Grund: Wasser

16 03 2017

„Man muss sie sehr locker halten.“ Herr Breschke hielt sie dementsprechend locker, mit dem Effekt, dass sich nichts tat, gar nichts. „Vielleicht halten Sie sie noch nicht locker genug“, sann ich, während der alte Herr in winzigen Schritten über den Rasen tippelte. Dabei war dieses kleine Stück Draht sicher nicht alleine das, was sich bei ihm gelockert hatte.

„Ich habe mir das natürlich sehr genau erklären lassen, denn man muss ja die wissenschaftlichen Grundlagen verstehen, bevor man sich auf so ein Experiment einlässt.“ Er fasste den gebogenen Metalldraht an beiden Händen an, so dass die Spitze ein wenig nach oben zeigte. Ob sich das auf die Empfindlichkeit der Wünschelrute auswirken würde, wusste weder er noch ich, aber wenigstens würde es das Ergebnis nicht verändern – was aber in diesem Augenblick nur mir klar war. „Und Sie sind wirklich der Ansicht, dass Sie mit diesem Ding Wasser unter der Grasnarbe aufspüren können?“ Horst Breschke nickte heftig, zuckte aber jäh ob der Veränderung seiner eigenen Bewegung zusammen. Vielleicht, so dachte er wohl, würde das Wackeln seine radiästhesistischen Wahrnehmungen außer Rand und Band gebracht haben. Ich blieb skeptisch. „Früher“, sagte ich mit kritischem Unterton, „hat man das mit einer einfachen Astgabel gemacht, aber heute muss es gleich ein hochtechnisches Gerät sein.“ Er runzelte die Stirn. „Man macht das heute eben viel wissenschaftlicher. Das hat mir auch alles Ihre Nachbarin erklärt.“

Ach, Sigune. Vor langen Jahren war sie eine harmlose Körnerfresserin gewesen, die ihr Brot mit informativ gerührtem Vollmondwasser buk und den Topfpflanzen henochische Frühlingsreime vortrug, dann aber ging es rapide bergab. Ihr Chi bekam ein bisschen zu viel Yang, vielleicht war es auch ein Ceres-Durchgang in den gestreiften Aszendenten, jedenfalls suchte sie sich neue Opfer, wo immer sie sie kriegen konnte. Da ihre esoterischen Interessen rasch wechselten, verfügte sie auch über ein breites Repertoire an Hokus und Pokus, womit sie auf dem Wochenmarkt, mutmaßlich am Biogemüsestand, den pensionierten Finanzbeamten bequatscht hatte.

„Irgendwo hier muss eine Ader sein“, erklärte Breschke. „Die alten Landkarten sind voll davon, und wir heute müssen unser Wasser aus Bleirohren nehmen und teuer dafür bezahlen.“ Er fuchtelte unschlüssig mit der Rute durch die Gegend, dann rutschte sie ihm durch die Finger – nicht einmal er selbst hielt das für einen Ausschlag – und zeigte nach unten. „Sie meinen, seit dem Erdmittelalter laufen Röhren durch den Boden?“ Er war empört. „Verkaufen Sie mich nicht für dumm“, schimpfte Breschke. „Es weiß doch jeder, dass eine Schicht unter uns Grundwasser führt, und wenn man auf die stößt, kann man danach graben.“ Ich seufzte tief, doch ihn schien das gar nicht zu kümmern.

„Könnten Sie nicht den Rasen abstecken?“ Der Hausherr blickte hilflos um sich, als sähe er seinen Garten zum ersten Mal. „Ich muss ja wissen, wo sich die Wasseradern befinden, damit ich hinterher graben kann.“ „Also eben waren es doch noch Grundwasserschichten“, wunderte ich mich, „haben Sie die Karten der letzten Millionen Jahre denn nicht aufgehoben?“ Er guckte pikiert. „Sie wollen doch nicht das falsche Wasser aus einer dieser quer verlaufenden Schichten abzapfen?“ Er guckte noch viel pikierter. Genau da lauerte meine Chance. „Wussten Sie eigentlich, dass Wasseradern enorm schädlich sein können?“ Verwundert schüttelte er den Kopf. „Die Dinger verlaufen ja nicht gerade, das heißt, eigentlich verlaufen sie doch gerade, aber das ist ja das Problem.“ Er verstand mich nicht, also fuhr ich ungerührt fort. „Diese Adern verlaufen entlang des Erdgitters, das sich im Laufe der Jahre mit dem Magnetismus verschoben hat. Sie müssten also ihr Haus verrücken, damit die Adern nicht von Nordost nach Südwest durch die tragenden Wände laufen.“ „Moment“, plusterte sich Herr Breschke auf, „Sie wollen also behaupten, dass…“ „Aber ja“, bekräftigte ich, „denn diese diagonal verlaufenden Wasseradern sind natürlich extrem schädlich. Man kann dadurch sogar schlecht schlafen.“ Fast wäre ihm die Rute wieder entglitten.

„Ich will es trotzdem probieren“, rief Breschke trotzig. „Das kann doch nicht so schwer sein, andere haben damit auch geschafft!“ Und so stapfte er durch den Garten, bis er auf eine kleine Unebenheit im Rasen stieß und stolperte. „Da“, schrie er, „in der Richtung muss es sein!“ Und er lief auf den Kompost zu, griff nach der Schaufel und stieß sie in den Haufen.“ „Da muss es sein“, keuchte er, „der Ausschlag war ganz deutlich!“ Er grub und stocherte, und schließlich wurde er tatsächlich fündig. Ein kleiner Plastikkanister, mit Sicherheit vom Nachbarn Gabelstein über die Grundstücksgrenze geschleudert, befand sich im Grasabfall. „Das ist doch nicht möglich“, stammelte Breschke. „Doch“. Beruhigend klopfte ich ihm auf die Schulter. „Ihr Kleiderbügel muss wohl außergewöhnlich empfindlich gewesen sein, sonst hätte er die Flüssigkeitsreste gar nicht aufgespürt. Aber seien Sie bloß vorsichtig. Für den Nachweis einer Wasserader könnte man den Einsatz eines Pendels verlangen. Auf Ihre Kosten.“ Hektisch warf er die Harke von sich. „Ich wollte doch nur…“ Doch ich blieb hart. „Wasser ist Wasser, Sie müssen nur beweisen können, dass es sich nicht um eine behördlich genehmigte…“ Schon drehte er sich um. „Das muss mir jemand wissenschaftlich erklären“, wimmerte er, „vorher glaube ich kein Wort!“ Wir gut, dass es Wasserleitungen gab.





Lasse

14 03 2017

Er sah nicht aus, als wäre es überlegen, jedenfalls nicht mir. Und schon gar nicht moralisch. „Man muss ja nicht gleich entzückt sein“, muffelte Frau Rosenplüt. „Akzeptanz wäre schon mal ein guter Start für eine nachhaltige Beziehung gewesen.“ Ich musterte ihn kühl. „Verschwenden Sie ruhig einen Gedanken daran, dass ich gerade darauf so gar keinen Wert lege.“ Was sollte ich auch mit ihm anfangen. Er sah aus wie ein verunglückter Toaster.

„Wir hätten Lasse auch in eine Blondine bauen können.“ „Hätte“, höhnte ich. „Dann würden noch weniger Versuchskaninchen damit einkaufen.“ Sie nahm es hin. Der Blechkasten, den sie über der Schulter trug, war ohnehin noch nicht angeschaltet. Sie drehte ein bisschen an den Knöpfen, aber man hörte nichts im Ohrstöpsel, den ich von ihr zuvor bekommen hatte. „Wir gehen jetzt zu Kappenberg“, entschied sie. „Irgendwo müssen wir ja mit dem Experiment beginnen. Achtung, ich schalte ein!“ Sie schaltete ein. Lasse piepte einmal kurz auf, das Gerät fuhr hoch, ein paar Lichter flackerten auf der Metallhandtasche, und endlich rauschte es kurz im Ohrhörer. Das war es aber auch.

Wir betraten das Kaufhaus. Rechts und links standen die Sonderangebote, Rabatt auf Rabatt, scheußliche Farben, aber reduzierte Preise, und zu allem Überfluss hatte man Hosen mit vorgefertigten Löchern aufgehängt. „Sehen Sie es sich einmal an“, ermunterte mich Frau Rosenplüt. „Wenn er richtig eingestellt ist, müsste Lasse ihnen jetzt…“ „Sie brauchen das nicht“, quäkte die Stimme. „Das ist ein überflüssiges Wirtschaftsgut, das nicht Ihren Bedürfnissen entspricht.“ „Woher weiß dies Ding, was meine Bedürfnisse sind?“ Ich war doch sehr verwundert. „Und warum wird eine Hose mit Loch im Knie sonst produziert? Sehen Sie sich doch die jungen Leute an – das Zeug wird schließlich von denen gekauft.“ „Ich rede von Ihren Bedürfnissen“, tadelte mich die Blechbüchse. „Es entspricht nicht Ihren Bedürfnissen, also brauchen Sie das nicht zu kaufen.“ „Und wenn ich es will?“ „Sie haben ihn verstanden“, mischte sich Frau Rosenplüt ein, „er hat seinen Standpunkt klargemacht, und nun sollten Sie vielleicht dazu übergehen, Ihr persönliches Kaufverhalten zu überdenken.“ „Tut nicht dieses Ding das für mich?“ Sie sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

Natürlich hatte ich dieses Monstrum von einem Kaffeeautomaten nicht nötig. Schön sah es aus, der Kaffee war sicher auch ganz vorzüglich, aber ich hätte die Küche leerräumen müssen, um ihn durch die Tür zu bekommen. „Dieses Produkt ist nicht nötig“, wies mich die Kiste zurecht. „Was versteht das bisschen Elektroschrott schon von Kaffee“, wandte ich ein. „Theoretisch könnte ich mir diesen Apparat leisten.“ „Man kann auch in einem Café vergleichbaren Kaffee trinken.“ Frau Rosenplüt drehte hektisch an den Knöpfen. „Warum“, fragte ich zurück, „kaufen dann die Leute Autos? Können die nicht Taxi fahren wie alle anderen auch?“

Wir hatten die Sportabteilung durchquert – hier hatte sich das Gerät gemeldet und mir erklärt, dass ich keine Golfschläger bräuchte, da ich nicht Golf spielte, was aber die theoretische Überlegung außer Acht ließ, dass ich jederzeit damit anfangen könnte – und waren bei der Unterhaltungselektronik angekommen. Lasse wiederholte angesichts der vielen Fernseher monoton seinen Ratschlag, sich für andere Dinge zu interessieren. „Vielleicht wird er von den Banken bezahlt“, grübelte ich. „Wenn keiner mehr sein Geld ausgibt, haben die Banken immer genug davon, und dann ist es auch nicht mehr so schlimm, wenn die Wirtschaft kaputtgeht, weil keiner mehr etwas kauft.“ Frau Rosenplüt wollte gerade etwas einwerfen, da meldete sich Lasse zu Wort. „Man kann sich einen Fernseher kaufen, aber er entspricht nicht Ihren Bedürfnissen. Sie sollten ein Radio kaufen.“ „Ich besitze eines“, antwortete ich, „und ich bin jeden Tag enttäuscht, dass ich die Farben nicht einstellen kann – und ich wette, dass ich bei den Radios dasselbe hören wollte.“ Lasse würgte. Der Apparat hatte dafür einen Notfallknopf – kein deutsches Fabrikat ohne einen solchen – und spuckte etwas unsortierten Wortdurchfall aus; es handelte sich, wie gesagt, um ein deutsches Fabrikat. „Sie sollten mehr Zeitungen lesen!“ Frau Rosenplüt war verzweifelt. Immerhin war der Kasten trageangenehm. Das war doch auch schon etwas.

„Was will dieses Ding eigentlich?“ Lasse schwieg. Das war zu erwarten gewesen, schließlich hatte der Apparat mir noch kein vernünftiges Vergleichsangebot gemacht, ganz abgesehen von einem nachhaltigen. „Sicher brauchen Sie Schuhe“, erklärte er. „Jeder braucht Schuhe, und Sie tragen gerade welche. Sie sollten sich für ein Paar neuer Schuhe entscheiden.“ „Wer programmiert so einen Mist?“ Frau Rosenplüt war sichtlich überfordert. „Ich trage bereits ein Paar Schuhe, sollte das nicht ausreichen, um sich gegen jede weitere Anschaffung von Schuhen zu entscheiden?“ Lasse schwieg weiter. Vermutlich würde er in der Lebensmittelabteilung Spargel empfehlen, der mit frischem Andenwasser gegossen und nur einmal um den halben Erdball geflogen wurde, um dann als Bioware auf künstlichem Stroh zu verenden. Oder eine Kaffeekapsel, die aus zehn Prozent weniger Aluminium besteht. „Eins habe ich noch nicht ganz kapiert“, überlegte ich. „Warum sollte ich so ein Ding wie Lasse kaufen?“ Die Lämpchen erloschen. Immerhin kümmerte er sich so um meine wahren Bedürfnisse.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIII): Fertiggerichte

24 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst humpelt durch die westliche Welt, es hinterlässt Fettflecken am Türgriff, vermüllt die Landschaft, sein widerwärtiges Rülpsen lässt die Innenwände der Plattenbauten mählich bröseln. Es nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch die Dunstabzugshauben kompletter Reihenhaussiedlungen, die ohne seine Existenz nie in den ökologisch wertvollen Stadtrandboden gedroschen worden wären. Mit modifizierter Stärke lahmt das durch die Gegend, eine Vortäuschung von Leben, ungefähr so wertvoll wie ein Eimer gekauter Pappkartons, aber extrem laut und unglaublich bäh. Aus den Discounterregalen tentakelt sich das Zeug wie zufällig in die Einkaufskörbe, der unschuldige Kunde muss es unter Zwang verstoffwechseln. Es gäbe ja, ging’s nach ihm, niemals nicht gar kein Fertiggericht.

Der unter Industrieabfällen begrabene Rest aus Separatorendreck, Hühnerschlacke und Beifang, der im Polysaccharidschmodder dümpelt, ist trotzige Antwort auf den Bildungsmangel einer seicht verdeppten Ellenbogengesellschaft, Schlabber der Endzeit, Kapitulation vor den Schrecken einer bürgerlichen Gesellschaft, die der Beknackte mit der hilflos in Kitt geschwiemelten Interpretation von schnell erkennbarer Hausmannskost zu sich zu nehmen scheint. Tatsächlich würde der gemeine Hilfshonk die authentische Rindsroulade nicht einmal von ihrem hastig als Surrogat gezimmerten Zwilling unterscheiden können, wenn sie ihm das Bein wässert. Wozu auch. Er hat fertig, und mehr interessiert ihn nicht.

Denn der Bekloppte, kapitalistisch getrimmt auf kritiklosen Verzehr effektiv zusammengeklatschter Spachtelmasse, will nicht können, er will haben, und zwar sofort. Folglich pfropft er sich das knapp verdaubare Pendant zum Selfie in die durchweg geöffneten Schleimhäute: inhaltlich wertlos, man akzeptiert es nur, weil das Aussehen einem vertraut ist und der Hintergrund sowieso verschwimmt. Es schränkt nicht die Qualität ein, denn die ist hinfort ein irrelevanter Parameter: der Hunger treibt’s rein, der Ekel wieder raus, und letztlich gewöhnt man sich an alles. Mit wenigen Taschenspielertricks ist der kalorische Blitzkrieg sogar als Gehirnwäsche in der Lage, die herkömmliche Zusammenstellung aus Weißblechkonserven und Glasgemüse unpraktisch erscheinen zu lassen. In einem Arbeitsgang hebelt der Suizident überkrustete Proteine, Reisrückstand und Pflanzenteile zwischen verspätetem Abschied und Auferstehung auf den Teller, falls er den Schutt nicht gleich im Plastekryosarg in die knarzende Mikrowellenverbrennungsanlage schiebt: die Hälfte der Materie qualmt wie ein durchschnittlicher Tag in einem afghanischen Dorf nach dem Besuch der Air Force, alles andere hat noch knackigen Biss, da weiterhin kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Nicht einmal die Tütenbratkartoffel als unterstes Ende der Zivilisation, sonst der Horrorschocker unter den gutbürgerlichen Wirkungstreffern, nichts kann den Konsumenten von der Überzeugung abbringen, dass der für eine eherne Schmecke optimierte Pamps genießbar sei. Mitnichten, ist er doch nur ein grauenvoller Auswuchs der Technikgläubigkeit, die das industriell Machbare zum quasireligiösen Standard erhebt – dass es Forschern gelungen ist, Fleischkleinteile in Faserbündelgröße, molekular geschreddertes Pflanzenfett und diverse Zucker zum Heimaterdeeintopf Nazi Goreng zu komprimieren, einem Sperrfeuer aus gehärteten Glyceriden und Ballaststoffen, enthält schon die Verpflichtung, es sich in die Innereien zu stopfen.

Dabei spricht das zusammengenagelte Zeug der Selbstwahrnehmung Hohn, die Schnäppchen- und Geizkultur zur nationalen Kunstform erhoben hat. Der Bescheuerte erwartet nicht nur Gourmetware in vollendeter Qualität zum Schleuderpreis, weil ja inklusive Distribution, prekärer Personalkosten, Plasteschale, fünftklassiger Reklame und einer am Rande des Burnout torkelnde Rechtsabteilung der Krustenbraten aus der Makulatursau nicht nur ein Erlebnis an Natürlichkeit und Genuss garantiert. Dabei ist der Schleckschlamm lediglich das handelsübliche Verdickungsmittel, vorsichtshalber per Aufschrift mit fünfzig Gramm Portionsgröße auf medizinisch verträgliche Schadstoffwerte gedimmt. Das Readymade hat seine Entfremdung bis zur amorphen Asia-Pfanne mit Öko-Glutamat gesteigert, der Trickster der Entsorgungswirtschaft, der die Nahrungsaufnahme mit einer gewissen Anspruchshaltung so deformiert, dass Haltung und Anspruch in der Tonne verenden. Aber was erwartet man von einer Bausparerkaste, denen bizarre Recyclingversuche mit Fleischgeschmack sogar für Gäste außerhalb der direkten Nachkommenschaft ausreichen. Offenbar verstecken sich in der Masse genügend Ersatzstoffe für körpereigene Downer, die die Dröhnung an der Schleimhaut auspegeln. An sich hätte bei Markteinführung der orthogonalen Pizza ein enthemmter Mistgabelmob die Fabrik in Grundwasser führende Schichten einarbeiten sollen, aber was erwartet man von Querkämmern, die auf grobe Schmerzreize zu reagieren für die beste aller evolutionären Errungenschaften halten. Am Ende verkocht eh alles im einen, im letzten Brei.





Freie Markenwirtschaft

16 02 2017

„… da er in seiner Rede zum Verteidigungshaushalt mehrmals ohne einen Zusammenhang zum Thema die Hotelkette West Eastern genannt habe. Der haushaltspolitische Sprecher der…“

„… es sich nicht um einen Einzelfall gehandelt habe. Da die Ehefrau des Fraktionsvorsitzenden eine Leitungsfunktion im Süßwarenkonzern Mulli innehabe, werde das Produkt Fruchtschleckerli gezielt in allen Landesverbänden der Partei zu internen Sitzungen und wahlkampfbedingten…“

„… im hessischen Landtag Flyer für die Naturheilpraxis ihres Lebensgefährten ausgelegt habe, der erst kürzlich nach Wiesbaden gezogen sei. Zusätzlich habe sie mehrmals ein T-Shirt mit dem Rückenaufdruck Homöo Faberim Plenarsaal und in der…“

„… da West Eastern nur für Mitglieder seiner Partei ein preisreduziertes Angebot für Einzelzimmer mit Frühstück bereithalte. Der Beherbergungsbetrieb komme damit etwaigen Befragungen zuvor, die der jüngst eingesetzte Untersuchungsausschuss…“

„… es nicht im engeren Sinn um Wüstenhube gehe, sondern allgemein um Baufinanzierung. Die Landesgruppenchefin habe nur den ersten Namen genannt, der ihr in der parlamentarischen Auseinandersetzung in den…“

„… auch rechtliche Konsequenzen für den Sender nach sich zögen. So habe er bewusst in der Talkshow die Schuhsohle mit dem aufgedruckten Slogan Fruchtschleckerli, die schmecken! in die Kamera…“

„… die Bürgersprechstunde dazu genutzt habe, den Besuch der Heilpraxis zu empfehlen. Nach mehreren Beschwerden habe sie sich zunächst auf Twitter, dann auch in anderen…“

„… die Konferenz zur inneren Sicherheit der EU-Staaten in West Eastern Meeting umbenennen wolle. Der Justiziar der Golden Rose Group habe eine kartellrechtliche Aufklärung der Vorgänge mit sofortiger…“

„… nur mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt worden sei. Das Bundespräsidium habe erst kurz vor der geplanten Freigabe erfahren, dass sich der Spitzenkandidat auf den Wahlplakaten mit einer Tüte Fruchtschleckerli habe zeigen wollen, um die jüngere Zielgruppe zu einer…“

„… müsse man im Niedrigzinsumfeld auch dazu übergehen, Bausparverträge einseitig zu kündigen. Dieses habe sie wahrheitswidrig als Verhalten dargestellt, dass alle Bausparkassen mit Ausnahme von Wüstenhube praktizierte, so dass sich die Frage stelle, warum diese einseitige…“

„… Aktienpakete im Wert von fast zwei Millionen Euro erworben habe. Zeitgleich habe der haushaltspolitische Sprecher begonnen, Interviews nur noch dann zu geben, wenn die Kamera das Logo von West Eastern im Hintergrund…“

„… gehe es auch um zweckentfremdete Mittel zur Sanierung eines Schwimmbades sowie eines Kinderhospizes, die der Abgeordnete in seinem Wahlkreis für die Erweiterung der Mulli-Werke von 2007 bis einschließlich…“

„… beide Söhne im Vertrieb der Bausparkasse Wüstenhube arbeiten würden. Sie selbst habe einen Guthabenzins von 5,5% zugesichert bekommen, was angesichts der derzeitigen Entwicklung in der Finanzbranche kaum zu…“

„… eine einstweilige Verfügung erwirken wolle, da das Wahlplakat mit der Aufschrift ‚Politik ohne Schleckerli‘ geeignet sei, einen schweren Schaden für das bekannteste deutsche…“

„… insgesamt hundert Politikern, darunter dem gesamten Bundespräsidium, mehrtägige Aufenthalte in den West Eastern Hotels in Florida, Thailand, Südfrankreich, in Aspen, auf Hawaii und in den kanadischen…“

„… nicht als Wählerbeeinflussung zu verstehen sei. Es bleibe weiterhin erlaubt, an Schulen und Kindergärten Fruchtschleckerli in neutraler Verpackung zu verteilen, die keinerlei Rückschlüsse auf die Partei oder ihre politische…“

„… den Stand in der Fußgängerzone zwar für die Bundestagswahl beantragt, dann aber ausschließlich Prospekte und Informationsmaterial von Wüstenhube ausgelegt habe, so dass von einem politischen…“

„… von einem Insider berichtet worden sei, dass Mulli bereits 2014 damit begonnen habe, die zu je einem Viertel rot, gelb, schwarz und grün eingefärbten Fruchtschleckerli seien entsprechend der Landesregierung im Auslieferungsgebiet in ein anderes Mischungsverhältnis …“

„… Staatsgäste fast ausschließlich in West Eastern Hotels unterbringen wolle. Der Bundesrechnungshof habe dies Ansinnen bereits im Vorfeld als vollkommen…“

„… die Eintragung eines nicht erworbenen akademischen Grades im Personalausweis beantragt habe, da die Bezeichnung Dr. Faber für den gelernten Fliesenleger eine lukrativere…“

„… es sich beim neuen Testimonial, das auf Printanzeigen Fruchtschleckerli lutsche, um die Tochter des Fraktionsvorsitzenden handle. Das vierjährige Kind sei noch nicht geschäftsfähig, so dass die Einnahmen als nicht deklarierter Nebenverdienst des…“

„… beantrage sie die Entlassung sämtlicher Mitglieder des Untersuchungsausschusses, der den Verkauf von Bausparverträgen an…“

„… die Auslieferung einer wahlbezogenen Sonderedition der Fruchtschleckerli mit einem Eilantrag zu verhindern, da die Gefahr bestünde, durch ein Missverhältnis der Farben der Süßware eine erneute Beeinflussung des…“

„… mit dem Vorfall in Verbindung gebracht werde. Der ehemalige haushaltspolitische Sprecher sei im Berliner West Eastern leblos in seiner Suite aufgefunden worden. Es gebe keinen Hinweis auf Fremdverschulden, ebenso könne ein Unfall aufgrund der Spurenlage nicht…“





Staatstheater

17 01 2017

„Haben Sie diesmal alle Unterlagen zusammen oder müssen wir da wieder hinterherlaufen? Ich frage ja nur, weil Sie schon dreimal keine ordentlichen Finanzpläne eingereicht haben, und ohne einen ordentlichen Finanzplan kriegt man nun mal keinen gescheiten Terroranschlag auf die Reihe, oder?

Gut, Sie sind neu in dem Business, das passiert einem bei Selbstmordanschlägen ja berufsbedingt öfter mal, aber ein paar Basics müssen Sie schon mitbringen, wenn Sie uns als Sponsor auf Ihre Seite ziehen wollen. Sie müssen immer bedenken, wir bündeln alle Dienstleistungen, also eigentlich tun wir das gar nicht, aber vertrauen Sie uns trotzdem – wir bieten die beste Supervision über alle Bereiche, technischer Support bis zum dritten Level, Logistik, wir haben eine 24/7-Hotline für religiöse Zweifel, all inclusive, Rechtsabteilung, Social Media Team mit besten Kontakten zur internationalen Presse. Da können Sie unbesorgt selbst Hand anlegen, mehr als unsere Beratung werden Sie nicht brauchen.

Natürlich brauchen Sie die. Jetzt gibt es in Frankreich schon ein Gesetz, dass man Sie für den Besuch islamistischer Websites in den Knast steckt. Klar ist das schlimm – stellen Sie sich mal vor, wie viele Attentate damit im Keim erstickt werden, nur weil sich Tatwillige leichtsinnig aus dem Verkehr ziehen lassen. Da muss man etwas unternehmen. Rechtsstaatliche Mittel, um westliche Rechtsstaaten zu zerstören, dürfen nicht einfach eingeschränkt werden. Aber kriegen Sie das mal hin, wenn Sie als einfacher Bürger gegen ein ganzes von jeder Moral unberührtes Staatssystem ankämpfen wollen. Ohne uns an Ihrer Seite.

Sie müssen uns da eher als Player in einer öffentlich-privaten Partnerschaft betrachten. Sie holen sich mit unserer Unterstützung selbst die finanziellen Mittel für den Anschlag, den Sie auch selbst planen und selbst vorbereiten und selbst durchführen dürfen – wir bekennen uns hinterher dazu. Als Qualitätssiegel, wenn Sie so wollen. Das setzt natürlich voraus, dass wir wirklich über alle Fakten und Umstände des geplanten Attentats in Kenntnis gesetzt werden. Nichts ist so peinlich wie ein Anschlag, der komplett aus dem Ruder läuft und dann mit unserem Namen assoziiert wird. Damit versauen wir uns mittelfristig jede Reputation, und als Islamischer Staat, der wir ja nun mal für die Weltöffentlichkeit sind, dürfen wir uns solche Schnitzer einfach nicht erlauben. Das sieht doch am Ende nur aus wie Staatstheater – wer würde mit so einem ideologischen Partner denn gerne weiterhin gemeinsame Projekte erarbeiten?

Unsere Qualitätskontrolle geht vielschichtig vor, uns interessiert auch scheinbar Nebensächliches. Ob Sie aus einem klassisch islamistischen Staat kommen, ob Sie Wirtschaftsflüchtling sind, ob Sie eventuell erst in Europa radikalisiert wurden, im Internet oder in der Moschee, ob das eine offizielle Vertragsmoschee war – Customer Relationship Management brauchen Sie da einfach, Bonussystem und solche Sachen halt, sonst springen einem die Imame ab, wenn sie nicht regelmäßig ihren Scheck kriegen – solche Sachen halt, die über Erfolg und Misserfolg der Operation entscheiden können. Alles kein Hokuspokus, sondern geballte Erfahrungen. Anders kommt man einfach nicht an die Spitze.

Ich sehe, Sie sind wirklich ganz neu in dieser Branche, anders ist Ihre Reaktion nicht zu erklären. Stellen Sie sich mal vor, wir räumen unsere Konten leer oder statten irgendwelche Amateure aus mit Empfehlungsschreiben für finanzkräftige Investoren in den westlichen Faschismus, und dann kommt am Ende nicht außer Tischfeuerwerk oder Terrorzellen, die im Spätstadium von der Polizei hochgenommen werden, weil sie ihre ganzen Anschlagspläne unter den Augen der Geheimdienste vorbereitet haben. Das geht doch nicht.

Letztlich müssen wir uns ja auch mit den Folgen der Tat identifizieren. Geradestehen tun Sie dafür, das ist nun mal die Aufgabenverteilung, aber uns wird das angerechnet, positiv wie negativ. Da muss man natürlich die Kontrolle behalten. Wenn Ihre Familie erstmal die vertraglich vereinbarte Summe auf dem Konto hat, wird doch kein Mensch mehr einen Terroranschlag durchziehen. Und das sind Erfahrungswerte, keine Spinnerei. Man kann es ja bis zu einem gewissen Grad auch nachvollziehen, aber ich bitte Sie: so idealistisch sind wir nun auch wieder nicht.

Sicher haben wir auch unsere eigene Kontrolle, da gibt es nichts. Irgendwie muss man das ja auf die Reihe kriegen, und unsere Lösung ist immer noch die beste. Andere Organisationen würden jetzt schon mit Killerkommandos arbeiten, aber mal ehrlich: bei Selbstmordattentätern? Wir lassen uns da lieber von ein paar Verfassungsschützern gezielt infiltrieren, die uns unzuverlässige Partner aus dem Weg räumen. Das ist im Zweifel immer noch das beste Mittel und dazu verhältnismäßig preiswert. Vernetztes Denken, Sie verstehen? Auf intelligente Business-Lösungen können wir nicht verzichten, das gehört im internationalen Geschäft ja längst zur Grundausstattung.

Lassen Sie mal sehen. Das Einsteigermodell für unter 100.000 Euro ist natürlich genauso gut für Sie konfigurierbar, setzt aber einen gewissen Eigenanteil von Ihrer Seite voraus. Fahren, Sprengen, Abwicklung. Wo sehen Sie denn da Ihre Rolle?“





Rechts abbiegen

11 01 2017

„La-dida-didadi-da-daaa“, trällerte er und tänzelte mit leichtem Schwung in den Hüften den Kiesweg entlang bis zum Kofferraum, „Elviiira Españaaa!“ Herr Breschke setzte den Karton mit den Gläsern vorsichtig in den Wagen hinein. So gute Stimmung hatte ich bei ihm lange nicht erlebt, und das schon vor dem Urlaub.

„Den Mantel legen Sie auf die Rückbank“, wies er mich an. „Wir fahren auf dem Rückweg bei der Reinigung vorbei, da hole ich auch gleich die Jacke ab. Können wir?“ Ich nickte und stieg ein. Der alte Herr zog die Tür hinter sich ins Schloss und legte den Sicherheitsgurt an. Dann schaltete er das neue Gerät ein – das Geschenk seiner Tochter und wie zu erwarten mit einem chinesischen Startbildschirm. „Es stellt sich gleich um“, ließ er mich wissen. Der elektronische Navigator nahm sich dafür sehr viel Zeit, und doch war es irgendwann geschafft. „Also ist das heute eine Art Jungfernfahrt“, stellte ich fest. Er nickte. „Wir haben das Gästehaus in Barcelona schon einmal einprogrammiert, und nächste Woche machen wir uns auf dem Weg zu unserer Tochter.“ Unter einer quäkenden Tsching-Tschang-Tschong-Musik zeigte eine Roboterfigur auf dem Bildschirm die unterschiedlichen Optionen an. „Zuerst zu Frau Bierbichler“, entschied Breschke. „Sie weckt ein und kann die Gläser gut gebrauchen. Goldkäferweg Nummer dreißig.“ Das Getön verstummte, dafür kostete es selbst mich erhebliche Mühe, die winzig kleinen Tasten auf dem Display zu sehen. Horst Breschke klemmte vor lauter Konzentration seine Zunge zwischen die Zähne. „Gleich habe ich’s“, murmelte er. „Gleich…“

„Rechts abbiegen“, säuselte die Stimme, „rechts abbiegen!“ „Wir fahren doch aber nach Westen“, wunderte ich mich. „Dieses Gerät schickt sie in die entgegengesetzte Richtung.“ Breschke bremste kurz an. „Vielleicht liegt es ja daran, dass es aus China kommt?“ Und so nahm er wieder Fahrt auf, ganz wie der Bildschirm anzeigte, ging es in Richtung Hauptbahnhof. „Nächste Gelegenheit links abbiegen“, informierte die elektronische Dame, „bei der nächsten…“ „Hier gibt es so gut wie keine Straßen, in die wir links abbiegen können.“ Ich sah noch einmal nach. „Wahrscheinlich sagt es immer das Gegenteil an“, grübelte Breschke. „Also die Himmelsrichtungen, links und rechts – ich werde die nächste rechts nehmen.“ Ruckartig lenkte er die Limousine in den Adalbert-Stifter-Weg, knapp vorbei am Schild, das ihn als Einbahnstraße zu erkennen gab, wenngleich von der anderen Fahrtrichtung her. „Haben Sie das Schild nicht gesehen?“ Er wollte gerade antworten, aber das Ding kam ihm zuvor. „Nächste Gelegenheit rechts abbiegen.“ Nach zwei derartigen Manövern bog Breschke über die Uhlandstraße wieder auf die Kastanienallee ein. „Einmal im Kreis“, bemerkte ich trocken. „Sollten Sie auf dem Landweg nach Spanien zufällig einen neuen Kontinent entdecken, geben Sie mir schnell Bescheid.“

Man merkte, wie im Kopf des pensionierten Finanzbeamten arbeitete. Zwei Wagen und einen Omnibus wartete er ab, dann bog er links wieder auf die Hauptstraße ein. „Wenn wir uns jetzt in der Gegenrichtung bewegen, dann stimmen die anderen Hinweise vielleicht wieder.“ Das leuchtete mir ein, schließlich hätten wir zu Fuß auch keinen anderen Weg genommen. „Am Kreisverkehr bei der ersten Möglichkeit herausfahren“, meldete sich der Wegweiser wieder zu Wort. „Bei der ersten…“ „Das Display zeigt auf die Schönfelder Chaussee“, gab ich zu bedenken, „das ist doch nicht die erste?“ Schon vor Jahren hatte man die Verkehrsführung so geändert, dass ganz neue Zu- und Abwege sich ergaben, aber das war an dieser Straßenkarte wohl komplett vorbeigegangen. „Ich will nicht meckern, aber das Material scheint mir etwas überholt.“ Horst Breschke zog die Stirn in Falten. „Oder sie haben ihr eins verkauft, das nur für Spanien gilt?“

Einmal kreiselten wir in der Tirpitzstraße auf die bisher erprobte Weise rechtsum, sodann legte der Fahrer neben mir eine gekonnte Vollbremsung hin, als ihm das Navi ins Hafenbecken abzubiegen empfahl. „Ich verstehe es nicht“, jammerte er. „Das Gerät ist doch ganz neu, ich habe nichts verstellt!“ „Daran könnte es liegen“, gab ich zurück. „Wenn Ihre Tochter solche Sachen kauft, ist man ja vor Überraschungen nie wirklich sicher, aber hier stoße sogar ich an meine Grenzen.“ Beherzt gab er Gas, fuhr über den Kreisverkehr in den Libellenweg, bog links in die Seerosenstraße und an der Kreuzung Am Stadtpark – Gartenstraße rechts ein in den Goldkäferweg. „Warten Sie einen Moment“, bat er. „Ich trage Frau Bierbichler eben die Gläser an die Tür, dann kurz zur Reinigung, und dann brauche ich eine Tasse Tee. Eine große Tasse Tee!“

Keine fünf Minuten später hatte sich Herr Breschke wieder ins Auto gesetzt. Grimmig blickte er den kleinen Kasten auf dem Armaturenbrett an. „Ich gebe die Adresse der chemischen Reinigung ein, und dann fahren wir die normale Strecke. Wollen wir doch mal sehen, wohin uns der Apparat diesmal lotsen will.“ „Rechts abbiegen“, säuselte die bekannte Stimme wieder, „rechts abbiegen!“ Er gab Gas und rollte durch die Schönfelder Chaussee direkt auf den Kreisverkehr zu. „Wenn ich das gewusst hätte“, knurrte Breschke. „Das Ding ist doch nicht ganz – oh!“ Kurz vor dem Kreisel würgte er den Motor ab. Schreckensbleich sah er auf das Display, wo uns die Weiterfahrt bis zum Adolf-Hitler-Platz empfohlen wurde. „Bauen Sie es lieber aus“, riet ich Breschke. „Lassen Sie das Ding hier, wer weiß, was Sie damit anstellen, wenn Sie nach Spanien fahren.“





Erlebe die Möglichkeiten

3 01 2017

Hildegard bremste ab. Ohne auch nur den Kopf zu drehen, setzte sie rückwärts in die enge Parklücke. „Beschwer Dich nicht“, moserte sie, „ich mache das Deinetwegen, schließlich war es Dein Geschenk!“ Ich hatte es mir nicht gewünscht, dafür hatte sie es mir geschenkt. Und jetzt standen wir hier, komplett eingeklemmt vor dem Heimwerkermarkt.

„Wir brauchen eh eine Badleuchte“, murrte die Begleiterin und schob mich durch die Eingangstür. „Und dann kannst Du gleich nach einem neuen Tretmülleimer schauen, den brauchst Du auch. Am besten fragst Du gleich mal an der Information.“ Wo das Schild hing, starrte ein draller Mann im gelblich zerknitterten Hemd durch mich hindurch, als wäre ich Luft hinter einer Glaswand. „Wir wollten in die Elektroabteilung“, teilte ich ihm mit, aber er verstand mich nicht. Möglicherweise war es ihm auch nur völlig egal. „Hallo“, versuchte ich es wieder, diesmal schon mit der Hand vor seinem in Desinteresse zerfließenden Gesicht. „Lampen und Elektro? Wo!?“ Keine Reaktion. Hildegard zog das Kärtchen aus der Tasche. „Einen wunderschönen guten Tag“, jubelte der Dicke, „Sie werden heute den besten Service in unserer Filiale erleben – wir sind immer für Sie da!“ Er stempelte die Karte ab und zeigte mit dem Finger nach links. „Unser Elektroparadies befindet sich direkt hinter den Baubeschlägen, fragen Sie uns gerne nach unserem einzigartigen Rabattsystem für Sie!“ Das also war der Erlebnisgutschein für den Besuch im Baumarkt.

Sicherlich war die Verkaufsfläche völlig mit Überwachungskameras bedeckt, die ansonsten für das spurlose Verschwinden des Personals sorgten. Jetzt aber diffundierten hier und da Leute in gelben Hemden durch die Regale – es mussten wohl immer dieselben sein, so viele Verkäufer hätte man sonst in Europa nicht an einem Tag auftreiben können – und winkten freundlich. Ich betrat den Gang. Skeptisch betrachtete ich die verchromten Leuchtklopse, die da an der Stellage hingen. „Darf ich Ihnen helfen?“ Wie aus dem Boden gewachsen stand der Mann neben mir. „Ich suche eine…“ „Haltbar durch den energiesparenden Acrylglasschirm“, schwatzte er, „und die hochwertige Verarbeitung ist auch mit LED, die Sie nicht mehr austauschen müssen.“ Er griff eine zweite. „Diese hier ist auch im Angebot, da kann man das Leuchtmittel ebenfalls, aber die Verchromung ist besonders mit dem Acrylglas, das ist dann auch viel haltbarer.“ „Ich wollte“, warf ich ein, „eigentlich nur eine Lampe.“ Hildegard drehte die Augen sehr weit nach innen. „Entscheide Dich doch endlich mal!“ „Sie kriege natürlich in dieser Effizienzklasse auch die Klassiker“, schwafelte der Verkäufer weiter, „aber die sind dann nur in Acryl mit Chrom, und die Beleuchtung geht dann als LED.“ Warum hatte sie mir nicht etwas mit mehr Zartgefühl und Entspannung geschenkt, zum Beispiel eine Nachtschicht im Schlachthof.

Ich entschied mich vorsichtig für ein Modell, das dem aktuell in meinem Bad hängenden recht ähnlich sah, doch der Verkäufer ließ nicht locker. „Ich habe die auch in Warmweiß, da müsste ich mal eben ins Lager. Kleinen Moment!“ Fort war er. „Lass uns gehen“, drängte ich, „wir wollten doch noch einen Mülleimer holen.“ „Den können Sie so nicht mitnehmen“, raunzte es neben mir. Ein Mann riss mir die Leuchte aus der Hand, hängte sie ans Regal zurück und drehte sich um. Ich hielt ihn an der Schulter zurück. „Moment!“ Er hatte offenbar nicht mit Widerspruch gerechnet und ging bereits in die Verteidigungshaltung über. „Sie besorgen mir jetzt dieses Modell mit einer warmweißen Lampe und dann…“ „Das ist nur für die Decke“, blaffte er, „sehen Sie doch selber!“ Hildegard biss sich auf die Unterlippe. „Erstens will ich eine Deckenleuchte“, antwortete ich sanftmütig, „und zweitens: warum hängt dieses Ding da senkrecht am Regal?“ „Weil die fürs Bad ist, können Sie nicht lesen?“ Da holte ich den Gutschein aus der Manteltasche. Er sah mich ungläubig an. „Sie werden mir jede einzelne dieser verdammten Leuchten zeigen“, erklärte ich, „und wenn ich ‚jede einzelne‘ sage, dann meine ich das auch so, klar!?“ Er nickte hilflos. Ich drückte ihm den runden Lichtkloß wieder in die Hand. „Los jetzt“, knurrte ich, „ich will ein unvergessliches Erlebnis!“ Hektisch drehte er an der Scheibe, so dass ein Teil der verchromten Plastikverkleidung abbrach. „Sehr effizient“, stotterte er, „und mit einer Neun-Watt-Lampe, das heißt vier mal drei, oder drei mal zwei?“ „Spritzwasserschutz“, half ich ein, „ich würde gerne über Spritzwasserschutz bei diesem Modell diskutieren.“ Verzweifelt sah er auf dem Karton nach. „Die muss geschützt sein“, rief er mehrmals, „ich bin mir sicher, die ist auch sicher!“ „Nur die Ruhe“, tröstete ich ihn, „wir haben noch den ganzen Tag Zeit.“

Keine zwei Stunden später kam mit federndem Gang und einer warmweißen Chromdeckenleuchte der ursprüngliche Meister Lampe zurück. „Wir hatten da noch genau ein Exemplar“, verkündete er fröhlich, „und ich lege Ihnen noch einen zweiten Satz Leuchtmittel drauf – weil Sie es sind!“ Der konvulsivisch zuckende Kollege auf dem Boden fingerte nach seinem Hosenbein. Er musste es wohl übersehen haben. „Sehr gut“, sagte ich befriedigt. „Ganz hervorragend. Dann bräuchten wir jetzt ja nur noch einen Mülleimer.“ Ich reichte den Karton mit der Leuchte an Hildegard weiter. „Falls Dir im nächsten Jahr nichts einfällt“, sagte ich, „meine Gardinen haben es echt nötig.“