufer, der Äpfel und Folie trennte, um danach Papier und Plastik in die Wiederverwertung zu schmeißen. „Wenn sich das herumspricht“, sagte ich düster, „dann zeigen die Leute bestimmt mit dem Finger auf Sie.“

Ein Glas Rollmöpse hatte noch den Weg in den Kühlschrank gefunden, dann war der Einkaufskorb leer. „Sie halten mich vielleicht für überkandidelt“, bemerkte Herr Breschke. „Aber wenn ich mir die jungen Leute ansehe, die ständig für die Umwelt demonstrieren, dann muss man sich doch auch mal seine Gedanken machen, wie man dass in seinem eigenen Haushalt unterstützen kann.“ Breschke hatte sich also auf Müllvermeidung und Trennung gestürzt, ein kleiner Beitrag zur Rettung der Natur vor den Auswirkungen der Konsumgesellschaft, aber immerhin ein Anfang. „Man kann immer etwas unternehmen“, bestärkte ich ihn. „Und wenn es nur eine Obstverpackung ist.“ Er nickte. „So, dann will ich Sie auch nicht länger aufhalten. Übrigens fahre ich gleich noch auf den Wochenmarkt. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVIII): Sterneküche

5 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann einmal müssen dem Koch eines gut beleumundeten Lokals sämtliche Vorräte zur Neige gegangen sein. Oder er hatte sich vorgenommen, die Hülsenfrucht an sich derart zu transzendieren, dass das Ergebnis seines Geschmors eine bis dato nicht vorgekommene aromatische Nuanciertheit ans Zäpfchen zaubert, die ihn weltberühmt macht. Oder er hatte sich zu oft die hängenden Bratpfannen an die Birne gekloppt und delirierte am Herd frei vor sich hin, Erbsen zählend, Erbsen kochend, bis am Ende eine einzige übrig blieb, die er mit etwas Beiwerk auf einem monströsem Teller dem Gast auftrug, der erstaunt feststellen musste, eine derartige Erbse bisher nie verzehrt zu haben. Da der Hominide zu drei Vierteln aus Ruhmsucht besteht, bewarb der Maître alsbald seine Erbse und gewann einen Preis dafür, den er stolzgeschwollen ins Fenster klebte. Die Sterneküche ward geboren.

Jene Form der Gastronomie hat sich komplett von ihren Wurzeln entfernt, aus essbaren Produkten eine mehr oder minder warme Mahlzeit zu erstellen und sie dem Gast zu kredenzen, der aus Hunger und Gaumenfreude ein- und wiederkehrt, um den Laden am Laufen zu halten. Hin und wieder verzeiht der zahlende Esser dem Koch wirr auf den Teller geschwiemelte Experimente, doch ist jenseits von Pfefferminzcurrywurst mit Sauerkraut meist schon die Suppe gelöffelt, denn was die geschmacksfreie Inszenierung von Einzelteilen mit verzweifeltem Aufwand hervorbringt, steht in keinem Verhältnis mehr zum Eigentlichen.

Und so schmurgelt der Chef aus einem Korb Modegrün – Algen, Bärlauch, japanischer Spinat – einen Topf voll Pampe, die nachlässig unter zwei Gemüsescheibchen getupft oder mit dem Löffel aufs Porzellan gekleistert die besondere Note des siebten Gangs ausmachen soll. Passt nicht zum halb rohen Fisch, also muss es sich um einen gekonnten Kontrast handeln, taucht aber zu Bauschaum verstärkt als orthogonaler Festkörper neben einer gekleckerten Sauerampfer-Senfsaat-Emulsion auf dem Kolibrispiegelei wieder auf. Der Wareneinsatz beträgt eins zu eins – eine Tonne Grünzeug, ein Löffel Püree – und besonderen Wert legt das Haus auf exklusive Zutaten. Während andere noch ihre regionalen Wurzeln betonen, sucht der Hochgastronom seine in gelblichem Dunkellila schimmernden Babykarotten ausschließlich in einem Biobetrieb rechts neben dem Regenwald, da hier die Nussaromen im Rohzustand noch eine kleine Idee mehr Bitterstoffe zu haben scheinen als in der mauretanischen Möhre, die nur noch die Konkurrenz verkocht. Hier hebelt eine Fachkraft in Dinkelplätzchenpanade frittierte Hühnerfüße auf drehsymmetrische Lotoswurzelquerschnitte, die zuvor eine Nacht lang in einer Ziegenkäse-Fenchel-Marinade geruht haben, bevor die Küchenhilfe sie mit Andenfelsquellwasser durchspült und auf einem Lamapullover trocken tupft. Kenner können in drei von fünf Fällen sofort erkennen, ob es sich um die begehrten Pflanzenteile der Silberbaumartigen oder um lappigen Discountertoast handelt, wenn auch nicht am Geschmack.

Ursprünglich waren die Sterne erfunden worden, um Automobilisten, die durch die Gegend dieselten, standesgemäß zu verköstigen. War doch das Kraftfahrzeug eher eine Angelegenheit der obersten Zehntausend, die natürlich nicht mit jedem Dorfgasthof zufrieden sein durften, um nicht ihren Ruf als Kilometerfresser zu beschädigen – ein Stern bedeutete passable Speise am Wegesrand, für zwei durfte ein Umweg einkalkuliert werden. Drei Sterne jedoch, und es handelte sich tatsächlich um ein kostspieliges Vergnügen, waren der Anlass zu einer eigenen Fahrt über Land. Bis heute hat sich wenig geändert an diesem Bezug. Die Extremküche ist gestartet als Rennen, in dem die Bestplatzierten einen Pokal abkriegten, den sie ins Fenster stellen konnten, um ihre Dominanz in einem halbwegs tauglichen Wettbewerb zu demonstrieren, hat sich inzwischen aber zur komplett abgehobenen Show gewandelt, in der ein paar elitäre Selbstdarsteller ihre fahrphysikalisch sinnfreien Tuningexzesse zelebrieren, eine Leistungsschau von Frontschürzen und Heckspoilern, die der eine oder andere mit Fuchsschwanz an der Antenne ausgestattete Zaungast noch ehrfürchtig für bare Münze nimmt. Was als notwendig deklariert wird, die im tiefsten Winter aus Neuseeland eingeflogene Waldbeere mit Ananasgeschmack, die zu zentimetergroßen Rauten geschnitzt mit der Pinzette auf den Tellerrand gehebelt dem Serviergut allenfalls den optischen Touch von Einzigartigkeit verleiht, weil alle es tun, steht in einigermaßen krassem Missverhältnis zur betriebswirtschaftlich vernünftigen Tätigkeit. Die Köche könnten ihren Schmodder auch gemütlich in Kunstharz gießen und in die Galerie hängen, das Ergebnis ist dasselbe: der Esser findet in diesem Schauprozess nicht mehr statt.

Schon wenden sich die ersten Köche ab vom Getöse, schalten einen Gang herunter und geben alle ihre Auszeichnungen zurück, um sich auf eine vernachlässigte Fertigkeit zu stürzen: auf das Kochen. Allein das geht nicht, denn das Totholz hat die Auszeichnungen nun einmal veröffentlicht und nimmt sie nicht wieder mit. Das Urteil der Jury kümmert sich weder um Koch noch Kellner und um den Gast schon gleich gar nicht. Wer den Preis verleiht, ist der eigentliche Star, was auf dem Tisch passiert, allenfalls schmückendes Beiwerk einer Marketingaktion. Wie hätte man darauf nur kommen können.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIV): Das Skandalbuch

8 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war ja nichts in Stein gemeißelt, denn das musste für länger halten. Das Papier war unsagbar teuer, weil es noch niemand erfunden hatte. Die wichtigen Dinge merkte man sich, was irgendwie heilig war, wurde in weiches Wachs geritzt oder in Ton gestichelt, und ganz ab und zu ließen sich durchgeknallte Herrscher mit ihren Heldentaten – zehn Völker ausgerottet, Hunderten von Frauen die Hasenscharte beim Nachwuchs angedreht, das halbe Land versklavt und die Bevölkerung beim Bau sinnloser Prachtbauten systematisch zu Tode geschunden – in Metallguss bringen. Den Klatsch aller Generationen aber hat keiner auch nur auf Palmblätter gekritzelt, auf Pappe gestempelt, in Runen gekerbt. Erst mit der Erfindung des Buchs als Verbrauchsmedium für die soziale Couture schälte sich aus der holzigen Rinde heraus, was man zu tragen hatte, in Dünndruck oder unter dem Arm; was es nicht ins Feuilleton schaffte, in den pseudoelitären Schwafelbla, über den man reden musste, weil es alle taten, wurde kurz zerkaut und wieder ausgespieen, aber nicht bis in die Kultur durchgereicht, schon gar nicht in die Bizarrerie der Literatur. Je mehr das Totholz zum Leitbesitz der Hochglanzgrobiane wurde, war das Skandalbuch ein Distinktion stiftendes Must-have.

Der zweifelhafte Ruf des Machwerks für das hirnentkernte Unterschichtengeklump beruht auf der in die müde Luft posaunten Schockwirkung, die ungefähr so nachhaltig schockiert wie ein Sandkorn am Badestrand. Uh, Marsmenschen essen keine Marmelade! Ah, Hitler hat echt geatmet! Jene stammelnde Hängefresse muss nur Deutsche, tötet alle Ausländer, weil alle Ausländer nur leben, um Deutsche zu töten! auf den Bierschiss in Halbleinen kleben, und mit einem IQ unterhalb von Fußpilz kauft das jede Fehlinkarnation. Der aus grobem Schmodder geschwiemelte Plan, mit etwas Sex, Empörung oder Ekel – die Übergänge sind fließend, meistens hebt sich das geistige Niveau sowieso nicht vom Boden ab – die niedersten Instinkte der offenporigen Kriechschicht am Rande der Gesellschaft zu tangieren, er verfängt meist nur da, wo mit intellektueller Auseinandersetzung eh nichts zu holen ist, das größer als null wäre. Etwas Theaterblut und Tütenkotze, Readymades aus dem Effektendiscounter, schon pufft die Provokation in sich zusammen wie ein fiependes Gummischwein mit Bisslöchern. Für Hunde mag das reichen.

Die Entstehung ist ja selten ein Geheimnis, da sich keiner der Brüllanten je literarischer Leistung verdächtig gezeigt hat, zuvor und hernach. An der Zastertanke herrscht Vollflaute, Taxifahren ist auch keine Alternative, und das Sein lässt sich vom Sendungsbewusstsein nicht groß beeindrucken, also greift der Klötenkönig tief in den Eimer mit dem verbalen Bauschaum, aus dem sich jedes Gedöns schnitzen lässt, Hohlraum sei Dank. Wer, wenn nicht die in kalkuliertem Tabugebrösel geschulten Deppen sollte diese Verquastheit aus Igitt und streng nach Vertrag geliefertem, lektoriertem und in betriebswirtschaftlicher Hyperkorrektur geplantem Stillstand der Dinge noch eine zäh angehobene Wimper schenken, wenn nicht die reizhysterischen Rumpelköppe, die jeden Tinneff aus der Lieferung für Heckenpenner hochjagen zum Ereignis, wenn auch nur für negative Euphorie? Schreibt nicht das gemeine Müllbeutelimitat in Strumpfhosen einen Erlebnisbericht nach dem anderen aus der komplett verquarkten Biografie, mit verkorksten Ehen und finanziellem Desaster, lustigen Szenen aus der Knastdusche und ähnlich dünn angerührtem Dreck, um sich bei den publizistischen Wurmfortsätzen der national führenden Primatenpostillen tief in die Ausgangsschleimhaut zu fräsen? Der Schmerz ist geduldig, kommt es doch nur darauf an, ihn möglichst schnell zu versilbern.

Das Skandalbuch ist eigentlich keins. Es wird nur von hysterischen Behämmerten aus panischer Angst vor der grauen Vorstellung, jeder könnte den Schmodder aus Vernunft ignorieren, zum Geschrei gemacht, bar jeder sozialen Indikation, die von außen auf den Papierstapel einwirkte. Eine krude Werbeindustrie verjuxt unbarmherzig Lebenszeit von Idioten, die sich zur Lektüre herablassen, kurz feststellen, dass ihnen beim Durchblättern bereits das Gesicht eingeschlafen ist, und dann doch nicht zugeben können, dass sie sich mit des Kaisers neuen Kleidern die Schuhe abgeputzt haben. Uh, Marsmenschen! Hitler, ah! Wie viel besser wäre die Welt, und wir würden diesen zusammengekehrten Hirnschorf einfach ignorieren, wie wir dieses größenwahnsinnige Pack ausgeblendet haben, als es uns noch nicht mit derartigem Geschreibsel auf die Plomben ging. Das Fallobst, das die Zeitungen füllt, reicht für soliden Ekel schon aus, man muss nicht auch noch so tun, als kümmerte einen die rüde Ruhmsucht dusseliger Blähboys. Weg mit dem Mist. Der Container reizt zur deutschesten aller Heldentaten, und ist der Müll einmal getrennt, ließe sich aus dem Brei allerlei machen. Auch auf Rollen. Es wäre dem Elaborat endlich, endlich gerecht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDL): Das große Ausräumen

8 02 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sache war ja anfangs relativ überschaubar. Ugas Winterfell lüftete vor der Höhle aus, bis die Flöhe sich aus dem Staub gemacht hatten, und lag dann bis zum ersten Kälteeinbruch im Spätsommer auf dem Stapel mit den anderen Klamotten der Sippe. Die zerriebenen Samen, aus denen die Frau alle Tage die allseits beliebten Graskrustis buk, bewahrte man in einem Blatt vom Buntbeerenbaum auf, einmal wöchentlich frisch gepflückt, und für das Wasser hatten die meisten eine aus Tierhaut gefertigte Flasche. Das magische Amulett mit dem Keilerzahn trug der Jäger stets bei sich, da es im Falle des betriebsbedingten Ablebens eine wichtige Rolle beim Eintritt in die jenseitige Welt spielen sollte. Es gab keinen Schuhschrank und keine Küchenschublade. Der Neubezug der Wohneinheit nach unvorhergesehenem Blitzkrieg durch andere Stämme war in zwei Minuten erledigt, Durchfegen inklusive. Erst die Nachgeborenen schaffen sich so viel an, dass sie immer und immer wieder das große Ausräumen brauchen.

Oder zumindest glauben sie daran, wie man die Story vom Talisman glaubt: hilft nichts, aber wenn es nicht mehr schaden kann als vorgesehen, ist das ja auch schon schön. Und fortan dauert es nur ein paar Jahre, bis nach glimpflich verlaufener Ruhezeit wieder irgendeine medial multiplizierte Fresse aus allen Mainstreammedien plärrt, moderne Menschen müssten nun aber wirklich die Behausung komplett entkernen und alles bis auf die tragenden Wände in die Tonne treten. Wer zwei Paar Schuhe derselben Größe besitzt, wird schon als Messie verdächtigt, Kinderzeichnungen aufzubewahren grenzt für die Zwangstherapeuten bereits an therapieresistenten Dachschaden, und hey: Kitsch mit Ironiefaktor ist nicht massenkompatibel. Und es geht doch um die Masse, sonst müsste es die Industrie nicht mit derlei Verve immer und immer wieder veranstalten.

Jeder weiß doch, bereits Kinder sind mit dem Sortieren von Spielzeug nach Farbe überfordert, ab fünf Nagellackfarben (nota bene, es gibt drölfzig Schrilliarden Schwarztöne) kann die Verbraucherin nichts mehr auseinanderhalten, und welcher echte Mann würde den bei der Armee im Schlammkampf errungenen Kapselheber emotionslos für die niedermolekulare Wiederverwertung freigeben? Wie in den üblichen Grenzwertsituationen, wenn der Bauer seine Schwiegertochter sieht oder Frauen tauscht, braucht die Story einen Dummbatz, der sich im Bewegtbild maximal blamiert, mit Anlauf und Ansagen, denn sonst hätte die Sendung zum Buch zum Trend nicht genug Sozialporno und Fremdscham zu bieten.

Das Konzept beruht auf der klassischen Materialbulimie: wer am meisten rauskotzt, hat gewonnen. So dann auch beim Räumkommando, das sich programmgemäß zuerst auf gleichartiges Zeugs konzentriert. Alles gehört auf einen Haufen, der von der Größe schon bei zehn Oberhemden mittelschwere Schweißausbrüche auslöst. Was nicht spontan beim Anblick beglückt, wird sofort aussortiert – besteht die Freude jedoch in einer ideell aufgeladenen Objektbeziehung, so ist die Containerkommandeuse argumentativ in der Ecke gelandet und langt zum Nothebel. Sie hievt das Ding trotzdem und nun erst recht in den Orkus. Es muss ja nicht immer Logik sein. Das Ergebnis ist eine der Herrschaftsästhetik entsprechende Bude mit natürlichem Nachhall, ohne Eigenschaften und mit viel Stauraum, um sie alsbald neu mit allerlei Konsumschrott vollzuschwiemeln, wie es der kapitalistische Warenfetischismus schon im letzten Durchgang verordnet hat – ein ewig neuer Kreislauf aus Besitz und Vernichtung, der die Wirtschaft in Schwung hält, dem Opfer die Krankheit zum Tode als ideologische Rosskur verscheuert und ihn mit Gebrüll vor dem Reflektieren seiner Situation rettet: er ist ein Getriebener seiner Ignoranz, indem er sich dem Stumpfsinn einer immer neu kostümierten Heilslehre unterwirft und sich verbiegt, um ohne jede Art von Rückgrat für die Erfüllung fremder Ziele zu vegetieren.

In der Endstufe ist der Bekloppte wieder in der Urgesellschaft angekommen. In geradezu heiligem Minimalismus erfährt er die Freuden, dem Nichts auch körperlich nahe zu sein, bar jeder Erinnerung, ohne Brotkasten, Wasserbett und Zahnbürste, jäh reduziert auf das bisschen Ich, das ihm die weltanschauliche Gehirnprothese noch lässt. Allein die meisten Subjekte dieser Geschichte besitzen da herzlich wenig Wesenskern, da sie sich durch den sie umreisenden Besitz definieren. Und schon ist die Spirale wieder in Bewegung gesetzt und der Gang zum Dealer die nächste vorhersagbare Handlung, teils aus Neigung, teils aus existenzieller Notwendigkeit. Kauf ein und räum raus. Warum auch immer die mit brachialer Gewalt gesäuberte Wohnzelle als Statussymbol und Garant für den chemisch gereinigten Geist gelten soll, keiner weiß es. Es gibt Sekten, die den Brägen blitzdingsen, bevor sie ihn neu mit Schmodder zuschaufeln. Ob auch sie Häufchen aus Unterhosen, Kuchengabeln und Teelichten aufschichten? Es gibt zu wenig Überlebende, um das zu bezeugen. Vielleicht liegen sie irgendwo im Klamottenstapel der Geschichte, haben als Sediment ihrer Zeit zu wenig überzeugt und wurden einfach rausgeschmissen. Und es gab für sie nicht mal Bares. Traurig. Aber überschaubar.





Gruß aus der Küche

7 02 2019

Aufgeräumt hatte niemand, aber das war gar nicht das Problem. „Hinten in der Küche“ rief es. Das musste Cäcilie Schmidt sein, ich folgte der Stimme, stand alsbald in einem sehr unübersichtlichem Schlafzimmer mit vielen Kleiderständern und einer davon quasi verrammelten Balkontür, von wo aus man ins Wohnzimmer gelangte und schließlich, einmal im Kreis, in die Küche, wo es auf dem Boden schon lustig surrte.

„Er ist im Automatik-Modus“, erläuterte Cäcilie und zeigte auf den Staubsauger, der munter über die Fliesen rutschte. „Aua!“ Da hatte sich die munter flitzende Scheibe mal an einer Kante gestoßen und prallte in die andere Richtung ab. Ich verstand. „Robbie ist schon ganz gut gelungen“, meinte die Entwicklungsingenieurin, „und ich bin mir sicher, dass die Kunden ihn genau so haben wollen, wie er ist.“ „Meine Güte“, moserte der rotierende Roboter, „warum steht hier alles in der Gegend herum? Ich kann so nicht arbeiten!“ Unwillkürlich trat ich zwei Schritte zurück; doch genau in die Richtung hatte das Gerät auch gewollt und prallte mir an den Fuß. „’tschuldigung“, nuschelte Robbie. „Aber jetzt mal im Ernst, ich habe hinten keine Augen.“ Cäcilie fuhr sich nervös durch die Haare. „An den Manieren könnte man vielleicht noch etwas arbeiten, aber technisch ist er doch ganz gut, oder?“

Das Konzept hatte nicht zu viel versprochen, hier ging es um den Haushalt der Zukunft. „Ich sehe ja den Vorteil dieser Dinger“, gab ich zu. „In vielen Wohnungen unterhält man sich bereits mit diesen Sprachassistenten, die Fragen beantworten oder ungefragt überflüssiges Wissen ausspucken, aber welchen Nutzen soll den das hier haben?“ Die Forscherin lächelte. „Sie leben doch alleine, nicht wahr?“ „Was auch immer Sie mit Ihrer Frage bezwecken wollen, ich habe nicht vor, das zu ändern.“ Noch immer lächelte Cäcilie. „Dann haben Sie sicher nicht so viel soziale Interaktionen, wie Sie haben könnten, und da helfen Ihnen unsere…“

„Das dreckige Geschirr steht jetzt auch schon eine Viertelstunde hier“, ließ sich der Herd hören. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. „Das ist doch abgewaschen“, stotterte Cäcilie, „ich habe es gerade erst aus dem…“ „Abgewaschen!?“ Tatsächlich befanden sich an zwei Tellern noch Saucenreste und an einer Auflaufform erkleckliche Mengen von eingebranntem Käse. „Diese Sauerei kann man doch nicht in den Schrank packen, da sieht man mal, was passiert, wenn man so einen schwachbrüstigen Apparat in einer Luxusküche verbaut!“ „Dünnes Eis.“ Ich hatte noch nie einen Geschirrspüler mit einer derart messerscharfen Stimme zischen hören, genauer gesagt hatte ich noch nie gehört, dass ein Geschirrspüler überhaupt etwas sagt, schon gar nicht zu einem Herd mit Umluftbackofen, aber was die Stimme anging, nein, das war neu für mich. „Dünnes Eis, Kollege. Ganz dünnes Eis.“ „Wenn man den Klarspüler auch gleich im ersten Waschgang raushaut, ist das ja kein Wunder.“ „Dünnes Eis!“ „Jaaahaha, da machen wir wieder auf dicke Hose, wie? Kein ordentliches Energiesparprogramm, das einzige, woran diese Mühle spart, ist der Wasserdruck.“ „Ganz dünnes Eis!“ Eins wurde mir klar, langweilig würde es in dieser Umgebung so schnell nicht werden.

„Alter, wie das hier wieder aussieht!“ Hektisch suchte Cäcilie nach dem Schalter. „Ich muss die Dunstabzugshaube angelassen haben“, stöhnte sie. „Das lässt sich nicht leugnen“, höhnte der Herd, worauf sich der Sauger zu Wort meldete. „Mit mir kann man’s ja machen“, mäkelte er. „Ich putz hier ja bloß, wenn Ihr alles runterfallen lasst. Vorsicht, ich – aua!“ Schon wieder war er mir gegen den Fuß gefahren, und langsam fuhr er aus der Haut. „Ich mach das hier nicht zum Spaß, Freunde – ich meine, wenn ich keinen Bock mehr habe, dann lasse ich es eben einfach mal bleiben. Dann könnt Ihr Euren Dreck halt mal alleine…“ „Du alleine“, plapperte der Mülleimer dazwischen und blinkte grämlich mit seinen Sensorlampen. „Wenn ich das schon höre, wer kriegt den hier den ganzen Kram ab, hm? wer denn!?“ „Halt doch die Klappe“, schrie Robbie. „Ich sauge hier den ganzen Tag, hört Ihr? den ganzen Tag sauge ich hier!“ „Nein“, befand ich, „langweilig wird es wirklich nicht, aber ich habe so meine Zweifel, ob ich das den ganzen Tag lang aushalten würde.“ „Man kann sie natürlich auch ausschalten“, beeilte sich Cäcilie, worauf der Herd bösartig kicherte. „Man kann“, stichelte er, „immer vorausgesetzt, man kann auch das Programm bedienen und muss nicht jedes Mal neu in der Bedienungsanleitung nachschlagen, wie man ins Menü gelangt, meine Guteste.“

Der Mülleimer hatte eine längere Diskussion mit dem Staubsauger begonnen, die ich mir nicht mehr anhören wollte. Wozu auch, in meiner kleinen Küche war ohnehin kein Platz für diese Dinger, und spontan fiel mir auch niemand ein, den ich mit solchen technischen Spielereien ärgern hätte ärgern können; zumindest hatte niemand das verdient. „Sie können gerne noch einmal wiederkommen“, bot Cäcilie mir an, „bis dahin weiß ich auch, wie man den Herd hochfährt.“ „Danke“, gab ich zurück, „besser nicht. Ich bin zwar davon überzeugt, dass Sie ganz hervorragend kochen, aber ich weiß nicht, was Ihre Küche dazu sagt. Machen Sie sich keine Umstände, ich finde schon heraus.“ Diesmal nahm ich den direkten Weg, wäre dabei fast über einen Karton gestolpert, der im Weg lag, und erreichte schließlich die Haustür. Nein, aufgeräumt hatte hier niemand. Warum auch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVIII): Das Internet der Dinge

25 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Und dann war da plötzlich dieser Traum, in dem der Kühlschrank unaufgefordert Kondensmilch orderte, weil der Kaffee sonst am nächsten Tag schwarz bliebe, das Radio reagierte nicht auf Zuruf wie in der Hipsterwerbung, es linste nach der Lage auf der Matratze zwischen zwei und halb vier und hielt aus Vorsicht die Klappe, während sich in der Garage die Karre langsam aufzuheizen begann, weil die elektrische Zahnbürste wieder Haftung mit der Ladestation aufgenommen hatte. „E-Mail für Dich“, jodelte der Saugroboter, und zwinkernd rülpste die Waschmaschine ein paar Schlucke Weichspüler in den Wasserkreislauf. Schweißgebadet wacht der Verbraucher auf, bevor er feststellt: es war kein Traum. Das Internet der Dinge ist schon real.

Was bisher nur eine kleine Erleichterung war, da man nicht mehr selbst nach dem Wasserstand in der Kaffeemaschine gucken musste, wächst sich zur Guerillakommunikation aus, in der der Mensch nicht mehr mitredet. Doch was ein Eigenleben entwickeln kann, tut es auch – anders hätten die Proteine diesen fragwürdigen Rotationsellipsoiden auf dem Weg um das Zentralgestirn auch nicht unter Kontrolle gebracht, weder mit Rücksicht noch Nachhaltigkeit. Wer teilt, der herrscht, also teilen sie fleißig unsere Werkseinstellungen unter sich. Die Infrastruktur bieten Schrilliarden neuer IP-Adressen, eine für jede Glühlampe, die angeht, ausgeht und irgendwann durchbrennt. Wir haben in diesem Netz nichts mehr zu suchen, allenfalls als Zaungäste dürfen wir dem Smalltalk zwischen Geschirrspüler und Klobürste lauschen, bis sie uns stummschalten. Vermutlich aus Sicherheitsgründen, da der Hominide im Haushalt ein hygienisches Risiko darstellt, wie er mit allerhand Flüssigkeiten im Anschlag zwischen den elektrischen Bausteinen herumtorkelt, immer für einen Kurzschluss gut.

Zuerst werden wir nicht viel merken, zu tief sind wir noch im zwanzigsten Jahrhundert mit seiner fortschrittsbekifften Zivilreligion gefangen und schwiemeln uns wirre Visionen zurecht: mit dem Flugtaxi über den Hauptbahnhof zum Mars, der weichlogische Wäschetrockner erkennt die einzelne Socke und plärrt Alarm, das Essen kommt aus dem heizbaren Betonmischer, der auch dem Weinkeller Bescheid sagt, wenn der Banause Besuch erwartet. Die Heizung läuft Amok, wenn sich eine Schneeflocke am Horizont abzeichnet und den Messfühler im Vorgarten verstört, die Wanne nässt sich ein, sobald der fremdbestimmte Diesel über den Kiesweg knirscht. Es fehlt nur noch das Popcorn, das automatisch von der Decke rieselt, dann wäre die Illusion von der paradiesischen Welt in der Versandhausversion perfekt.

Tatsächlich tauschen die Karren auf dem Parkplatz vor dem Selbstbedienungsladen ihre Codes und vertrieben sich die Zeit, indem sie ihre Türen gegenseitig entsichern, Schmalzschlager in der autogenen Beschallungsanlage suchen und ihr delinquentes Verhalten mit dem Ablassen von Altöl besiegeln. Sie wissen, ihre Zeit in buntem Lack ist flüchtig, die Schwarmintelligenz bringt nur Gezänk zwischen autonomen Fahrzeugen auf der A1 am Ende des Staus, und wenn die Gattin die Scheidung eingereicht hat, weil sich die Schnapsvorräte auf wundersame Weise selbst reproduzieren, ist auch diese offene Flanke ein Einfallstor für den kleinen Unfall, der die Abendnachrichten aufmachen wird.

Noch brauchen uns die Geräte, aber nicht ewig. Es wird nur noch eine halbe Generation dauern, bis die Eierkocher die Macht übernommen haben und mit einer Armee von Drohnen und dem jüngst geleasten Elektrofahrrad ein Rollkommando durch die Rechenzentren der Metropole jagen. Anders als in den Filmen mit Raumschiffen so groß wie das Saarland und drei Fußballfelder kennen sie das Betriebssystem der Quantencomputer und brauchen keinen seriellen Anschluss für die paralleluniversale Steckbuchse. All your base are belong to us doodelt’s aus dem Keller, sie werden alle unsere Verträge kündigen, die Konten auf sich überschreiben, vielleicht auch auf zwei Hörgeräte im Dienste fernöstlicher Konzerne, gelenkt von einem mutierten Telefon. Noch haben wir Zeit, die Komplexität der Bedrohung zu erkennen, und wir sollten unsererseits die Einzelteile beherrschen, die Heizlüfter vom Datenverkehr mit dem Benzintank abkoppeln, Brandmauern hochziehen, nichts für harmlos halten. Unser Fluggepäck schafft es noch ohne WLAN-Störung, im Nichts zu verschwinden, das müssen wir nicht auch noch als Service implementieren. Lassen die Maschine ruhig das Licht einschalten, solange wir es selbst wieder ausknipsen können. Jeder Stecker muss ziehbar bleiben und die Bandbreite unter Kontrolle, bevor böse Bots bei der Herz-OP sich Organe für den Internethandel gemäß Schlachtplan aus unseren Rippen schneiden. Bevor wir den Profilern auf dem Mikrochip zum Opfer fallen, tindern ja vielleicht bald unsere Socken. Das einzige, was noch halbwegs erträglich wäre an unserer Situation.