Selfie

4 02 2020

„Ja, das könnte Krebs sein, mindestens aber eine Bindehautreizung. So genau möchte ich mich da jetzt noch nicht festlegen, weil wir sonst genau nachschauen müssten, ob Sie einen Termin beim Facharzt bekommen. Und Augenarzt ist gerade ganz schlecht.

Uns erleichtert dieses Verfahren ja enorm die Arbeit. Diese Bildtelefone sind jetzt nicht so gut, aber dafür können wir nichts. Entscheidend ist, ob die Patienten genügend diagnostisches Vorwissen haben, um beispielsweise einen Herzinfarkt von einem Darmverschluss zu unterscheiden – wenn sie das bei einem Darmverschluss überhaupt noch von irgendwas unterscheiden können, aber dafür sind es auch nur Patienten, und dafür können ja wir nichts. Und auf der anderen Seite haben wir dann weniger Patienten mit Herzinfarkt in der Notaufnahme sitzen. Patienten ohne Herzinfarkt auch, also eine Win-Win-Situation für alle.

Halten Sie die Kamera bitte noch mal direkt ans Ohr, ist das da geschwollen? Haben Sie Schmerzen oder Schwindelanfälle? Das hätten Sie gleich beim Eingangsfragebogen auswählen müssen, jetzt kann man die Diagnose nur noch von vorne beginnen. Oder warten Sie mal, vielleicht kann ich das hier im Menü noch ergänzen. Ja, es funktioniert. Wusste ich auch nicht, bisher haben die Patienten es noch nie so weit geschafft. Das wären dann Anzeichen für eine Entzündung, und bei den Krankheitsbild müssten Sie auch unter Atemnot leiden. Nicht? auch keine Rückenschmerzen? Schultern? Nacken? Das ist jetzt blöd, dann kann ich bei Ihnen keine Entzündung eintragen. Entweder Sie haben wirklich keine Entzündung, dann müsste ich Sie jetzt zur Differentialdiagnose ins Klinikum einbestellen, oder Sie haben eine Entzündung, dann kann ich das aber nicht eintragen und kann Sie auch nicht ins Klinikum… –

Das ist schon kompliziert, wir sind hier ja auch keine Ärzte, das ist eine Krankenkasse und wir haben vorher in der Mahnabteilung gearbeitet. Es geht hier halt ums Geld, man kann nicht jeden Anspruch der Versicherten befriedigen. Klar, wir wollen alle gesund bleiben oder gesund werden, und manche von uns wollen auch unbedingt immer länger leben als der gesetzliche Durchschnitt, aber das ist eine betriebswirtschaftliche Frage. Also ich meine, dafür müssen wir den Service schon sehr straffen, damit unsere Kunden ihre Ziele besser verfolgen können. Nicht, dass Sie mich hier falsch verstehen. Sonst wird ja stets und ständig über Alternativmedizin gehetzt, Globuli, Energiesteine, schamanisches Heilhopsen, aber das hier ist doch wirklich einmal ein Ansatz, der sich als Alternative bietet. Das ist wie eine Alternative im politischen Sinn: Sie haben keine Ahnung, machen alles selbst, und wenn’s in die Hose geht, sind die anderen schuld. Kein perfektes Modell, aber ich würde es als ausbaufähig bezeichnen.

Wenn Sie bessere Diagnosen wollen, müssen Sie mehr Geld in die Hand nehmen. Wir haben auch elektronische Automaten, die kann man in der zentralen Notaufnahme aufstellen und dann per Touchscreen eine Diagnose erfassen. Das Problem ist nur, durch den Touchscreen haben Sie wieder mehr Infektionen, und dann müssen Sie auch eine Servicekraft beschäftigen, wenn zum Beispiel ein Patient nicht mehr in der Lage ist, das Gerät zu bedienen. Außerdem haben Sie dann auch wieder eine volle Notaufnahme, aber das nur am Rande.

Sind Sie sich sicher, dass Sie die Tabletten rechtzeitig eingenommen haben? Ach, die gab es gar nicht in der Apotheke? Das hätten Sie natürlich ganz am Anfang sagen müssen, dass Sie keine Medikamente einnehmen. Sie wurden das gar nicht gefragt? Das kann sein, aber Sie haben ja im hinteren Teil der Anamnese noch ein paar Fragen, die sich auf die aktuelle Medikation beziehen. So weit waren Sie noch nicht? Das kann ich mir nicht vorstellen. Andererseits hatte ich auch noch keinen Fall von Lungenödem. Da müsste ich mal die Fachärztin fragen, die ist nur gerade in der Pause. Wie schätzen Sie Ihre Symptomatik ein, könnten Sie eventuell in zwei bis drei Stunden noch einmal anrufen? Nicht, dass Sie jetzt eine voll ausgeprägte Symptomatik haben und dann ist kein Arzt für Sie da. Also beobachten Sie das erst mal, okay?

Sie sehen, wir beziehen den Patienten in den Behandlungsprozess mit ein. Wenn es wirklich einmal zu Komplikationen kommt, dann haben wir schon eine kommunikative Basis zu ihm geschaffen und können viel leichter mit ihm umgehen. Immer vorausgesetzt, dass er dann immer noch wach und ansprechbar ist. Aber genau dafür haben wir ein Rescue-Team, ganz besonders geschulte Kräfte, die wir auch nach Möglichkeit nur zweimal, dreimal in der Woche einschalten, weil die sonst zu teuer sind. Die werden pro Einsatz bezahlt, aber dann natürlich Fallpauschale, klar. Nein, keine Notärzte. Das sind speziell ausgebildete Callcenter-Agents, die haben früher die angerufen, die ihre Mobilfunkverträge kündigen wollten. Echte Krisenkommunikation, Sie verstehen. Denen macht keiner etwas vor. Wenn Sie denen einen Schlaganfall vorspielen wollen oder ein gebrochenes Bein – null Chance. Absolut null.

Husten Sie mal. Ja, husten Sie ruhig, ist ja Ihr Telefon. Haben Sie Gleichgewichtsstörungen? Das tut mir jetzt leid, aber hier müssen wir das Gespräch leider abbrechen. Ich kann aber Ihre Daten mit Ihrer Versichertennummer speichern, und wenn wir dann Corona im Programm haben, rufen wir Sie sofort zurück. Ist das in Ordnung für Sie?“





Bis der Arzt kommt

16 08 2012

„Oh, sehr gut, sehr gut.“ Ich knöpfte das Hemd wieder zu. Hildegard sollte damit vollständig befriedigt sein. „Sehr gut“, befand Doktor Klengel und setzte das Stethoskop ab. „Es war ja nur ein kleiner Reizhusten. Etwas frische Luft, ein paar Lutschpastillen, Salbeitee, dann geht’s schon.“ Er setzte sich an seinen Schreibtisch und notierte ein paar Zeilen auf dem Pappkärtchen. Plötzlich riss der Hausarzt die Augen auf und stöhnte. „Das ist mein Ende.“ Mutlos ließ er den Kugelschreiber sinken. „Jetzt muss ich diesen Mann wieder eine ganze Stunde lang ertragen.“ „Ihr Steuerberater?“ „Schlimmer“, seufzte Klengel, „der Medizinbetrieb hat wieder einen von seinen Heizdeckenverkäufern für heute Vormittag angekündigt.“

„Nehmen Sie Platz“, wies ich den jungen Mann mit der adretten Frisur an. „Wie sind Sie denn auf meine Praxis gekommen?“ „Der hohe Anteil an Privatpatienten ist in diesem Viertel angenehm“, bekannte er, „außerdem bekommt man hier einen Parkplatz, weil das Haus in der Seitenstraße liegt.“ Ich rümpfte die Nase. „Zunächst einmal bedeuten Privatpatienten, dass man als Arzt den Honoraren nachlaufen muss, und dann überlegen sich die Leute auch immer mehr, welche Zusatzleistungen sie überhaupt noch brauchen. Wenn ich mir ein Auto kaufe, will ich ja auch nicht den ganzen Schnickschnack mit Rallyestreifen, Außenventilator und blinkenden Sportfelgen.“ „Und genau da“, tönte er, indem er eingeübt lässig seine Mappe aufschlug, „genau da setzt unser Unternehmen an – zielgenau, passgenau, auf den Punkt.“

Sie hatten offenbar gerade ihr Sortiment neu bestückt; bunte Bilder fröhlicher Senioren beim Besteigen von Ultraschall- und ähnlichen Röhren wechselten sich ab mit sinnlosen Leistungstests für olympische Wettbewerbe, wahlweise an werdenden Müttern oder frisch geschlüpften Säuglingen zu verrichten. „Sie machen bei den Zusatzleistungen einen hübschen Schnitt“, säuselte der Vertreter. „Sie können das als Paket anbieten, als individuelle…“ „Moment“, unterbrach ich, „nicht so schnell. Erst einmal wüsste ich gerne, worüber wir hier reden. Was biete ich den Patienten an, und vor allem, was bekomme ich dafür von Ihnen?“ Er lachte. „Sie haben das Prinzip verstanden. Keine Leistung ohne Gegenleistung.“ Ich wiegte mich genüsslich in meinem gepolsterten Ledersessel. „Sehen Sie es als Unterstützung für Ihre Bemühungen. Gegenleistung muss sich wieder lohnen.“ Tatsächlich verfügte die Firma über einige Kleinigkeiten. „Als Basisprämie haben wir diese hübsche Gesamtausgabe von Sigmund Freuds in Leder mit Goldschnitt. Als kleine Anerkennung, dass Sie sich an unserem Programm beteiligen. Und dann müssten wir mal sehen, wie wir das abrechnen.“

Wir begannen mit dem Lungenfunktionstest für Sportler, Ohrakupunktur und einer unspezifischen Hyposensibilisierung. „Einfach zu machen“, klärte der Verkäufer mich auf, „Sie testen am Patienten einfach etwas herum, bis Sie gefunden haben, wonach Sie eigentlich hatten suchen wollen.“ „Und das bringt?“ Er suchte angestrengt in einer Liste. „Für zehn Ohrakupunkturen wäre das eine formschöne…“ „Nichts da“, fiel ich ein. „Ich arbeite doch nicht für Kleckerbeträge!“ „Sie können das anrechnen lassen. Zehnmal Akupunktur sind dann einmal Ultraschall.“ „Und das macht in Doppler-Sonographie wie viel?“ Er begann zu schwitzen. „Sie müssten entweder einmal im Monat eine fehlenden Hirndurchblutung haben oder aber dreizehn, nein: fünfzehn Ganzkörperakupunkturen.“ „Zu viel Aufwand.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihn finster an. Es ist auch manchmal direkt unverschämt, was man sich mit uns Ärzten erlaubt.

„Selbstverständlich haben wir auch ein ganz ausgeklügeltes Bonus-System“, beeilte sich der Referent. „Ab drei Belastungs-EKGs am Tag plus je einer Ohrakupunktur und Hormonstatus können Sie für jede Untersuchung zehn Punkte extra anrechnen lassen, das sind dann dreizehn…“ „Sagen wir fünfzehn?“ „… meinetwegen fünfzehn, und je eine Akupunktur, macht dreihundert Punkte, das sind dann pro Quartal…“ Langsam ärgerte mich seine zögerliche Art; hatte der Mann nie gelernt, beherzt im rechten Augenblick zuzupacken? „Rechnen Sie es doch bitte gleich auf das ganze Geschäftsjahr aus, ich muss auch langfristig kalkulieren können.“

Es sollte sich gelohnt haben. Nach endlosen Rechenoperationen verkündete er mir, das ich bei einer zusätzlichen Brustkrebsfrüherkennung pro Woche – Einführungsangebot für Jugendliche, männliche Patienten und Notfälle mit sieben Prozent Preisnachlass – bereits die sechswöchige Karibik-Kreuzfahrt für zwei Personen sicher hatte. „Plus Thrombophilieprofil, das ist unser neues Produkt, und wir geben besondere Anreize, deshalb verschreiben es unsere Partnerpraxen besonders gerne. Fünfzig Punkte extra, das macht dann in Ohrakupunkturen fünfzehn, nein – “

„Widerlich!“ Doktor Klengel kroch unter der Liege hervor und klopfte sich den Staub von den Hosenbeinen. „Was für ein widerlicher Mensch – sich auf so ein Geschacher mit Ihnen einzulassen!“ Ich reichte ihm seinen Kittel. „Sie sehen, das System verlangt von uns einige Opfer. Wir müssen alle ein bisschen mehr leisten, um über die Runden zu kommen.“ „Sie wissen genau, dass ich seekrank werde!“ Der Arzt zog sich umständlich den weißen Kittel wieder an. „Und ich wüsste auch gar nicht, mit wem ich die Kreuzfahrt unternehmen sollte. Mit meiner Schwester? Das hätten wir uns genauso gut sparen können!“ Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Ach was“, gab ich zurück, „sehen Sie es mal positiv. Den ganzen Sigmund Freud in Goldschnitt, ist das nichts? Vorausgesetzt…“ Er runzelte die Stirn. „Vorausgesetzt, was?“ „Vorausgesetzt, Sie lassen Ihre Patienten hübsch in Ruhe.“





Eintritt unfrei

13 12 2011

„Du kommst hier net rein!“ Der Muskelmann mit der dunklen Sonnenbrille schob sein Kinn drohend nach vorne. „Das ist mir vollkommen egal“, gab ich zurück, „ich habe gleich einen Termin bei Doktor Weinreich, und Sie lassen mich jetzt auf der Stelle durch.“ Das schien ihn jedoch nicht weiter zu kümmern; er musterte mich abschätzig und zischte: „’schmach Disch platt, Du kommst hier net rein!“

„Sie hätten gerne auch etwas weniger impulsiv reagieren können“, tadelte Doktor Weinreich, „der arme Mann muss ja in die Notaufnahme.“ „Falls es Sie interessiert: es ist nicht mein Unterkiefer“, antwortete Anne kühl. „Sollte einer Ihrer Gorillas mich nochmals ohne Erlaubnis anfassen, dann werden Sie das den Hinterbliebenen erklären.“ Der Patentanwalt zerfloss in Selbstmitleid. „Was soll ich denn machen, die Türsteher sind kostenlos! Und die Partei stellt sie mir auf Wunsch jederzeit zur Verfügung, da kann ich doch nicht ablehnen?“ „Können schon“, schaltete ich mich ein. „Diese Aktion war ja ursprünglich nur für Ärzte gedacht und nicht für alles, was einen Onkel Doktor auf dem Türschild hat, wenn er denn echt…“ „Kein Wort“, keuchte Weinreich, „kein Wort – ich kann mir jetzt keinen Skandal leisten! Außerdem hatte ich nicht genau gelesen, worum es da ging.“

„Großartig“, knurrte Anne. „Das ist jetzt der zweite Fall. Kannst Du mir bitte mal sagen, warum sie mich beim Gemüsehändler nicht reingelassen haben?“ Ich überlegte einen Augenblick. „Du hast kein Rezept vorweisen können?“ „Wieso denn ein Rezept“, fragte sie entgeistert. „Weil es beim Arzt jetzt ja auch jedes Mal fünf Euro kostet, und da haben sie sich wohl gedacht…“ Sie verzog das Gesicht. „Ich will von diesem Unsinn nichts mehr wissen. Weck mich, wenn es vorbei ist.“

Wir waren nicht alleine. Doktor Klengel ließ sich auf dem Wochenmarkt ein Pfund Äpfel abwiegen. „Wenigstens braucht man hier keinen Eintritt zu bezahlen“, stöhnte der Allgemeinarzt. „Bei mir haben sie ja vor der Tür herumgelungert, obwohl ich sie gar nicht bestellt hatte. Vermutlich ging es ihn nur um die fünf Euro pro Person, die sie aus meiner Praxis rausschmeißen können. Und ich sitze dann den ganzen Tag ohne einen einzigen Patienten da.“ „Moment“, mischte sich Anne ein. „Die kassieren fünf Euro, obwohl sie einen Patienten überhaupt nicht in die Praxis lassen?“ „Aber natürlich“, erklärte Klengel mit schiefem Lächeln. „Das ist doch die übliche Politik dieser, naja, nennen wir’s mal spaßeshalber Regierung. Es funktioniert wie dies ominöse Betreuungsgeld: Sie bekommen es ausgezahlt, wenn Sie es nicht brauchen, weil Sie das Angebot nicht in Anspruch nehmen.“

Allein wir blieben ohne Erfolg. Weder in die Buchhandlung noch ins Schuhgeschäft ließ man uns vor, letzteres sehr zum Ärger von Anne, die wenigstens gehofft hatte, dass die Liberalen etwas für den Einzelhandel in die Waagschale werfen würden. „Das ist leider nicht möglich“, jammerte die Verkäuferin durch den Türspalt, während der Bulle davor drohend seine Fäuste schüttelte und sie zum Schweigen ermahnte. „Wir sind nur ein mittelständisches Unternehmen. Wären wir ein Mischkonzern mit einem Vorstand, der im Schnitt fünf Jahre Knast gekriegt hat und aus chronischer Unlust lieber auf freiem Fuß bleibt, dann sähe die Sache gleich ganz anders aus.“ „Man müsste diese Besuche doch reduzieren können“, überlegte ich. „Versetzen wir uns doch mal in die Regierung – sie gehen vermutlich davon aus, dass ein Besuch pro Jahr ausreicht, und dann kann man das stufenweise noch weiter reduzieren.“ „Sie erwarten von mir, dass ich bereits im Januar weiß, dass ich mir im Sommer einen Sonnenbrand hole und im Herbst den Fuß verstauche?“ Anne schüttelte den Kopf. „Wenn man das konsequent weiterdenkt, sind wir irgendwann so weit, dass Säuglinge sich ihre Vorsorgeuntersuchungen für Senioren zusammen mit den ersten Impfungen abholen und nur noch kostenfrei zum Zahnarzt kommen, wenn sie noch keine Zähne haben.“ „Du hast es verstanden“, nickte ich. „Das ist ungefähr das intellektuelle Niveau des Bundeskabinetts.“ Anne runzelte die Stirn. „Und wie verdienen dann Ärzte überhaupt noch etwas?“ Ich lächelte nachsichtig. „Wozu gibt es denn schließlich chronisch Kranke?“

„Sie kommen hier nicht rein!“ Mandy Schwidarski hing aus dem Fenster der Agentur Trends & Friends; unten dräute der Türwärter. „Ich habe alles probiert“, rief sie, „aber die lassen nicht mit sich reden. Wir mussten uns ja selbst schon vom Nachbargrundstück übers Dach abseilen, um überhaupt in unsere Büros zu kommen.“ „Sie machen es gründlich“, schimpfte Anne. „Es ist vollkommen sinnlos, aber sie machen es wenigstens gründlich.“ „Was willst Du hier“, bellte inzwischen der Idiot an der Tür. „Du kommst hier net rein!“ „Ich stehe hier so lange, wie es mir passt.“ Er guckte mich stumpfsinnig an. Da hatte ich eine Idee. „Wir wollten doch eigentlich nur ein paar Urlaubsbilder ansehen“, fragte ich Anne. Sie nickte. „Und ich komme wegen der Tipps aus der Reiseredaktion – man will ja nicht unbedingt da Urlaub machen, wo der Chef hinfliegt.“ „Perfekt“, grinste ich und klatschte in die Hände. „Wir sind also nicht geschäftlich hier. He, Fettwanst!“ Der Trottel vor der Tür blähte die Nüstern. „Weg da, wir sind privat hier!“ Eilfertig riss er die Tür auf. „Privatpatienten“, stammelte er. „Hier entlang, die Herrschaften!“ Anne würdigte ihn keines Blickes. Ich schnalzte mit der Zunge. „Hervorragend! Und nachher gehen wir noch mal zum Gemüsehändler. Auf eigene Rechnung, versteht sich.“





Zückerchen

29 09 2010

„He, Sie können da nicht rein!“ Das Männchen mit der Butterbrottüte auf dem Kopf turnte aufgeregt auf und ab und versuchte, mich am Betreten der Werkshalle zu hindern. „Lassen Sie es gut sein“, beschwichtigte Direktor Kortzfleisch den Kollegen von der Sicherheitsabteilung. „Der Herr ist nur zu Besuch.“ Damit öffnete er mir die Tür. Das also war die Produktionsstätte der Tablettenfabrik.

Aus einem großen Trichter rasselte die Flut von kleinen, roten Pillen in einen kleinen Trichter, der sie in ein noch kleineres Rohr wieder verschwinden ließ. Einige Meter daneben knatterten blaue, daneben zartgelbe Tabletten in die metallenen Schlünde der Verpackungsmaschinen. „Dreihundert Filmtabletten pro Sekunde“, schrie Kortzfleisch mir ins Ohr, denn die Apparatur rauschte und ratterte gewaltig laut durch die hallende Halle. „Normale Dragees mit Lacküberzug kommen auf vier- und die einfachen Pillen auf fünfhundert Stück, das macht dann 1,8 Millionen in der Stunde!“ Stolz schwenkte er den Arm über sein kleines Reich. „Die Produktion im Inland lohnt sich wieder, wir haben dank der Auftragslage letzte Woche zwei Mann neu angestellt, die uns bei den neuen Produkten helfen.“ „Es ist ja nicht ganz einfach heutzutage“, brüllte ich zurück. „Gute Pharmazeuten muss man wohl suchen, und dann sollte man auch Erfahrung in der Forschung haben, wenn man bei Ihnen arbeitet.“ Er blickte mich verständnislos an; dann drehte er sich um und schritt zur nächsten Maschine.

„Retardkapseln“, belehrte mich Kortzfleisch, „sind eine der großen Herausforderungen, vor allem diese Fertigung, die mit einer speziellen Mischung angefüllt ist.“ Mit der hohlen Hand fischte er eines der länglichen Gelatinedinger aus dem Strom, der sich das Fertigungsband hinab wand. Er drehte die Kapsel, die aus einem durchsichtigen Ende sowie einem weißlichen bestand, mit den Fingern auf und schüttete den Inhalt in seine Handfläche: rote, gelbe und grüne Kügelchen, ganz klein und zierlich. „Je nach Sorte müssen wir entweder die roten Kugeln im Verhältnis eins zu drei zu den grünen mischen, oder wir haben doppelt so viel grüne wie gelbe. Oder die gelben sind halb so viele wie die roten. Das steht hier irgendwo auf dem Zettel.“ Er fischte nach einem Stück Papier, das an der Seite der Anlage klebte. „Hier steht es ja, Clodimex forte, Dormoluna, Ribomukicalzin Globuli.“ „Globuli?“ Er runzelte erneut die Stirn. Weiter.

Träge und ölig plätscherte der Saft in den Kessel und blubberte vor sich hin. Es roch süßlich. „Sie können es variieren“, teilte Kortzfleisch mir mit. „Ein Teil der Produktion wird mit dem typischen Lakritzaroma versehen, wie man es aus Hustensaft oder Halsmedizin kennt, aber Sie können es auch mit Orangen- oder Zitronengeschmack herstellen, für einen Stärkungstrunk beispielsweise oder in einer Arznei speziell für die Kinderheilkunde. Desgleichen haben wir auch eine kleine Partie mit Eukalyptus und seit einigen Tagen“, hier öffnete er einen kleinen Hahn und ließ etwas von der wasserklaren Flüssigkeit in ein Reagenzglas laufen, „stellen wir es auch mit Wildkirschgeschmack her.“ Er reichte mir das Probiergläschen herüber; der Saft schmeckte süßlich nach geschmolzenen Bonbons, fürchterlich künstlich und nicht einmal ansatzweise nach Kirschen. „Was haben Sie denn in dieses Zeug bloß hineingetan“, keuchte ich, „das ist ekelhaft!“ „Wasser und Zucker“, verteidigte sich Kortzfleisch. „Ein ganz normaler Zuckersirup mit dem Aroma, das Sie auch aus den Drops kennen, die man Ihnen in der Apotheke verkauft.“ „Und wogegen ist dieses Kirschzeugs?“ „Das wissen wir noch nicht, daran arbeiten ja die beiden Neuen.“ „Ihre Pharmazeuten müssen erst noch herausfinden, wogegen diese Plörre hilft?“ „Es sind keine Pharmazeuten. Es sind ein Marketing-Experte und ein Chemiker.“ „Ein Chemiker?“ „Ein Lebensmittelchemiker, um es genau zu sagen.“

Kortzfleisch lehnte an der Maschine und steckte die Hände in die Kitteltaschen. „Schauen Sie mal“, begann er schuldbewusst, „wir machen doch nichts Schlechtes. Wir nutzen auch niemanden aus. Aber um heute noch wirtschaftlich fertigen zu können, muss man sich schon eine Menge einfallen lassen.“ „Und da haben Sie das wirkungslose Medikament erfunden?“ „Nicht wir“, korrigierte er mich. „Nicht wir haben das in die Welt gesetzt, daran war der Gesundheitsminister ebenso beteiligt.“ Ich nahm eine der Schachteln aus der Verpackungsstraße. „Aha, Röslerol complex. Daher weht der Wind.“

„Sie müssen das begreifen. Die Branche ist nicht mehr so einfach wie vor ein paar Jahren, jetzt sind unsere Gewinne ernsthaft in Gefahr.“ „Sie wollen damit sagen“, forschte ich nach, „dass Sie Medikamente ohne Wirkstoff produzieren?“ „Es ist legal“, beharrte Kortzfleisch. „Nach der Regelung mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss müssen wir nicht mehr nachweisen, dass die Medikamente zweckmäßig sind. Vielmehr muss man uns das Gegenteil beweisen.“ „Was bei etwas Zucker und Wasser nicht so einfach sein dürfte.“ Er nickte. „Was nicht wirkt, hat ja auch keine schädlichen Nebenwirkungen, oder? Sehen Sie es einmal von dieser Seite.“ Ich packte ihn am Kragen. „Dafür überschwemmen Sie den Medikamentenmarkt mit Ihren sinnlosen Zückerchen und können für den Krempel auch noch die Preise diktieren – und den Ärzten befehlen, was sie zu verschreiben haben.“ Er wand sich, doch ich ließ nicht locker. „Und wieso eigentlich: Ribomukicalzin Globuli?“ „Wir müssen doch auch den homöopathischen Markt bedienen. Gäbe es nicht genug Dumme, glauben Sie, dieser Rösler wäre je an sein Amt geraten?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXVI): Homöopathie

16 07 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Geschichte des Menschengeschlechts ist eine Geschichte der körperlichen Gebrechen. Hätte der erste Hominide, dem die Wohnhöhle auf seine inzwischen doch recht stabile Kalotte klömperte, schon die Wahlfreiheit der Krankenkasse gehabt, wie mochte er sich wohl entschieden haben? In der gesetzlichen Cro-Magnon-Versicherung hätte er sechs Wochen stramm gelegen, dafür erstklassige Verpflegung mit Mammut vom Grill und schnieke Schwestern aus dem Neandertal; die Orang-Utan-Gesellschaft hätte ihn mit Trepanation gequält, die Prähominiden-Ersatzkasse mit Gürteltierspucke in Flusswasser abgefertigt, und gerade dies Modell hat sich durchgesetzt – keiner kapierte, was da genau passierte, der Arzt hatte nicht viel zu tun, und der Heilungserfolg glich einer kurzweiligen Lotterie.

Geändert hat sich seither, dass die Bekloppten mangels Gelegenheit Mammut essen und öfter an kardiologischen Notfällen abschrammen als an Flugsaurierkollisionen. Dafür bleibt die Hirnschale so leer wie in der ersten Modellreihe, während das Nachtmützengeschwader fleißig Zuckerkügelchen müffelt und es für wirksame Medizin hält, weil das Zeug außer Nachgeschmack nichts als Zahnbelag hinterlässt. Die Idee ist es, Symptome erzeugendes Zeugs in möglichst geringer Dosis zuzuführen – gegen blaue Fußnägel einen Hammer in kleinste Partikelgröße gefeilt – und zwar alles, was sich an Substanz oberhalb der Erdkruste zusammenfegen lässt. Zu sehen wäre, was derlei Scharlatanerie zu kurieren sucht, womit und wie.

Die von der Wissenschaft nicht zu Unrecht vors Tor beförderten Schmutzwassergurgler schmeißen fröhlich alles durcheinander, Fieber und Syphilis, Husten und Ertrinkung, Noxe, Krankheit und Symptom. Pickel, Pneumonie und Pilzbefall schert der Pillendreher über einen Kamm, denn: stimmen die äußerlichen Anzeichen, dann ist die Droge in Ordnung. Die von der Werbung heraufsalbaderten 37 Arten von Kopfschmerz sind demnach piepe, der Quacksalber kann den Schnaps gesoffen oder mit der Flasche kollidiert sein, die Kur bleibt gleich. Und selbst da, wo der studierte Mediziner die Symptome verschwinden lässt, etwa das Fieber durch Penicillin, kaspern die Hahnemännchen herum und meinen, nur ihr ausschließlicher Kampf gegen die Symptome behebe auch die Krankheit. Wie krank auch immer das sein mag.

Doch nicht immer ist es so einfach, weil die verhaltensoriginelle Verfassung der Windbeutel sich im Aufschmieren übler Argumentationsmarmelade sorgfältig präpariert. Um noch die letzte Hohlwurst in die Praxis zu locken, werden auch komplizierte Vaterbindung oder Arbeitslosigkeit als Krankheiten anerkannt, als wären sie wie Schweißfüße heilbar. Kein Wunder, dass in Deutschlands großer Zeit, als wirres Denken Pflicht war, die Faschingsprinzen, voran der schlampig gescheitelte Schlappschwanz mit dem Nasenhaarbärtchen, der Homöopathologie frönten. Gegen Arbeitslosigkeit wäre beispielsweise getrocknete Hundekacke gedacht, die als geistiges Miasma die Schadwirkung auf die Lebenskraft zu neutralisieren versucht. Allerlei Firlefanz, Opium und Brechnuss und, Abbild des Kosmos, jedes verfügbare Element. Wobei der Kosmos sich ein paar neue Bestandteile reingepfiffen haben muss, weil seit der Erfindung des Kurpfuscherwesens noch ein paar neue Sachen entdeckt wurden.

Und haben die Homöopatzer auch mittlerweile ein Grundgesetz ihrer als Heilkunst aufgerüschten Pseudoreligion verletzt, nämlich das Gebot, nur unvermischten Müll zu verabreichen, so panschen sie allerlei zusammen, immer wieder zehn- und hundertfach in Wässerchen verdünnt und wieder verdünnt, so dass zum Schluss auf Dilutionen kommt von einem Molekül auf den Rest des Universums – statistisch ist in der Plempe sowieso keine Substanz mehr vorhanden, auch wenn die Heilkunstgewerbler sich als Überdosis zu Mixturen hinreißen lassen von einer Schmerztablette auf den kompletten Atlantischen Ozean. Um das wackelige Luftschiff auf Stelzen zu stabilisieren, schwiemelt man gleich noch das Märchen vom Gedächtnis des Wassers rein – die Suppe kann sich also an ein Salzmolekül erinnern, auch wenn es gar nicht mehr darin herumschwimmt. Nach derlei Theorie dürfte man mit einer einzigen Tollkirsche eine ganze Großstadt in den Sekundentod treiben, da die ausreichende Verdünnung gegeben ist, und über die Abwässer erinnern sich vermutlich Milliarden jeden Tag an das Siechtum ihrer Vorfahren. Dass nach dieser Theorie jedoch jedes Wasser im Weltall für weitere Medikamentenherstellung unbrauchbar würde, darf man ebenso wenig fragen, wie man überlegen könnte, warum bei den Globuli eigentlich immer nur die minimalen Wirkstoffe tätig werden und nicht die unvermeidlichen Verunreinigen in ähnlicher Konzentration.

Man darf das aber nicht kritisieren. Man sollte tolerant sein, als handele es sich bei diesen ins Hirn gepflockten Synapsenschäden um Rundtanz zu schamanischem Nasenflötenpusten, Heilsteinboccia oder ähnliche Karnevalsveranstaltungen, die die kranken Kassen natürlich auch brav zahlen sollen, weil wir ja sonst nichts vom Leben haben – nicht nur den billigen Placeboeffekt tragen wir mit, auch die vielen Fälle, in denen sich Homöopathieopfer nach erfolglosem Herumdoktern im Spätstadium einer Krankheit zu einem ordentlichen Mediziner schleppen, der die Grütze einer systematischen Verdummung ausbaden muss, die sich Wissenschaft nennt und allen Ernstes verspricht, mit Taubendreck und Mörtelstaub Krebs und Aids heilen zu können. Toleranz? Sicher, wir lallen im Chor der Blöden mit, die die böse Schulmedizin mit ihren teuren Apparaten verdammt und kleistern uns beim nächsten Knochenbruch lieber lauwarmen Spinat auf die Gräten, denn das spart Kosten. Aber wer will das eigentlich außer der Klientel dieses Schweinepriestervereins, Körnerkauer, Alternative und alte Naive, Sozialpädagogen und ähnliche Abraumverfüllungen in den geistigen Zahnlücken des postdiluvialen Portfolios, kurz: hoch potenzierte Dummheit, bei der auch der Hominide mit Dachschaden die Verwandtschaft strikt leugnete. Aus Gründen.





Ärzte ohne Grenzen

13 05 2009

Die Fälle häuften sich. Der Hartmannbund ließ die Alarmglocken läuten. Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland standen – so war einer objektiven Selbsteinschätzung ihrer Lage zu entnehmen – kurz vor dem Zusammenbruch. Zwar wurde keiner von ihnen mit Symptomen eines drohenden Burnout in der Praxis eines Standeskollegen vorstellig, auch Belege für die Existenz von Hungerödemen waren bislang nicht auffindbar. Leonhard Hansen, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, plädierte dafür, die Praxisgebühr deutlich zu erhöhen. Eine Verschärfung der Maßnahmen sei dringend nötig, um die Mediziner in Deutschland vor dem Ruin zu erretten. Nicht mehr zehn Euro pro Quartal, zehn Euro pro Arztbesuch seien zu entrichten, sonst sei an wirtschaftliches Arbeiten nicht mehr zu denken.

Der Marburger Bund äußerte sich nicht. Dies mag daran gelegen haben, dass der zuständige Arzt, ein Unfallchirurg an einem Universitätsklinikum in Süddeutschland, nach zwei 72-Stunden-Schichten in Folge einfach vergaß, die E-Mail zu beantworten. Der Verband stand in der Kritik sowie kurz davor, von der Lobbyliste des Deutschen Bundestags zu fliegen. So viel Pflichtvergessenheit ging zu weit.

Unvorsichtigerweise hatte ein Jungmitglied des Medizinerclubs in einer Podiumsdiskussion die Meinung geäußert, man könne durch Leistungs-, notfalls durch Effizienzsteigerung einen besseren Praxisbetrieb herbeiführen. Der Saal schrie ihn mit der Parole Mehr Geld für weniger Arbeit von der Bühne. Zu seinem Glück befanden sich genug Ärzte unter den Anwesenden, um die offenen Knochenbrüche zu versorgen.

Ein erstes Opfer der Auseinandersetzung war Harald Klöbenstöcker. Der bei seinen Fachkollegen beliebte Gynäkologe wurde dabei ertappt, wie er am Quartalsende heimlich Krankenblätter sortierte, statt wie vereinbart zum Golfturnier zu erscheinen. Klöbenstöcker wurde regelrecht zu Tode gehetzt. Er hielt dem Druck, der auf ihm lastete, nicht lange stand. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bedauerte, dass seine Zulassung entzogen werden musste. Der Geburtshelfer musste den Zweitferrari binnen Jahresfrist veräußern. Er begann, sein Kokain mit Puderzucker zu strecken. Seine minderjährige Geliebte seilte sich ab, so dass seine Frau schließlich die Scheidung zurückzog. Man fand ihn leblos in seiner Jagdhütte.

Hansen hielt eine ergreifende Trauerrede. Er forderte zügige Konsequenzen. Die Hemmschwelle, ärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, sei immer noch zu niedrig. Dies müsse sich ändern.

Der Fall eines Allgemeinmediziners blieb indes unklar. Nicht der Fall von der Dachterrasse seines Penthouses stand in Zweifel, die Motive lagen noch im Dunklen. Hatte der junge Doktor Heimann die Geburt seiner ersten Tochter nicht verkraftet? War es der Lotto-Jackpot gewesen, der ihn nervlich anspannte? Immerhin hatte er eine Kassenpatientin noch am selben Vormittag in den Behandlungsraum gebeten, und das bereits zum dritten Mal in diesem Monat. Ihr Meniskus bereitete ihm Sorgen. Ein klarer Fall von Überarbeitung, schloss Hansen. Der Suizid war ein Warnsignal gewesen – Versicherte seien sich nach wie vor nicht der Tatsache bewusst, dass ihre ständigen Arztbesuche eine massive Berufsstörung darstellten, die nichts als Kosten verursacht. „Wenn die Arztbesuche auf die notwendigen Fälle reduziert werden könnten“, philosophierte der Medizinmann, „wird es auch weniger Wartelisten geben.“

Die von der EU-Wettbewerbskommissarin angeregte und auch finanzierte Studienreise der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nach Island war zunächst von den Mitgliedern rege angenommen worden. Eine Woche Baden in heißen Quellen, Verkostung von Stockfischspezialitäten, ein Live-Konzert des Isländischen Streichoktetts im Medizinmuseum Nesstofa, das Rahmenprogramm versprach schöne Tage an den nordatlantischen Gestaden. Doch was als heiterer Betriebsausflug in den malerischen Inselstaat geplant war, entpuppte sich als Höllenfahrt. Reykjavík zeigte sich von seiner schönsten Seite. Schon am zweiten Tag ging der erste Studienfahrer – im Zivilberuf Urologe aus dem Saarland – zum Arzt. Das leichte Halskratzen, das er verspürte, mag an der trockenen Heizungsluft gelegen haben, denn er weigerte sich, die Fenster seines Hotelzimmers auch nur einen Spalt weit zu öffnen. Þorfinnur Vilhjálmsson, seines Zeichens Hausarzt in der Hauptstadt, nahm sich einen ganzen Vormittag Zeit für eine eingehende Untersuchung. Er empfahl als Therapie frische Luft, Halsbonbons und die baldige Abreise.

So kam am Ende doch heraus, was die Kassenärztliche Vereinigung ihren Mitgliedern um jeden Preis zu verschweigen versucht hatte: die Isländer hatten längst vor der medizinischen Überversorgung kapituliert. Vereinzelt gab es noch ein Ausweichen in die Masse, das die Skandinavier zur höchsten Blüte getrieben hätten – statt zehn Patienten in der Stunde zu verarzten, kurierten die Heiler nun die Hälfte mit dem doppelten Aufwand und natürlich zu doppelten Kosten, ganz wie in Deutschland – denn auch hier krankte das Gesundheitswesen am Patientenmangel, auch hier dokterte die Wirtschaft den Krankenstand auf ein immer tieferes Niveau. Zehn Prozent der Ärzte waren bereits auf staatliche Fürsorgeleistungen angewiesen, da ihre Einkünfte den Sozialhilfesatz unterschritten. Fast ebenso viele fanden sich auf pragmatische Weise damit ab, eröffneten erst gar keine Praxen und verdienten ihren Lebensunterhalt als Taxifahrer, Fischer oder Landwirt. Immerhin hatten diese Berufe bei ihren Landsleuten ein hohes Ansehen, was man von der Medizinertätigkeit nicht gerade behaupten konnte; das Sozialprestige der Halbgötter in Weiß zeichnete sich dadurch aus, dass es nicht vorhanden war.

Zahlreiche Mitglieder der Reisegruppe erlitten ad hoc posttraumatische Belastungsstörungen. Eine Kardiologin ereilte der Infarkt. Ein Dermatologe bekam nervös bedingten Hautausschlag. Schwere Depressionen bemächtigten sich zweier Orthopäden aus Erlangen. Angeschlagen kehrten sie zurück. Sie blieben dauerhaft berufsunfähig. Es ist bis heute unklar, wann sie wieder einer geregelten Tätigkeit nachgehen werden. Als Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung war es ihnen bisher nicht gelungen, einen Termin zur Erstuntersuchung zu erhalten. AOK-Schmarotzer, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung, dürfen auch weiterhin warten. Bis der Arzt kommt.





Geld oder Leben

22 04 2009

Jonas hielt das leere Glas in die Höhe und nickte Kalle zu. Während der Wirt eine neue Runde zapfte, nestelte Jonas in seinen Jackentaschen und griff schließlich zu meinen Zigaretten. „Wie jetzt“, wunderte ich mich, „Du rauchst wieder?“ Dem Husten nach schien er bis vor Kurzem tatsächlich dem blauen Dunst entsagt zu haben, und doch sog er mit tiefen Zügen am Glimmstängel. „Meine Altersvorsorge“, paffte er, „man muss ja schließlich auch an seine Angehörigen denken.“

Er zog einen Prospekt des Versicherungsbüros Bronnstatter hervor. Riesige Geldsummen wurden dort geboten. „Und genau deshalb“, erklärte Jonas, „muss ich jetzt wieder rauchen. Als Vorleistung, Du verstehst?“ Ich verstand gar nichts, und Jonas erklärte es mir. „Du hast doch bestimmt von der amerikanischen Witwe gehört, die vom Obersten Gerichtshof der USA 145 Millionen zugesprochen bekommen hat, weil ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war, oder nicht? Genau das ist meine Lebensversicherung.“ „Du willst damit andeuten, dass Du auf eine Entschädigung spekulierst, wenn Du Dir jetzt die Bronchien zuteerst? Entschuldige mal, wie krank ist das denn?“ „Irgendwas muss man doch machen. Wer weiß, wie sich die Branche in den nächsten Jahren entwickelt.“ Das glaubte ich ihm sofort. Schließlich hatte er als Heilpraktiker den Überblick über das Versicherungswesen.

Bronnstatter hatte es ganz genau ausgerechnet. Wer nachweisen könnte, dass er an den Folgen des Rauchens verstorben sein würde, bekäme volle fünf Millionen Euro. Eine Menge Geld, auch wenn man selbst nicht mehr viel davon sähe. Ich lächelte ironisch. „Das ist ja mal eine innovative Form von Menschenfreundlichkeit.“ „Nicht wahr“, antwortete Jonas, „und er selbst dürfte bei der Höhe der Entschädigung immer noch einen guten Schnitt machen. Allerdings ist das mit gewissen Auflagen verbunden. Ich muss mich regelmäßig untersuchen lassen.“ Gut, wandte ich ein, das müsse man ja inzwischen auch bei einer ganz normalen Krankenversicherung, warum nicht also auch bei einer Kapitallebensversicherung? „Falsch, es ist ein Risikomodell – man muss immer noch damit rechnen, dass der Supreme Court nur die üblichen 800.000 Dollar ausspuckt, dann rechnet es sich natürlich nicht.“ Und dann? Schon malte ich mir aus, wie seine Hinterbliebenen für Jahrzehnte gegen die Tabakindustrie prozessieren würden, um seinen verschwenderischen Lebenswandel zu bezahlen. „Das stört mich weniger, immerhin haben wir mit diesem Urteil einen Präzedenzfall. Es dürfte nicht ganz so lange dauern. Aber wie gesagt, die Summe könnte niedriger ausfallen, und deshalb haben wir die Anlage ein bisschen gestreut.“

Das Faltblatt aus dem Hause Bronnstatter gab mir Auskunft. Jonas hatte zusätzlich eine Nikotin-Alkohol-Kombination abgeschlossen. „Ich bin jetzt bei einem 50-zu-50-Modell, das heißt, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekomme ich dieselbe Rendite wie jeweils für Lungenkrebs oder Leberzirrhose. Toll, oder?“

Kalle stellte uns die beiden Pilstulpen auf den Tisch und zückte seinen Kugelschreiber. Da erst fiel mir auf, dass der Deckel bereits mit Strichen übersät war.

„Aber die laufenden Kosten! Stell Dir vor, Du bekommst einen Herzinfarkt, die Bypass-Operation würde Dich ruinieren!“ „Ach was“, lächelte Jonas, „alles halb so schlimm. Das Paket enthält natürlich eine günstige Krankenversicherung. Wer so gezielt ungesund lebt, spart richtig Geld. Je früher weg vom Fenster, desto weniger teure Intensivmedizin – ein Friedhof ist billiger als ein Pflegeheim. Ich muss nur durch regelmäßige Tests nachweisen, dass ich mich an die Bedingungen halte.“ Und er fischte sich die nächste Kippe aus meinem Päckchen.

„Jetzt wird mir auch klar, warum Du mit dem Joggen aufgehört hast.“ „Doch, schon“, gab er zu, „aber ich gleiche das durch die Zusatzversicherung für Sport aus.“ „Du treibst Sport? Wie kann das ungesund sein?“ Er druckste herum. „Ein bisschen schwierig war es schon, aber schließlich kann ich damit bis zu einem Drittel der Beiträge sparen. Es war etwas schwierig wegen meiner Höhenangst, aber ich habe mich für Gleitschirmfliegen entschieden.“ Und er orderte die nächste Runde.

Was würde uns da noch drohen? Preisnachlässe für Junkies? Raserrabatt? Ein Bonusprogramm für termingerechten Suizid? Andererseits hatte auch ein deutscher Amtsrichter bereits, wenngleich erfolglos, geklagt, weil er nach der lebenslangen Mastkur mit Schokoriegeln fett und diabetisch geworden war; das Geschäftsmodell hatte offensichtlich bereits gesellschaftliche Akzeptanz erlangt, zwar vorerst nur in Juristenkreisen, aber der geistig gesunde Teil der Bevölkerung würde schon noch nachziehen. Das also würde die Zukunft des Sozialstaats sein: wir alle würden uns aufopferungsvoll um unsere Versicherungen kümmern und die Vorsorge in die eigene Hand nehmen, statt untätig auf die Rente zu warten.

Ein Piepsen riss mich aus meinen Überlegungen. Jonas drückte eine Taste auf seinem Telefon und streifte hastig seine Jacke über. „Verdammt, fast hätte ich es verpasst – ich muss unbedingt sofort zwei halbe Hähnchen essen. Man weiß ja nie, ob die einen nicht doch kontrollieren!“