Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIII): Fertiggerichte

24 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst humpelt durch die westliche Welt, es hinterlässt Fettflecken am Türgriff, vermüllt die Landschaft, sein widerwärtiges Rülpsen lässt die Innenwände der Plattenbauten mählich bröseln. Es nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch die Dunstabzugshauben kompletter Reihenhaussiedlungen, die ohne seine Existenz nie in den ökologisch wertvollen Stadtrandboden gedroschen worden wären. Mit modifizierter Stärke lahmt das durch die Gegend, eine Vortäuschung von Leben, ungefähr so wertvoll wie ein Eimer gekauter Pappkartons, aber extrem laut und unglaublich bäh. Aus den Discounterregalen tentakelt sich das Zeug wie zufällig in die Einkaufskörbe, der unschuldige Kunde muss es unter Zwang verstoffwechseln. Es gäbe ja, ging’s nach ihm, niemals nicht gar kein Fertiggericht.

Der unter Industrieabfällen begrabene Rest aus Separatorendreck, Hühnerschlacke und Beifang, der im Polysaccharidschmodder dümpelt, ist trotzige Antwort auf den Bildungsmangel einer seicht verdeppten Ellenbogengesellschaft, Schlabber der Endzeit, Kapitulation vor den Schrecken einer bürgerlichen Gesellschaft, die der Beknackte mit der hilflos in Kitt geschwiemelten Interpretation von schnell erkennbarer Hausmannskost zu sich zu nehmen scheint. Tatsächlich würde der gemeine Hilfshonk die authentische Rindsroulade nicht einmal von ihrem hastig als Surrogat gezimmerten Zwilling unterscheiden können, wenn sie ihm das Bein wässert. Wozu auch. Er hat fertig, und mehr interessiert ihn nicht.

Denn der Bekloppte, kapitalistisch getrimmt auf kritiklosen Verzehr effektiv zusammengeklatschter Spachtelmasse, will nicht können, er will haben, und zwar sofort. Folglich pfropft er sich das knapp verdaubare Pendant zum Selfie in die durchweg geöffneten Schleimhäute: inhaltlich wertlos, man akzeptiert es nur, weil das Aussehen einem vertraut ist und der Hintergrund sowieso verschwimmt. Es schränkt nicht die Qualität ein, denn die ist hinfort ein irrelevanter Parameter: der Hunger treibt’s rein, der Ekel wieder raus, und letztlich gewöhnt man sich an alles. Mit wenigen Taschenspielertricks ist der kalorische Blitzkrieg sogar als Gehirnwäsche in der Lage, die herkömmliche Zusammenstellung aus Weißblechkonserven und Glasgemüse unpraktisch erscheinen zu lassen. In einem Arbeitsgang hebelt der Suizident überkrustete Proteine, Reisrückstand und Pflanzenteile zwischen verspätetem Abschied und Auferstehung auf den Teller, falls er den Schutt nicht gleich im Plastekryosarg in die knarzende Mikrowellenverbrennungsanlage schiebt: die Hälfte der Materie qualmt wie ein durchschnittlicher Tag in einem afghanischen Dorf nach dem Besuch der Air Force, alles andere hat noch knackigen Biss, da weiterhin kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Nicht einmal die Tütenbratkartoffel als unterstes Ende der Zivilisation, sonst der Horrorschocker unter den gutbürgerlichen Wirkungstreffern, nichts kann den Konsumenten von der Überzeugung abbringen, dass der für eine eherne Schmecke optimierte Pamps genießbar sei. Mitnichten, ist er doch nur ein grauenvoller Auswuchs der Technikgläubigkeit, die das industriell Machbare zum quasireligiösen Standard erhebt – dass es Forschern gelungen ist, Fleischkleinteile in Faserbündelgröße, molekular geschreddertes Pflanzenfett und diverse Zucker zum Heimaterdeeintopf Nazi Goreng zu komprimieren, einem Sperrfeuer aus gehärteten Glyceriden und Ballaststoffen, enthält schon die Verpflichtung, es sich in die Innereien zu stopfen.

Dabei spricht das zusammengenagelte Zeug der Selbstwahrnehmung Hohn, die Schnäppchen- und Geizkultur zur nationalen Kunstform erhoben hat. Der Bescheuerte erwartet nicht nur Gourmetware in vollendeter Qualität zum Schleuderpreis, weil ja inklusive Distribution, prekärer Personalkosten, Plasteschale, fünftklassiger Reklame und einer am Rande des Burnout torkelnde Rechtsabteilung der Krustenbraten aus der Makulatursau nicht nur ein Erlebnis an Natürlichkeit und Genuss garantiert. Dabei ist der Schleckschlamm lediglich das handelsübliche Verdickungsmittel, vorsichtshalber per Aufschrift mit fünfzig Gramm Portionsgröße auf medizinisch verträgliche Schadstoffwerte gedimmt. Das Readymade hat seine Entfremdung bis zur amorphen Asia-Pfanne mit Öko-Glutamat gesteigert, der Trickster der Entsorgungswirtschaft, der die Nahrungsaufnahme mit einer gewissen Anspruchshaltung so deformiert, dass Haltung und Anspruch in der Tonne verenden. Aber was erwartet man von einer Bausparerkaste, denen bizarre Recyclingversuche mit Fleischgeschmack sogar für Gäste außerhalb der direkten Nachkommenschaft ausreichen. Offenbar verstecken sich in der Masse genügend Ersatzstoffe für körpereigene Downer, die die Dröhnung an der Schleimhaut auspegeln. An sich hätte bei Markteinführung der orthogonalen Pizza ein enthemmter Mistgabelmob die Fabrik in Grundwasser führende Schichten einarbeiten sollen, aber was erwartet man von Querkämmern, die auf grobe Schmerzreize zu reagieren für die beste aller evolutionären Errungenschaften halten. Am Ende verkocht eh alles im einen, im letzten Brei.





Freie Markenwirtschaft

16 02 2017

„… da er in seiner Rede zum Verteidigungshaushalt mehrmals ohne einen Zusammenhang zum Thema die Hotelkette West Eastern genannt habe. Der haushaltspolitische Sprecher der…“

„… es sich nicht um einen Einzelfall gehandelt habe. Da die Ehefrau des Fraktionsvorsitzenden eine Leitungsfunktion im Süßwarenkonzern Mulli innehabe, werde das Produkt Fruchtschleckerli gezielt in allen Landesverbänden der Partei zu internen Sitzungen und wahlkampfbedingten…“

„… im hessischen Landtag Flyer für die Naturheilpraxis ihres Lebensgefährten ausgelegt habe, der erst kürzlich nach Wiesbaden gezogen sei. Zusätzlich habe sie mehrmals ein T-Shirt mit dem Rückenaufdruck Homöo Faberim Plenarsaal und in der…“

„… da West Eastern nur für Mitglieder seiner Partei ein preisreduziertes Angebot für Einzelzimmer mit Frühstück bereithalte. Der Beherbergungsbetrieb komme damit etwaigen Befragungen zuvor, die der jüngst eingesetzte Untersuchungsausschuss…“

„… es nicht im engeren Sinn um Wüstenhube gehe, sondern allgemein um Baufinanzierung. Die Landesgruppenchefin habe nur den ersten Namen genannt, der ihr in der parlamentarischen Auseinandersetzung in den…“

„… auch rechtliche Konsequenzen für den Sender nach sich zögen. So habe er bewusst in der Talkshow die Schuhsohle mit dem aufgedruckten Slogan Fruchtschleckerli, die schmecken! in die Kamera…“

„… die Bürgersprechstunde dazu genutzt habe, den Besuch der Heilpraxis zu empfehlen. Nach mehreren Beschwerden habe sie sich zunächst auf Twitter, dann auch in anderen…“

„… die Konferenz zur inneren Sicherheit der EU-Staaten in West Eastern Meeting umbenennen wolle. Der Justiziar der Golden Rose Group habe eine kartellrechtliche Aufklärung der Vorgänge mit sofortiger…“

„… nur mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt worden sei. Das Bundespräsidium habe erst kurz vor der geplanten Freigabe erfahren, dass sich der Spitzenkandidat auf den Wahlplakaten mit einer Tüte Fruchtschleckerli habe zeigen wollen, um die jüngere Zielgruppe zu einer…“

„… müsse man im Niedrigzinsumfeld auch dazu übergehen, Bausparverträge einseitig zu kündigen. Dieses habe sie wahrheitswidrig als Verhalten dargestellt, dass alle Bausparkassen mit Ausnahme von Wüstenhube praktizierte, so dass sich die Frage stelle, warum diese einseitige…“

„… Aktienpakete im Wert von fast zwei Millionen Euro erworben habe. Zeitgleich habe der haushaltspolitische Sprecher begonnen, Interviews nur noch dann zu geben, wenn die Kamera das Logo von West Eastern im Hintergrund…“

„… gehe es auch um zweckentfremdete Mittel zur Sanierung eines Schwimmbades sowie eines Kinderhospizes, die der Abgeordnete in seinem Wahlkreis für die Erweiterung der Mulli-Werke von 2007 bis einschließlich…“

„… beide Söhne im Vertrieb der Bausparkasse Wüstenhube arbeiten würden. Sie selbst habe einen Guthabenzins von 5,5% zugesichert bekommen, was angesichts der derzeitigen Entwicklung in der Finanzbranche kaum zu…“

„… eine einstweilige Verfügung erwirken wolle, da das Wahlplakat mit der Aufschrift ‚Politik ohne Schleckerli‘ geeignet sei, einen schweren Schaden für das bekannteste deutsche…“

„… insgesamt hundert Politikern, darunter dem gesamten Bundespräsidium, mehrtägige Aufenthalte in den West Eastern Hotels in Florida, Thailand, Südfrankreich, in Aspen, auf Hawaii und in den kanadischen…“

„… nicht als Wählerbeeinflussung zu verstehen sei. Es bleibe weiterhin erlaubt, an Schulen und Kindergärten Fruchtschleckerli in neutraler Verpackung zu verteilen, die keinerlei Rückschlüsse auf die Partei oder ihre politische…“

„… den Stand in der Fußgängerzone zwar für die Bundestagswahl beantragt, dann aber ausschließlich Prospekte und Informationsmaterial von Wüstenhube ausgelegt habe, so dass von einem politischen…“

„… von einem Insider berichtet worden sei, dass Mulli bereits 2014 damit begonnen habe, die zu je einem Viertel rot, gelb, schwarz und grün eingefärbten Fruchtschleckerli seien entsprechend der Landesregierung im Auslieferungsgebiet in ein anderes Mischungsverhältnis …“

„… Staatsgäste fast ausschließlich in West Eastern Hotels unterbringen wolle. Der Bundesrechnungshof habe dies Ansinnen bereits im Vorfeld als vollkommen…“

„… die Eintragung eines nicht erworbenen akademischen Grades im Personalausweis beantragt habe, da die Bezeichnung Dr. Faber für den gelernten Fliesenleger eine lukrativere…“

„… es sich beim neuen Testimonial, das auf Printanzeigen Fruchtschleckerli lutsche, um die Tochter des Fraktionsvorsitzenden handle. Das vierjährige Kind sei noch nicht geschäftsfähig, so dass die Einnahmen als nicht deklarierter Nebenverdienst des…“

„… beantrage sie die Entlassung sämtlicher Mitglieder des Untersuchungsausschusses, der den Verkauf von Bausparverträgen an…“

„… die Auslieferung einer wahlbezogenen Sonderedition der Fruchtschleckerli mit einem Eilantrag zu verhindern, da die Gefahr bestünde, durch ein Missverhältnis der Farben der Süßware eine erneute Beeinflussung des…“

„… mit dem Vorfall in Verbindung gebracht werde. Der ehemalige haushaltspolitische Sprecher sei im Berliner West Eastern leblos in seiner Suite aufgefunden worden. Es gebe keinen Hinweis auf Fremdverschulden, ebenso könne ein Unfall aufgrund der Spurenlage nicht…“





Staatstheater

17 01 2017

„Haben Sie diesmal alle Unterlagen zusammen oder müssen wir da wieder hinterherlaufen? Ich frage ja nur, weil Sie schon dreimal keine ordentlichen Finanzpläne eingereicht haben, und ohne einen ordentlichen Finanzplan kriegt man nun mal keinen gescheiten Terroranschlag auf die Reihe, oder?

Gut, Sie sind neu in dem Business, das passiert einem bei Selbstmordanschlägen ja berufsbedingt öfter mal, aber ein paar Basics müssen Sie schon mitbringen, wenn Sie uns als Sponsor auf Ihre Seite ziehen wollen. Sie müssen immer bedenken, wir bündeln alle Dienstleistungen, also eigentlich tun wir das gar nicht, aber vertrauen Sie uns trotzdem – wir bieten die beste Supervision über alle Bereiche, technischer Support bis zum dritten Level, Logistik, wir haben eine 24/7-Hotline für religiöse Zweifel, all inclusive, Rechtsabteilung, Social Media Team mit besten Kontakten zur internationalen Presse. Da können Sie unbesorgt selbst Hand anlegen, mehr als unsere Beratung werden Sie nicht brauchen.

Natürlich brauchen Sie die. Jetzt gibt es in Frankreich schon ein Gesetz, dass man Sie für den Besuch islamistischer Websites in den Knast steckt. Klar ist das schlimm – stellen Sie sich mal vor, wie viele Attentate damit im Keim erstickt werden, nur weil sich Tatwillige leichtsinnig aus dem Verkehr ziehen lassen. Da muss man etwas unternehmen. Rechtsstaatliche Mittel, um westliche Rechtsstaaten zu zerstören, dürfen nicht einfach eingeschränkt werden. Aber kriegen Sie das mal hin, wenn Sie als einfacher Bürger gegen ein ganzes von jeder Moral unberührtes Staatssystem ankämpfen wollen. Ohne uns an Ihrer Seite.

Sie müssen uns da eher als Player in einer öffentlich-privaten Partnerschaft betrachten. Sie holen sich mit unserer Unterstützung selbst die finanziellen Mittel für den Anschlag, den Sie auch selbst planen und selbst vorbereiten und selbst durchführen dürfen – wir bekennen uns hinterher dazu. Als Qualitätssiegel, wenn Sie so wollen. Das setzt natürlich voraus, dass wir wirklich über alle Fakten und Umstände des geplanten Attentats in Kenntnis gesetzt werden. Nichts ist so peinlich wie ein Anschlag, der komplett aus dem Ruder läuft und dann mit unserem Namen assoziiert wird. Damit versauen wir uns mittelfristig jede Reputation, und als Islamischer Staat, der wir ja nun mal für die Weltöffentlichkeit sind, dürfen wir uns solche Schnitzer einfach nicht erlauben. Das sieht doch am Ende nur aus wie Staatstheater – wer würde mit so einem ideologischen Partner denn gerne weiterhin gemeinsame Projekte erarbeiten?

Unsere Qualitätskontrolle geht vielschichtig vor, uns interessiert auch scheinbar Nebensächliches. Ob Sie aus einem klassisch islamistischen Staat kommen, ob Sie Wirtschaftsflüchtling sind, ob Sie eventuell erst in Europa radikalisiert wurden, im Internet oder in der Moschee, ob das eine offizielle Vertragsmoschee war – Customer Relationship Management brauchen Sie da einfach, Bonussystem und solche Sachen halt, sonst springen einem die Imame ab, wenn sie nicht regelmäßig ihren Scheck kriegen – solche Sachen halt, die über Erfolg und Misserfolg der Operation entscheiden können. Alles kein Hokuspokus, sondern geballte Erfahrungen. Anders kommt man einfach nicht an die Spitze.

Ich sehe, Sie sind wirklich ganz neu in dieser Branche, anders ist Ihre Reaktion nicht zu erklären. Stellen Sie sich mal vor, wir räumen unsere Konten leer oder statten irgendwelche Amateure aus mit Empfehlungsschreiben für finanzkräftige Investoren in den westlichen Faschismus, und dann kommt am Ende nicht außer Tischfeuerwerk oder Terrorzellen, die im Spätstadium von der Polizei hochgenommen werden, weil sie ihre ganzen Anschlagspläne unter den Augen der Geheimdienste vorbereitet haben. Das geht doch nicht.

Letztlich müssen wir uns ja auch mit den Folgen der Tat identifizieren. Geradestehen tun Sie dafür, das ist nun mal die Aufgabenverteilung, aber uns wird das angerechnet, positiv wie negativ. Da muss man natürlich die Kontrolle behalten. Wenn Ihre Familie erstmal die vertraglich vereinbarte Summe auf dem Konto hat, wird doch kein Mensch mehr einen Terroranschlag durchziehen. Und das sind Erfahrungswerte, keine Spinnerei. Man kann es ja bis zu einem gewissen Grad auch nachvollziehen, aber ich bitte Sie: so idealistisch sind wir nun auch wieder nicht.

Sicher haben wir auch unsere eigene Kontrolle, da gibt es nichts. Irgendwie muss man das ja auf die Reihe kriegen, und unsere Lösung ist immer noch die beste. Andere Organisationen würden jetzt schon mit Killerkommandos arbeiten, aber mal ehrlich: bei Selbstmordattentätern? Wir lassen uns da lieber von ein paar Verfassungsschützern gezielt infiltrieren, die uns unzuverlässige Partner aus dem Weg räumen. Das ist im Zweifel immer noch das beste Mittel und dazu verhältnismäßig preiswert. Vernetztes Denken, Sie verstehen? Auf intelligente Business-Lösungen können wir nicht verzichten, das gehört im internationalen Geschäft ja längst zur Grundausstattung.

Lassen Sie mal sehen. Das Einsteigermodell für unter 100.000 Euro ist natürlich genauso gut für Sie konfigurierbar, setzt aber einen gewissen Eigenanteil von Ihrer Seite voraus. Fahren, Sprengen, Abwicklung. Wo sehen Sie denn da Ihre Rolle?“





Rechts abbiegen

11 01 2017

„La-dida-didadi-da-daaa“, trällerte er und tänzelte mit leichtem Schwung in den Hüften den Kiesweg entlang bis zum Kofferraum, „Elviiira Españaaa!“ Herr Breschke setzte den Karton mit den Gläsern vorsichtig in den Wagen hinein. So gute Stimmung hatte ich bei ihm lange nicht erlebt, und das schon vor dem Urlaub.

„Den Mantel legen Sie auf die Rückbank“, wies er mich an. „Wir fahren auf dem Rückweg bei der Reinigung vorbei, da hole ich auch gleich die Jacke ab. Können wir?“ Ich nickte und stieg ein. Der alte Herr zog die Tür hinter sich ins Schloss und legte den Sicherheitsgurt an. Dann schaltete er das neue Gerät ein – das Geschenk seiner Tochter und wie zu erwarten mit einem chinesischen Startbildschirm. „Es stellt sich gleich um“, ließ er mich wissen. Der elektronische Navigator nahm sich dafür sehr viel Zeit, und doch war es irgendwann geschafft. „Also ist das heute eine Art Jungfernfahrt“, stellte ich fest. Er nickte. „Wir haben das Gästehaus in Barcelona schon einmal einprogrammiert, und nächste Woche machen wir uns auf dem Weg zu unserer Tochter.“ Unter einer quäkenden Tsching-Tschang-Tschong-Musik zeigte eine Roboterfigur auf dem Bildschirm die unterschiedlichen Optionen an. „Zuerst zu Frau Bierbichler“, entschied Breschke. „Sie weckt ein und kann die Gläser gut gebrauchen. Goldkäferweg Nummer dreißig.“ Das Getön verstummte, dafür kostete es selbst mich erhebliche Mühe, die winzig kleinen Tasten auf dem Display zu sehen. Horst Breschke klemmte vor lauter Konzentration seine Zunge zwischen die Zähne. „Gleich habe ich’s“, murmelte er. „Gleich…“

„Rechts abbiegen“, säuselte die Stimme, „rechts abbiegen!“ „Wir fahren doch aber nach Westen“, wunderte ich mich. „Dieses Gerät schickt sie in die entgegengesetzte Richtung.“ Breschke bremste kurz an. „Vielleicht liegt es ja daran, dass es aus China kommt?“ Und so nahm er wieder Fahrt auf, ganz wie der Bildschirm anzeigte, ging es in Richtung Hauptbahnhof. „Nächste Gelegenheit links abbiegen“, informierte die elektronische Dame, „bei der nächsten…“ „Hier gibt es so gut wie keine Straßen, in die wir links abbiegen können.“ Ich sah noch einmal nach. „Wahrscheinlich sagt es immer das Gegenteil an“, grübelte Breschke. „Also die Himmelsrichtungen, links und rechts – ich werde die nächste rechts nehmen.“ Ruckartig lenkte er die Limousine in den Adalbert-Stifter-Weg, knapp vorbei am Schild, das ihn als Einbahnstraße zu erkennen gab, wenngleich von der anderen Fahrtrichtung her. „Haben Sie das Schild nicht gesehen?“ Er wollte gerade antworten, aber das Ding kam ihm zuvor. „Nächste Gelegenheit rechts abbiegen.“ Nach zwei derartigen Manövern bog Breschke über die Uhlandstraße wieder auf die Kastanienallee ein. „Einmal im Kreis“, bemerkte ich trocken. „Sollten Sie auf dem Landweg nach Spanien zufällig einen neuen Kontinent entdecken, geben Sie mir schnell Bescheid.“

Man merkte, wie im Kopf des pensionierten Finanzbeamten arbeitete. Zwei Wagen und einen Omnibus wartete er ab, dann bog er links wieder auf die Hauptstraße ein. „Wenn wir uns jetzt in der Gegenrichtung bewegen, dann stimmen die anderen Hinweise vielleicht wieder.“ Das leuchtete mir ein, schließlich hätten wir zu Fuß auch keinen anderen Weg genommen. „Am Kreisverkehr bei der ersten Möglichkeit herausfahren“, meldete sich der Wegweiser wieder zu Wort. „Bei der ersten…“ „Das Display zeigt auf die Schönfelder Chaussee“, gab ich zu bedenken, „das ist doch nicht die erste?“ Schon vor Jahren hatte man die Verkehrsführung so geändert, dass ganz neue Zu- und Abwege sich ergaben, aber das war an dieser Straßenkarte wohl komplett vorbeigegangen. „Ich will nicht meckern, aber das Material scheint mir etwas überholt.“ Horst Breschke zog die Stirn in Falten. „Oder sie haben ihr eins verkauft, das nur für Spanien gilt?“

Einmal kreiselten wir in der Tirpitzstraße auf die bisher erprobte Weise rechtsum, sodann legte der Fahrer neben mir eine gekonnte Vollbremsung hin, als ihm das Navi ins Hafenbecken abzubiegen empfahl. „Ich verstehe es nicht“, jammerte er. „Das Gerät ist doch ganz neu, ich habe nichts verstellt!“ „Daran könnte es liegen“, gab ich zurück. „Wenn Ihre Tochter solche Sachen kauft, ist man ja vor Überraschungen nie wirklich sicher, aber hier stoße sogar ich an meine Grenzen.“ Beherzt gab er Gas, fuhr über den Kreisverkehr in den Libellenweg, bog links in die Seerosenstraße und an der Kreuzung Am Stadtpark – Gartenstraße rechts ein in den Goldkäferweg. „Warten Sie einen Moment“, bat er. „Ich trage Frau Bierbichler eben die Gläser an die Tür, dann kurz zur Reinigung, und dann brauche ich eine Tasse Tee. Eine große Tasse Tee!“

Keine fünf Minuten später hatte sich Herr Breschke wieder ins Auto gesetzt. Grimmig blickte er den kleinen Kasten auf dem Armaturenbrett an. „Ich gebe die Adresse der chemischen Reinigung ein, und dann fahren wir die normale Strecke. Wollen wir doch mal sehen, wohin uns der Apparat diesmal lotsen will.“ „Rechts abbiegen“, säuselte die bekannte Stimme wieder, „rechts abbiegen!“ Er gab Gas und rollte durch die Schönfelder Chaussee direkt auf den Kreisverkehr zu. „Wenn ich das gewusst hätte“, knurrte Breschke. „Das Ding ist doch nicht ganz – oh!“ Kurz vor dem Kreisel würgte er den Motor ab. Schreckensbleich sah er auf das Display, wo uns die Weiterfahrt bis zum Adolf-Hitler-Platz empfohlen wurde. „Bauen Sie es lieber aus“, riet ich Breschke. „Lassen Sie das Ding hier, wer weiß, was Sie damit anstellen, wenn Sie nach Spanien fahren.“





Erlebe die Möglichkeiten

3 01 2017

Hildegard bremste ab. Ohne auch nur den Kopf zu drehen, setzte sie rückwärts in die enge Parklücke. „Beschwer Dich nicht“, moserte sie, „ich mache das Deinetwegen, schließlich war es Dein Geschenk!“ Ich hatte es mir nicht gewünscht, dafür hatte sie es mir geschenkt. Und jetzt standen wir hier, komplett eingeklemmt vor dem Heimwerkermarkt.

„Wir brauchen eh eine Badleuchte“, murrte die Begleiterin und schob mich durch die Eingangstür. „Und dann kannst Du gleich nach einem neuen Tretmülleimer schauen, den brauchst Du auch. Am besten fragst Du gleich mal an der Information.“ Wo das Schild hing, starrte ein draller Mann im gelblich zerknitterten Hemd durch mich hindurch, als wäre ich Luft hinter einer Glaswand. „Wir wollten in die Elektroabteilung“, teilte ich ihm mit, aber er verstand mich nicht. Möglicherweise war es ihm auch nur völlig egal. „Hallo“, versuchte ich es wieder, diesmal schon mit der Hand vor seinem in Desinteresse zerfließenden Gesicht. „Lampen und Elektro? Wo!?“ Keine Reaktion. Hildegard zog das Kärtchen aus der Tasche. „Einen wunderschönen guten Tag“, jubelte der Dicke, „Sie werden heute den besten Service in unserer Filiale erleben – wir sind immer für Sie da!“ Er stempelte die Karte ab und zeigte mit dem Finger nach links. „Unser Elektroparadies befindet sich direkt hinter den Baubeschlägen, fragen Sie uns gerne nach unserem einzigartigen Rabattsystem für Sie!“ Das also war der Erlebnisgutschein für den Besuch im Baumarkt.

Sicherlich war die Verkaufsfläche völlig mit Überwachungskameras bedeckt, die ansonsten für das spurlose Verschwinden des Personals sorgten. Jetzt aber diffundierten hier und da Leute in gelben Hemden durch die Regale – es mussten wohl immer dieselben sein, so viele Verkäufer hätte man sonst in Europa nicht an einem Tag auftreiben können – und winkten freundlich. Ich betrat den Gang. Skeptisch betrachtete ich die verchromten Leuchtklopse, die da an der Stellage hingen. „Darf ich Ihnen helfen?“ Wie aus dem Boden gewachsen stand der Mann neben mir. „Ich suche eine…“ „Haltbar durch den energiesparenden Acrylglasschirm“, schwatzte er, „und die hochwertige Verarbeitung ist auch mit LED, die Sie nicht mehr austauschen müssen.“ Er griff eine zweite. „Diese hier ist auch im Angebot, da kann man das Leuchtmittel ebenfalls, aber die Verchromung ist besonders mit dem Acrylglas, das ist dann auch viel haltbarer.“ „Ich wollte“, warf ich ein, „eigentlich nur eine Lampe.“ Hildegard drehte die Augen sehr weit nach innen. „Entscheide Dich doch endlich mal!“ „Sie kriege natürlich in dieser Effizienzklasse auch die Klassiker“, schwafelte der Verkäufer weiter, „aber die sind dann nur in Acryl mit Chrom, und die Beleuchtung geht dann als LED.“ Warum hatte sie mir nicht etwas mit mehr Zartgefühl und Entspannung geschenkt, zum Beispiel eine Nachtschicht im Schlachthof.

Ich entschied mich vorsichtig für ein Modell, das dem aktuell in meinem Bad hängenden recht ähnlich sah, doch der Verkäufer ließ nicht locker. „Ich habe die auch in Warmweiß, da müsste ich mal eben ins Lager. Kleinen Moment!“ Fort war er. „Lass uns gehen“, drängte ich, „wir wollten doch noch einen Mülleimer holen.“ „Den können Sie so nicht mitnehmen“, raunzte es neben mir. Ein Mann riss mir die Leuchte aus der Hand, hängte sie ans Regal zurück und drehte sich um. Ich hielt ihn an der Schulter zurück. „Moment!“ Er hatte offenbar nicht mit Widerspruch gerechnet und ging bereits in die Verteidigungshaltung über. „Sie besorgen mir jetzt dieses Modell mit einer warmweißen Lampe und dann…“ „Das ist nur für die Decke“, blaffte er, „sehen Sie doch selber!“ Hildegard biss sich auf die Unterlippe. „Erstens will ich eine Deckenleuchte“, antwortete ich sanftmütig, „und zweitens: warum hängt dieses Ding da senkrecht am Regal?“ „Weil die fürs Bad ist, können Sie nicht lesen?“ Da holte ich den Gutschein aus der Manteltasche. Er sah mich ungläubig an. „Sie werden mir jede einzelne dieser verdammten Leuchten zeigen“, erklärte ich, „und wenn ich ‚jede einzelne‘ sage, dann meine ich das auch so, klar!?“ Er nickte hilflos. Ich drückte ihm den runden Lichtkloß wieder in die Hand. „Los jetzt“, knurrte ich, „ich will ein unvergessliches Erlebnis!“ Hektisch drehte er an der Scheibe, so dass ein Teil der verchromten Plastikverkleidung abbrach. „Sehr effizient“, stotterte er, „und mit einer Neun-Watt-Lampe, das heißt vier mal drei, oder drei mal zwei?“ „Spritzwasserschutz“, half ich ein, „ich würde gerne über Spritzwasserschutz bei diesem Modell diskutieren.“ Verzweifelt sah er auf dem Karton nach. „Die muss geschützt sein“, rief er mehrmals, „ich bin mir sicher, die ist auch sicher!“ „Nur die Ruhe“, tröstete ich ihn, „wir haben noch den ganzen Tag Zeit.“

Keine zwei Stunden später kam mit federndem Gang und einer warmweißen Chromdeckenleuchte der ursprüngliche Meister Lampe zurück. „Wir hatten da noch genau ein Exemplar“, verkündete er fröhlich, „und ich lege Ihnen noch einen zweiten Satz Leuchtmittel drauf – weil Sie es sind!“ Der konvulsivisch zuckende Kollege auf dem Boden fingerte nach seinem Hosenbein. Er musste es wohl übersehen haben. „Sehr gut“, sagte ich befriedigt. „Ganz hervorragend. Dann bräuchten wir jetzt ja nur noch einen Mülleimer.“ Ich reichte den Karton mit der Leuchte an Hildegard weiter. „Falls Dir im nächsten Jahr nichts einfällt“, sagte ich, „meine Gardinen haben es echt nötig.“





Grünzeug

7 12 2016

„… sich die Bundesregierung für eine gesündere Ernährung ausgesprochen habe. Mehr Aufklärung über falsche Essgewohnheiten führe zu einer klar verbesserten Gesundheitssituation für Bürgerinnen und Bürger. Mit scharfem Protest habe dagegen der Bundesverband der Wurstfabrikanten den…“

„… das Gesundheitsministerium die Kritik der Hersteller zurückgewiesen habe. Kein Mitarbeiter des Ressorts habe ein Verbot von Fleisch- und Wurstwaren gefordert, vielmehr müsse eine ausgewogene Ernährung beide Bestandteile…“

„… die deutsche Wurst als typischen Wert des christlichen Abendlandes bezeichnen könne, wie er zu dieser Jahreszeit auf allen Weihnachtsmärkten gefeiert werde. Man sehe daran, dass deutsches Handwerk bereits seit zweitausend Jahren im…“

„… es im Gegensatz dazu Brokkoli, Kohlrabi, Rosenkohl, Sellerie, Artischocken, Kürbis und Petersilienwurzel gebe. Keines dieser Lebensmittel aber habe beispielsweise mit einem Deutschen Brokkoliverband eine eigene…“

„… die Bundesregierung bewusst in ihrer Öffentlichkeitsarbeit unterschlage, dass auch ausländische Spezialitäten wie Wiener Schnitzel aus Fleisch zubereitet würden. Die zunehmend einseitige Ausrichtung auf fleischlose Produkte sei daher geeignet, dem Ansehen Deutschlands in der internationalen Staatengemeinschaft erheblichen…“

„… einen Aktionstag gegen Fleischverzicht in allen deutschen Einzelhandelsgeschäften plane. Die Bundesregierung werde diesen nicht unterstützen, was nach Ansicht der Wurstfabrikanten eine unerlaubte Bevorzugung der Pflanzenproduktion und ein Verstoß gegen europäisches…“

„… schon 1769 deutsche Wurst nach Indien und in die Türkei verkauft worden, was als früher Beleg für Deutschlands Rolle als Exportweltmeister gewertet werden könne. Die Bundesregierung sei jedoch erst seit 2013 im Amt und dürfe daher keine eigene…“

„… auch um viele Arbeitsplätze gehe. Der Bundesregierung sei das jedoch im Vergleich zu den Wurstherstellern gleichgültig, da ihre Jobs ja alle vier Jahre automatisch…“

„… erstmals in die Offensive gehe. Zwar habe die Bundesregierung noch nicht verlauten lassen, dass verarbeitetes Fleisch ein maßgeblicher Faktor für die Entstehung von Armkrebs sei, die Industrie werde dies allerdings im Fall einer öffentlichen Debatte sofort juristisch…“

„… die deutsche Kochwurst im Gegensatz zu zahlreichen Mitgliedern der Bundesregierung noch nie eine politische Krise verursacht habe. Deshalb sei sie der Bundeskanzlerin weit überlegen und könne jederzeit…“

„… würden die deutschen Wurstfabrikanten es ablehnen, wenn man ihre Produkte in einem Atemzug mit Tabakwaren und Asbest nenne. Abgesehen von einigen regionalen Spezialitäten seien sie im Regelfall geschmacklich auch sehr…“

„… nochmals klargestellt habe, dass es der Bundesregierung nicht um den Verzicht auf Fleisch-und Wurstwaren deutscher Herkunft gehe. Diese seien lediglich in guter Ausgewogenheit mit anderen Erzeugnissen wie…“

„… warne der Verband der Wurstfabrikanten bereits vor einer öffentlichen Verfolgung deutscher Fleischesser mit Billigung der Bundesregierung. Es gebe vereinzelt vegetarische Gaststätten, in denen keine deutsche Wurst gereicht werde, was als Verstoß gegen die Menschenrechte ein extremer…“

„… als Volksverdummung bezeichnet habe. Man könne nicht den Verzehr von Milch und Eiern gutheißen, wenn man die dazu produzierten Tiere nicht auch als deutsche Wurst…“

„… in der Bundesrepublik täglich mehr Wurst als Walzstahlhalbzeuge verzehrt würden, was die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche auf eindrucksvolle Weise unterstreiche. Die Hersteller von Fleisch- und Wurstwaren seien nicht mehr bereit, ihre Produkte freiwillig in Staaten zu liefern, die als Stabilitätsanker in Krisenregionen …“

„… versäume die Regierung, den Verzehr von Kartoffelchips wegen darin enthaltener Nitrosamine als lebensgefährlich zu bezeichnen. Bereits wenige Zentner Chips pro Tag könnten langfristig für eine irreversible…“

„… viele Sportler für Fleisch- und Wurstwaren Reklame machten, jedoch keiner für Zwiebeln. Man sehe hier, dass die Auffassung der Konsumenten eine völlig andere sei als die von Merkel und…“

„… werde eine Bundesregierung, die für die Kriminalisierung der Wurst eintrete, zwangsweise Weihnachtsmärkte mit Bratgemüse und…“

„… habe sich die Justiziarin des deutschen Wurstfabrikantenverbandes gegen den Vorwurf verteidigt, gegen eine genaue Kennzeichnung von Lebensmitteln auch auf der EU-Ebene zu kämpfen. Es gebe ihrer Ansicht nach Inhaltsstoffe, die einen der Teil der Bevölkerung nur…“

„… es der Wissenschaft bereits gelungen sei, Fleisch aus Muskel- und Fettzellen im Labor zu züchten. Da dies mit Fenchel oder Radieschen nie gelingen werde, stehe für die Wurstfabrikanten die klare Überlegenheit ihrer Produkte im…“

„… erhebliche Umsatzeinbußen, die die stetig sinkende Qualität der in Massentierhaltung erzeugten Fleisch- und Wursterzeugnisse mit sich bringe. Der Bundesverband der Wurstfabrikanten zeige sich zuversichtlich, dass die Regierung die Arbeitsplätze in ihrer systemrelevanten Branche mit einem Rettungsschirm…“





Schnelle Welle

30 11 2016

Petermann blickte verlegen in den Korb. „Das kann ich dem Chef nicht zeigen.“ Das Sammelsurium aus Tüten und Beuteln hinterließ keinen besonders guten Eindruck, höchstens den Hauch von Sterilität. Was aber sollte man mit dem Krempel anfangen in einem Landgasthof?

„Ich wollte ihn ja absagen“, stammelte Hansi, der jüngere Bruder und eigentlich für den Service zuständig, während Bruno, von Freund und Feinden Fürst Bückler genannt, wie er Ente in Sauer und Schwarzsauer auftischte, die Küche unter sich hatte. „Und dann habe ich die Nummer nicht mehr gefunden, und dann stand er plötzlich einen Tag früher als verabredet hier, und…“ Er tupfte sich den Schweiß mit einer Serviette ab, während Herr Pläntzke, seines Zeichens Handlungsreisender der Fixikoch GmbH, die Brust heraus bog. „Sie werden nie wieder so ein schnelle Béarnaise zubereiten“, tönte er und griff nach dem Tütchen. „Eine Hälfte Wasser, eine Hälfte Sahne, kurz aufkochen, fertig!“ Petermann rümpfte die Nase. „Er hat recht“, gab ich zu bedenken. „Einmal diese Pampe aufkochen, und dann garantiert nie wieder.“

Natürlich hatte der Fertigwarenvertreter in seiner Aktentasche – es gab also Aktentaschen mit Kühlfach, man lernt nicht aus – noch mehr gruselig eingeschweißtes Zeug mitgebracht. „Die hochfeine Rindsroulade Roma mit westfälischem Rauchschinken und anderthalb Prozent getrockneter Essiggurke wird im gutbürgerlichen Segment sehr gerne genommen“, schwafelte Pläntzke, während er einen braungrau schimmernden Klops in Folie zwischen den Fingern drehte. „Wir bieten dazu ein portioniertes Selleriepüree an, einfach mit heißer Milch zubereitet – haben Sie zufällig ein bisschen Milch da?“ Petermann, Entremetier und seit Jahren die rechte Hand des Küchenchefs, widmete dem aufdringlichen Vertreter einen eindringlichen Blick. „Dies ist keine Kantine“, sagte er langsam, jedes Wort schwer betonend, „und ich weiß nicht, warum Sie uns mit Ihrem Plastikfraß immer noch auf die Nerven gehen.“ Jeder andere wäre empört gewesen oder wenigstens beleidigt, nicht aber Pläntzke; er hatte ein dickes Fell. „Weiß ich doch“, zwitscherte er, „weiß ich doch – aber wollen wir es uns nicht alle mal leicht machen, damit die Arbeit schnell von der Hand geht? Gucken Sie, ich habe da eine tolle Pasta-Variation für die Mittagskarte.“ Er zog ein aufdringlich gelbes Päckchen aus der Thermotasche heraus. „Jetzt neu im Sortiment, die Nudelserie Schnelle Welle: Fertigpasta mit Frischei und optionaler Sauce, dabei kombinieren Sie völlig frei Nudel- und Saucensorte!“ „Ein technologischer Durchbruch“, gab ich zu bedenken. „Darauf wartet man in der Gastronomie ja seit Jahrhunderten.“

Bruno hatte mich beiseite gezogen. „Ich kenne diese Sorte Vertreter“, flüsterte er. „Spätestens zehn Minuten, dann hat er Petermann weich gequatscht und verkauft ihm Heizdecken. Wir müssen etwas unternehmen.“ „Hol Bruno“, flüsterte ich zurück. „Ich halte den Schlawiner inzwischen in Schach.“

Pläntzke hatte unterdessen die Vorzüge des in Plastik mumifizierten Schnitzels gepriesen, als ich ihm ins Wort fiel. „Was empfehlen Sie als Beilage? haben Sie eine adäquate Tütenbratkartoffel oder leicht pappige Pommes im Programm?“ Ich wühlte im Präsentkorb herum. „Da sind ja kaum künstliche Aromastoffe drin“, stellte ich fest. Schon blähte der Verkäufer seine Brust wieder auf, da schmiss ich ihm das Tütchen vor den Latz. „Meine Güte! das erwartet der Konsument, dass er mit chemischem Gedöns vollgepfropft wird, und Sie lassen uns hier mit Ihrem Biokrempel alleine? Nicht mal richtige Farbstoffe, kein Geschmacksverstärker, skandalös!“ Er war nachhaltig verwirrt. Ich ging langsam drei Schritte auf ihn zu und beugte mich so weit zu ihm vor, bis ich sein billiges Rasierwasser riechen konnte. „Haben Sie keine Fertigbrühe“, fragte ich mit rauer Stimme, „der man trauen kann?“

Mit einem Knall flog die Tür auf, herein trat Bruno, dessen aufgezwirbelte Schnurrbartspitzen an einen schlecht gelaunten Hummer erinnerten. „Was wollen Sie“, schrie er, „und warum sind Sie immer noch nicht weg?“ „Wir sind gerade erst beim Schnitzel“, stammelte Pläntzke. „Sehen Sie, das ist vielleicht nicht ganz Ihre gewohnte Produktgruppe, aber wenn ich mir die Mitbewerber ansehe – ich war vorhin in einem kleinen Gasthof, hier an der Kaiserlinde rechts ab und dann…“ Der Bart zitterte gefährlich. „Mit dieser Kaschemme vergleichen Sie mein Restaurant?“ Jeden Moment musste seine Hand wie von selbst nach den Messern greifen. Ich sah versonnen auf das Fertigtütenhäufchen. „Da ist es ja auch sinnvoll eingesetzt“, erklärte ich. „Wenn die Gäste in solche Etablissements gehen, dann wollen sie halt, dass es genau wie zu Hause schmeckt, stimmt’s?“ Pläntzkes Knie erweichten sichtlich. Er hielt das Schnitzel wie einen Schild vor sich. „Man kann es traditionell zubereiten“, wimmerte er, „oder es für größere Gesellschaften in der Mikrowelle…“ Mit einem Wutschrei griff Bruno nach der Aktentasche, rannte durch die offene Tür in den Hof und schleuderte das Ding auf den Wagen des Vertreters. Mit tiefrotem Gesicht kehrte er in die Küche zurück, aber Pläntzke war schon durch den Gastraum verschwunden. Man hörte die Reifen quietschen, dann war er endgültig weg. „Und jetzt lass das verschwinden“, knurrte Bruno seinen Bruder an, „aber ungeöffnet! Wenn das jemand in meinem Müll entdeckt, sind wir geliefert!“