Pinkeltaste

11 07 2018

„Fünfundneunzig auf zweiundachtzig. Schon schön, was Ihre Potenzprothese so an Bohrung mal Hub hat. Sie sind verheiratet? Geschieden. Hätte man bei dieser Fahrzeugklasse ja rausfinden können, dass Sie sich keinen Therapeuten leisten können.

Vor zwei Jahren haben Sie angegeben, dass Sie nicht den Maserati, sondern den SUV nehmen, um die Tochter Ihrer Teilzeitbettdekoration zur Kita zu fahren, weil der Seitenaufprallschutz auf hundert Metern Wegstrecke besser wäre. Merken Sie schon, oder? Gut. Das gibt ordentlich Minuspunkte. Hallo!? Feinstaub! Sie wollen mir doch jetzt nicht weismachen, dass Sie die paar Schritte zur Kita nicht mit dem Fahrrad zurücklegen können? Haben Sie sich mal überlegt, dass Sie die Erde nur von Ihren Kindern geborgt haben? Ah, verstehe. Mit einem dicken Bankkonto lässt sich die Scheiße in der Gated Community viel besser verkraften. Das nenne ich mal einen nachhaltigen Lebensentwurf. Gut, dass Ihr Tochter das noch nicht kapieren muss.

Fleisch essen Sie auch? Immer die guten Fertigschnitzel von Feinkost Schnuckiputz? Das Wertvollste an den Lappen ist ja die Verpackung. Naturbelassene Folie aus handgeschöpftem PVC. Das können Sie noch in fünfhundert Jahren aus dem Meer ziehen, wenn Sie da zufällig noch Wasser finden sollten. Minuspunkte. Sie haben sich diesem Test gestellt, also kriegen Sie auch das Ergebnis.

Natürlich haben Sie sich diesem Test gestellt. Wer ein neues Auto kaufen will, wer eine neue Heizung für sein Eigenheim braucht und keine emissionsneutrale Lösung wählt, wie sie die Branche dank der Subventionen inzwischen quasi zum Selbstkostenpreis anbietet, der muss halt blechen. Wo ist Ihr Problem? Ihre Lebensgefährtin ist nicht besonders hell in der Birne, also warum sollten wir uns da etwas vormachen. Sie schaffen das schon ganz gut alleine. Jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, nach Mallorca zu fliegen. Seit gut zehn Jahren Biosphärenreservat der EU. Wenn Sie mich fragen, die Alte ist behämmert. Da muss man einfach nur mal gegenrechen, dann ist das Thema aber so was von erledigt.

Jedes Jahr ein neues Smartphone. Sie lassen sich die Dinger von Paketo schicken. Lebensmittel übrigens auch, was hatten wir da? Avocados. Spargel. Gut, das war letztes Jahr zu Weihnachten, und der war natürlich mit Wasser aus den Anden angebaut. Nur die Luftfracht aus Chile stand nicht im Prospekt. Sie bevorzugen seit einigen Wochen Ananas? Ja, das passt. Pinkeltaste? Seit wann kriegt man Bonuspunkte für eine Pinkeltaste? Wissen Sie eigentlich, wie oft und wie lange Sie pinkeln müssten, um einen Flugkilometer nach Mallorca zu rechtfertigen? Oder einmal mit dem SUV zum Bäcker, damit die Brötchen noch warm zu Hause ankommen.

Ich weiß es auch nicht. Vielleicht stellen Sie für ein paar Jahrhunderte das Ausatmen ein, dann könnten wir uns über Ihren Antrag noch mal unterhalten. Gucken Sie mich nicht so an, ich habe das Gesetz nicht gemacht. Größere Eingriffe in die Biodiversität, Flugreisen, wasserwirtschaftlich relevante Baumaßnahmen, das muss jetzt eben alles mal ordentlich begründet werden, sonst machen wir den Planeten noch schneller kaputt. Wobei, da packt mich tatsächlich mal die Neugier. Wozu um alles in der Welt braucht man im Garten einen Heizpilz? Zum Grillen im Winter? Ja, das klingt logisch. Und Ihre Gartenmöbel aus Tropenholz, die sind sicher auch nur ironisch gemeint? Also angeschafft ist angeschafft, das ist wie in Flensburg. So schnell kriegen Sie die Punkte nicht weg.

Nein, ich will nicht über Energiesparleuchten mit Ihnen reden. Die Dinger sparen zwar Energie, wenn auch wenig, aber irgendwer muss die ja auch produzieren. Ja, das ist auf demselben Planeten. Die Erkenntnis kommt für viele etwas überraschend, weil man ja meist glaubt, die wachsen im Baumarkt nach. So wie die Ananas in der Dose. Und Ihnen ist auch klar, was die Leuchten für eine Toxizität haben, wenn sie mal verbraucht sind. Austauschen hilft nur bedingt, Sie müssen die schon bis zum bitteren Ende weiter benutzen. Und dann haben Sie immer noch etwas davon.

Bio-Schokolade? Ja, kann man machen. Wir sind hier keine Moralapostel. Wir interessieren uns für Ihre Öko-Bilanz, und zwar nur für die. Was Kinderarbeit angeht, hat die Politik schon eine sehr klare Vorstellung, die sie nicht in die Tat umsetzt.

Also wenn Sie schon einen Zweitwohnsitz haben, warum nehmen Sie den nicht als Feriendomizil? Ah, verstehe. In den Kühlschrank passt nicht genug Champagner. Und nein, ich weiß gerade nicht, wie man dafür die Kompensationen berechnet. Wahrscheinlich irgendwo im Bereich von Hundesteuer. Keine Ahnung. Und nein, es würde nicht helfen, wenn Sie regional erzeugten Champagner kaufen. Oder regional erzeugte Flaschen. Oder regional erzeugte Kühlschränke.

Gut, das wäre dann hier einmal und da einmal, und da bekomme ich noch eine Unterschrift für den Datenschutz. Das sind dann drei Wochen Radtour durch die Eifel mit dem Wurfzelt. Drei Personen. Für Ihre Enkel. Also, falls Sie mal Enkel haben sollten.“

Advertisements




Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXX): Das Überangebot

29 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die warme Jahreszeit Einzug hielt am Felshang dicht bei dem kleinen Tümpel, wuchs manche Beere im grünen Dickicht. Manche waren rot und süß, manche blau, gelb oder lila, manche süß und dann sauer, einige sauer, dann süß, manche mehlig bis weich, einige überraschend süß, dann aber widerwärtig bitter, eine sorgte für ein taubes Gefühl in der Zunge, eine entwässerte den Körper dank tagelangen Brechreizes gründlich, eine hatte nach des herben Buketts von Rotblüte und Seegras eine duftige Kopfnote von Braunbaumrinde mit Akzenten von Sommerregen und Humus, bevor der stahlige Abgang die säurebetonte Stumpfpilznote noch einmal aufnahm. Er führte kurz nach der Einnahme zu einer Lähmung des Atemzentrums, was die Hinterbliebenen vor die Wahl stellte: rote oder blaue Süßbeeren? Das war keine Frage des Stils, das beugte sich dem Überangebot.

Die postmoderne Bestückung des Einzelhandels hat die Fronten etwas bereinigt; kein Waschmittel explodiert beim Öffnen, keine Konserve vergiftet vorsätzlich den Käufer, wer sich genug Schnaps für die letale Dosis in die Birne bembelt, handelt stets aus eigener Verantwortung. Doch der Verbraucher wird aus Dumm- und Bosheit mit Marmeladen beschmissen, mit drumunddrölfzig Sorten in aller Herren Länder Glasdesign, verschraubt, vermufft, verdengelt und verschweißt, rund, eckig, fast alle in dreidimensionaler Ausführung, und die Botschaft auf der Außenseite heißt: Marmelade. Kauf mich. Es gibt fünfunddreißig Sorten Kirsche im Regal des hysteriebetonten Fachmarktes für Frustkäufe, unter ihnen elf Items mit ohne Zusatz, darunter wieder die finalen drei Sorten Schwarzkirsche, Schwarz mit Weichsel und Schwarzkirsche-Knupper. Das in der Luft wabernde Getöse der Megamärkte speist sich vom dumpfen Aufschlag der Kunden auf dem abwaschbaren Boden der Tatsachen, wenn die Schwerkraft ihre Schädelfrontseite erdet. Was aber kaufen, wo doch alles sinnlos ist?

Die Entscheidung zwischen drei Sorten Plörre mit fünf Achteln Zucker ist genug, das limbische System kapituliert kreischend vor der Entscheidung und schwiemelt dem Bekloppten die Daten zurück in den Eingangsspeicher. Es geht ja gar nicht um die Menge der nicht verwertbaren Sorten, die nach reiner Vernunft kritischen Dinge sind entscheidend. Können drei Sorten Kirsche den durchschnittlichen Konsumkasper schon so demontieren, dass er die Contenance verliert? oder muss ein Kübel Pfirsich-Schlumpf mit getoasteter Qualle die Entscheidung auslösen? Die Menge der in Betracht kommenden Geschmäcker ist nicht relevant, es ist die Masse der nicht in Betracht kommenden, die zwar theoretisch wählbar sind, praktisch jedoch keine Rolle spielen, nur als Fehlermöglichkeiten, dass der Beknackte die falsche Entscheidung getroffen hat. Je mehr ungenießbares Zeug das Angebot bläht, desto mehr Angst erzeugt es beim Kaufinteressenten und damit umso weniger Kaufinteresse.

Wer wählt, verpasst zwingend den Großteil der Alternativen. Der sich auftürmende Kanaltsunami, der das ehedem überschaubare Fernsehen flutet, hat den Fußballgucker im Auge. Das Wesen des Kapitalismus gebietet, dass das Angebot erweitert und differenziert wird, geschärft, verbreitert. Bald sind es zwölf Kanäle, die Hälfte davon nicht mehr mit dem ubiquitären Gekicke satter Millionäre, wie es auch andere Medien hochspülen, sondern die sich immer weiter aufdröselnden Regionalligen, die unter der Woche Bälle treten, die schönsten Elfer aus der Regionalliga in Dauerschleife, der Pokal von anno dazumal in der neunten Wiederholung wegen Fallrückziehers in der Verlängerung. Bald sind es neun quasi per Parthenogenese geschlüpfte Klone, die um die Quadrataugen des unschuldigen Opfers buhlen, der sich für jeweils eine Todesart entscheiden muss: einen einschalten heißt alle anderen verpassen, und nicht einmal der Trost hilft, dass man sich den ganzen anderen Schmodder schließlich aufzeichnen und wegtuppern könnte für den Ruhestand, was sich bei Marmelade schon schwieriger gestalten würde. Es passt immer nur ein Brot in die Backe.

Der Hominide ist kein Entscheidungträger, er bedarf der Führung, und was ihm als Freiheit gezeigt wird, bedrückt ihn. Einfach strukturierte Personen kommen viel besser zurecht mit einfach strukturierten Möglichkeiten: rund oder eckig, heiß oder kalt, Sekt oder Selters. Die Schnapsidee, jede Hochschule mit Studiengängen jenseits der Verarbeitungskapazität der Amygdala auszurüsten, führt zu einer Schwemme von Juristen und Lehrern, weil sich interkulturelles Food-Management und gendergerechtes Klöppeln schon anhören, als bekäme man statt eines Abschlussexamens gleich den Therapieplatz für die posttraumatische Störung. So gibt es viele unzufriedene Juristen, die ihre aufkeimenden Phobien im Staatsdienst gut in den Griff kriegen. Hätten sie dagegen Marmelade auf Lehramt studiert, wer weiß, was dann passiert wäre.





Schnapsleichen

8 05 2018

„… über eine Einschränkung des Alkoholverkaufs und über einen Anstieg der Preise für alkoholhaltige Getränke nachdenken müsse. Es sei eine nationale Aufgabe des…“

„… alle bisherigen Präventionsmaßnahmen ohne Erfolg geblieben seien. Es sei eine Frage des politischen Willens, dass sich Eltern an den Folgekosten des Alkoholkonsums ihrer Kinder…“

„… etwa im Rahmen einer Suchterkrankung zu finden sei. Durch einen Preisanstieg wachse proportional das Einsparpotenzial, was als positiver Anreiz für viele…“

„… habe sich die Drogenbeauftragte der Bundesregierung skeptisch gezeigt. Alkohol gehöre zur Leitkultur des christlich-abendländischen Staates, der seine Identität nur mit dem…“

„… ohnehin in sozial abgehängten Schichten stattfinde. Der Alkoholkonsum sei demnach eine Folge zu hoher Sozialleistungen, deren Kürzung verhindern werde, dass Spirituosen zu teuer für die Leistungsträger der…“

„… von der CSU in allen Belangen unterstützt werde. Für Dobrindt gehöre Alkohol schon deshalb zu Deutschland, da der Islam ihn als nicht…“

„… auch um Arbeitsplätze in den Brauereien, im Einzelhandel und in den therapeutischen Einrichtungen gehe, die der Volkswirtschaft des…“

„… könne man über eine Alkoholmaut gerne reden, solange diese nur außerhalb von Bayern gelte. Seehofer werde dies auf der Länderkonferenz der…“

„… der Alkoholkonsum in Deutschland sich ohnedies stetig verringere. Dies könne nur bedeuten, dass die fremdländischen Einflüsse auf das deutsche Volk so weit vorangeschritten seien, dass sich der negative…“

„… sich um eine statistische Verfälschung handeln dürfte. Man könne eine Vielzahl von Unfällen im Straßenverkehr nicht als Folgen des Rausches betrachten, sondern müsse sie als Ergebnis der unsachgemäßen Handhabung von Kraftfahrzeugen und…“

„… nicht auf Aufklärungsmaßnahmen setze, da die Bevölkerung diese nur sehr langsam verstehe. Für die Wiederwahl sei es besser, ein schnelles Ergebnis in der…“

„… eine Steuer auf billige Alkoholika erheben wolle. Ab einer entsprechenden Höhe seien diese dann kostspieliger als Markenware, was sich wiederum negativ auf die Absatzmärkte dieser…“

„… könne ein traditionelles Ereignis wie das Oktoberfest nicht ohne ausreichende Möglichkeiten zum Training…“

„… andererseits eine neue Marktmöglichkeit eröffne, Discounterabfüllungen von Biermarken über den Preis zur Luxusware zu stilisieren, die sich in einem neuen Lifestyle-Segment des…“

„… in diesem Jahr zu einem alkoholfreien Herrentag aufgerufen habe, den die Drogenbeauftragte mit Limonade und…“

„… die ersten Hipster bereits von Kokain auf osteuropäischen Discounter-Rotwein im Drei-Liter-Gebinde umgestiegen seien. Dies habe vor allem für eine junge, begüterte Konsumentenschicht in den Metropolen zu einer…“

„… das Verbot von Bierwerbung verheerende Folgen haben würde. Zwar seien zunächst nur vereinzelte Werbeagenturen davon betroffen, die Krise sei aber jederzeit auf die ganze…“

„… dass der Fortbestand von Bierzelten und Stammtischen für die politische Leitkultur Deutschlands unerlässlich sie, da die CSU sonst nie wieder eine absolute…“

„… der Steuernnachteil nur proportional auf den Gehalt an reinem Alkohol gelte. Die übliche Preispolitik der Hersteller werde daher dazu führen, dass künftig noch mehr harte Spirituosen konsumiert würden, da sie weniger zusätzliche…“

„… sogenannte Trinkerstuben und eine staatlich kontrollierte Abgabe von Alkohol vorschlage. Die sozialpädagogische Betreuung der…“

„… auch die Tankstellenarbeitsplätze in Gefahr seien, wenn die Experten sich gegen die Industrie durchsetzen würden. Der Einzelhandel sei für den Alkoholkonsum nicht zur Verantwortung zu ziehen, da die Kunden mündig genug seien, um selbst als Verantwortliche des…“

„… die Alkoholsucht eher enttabuisieren und als volkswirtschaftlich relevante Krankheit anerkennen müsse. Spahn habe dagegengehalten, dann werde jede arbeitsscheue Schnapsleiche, die zur Erhaltung der völkischen Gesundheit besser ausgesondert würde, Therapieplätze wie Smarties…“

„… fördere gerade der Umgang mit Alkohol die Eigenverantwortung der Bürger und müsse durch eine entsprechende Gesetzgebung erhalten bleiben. Die Liberalen seien daher für Steuersenkungen sowie eine…“

„… die positiven Effekte des Trinkens nicht zu vernachlässigen seien. So wirke sich ein alkoholbedingt kürzerer Rentenbezug durchaus kostensenkend auf die…“





Vor den Feiertagen

30 04 2018

„Margarine.“ Hildegard schlug die Tür des Kühlschranks mit Verve zu und setzte sich wieder an den Küchentisch. „Wir könnten das durchstehen, aber wenn wir sowieso bei Supikauf sind, dann ist es am besten, wenn wir auch Margarine holen.“ Die Vorstellung, mit ihr am Feiertag zu frühstücken, warf dunkle Schatten voraus. Die Vorstellung, dass sie keine Margarine haben würde, ließ mich sofort erschauern. Es war Gefahr im Anzug.

„Gar nicht mal so leer“, bemerkte ich. In der Tat hatte ich bereits draußen vor dem Verbrauchermarkt eine leise Ahnung, denn es gab noch einen Wagen. Genau einen. Der Weg zur Gemüseabteilung war noch passierbar, was aber verhältnismäßig sinnlos schien. Ein paar eingedellte grüne Gurken, wenige Säckchen Zwiebeln sowie Restrüben zierten die Auslage. Vermutlich hatte der führende europäische Vegetarierverband sich hier verabredet, um alles zu sichern für den kommenden Monat; irgendeine EU-Richtlinie, die Besitz und Konsum von Radieschen unter Strafe stellt, musste das ausgelöst haben. „Wir haben noch eine Dose Mischpilze im Schrank“, wies mich Hildegard streng zurecht. „Hier müssen wir gar nicht weiter gucken.“ Sie hatte recht, viel gab es auch nicht zu sehen. Dass in Gegensatz auch die Kaffeeregale geräubert waren, wunderte sie nicht, machte ihr aber wenig aus. Sie trank ohnehin lieber Tee zum Frühstück.

„Wo wir sowieso gerade hier sind“, sagte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse, „sie haben gerade diesen kalorienreduzierten Joghurt im Angebot.“ Ich aß ab und zu Joghurt, sie aß hin und wieder Kalorienreduziertes – doch, die Anschaffung würde sich rentieren. Leider war auch hier eine Hürde zwischen Wunsch und Kauf. Es gab keinen Joghurt mehr, das heißt, es gab zwar noch Joghurt, Magerjoghurt sogar, aber keinen im Angebot. „Aber Schokolade, die kann man immer gebrauchen“, schnaufte sie und hievte zwei Kartons Vollmilch neben die Batterie mit den Putztüchern und den abgepackten Käse, den ich noch nie gemocht hatte. „Dann schau Dir doch mal das Regal mit den Milchprodukten an – wollen wir solange warten, bis es gar keinen Käse mehr gibt?“ Es war, wie gesagt, alles etwas verwirrend.

Auch der Honig, den Hildegard gleich in drei Sorten herantrug, war Aktionsware. „Wir haben keinen Honig im Haus“, keuchte sie. Das war die reine Wahrheit. „Wir haben keinen Honig im Haus, weil Du Pollenallergikerin bist und meine Küche nach dem Öffnen eines Honigglases für komplett kontaminiert hältst.“ „Das sind Kunststofflaschen“, informierte sie mich. „Man kann sie auf den Kopf stellen.“ „Gläser kann man zuschrauben“, wandte ich ein. Ich überschlug kurz Kosten und Nutzen, die drei Kilo Honig mit sich brachten, und fand eine geringe, aber nicht zu leugnende Chance, dass sie nach der ersten geöffneten Honigflasche nie wieder meine Küche würde betreten wollen. Es bestand also noch Hoffnung.

„Sonnenmilch!“ Mit glasigen Augen stand sie vor dem Tischchen mit den vielen Tuben. „Drei Lichtschutzfaktoren – wo ist die mit den 30?“ „Es ist noch nicht einmal richtig Sommer“, protestierte ich, „und ich kann mich an einen einzigen Ausflug an die See erinnern, bei dem eine gewisse Dame in der brütenden Hitze unbedingt eine Strickjacke mit langen Ärmeln tragen musste.“ „Es war windig“, verteidigte sie sich. „Aber irgendwas brauche ich auch fürs Gesicht.“ „Wir haben Sonnencreme im Bad stehen, von denen ist eine Tube nicht einmal angebrochen.“ „Das ist Sonnenmilch“, korrigierte sie mich, „und was kann ich denn dafür, dass Du in Deinem Bad immer alte Tuben ansammelst?“

Der stämmige junge Mann, der in Begleitung einer ebensolchen Gattin mit schweren Knochen in Richtung Kosmetik schritt, versetzte sie in Alarm. „Finger weg“, zischte sie, „wenn hier eine Tube mit 30 ist, ist das meine!“ „Lass Dir das nicht gefallen“, keifte die andere Frau. „Wehr Dich, Hubsi!“ Sie schubste den verstörten Mann nach vorne. „Wehe!“ Hildegard hatte nach einer Familienflasche mit Haarshampoo gegriffen. Verängstigt zog er sich zurück. Beruhigend, dass sie gerade nicht an der Gefriertruhe gestanden hatte; einer polnischen Hafermastgans im Zielanflug hätte der arme Kerl sicher nicht so gut ausweichen können.

Zwischen die beiden Lagen Vollkornspaghetti und Zahnpasta passte eine Schicht Haushaltstücher, die Hildegard sorgfältig in den leicht gekippten Wagen einstapelte. „Brauchen wir Hundekekse?“ Ich überlegte kurz. „Wir haben keinen Hund.“ Sie nickte. „Deshalb frage ich ja. Es geht so ins Geld, wenn man ungeplant Sachen kauft, für die man gar keine Verwendung hat.“ Irgendetwas musste sie mit dem beutellosen Staubsauger und den reduzierten Staubsaugerbeuteln vorhaben, ich war mir nur nicht sicher, was genau. Aber man soll ja nicht immer so kleinlich sein, erst recht nicht vor den Feiertagen.

Das mitgeführte Bargeld reichte nicht ganz; Hildegards Besoldung als Oberstudienrätin ließ ihr nicht die Freiheiten, die die moderne Konsumwelt von uns mündigen Wirtschaftsteilnehmern fordert. Wir erwogen kurz den Verkauf einer Niere – meiner Niere, so viel stand fest – und einigten uns dann darauf, dass ich und mein Bankkonto den Betrag zu gleichen Teilen auslegen würden. Die zehn Helfer, die den immerzu nach rechts ziehenden Wagen auf den Parkplatz bugsierten, freuten sich dann auch über ein fürstliches Pourboire.

Das Auto rollte mit knirschenden Stoßdämpfern auf die Straße. Angestrengt blickte Hildegard zur Tankanzeige; wir würden es nach Hause schaffen, trotz Traglast. „Aber wir müssten noch kurz zum Spätkauf“, teilte sie mir mit. „Die haben ja eine Stunde länger auf. Und es geht auch ganz schnell. Wir brauchen ja nur Margarine.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXI): Flohmarkt

27 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann, und es muss ein sehr großes Haus gewesen sein, hinterließ ein sorgloser, durchaus wohlhabender Adliger, wahrscheinlich eher ein Erbe, und er wird einer heruntergekommenen Sippe entstammt gewesen sein, kein Geldadel jedenfalls, eine Wagenladung, eher eine bis zwanzig davon, mit Krempel im engeren Sinne, Hinterlassenschaft eines müßigen Lebens, wie es keiner geführt haben will, auch wenn die Zivilisation voll ist mit derart Überbleibseln in ungeordneter Form und Farbe, und es gibt nur eine halbwegs logische Erklärung für die kulturhistorischen Implikationen: so entstand der Flohmarkt.

Die Veranstaltung heißt erwiesenermaßen so, da man sich neben der Kleidung auch antiquarisches Ungeziefer ins Haus holte – aus zweiter Hand gekauftes Wams war meist belebt und aristokratisch ungewaschen, was für die ganze Idee des Getrödels steht: was die Besitzenden ennuyiert, darf das gemeine Volk entzücken, bis auch dies sich im Ekel gepackt abwendet und die Ware unter ihresgleichen distribuiert. Unter dem Vorwand sozialen Konsums, der die Ressourcen schont, erscheint es den gemeinen Nachtjacken bequem, Rost und Schmodder zum vermeintlichen Schleuderpreis zu erstehen, wenn nur der Händler dabei freundlich grient. Ein kapitalistisch schlechtes Gewissen will beim Konsum gar nicht erst aufkommen, und also wird die Recyclingveranstaltung zum alternativen Event aufgeschwiemelt, krisensicher gegen alle konsumkritischen Sprechchöre aus der Linkskurve gepolstert. Aber das täuscht.

Die Ansammlung an Krims und Krams bringt die zusammen, die längst jede Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Regelmäßige Undercover-Veranstaltungen für aktiv praktizierende Messies geben der Sucht ein Gesicht, sich den schlechten Geschmack in Gestalt von nostalgischem Müll ins Haus zu tragen, als würde eine gesamte Gemeinde von Staubfetischisten sich gegenseitig den Kruscht in die Bude kübeln. Der rituelle Charakter des Auf- und Ausstellens von Töpfen, Tiegeln, Glas und Spitze ist noch nicht hinreichend erforscht, doch entsteht bereits beim flüchtigen Anblick des mit der Schaufel auf Tapeziertisch und Stellage gekloppten Geklumps der Eindruck: genau das ist es. Kein Arrangement ist nötig, die Ware west flächig vor sich hin; vermutlich würde bei unsachgemäßer Umschichtung jene feine Schicht aus Patina und Flusen verlustig gehen, die dem Fetischisten jenes Geruchserlebnis in die Schleimhaut zaubert, über das er mit den harmloseren Vertretern der Zunft nur hinter vorgehaltener Hand sprechen kann.

Nur mangelhafte Befriedigung verschaffen dem Vergangenheitsfreund jene blitzblank polierten Spiegel, Löffel und Schuhe, denen man nicht sofort ihren Alterungsprozess und den damit dialektisch eingeschriebenen Wertgewinn ansieht; geputztes Silber lässt ihn noch milde aufstöhnen, eine mit Stahlwolle zum Reflektor umfunktionierte Kanne versetzt ihn in Angstzustände, dass die aus fernen Tagen auf uns gekommene anorganische Materie eher den Verjüngungsprozess schafft als er selbst. So hat er sich das nicht vorgestellt – damals.

Längst sind Handeln und Feilschen, ist quasi sinnfreies Kaufen zur Freizeitbeschäftigung geraten, ein mit dem Zielobjekt gar nicht mehr ernsthaft assoziierter Vorgang der sozialen Interaktion, ein metaphysisch aufgepumpter Grabbeltisch des mikroökonomischen Grauens – offenbar ist die ritualisierte Komponente nicht aus der Luft gegriffen, da der absichtlose Besitz des Dings an sich bar jeder rationalen Überlegung noch jeden Preis für den beklopptesten Kruscht gefordert und dann erhalten hätte. Die Vorstellung, auf der Parallelebene das Traumgeborene in Gestalt eines zerbogenen Zuckerdösleins zu erhaschen, ist Balsam für die geschundene Seele des Verbrauchers und hilft über zeitgenössisches Industriedesign hinweg, Damenmode oder schwer abbaubares Spielzeug aus schlagfestem Kunststoff. Was lange währt, liegt irgendwann auf den Tapeziertischen des Vorortes, gammelt unter graublauem Himmel vor sich hin, wird von glubschenden Fetzensammlern in Augenschein genommen und eingetütet.

Nein, es sind nicht die Neuwaren, die die Flohmärkte erobern, fabrikneu zum Schlussverkauf georderter Killefit, der neben Grillwurst und Bier feilgeboten wird und der Idee des Ramschens mit geballter Gehässigkeit zuwiderläuft. Es ist mühsam auf alt getrimmter Schund und Plunder aus der vergessenen Welt, Teetassen aus den hinteren Karpaten, denen zwanzig Maschinenwäschen den Goldrand weggeätzt und die Blümchen ausgedünnt haben, bis sie wie Vorkriegsware aussahen, die mit dem Bollerwagen aus dieser Region gescheppert kam. Die Altwarenkonzentration ist das Sinnbild für Konsum und Religion, zu gleichen Teilen und gehässig verquickt, damit man den Gewinn der interessierten Parteien im Hintergrund auch recht versteht: hinter einer Lüge muss sich nicht die grausame Wahrheit verbergen. Meist steckt eine weitere Lüge dahinter.





Leipziger Allerlei

3 04 2018

„… für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft unabdingbar sei. Ohne einen Zugang zu den großen Wasserstraßen könne die sächsische Industrie keinen Beitrag für den…“

„… der Aufbau Ost jetzt auf die Wiederanlage des Leipziger Hafens setze. Die Verkehrsprojekte seien seit längerer Zeit bekannt und müssten nur noch von Scheuer durch die zuständigen…“

„… als vollkommen überflüssig ansehe, da er die Beschäftigungssituation der sächsischen Arbeiter nicht verbessern werde. Diese seien mit dem Anzünden von Flüchtlingsunterkünften schon derart ausgelastet, dass sie für eine geregelte Erwerbstätigkeit ohnehin keinen…“

„… für einen Heimatbegriff stehe, den auch Ausländer nachvollziehen könnten. Für Scheuer stehe das Bauprojekt darum vor allem für die Führungsrolle des christlich-abendländischen…“

„… in einer Koalition aus CSU, AfD, NPD und anderen fortschrittlich gesonnenen Kräften, die in Sachsen das Zentrum eines zukünftigen…“

„… und bis 2033 eine Anbindung an die Elbe erreichen müsse, um rentabel zu bleiben. Eine Steigerung der deutschen Containerschifffahrt um 800% setze die Bundesregierung daher als notwendiges…“

„… sich Zuwanderung wieder lohne. Gauland habe der Bundesregierung vorgeworfen, zu wenig Kriege zu führen, in deren Folge regelmäßig Arbeitswillige als Flüchtlinge nach…“

„… mit Elster und Saale zwei der bedeutendsten Flüsse des Kontinents zu epochalster Größe verbunden würden, die die großdeutsche Wirtschaft als bestimmenden Faktor im ganzen Welthandel…“

„… die Umbenennung von Leipzig in Germania, wie es Höcker gefordert habe, am breiten Widerstand der Bevölkerung gescheitert sei. Vorerst müsse das Bauvorhaben, da es aus Mitteln des Landes finanziert werde, noch eine rein sächsische…“

„… und dazu nur ein jährlicher Anstieg der Umsatzsteuer um zwei Prozentpunkte angedacht sei. Mit der Streichung des Kindergelds rücke die Finanzierung des Bauvorhabens bereits innerhalb weniger Jahrzehnte in greifbare…“

„… Umweltschutzmaßnahmen eine steigende Bedeutung erhielten. So könne man auf den bisherigen Schwemmflächen des Pissener Grabend zwischen Kötzschau und Witzschersdorf keine Windkraftanlagen errichten, da dies ein zu großer Eingriff in die natürliche Umgebung des…“

„… nicht mit den Auswirkungen auf den internationalen Handel gerechnet habe. Scheuer habe bei der chinesischen Regierung ein Protest eingelegt, da diese den Bau von Schiffen zulasse, die wegen ihrer Breite nur noch in Seehäfen und…“

„… sich das Außenhandelsdefizit schneller als geplant vergrößere. Um täglich 15.000 Kubikmeter Erdreich zu verlasten benötige man mehr Baumaschinen, als es die Berechnung des Planungsstabes für den…“

„… nicht relevant sei. Alle Pläne, einen unterirdischen Hafen in der sächsischen Schweiz zu errichten, hätten sich durch einfache Berechnungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge als so personalintensiv erwiesen, dass die Bauleitung davon Abstand…“

„… den Durchbruch zum Bodensee vorerst nur theoretisch in Erwägung ziehen wolle. Die Rheinschifffahrt sei zwar aus logistischen Gründen nicht außer Acht zu lassen, die Fahrtwege dürften aber auch dann nicht länger als…“

„… einem Zirkelschluss aufsitze. Zwar sei der Handel mit den ostasiatischen Industrieländern in den vergangenen Jahren kontinuierlich angewachsen, doch rühre dies vor allem von der großen Anzahl der Erdbaumaschinen her, die zum Ausbaggern des sächsischen…“

„… dass die Wasserstraßen erst nach der Fertigstellung von Schleusenanlagen, Hafenbecken und Umschlagzentren angelegt würden. Dies sei durch den Bundeshaushalt vorgegeben und dürfe nicht mit dem…“

„… die digitale Wasseranzeige in sämtlichen Bauabschnitten veraltet sei und neu installiert werden müsse. Insgesamt erhöhe dies die Kosten um einen Betrag von mehr als…“

„… Schienenanbindung nicht vorgesehen sei. Der Leipziger Hafen könne durchaus gut von der Wasserseite erreicht werden und besitze das Potenzial, in weniger als dreißig Jahren eine…“

„… nicht genug Arbeitskräfte für den Betrieb des Hafens vorhanden seien. Da es in Deutschland für viele Jahre keine qualifizierten Ausbildungen mehr gegeben habe, um genug Bauhelfer nach Sachsen entsenden zu können, sei der aktuelle Fachkräftemangel im weltweiten Vergleich noch viel schlimmer als…“

„… die Frachtkosten bei zehntausend Euro pro Tonne und Kilometer lägen, was im internationalen Wettbewerb so gut wie keinen sinnvollen…“

„… aber nicht mehr geflutet werden könne. Das Ingenieurbüro, das die Zuleitungen erstellt habe, sei in Wirklichkeit eine aus Rumänien stammende…“

„… die Brandschutzauflagen nicht einhalten könne. Eine endgültige Betriebserlaubnis werde das Bundesamt daher bis auf Weiteres…“

„… wasserdurchlässig sei. Ein im Jahr 2020 erstelltes Bodengutachten habe auf die Schichten hingewiesen, die eine Kanalanlage problematisch hätten erscheinen lassen, doch sei der damalige Minister für Verkehr, Migration und gesundes Volksempfinden nie auf die Einzelheiten des…“

„… den Kanal großflächig mit Beton verfüllen könne. Dies schaffe nochmals mehrere Millionen Jobs, wie es in den letzten neun Wahlkämpfen…“

„… umwidmen wolle. Mit etwas Glück, so Altkanzler Scheuer, werde man den Großflughafen Berlin-Brandenburg in weniger als…“





Quasimonopol

26 03 2018

„Kurzzüge.“ „Kurzzüge?“ „Das sind dann halt kurze Züge, die…“ „Das war mir schon klar, ich will nur wissen, wozu wir Kurzzüge einsetzen.“ „Na, die sind halt kurz.“ „Aha.“ „Und brauchen nicht so viele Wagen.“ „So, so.“ „Deshalb dachte ich, wir könnten die einsetzen. Damit wir nicht so viele Wagen brauchen.“ „Das löst aber unser Problem jetzt nicht.“ „Das ist richtig. Aber wir sind ja auch die Deutsche Bahn.“

„Fakt ist, wir haben zu wenig Waggons für das Fahrgastaufkommen.“ „Toll, oder?“ „Was finden Sie an dieser katastrophalen Lage toll?“ „Dass wir mehr Fahrgäste haben, als wir transportieren können.“ „Wir haben nicht mehr Fahrgäste, als wir transportieren können, sondern schlicht zu wenig Waggons.“ „Dann haben wir schon Kurzzüge? das ist ja toll!“ „Meine Güte, jetzt kapieren Sie’s halt mal: wir haben eine Nachfrage, die wir nicht befriedigen können.“ „Das ist insofern nicht weiter tragisch, als wir ein Monopol auf Schienenverkehr haben.“ „Das ist verkehrt, und das wissen Sie ganz genau.“ „Ein Quasimonopol.“ „Aber wir sind nicht die einzige Transportmöglichkeit für die Fahrgäste. Das wird uns über kurz oder lang das Geschäft beschädigen.“ „Das bedeutet ja auch, wenn wir so weitermachen, dann haben wir mittelfristig wieder nur noch so viele Fahrgäste, dass wir jeden mit den Wagen befördern können, die wir haben.“ „Ja schon, aber das kann doch nicht der Sinn der Sache sein.“ „Wir stellen nur die Fahrgäste zufrieden, die auch unsere Leistungen in Anspruch nehmen. Ich finde das betriebswirtschaftlich vollkommen in Ordnung.“ „Das klären Sie dann bitte mit der Zentrale, ja?“

„Seien Sie doch nicht so negativ, wir haben noch jede Menge Möglichkeiten.“ „Als da wären?“ „Schienenersatzverkehr.“ „Wie meinen Sie das?“ „Man muss die Fahrgäste doch nicht unbedingt schienengebunden transportieren, wir können auf jede andere Verkehrslösung ausweichen.“ „Und was schwebt Ihnen da genau vor?“ „Taxi, Fahrrad…“ „Fahrrad?“ „Genau, Fahrrad. Das ist nicht nur eine sehr preiswerte Sache, die ist auch nachhaltig. Und gesund!“ „Toll.“ „Ja, nicht wahr?“ „Sie wollen also Leihräder an jedem Bahnhof aufstellen?“ „Wer hat denn das gesagt? Viel zu viel Aufwand, und dann bekommen Sie keins mehr, wenn alle weg sind, und außerdem vertraut man einem geliehenen Rad nicht so wie dem eigenen.“ „Und welche Räder nehmen wir dann?“ „Die Leute bringen halt ihres mit.“ „Die bringen ihre Räder mit und fahren dann von Flensburg bis zum Bodensee.“ „Wir können das ja erst mal im Regionalverkehr antesten. Vielleicht merken die Fahrgäste, dass ihnen ein Fahrrad nicht ausreicht, und dann wollen sie lieber ein Moped.“ „Ein Moped.“ „Motorrad ginge natürlich auch, aber da wird’s dann langsam kritisch.“ „Kritisch.“ „Die Schadstoffemissionen, Sie verstehen. Da sind wir mit dem Rad weiter vorne, und als Unternehmen Zukunft sind wir uns das einfach schuldig.“

„Die Leute kommen also mit dem eigenen Rad zum Bahnhof und fahren dann gleich weiter.“ „Ohne Umsteigen, das ist ein enormer Service – das bietet Ihnen kein Busbetreiber.“ „Toll.“ „Ja, nicht wahr? Wir haben hier ein Geschäftsmodell am Wickel, dagegen ist das autonom fliegende Taxi doch ein Witz.“ „Sie sehen mich begeistert.“ „Und wir können die Preismodelle flexibler gestalten. So genau wie mit dem Fahrrad kriegen Sie das mit dem Zug ja nie hin – die Bahnhöfe stehen halt da, aber Ihr Fahrziel ist wesentlich besser zu planen.“ „Das klingt ja nach einer Revolution. Warum ist mir das nicht eingefallen.“ „Ach, Sie sind schon seit ein paar Jahrzehnten im Geschäft. Vielleicht wird man da irgendwann betriebsblind?“

„Und wie wollen Sie das berechnen?“ „Nach angefangenen hundert Metern. Das wird sich doch technisch irgendwie machen lassen.“ „Das heißt, wir bezahlen unsere Fahrgäste?“ „Wieso denn? Die nutzen schließlich einen Service der Deutschen Bahn, dafür müssen sie auch ordentlich in die Tasche greifen. Man kann doch nicht einfach aufs Fahrrad steigen und so tun, als würde man Bahn fahren?“ „Aha, also eine lizenzrechtliche Sache. Das klingt ja spannend.“ „Toll, oder?“ „Toll. Da soll sich unsere Rechtsabteilung gleich mal schlau machen, wie wir das am besten verkaufen.“ „Eben, die wissen das viel besser als wir.“

„Und wo soll das Ihrer Ansicht nach hingehen?“ „Wir können den Service ausweiten, beispielsweise mit Heißgetränken während der Fahrt – also vorerst nur im Bahnhofsbereich, die Radler können unsere Gastronomiebetriebe ansteuern und bekommen einen preiswerten Kaffee to go.“ „Coffee to bike.“ „Ja, das klingt gut. Hätte von mir sein können.“ „Das unterschreibe ich sofort.“ „Ach, ich wusste es. Sie verstehen mich einfach.“ „Aber ich meine, wo soll das hin? Betriebswirtschaftlich? Und dann auch unternehmerisch?“ „Die Einnahmenseite kann man auf die Art natürlich enorm steigern.“ „Und dann?“ „Wie, und dann? Mehr Einnahmen, solides Geschäft, vielleicht kann man das als Lizenzmodell an andere nationale oder regionale Bahnbetreiber verkaufen.“ „Und mit dem Geld werden wir reich.“ „Ja, aber wir bilden auch Rücklagen.“ „Rücklagen? Wofür denn Rücklagen?“ „Für neue Wagen. Dann haben wir endlich wieder so viele Wagen, dass wir alle Fahrgäste mit der Eisenbahn transportieren können. Toll, oder?