Gipfel-Sturm

9 03 2011

„Köstlich! Ich könnte mich in die Ecke werfen, das ist einfach göttlich!“ „Merkel?“ „Viel besser!“ „Karneval ist doch vorbei?“ „Ach was, Karneval – diese Nummer mit dem Biosprit. Großartig!“ „Was ist daran bitte großartig?“ „Das ist Hollywood. Was für eine wunderbare Inszenierung – endlich einmal zusehen, wie diese Regierung in Zeitlupe vor die Wand fährt.“

„Haben Sie überhaupt ein Auto?“ „Ist das denn wichtig? Schließlich muss ich ja auch keinen Atomstrom verbrauchen, um dies Geschacher mitzufinanzieren.“ „Immerhin nimmt sich die Bundesregierung der Sache an – das ist doch ein Beweis für das Interesse der Politik:“ „Sie meinen wohl: für ihre Interessen? Ein Benzingipfel, das ist doch wahrhaft lächerlich.“ „Aber Röttgen tut doch wenigstens etwas.“ „Wenn Sie darunter Dackelblick und sinnloses Gefasel verstehen, dann könnten Sie Recht haben.“ „Macht er denn nichts?“ „Die Frage ist, warum er jetzt mit dem Brimborium anfängt. Seit Jahren zanken sich die Spritproduzenten und die Autokonzerne um E10, und was passiert?“ „Sogar Brüderle hat sich eingeschaltet.“ „Stellen Sie einen Kanister Ethanol auf den Mars und Brüderle meldet sich für die bemannte Raumfahrt. Röttgen macht das, was er immer macht, wenn er was macht, wo er sagt, dass er was macht. Nämlich erst mal gar nichts.“ „Immer?“ „Wenigstens hat er die Laufzeitverlängerung für die Atombranche auch schon durch plötzliche Abwesenheit ermöglicht.“

„Sind Sie denn der Meinung, dass dieser Gipfel etwas nützte?“ „Abgesehen vom Stromausfall, weil sie die Generatoren mit E10 betanken, hatten wir köstliche Unterhaltung. wie sie dastehen und sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben.“ „Hätten nicht die Sprithersteller bessere Werbung machen können?“ „Für einen Sprit, der ihnen von der Politik aufgedrängt wurde, sollen sie sich auch noch vorschreiben lassen, wie Werbung auszusehen hat? Bekommen wir demnächst auch noch eine Verpackungsdesignvorschrift für Energiesparlampen?“ „Immerhin hat diese ganze Branche inklusive der Landwirte doch enorme Subventionen eingestrichen, sollten sie sich nicht ein bisschen kooperativer zeigen?“ „Wenn es auf Kooperationsbereitschaft ankäme, wüsste ich gerne, warum die Kernkraftwerksbetreiber trotz der Milliardengeschenke die minimalen Steuern auf den Verbraucher abwälzen.“ „Das haben die Mineralölkonzerne mit den Strafzahlungen doch auch vor.“ „Ich kann mich trotzdem nicht erinnern, Röttgen deshalb in tiefen Sorgenfalten gesehen zu haben.“ „Vielleicht schiebt er es auf die EU-Richtlinie?“ „In der stand sicherlich, dass man den Verbraucher nicht besser informieren darf als bei anderen Steuerverschwendungsplänen?“ „Die Politik hat eben manchmal den besseren Überblick als die Wirtschaft.“ „Warum empfehlen ihnen die Experten von Guidos Werbepartei nicht Boni, Einführungsrabatte und Gewinnspiele? Weiß die Wirtschaft etwa besser, wie zielgruppenorientiertes Marketing funktioniert? Oder sind der FDP 6,25% auch schon wieder zu hoch?“ „Andererseits, es gibt nun mal diese gesetzliche Vorgabe, und da kann der Röttgen doch durchaus mit Recht…“ „… erzählen, was die Neoliberallalas in solchen Situationen immer erzählen: damit der Markt ohne störende Einflüsse der Politik alles selbst regeln kann, muss die Politik unbedingt in den Markt eingreifen. Die Spritbranche hätte sich Banken kaufen sollen.“ „Nach marktwirtschaftlichen Gesetzen stimmt es doch aber; wenn nicht genug E10 gekauft wird, dann verteuert es sich.“ „Und unter sozialer Marktwirtschaft verstehen Sie, dass die Regierung den schwer gebeutelten Autoherstellern noch mal Zucker in den Arsch bläst, damit sie nicht aus lauter Not ihr Geld mit Arbeit an alternativen Antrieben verdienen muss?“

„Irgendjemand muss jetzt klären, wie dieses Dilemma zu beheben ist.“ „Ach ja? Und dazu setzen wir uns mit dem Bauernverband an einen Tisch? Warum nicht gleich mit den Anonymen Alkoholikern, schließlich vergasen wir doch gerade ihren Schnaps?“ „Werden Sie nicht albern, das sollte man schließlich von den richtigen Experten klären lassen.“ „Wenn es Experten gäbe, die die entsprechenden Fragen beantworten könnten – beispielsweise die vollständige Kohlendioxidbilanz einschließlich Herstellung oder den Anteil von Bioethanol-Produktionsflächen an den bisherigen Nahrungsmitteläckern – dann gäbe es diese Antworten wohl längst. Eine Expertenkommission, die sich gegenseitig ihre Inkompetenz attestiert, wo hatten wir das zuletzt gesehen?“ „Stuttgart?“ „Dann war Röttgens Gipfel das S21 des Straßenverkehrs.“

„Was hat der fesche Norbert denn dem Mob entgegenzusetzen?“ „Das bewährte CDU-Motto: Augen zu, weiter so. Irgendeinem wird man die Schuld schon in die Schuhe schieben können.“ „Und wenn man alles rückgängig macht?“ „Dann müsste Merkels Strahlemännchen wohl oder übel kurz vor den nächsten Landtagswahlen gestehen, dass er sich mit dem Hammer kämmt. Das wird den Grünen helfen.“ „Was haben die mit Biosprit zu tun?“ „Die warnen vor Ressourcenverschwendung, Umweltschäden und Hunger. Wir importieren demnächst Gemüse aus Chile, weil wir nur noch Kraftstoffrüben anbauen.“ „Dass da die Klimamutti einfach so mitmacht?“ „Unter dem Deckmäntelchen des Klimaschutzes werden eben jede Menge sinnloser Geschäfte eingefädelt. Hat beim Dosenpfand prima geklappt.“ „Erwarten Sie Konsequenzen?“ „Nicht doch! Jeder kann mal einen Fehler machen, oder? Außerdem waren wir mit ihm bisher ganz zufrieden. Und er wurde nicht als Mineralölexperte engagiert, sondern als Bundesumweltminister. Wahrscheinlich ist das alles eine Hetzkampagne der kommunistischen Autoverweigerer. Er hat eben ein bisschen Gipfel-Sturm abgekriegt.“

„Sollten Sie Recht haben, dann regiert diese Kanzlerin mal wieder exakt am Problem vorbei.“ „Aber sie verteilt die Probleme wenigstens sehr gut auf die einzelnen Ressorts, das müssen Sie ihr doch lassen.“ „Dann sollte man auf ihren Kronprinzen nichts mehr geben?“ „Oh doch, für den bekommen Sie noch eine Menge.“ „Politisches Kapital?“ „Das nicht. Eher Flaschen-Pfand.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XIII): Geländewagen

26 06 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles im Leben ist irgendwann Geschichte, die erste Liebe, der erst Kuss, der erste Fußpilz. Gerade noch Gegenwart, jetzt schon vorbei und verweht. Was für die Ewigkeit sein soll, muss in Stein gemeißelt sein. Oder wenigstens so dauerhaft wie eine solide Impotenzneurose. Hauptsache, es kratzt so richtig tief ins Selbstbewusstsein rein und verursacht dauernde Schmerzen. Dagegen helfen nur massivere Therapieansätze. Von hier nahm der Siegeszug des Geländewagens seinen Ausgang.

Ein abgefeimtes Komplott aus Autoherstellern, Werbeagenturen und gerissenen Händlern versucht jeden noch so schmutzigen Trick, um dem motorisierten Möchtegern einen Blechsarg mit vierschrötigem Getriebe unter den Hintern zu schwatzen. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Kein Stenz traut sich mehr ohne eine Karosse im schmucken Panzerhaubitzendesign in die feindliche Außenwelt, in der miese Machos in Mittelklasselimousinen ihnen den Schneid abzukaufen drohen. Den Behämmerten mit der Ego-Atrophie reicht zum bescheidenen Glück sogar ein von Beulen übersäter Lada aus dem Baujahr 1980, um aufkeimendes Leben in der Hose zu spüren: hier ist er Mann, solange das Sperrdifferential ordentlich über die Krume hobelt. Versteift sich erst der Antriebsstrang, wird der Rest von alleine hart.

Der geschulte Beobachter erkennt den Vollgas-Idioten am Komplettausfall seiner ästhetischen Fähigkeiten. Anders ist es nicht zu erklären, wie sich herdenweise gestandene Schlappschwänze aus freien Stücken in Wagen setzen, deren Karosserie anmutet wie mit der Axt aus einem Block Altmetall gekloppt. Die Kiste dankt es einem mit einfachster Technik aus wenigen Bauteilen, die im Falle eines Falles am Stück verreckt, und mit der Aerodynamik eines durch die Landschaft gurkenden Garagentors. Hei, wie hübsch lässt sich aus dem Hubraum eines Flugzeugträgers der Sprit in die Gegend blasen! Jeder Schaltvorgang wird zum knarzigen Erlebnis, jedes röhrende Anfahrmanöver an der Ampel gibt einem das gute Gefühl, die Weltgeschichte mit ausreichend Abgasen versorgt und das Klima ein Stück kuscheliger gemacht zu haben! Abgesehen von diesen Produktvorteilen ist die Karre einfach nur die perfekte Fortbewegungsmöglichkeit in den letzten Rollen, die ein echter Mann auf der dünnen Asphaltdecke seiner beschissenen Existenz noch spielen kann: Daktari und Krieg. Ihre Synthese ist unmöglich, wird aber beharrlich versucht, zumal im Habitat des Geländewagens: im Stadtverkehr.

Denn nirgends offenbart sich die Sinnlosigkeit der Präriepanzer tiefer als auf dem langen, entbehrungsreichen Weg von der Doppelhaushälfte zur Videothek und zurück. Der Weg ist das Ziel, und der führt durch Tücke und Fährnis. Nur die wahre Mannestat kann hier bestehen. Tatternde Rentner, die im Rollator den Fließverkehr stocken lassen, holt der heroische Kombattant ebenso von der Straße wie sorglose Kinder auf dem Kickboard: mit dem Stoßfänger. Ist es etwa seine Schuld, dass in Wesel-Ginderich das gemeine Nashorn schon vor Jahrmillionen die Biege gemacht hat und Bwana mit dem groben Reifenprofil nun mutterseelenallein den Burnout vor dem Zigarettenautomaten hinlegen muss? Die Welt ist herzlos, die Frontschürze auch.

Den fließenden Übergang von Safari und Waffengang markiert der obere Drehzahlbereich, in dem der Bescheuerte das Getriebe noch einmal kurz aufröhren lässt, bevor er mit sattem Geräusch eine Einheit Kleinwagen an der Leitplanke in die Zweidimensionalität überführt. Nach erfolgreicher Materialkaltverformung begreift er, wie sein Altruismus nicht nur die Rentenkassen zu entlasten hilft; er ist zugleich der Erfüllungsgehilfe der Todessehnsucht ungezählter Winzkraftwagen, die es alleine dank ABS, ESP und Airbag nie aus eigener Kraft über den Jordan geschafft hätten. Dafür nimmt er es gerne hin, dass seine eigenen Chancen im Ernstfall schwinden; sein orthogonal geformter Bolide macht es dem Elch leicht und legt sich im Schleudergang elegant auf die Seite, weil der Grip unten nicht mit dem Schwerpunkt oben korreliert. Aber wer würde schon gerne mit Karacho fahren und dann unspektakulär in die Grasnarbe beißen?

Denn letztlich dient die hohe Bodenfreiheit nicht der Einsatzbereitschaft in Gegenden, wo die kasachische Regierung gerade neue Geröllhalden in der Hungersteppe anlegt, der Motormane erklimmt seine rollende Plateausohle mit der Trittleiter wie der Märchenprinz sein Ross, um der Schönen am Bordstein von oben zuzuwinken und simultan einen Blick in die sekundären Geschlechtmerkmale zu werfen. Er hofft, das Aufziehen von Breitschlappen heile ihn endlich von seiner Profilneurose und will endlich die rohe, animalische Sinnlichkeit, wie er sie seit seinen verschwiemelten Pubertätsträumen mit sich herumschleppt. Da steht die Traumfrau, bereit zum Äußersten, und nur die Böschung fühlt sein Beben. Ende vom Lied: der Trottel schmirgelt sich in der Eierfeile die letzten Bandscheiben weg und erleidet beim Aufritt einen Hexenschuss. Sanitäter heben ihn von der Alten. Die poppt nun mit dem Studenten, der die rostige Ente fährt. Aus der Traum. Scheißleben.