Schwierigkeiten der Gedichtinterpretation

25 03 2018

Das lyrische ist nicht dasselbe Ich,
das ich in meinen kargen Räumen fand.
Als Dichter sieht man sicher allerhand,
was ich mit meinen Zuständen verglich.

Und wie mein so beschränktes Ich entwich,
hat es in der Beschränkung gleich erkannt:
was mich mit jenem Lyriker verband,
war brüchig und verzieht sich sicherlich.

So sitzen täglich Leute auf den Bänken,
um sich und ihren Dichtern nichts zu schenken,
um Dinge zu erfinden, die im Licht

von pädagogischen Versuchen hocken.
Soll man dem Dichter seinen Sinn entlocken:
wenn er das wollte, warum schrieb er’s nicht!?





In eigenen Worten

12 03 2017

Ach, dass es Sprache gäbe, die verstünden
nur die Verständigen und andre nicht,
damit sie so einander Reines künden
und nicht dran leiden, was ein andrer spricht.

Die Blüte welkt, das Glühende erkaltet.
Wohl gibt es sie noch nicht. Doch wenn sie reift,
entsteht sie, wo sich Fülle weit entfaltet,
sofern man einer Rede Sinn begreift.





Im Eimer

18 02 2016

„Iech chabe niecht gewuust!“ Sofia Asgatowna, noch in ihrer bunten Kittelschürze, rang die Hände in wilder Verzweiflung. „Wenn iech chette gewuust, daan iech chette gaanze Ateljeeh niecht gepuutzt, da?“

Annes Perle, die nun seit Jahren auch meinen Haushalt betreute und die Küche nach mancher Beanspruchung wieder wie neu aussehen ließ, war eine aus tiefster Seele reinliche Person. Das aber hatte ihr den denkbar größten Ärger eingebrockt – ein echter Joe Shlabynsky war hinüber, genauer gesagt die Installation Sitting Waiting, ein Meisterwerk, das aus einem fettig verdreckten Klapphocker bestand und in der Galerie des neuen Mandanten Taubenheim einen eigenen Raum einnahm. „Chooker war vool Miest“, bekräftigte Sofia, „sah unmeeglich aus, so iech chabe gepuutzt den Chooker wie Boden!“ „Das ist ja schön und gut“, versuchte ich sie zu bremsen. „Aber dieses Ding da, das war Kunst.“ „Kuunst?“ Sie stemmte die Fäuste empört in die Hüften. „Wenn daas iest Kuunst, iech bien Wassili Wassiljewitsch Kandinski, da!“ Ich seufzte.

Da summte die Tür. Erschöpft kam Anne in die Kanzlei zurück, warf ihren Talar über den Kleiderständer und ließ die Aktentasche fallen. „Sagt mir“, stöhnte sie, „dass das alles nicht wahr ist.“ Luzie schob ihr das Schälchen mit den Keksen hinüber. „Wir haben schon hin und her überlegt, und da bin ich auf folgende Idee gekommen: sie ist ja eine außerordentlich reinliche Kraft.“ Sofia Asgatowna nickte eifrig und erfreut, wiewohl sie der Sekretärin wohl nicht zu folgen vermochte. „Ob man das nicht, sagen wir mal, als Berufskrankheit anerkennen lassen könnte, dann wäre wenigstens ihre Schuldfähigkeit…“ Anne winkte ab. „Das ist ja alles ganz hübsch, Luzie. Aber das ändert nichts daran, dass Generaldirektor Taubenheim den Schaden wird gerichtlich einklagen wollen, und dann hat Sofia ein Problem. Und ich bin meinen wichtigsten Mandanten gleich wieder los.“ „Iech werde Waaschbeecken puutzen“, verkündete Sofia und verschwand hinter der Tür gegenüber des Eingangs. Keine Minute zu früh.

Denn just in diesem Moment marschierte der Generaldirektor ein, wutgeschwellt und durchaus für einen Mord zu haben. „Sie hat mir meinen Shlabynsky ruiniert“, heulte er, „das habe ich nur Ihnen zu verdanken! Sie und Ihre verdammte Feudelfrau!“ „Ich freue mich auch, Sie zu sehen.“ Anne musterte ihn kühl von oben bis unten. „Sie wollten sicherlich noch drei der ausstehenden Raten für die letzten Schriftsätze bezahlen, richtig?“ Taubenheim keuchte. „Meine Installation, das kriege ich doch so nie wieder hin! Sie hat den Hocker mit Fettlöser behandelt. Mit Fettlöser! Dieses Weib ist absolut wahnsinnig! Wenn sich das in der Kunstwelt herumspricht, die Leute werden mich auslachen!“ Leise klapperte es hinter der Tür zu den Toiletten, doch das kümmerte nun keinen.

„Sehen Sie nur, hier.“ Mit der flachen Hand schlug Taubenheim auf die Seite des Katalogs. Das Foto eines schmutzverkrusteten Hockers war von viel wichtigem Text eingerahmt, wichtiger noch: der Künstler wurde als Geheimtipp gepriesen. Unrasiert und mit glasigem Blick glotzte er aus dem Druckwerk. Luzie stutzte, dann spielte ein maliziöses Lächeln um ihren Mund. „Augenblick mal“, sagte sie und rollte zum Aktenschrank, zog eine Mappe und legte sie auf den Tresen. Anne schlug den Deckel auf. „Hans Joachim Schlabinski, vorbestraft wegen… also auf jeden Fall arbeitet er bei der Müllabfuhr.“ „Sperrmüll“, präzisierte die Vorzimmerdame. Kein Wunder, dass Luzie Freese die Papiere ihrer Chefin mit luziefr zeichnete. „Sperrmüll – aber wie soll ich jetzt…“

Ich huschte kurz hinter die Tür. Ein Griff, dann hatte ich Sofias alten Eimer entwendet – sie hatte erst vorgestern feucht durchgewischt und konnte den Kübel entbehren – und ihn behutsam auf den Tisch gestellt. „Eigentlich“, verkündete ich, wollten wir es zur jährlichen Triennale in Tokio mitnehmen, aber dieses wunderbare Stück passt viel besser in Ihre Sammlung. Taubenheim beäugte das Blechding skeptisch. Er setzte die Lesebrille auf. „P II“, entzifferte er die Gravur am Rand, wo jede Menge Kalk sich abgelagert hatte. „Ein echter Boris Sergejewitsch Raschtschuschkin“, nickte ich. „Dafür werden Spitzenpreise gezahlt.“ Anne biss sich auf die Unterlippe; hektische rote Flecken stiegen ihren Hals hinauf. „Aber da steht P“, begehrte er auf. „Natürlich“, schaltete sich Luzie ein. „Raschtschuschkin – das ist ein kyrillisches R.“ Taubenheim nickte befriedigt. „Außerdem sehen Sie an der Datierung“, dozierte ich weiter, „dass es sich um eine Arbeit aus der vorrevolutionären Zeit handeln muss. 1911. Also ist das Stück älter als die Arbeiten aus dem Westen. Es ist das erste Ready-made der Kunstgeschichte.“ Taubenheim schluckte. „Wie viel“, fragte er heiser.

„Muuß kaufen Ejmer fier Ersaatz“, entrüstete sich Sofia. Aber Anne hatte sie rasch beruhigt. „Dafür kommen Sie um eine Klage herum und können weiterhin in seiner Galerie putzen.“ Luzie rückte ihre Brille zurecht. „Sie dürfen nur nicht aus Versehen Ihren alten Eimer… Sie wissen schon.“ Entrüstet ballte Sofia Asgatowna die Fäuste. „Daas iest die Chöhe! Ween daas iest mejn Puutzejmer, iech erkjenn daas – iest daas Kuunst!?“





L’art pour l’art

21 01 2016

„Was bildet sich dieser Fatzke eigentlich ein!“ Anne war außer sich vor Wut. „Zehn Jahre lang war ich gut genug, ihm jeden Ärger vom Hals zu halten, und jetzt behandelt er mich wie einen Fußabtreter!“ Luzie schob mir das Schälchen mit den Keksen für Besucher herüber. „Gehen Sie besser nicht rein“, flüsterte sie. „Sie ist imstande und schmeißt Ihnen etwas an den Kopf!“

„Taubenheim!“ Anne knirschte mit den Zähnen. „Taubenheim, dieses verfluchte Schwein!“ Als Generaldirektor der Vereinigten Gummiwerke hatte er mit einigen Patenten Unsummen verdient. Anne, die seinerzeit noch in der Großkanzlei angestellt war, hatte alle seine Rechtsstreitigkeiten mit der Konkurrenz siegreich erledigt, sie hatte sogar den Geniestreich des Patriarchen, den multielastischen Kautschukschlauch MK-31/b, gegen ein minderwertiges chinesisches Plagiat auf dem Markt verteidigt und ihm damit Millionenumsätze gesichert. Allein das war es nicht. Herr Gustav Taubenheim war ebenfalls passionierter Sammler aller Arten von Kunst. Sein Geschmack galt nicht als erlesen, doch seine Sammelleidenschaft ließ ihn vor nichts zurückschrecken. „Ich darf nichts sagen“, knurrte sie, „als seine ehemalige Anwältin bin ich immer noch zum Schweigen verurteilt.“

Allerdings konnte man sich die Dinge auch gut zusammenreimen. Einige nicht ganz unbekannte Bilder verloren sich schon kurz nach dem Diebstahl aus gut gesicherten Museen im Dunkel, während Taubenheim Millionen lockermachte und recht lose über neue Erwerbungen seiner Privatgalerie sprach. Eine seiner drei Verflossenen, eine jüngere, dafür aber um so untalentiertere Schauspielerin, konnte sich sehr gut an einen bis heute verschollenen Picasso erinnern; tragisch, wie sie, die nicht schwimmen konnte, bei einer Bootstour auf dem Mittelmeer plötzlich im Abendkleid ins Wasser sprang.

„Und jetzt will dieses dumme Schwein, dass ich seinem neuen Anwalt die Rechtsgeschäfte übertrage!“ Sie raste vor Zorn. „Er kommt heute Nachmittag und will sämtliche Prozessunterlagen abholen.“ „Der Anwalt?“ „Taubenheim“, schrie Anne, „das ist es ja! Er hofiert diesen dummen Schnösel auch noch!“ Ich blickt auf den Tisch; der Stapel aus Aktenbündeln hatte durchaus einiges Gewicht. Zwei Kartons mit leeren Aktenordnern standen an der Wand, eine ausrangierte Pinnwand lehnte am Sofa hinter dem Besprechungstisch. Ich kniff ein Auge zu. „Warte mal.“ Sie sah mich mit wachsender Skepsis an. „Du führst doch wieder etwas im Schilde.“ „Im Bilde“, korrigierte ich. „Nur im Bilde.“

Schnell hatte Luzie das nächstgelegene Geschäft für Künstlerbedarf herausgefunden. „Heinestraße links, dann bis zum Stadtpark.“ „In einer Stunde bin ich zurück“, versprach ich, „bis dahin sollte die Grundierung fertig sein.“

Der mitgeführte Einkaufsbeutel reichte für ein halbes Dutzend mittelgroßer Quetschflaschen. Die restliche Wandfarbe hatte sich vorschriftsmäßig verhalten und war, wie das Etikett es versprochen hatte, schnell getrocknet. Luzies Nase hatte davon mehr als genug abgekriegt. „Dann wollen wir mal“, verkündete ich, zog das Jackett aus und schraubte die rote Flasche auf. Wie bunter Senf kleckerte die Farbe auf die matt schimmernde Fläche. „Gelb?“ Anne reichte die Flasche an. Langsam gewann das Werk Gestalt.

Ein wenig Haarspray half bei der Fixierung, ein Nagel war schnell in die Wand geschlagen, schon hing das epochale Gemälde über dem Dreisitzer. „Ich bin begeistert“, sagte Anne trocken. „Dass ich mir so etwas überhaupt leisten kann.“ „Jetzt aber schnell“, drängte Luzie. „Taubenheim kann jede Minute…“ Da klingelte es auch schon. Ich knöpfte mein Hemd auf und schlang mir Annes Seidenschal um den Hals. „Lass mich mal machen. Und räum bloß die Akten weg.“

Der Generaldirektor stapfte gleich mit Hut und Mantel nebst einer leeren Aktentasche ins Büro durch, während ich mich nonchalant erhob. „Ich kann mich auf Ihre Diskretion wie immer verlassen“, verabschiedete ich mich von Anne. „Und Sie sind…“ Taubenheim war irritiert. „Also erlauben Sie mal!“ Ich zog Anne zu mir. „Kann man dem Mann vertrauen? Ich meine, er hat mich schließlich bei Ihnen gesehen.“ Ein verdächtiger Blick zu dem scheckigen Objekt an der Wand verriet meine Unsicherheit. Der Alte begriff. „Sie sind Sammler?“ „Nicht so laut“, beschwichtigte ich ihn. „Ich muss mich von einem Teil meiner Stücke trennen, aus – Gründen.“ Taubenheim hob anerkennend die Augenbrauen. „So?“ „Und da wollte ich das eine oder andere – Sie verstehen schon.“ Er hatte verstanden, und er begann das Farbinferno auf hundert mal hundert Zentimeter zu begutachten. „Interessante Linienführung“, murmelte er. „Das hat Rhythmus, nicht wahr, das hat Feuer. Schön! Was soll das kosten?“ „Sie kennen die Malerin?“ „Ich komme gerade nicht auf den Namen“, bekannte er. „Ist das etwa…“ „Alice Kváč.“ Anne biss sich auf die Unterlippe. „Zehn Prozent.“ „Fünf.“ „Gut, einigen wir uns auf acht.“ Taubenheim schnaubte grimmig. „Sieben Prozent, sonst…“ Ich schluckte. „In Gottes Namen.“

„Zwanzigtausend!?“ Luzie tastete nach ihrem Stuhl. „Das Wichtigste ist, dass er der Kanzlei nun doch als Mandant erhalten bleibt, weil sein neuer Anwalt ja so gar nichts von Kunst versteht.“ Ich nahm einen Keks. „Und ich finde, Du könntest die Wand neu streichen.“ Anne nahm mir den Schal ab. „Ernsthaft – Du bist talentiert!“





Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

27 07 2014

Der Mächtige will Kunst. Er kann sich’s leisten.
Das ist als Gunstbezeigung schon vertraut.
Nur trifft der Ruhm in jenem Fall am meisten
den, der im Grabmal liegt, nicht den, der’s baut.

Es pfeift sich leichter, malt sich unbeschwerter,
wenn man das Werk auf andern Namen tauft.
Dann scheidet sich’s daran, ein höchst Verehrter,
ob er die Kunst – ob er den Künstler kauft.





Gesprächsstoff

24 07 2014

Die Räume hatten eine anheimelnde Sauberkeit, nicht gerade medizinisch, aber doch weit mehr als besenrein. Die Morgensonne schien durch das Oberlicht und warf einige bläuliche Schatten auf die frisch gestrichenen Wände. Alles atmete Ruhe und Frieden. Schüppenhauer war verzweifelt.

„Diese Idioten haben nicht einmal Holzleisten angebracht“, stöhnte der Galerist. „Wo soll ich denn nur die Bilder aufhängen?“ Mit einem ironischen Lächeln – nicht schadenfroh, auch wenn durchaus ein Grund dazu vorhanden gewesen wäre – drehte ich mich einmal um die eigene Achse. „Ach ja, richtig. Die Bilder.“ Es gab keine Bilder, hatte nie welche gegeben. Nicht hier, und vermutlich nicht anderswo. Der windige Unternehmer, dem der frisch gebackene Kunsthändler sein Geld anvertraut hatte, war genauso schnell verschwunden wie die besagte Barschaft. Jetzt stand er da, ohne Bilder, mit einem immerhin sauberen Lokal in bester Lage und mehreren Zusagen für die Eröffnung. Dass sie noch am nämlichen Abend stattfinden sollte, traf sich weniger gut.

„Machen Sie etwas“, wimmerte er. „Irgendwas, brechen Sie in ein Museum ein und stehlen Sie die Mona Lisa, aber lassen Sie mich nicht im Stich.“ „Das wird schwierig“, befand ich, „die Dame ist ja recht freizügig, wird aber gerade im Ausland aufbewahrt, und in einer Papiertüte bekomme ich sie garantiert nicht durch den Zoll. Wir müssen uns eine andere Sache überlegen.“ Schüppenhauers Verzweiflung ging in Fatalismus über. „Dann setze ich mich in die Ecke und lasse mich mit faulen Eiern bewerfen, damit kommt man ja auch ins Feuilleton.“ „Bloß nicht!“ Der Gedanke war nun zu schockierend. „Das macht doch in New York seit zwanzig Jahren keiner mehr.“ Die Lage war ernst. Schüppenhauer zündete sich eine neue Zigarette an. „Suchen Sie mich nicht“, sagte er müde, „Sie werden mich früh genug finden.“ „Seien Sie bitte pünktlich“, wies ich ihn an. „Und lassen Sie freundlicherweise den Schlüssel da.“

Die Gäste kamen mit ortsüblicher Verspätung. Das oval in der Mitte des Raums aufgehäufte Zeug wurde zunächst stumm betrachtet, mit gemessenem Schritt erlaufen und wurde schließlich Objekt einer recht angeregten Diskussion. „Möglicherweise“, mutmaßte ein älterer, kritisch aussehender Gast „hat der Künstler eine Botschaft darin versteckt.“ „Sie könnten ja mal nachsehen“, riet ich, „und übrigens, es ist eine Künstlerin.“ Auf dem Boden klebte ein quadratisches Schildchen, auf das niemand trat, das aber offensichtlich auch keiner gelesen hatte.

Schüppenhauer war nicht richtig betrunken, ob noch nicht oder schon nicht mehr, ließ sich in der Kürze der Zeit nicht feststellen. „Wo kommen die Leute her?“ Ich klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Durch die Tür, die meisten jedenfalls. Einige sehen aus, als hätte man sie versehentlich über dem Dach abgeworfen, aber das täuscht. Die anderen sind auch nicht weniger bekloppt.“

Immerhin war das Ensemble aus Dachlatten, teilweise aufreizend angekokelt, teilweise mit Nägeln und Krampen verziert, alles zusammen in der Zimmerecke an die Wand gelehnt, auch nicht ohne Aufmerksamkeit geblieben. Eine nervöse Dame schob sich durch die Besucher, stellte ihr Champagnerglas auf einen Klappstuhl und sprach mich ohne zu zögern an. „Ich komme gleich zur Sache: wie viel?“ „Ich auch“, antwortete ich. „Das Glas verschwindet sofort von diesem Stück Objektkunst, oder Sie haben ein Problem.“

Eine Viertelstunde später erfuhr ich vor dem Studenten, der den Kellner spielte, dass das aus Paris, Köln und Tokio stammende Künstlerduo bereits die Eröffnung verlassen habe. Die nervöse Dame hatte mehrere Fotos von ihnen gemacht, die sie in den führenden Kunstzeitschriften zu veröffentlichen gedachte. Ich war sehr gespannt, ob ich sie erkennen würde.

„Sie haben mir eine Viertelmillion für diese Holzdinger angeboten“, keuchte Schüppenhauer. „Was soll ich denn jetzt tun?“ „Fordern Sie eine halbe“, riet ich, „und verkaufen Sie damit auch gleich die Option auf die kommenden beiden Teile der Installation.“ Er war nachhaltig verwirrt, aber damit war zu rechnen gewesen. Bedauerlicherweise konnte ich mich nicht um ihn kümmern, da die exzentrische Kuratorin für ihre Verhandlung mit der städtischen Kunsthalle immer wieder Details von mir wissen wollte. „Es heißt Gesprächsstoff“, erläuterte ich, „und es ist innen mit einem Holzgerüst versehen, damit es formstabil bleibt.“ Sie machte sich Notizen. Schüppenhauer suchte seine Zigaretten.

„Sie haben das alle gefressen“, sagte er, noch immer ungläubig und diesmal deutlich betrunkener als zu Beginn des Abends. „Die haben es Ihnen alle abgenommen! Aber wie haben Sie das so schnell geschafft?“ Ich lächelte vor Bescheidenheit. „Zwei alte Paletten, ein wenig Plastikplane und ein Altkleidercontainer der Heilsarmee. Und dann muss dem Vorbesitzer der Geräteschuppen im Garten abgebrannt sein. Sie sehen das in der Ecke.“ Er drehte sich kurz um. „Es ist noch eine alte Harke da und ein paar Schaufeln und etwas Altmetall, und neben der Kellertreppe stehen noch die restlichen Klappstühle. Denken Sie an die halbe Million, Schüppenhauer. Sie wollen doch den Kunstmarkt nicht wegen so einer Kleinigkeit gegen sich aufbringen.“





Kunst

19 02 2014

Die Wachmänner sprangen erschrocken zur Seite. Der Pförtner riss die Tür auf und seine Mütze vom Kopf. In der Mitte der Eingangshalle hockte auf einem Bänkchen wie ein Häuflein Elend die Direktorin. „Alles hin“, klagte sie, „wir müssen die Eröffnung verschieben. Sie haben die Attraktion total zerstört. Eine Katastrophe!“

Die Werkschau der zeitgenössischen Kunst der aktuellen Gegenwart hatte seit Wochen die Blätter gefüllt; die Anzeigenpreise zogen leicht an, dafür also war das Zeug schon mal gut gewesen. „Sie haben es einfach weggeschmissen“, jammerte Hildegunst von Rupfenplüt. „Dabei war das doch Kunst!“ Ich besah die Schmutzspuren auf dem nackten Terrakottaboden der Halle. „Das lässt sich insbesondere für Laien nicht immer so schnell auseinanderhalten.“ Es war die Putztruppe gewesen, die einen Haufen Buchenholz, in Wahrheit streng durchnummerierte Scheite, eine genau bemessene Menge Gartenerde und etliche Besenstiele, Tonscherben und Kieselsteine achtlos in einen Container verlastet hatte. Mit zitternden Fingen griff sie einen der Holzstiele aus dem Behälter. „Da“ stieß sie hervor, „das ist mehr als eine Vandalentat – das ist der pure Hass auf ein politisches Statement!“ Ich begriff nicht, worauf sie hinauswollte, schwieg aber sichtlich betroffen, um mich nicht zu blamieren. Sie nahm es bewegt zur Kenntnis.

„Aber wir müssen doch etwas machen!“ Der flehentliche Ruf hatte mich in die Wirklichkeit zurückgeholt. Der Hausmeister stand etwas abseits und kratzte sich verlegen am Kinn. Der Frevel war während seiner gewerkschaftlich organisierten Mittagspause geschehen, also war er nicht schuld; nichtsdestotrotz bangte er um seinen Arbeitsplatz. „Wir können ja nu allens wieder da hinkippen“, überlegte er. Die Direktorin rümpfte sichtlich die Nase. „Ich will das nicht gehört haben“, stichelte sie. „Am Ende lassen wir uns von denen noch beibringen, was Kunst ist.“ „Ah, Sie wissen das ja nu.“ Er schien sie nicht wirklich zu mögen, doch was sollte er tun. „Kunst ist“, begann sie, „also wenn das hier als Kunst, und wir gehen ja davon aus, dass das Kunst ist, dann…“ „Also die weiß das auch nich“, konstatierte er befriedigt. Dach hatte ich eine Idee.

Die ersten Gäste standen bereits in der Vorhalle. Eben gerade noch hatten wir uns rasch die Hände gewaschen, ein Glas Sekt hinuntergestürzt – dass die Stadtverwaltung nichts zu verschenken hatte, war uns vorher klar gewesen, aber dass es so schlimm stand, merkten wir erst jetzt – und warteten auf das Publikum. „Interessant“, näselte ein kleiner Dicker mit Hornbrille, „das muss dieser Dingsda sein aus Italien.“ Das Oval aus der Streusandkiste wirkte anziehend; immer mehr Gäste bewegten sich auf seiner Umlaufbahn. Sorgfältig wichen sie den Kieselsteinen am Rand aus, hier und da blickte einer interessiert auf die spitzwinklig abstehenden Besenstielfragmente in der Peripherie. Keine Frage, diese Installation hatte etwas. Was auch immer es sein mochte.

Eine Dame mit asymmetrischer Frisur und reichlich Schmuck übte sich in Höhenflügen. „Der Einfluss der Arte Povera ist ja eindeutig“, dozierte sie, „die Materialien wie Sand, Holz, Steine…“ „… Alufolie, Zeitungspapier, Kronkorken…“ Sie warf mir einen verbitterten Blick zu, doch ich ließ mich nicht beirren. „Ja, das irritiert Sie. Aber haben Sie je über das Konzept dieser Aussage nachgedacht? Oder sich gefragt, warum wir es für Kunst halten?“ Ein erschrockenes Murmeln zog durch den Raum. „Ich finde ja, dass wir diese desintegrative Haltung der Kronkorken nicht auf die gegenwartspolitische Perspektive reduzieren dürfen.“ Der Dicke mit der Brille blickte missbilligend. Ich nahm ihm das übel. „Dabei haben wir gerade hier die Metametapher des Der-Zeit-vorweg-Seins in der Eigendinglichkeit des Geworfenen, wie Sie doch wohl sehen.“ Sein Banausentum kränkte mich tief. Wie gut, dass er es noch rechtzeitig gemerkt hatte.

Leider musste in diesem Moment Hildegunst sich aus der Deckung hervorwagen. „Das macht es doch zur Kunst, dass es einer Interpretation bedarf.“ Sie hob sich triumphierend über ein Häufchen Abfall. Der Hausmeister zuckte gelangweilt die Achseln. „Kunst“, sagte ich leicht indigniert, „zeichnet sich dadurch aus, dass sie der Interpretation auch standhält.“ Ein paar Besucher murmelten beifällig. Sie schaute sich hilflos um. „Ich würde das so als Antikunst nennen“, ließ sich der Hausmeister vernehmen. „Aber Nichtkunst is auch okay, wenn man mich fragt.“

Es wurden noch einige Fotos geschossen, teilweise von den beiden Klappstühlen unter den Wolldecken, manche mit dem Hausmeister, den jemand fälschlich als den Künstler ausgemacht haben wollte. Vielleicht lag es auch am Sekt. Ich suchte meinen Mantel. Die Direktorin war müde und verwirrt. „War das denn jetzt richtig so?“ „Machen Sie sich keine Sorgen“, tröstete ich sie. „Keiner hat etwas verstanden, und in den Zeitungen wird viel Quatsch stehen, weil niemand zugeben wird, es nicht verstanden zu haben.“ Hildegunst starrte versunken in den Raum. „Was ist denn nun Kunst überhaupt?“ Ich griff nach der Tür. „Kunst“, sagte ich, „ist das, was nicht mehr in einen Kleinwagen passt.“





Garstiges Lied oder Die Rolle des Intellektuellen außerhalb der Partei

1 12 2013

für Dieter Hildebrandt

Die Politik versagt. Wer wird es richten?
Sie hauen, was noch halbwegs steht, entzwei.
Was schuldig wird, das spricht sich selber frei.
Der Dichter soll, was nicht ganz dicht ist, dichten.

Sie baden sich in Unschuld. Die Gestalten
da oben atmen Mittelmäßigkeit.
Das ist als Kippfigur allzeit bereit
und möchte seinen Posten nur behalten.

Sie fürchten nichts so sehr wie jenes Sägen,
das ihre Stühle unerwartet stürzt,
die Karriere ganz erheblich kürzt.
Schon wirft den Denker man dem Mob entgegen,

den Dreck, den das verursacht, wegzuputzen.
Das sichert ihm die Arbeit, sagt man bloß.
Was man nicht sagt: nichts ist so würdelos,
als ihn wie einen Dienstmann zu benutzen.

Die Angst ist wichtiger als jene Sache,
die sich der Mann einst auf die Fahne schrieb.
Der Führer der Partei hat Glück. Er blieb.
Nun, Volk, steh auf. Dein ist die Rache. Lache.





Im März

25 03 2012

Es spiegeln Farben sich am übersonnten
und heiterlichten Brunnengrund: Türkis
und Blau und Grün, die sich noch scheiden konnten,
wo leiser Wind das Wasser tanzen ließ.

Inmitten der Fontäne stehn Figuren;
ein Triton trägt die Nymphe, stolz und bloß.
Ihr Schattenwurf verlässt sie ohne Spuren,
beginnt im Flug und sagt sich gänzlich los.

Uns ist die Form, die sich verwandelt, heilig,
da sie unfassbar bleibt im reinen Erz.
In Licht und Jahreslauf vergehen eilig
die Bilder. Jeder Schlag rührt einen Schmerz.





Der Lällenkönig

29 01 2012

Er blickt herab im Prunk von Gold und Kronen,
dass ihn die Bürger sähen, wie er schütze
die Gassen und mit seinen Blicken nütze
der Wachsamkeit vor Teufel und Dämonen.

Bald sieht es aus, als würde er nur thronen
hoch über ihren Häuptern, dass mit Witze
er seine Augen rollt, die Zunge spitze
zum kleinen Basel, wo die Armen wohnen.

Es mag ein Scherz sein, Angst auch vor dem Bösen,
dass wir durch Blendwerk meinen, zu erlösen
uns von den Kräften der Begehrlichkeit.

Und scheint das Ornament des Bösen hässlich,
es ist der Glaube daran unerlässlich,
dass Ungeist selbst im Menschen nur gedeiht.