Letzte Reserve

10 10 2017

Jetzt also war es so weit. Er erkannte mich nicht mehr, oder wollte er mich nur nicht kennen? Mit schwarzer Brille und mir bis dato unbekannter Schiebermütze auf dem Kopf huschte Herr Breschke in aller Frühe am Gartenzaun entlang, den Hund im Schlepp. Unvermittelt drehte er sich um. „Wir haben uns nie gesehen!“

Während Bismarck noch einmal ganz genau den Löwenzahn an Studienrat Kalübbes Grundstück inspizierte, tupfte sich der alte Herr den Schweiß von der Stirn. „Meine Frau darf nichts davon erfahren“, flüsterte er, „ich habe nämlich in die Urlaubskasse gegriffen – sie wird mir das nie mehr verzeihen!“ In der Tat hatte der Gedanke, dass die beiden nicht wie sonst im Frühjahr für eine Woche ins Sauerland fuhren, etwas Erschreckendes. Sicher gab es auch eine gedankliche Verbindung zu seinem Aufzug und zu dem Korb, den er mit schwarzer Folie ausgekleidet hatte. Sollte er etwa heimlich im Stadtpark die Überreste einer Freveltat entsorgt haben? Immerhin wühlte sich der Dackel ganz wie sonst durch den kleinen Grünstreifen und beendete das Leben der herbstlichen Flora.

Er straffte sich. „Rasch“, sagte er im Befehlston. „Wir müssen die ersten Kunden sein, sonst spricht es sich herum und wir haben das Nachsehen!“ „Sie wollen zu Supikauf“, mutmaßte ich. Ein scheues Nicken mit emporgezogenen Schultern gab mir Recht. Horst Breschke nestelte einen zerknüllten Prospekt aus der Manteltasche. „Da“, zeigte er, „Seite zwei – wir sollten uns jetzt wirklich beeilen, sonst ist alles weg.“ „Haben nur Sie dieses Blättchen bekommen?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Natürlich nicht“, stöhnte er. „Hunderte sind jetzt schon auf dem Weg, ein Sonderangebot geht doch herum wie ein Lauffeuer.“ Ich zog langsam die Brauen in die Höhe. „Und Ihnen ist klar, dass es sich um Butter handelt? schlicht und ergreifend deutsche Markenbutter?“ Er sah mich entgeistert an. „Natürlich“, tadelte er meine Einfalt, „Butter – haben Sie mal auf die Butterpreise geschaut? und was man bei diesem Angebot alles sparen könnte?“ Ich begriff langsam. Der pensionierte Finanzbeamte plante also einen Hamsterkauf und hatte sich zur Vorsicht als Geheimagent verkleidet, um keinen Argwohn hervorzurufen. Man musste ja auch erstmal darauf kommen.

„Sie hätten mit dem Wagen kommen können“, stellte ich fest. „Zwei bis drei Klappkörbe für den Kofferraum, dann hätten Sie für den Rest Ihres Lebens immer genug Speisefette im…“ Er rollte die Augen. Hatte ich einen Denkfehler gemacht? „Doch nicht zum Essen“, knurrte Breschke. „Man kann sich dies kostbare Gut ja nicht einfach so aufs Brot schmieren, das ist eine Wertanlage!“ Ich verstand; Gold wäre im Bereich des Möglichen gewesen, aber die Haltbarkeit von Streichfett war nicht von der Hand zu weisen. „Schnell jetzt“, rief er, „wir sind tatsächlich die ersten!“

Die Verkäuferin, die die Tür aufschloss, sah nur, wie ein älterer Herr an ihr vorbeischoss. Ich ging in gemessenem Schritt hinterher, verpassen konnte ich ihn nicht. Herr Breschke stand schon am Kühlregal und schaufelte Päckchen für Päckchen das Begehrte in seinen Einkaufskorb. Dann jedoch geschah das Unvermeidliche. „Haushaltsübliche Mengen“, ließ die Verkäuferin sich vernehmen, „wir geben unsere Ware in haushaltsüblichen Mengen ab – legen Sie bitte die anderen Päckchen zurück ins Regal.“ „Das sind haushaltsübliche Mengen“, ereiferte sich der Alte, „haben Sie schon einmal überlegt, wie groß das Bruttonationaleinkommen ist im Vergleich zu Ihren Preissteigerungen?“ Ob die Kassenkraft nur viel mehr von Volkswirtschaft verstand als Herr Breschke oder den Wunsch der Geschäftsführung durchsetzte, sie beharrte darauf. Zehn Päckchen. Mehr war nicht drin. „Ich werde mich über Sie beschweren!“ „Tun Sie das“, erwiderte die junge Dame ungerührt. „Gehen Sie auch bitte ganz nach oben bis zur Konzernleitung, weil man den Hinweis in unsere Prospekte gedruckt hat, ohne Sie vorher zu fragen.“

„Sehen Sie es ein“, ermahnte ich ihn. „Durch Hamsterkäufe destabilisieren Sie das Preisgefüge noch viel mehr, sonst gibt es Butter bald nur noch auf dem Schwarzmarkt.“ „Ich wusste es“, ächzte Breschke, „dass es so schlimm ist, wollte ich wohl gar nicht wahrhaben. Aber was jetzt?“ Stück für Stück legten wir Fettziegel in die Kühlung zurück. Da fiel mein Blick auf ein anderes Regal. „Salz!“ Er blickte mich skeptisch an. „Salz?“ Ich griff in die Stellage und füllte seinen Korb mit Tafelsalz in handlichen Kartons. „Sie wollten Ihre Wertanlage nicht konsumieren, und Sie brauchen ein Ersatzgut, das einerseits preisstabil ist und andererseits nur wertvoller werden kann.“ Er nickte vorsichtig. „Dann sollten Sie hier zugreifen. Und wissen Sie was? Ich werde mich zur Stabilisierung Ihres Haushaltes bereiterklären, noch einmal dieselbe Menge abzunehmen.“ Er zögerte. „Aber ist denn das so viel Wert wie Butter? Immerhin…“ „Solange Sie die Päckchen irgendwo sicher einlagern, ist es doch egal, ob Butter drin ist oder Streusand.“

Im Bewusstsein seines wirtschaftlichen Genies schritt Breschke zur Kasse, zwei Paletten Tafelsalz in Korb und Beuteln. Die Kassiererin zuckte bloß mit den Schultern, ehe sie die Fracht über das Laufband zog. „Der Wirtschaft haben wir es aber gezeigt“, keuchte er. „Wir lassen uns nicht die Butter vom Brot nehmen!“

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Numerus Claudius

9 10 2017

„Das ist jetzt eher eine nominale Zahl, oder so. Wenn wir eine gewisse Zahl an Pflegekräften nicht erreichen, ist das an sich noch nicht schlimm oder alarmierend oder irgendwie so, dass das wichtig wäre. Man muss das immer im Verhältnis sehen zu den Patienten, und wir wissen ja, alle die sind auch irgendwann mal weg, also müssen wir uns da noch keine Sorgen machen.

Wir haben genügend ausgebildete Kräfte, auch in den anderen attraktiven Berufen wie Frisör oder Restaurantfachmann. Wenn da ab und zu nach der Ausbildung die Fachkräfte abwandern, dann ist das zunächst mal sehr gut – wir haben dann in den anderen Mangelberufen wieder potenzielle Kräfte, die wir verwenden können. Beispielsweise in den personalintensiven Bereichen der Pflege, in denen es im entferntesten Sinne um Menschen geht. Das wissen ja viele heute gar nicht mehr – das ist ein Berufsbild, das zwar auch sehr viel zu bieten hat für die Freunde der statistischen Unterhaltung, das aber in wesentlichen Komponenten immer noch nicht ganz auf den Pflegebedürftigen verzichten kann, denn der bringt nun mal die Kohle.

An uns wird ja der Wunsch herangetragen, das Berufsbild möglichst attraktiv zu gestalten, aber so einfach ist das gar nicht. Im Büro kann man statt der Stühle Sitzbälle aufstellen und in der Fabrik hat man heute schon bunte Schraubenzieher oder sogar Bilder an der Wand, aber was soll man in der Pflege machen? Hübschere Patienten oder attraktivere Krankheiten? Trinkwasserspender auf jeder Etage? Wir haben so viele unterschiedliche Leute in den Pflegeeinrichtungen, da bekommen Sie niemals alle Geschmäcker befriedigt.

Sagen Sie nicht, wir müssten die Angestellten bloß besser bezahlen. Das ist eine Beleidigung der größtenteils gar nicht so materiell eingestellten Pflegekräfte, die diesen Beruf mit viel Idealismus und natürlich gerne auch unter schwierigsten Bedingungen ausüben, wenn man sie lässt – es öffnet Tür und Tor für eine Negativentwicklung, da dann andere Arbeitgeber nachziehen werden, die werden, die noch höhere Gehälter zahlen, dann sind da die Fachkräfte wieder weg, und dann kommen wieder andere, und wieder, und irgendwann haben wir riesige Summen herausgeschmissen und die Pfleger sind vielleicht längst in einem anderen Beruf, weil sie da noch mehr verdienen, da sie sich längst an diese höhen Gehälter gewöhnt haben. Das können Sie doch nicht wollen!

Dass wir die einzelnen Berufsbilder seit jüngster Zeit verschmelzen, ist nämlich nicht aus Zufall passiert, wie man vielleicht denken könnte, das machen wir absichtlich. Wenn Sie nämlich mal gucken, dass da eventuell ein Altenpfleger auf dem Arbeitsmarkt verfügbar ist – der hatte vielleicht nur einen Bandscheibenschaden oder Burnout, also nicht unbedingt lebensbedrohliche Erkrankungen – dann wussten Sie vorher, das ist ein Altenpfleger. Das ist schön, da weiß man immer, der Mangel wird von echten Fachkräften verursacht. Jetzt muss aber im Zuge der Globalisierung immer auch eine gewisse Flexibilität mitgebracht werden, die lassen wir halt von unseren Arbeitnehmern mitbringen – es ist ja auch deren Beruf, da wollen wir uns in ihre Bemühungen um Eigenleistung nicht einmischen – und schon kann man mal sehen, dass plötzlich bei der Stellenbesetzung einen Behindertenpfleger drin haben, der ist vielleicht sogar noch im Job, also in ungekündigter Stellung, der ist nicht arbeitslos, was immer gut ist, weil solche Leute ja auf Kosten der Sozialsysteme leben, und das ist nie gut, gerade in einem Sozialberuf, Eigenleistung und so, und dann stellen Sie fest, es gibt statistisch gesehen gar keine fehlenden Fachkräfte mehr. Den Behindertenpfleger kann man beispielsweise auch in der Altenpflege mitrechnen, dann haben wir eine Win-Win-Win-Situation, auch bei Fachkräften, die es noch gar nicht gibt, weil wir ja wissen: wenn es sie gäbe, wären sie sehr zahlreich. Das muss dieser Numerus Claudius sein, oder wie der heißt, jedenfalls hat das Zukunft, weil wir es jetzt noch nicht verstehen.

Eine Untergrenze wird es mit uns nicht geben, das halte ich für ausgeschlossen. Man kann doch nicht einfach irgendwann beschließen, dass ein Pfleger nur noch für soundso viele Patienten zur Verfügung stehen darf, das ist doch Kokolores. Dann haben Sie plötzlich Patienten, denen geht es bei einem sehr viel niedrigeren Personenschlüssel prima, und dann wollen plötzlich alle Pfleger sich auf die Station versetzen lassen – ausgeschlossen, das bringt nur Unruhe in den Betrieb, und für die Insassen ist das bestimmt auch nicht gut. Genau, die leiden dann nämlich unter der Aufregung, dann sinkt die Lebensqualität plötzlich wieder ab, und schon haben wir wieder eine nicht belastbare Zahl an Pflegeaufkommen, mit der wir uns die ganze Statistik zerschießen.

Ich gebe Ihnen da einen Tipp, ausnahmsweise mal kostenlos: pflegen Sie Ihre Angehörigen am besten mal zu Hause. Da sind Sie nicht vom Fachkräftemangel bedroht, Sie wissen immer, wo der nächste Verantwortliche zu finden ist, die Statistik erledigen Sie selbst, und wenn Sie keinen Bock mehr haben, entschließen Sie sich ruhig zu einer professionellen Ausbildung im Pflegebereich. Danach können Sie immer noch als Fachkraft in einer ganz anderen Branche anfangen!“





Altar Schwede

3 10 2017

Das kleine, eben nur angedeutete Türmchen, das runde Eingangstor, es passte alles, zumindest stilistisch. Während ich vor diesem recht großen Schuppen stand – es nieselte, der Produktmanager war bereits zehn Minuten zu spät – fiel mein Blick auf die anderen Pavillons im Innenhof. Was mochte sich in ihnen nur verbergen.

„Wir hatten noch ein kleines Strategiemeeting“, entschuldigte sich Lars, „Du hast Dir sicher schon einmal einen Eindruck verschafft und Platz für Deine Ideen gefunden.“ „Zunächst“, antwortete ich und zückte den Schreibblock, „wüsste ich gerne, wie Ihre Firma auf diese Zielgruppe gekommen ist.“ In Haus 1 befand sich eine eher improvisiert aussehende Arztpraxis, die man eher in der Taiga zwischen zwei Wasserlöchern erwartet hätte oder in Nordrhein-Westfalen, aber nicht in der Innenstadt von Hamburg. „Du täuschst Dich!“ Ihm war diese Ansprache offenbar nicht abzugewöhnen, schon gar nicht durch freundliche Hinweise. „Das ist ein kleines Raumwunder, wir können unseren Ideen da freien Lauf lassen.“ Tatsächlich hatte der zehn Quadratmeter große Container drei wandmontierte Sitzgelegenheiten und eine ebensolche Klappliege, die ein unterfahrbarer Instrumentenschrank gut ergänzte. „Wir hatten im vergangenen Jahr eine Anfrage aus Vårsta“, verriet Lars, „dafür haben wir dann eine Autowerkstatt entworfen und diese Idee von unseren preisgekrönten Designern verwendet, weil es sich einfach anbot.“ Wahrscheinlich hatte es sich um eine Garage für Kleinstwagen gehandelt, aber so genau wollte ich es auch gar nicht wissen.

Die Amtsstube für das Schnellgericht in den östlichen Bundesländern war auch nur um ein paar Aktenregale entworfen – „Damit kriegst Du die Nazis in Deiner Nachbarschaft weg für unter hundert Euro!“ – und das Bürgerwehrbüro hatte außer einem abschließbaren Waffenschrank kaum Neuerungen zu bieten. Aber noch war da dieser Wellblechkasten im Hof. Fast widerwillig suchte der Angestellte den Schlüssel, drehte ihn im Schloss um und öffnete die Tür. Es war eine Kirche.

„Die Gemeinden werden immer kleiner“, erläuterte er, „oft brauchst Du gar kein festes Haus mehr dafür und greifst auf eine flexible Lösung zurück, wenn Du sie erkennst. Schau Dich um!“ Es sah alles so schlicht und abwaschbar aus, wie man es von diesem Konzern gewohnt war – keiner hatte sich mit mehr als der Funktionalität des Gebäudes auseinandergesetzt, aber das wäre zu verkraften gewesen. Störend waren vor allem diese schrecklich ermunternden Farben, Lindgrün und Weiß, die alle irgendein Erweckungserlebnis transportierten wie jede anderer Wohnküche auch. „Die Klappsitze sind in die Raumteiler integriert“, wies der Experte hin. „Das macht einen leichten und luftigen Eindruck. Probier es gleich mal aus und setz Dich hin.“ Es saß, eher: hockte sich dann doch wie in einem Fußballstadion wobei ich lange die dritte Liga nicht mehr besucht hatte. Lars hatte es bemerkt und lenkte mehr oder weniger geschickt ab. „Die Kanzel ist ein besonders schönes Stück“, schwafelte er, „sie passt auch gut in Dein Arbeitszimmer oder in Deine Küche. Oder vielleicht kombinierst Du beide Räume? Du hast die Wahl!“ Das kleine Ensemble aus einem gepolsterten Stehpult mit den ausklappbaren Trittstufen, Baldachinkonstruktion aus dem Bereich Kinderzimmer und lackierter MDF-Verkleidung (lindgrün, weiß) sah bezaubernd aus, wollte man in seiner Freizeit als Auktionator im Nebenerwerb den Bastelkellerschrott seiner Nachbarschaft gegen Bares unter den Anwohnern für eine Saison neu verteilen. Geistliche Gefühle indes kamen hier nicht auf.

„Wahrscheinlich hast Du den Klappaltar schon bemerkt“, wies mich Lars auf das seltsame Ding auf dem Ausziehtisch hin. „Die modulare Bauweise macht unsere Produkte preiswerter, so kannst Du immer genau das anschaffen, was Du brauchst.“ Die Innenseiten der Wandelkonstruktion waren noch nicht gegen sakrales Material ausgetauscht worden, so zeigten sie zwei Kätzchen und einen spektakulären, da geschönten Sonnenuntergang. Aber vielleicht versprach sich das Möbelimperium auch Bestellungen von einer Kirche, in der die Katzen die Stellung eines anbetungswürdigen Objekts innehatten. „Und das Beste ist, dass wir diesen Aufbau für jede Containergröße kostenlos berechnen und ihn komplett liefern. Ist das nicht göttlich?“ Er lachte schrecklich über seinen Witz; er lachte allerdings allein, das machte es erträglicher, und er merkte lange nicht, dass er alleine lachte, was die Angelegenheit doch erheblich in die Länge zog. „Wäre das etwas für Dich?“ Ich klappte den Schreibblock zu. „Kaum.“ Meine Augenbraue zog sich wie von selbst hoch. „Vermutlich werde ich auch so schnell nicht in die Verlegenheit kommen, eine Religionsgemeinschaft zu gründen.“

Umständlich schloss Lars hinter mir ab. Die Orgel, eine klappbare Attrappe aus recyceltem Weißblech in Weiß mit lindgrünen Akzenten, hatte mich doch ein bisschen beeindruckt. Doch nicht einmal in meinem Arbeitszimmer hätte man den Spieltisch aufstellen können. „Ich schicke Dir den Katalog gerne zu“, informierte mich Lars. „Wir haben viele neue Ideen für unser Produktsortiment, und es würde uns freuen, wenn Du uns mit Deinen kreativen Anregungen unterstützen würdest.“ Er hielt einen Augenblick lang inne. „Brauchst Du gerade einen Flughafen?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVIII): Sofortness

29 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kann man nicht froh sein, dass der Hominide sich als Säugling nicht an die postmoderne Art des Just-in-time-Managements gewöhnen mag? Die Milch ist noch nicht ganz da, wir müssen erst noch den Betriebsrat fragen, aber da kommt noch die Veränderung der Börsenkurse – Rohstoffe haben wir, personelle Kapazitäten, die wir nicht sofort freisetzen müssen, um wieder Rohstoffe zu haben, für die wir personelle Kapazitäten bräuchten, wenn auch möglicherweise an einem anderen Ort, da sich die Subventionen immer mit der wirtschaftlichen Schwerkraft verschieben – und wir haben am Ende keine Milch, denn was nützt es uns, dass sie der Verbraucher verbraucht, wenn der Koksbaron davon keinen neuen Porsche kriegt. Sind wir am Ende das christliche Abendland? Das Baby lässt die Idee zentral gesäugter Bürger schießen und nuckelt lieber für sich, Brust statt Frust, und weiß, dass der Nährstand ihm schnellstens zur Verfügung stehen wird, da keine staatliche, wirtschaftliche oder sonst hirnfremde Institution sich dem entgegenstellt. So und nicht anders, aus dem Geist bisher gründlich versaubeutelter Strukturen, entsteht der Keim des neuen Anspruchsdenkens. So entsteht der Drang nach Sofortness.

Klar hat im Holozän nicht alles auf Knopfdruck funktioniert. Zum Beispiel gab es am Anfang noch so gut wie keine Knöpfe. Später dann hatte keiner Internet, was sich in der Jungsteinzeit kaum besserte, aber im Mittelalter auch nicht. Am liebsten hätte Columbus alle seine Brötchen online bestellt, auch wenn seinerzeit keiner wusste, was Brötchen waren, aber der Gedanke einer schleunigst aufpoppenden Lieferung hätte die Machtmenschen der Epoche fröhlich gestimmt, hungriger, ihnen die letzte Gnade genommen, kurz: sie hätten uns den Schmodder um die Ohren geklatscht, den wir heute in der Globalisierung zu dulden haben. Sie wollen die in der Sache liegenden Gründe ausblenden, die damit beschäftigten Synapsen sind nun mal mit anderem Zeugs beschäftigt, und also weimert das Konsumkind ad hoc, wenn es seine Ware nicht mit Hackengas kriegt. Die trübe Illusion einer stetigen Verfügbarkeit lockt, doch die Wirklichkeit ist nicht an die Prozesse vom Reißbrett anzubinden. Was auch immer da passiert, es wird nur über ein Bild vermittelt, wie es Reklame gemeinhin vorgaukelt. Die Ungeduld des infantilen Zeitgeizers in seiner Fixierung duldet nur die Instantbefriedigung – keiner will, keiner kann warten, weil die Hastkappe dem Deppen im Halbsekundenschlaf den Takt auf den Zehen vortanzt.

Die Echtzeit schwiemelt sich dem Blödkolben farbecht ins Stammhirn – hat auch keiner je die Verwandlung vom Ei zum Huhn gesehen, er fordert die Bestätigung unterhalb der Planckzeit, jodelndes Rotlicht und knallendes Konfetti, ein Feuerwerk der Teilchenbeschleunigung, wo das Licht kurz in die Kaffeepause geht. Paradoxerweise verlangt der Depp am Marktstand, wo fünfzig Leute um ihn stehen, das reibungslose After-Sales-Ballett – Kunden, die Obst gekauft haben, kauften auch Brot, eine Axt und viel Munition – und will im Internet ab einer Interaktionsdauer von mehr als zwanzig Sekunden, dass sich ein Krisenmanager mit Äpfeln zur Intervention auf die vegane Seite der Plattform schlägt, koste es, was es wolle, weil keiner warten will, der die anderen warten lässt. Das Reflektieren der Anspruchshaltung der anderen würde die eigene Anspruchshaltung verändern, aber was erwarten wir von grottoid begabten Ich-hier-jetzt-Clowns, deren Getrommel auf der Brust in seichte Lächerlichkeit zu kippen verspricht, wenn man es wenigstens für den Wahlkampf zu nutzen verstünde. In seinem Drang, sich eine Tütensuppenexistenz aus reinem Abfall zu schrauben, gerät der Bekloppte alsbald unrettbar in die Schnellsucht, jenen selbst sich verstärkenden Prozess, dessen Strudel nur von außen wie Fortschritt aussieht.

Das technische Gerät muss nach dem Anknipsen gleich benutzbar sein, jede Bestellung Momente nach der Tat im Briefkasten landen. Der Schmerz soll Sekunden nach der Pille verschwinden, das Glück per Tinderwisch aus der Fläche poppen. Wir sind so genügsam geworden, dass wir alles verlernt haben, uns auf die entscheidenden Dinge zu freuen, und wenn, schludert sich das Schöne vermatscht zwischen zwei Reizleitungspotenziale – ein neuer Markt für die Burnoutbranche, Fastfood für Flache, eine Weltreise im Überschallmodus, durch alle Kontinente gezappt auf der Suche nach verlorener Zeit, die sich weder ansparen lässt noch Zinsen abwirft, mangels Bodenhaftung kaum flüchtige Spuren im Sand und keine blauen Flecken auf der Seele, die sich im Mehrschichtbetrieb immer neue Wünsche aus dem Brägen popelt, ein Friedhof der Totgeburten, den man sich am besten dauerhaft aus der Perspektive säuft, bis sie weich hinter dem Horizont verschwimmt. Ein gutes Pils dauert drei Minuten. Schrecklich.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVI): Die Hochzeit als Hochleistungsevent

15 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Grunde war die ganze Sache früher recht einfach. Hans und Grete Mustermann schmissen ihre Klamotten zusammen, kauften sich zusätzlich ein halbes Dutzend Pressspanregale mit aramäisch-hieroglypher Aufbauanleitung, Sechskantschlüssel und Verbandskasten, zogen in eine Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Butze am Stadtrand oder im angesagten Szeneviertel, machten das mit der Reproduktion, warteten auf das Nachlassen des Bindegewebes und sahen den Nachkommen zu, wie sie den ganzen Schmodder nachturnten. Nur die Liebe zählte. Bis sich die Brut bildungsbürgerliches Gezicke lieferte mit- und unter- und gegeneinander, indem sie sich erinnerten, dass vergangene Jahrhunderte und zu Recht ausgestorbene Kreaturen sich die Mütter aller Materialschlachten lieferten, wenn ihre Blagen in den heiligen Bund der Ehe traten. So auch heute, wo die Hochzeit zum Hochleistungsevent wird.

Was hier und dort noch als verschämter Tausch von Blick und Ringen nebst Weingeruch in einer winzigen Dorfkirche durchgeht, im kleinsten Kreis und damit quasi sozial stigmatisiert, wäre in einer durchschnittlichen Beziehung zweier in Arbeit und Kegelverein integrierten Steuerleister nebst obligat auftretender Kollateralbekinderung kaum noch zu bewerkstelligen. Natürlich kann man die Kollegen – alle, auch Miss Mundgeruch aus dem Vertrieb und die dicke Tante aus Bad Gnirbtzschen – nach der standesamtlichen Trauung zu körperwarmem Prosecco und abgezähltem Käsegebäck einladen, aber sich als Kannibale zu outen wäre im Vergleich dazu einfacher. Man macht das in einer total süßen Holzkirche in der Eifel, in der Mongolei oder auf Sardinien, die Braut in einen Schlauch aus original florentinischer Krötenseide eingenäht, verziert mit drölfzig Schrilliarden Pailletten, mundgeklöppelt aus zentraltaiwanesischen Goldfischschuppen. Der Bräutigam, so er denn nötig ist, trägt Maßfrack, aber nicht ironisch, und bietet zehn Sorten Bourbon an, um die Nervosität der wichtigsten Gäste nicht schon vor dem Vollzug überkochen zu lassen.

Abgefeimter Pausenclowns, denen der Job als Investmentbanker noch zu viel mit Moral zu tun hatte, schleichen durchs Land, veranstalten Messen für Beutelschnitt und Hirnfasching, und bringen die ohnehin von Hormonrausch und Gruppenzwang in die Ecke gedrängten Hochzeiter endgültig zum Wahnsinn. Mindestens unter Wasser, wenn nicht als Mottohochzeit „Robin Hood meets Star Wars“ mit einer Motorrollerfahrt durch die Lüneburger Heide im Tiefschnee muss der allerschönste Tag abgehen. Hundert Brieftauben mit kostenloser Vogelgrippe, Feuerwerk, ein Zentner Altmetall qua Schlössern an jeder in den Landkreis geklotzten Brücke, während die Gäste vor dem Elf-Gänge-Menü aus Tütensushi und einem Horizontalmeter Tiefkühltorte noch eine Nackenmassage durchmachen. Aus derlei Gesülz schwiemelt sich das Paar den begehbaren Albtraum in die Biografie, den Tag, der absolut unvergesslich sein wird. Mit einem Verkehrsunfall hätte das auch geklappt, und da gucken wenigstens mehr Leute zu.

Denn mit nichts mehr, nicht mehr mit dem mobilen Champagnerstand, Schunkeldisko to go oder einer Schlägerei vor dem Traualtar, aber als Musical, kann man noch Eindruck schinden. Die Schraube der inflationären Entwicklung ist längst durchgedreht, nach fest kommt lose, nach müde doof, und mit keiner Veilcheneiswürfelbrause kann man den Durchschnittsgast noch davon überzeugen, dass er die zwölf Stunden nicht besser mit der Fernbedienung solo im Bett verbracht hätte. Trotz Jahrgangswurfreis und veganen Luftballons. Es war alles schon einmal da, und das nicht ohne Grund. Aber was erwartet man von einer Gesellschaft, in der Erwachsene sich mit ihrem Mandalamalbuch vor der Globalisierung abschotten und eine Eheschließung in Achterbahn mit anschließendem Minigolfturnier für angetrunkene Monosynapsen für geistig gesegnet halten. Im Indien des 16. Jahrhunderts wäre keiner auf derlei Quark verfallen.

Demnächst werden sie ihr preziöses Gepopel mit Kutschenrennen im Zirkuszelt, Gleitschirmflug vom Ulmer Münster, Donutwettfressen vor einem brennenden Kinderheim, von Christo verpackten Gästeklos oder Nacktbaden im Klärwerk fortsetzen, immer auf der Suche nach der beknacktesten Idee des Jahrhundert, die ein störungsfrei arbeitendes Gehirn angewidert verdrängt. Romantizismus pur trieft aus der Hochglanztristesse, die doch nur inszeniert wird, um als Fotostrecke, besser noch als zusammengehauenes Video Neider und Nachwelt von der Leistungsschau der Geltungsneurotiker zu überzeugen, dass die Sippen vor lauter Geld nicht mehr laufen konnten und ihnen kein ordentliches Abschreibungsmodell eingefallen war. Noch die individuell gefertigten Schokoladenkekse an der Kaffeetafel mussten mit Blattgold auf Blinkmodus schalten, damit sich der letzte Proll wie zu Hause fühlte. So feiert sich nur die echte, wahre Liebe. Warum auch immer man für zweidrei Jahre Tisch und Bett dieses Gehampel veranstalten muss. Für eine anständige Scheidung ist dann nämlich kein Geld mehr da. Sagt einem ja auch keiner.





Post, faktisch

14 09 2017

„… nicht mehr geleistet werden könne. Die tägliche Briefzustellung der Deutschen Post müsse unter den jetzigen Bedingungen stark an die…“

„… dass E-Mails trotz der Bemühungen des Konzerns immer noch kostenfrei seien. So sei eine wirtschaftliche Ausrichtung des Konzerns nur noch mit maximal drei Auslieferungen pro…“

„… zunächst die Auslieferung der Briefpost an Samstagen streichen zu wollen. Dies habe den großen Vorteil für die Bevölkerung dass der Konzern bei gleichbleibenden Gebühren eine Personalkostenreduzierung um…“

„… erst eine psychologische Studie in Auftrag geben wolle. Der an einzelnen Wochentagen per Fernsteuerung verschließbare Briefkasten sei ein wichtiger Beitrag zur Senkung des allgemeinen…“

„… ausländische Anbieter die Dienstleistung kostenfrei auf den deutschen Markt werfen würden. Noch schlimmer sei es, dass auch deutsche Firmen die E-Mail ohne eine staatliche oder wenigstens vom Staat kontrollierte Zwangsabgabe…“

„… alle Briefkästen zunächst nach 18:00 Uhr schließen wolle. Analog zu den Schalterstunden der Postämter müsse man auch darüber nachdenken, dass ein Versand von SMS oder…“

„… Behördeninformationen bisher für andere Behörden nicht einsehbar gewesen seien, weil das in Art. 10 GG verankerte Briefgeheimnis sie gegen unbefugte Zugriffe geschützt hätten. Dies könne durch eine vor allem auf die De-Mail bezogene Übermittlung sofort und…“

„… eine Angleichung an den Markt verlange. So sei neben der Einrichtung eines personell nicht ausreichend besetzten E-Mail-Ministeriums auch die Schaffung einer EU-weiten Behörde zur Behinderung technischer…“

„… eine tägliche Zustellung nur auf tägliche Tage beschränken wolle. Da Mittwoch und Sonnabend schon im Namen keinen Tag mehr…“

„… internationale E-Mails nur noch einmal pro Quartal ausgeliefert werden dürften, um den Wettbewerb der Dienstleister nicht zu verzerren. Es sei auch im Gespräch, fremdsprachige Nachrichten zur Terrorüberwachung durch eine ministerielle…“

„… alle anderen Übermittlungswege durch eine progressive Besteuerung zur Verringerung der Bewerbersituation reguliert werden müssten. Die für Fahrradkuriere bundesweit vorgeschlagene Kilometerpauschale von fünfzehn Euro sei zwar noch nicht mit den Tarifpartnern…“

„… den vorherigen Erwerb einer E-Mail-Marke zum rechtsgültigen Versand fordere. Lindner habe als Bundesvorstand des Interessenverbandes Digital First keine Bedenken, dass eine Aufnahmegebühr von zwei Millionen Euro auch für Einzelunternehmer, kleine und mittlere…“

„… das Arbeitsumfeld der Postboten angenehmer machen könne. Ein Dienstfahrzeug der Oberklasse würde bei ansonsten gleichen Bezügen nur die Ökobilanz der Deutschen Post AG negativ beeinflussen, was aber angesichts der…“

„… Orte von unter zehn Millionen Haushalten gar nicht mehr beliefern würde. Der Aufsichtsrat wolle seine wirtschaftlichen…“

„… Arbeitslose gar kein Interesse hätten, sich per E-Mail auf offene Stellen zu bewerben, sonst seien sie ja längst beschäftigt und könnten aus eigenen Mitteln eine…“

„… könne sich die Deutsche Post, faktisch der größte Anbieter auf dem nationalen Markt, nicht auf einen Tarifvertrag mit den anderen Dienstleistern einigen, da diese so als gleichrangige Unternehmen auf dem gesamten…“

„… leicht modifiziert habe. Zwar seien in den Ballungsräumen Berlin, Hamburg und München die Einwohner eher in kleinen Quoten auf die Anschrift verteilt, man könne jedoch schon wegen der…“

„… alternativ durch absenderseitig Angaben auf der Sendung davon überzeugen könne, wie dringlich die Postsendung im…“

„… Subunternehmer gewinnen wolle, die aber ohne technische Hilfsmittel wie Rollschuhe oder Dreiräder für die Zustellung im…“

„… nicht mehr alle kreisfreien Städte durch den staatlichen Konzern…“

„… zunächst ausgeschlossen sei, durch eine zunächst stichprobenartige Kontrolle des Inhalts die Wichtigkeit der Briefsendung für den jeweiligen…“

„… abgelehnt habe. Zwar bedeute das Verteilen der Postsäcke in den Metropolregionen für die Deutsche Bahn AG eine dauerhafte…“

„… anzubieten seien. Zwar habe nach dem Gesetzentwurf nur ein recht geringer Teil der zahlungsfähigen Klientel einen Rechtsanspruch auf das gesetzlich garantierte Postfach im…“

„… nur noch schwerpunktmäßig arbeiten werde. Zwar sei eine Lieferfrist von vier Wochen durchaus angemessen, der Kunde könne jedoch nicht erwarten, dass die Auslieferung auch vertragsgemäß oder annähernd…“

„… könne man den Absender auch durch Frankierung in unterschiedlicher Höhe davon überzeugen, dass ein Postsystem mit abgestuften Geschwindigkeiten eine sehr flexible…“

„… durch eine Haushaltsgebühr erhoben werde. Diese sei ohne Ausnahme von den…“

„… die Sendungen nur an Sammelanschriften abgeben, die jeweils durch einen Postblockwart…“

„… wieder gesichert sei. Der Kutschenverkehr zwischen Potsdam und Berlin könne inzwischen mehrmals pro…“





Milch und Honig

11 09 2017

„Wir haben nicht nur Gesamtpakete, Sie können sich Ihr individuelles Angebot auch aus einzelnen Komponenten zusammenstellen. Das kommt vor allem bei Wechselwilligen sehr gut an, und was wir bei Versicherungen und Energiekonzernen nicht so gut hingekriegt haben, das machen wir jetzt im Religionsbereich besser. Sie haben die Wahl!

Also generell sind wir auch hier im Bereich der menschlichen Grundversorgung, nur eben nicht so materiell wie bei den Strompreisen. Obwohl, die sind ja bisweilen auch existenziell. Aber wenn Sie die Auswahl haben zwischen Glaubensanbietern, da listen wir Ihnen alles, was der Markt zu bieten hat. Die großen Pakete, all inclusive, und kleine mit zahlreichen exklusiven Sonderleistungen, regional verfügbare Angebote, kurz: alles, was Herz und Seele begehren. Wir haben den Kunden im Sinn!

Gut, letztlich sind Religionen Ideologieanbieter, aber es muss eben passen. Da gibt es den Kunden, der kauft Katholizismus Standard, weil das seine Eltern und die Großeltern schon gehabt haben, die ganze Familie und – wichtig, das ist ein ganz entscheidender Punkt! – die Nachbarn. Wenn Sie da plötzlich mit dem Schnäppchen-Tarif Evangelisch-Reformiert ankommen, da sind Sie unten durch. Ganz wichtig auch für den Kundensupport: bei unangekündigt auftretenden Glaubenszweifeln ruft man ja nicht gleich den Kundenservice an, also das Bodenpersonal, sondern man versucht’s erstmal mit den anderen aus der Benutzergruppe. Wer hat nicht schon im Internet das Selbsthilfeforum gesucht und seine Zweifel angemeldet, ‚Wie war das noch mal mit der Theodizee?‘, oder: ‚Ist der Mensch als Geschöpf Gottes wirklich frei?‘. Muss man ja wissen, sonst macht der Vertrag keinen Spaß, und so eine Ewigkeit kann sich schon mal hinziehen.

Klar, wechseln kann man immer noch. Aber das ist dann auch die Frage, will man nicht lieber einen Anbieter finden, der zu einem passt? Und genau da sehen wir unsere Herausforderung. Heute Zen, morgen Altkatholisch, das bringt’s doch auch nicht. Wenn Sie nicht das richtige Angebot haben, werden Sie schnell unzufrieden, die Zusatzkosten für den Service übersteigen schnell ein vernünftiges Maß, man sieht die ganze Sache schnell negativ, dann gibt es Streitigkeiten, und schon haben Sie ein ganz schlechtes Erlebnis mit Religionen an sich gemacht. Mit etwas Glück werden Sie hinterher Agnostiker, sonst fallen Sie noch auf die Scientologen herein.

Informieren Sie sich gerne bei den großen Anbietern. Buddhistische Pakete sind vielfältig, wenn Sie sich für eine Option entscheiden mögen, haben Sie recht viel Wahlfreiheit. Das mit dem Karma ist Standard, das kennen Sie auch aus den Lifestyle-Angeboten anderer Haustürgeschäfte, und dann kriegen Sie diverse Sutren, Hinayana ist ein persönliches auf Sie zugeschnittenes Heilsangebot, beim Mahayana, da kriegen Sie auch die komplette Mahasanghika-Ausstattung gratis plus zusätzlichem Online-Support zur geistigen Installation, und das ist die sozialere Version. Wenn Sie beispielsweise familiären Hintergrund haben oder sonst in eine bereits bestehende Gemeinschaft eingebunden sind. Da sind die tibetischen Schulen aber noch nicht im Preis enthalten, aber das können Sie zwischendurch immer noch entscheiden, wenn Sie sich nicht als – ich muss das mit der Erleuchtung immer nachlesen – Bodhisattva fühlen. Aber bitte vorher lesen Sie das Kleingedruckte. Es gibt nur Nirwana, sonst nix.

Mein Gott, was gehen mir diese Kunden auf die Plomben, die nicht das Kleingedruckte lesen! Wir als Vergleichsportal müssen ganz genau rechtliche Haftungsmöglichkeiten abklären, deshalb steht da in den AGB auch kein Sterbenswort von den 72 Jungfrauen, dann kommen die Kunden hinterher an und… gut, da sind es selten die Kunden, aber Sie wissen schon, wie ich das meine. Milch und Honig, Unsterblichkeit, der Biervulkan, wie soll man das alles unter einen Hut kriegen? Stellen Sie sich mal den Stress vor, wenn die Sunniten plötzlich eine Sammelklage einreichen, weil es die Reinkarnation doch gibt. Oder wenn sie mit Aleviten, Bahai und altägyptischen Leutchen in einem Sammelparadies untergebracht werden. Das haben Sie nicht erlebt, wenn Sie ein Vatikanisches Konzil mitgemacht haben sollten.

Wählen Sie sorgfältig, mehr kann ich Ihnen nicht raten. Es gibt immer ein paar Popstars, die für eine Religion werben – Richard Gere, der Papst – aber wir halten uns da raus. Letztlich muss man das für sich selbst entscheiden, weil jede Ideologie doch einen starken Bezug zum Persönlichen beinhaltet. Da werden Sie sich mit vielen privaten Dingen auseinandersetzen müssen, für die wir leider keine Gewährleistung übernehmen können.

Momentan haben wir so ein Spiritualitätsdings als Aktionsware, da können Sie alles irgendwie mixen, Askese und Meditation mit schamanischem Getrommel für die Erlösung, gegen Aufpreis auch Weltrettung und irgendwas für den Regenwald, aber da müsste ich noch mal nachschauen. Weltgeist, es war der Weltgeist. Wusste ich’s doch. Wird dann auch preiswerter, wenn man es gleich für die ganze Familie bucht, und Sie können Ihren Nachbarn auch erklären, Sie sind ganz in der Natur angekommen. Dann hält man Sie für stinknormale Veganer und alles ist gut.

Nur mal so als Frage: was wählen Sie eigentlich?“