Wurst und Diesel

21 03 2018

„Wurst geht noch. Die ist zwar eigentlich aus dem Mittelmeerraum, aber Wurst geht gerade noch. Bei Döner wäre ich da schon skeptischer. Ja, ich weiß, Sie mögen mich nicht, weil ich Ihnen gerade das Bier verboten habe, aber was soll ich denn machen? Das ist nun mal mein Job hier beim Heimatschutz.

Seien Sie froh, dass die Christsozialen sich nicht durchgesetzt haben, sonst hätten wir jetzt eine ganz andere Koalition und ein Bundesministerium gegen Volkstod. Da müssten Sie dann Woche für Woche glaubhaft versichern, dass Sie wenigstens ein rassefremdes Element von deutscher Heimaterde vertrieben haben. Wie das gehen soll, wenn im Regierungsprogramm gleichzeitig steht, dass sofort nach der Machtübernahme alle Ausländer aus dem Reich ausgewiesen werden, das fragen Sie mich nicht. Aber gegen Widersprüche sie die halt immun.

Wie gesagt, Bier geht gar nicht. Mesopotamisch und damit nicht gestattet. Ist auch etwas schwierig zu erklären, aber Wirtschaftsgüter aus Regionen, die heute zur islamischen Welt gehören, und das Zweistromland ist ja da gewissermaßen doppelt die Wiege der Kultur, die gehen halt gar nicht. Das hat die CSU im Kabinett ganz locker durchgekriegt, ganz easy, so wie die Pkw-Maut, und nachgedacht hat vorher auch keiner. Jetzt haben sie den Salat, in Bayern hat die eine Hälfte der Brauereien schon zugemacht, die andere arbeitet nur noch für die ausländischen Kunden, und Söder verkauft den Schmarrn als Stärkung der Exportwirtschaft. Und das ohne Alkohol, weil sonst jeden Moment die Islamisierung anfangen könnte.

Brot dürfen Sie natürlich noch essen, das lässt sich gar nicht mehr zurückverfolgen. Das gehört zu den interkulturellen Kulturgütern, die sich nicht an einem Heimatland festmachen lassen. Beim Reis ist noch eine Expertenkommission dran, den gibt’s ja noch keine tausend Jahre im deutschen Sprachraum, also wäre ich damit schon ein bisschen vorsichtig. Ach ja, und Sushi können Sie natürlich auch in die Tonne treten. Sushi, Suzuki, Toyota, Sayonara. Sie haben Wurst und Diesel, das muss genügen.

Das ist nämlich auch so ein Missverständnis, dass die Leute meinen, man könne die deutsche Leitkultur nicht an solchen Erfindungen wie dem Dieselmotor festmachen. Was können wir denn dafür, dass die Amis den auch nutzen? Also lassen Sie sich da nicht verunsichern, auf ein paar Dinge können wir verzichten – diese Nietenhosen geben Sie am besten gleich in die Altkleidersammlung, und diese amerikanischen Unterhemden wollen wir auch nicht mehr sehen, Sie können ja ein Leibchen tragen wie alle anderen auch – und beim Rest benötigen wir einige Argumentationshilfen. In jede Richtung übrigens.

Übrigens, Richtung – den Buchdruck haben wir dann auch als deutsch eingestuft. Das ist ein klares Bekenntnis zu Deutschland als führender Nation der innovativen Informationstechnologie, die mit ihren revolutionären Schöpfungen die Welt prägen und geradezu verbessern kann. Der Satz ist total hirnrissig, aber der kommt ja auch nicht von mir. Den kriegen wir direkt aus dem Ministerium, das noch ein Gutachten abwarten will, bevor es die arabischen Ziffern abschafft. Na egal. Auf jeden Fall hat die Bundesregierung noch mal erklärt, dass ein Leistungsschutzrecht für Suchmaschinen in diesem Online-Internet den Buchdruck schützen müsse vor schädlichen Auswirkungen durch die Nutzer. Wir fördern Kultur, wo wir sie erkennen.

Käse ist erlaubt, den haben zwar die Römer erfunden, aber die Skandinavier haben sich das Verfahren von uns abgeguckt, deshalb gilt es als deutsche Kulturtechnik. Wobei wir jetzt nur über das Verfahren mit Kälberlab reden, alle anderen sind bereits von der Bezeichnung her als rein ostische Konkurrenzprodukte entlarvt. Quark, typisch polnische Zersetzung der Volksgesundheit durch Spaltpilze. Gut, das wird den Sachsen nicht ins Konzept passen, aber das ist doch dem Seehofer egal, was die fressen. Da geht’s halt ums Prinzip!

Das ist manchmal etwas schwierig zu erklären, und da sind wir schon beim nächsten Punkt. Den losen Tee, den schütten Sie bitte auch in die Tonne, die braune ist für Bioabfälle, Sie wissen ja, dass Mülltrennung auch zur Leitkultur gehört, und es tut mir auch ganz furchtbar leid, dass es sich um echten Ostfriesentee handelt, aber es ist eben ein Import, und wir sind ja eine Exportnation. Schade. Die gute Nachricht ist, im Beutel dürfen Sie den trinken. Der Teebeutel ist eine deutsche Errungenschaft, die ihren Siegeszug um die ganze Welt angetreten ist. Und bitte auch hier wieder trennen, den Beutel in die braune Tonne, das Schildchen in den Papiermüll und den… –

Die Zahnpasta lasse ich mal gelten, die Marke ist egal, hier geht es dem Gesetzgeber um die Sache an sich. Sie dürfen sich meinetwegen sogar einen Wohnwagen kaufen, das ist ja befreundetes Ausland und bis auf… tatsächlich? Schau mal einer an. Dass der aus Deutschland kommt, wusste ich noch nicht einmal. Man lernt nie aus. Das finde ich jetzt doch sehr erstaunlich.

Ihr Bonusheft haben Sie? Gut. Dann komme ich demnächst mal wieder bei Ihnen vorbei und sehe nach, wie Sie sich entwickeln, so leitkulturell und als heimatbewusster Staatsbürger. Da haben Sie auch die Liste, wie Sie Ihre Verfehlungen wieder ausgleichen können. Zehn Jahre Döner, Dosenbier, wissen Sie was? Kaufen Sie sich am besten eine Motorsäge.“

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDV): Die Arroganz der Kulturtechnik

9 03 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Während die anderen noch über das vermooste Geröll am westlichen Tümpelhang glitschten, hatte sich Rrt aus zwei ausrangierten Beutelratten etwas Neues genäht. Sogar Ugas dritte Nebenfrau, eher an Putz und Pofel interessiert denn mit Haushalt und Hege vertraut, sogar dieses aufgedonnerte Weib sandte ihm einen lasziven Augenaufschlag von Höhle zu Höhle. Schuhe! Der Siegeszug einer ganz neuen Produktgruppe hatte begonnen, mehr noch: in den Neid der anderen mischte sich die hochnäsig zur Schau gestellte Überlegenheit, dass man auch ohne diese Dinger auf die Kinnlade kippen konnte. Denn es ging um nicht weniger als die dem Troglodyten eigene Gangart, über Generationen in den Feinheiten verbessert, die nun plötzlich von ein paar Hipstern über den Haufen gekickt werden sollte. Was war das schon wert gegenüber einer erprobten Kulturtechnik?

Abakus und Rechenschieber waren schon fast aus der Mode gekommen, da feierten sie noch einmal fröhliche Urständ, als die kleinen Verräter auf den Markt kamen, elektrische Maschinen, die jeder Knalltüte das Addieren erlaubten. Wer jedoch auf sich hielt, zog seine Wurzel noch mit Bleistift und Papier. Es waren dieselben Bürohengste, die sich noch für die mechanische Schreibmaschine verwendet hatten, obwohl eine Ecke vor ihnen die Kontoristen verbittert am Tintenfass festhielten. Während die Söhne wie selbstverständlich in Nieten- und Schlaghosen in die Oper gingen, zogen die Väter auch auf dem Schlagerkonzert Schlipse um den Hals. Vermutlich haben bald die ersten keine Zettelchen mehr geschrieben, sondern mit ihren ersten Mobilknochen kryptische Zeichen ins Funknetz geschwiemelt, dieweil in der anderen Etage einer noch den Fernschreiber fütterte, ohne den es in der ordentlichen Firma eben nicht ging.

Doch kaum war der SMS-Daumen als pathogenes Bewegungsmuster etabliert, da wuchsen die Endgeräte zu Taschentoastern, auf denen man mit zwei Händen tippte. Inzwischen wischt der Nutzer sich den Kram auf und über das digitale Brettchen. Ein Ende ist nicht abzusehen, wahrscheinlich plinkert der zukünftige Nappel direkt auf die Datenbrille, schnalzt eine Mail aus dem Gebiss heraus und zupft sich zum Umschalten rhythmisch an den Ohren. Die Kunst funktioniert in stetiger Abhängigkeit vom Ding, und je höher der Grad der Abstraktion ist für die mehr oder weniger lernfähigen Hominiden, desto schneller muss er einen Weg finden, sich das Objekt anzueignen. Ansonsten steht er selbst als Bewohner des intellektuellen Standstreifens in der Gegend.

Wenig verstanden hat das Gehirngestrüpp, wenn man nicht begreifen kann, dass Papierdruckbuch und elektronisches Pendant nebeneinander bestehen können und die körperlose Literatur keinesfalls den Niedergang der Wissensgesellschaft einläutet – die Postkutsche hatte erst dann ausgedient, als es eine technisch und wirtschaftlich befriedigende Lösung gab, und auch hier wollten ein paar Nostalgiker den Abschied nicht wahrhaben. So müsste sich letztlich jeder kulturelle Krempel irgendwann überholen, der Walzer in Vergessenheit geraten, das Sonett, Weinbau und Liebesbrief. Waren die Gummistiefel früher aus Holz, wie es uns die Verkalkten sungen, so war’s nur die gute alte Zeit, die überwiegend nicht einmal gut war, sondern nur mit anderen Umgebungsvariablen ausgestattet. Flaschenbier muss billig gewesen sein, die Bundeskanzler hatten noch eine Vergangenheit und das Wetter war im Sommer als solches erkennbar, aber für ein Hemd arbeitete man fünf Stunden, und wenn der Kragen durchgescheuert war, trug man’s im Schrebergarten auf. Dafür gab es Ofenheizung, die Leute hatten Pocken und offene Tuberkulose, Datenverarbeitung bestand aus fettigen Karteikarten und Lochstreifen, und das Gemüse klebte grau gekocht im Mehlpapp. Wie arrogant kann man sein, diese Epoche en bloc als überlegen anzusehen?

Am Verbrennungsmotor merkt der Bescheuerte, dass eine ganze Schicht nichts Besseres zu jammern hat als den Untergang der westlichen Welt, sobald die Kraftwagen mit Strom fahren. Es liegt wohl auf der Hand, wir heizen nur mit Kohlen, weil es sie noch gibt, was ist auf einem endlichen Planeten in Relation zur Gesamtdauer zwischen Genesis und Verglühen in der finalen Massenaufblähung unseres Zentralgestirns ein putziger Wimpernschlag ist – die Generation, die nur noch Windräder kennt, so wie der heute Geborene Telefone mit Wählscheibe nur verstört anschaut, höchstens noch belustigt ob der bizarren Anmutung jenseits des Praktischen, sie wird sich abwenden, wenn die Greise vom Krieg erzählen, in dem alles besser klappte.

Alternativ könnte man annehmen, dass es sich um reinen Snobismus handelt, wer den Oldtimer mit dem Holzofen zum Bäcker fährt, der auf Biogas umgestellt hat, bevor es Mainstream wurde. Doch auch offensiv heraushängende Geltungsneurose ist kaum geeignet, sich eine bleibende Statt in der Gesellschaft zu erobern, es sei denn, man möchte auffallen, wenn auch unangenehm, so doch um jeden Preis. Und das scheint manchen auch schon zu reichen, um in Erinnerung zu bleiben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIX): Die Sauna

12 01 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird in einer dieser Großraumhöhlen gewesen sein, in denen heiße Quellen blubberten, wohin Uga und sein Schwager einmal die Woche vor dem Winter flohen. Sie zogen sich das Fell ab, das von körpereigenen Klebresten und Läusedreck gehalten wurde, legten sich auf die faulende Haut und sahen dem wabernden Dampf zu. Wer weiß schon, was da aus dem Inneren der Erdkruste nach oben gerülpst wurde, möglicherweise förderte es die traumgleichen Bilder im Gehirngestrüpp, die den Aufenthalt im Salzwassertank so angenehm machen oder Dauerlauf mit Sonnenstich. Gut, dass die beiden ihre lustvollen Erlebnisse nicht haben aufschreiben können, niemand hätte wohl sonst den Alkohol erfunden. Nur die Sauna.

Zurechnungsfähige Männer hocken sich in einen architektonisch eher übersichtlich gehaltenen begehbaren Holzklotz am Rande von Tundra oder Großstadt, wo nicht auf der nördlichen Halbschale ohnehin beides zusammen erreichet werden kann, gucken glasig auf ihre Handtücher, die Fettpolster und Rückenbehaarung größtenteils nicht verbergen können, und warten den Garpunkt der Hirnrinde ab. Ab und an, vor allem in geschäftlich ausgerichteten Betrieben, latscht eine Mitarbeiterin ohne jegliche intrinsisch verortbare Motivation in die Butze, kippt einen Eimer Terpentin in die Heizgelegenheit, lässt ein Grubentuch die schwiemelnden Schwaden im Kreis verwirbeln, und geht dann an den Schrank mit den Magentabletten, wie immer nach dem Überleben dieses Anblicks. Sie hat früh und mit Verachtung der eigenen Existenz gelernt, dass es Schicksale gibt, die man nicht herausfordern soll, beispielsweise die Berufstätigkeit unter ästhetisch indiskutablen Klumpoiden.

Was da mit breitem Schritt die Bänke nässt, hat mit dem Verlust der Scham gerne die Schwelle zum Schwachsinn schon überrollt. Glänzend vor Talg glotzt das aus enger Stirn, ein niederschwelliges Angebot der Hominisation, das vernünftige Mittel für einen amtichen Kreislaufzusammenbruch aus mandelnder Beweglichkeit ignoriert und sich lieber die Ventile durchpfeift, die Lederschicht zur Vollendung masochistischer Anwandlungen mit Ästen durchprügelt und deshalb schon für hart hält. Mit der Subtilität von Wildpinklern im Stadtpark drückt das den Ekel ins öffentliche Bewusstsein, als sei Vergänglichkeit nicht das einzige, was Körper aus der Freiluftsektion des Kopfkinos verdrängen sollte. Die warmweiche Widerlichkeit wabbelnder Wänste sorgt für Grundübelkeit beim Gedanken an die beheizbare Gammelfleischtheke.

Das wahre Grauen aber ist noch nicht zu finden bei der Monstranz des Monströsen, die wirkliche Erscheinungsform des Grässlichen ist der Blick, der den unwissentlich Eintretenden, obgleich schon nackt, noch einmal entblößt. Er geht bis auf die Knochen, Widerstand wird nicht geduldet. Millionen von Drüsen und tausende Haare bäumen sich in einem Akt der Hoffnungslosigkeit noch einmal auf, bevor die Sehkrankheit den Brechreiz triggert. Die Appetitlichkeit von Moorleichen kann mit diesem Liebreiz locker konkurrieren, es geht schließlich um den Endzustand des Belebten. Hier bricht sich der Troglodyt Bahn, auch im Angesicht von Kräuteressenz und Frottee, wie er trotz allem seine niedersten Instinkte befriedigt oder sich wenigstens dafür in Stellung bringt.

Die Vermutung liegt nah, dass die Erfindung von Schnellkochtopf und Druckwasserreaktor nur Auswüchse der mählichen Verschmorung sind, die der Dämpfansatz gezeitigt hat. Wahrscheinlich ist die enthemmende Wirkung des Schweißerei vor allem aus dem Missverständnis erwachsen, sich nach dem Ende der Stammesgesellschaft weiterhin mit nicht zum nachhaltigen Verbrauch bestimmtem Fleisch zu erhitzen, im Gegensatz zu den eben in Privatgebrauch stehenden Häuschen, in denen die Transpiration weniger transparent geübt wird. Der soziale Hautkontakt hat sich mit der Zivilisation erledigt, der Filzhut allein schützt nicht mehr vor den Einbrüchen des frühen Primatenstadiums. Das Brausebad mag Erdenreste beseitigen, nicht aber die Erbsünde.

Vermutlich ist es ein evolutionärer Trick wie Karneval oder Schnaps, den Motivationsstau für die Mehlmützen zum gesellschaftlich nicht negativ sanktionierten Event zu stilisieren, dem man ohne Schäden im Frontzahnbereich beiwohnen kann. Hier ist der Affe ganz bei sich selbst und darf es sein, Hobbybrezeln und Dummschlümpfe haben zumindest ein Entzücken im Leben, die Freude der Regression. Früher oder später kommt dann das Bad im Eiswasser.





Entartete Kunst

14 06 2016

„… die Aufführung des Stücks am Potsdamer Hans Otto Theater verhindern wolle, da die dort gezeigten Flüchtlingshelfer offenbar gegen deutsches Recht…“

„… müsse sich das deutsche Bühnenwesen gegen die Tendenz wenden, Unmoral und strafbare Handlungen zu zeigen, da diese zur Zersetzung der Wehrkraft der Volksgemeinschaft…“

„… eine Aufführung der Räuber im Theater Bremen verhindern müsse. Meuthen habe auf die linkslinks-verschwulte Terrorverherrlichung des offensichtlich drogensüchtigen…“

„… nur noch deutsche Stücke auf den Bühnen im Reichsgebiet gespielt werden sollten. Höcke werde eine Liste aller vaterlandsfreundlichen…“

„… dürfe sich Theater nicht in gesellschaftliche Konflikte einmischen, wenn es nicht die Konsequenzen dafür tragen wolle. Petry halte ansonsten das Grundgesetz für eine…“

„… wolle Meuthen ein Publikationsverbot für Schiller erwirken, den er für die Folge der 68er und die Abschaffung der Todesstrafe in…“

„… wolle man auch Stücke österreichischer Dichter auf deutschen Bühnen zulassen, da diese durch Blut und Sprache eine schicksalsmäßige…“

„… aber als pädagogischen Ansatz eine Jugendvorstellung der Antigone zu erlauben. Poggenburg wisse aus eigener Erfahrung, dass aus einer Straftat sehr oft noch viele andere…“

„… sich Gauland persönlich gegen die Neuinszenierung von Othello am Schauspiel Leipzig gewandt habe. Er sei nicht gegen Shakespeare, es sei aber klar, dass nicht jeder in Deutschland einen Mohren als…“

„… man Die Lohndrücker als besonders wertvolles Stück für die sozialpolitische Neuausrichtung des deutschen Proletariats…“

„… nichts daran ändere, ebenso wenig wie der Nobelpreis. Jelinek, so Höcke, sei eine hysterische Judenhure aus der Ostmark, die noch früh genug von den arischen Rassegenossen in den…“

„… den Satz so nie gesagt habe. Alle fünf Ton- und beide Videoaufzeichnungen seien parallel falsch aufgenommen worden. Gauland kenne das Stück überhaupt nicht und wolle gar nicht den…“

„… befehle Poggenburg die Absetzung des Gutmenschen von Sezuan, der die kommunistische Herrschaft in Rotchina ohne die für den Deutschen notwendige Brutalität…“

„… auch an die Kinder zu denken. Meistens handle es sich beim Krokodil, das die blonde Prinzessin bedrohe, um afrikanische Invasoren, die von gleichgeschalteten Schutzmännern unbewacht die Großmütter vergewaltigen könnten, um sich danach ein Begrüßungsgeld in Höhe von…“

„… reine Unterstellung. Gauland habe nicht gewusst, dass der Mohr von Venedig ein Neger sei, er habe außerdem noch nie ein Theater von innen…“

„… das Nationaltheater Mannheim schließen wolle. Mit Emilia Galotti zeige das Haus nicht nur das Elaborat eines jüdisches Volksschädlings, das Stück propagiere auch unter dem Deckmantel der Aufklärung den Ehrenmord als Tugend einer bürgerlichen…“

„… auch das Hessische Landestheater Marburg stilllegen werde, wenn der Volksfeind nicht sofort aus dem für die Zukunft der deutschen Nation wichtigen Spielplan…“

„… man den Kaufmann von Venedig nicht auf einer deutschen Bühne zeigen dürfe, weil das Werk zur Verherrlichung des Judentums…“

„… eigentlich die meisten Opernhäuser schließen müsse, weil es bei den Aufführungen um Ehebruch und außereheliche Verhältnisse…“

„… die Freilichtspiele Bad Bentheim mit einem zeitgemäßen Weihespiel für die Jugend des Volkes aufwarten müssten. Höcke selbst wolle eine Dramatisierung von Jud Süß in kindgerechter Sprache…“

„… werfe Gauland dem Zentralrat Antisemitismus vor, da er das Stück noch nie…“

„… nicht einmal den Fliegenden Holländer auf der Opernbühne dulden wolle. Von Storch prangere die Zwangsehe einer mutmaßlichen Minderjährigen an, wie sie im Islam neben Kinderarbeit und…“

„… in der Wiederaufnahme des Ibsen-Stückes im Theater Chemnitz eine Zusammenarbeit der überstaatlichen Mächte sehe. Gedeon wisse, dass die Weisen von Zion die Entartung der deutschen Kultur aus dem…“

„… nie behauptet, nicht zu wissen, wer Shakespeare überhaupt sei. Allerdings habe Gauland während der Fernsehsendung geäußert, das deutsche Theater sei nicht mehr das deutsche…“

„… sich mit Stella die ganze Minderwertigkeit des türkischstämmigen Dichters zeige, da je nach Version ein feiger Selbstmord oder ein unchristlicher Ehebruch…“

„… die Darstellung von Homosexualität oder Drogenkonsum zahlreichen Jugendlichen falsche Lebensmodelle vorgaukeln würde. Das Verbot von Büchners Woyzeck werde für eine erheblich geringere Anzahl an…“

„… die Produktion mit dem Porträt des thüringischen Rassisten werbe. Ein wohlwollendes Echo der internationalen Theaterzeitschriften habe die Premiere von Der Verbrecher aus verlorener Ehre bis zum…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXIX): Musicals

5 12 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einmal nicht aufgepasst, die falschen Medikamente erwischt oder eine dramatische Überdosierung, und schon hüpft man kreischend durch den kahlen Plattenbau. Mitbewohner werden hernach den Ermittlungsbeamten mitteilen, man habe den Mitbewohnern mitgeteilt, dass man nun einen Kaffee zubereite, einen Kaffee, ja-ja, Kaffee, oh-oh, Kaffee, Kaffee, Kaffee – den kaffeesten Kaffee des Universums, tschakka-tschakka, den Kaffee, Kaffee, Kaffee. Die Patronenhülsen lagen immer schon in der Küche, und der mild verbrannte Geruch war wohl Zufall. In dieser Umgebung muss wohl die Geburtsstunde des Musicals ihren Lauf genommen haben.

Nicht alles, was man in einem Polyesteranzug erledigen kann, ist auch Kultur im engeren Sinne, und so erbarmte sich irgendwann die Industrie, um die sozial benachteiligten Anwohner vom einsamen Konsum miserabler Konservenschlagerkonserven zu erlösen. Aus dem Fundus zusammengenagelte Kulissen, Kostümgedöns und ein paar verstolperte Tanzschritte waren rasch geboren, die Handlung spielte keine große Nebenrolle, und die größten Kathedralen des dramaturgischen Elends standen bereit, die Eucharistie des schlechten Geschmacks bei ihrer Zwangshochzeit zu beherbergen. Das von Musike begleitete Tingelgetangel winselte durch die Landschaft, und es blieb. Aus Gründen.

Wer das Artifizielle, sprich: den gekünstelten Schwiemel der Oper schon immer für einen mentalen Zahnschmerzfaktor hielt, wie die Darsteller ihre mäßig interessanten Probleme im ausgestanzten Dialog aneinander vorbeischwafeln, um dann jäh in die überflüssige Arie auszubrechen, die vor Jubel, Schmerz und Rache quietscht, der wird auch den ästhetisch suboptimierten Kitsch der Kleistersinger nicht beschwerdefrei vertragen. Zum Glück ist die Mehrheit der Bevölkerung komplett geschmacksresistent und ohne Gegenwehr, sie sind durch Gruppenschunkeln hinreichend sozialisiert, halten jeden Sondermüll für Kunst und klatschen, sobald das limbische System Raumtemperatur hat. Man stellt sie leicht zufrieden. Wer die Qualitäten der englischen Küche kennt, ahnt dumpf, wo die Begeisterungsfähigkeit dieser Spezies anfängt.

Spaßmacher und Radauhumoristen jeglicher Couleur sind schon immer dem harmlosen Volk nur auf die Plomben gegangen. Wer sich als Zumutung für den Durchschnitt erwies, der grub stets unten Löcher und baute an, was das Zeug hergab, dümmliche Witze, sentimentalen Dreck mit dem Kernduft der Realitätsverleugnung, eine freudige Feier der Hirnschäden, wie sie sich politisch im Sinne der Machthaber hindrehen ließ. Das Musical aber vereint das Schönste dreier Welten: schmalztriefenden Gesang, dümmliches Gehampel und eine Art von Schmierentheater, die den Intellekt des gemeinen Zuschauers beleidigen würde, besäße er überhaupt einen. Es ist jene Catch-all-Strategie, um den Rezipienten ein aus Schmierseife fabriziertes Bildungserlebnis vorzutäuschen, das sie mit geschwollener Drüsen sich einverleiben, dessen eingedenk, es hätte schlimmer kommen können.

Zwar wird hier und da behauptet, das im Musiktheater etablierte Repertoire sei auch nichts anderes als eine skrupellose Zweitverwertung dramatischer Reste, doch was immer sich auf der Musicalbühne an die Rampe quält – Beate Zschäpe, der 11. September, das neue Smartphone von dieser komischen Firma da oder schlicht die neue beschissenste Bundesregierung so far – fällt aus Mangel an höherer Qualität nicht groß auf. Ein Broadwayerfolg über die Rückseite der Gebrauchsanweisung eines Nasenhaarschneiders wäre die Regel, nicht die Ausnahme. Die Circushalligallisierung der Brüllkultur zwischen betäubendem Pathos und perforierender Komik hat sich als moralische Leeranstalt to go etabliert, als Kanalisation der Miserabilitäten, die selbst für die Filmindustrie nicht mehr taugen und sich auf einer Bühne besser ins kollektive Bewusstsein der Bildungsversager entsorgen lassen.

Inzwischen bedienen sich die Galeerenpauker auf der Besetzungscouch an den nachgelassenen Opfern der Castingshows, wie sie madengleich ins Rampenlicht wimmeln, kaum bis gar nicht wissend, dass sie in Stundentakt und Wechselschicht vor durchweg zahlungskräftigem Publikum verheizt werden. Längst klotzt man feste Arbeitslager in die Gegend, wo die Tanzmäuse der untersten Mittelschicht zwei bis drei Vorstellungen pro Tag vorturnen, inhaltsfrei hingespuckte Potpourris von allseits bekanntem Mitklatschmaterial, Investments für die abgerichteten Lemminge. Man hätte sie weiterbilden können, bestenfalls in einer sensiblen Phase ihrer geschmacklichen Degeneration, und mit viel Glück und Geduld hätte es einer von ihnen bei kundiger Anleitung in eine anständige Operette geschafft. Vielleicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXIX): Volkstümelei

2 09 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Leben ist so verschieden hienieden. Was das Individuelle einer größeren Einheit ausmacht – nennen wir es Volk, der aufgeklärte Hominide hat ganz andere Sorgen – zeigt sich ohnehin meist in den zivilisatorischen Spuren. Nummernschild und Amtssprache, Vorwahl und Wurstsorte macht den Unterschied über die Landesgrenzen hinweg, während sich der durchschnittliche Verbraucher seinem Nachbarn normalerweise in vielem doch verbunden fühlt. Der Japaner nimmt gerne größere Mengen Wasserspinat zu sich, während der Geigerzähler beim Verzehr anheimelnd brummt, der Isländer verbuddelt tote Haie, deren Harnstoff vor dem Servieren gemächlich durchs Muskelgewebe dümpelt und auf dem Teller nach Bedürfnisanstalt im Spätsommer stinkt – ob Uran oder Urin, die kulturelle Identität hinterlässt ihre Spuren. Nicht jeder hat den nötigen Glibber unterm Schädeldach, um derlei relativierend zu schätzen. Der durchschnittlich Verdeppte schwiemelt sich rasch eine Lebenseinstellung aus dem Analogkäse der ethnologischen Differenzierung. Und tümelt volk.

Wo Brauchtum auf banale Lebenswirklichkeit trifft, einigt sich der Plebs aufs niedermolekulare Angebot. Kultur ist dem kognitiv Naturbelassenen nichts aus Goethes Feder, sondern die Erzeugnisse deutscher Braukunst, wahlweise auch das, was ein Vollhonk mit zu viel Bier in der Birne hervorbringt: Jodeln jenseits der Schmerzgrenze, krachlederne Unterleibsverkleidung und wurzelholzbedruckte Klebefolie zur Verschalung des Plattenbau-WCs. In China gefertigte Acetatseide-Blousons, Damwild-Musterung inklusive, mit Plastehirschhornknöpfen und aufgestepptem Eichenblatt in naturidentischer Schießbaumwolle samt Originell-Hoffbraüraus-Einnäher vervollständigen das Ensemble, und der Tümler weiß, dass er der echt völkischen Kultur zu pflegen pflegt. Lustigerweise imitiert der Abnehmer industrieller Fertiglumpen nur in Versatzstücken den Sonntagsstaat einer höchst überflüssigen Schicht, die heutzutage derlei textile Debilitäten nur noch auf dem Weg zum Rotkreuzcontainer trüge, und selbst das nur in der blickdichten Tüte.

Ohnehin fragt man sich von der objektiven Warte, wer in der Klamotten-, Musizier- und Werbeindustrie dieses Land versehentlich mit seinem südlichen Wurmfortsatz verwechselt. Trägt die geistig gesunde Frau in der Lüneburger Heide Dirndl? Knotet der Hesse seine Hirnwindungen beim Schnadahüpferl zusammen? Pfropft sich der Ostseeanrainer permanent Würstchen mit Kraut hinters Zäpfchen? Vermutlich werden demnächst renitente Jugendliche die Überreste der Berliner S-Bahn mit bajuwarischer Lüftlmalerei vollsprayen, in hirschledernen Hoodies und Goiserern mit blinkender Luftpolstersohle. Mehr als die Folklore einer weiland aus dem Osten eingewanderten Fremdtruppe in germanischem Gebiet scheinen die Kulturlenker nicht auf dem Schirm zu haben.

Warum auch. Für das Ruhigstellungsprogramm von Mode, Glotze und Pseudokultur reicht der Schmadder anscheinend, drittklassige Brezelbieger bei Schnack und Spack lassen sich von jenem Nationalsurrogat wunderfein einfangen und hinterfragen aus Prinzip (sowie aus Dummheit) nichts. Man könnte ihnen auch goldbestickte Strampler in Bauchgröße mit Adolf-Hardy-Emblem in Enddarmnähe verpassen und derlei Tracht als spätmittelalterliche Sitte teutscher Art bepreisen, sie würden ihr welkes Fleisch ohne ernsthafte Gegenwehr in jene Polyesterlappen stopfen. Alle sind dabei zufrieden. Der Produzent produziert, wenngleich in schadstofflustigen Slums asiatischer Großstädte, die Händler verdienen ein hübsches Vermögen an der Steuer vorbei, und wer in den Seppelsäcken durch die Landschaft torkelt, hört eh keinen Schuss mehr. Dazu eine Vollversorgung mit Bauerntheater, Kuhduft aus der Sprühdose, Zwiefacher vom Zithersizer, Zenzi bringt eine Maß, und in Potsdam fragt sich der Durchschnittsbürger, welche Vollhonkkohorte sich eigentlich Multikulti hat einfallen lassen.

Volkstümelei dient der nationalen Aufladung gegen den drohenden Minderwertigkeitskomplex – so wie fremde Ethnien nur von denen diffamiert werden müssen, die nicht an die regenerative Kraft der eigenen Kultur glauben, weil die konservativen Weichstapler kognitiv und ästhetisch ja nur bedingt belastbar sind. Sperrholzdeko im Eiche-mit-Scheuerspur-Stil, Fototapete von den schönsten Überresten der Industrialisierung und neudeutsches Altmetall im altdeutscher Rustikalmimikri, frisch vom Schrottplatz geerntet, das goutiert der Bekloppte, sozialisiert auf der kunsthistorischen Müllkippe und durchgeglüht im Handwerkermarkt auf dem Weg zum vollverzinkten Führerbunker. Die nationalen Symbole im Maßstab 1:23 wären das Ideal dieser Manie, und wie man die Wirtschaft kennt, sie hat bestimmt das Passende bereit. Noch träumt der Bescheuerte vom Kölner Dom aus Sandsteinimitat, doch mehr als Gundremmingen in Buche geflammt wird wohl nicht rauskommen. Man hat ja kaum mehr Platz für ein Minarett im Vorgarten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XX): Deutsche als Touristen

14 08 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Tage sind zu lang, um mit der Farce von Nachtprogramm in der Glotze ausgeglichen zu werden; Kindergeplärr lässt im örtlichen Freibad die Kacheln splittern; modemutigen Frauen ab 55 geht in der Sitzmuskelritze eine komplette Bikini-Hose mit Leopardendruck verloren: es ist Sommer. Wer kann, verlässt fluchtartig die als Zivilisation bekannte Ansammlung von Bekloppten und sucht sich ein ruhiges Fleckchen Erde zum Ausspannen. Der Nachteil ist, dass die auf Herdentrieb gepolten Schwachsinnsbeulen sofort hinterher jetten und sich überall breit machen, wo es ohne sie annehmbar wäre. Zwei Dinge haben sie im Gepäck: einen IQ knapp unterhalb der Intelligenz von Sägemehl und einen deutschen Pass. Damit beginnt das Unglück.

Phänotypisch fällt der Bescheuerte aus deutschem Gau zuerst durch seine geschmackvoll zur Schau gestellte Nationaltracht auf, bestehend aus kurzen, aber speckigen Hosen, einem in langen Anstrengungen bei der Wagenpflege in Schweiß imprägnierten Feinrippunterhemd, braungrauen Socken sowie Sandalen des Modells „Reichsamt für Vorderfußschäden“. Derart gewandet erwartet der Teutone, in aller Herren Länder als Volkgenosse erkannt zu werden und in der Zunge Hölderlins, Heinos und Hitlers seine Hopfenkaltschale ordern zu können. Er wird durchaus rasch erkannt; ob ihm dies zum Vorteil gereicht, ist fallweise diskutierbar.

Hat der Tölpel sein Hotelzimmer mit Blick auf die Baustelle annektiert, so richtet er sich in der Ferienanlage häuslich ein. Doch wer einem Volk ohne Raum angehört, muss sich sein Recht täglich neu erkämpfen. Pünktlich zum Sonnenaufgang bricht er einen Blitzkrieg mit anwesenden Feinden aus Albion und Welschland los und vergisst auch nicht die verhassten Niederländer, wenn es darum geht, Handtücher auf die sonnenöligen Liegen zu kleben, um nach dem Frühstück am begehbaren Kinderurinauffangbehälter in der ersten Reihe zu schnarchen. Etappe für Etappe rückt der Germane dem Tommy auf die Pelle. Die dort lebende Spezies von Beschränkten geht inzwischen dazu über, direkt nach der Druckbetankung mit branntweinhaltigen Flüssigkeiten nach Sonnenuntergang ihre Laken auf die Stühle zu pappen. Ertrinken im Vollsuff gilt bei den Briten daher inzwischen als normal, was nicht allein auf die Insellage zurückzuführen ist.

Hier trennt sich die schmutzige Spreu vom warzigen Weizen. Während die eine Kompanie der alemannischen Torfschädel bereits vor, während oder anstatt der Frühkost Sangria in die Birne bembelt, um die verkorkste Existenz im Koma an sich vorüberziehen zu lassen, deckt sich die andere Hälfte der Besatzungsmacht am Frühstücksbüfett mit einer Wochenration Butterstullen und Bananen ein, die zum überwiegenden Teil im Restmüll landet – das Unterernährungstrauma der Nachkriegsjahre wird eloquent visualisiert, und der zwei Minuten zu spät erscheinende Sommergast, der noch eben ein Löffelchen Zwiebelmett abhaben wollte, findet selbiges erst um die Mittagsstunde in einer an Joseph Beuys gemahnenden Open-Air-Installation auf der Strandpromenade wieder, idyllisch umflort von myriadenweise sirrenden Schmeißfliegen, die der Verwesungsduft der geschredderten Sau lustvoll anzieht: ein Memento mori mit 35% Fettanteil. Währenddessen gibt sich der Bildungsurlauber dem stupiden Dauergrillen hin, bewegungslos wie eine bekiffte Kegelrobbe verharrt der Bescheuerte im Strandsand, fingerdick eingeschwiemelt mit Lichtschutzfaktor 256, bis Freund Hautkrebs über die Rückenhaarreste krabbelt. Der Anblick brandrot pellender Epidermis am Äquator der Sonnenanbeter treibt selbst hartgesottene Pathologen in die Duftwolke des faulenden Hackepeters zurück.

Überhaupt hat der Behämmerte die Neigung, die Gegend nach der Art der Nahrungsaufnahme zu beurteilen. So fordert er selbst im Kongobecken ein original wie bei Tante Hedwig gebratenes Schnitzel mit Kartoffelpuffern und Industrieapfelmus, während er im heimischen Plattenbau täglich wechselnd Dönerteller und Bifteki mit Kohlefritten reinpfeift. Besondere Eleganz beweist er, wenn er im israelischen Resort statt Tapirgemächt im Zitronengrassud einheimischen Schweinerollbraten verkosten will und mit kurzer, klarer Diktion die in jahrelanger Kleinarbeit gezüchteten Pflänzchen der Diplomatie wieder in die Scholle stampft.

Denn er trägt die Heimat unter seinen Nägeln und popelt sie überall wieder hervor. Marodierend hastet er über den Planeten, um in Kamerun und Kuba ein heroisches „Einer geht noch, einer geht noch rein“ zu schmettern – ein am Fettsteiß tätowiertes Länderkennzeichen könnte nicht nachhaltiger informieren. Noch in der zarten Andeutung von Extremismus, die er am Hotelpool zeigt – entweder gibt er bei Animationsspielchen den Knalldeppen oder er sprengt durch Androhung von Anwaltsschreiben gleich den kompletten Rahmen – stellt er seine nationale Sendung sicher: auch kommende Generationen sollen zitternd im Keller hocken und seinen Einmarsch fürchten. Gäbe es ihn nicht, es bräuchte keine Goethe-Institute, denn dann wäre nichts auf der Welt zu reparieren.