Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIX): Die Sauna

12 01 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird in einer dieser Großraumhöhlen gewesen sein, in denen heiße Quellen blubberten, wohin Uga und sein Schwager einmal die Woche vor dem Winter flohen. Sie zogen sich das Fell ab, das von körpereigenen Klebresten und Läusedreck gehalten wurde, legten sich auf die faulende Haut und sahen dem wabernden Dampf zu. Wer weiß schon, was da aus dem Inneren der Erdkruste nach oben gerülpst wurde, möglicherweise förderte es die traumgleichen Bilder im Gehirngestrüpp, die den Aufenthalt im Salzwassertank so angenehm machen oder Dauerlauf mit Sonnenstich. Gut, dass die beiden ihre lustvollen Erlebnisse nicht haben aufschreiben können, niemand hätte wohl sonst den Alkohol erfunden. Nur die Sauna.

Zurechnungsfähige Männer hocken sich in einen architektonisch eher übersichtlich gehaltenen begehbaren Holzklotz am Rande von Tundra oder Großstadt, wo nicht auf der nördlichen Halbschale ohnehin beides zusammen erreichet werden kann, gucken glasig auf ihre Handtücher, die Fettpolster und Rückenbehaarung größtenteils nicht verbergen können, und warten den Garpunkt der Hirnrinde ab. Ab und an, vor allem in geschäftlich ausgerichteten Betrieben, latscht eine Mitarbeiterin ohne jegliche intrinsisch verortbare Motivation in die Butze, kippt einen Eimer Terpentin in die Heizgelegenheit, lässt ein Grubentuch die schwiemelnden Schwaden im Kreis verwirbeln, und geht dann an den Schrank mit den Magentabletten, wie immer nach dem Überleben dieses Anblicks. Sie hat früh und mit Verachtung der eigenen Existenz gelernt, dass es Schicksale gibt, die man nicht herausfordern soll, beispielsweise die Berufstätigkeit unter ästhetisch indiskutablen Klumpoiden.

Was da mit breitem Schritt die Bänke nässt, hat mit dem Verlust der Scham gerne die Schwelle zum Schwachsinn schon überrollt. Glänzend vor Talg glotzt das aus enger Stirn, ein niederschwelliges Angebot der Hominisation, das vernünftige Mittel für einen amtichen Kreislaufzusammenbruch aus mandelnder Beweglichkeit ignoriert und sich lieber die Ventile durchpfeift, die Lederschicht zur Vollendung masochistischer Anwandlungen mit Ästen durchprügelt und deshalb schon für hart hält. Mit der Subtilität von Wildpinklern im Stadtpark drückt das den Ekel ins öffentliche Bewusstsein, als sei Vergänglichkeit nicht das einzige, was Körper aus der Freiluftsektion des Kopfkinos verdrängen sollte. Die warmweiche Widerlichkeit wabbelnder Wänste sorgt für Grundübelkeit beim Gedanken an die beheizbare Gammelfleischtheke.

Das wahre Grauen aber ist noch nicht zu finden bei der Monstranz des Monströsen, die wirkliche Erscheinungsform des Grässlichen ist der Blick, der den unwissentlich Eintretenden, obgleich schon nackt, noch einmal entblößt. Er geht bis auf die Knochen, Widerstand wird nicht geduldet. Millionen von Drüsen und tausende Haare bäumen sich in einem Akt der Hoffnungslosigkeit noch einmal auf, bevor die Sehkrankheit den Brechreiz triggert. Die Appetitlichkeit von Moorleichen kann mit diesem Liebreiz locker konkurrieren, es geht schließlich um den Endzustand des Belebten. Hier bricht sich der Troglodyt Bahn, auch im Angesicht von Kräuteressenz und Frottee, wie er trotz allem seine niedersten Instinkte befriedigt oder sich wenigstens dafür in Stellung bringt.

Die Vermutung liegt nah, dass die Erfindung von Schnellkochtopf und Druckwasserreaktor nur Auswüchse der mählichen Verschmorung sind, die der Dämpfansatz gezeitigt hat. Wahrscheinlich ist die enthemmende Wirkung des Schweißerei vor allem aus dem Missverständnis erwachsen, sich nach dem Ende der Stammesgesellschaft weiterhin mit nicht zum nachhaltigen Verbrauch bestimmtem Fleisch zu erhitzen, im Gegensatz zu den eben in Privatgebrauch stehenden Häuschen, in denen die Transpiration weniger transparent geübt wird. Der soziale Hautkontakt hat sich mit der Zivilisation erledigt, der Filzhut allein schützt nicht mehr vor den Einbrüchen des frühen Primatenstadiums. Das Brausebad mag Erdenreste beseitigen, nicht aber die Erbsünde.

Vermutlich ist es ein evolutionärer Trick wie Karneval oder Schnaps, den Motivationsstau für die Mehlmützen zum gesellschaftlich nicht negativ sanktionierten Event zu stilisieren, dem man ohne Schäden im Frontzahnbereich beiwohnen kann. Hier ist der Affe ganz bei sich selbst und darf es sein, Hobbybrezeln und Dummschlümpfe haben zumindest ein Entzücken im Leben, die Freude der Regression. Früher oder später kommt dann das Bad im Eiswasser.

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Entartete Kunst

14 06 2016

„… die Aufführung des Stücks am Potsdamer Hans Otto Theater verhindern wolle, da die dort gezeigten Flüchtlingshelfer offenbar gegen deutsches Recht…“

„… müsse sich das deutsche Bühnenwesen gegen die Tendenz wenden, Unmoral und strafbare Handlungen zu zeigen, da diese zur Zersetzung der Wehrkraft der Volksgemeinschaft…“

„… eine Aufführung der Räuber im Theater Bremen verhindern müsse. Meuthen habe auf die linkslinks-verschwulte Terrorverherrlichung des offensichtlich drogensüchtigen…“

„… nur noch deutsche Stücke auf den Bühnen im Reichsgebiet gespielt werden sollten. Höcke werde eine Liste aller vaterlandsfreundlichen…“

„… dürfe sich Theater nicht in gesellschaftliche Konflikte einmischen, wenn es nicht die Konsequenzen dafür tragen wolle. Petry halte ansonsten das Grundgesetz für eine…“

„… wolle Meuthen ein Publikationsverbot für Schiller erwirken, den er für die Folge der 68er und die Abschaffung der Todesstrafe in…“

„… wolle man auch Stücke österreichischer Dichter auf deutschen Bühnen zulassen, da diese durch Blut und Sprache eine schicksalsmäßige…“

„… aber als pädagogischen Ansatz eine Jugendvorstellung der Antigone zu erlauben. Poggenburg wisse aus eigener Erfahrung, dass aus einer Straftat sehr oft noch viele andere…“

„… sich Gauland persönlich gegen die Neuinszenierung von Othello am Schauspiel Leipzig gewandt habe. Er sei nicht gegen Shakespeare, es sei aber klar, dass nicht jeder in Deutschland einen Mohren als…“

„… man Die Lohndrücker als besonders wertvolles Stück für die sozialpolitische Neuausrichtung des deutschen Proletariats…“

„… nichts daran ändere, ebenso wenig wie der Nobelpreis. Jelinek, so Höcke, sei eine hysterische Judenhure aus der Ostmark, die noch früh genug von den arischen Rassegenossen in den…“

„… den Satz so nie gesagt habe. Alle fünf Ton- und beide Videoaufzeichnungen seien parallel falsch aufgenommen worden. Gauland kenne das Stück überhaupt nicht und wolle gar nicht den…“

„… befehle Poggenburg die Absetzung des Gutmenschen von Sezuan, der die kommunistische Herrschaft in Rotchina ohne die für den Deutschen notwendige Brutalität…“

„… auch an die Kinder zu denken. Meistens handle es sich beim Krokodil, das die blonde Prinzessin bedrohe, um afrikanische Invasoren, die von gleichgeschalteten Schutzmännern unbewacht die Großmütter vergewaltigen könnten, um sich danach ein Begrüßungsgeld in Höhe von…“

„… reine Unterstellung. Gauland habe nicht gewusst, dass der Mohr von Venedig ein Neger sei, er habe außerdem noch nie ein Theater von innen…“

„… das Nationaltheater Mannheim schließen wolle. Mit Emilia Galotti zeige das Haus nicht nur das Elaborat eines jüdisches Volksschädlings, das Stück propagiere auch unter dem Deckmantel der Aufklärung den Ehrenmord als Tugend einer bürgerlichen…“

„… auch das Hessische Landestheater Marburg stilllegen werde, wenn der Volksfeind nicht sofort aus dem für die Zukunft der deutschen Nation wichtigen Spielplan…“

„… man den Kaufmann von Venedig nicht auf einer deutschen Bühne zeigen dürfe, weil das Werk zur Verherrlichung des Judentums…“

„… eigentlich die meisten Opernhäuser schließen müsse, weil es bei den Aufführungen um Ehebruch und außereheliche Verhältnisse…“

„… die Freilichtspiele Bad Bentheim mit einem zeitgemäßen Weihespiel für die Jugend des Volkes aufwarten müssten. Höcke selbst wolle eine Dramatisierung von Jud Süß in kindgerechter Sprache…“

„… werfe Gauland dem Zentralrat Antisemitismus vor, da er das Stück noch nie…“

„… nicht einmal den Fliegenden Holländer auf der Opernbühne dulden wolle. Von Storch prangere die Zwangsehe einer mutmaßlichen Minderjährigen an, wie sie im Islam neben Kinderarbeit und…“

„… in der Wiederaufnahme des Ibsen-Stückes im Theater Chemnitz eine Zusammenarbeit der überstaatlichen Mächte sehe. Gedeon wisse, dass die Weisen von Zion die Entartung der deutschen Kultur aus dem…“

„… nie behauptet, nicht zu wissen, wer Shakespeare überhaupt sei. Allerdings habe Gauland während der Fernsehsendung geäußert, das deutsche Theater sei nicht mehr das deutsche…“

„… sich mit Stella die ganze Minderwertigkeit des türkischstämmigen Dichters zeige, da je nach Version ein feiger Selbstmord oder ein unchristlicher Ehebruch…“

„… die Darstellung von Homosexualität oder Drogenkonsum zahlreichen Jugendlichen falsche Lebensmodelle vorgaukeln würde. Das Verbot von Büchners Woyzeck werde für eine erheblich geringere Anzahl an…“

„… die Produktion mit dem Porträt des thüringischen Rassisten werbe. Ein wohlwollendes Echo der internationalen Theaterzeitschriften habe die Premiere von Der Verbrecher aus verlorener Ehre bis zum…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXIX): Musicals

5 12 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einmal nicht aufgepasst, die falschen Medikamente erwischt oder eine dramatische Überdosierung, und schon hüpft man kreischend durch den kahlen Plattenbau. Mitbewohner werden hernach den Ermittlungsbeamten mitteilen, man habe den Mitbewohnern mitgeteilt, dass man nun einen Kaffee zubereite, einen Kaffee, ja-ja, Kaffee, oh-oh, Kaffee, Kaffee, Kaffee – den kaffeesten Kaffee des Universums, tschakka-tschakka, den Kaffee, Kaffee, Kaffee. Die Patronenhülsen lagen immer schon in der Küche, und der mild verbrannte Geruch war wohl Zufall. In dieser Umgebung muss wohl die Geburtsstunde des Musicals ihren Lauf genommen haben.

Nicht alles, was man in einem Polyesteranzug erledigen kann, ist auch Kultur im engeren Sinne, und so erbarmte sich irgendwann die Industrie, um die sozial benachteiligten Anwohner vom einsamen Konsum miserabler Konservenschlagerkonserven zu erlösen. Aus dem Fundus zusammengenagelte Kulissen, Kostümgedöns und ein paar verstolperte Tanzschritte waren rasch geboren, die Handlung spielte keine große Nebenrolle, und die größten Kathedralen des dramaturgischen Elends standen bereit, die Eucharistie des schlechten Geschmacks bei ihrer Zwangshochzeit zu beherbergen. Das von Musike begleitete Tingelgetangel winselte durch die Landschaft, und es blieb. Aus Gründen.

Wer das Artifizielle, sprich: den gekünstelten Schwiemel der Oper schon immer für einen mentalen Zahnschmerzfaktor hielt, wie die Darsteller ihre mäßig interessanten Probleme im ausgestanzten Dialog aneinander vorbeischwafeln, um dann jäh in die überflüssige Arie auszubrechen, die vor Jubel, Schmerz und Rache quietscht, der wird auch den ästhetisch suboptimierten Kitsch der Kleistersinger nicht beschwerdefrei vertragen. Zum Glück ist die Mehrheit der Bevölkerung komplett geschmacksresistent und ohne Gegenwehr, sie sind durch Gruppenschunkeln hinreichend sozialisiert, halten jeden Sondermüll für Kunst und klatschen, sobald das limbische System Raumtemperatur hat. Man stellt sie leicht zufrieden. Wer die Qualitäten der englischen Küche kennt, ahnt dumpf, wo die Begeisterungsfähigkeit dieser Spezies anfängt.

Spaßmacher und Radauhumoristen jeglicher Couleur sind schon immer dem harmlosen Volk nur auf die Plomben gegangen. Wer sich als Zumutung für den Durchschnitt erwies, der grub stets unten Löcher und baute an, was das Zeug hergab, dümmliche Witze, sentimentalen Dreck mit dem Kernduft der Realitätsverleugnung, eine freudige Feier der Hirnschäden, wie sie sich politisch im Sinne der Machthaber hindrehen ließ. Das Musical aber vereint das Schönste dreier Welten: schmalztriefenden Gesang, dümmliches Gehampel und eine Art von Schmierentheater, die den Intellekt des gemeinen Zuschauers beleidigen würde, besäße er überhaupt einen. Es ist jene Catch-all-Strategie, um den Rezipienten ein aus Schmierseife fabriziertes Bildungserlebnis vorzutäuschen, das sie mit geschwollener Drüsen sich einverleiben, dessen eingedenk, es hätte schlimmer kommen können.

Zwar wird hier und da behauptet, das im Musiktheater etablierte Repertoire sei auch nichts anderes als eine skrupellose Zweitverwertung dramatischer Reste, doch was immer sich auf der Musicalbühne an die Rampe quält – Beate Zschäpe, der 11. September, das neue Smartphone von dieser komischen Firma da oder schlicht die neue beschissenste Bundesregierung so far – fällt aus Mangel an höherer Qualität nicht groß auf. Ein Broadwayerfolg über die Rückseite der Gebrauchsanweisung eines Nasenhaarschneiders wäre die Regel, nicht die Ausnahme. Die Circushalligallisierung der Brüllkultur zwischen betäubendem Pathos und perforierender Komik hat sich als moralische Leeranstalt to go etabliert, als Kanalisation der Miserabilitäten, die selbst für die Filmindustrie nicht mehr taugen und sich auf einer Bühne besser ins kollektive Bewusstsein der Bildungsversager entsorgen lassen.

Inzwischen bedienen sich die Galeerenpauker auf der Besetzungscouch an den nachgelassenen Opfern der Castingshows, wie sie madengleich ins Rampenlicht wimmeln, kaum bis gar nicht wissend, dass sie in Stundentakt und Wechselschicht vor durchweg zahlungskräftigem Publikum verheizt werden. Längst klotzt man feste Arbeitslager in die Gegend, wo die Tanzmäuse der untersten Mittelschicht zwei bis drei Vorstellungen pro Tag vorturnen, inhaltsfrei hingespuckte Potpourris von allseits bekanntem Mitklatschmaterial, Investments für die abgerichteten Lemminge. Man hätte sie weiterbilden können, bestenfalls in einer sensiblen Phase ihrer geschmacklichen Degeneration, und mit viel Glück und Geduld hätte es einer von ihnen bei kundiger Anleitung in eine anständige Operette geschafft. Vielleicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXIX): Volkstümelei

2 09 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Leben ist so verschieden hienieden. Was das Individuelle einer größeren Einheit ausmacht – nennen wir es Volk, der aufgeklärte Hominide hat ganz andere Sorgen – zeigt sich ohnehin meist in den zivilisatorischen Spuren. Nummernschild und Amtssprache, Vorwahl und Wurstsorte macht den Unterschied über die Landesgrenzen hinweg, während sich der durchschnittliche Verbraucher seinem Nachbarn normalerweise in vielem doch verbunden fühlt. Der Japaner nimmt gerne größere Mengen Wasserspinat zu sich, während der Geigerzähler beim Verzehr anheimelnd brummt, der Isländer verbuddelt tote Haie, deren Harnstoff vor dem Servieren gemächlich durchs Muskelgewebe dümpelt und auf dem Teller nach Bedürfnisanstalt im Spätsommer stinkt – ob Uran oder Urin, die kulturelle Identität hinterlässt ihre Spuren. Nicht jeder hat den nötigen Glibber unterm Schädeldach, um derlei relativierend zu schätzen. Der durchschnittlich Verdeppte schwiemelt sich rasch eine Lebenseinstellung aus dem Analogkäse der ethnologischen Differenzierung. Und tümelt volk.

Wo Brauchtum auf banale Lebenswirklichkeit trifft, einigt sich der Plebs aufs niedermolekulare Angebot. Kultur ist dem kognitiv Naturbelassenen nichts aus Goethes Feder, sondern die Erzeugnisse deutscher Braukunst, wahlweise auch das, was ein Vollhonk mit zu viel Bier in der Birne hervorbringt: Jodeln jenseits der Schmerzgrenze, krachlederne Unterleibsverkleidung und wurzelholzbedruckte Klebefolie zur Verschalung des Plattenbau-WCs. In China gefertigte Acetatseide-Blousons, Damwild-Musterung inklusive, mit Plastehirschhornknöpfen und aufgestepptem Eichenblatt in naturidentischer Schießbaumwolle samt Originell-Hoffbraüraus-Einnäher vervollständigen das Ensemble, und der Tümler weiß, dass er der echt völkischen Kultur zu pflegen pflegt. Lustigerweise imitiert der Abnehmer industrieller Fertiglumpen nur in Versatzstücken den Sonntagsstaat einer höchst überflüssigen Schicht, die heutzutage derlei textile Debilitäten nur noch auf dem Weg zum Rotkreuzcontainer trüge, und selbst das nur in der blickdichten Tüte.

Ohnehin fragt man sich von der objektiven Warte, wer in der Klamotten-, Musizier- und Werbeindustrie dieses Land versehentlich mit seinem südlichen Wurmfortsatz verwechselt. Trägt die geistig gesunde Frau in der Lüneburger Heide Dirndl? Knotet der Hesse seine Hirnwindungen beim Schnadahüpferl zusammen? Pfropft sich der Ostseeanrainer permanent Würstchen mit Kraut hinters Zäpfchen? Vermutlich werden demnächst renitente Jugendliche die Überreste der Berliner S-Bahn mit bajuwarischer Lüftlmalerei vollsprayen, in hirschledernen Hoodies und Goiserern mit blinkender Luftpolstersohle. Mehr als die Folklore einer weiland aus dem Osten eingewanderten Fremdtruppe in germanischem Gebiet scheinen die Kulturlenker nicht auf dem Schirm zu haben.

Warum auch. Für das Ruhigstellungsprogramm von Mode, Glotze und Pseudokultur reicht der Schmadder anscheinend, drittklassige Brezelbieger bei Schnack und Spack lassen sich von jenem Nationalsurrogat wunderfein einfangen und hinterfragen aus Prinzip (sowie aus Dummheit) nichts. Man könnte ihnen auch goldbestickte Strampler in Bauchgröße mit Adolf-Hardy-Emblem in Enddarmnähe verpassen und derlei Tracht als spätmittelalterliche Sitte teutscher Art bepreisen, sie würden ihr welkes Fleisch ohne ernsthafte Gegenwehr in jene Polyesterlappen stopfen. Alle sind dabei zufrieden. Der Produzent produziert, wenngleich in schadstofflustigen Slums asiatischer Großstädte, die Händler verdienen ein hübsches Vermögen an der Steuer vorbei, und wer in den Seppelsäcken durch die Landschaft torkelt, hört eh keinen Schuss mehr. Dazu eine Vollversorgung mit Bauerntheater, Kuhduft aus der Sprühdose, Zwiefacher vom Zithersizer, Zenzi bringt eine Maß, und in Potsdam fragt sich der Durchschnittsbürger, welche Vollhonkkohorte sich eigentlich Multikulti hat einfallen lassen.

Volkstümelei dient der nationalen Aufladung gegen den drohenden Minderwertigkeitskomplex – so wie fremde Ethnien nur von denen diffamiert werden müssen, die nicht an die regenerative Kraft der eigenen Kultur glauben, weil die konservativen Weichstapler kognitiv und ästhetisch ja nur bedingt belastbar sind. Sperrholzdeko im Eiche-mit-Scheuerspur-Stil, Fototapete von den schönsten Überresten der Industrialisierung und neudeutsches Altmetall im altdeutscher Rustikalmimikri, frisch vom Schrottplatz geerntet, das goutiert der Bekloppte, sozialisiert auf der kunsthistorischen Müllkippe und durchgeglüht im Handwerkermarkt auf dem Weg zum vollverzinkten Führerbunker. Die nationalen Symbole im Maßstab 1:23 wären das Ideal dieser Manie, und wie man die Wirtschaft kennt, sie hat bestimmt das Passende bereit. Noch träumt der Bescheuerte vom Kölner Dom aus Sandsteinimitat, doch mehr als Gundremmingen in Buche geflammt wird wohl nicht rauskommen. Man hat ja kaum mehr Platz für ein Minarett im Vorgarten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XX): Deutsche als Touristen

14 08 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Tage sind zu lang, um mit der Farce von Nachtprogramm in der Glotze ausgeglichen zu werden; Kindergeplärr lässt im örtlichen Freibad die Kacheln splittern; modemutigen Frauen ab 55 geht in der Sitzmuskelritze eine komplette Bikini-Hose mit Leopardendruck verloren: es ist Sommer. Wer kann, verlässt fluchtartig die als Zivilisation bekannte Ansammlung von Bekloppten und sucht sich ein ruhiges Fleckchen Erde zum Ausspannen. Der Nachteil ist, dass die auf Herdentrieb gepolten Schwachsinnsbeulen sofort hinterher jetten und sich überall breit machen, wo es ohne sie annehmbar wäre. Zwei Dinge haben sie im Gepäck: einen IQ knapp unterhalb der Intelligenz von Sägemehl und einen deutschen Pass. Damit beginnt das Unglück.

Phänotypisch fällt der Bescheuerte aus deutschem Gau zuerst durch seine geschmackvoll zur Schau gestellte Nationaltracht auf, bestehend aus kurzen, aber speckigen Hosen, einem in langen Anstrengungen bei der Wagenpflege in Schweiß imprägnierten Feinrippunterhemd, braungrauen Socken sowie Sandalen des Modells „Reichsamt für Vorderfußschäden“. Derart gewandet erwartet der Teutone, in aller Herren Länder als Volkgenosse erkannt zu werden und in der Zunge Hölderlins, Heinos und Hitlers seine Hopfenkaltschale ordern zu können. Er wird durchaus rasch erkannt; ob ihm dies zum Vorteil gereicht, ist fallweise diskutierbar.

Hat der Tölpel sein Hotelzimmer mit Blick auf die Baustelle annektiert, so richtet er sich in der Ferienanlage häuslich ein. Doch wer einem Volk ohne Raum angehört, muss sich sein Recht täglich neu erkämpfen. Pünktlich zum Sonnenaufgang bricht er einen Blitzkrieg mit anwesenden Feinden aus Albion und Welschland los und vergisst auch nicht die verhassten Niederländer, wenn es darum geht, Handtücher auf die sonnenöligen Liegen zu kleben, um nach dem Frühstück am begehbaren Kinderurinauffangbehälter in der ersten Reihe zu schnarchen. Etappe für Etappe rückt der Germane dem Tommy auf die Pelle. Die dort lebende Spezies von Beschränkten geht inzwischen dazu über, direkt nach der Druckbetankung mit branntweinhaltigen Flüssigkeiten nach Sonnenuntergang ihre Laken auf die Stühle zu pappen. Ertrinken im Vollsuff gilt bei den Briten daher inzwischen als normal, was nicht allein auf die Insellage zurückzuführen ist.

Hier trennt sich die schmutzige Spreu vom warzigen Weizen. Während die eine Kompanie der alemannischen Torfschädel bereits vor, während oder anstatt der Frühkost Sangria in die Birne bembelt, um die verkorkste Existenz im Koma an sich vorüberziehen zu lassen, deckt sich die andere Hälfte der Besatzungsmacht am Frühstücksbüfett mit einer Wochenration Butterstullen und Bananen ein, die zum überwiegenden Teil im Restmüll landet – das Unterernährungstrauma der Nachkriegsjahre wird eloquent visualisiert, und der zwei Minuten zu spät erscheinende Sommergast, der noch eben ein Löffelchen Zwiebelmett abhaben wollte, findet selbiges erst um die Mittagsstunde in einer an Joseph Beuys gemahnenden Open-Air-Installation auf der Strandpromenade wieder, idyllisch umflort von myriadenweise sirrenden Schmeißfliegen, die der Verwesungsduft der geschredderten Sau lustvoll anzieht: ein Memento mori mit 35% Fettanteil. Währenddessen gibt sich der Bildungsurlauber dem stupiden Dauergrillen hin, bewegungslos wie eine bekiffte Kegelrobbe verharrt der Bescheuerte im Strandsand, fingerdick eingeschwiemelt mit Lichtschutzfaktor 256, bis Freund Hautkrebs über die Rückenhaarreste krabbelt. Der Anblick brandrot pellender Epidermis am Äquator der Sonnenanbeter treibt selbst hartgesottene Pathologen in die Duftwolke des faulenden Hackepeters zurück.

Überhaupt hat der Behämmerte die Neigung, die Gegend nach der Art der Nahrungsaufnahme zu beurteilen. So fordert er selbst im Kongobecken ein original wie bei Tante Hedwig gebratenes Schnitzel mit Kartoffelpuffern und Industrieapfelmus, während er im heimischen Plattenbau täglich wechselnd Dönerteller und Bifteki mit Kohlefritten reinpfeift. Besondere Eleganz beweist er, wenn er im israelischen Resort statt Tapirgemächt im Zitronengrassud einheimischen Schweinerollbraten verkosten will und mit kurzer, klarer Diktion die in jahrelanger Kleinarbeit gezüchteten Pflänzchen der Diplomatie wieder in die Scholle stampft.

Denn er trägt die Heimat unter seinen Nägeln und popelt sie überall wieder hervor. Marodierend hastet er über den Planeten, um in Kamerun und Kuba ein heroisches „Einer geht noch, einer geht noch rein“ zu schmettern – ein am Fettsteiß tätowiertes Länderkennzeichen könnte nicht nachhaltiger informieren. Noch in der zarten Andeutung von Extremismus, die er am Hotelpool zeigt – entweder gibt er bei Animationsspielchen den Knalldeppen oder er sprengt durch Androhung von Anwaltsschreiben gleich den kompletten Rahmen – stellt er seine nationale Sendung sicher: auch kommende Generationen sollen zitternd im Keller hocken und seinen Einmarsch fürchten. Gäbe es ihn nicht, es bräuchte keine Goethe-Institute, denn dann wäre nichts auf der Welt zu reparieren.





Antitheater

18 06 2009

Endlose, schmale Korridore zogen sich durch den Bauch des Gebäudes. Staubige Türen führten in immer neue Flure. Wie in einem Labyrinth irrte ich durch das Stadttheater, bis ich endlich die rettende Tafel fand und den Raum betrat. Man hatte, so schien es mir, in diesem Theater den Zuschauer fast vergessen vor lauter Bühne und Schnürboden.

Leonore Böllmann-Knappzwickel hatte bereits die Probe begonnen. Oben mühten fluchbeladen die Töchter des Ödipus sich ab, ihr Regiekonzept zu begreifen. „Dies Schreckliche erleiden“, schrie die alternde Brünette, „auch das Schlimmste, was ich muss leiden, ist ein schöner Tod.“ Sofort ergriff ich das Wort. „Warum haben Sie ausgerechnet die Antigone mit diesem Wrack besetzt?“ Sie blitzte mich hinter ihrer Brille an. „Weil sie die innerer Reife der Person zum Ausdruck bringen kann. Mit den jungen Dingern kann man ja höchstens die Eurydike besetzen, das Betthäschen des Tyrannen. Außerdem ist Frau Lamar-Tschick die Primadonna und spielt seit dreißig Jahren alle Hauptrollen.“

Auch als der Chor der thebanischen Greise in Gummistiefeln die Szene betreten hatte – Kothurne waren seit der aufwändigen Musical-Inszenierung nicht mehr drin – kreischten die Schwestern hinter den Kulissen weiter. Böllmann-Knappzwickel sah müde aus. „Die Alte treibt das Ensemble zum Wahnsinn, weil sie nicht auf der Bühne stirbt. Ich kann ja nicht den ganzen Sophokles…“ Weiter kam sie nicht, weil die Grande Dame der Schmieren mit dem Kostüm auf die Bühne lief. „Das Ding kneift“, orgelte sie durch den Saal, „ich kann so nicht arbeiten! Garderobiere!“ „So geht das den ganzen Tag“, stöhnte die Regisseurin, „Kreon droht mit Kündigung, der Chor schickt Einzelbeschwerden an die Gewerkschaft. Ich bin fertig mit den Nerven.“

Ich nahm mir das Textbuch, gab der Leiterin ein knappes Zeichen und erklomm die Rampe. Der Chor sprach noch das Standlied. „Wir machen dann gleich das zweite Epeisodion. Frau Lahmarschig, bitte.“ Kein Wächter. Die Duenna muckte. „Wer hat hier eigentlich das Sagen?“ Ich nahm kaum Notiz davon. „Sie jedenfalls nicht.“ Kein Kreon. Da musste ich selbst ran. „Dich frag ich nun, Du senkst den Blick zu Boden: Gestehst Du oder leugnest Du die Tat?“ Die Hauptdarstellerin war verwirrt. „Was wird das hier? Soll das die Gerichtsszene sein? Ich habe doch gesagt, ich will einen Anwalt!“ Wofür einen Anwalt? „Ich kann mich als emanzipierte Frau nicht ohne Verteidiger vor ein Gericht stellen. Schließlich habe ich gegen kein Gesetz verstoßen.“

Gut, also Regietheater. Wenn sie die Tragödie unbedingt verwursten will, landet sie eben darin.

„Keine Barbara-Salesch-Nummer hier, wir machen das realistisch. Hier geht es um Gewalt und Moral. Moral ist sauer. Requisite!“ Ich orderte eine Zitrone, die aus der Kantine geschafft wurde, und reichte sie der Darstellerin. „Reinbeißen! Das visualisiert die Konfrontation der ethischen Werte mit dem politischem Kalkül.“ Sie lutschte. Ihr Mund zog sich zusammen. „Meist spielt das Herz schon vorher den Verräter“, deklamierte ich, „wenn einer krumme Wege geht im Dunkeln. Ah, ich habe da eine Idee. Sie könnten das mit verbundenen Augen spielen. Maske!“ Die Binde saß, und so sparten wir uns auch die Justiz-Schaufensterpuppe. „Erst recht verhasst ist mir, wer sein Verbrechen verschönern will, bei dem man ihn ertappt.“ Vor lauter Schlucken vergaß sie fast ihren Text. Die Souffleuse half ein. „Willst Du noch mehr…“ „Frau Lahmarschig, Ihr Stichwort. Nein halt, wir machen da noch etwas. Auf die Knie.“ Antigone blickte verdutzt. „Die Erniedrigung der Frau muss viel deutlicher akzentuiert werden. Bücken Sie sich. Tiefer! Ja, so ist gut. Und Text bitte.“ „Willst Du noch mehr“, nuschelte die Mimin zwischen den Zitronenstücken hervor, „als dass ich sterben muss?“ „Sonst nichts. Damit hab ich vollauf genug. Aber wir könnten zwischendurch noch einen kleinen Dauerlauf machen, als Flucht vor dem Gesetz vielleicht.“ Böllmann-Knappzwickel gab mir ein Zeichen. Kein Dauerlauf. Die Darstellerin hatte in der letzten Inszenierung darauf bestanden, mit dem jugendlichen Liebhaber zu spielen, was zu Wadenkrämpfen geführt hatte. „Gut, dann weiter.“

Der Lahmarsch machte Anstalten, sich vom Boden zu erheben. „Auch darin hat es herrlich der Tyrann: Frei darf er tun und sagen, was er will.“ „Das will ich meinen“, antwortete ich ungerührt und setzte ihr den Fuß in den Nacken. Der Chorführer war auf mich zugetreten und sprach beiseite. „Übertreiben Sie’s nicht. Die Zicke ist imstande und schmeißt die Premiere.“ Ich beruhigte ihn; so weit würde es gar erst nicht kommen.

„Und auf! Mit dem Rücken zu mir. Das siehst nur Du von Kadmos’ ganzem Volk.“ „Ich sehe gar nichts! Ich habe diese verdammte Binde vor den Augen!“ Das hielt mich nicht ab, das Regiekonzept durchzuziehen. „Und jetzt die Wechselrede. Immer einen Schritt nach hinten bei jeder Zeile. Und schön auf die Zitrone konzentrieren.“ Sie wich zurück, Schritt für Schritt – „Wer weiß, ob drunten…“ – und kippte von der Rampe. Ein Schrei kündigte den Boden des Orchestergrabens an. „So geh, und muss geliebt sein, lieb die drunten. Fünf Minuten Pause. Und den Theaterarzt für Madame Lamar-Tschick.“

Unter dem Applaus des Ensembles trugen zwei Sanitäter die Jammernde hinaus. Böllmann-Knappzwickel hatte Tee besorgt. „Und wenn sie nun Schwierigkeiten macht?“ „Keine Sorge“, sagte ich schlürfend, „dies ist eine ganz realistische Inszenierung. Zum Schluss wird sie verhungern. Auf offener Szene. Mit Göttern legt man sich an. Mit Sophokles nicht.“