Arbeitsquarantäne

5 05 2021

„… müsse eine sofortige Rückgabe sämtlicher Grundrechte für Geimpfte erfolgen. Die FDP habe bereits eine Organklage vor dem…“

„… auch andere Politiker sich anschließen würden. Nur durch schnelle Lockerungen für die geimpften oder genesenen Personen wolle man in Bayern einen Binnentourismus und Umsätze wie in der vergangenen…“

„… sich die angefragten Gastronomiebetriebe nicht zu einer raschen Öffnung entschließen würden, da sie angesichts einer zu geringen Zahl an potenziellen Kunden noch keine Perspektive für ein sich tragendes Geschäft sähen. Scholz wolle daher zunächst über Sonderregelungen für Biergärten und eine bundesweite…“

„… auch nicht jede Branche gleichermaßen berücksichtigen könne. Es sei für Spahn durchaus plausibel, Nagelstudios und Diskotheken wieder zu eröffnen, er sehe aber insbesondere in Shishabars ein aerosolbedingtes Hochrisikogebiet, das sich nicht mit den Regierungsstrategien der…“

„… wolle Altmaier auch den Tourismus wieder fördern. Vorerst sei dies nur durch subventionierte Flugreisen gedacht, wozu eine Finanzspritze in Höhe von weiteren fünf Milliarden Euro an die…“

„… sei es nicht notwendig, über Arbeiter und Angestellte nachzudenken, deren Wohnungen oft in den infektionsgefährdeten sozialen Brennpunkten lägen. Laschet sehe keine Notwendigkeit, da diese Personengruppe sowieso nie in Küchenstudios oder Opernhäuser gingen und deshalb auch nicht…“

„… für soziale Gerechtigkeit sorge. Lindner habe vorgeschlagen, dass die Leistungsträger auf Privilegien wie den Besuch im städtischen Freibad oder einem Abend in der Eckkneipe freiwillig verzichten könnten, wenn man ihnen dafür massive Steuersenkungen sowie eine straffreie…“

„… das Einkaufen für Geimpfte attraktiver machen wolle. Aus Sicht des Infektionsschutzes sei es zwar ratsam, wenn sich diese Personengruppe wie bisher mit Mundschutz in den Ladengeschäften bewege, man wolle aber keinen Unfrieden im…“

„… würden bei immer mehr Grundrechten auch immer weniger Intensivbetten belegt, so dass es ein gesetzliches Verbot von Tempolimits geben könne. Scheuer werde dies noch vor der Wiederwahl in…“

„… schlage Altmaier vor, nur Geimpfte ohne Mundschutz zu bedienen. Dem Einzelhandel stehe es selbstverständlich frei, nachts sowie an Sonn- und Feiertagen die Geschäfte für die übrigen…“

„… es keine einheitlichen Bescheinigungen über eine erfolgreich ausgestandene COVID-19-Erkrankung gebe. Spahn wolle dies zunächst mit den Gesundheitsämtern klären, sehe die Aufgabe aber eher bei den Hausärzten, die dafür eine zuvor ausgestellte einheitliche Bescheinigung über…“

„… halte Lindner besondere Einkaufstage für privilegierte Personen für eine gute Idee. Er sehe großes Potenzial, wenn Erwerbslose, zu bestimmten Tageszeiten auch Arbeiter und Angestellte keinen Zutritt mehr zu den…“

„… ein bundeseinheitliches Corona-Attest plane. Der Pass könne bei den Gesundheitsämtern beantragt werden, Spahn rechne bereits im zweiten oder dritten Quartal 2027 mit den…“

„… dürfe es keine Impfungen außerhalb der Reihe geben, wenn Hausangestellte betroffen seien. Für Merz widerspreche dies dem Gedanken der erdienbaren Lockerungen, die man sich nicht nur durch Selbstverständlichkeiten wie Erwerbsarbeit sichere. Im Falle einer Erkrankung erwarte der designierte Vizekanzler, dass Leiharbeitsfirmen mit preisgünstigen Polinnen aushelfen würden, die man auch in Arbeitsquarantäne halten oder in einem…“

„… warne Lindner vor einer Neiddebatte. Nur weil viele Arbeitslose einen besseren ökologischen Fußabdruck vorweisen könnten, da sie nicht mehr als fünfzig Kurzstreckenflüge pro Jahr machten, sei es eine geradezu sozialistische Unverschämtheit, mit Forderungen an die Leistungsträger in den…“

„… zwar zu Lockerungen führe, die aber in Bayern nicht die Personen gefährden würden, die von den Lockerungen profitierten. Söder könne das durchaus verstehen und wolle daher die bisherigen Grundrechtsrückgaben auf freiwilliger Basis in den Geschäften und Betriebsstätten weiterführen, da sie sonst im Widerspruch zu seiner eigenen…“

„… nicht fälschungssicher sei. Da auf einen Corona-Pass inzwischen zehn bis zwölf falsche Dokumente kämen, rufe die FDP zur solidarischen Öffnung auf, die alle Bürger mit einem Einkommen von mindestens hunderttausend Euro pro…“

„… bereits zehn Prozent geimpft worden seien. Daher werde in der Modellregion Tübingen ein QR-Schlüsselanhänger an alle verteilt, die nicht mehr auf eine Impfung warten würden, um möglichst schnell eine einheitliche…“

„… den digitalen Pass nicht anerkenne. Ob es ein Verbundsystem gebe oder jedes der 16 Länder eine eigene Lösung erarbeite, werde von der MPK und Spahn zeitnah, spätestens aber nach der…“

„… der Inzidenzwert innerhalb einer Woche um 255% angestiegen sei. Palmer habe nicht bedacht, dass der Anhänger besonders bei Coronaleugnern nachgefragt sei, die damit sofort die Geschäfte und Restaurants in der…“

„… den Ausbruch aber nicht habe vorhersehen können. Der Standort des Impfstoffproduzenten sei vorübergehend stillgelegt, bis geklärt worden sei, wie eine vollständig durchgeimpfte Belegschaft durch einen einzigen Fall, der offenbar aus einer Grundschule im…“





Pflichtpraktikum

3 05 2021

Es war laut. Die Stanze an der rechten Seite knallte immer dreimal hintereinander auf das Metallstück, dann schmiss es der Arbeiter in die Ölwanne. Das zischte. „Sechseinhalb pro Minute“, schrie der Schichtführer, das heißt: eigentlich schrie er nicht, er sprach nur sehr laut, was aber dasselbe war, weil er direkt neben mir stand.

Die Fabrik hatte gut zu tun, gerade hier in der Produktionshalle II brummte es gewaltig. Vierzig Handwerker stanzten und hämmerten, schliffen und polierten, bogen und feilten Stahlteile, dass es seine Art hatte. Auf einem langen Laufband fuhren die frisch zusammengenieteten Werkzeuge in den Ofen, auf einem anderen verschwanden sie in einem Bad aus Säure. Irgendwo rauschte der scharfkantige Abfall vom Lochen und Spanen in einen Trichter und fuhr ein Stockwerk tiefer in einen gewaltigen Bottich. „Großauftrag“, erklärte mir der Vorarbeiter, „eine halbe Million Stück.“ Es lief also. Da kamen auch schon die Neuen.

Der Maschinenführer beäugte die drei Männer in den frisch gebügelten Blaumännern kritisch. „Sie sollen die Handschuhe tragen“, pfiff er den ersten an, „die liegen nicht zum Spaß in Ihrem Spind!“ Noch bevor der etwas erwidern konnte, drückte er dem zweiten eine Schutzbrille in die Hand. „Wer hier ohne Brille antanzt, kann gleich wieder nach Hause.“ „Ich habe aber schon eine auf“, protestierte der, „und die hier drückt so!“ Der Maschinenführer trat ganz nah an das dünne Männchen heran. Ich interessierte mich gerade für den Arbeiter, der zwei Metallstücke in eine Form einfügte, einen Stift in die Öse steckte und zwei Hebel bediente, worauf der Automat mit einem kräftigen Schlag eine Niete hinein hämmerte. Schon wieder zwei neue Backen, neuer Stift, zack! da kam das fertige Stück auch schon raus.

Der Schichtführer drückte dem dritten einen Besen in die Hand und wies ihn an, unter der Stanze die Splitter zusammenzukehren. „Chef“, sagte der Vorarbeiter, „das ist einer von den Typen aus dem Bundestag. Sie wissen doch, die machen hier Pflichtpraktikum.“ „Gut“, antwortete er, „dann erklären Sie es ihm noch mal. Aber langsam, sonst versteht er es nie.“ Ein Helfer rollte einen ganzen Container mit roten Plastikgriffen durch die Halle. Ein neuer Schwung mit Stanzabfällen rasselte ins Tiefgeschoss. Der Schichtführer winkte mich heran.

„Wir hatten neulich schon mal ein Dutzend von diesen Idioten“, rief er. „Irgendwas haben wir falsch gemacht, jedenfalls haben sie uns die für eine ganze Woche aufs Auge gedrückt.“ „Wahrscheinlich nicht an die richtige Partei gespendet“, überlegte ich. Er grinste. „Jedenfalls sollen sich die Herren Politiker mal mit dem Arbeitsprozess vertraut machen.“ Dem Informationsblatt der Bundestagsverwaltung war nicht viel zu entnehmen; man hätte den Eindruck bekommen können, sie sollten für ein paar Tage in einem Büro herumsitzen, von Arbeit stand dort nichts. „Jetzt stehen sie uns im Weg, und danach werden sie sagen, sie seien schon mal in einer Fabrik gewesen.“ Der Schichtführer ging zum Ausgang. „Mein Stellvertreter übernimmt hier, ich muss mich um die Verzinkung kümmern.“

Die Abkantpresse war gerade besetzt worden. „Sie haben uns eine Fachkraft geschickt“, stöhnte der Maschinenführer, „er ist Pressereferent.“ Im Prinzip war das Gerät recht einfach zu bedienen, wenn man nicht an den Einstellungen auf dem großen Bildschirm herumfummelte. „Sie legen hier ein Blech ein“, erklärte die Fachkraft, „danach drücken Sie auf den grünen Knopf, betätigen den Fußschalter, und dann biegt die Maschine das Blech nach hinten und an den Seiten nach oben.“ Der Parlamentarier blickte fasziniert auf das Gerät, unternahm aber keine Anstalten, mit der Arbeit zu beginnen. „Blech einlegen“, mahnte der Führer. Nichts tat sich. Der Mann mit dem akkurat gestutzten Oberlippenbart meldete sich zaghaft. „Wo finde ich das denn?“ Statt einer Antwort fasste der Maschinenführer ihn an den Schultern und drehte ihn ruckartig nach links, wo das Laufband mit der automatischen Anlieferung sich befand. „Ah ja“, befand der Praktikant. „Ist das denn schwer? Ich meine, nicht, dass ich mir hier noch einen Bruch hebe!“

Unterdessen war der Schichtführer wieder in die Halle zurückgekehrt, um sich die Klagen der Fachkraft an der Montagestation anzuhören. „Es ist doch nicht so schwierig“, stöhnte er, „man nimmt zwei Handgriffe, dann legt man das Werkzeug in die Form, und dann muss man nur den Schalter betätigen.“ Er blickte zu dem Mitglied im Finanzausschuss, zu mir, und rieb sich an der Nase. Ich nahm eine Zange aus dem Behälter, legte zwei Plastikgriffe, rot, in eine Aussparung der Maschine, und sah zu, wie die Maschine zischend das Metall nach unten drückte, wobei sich zwei Gummihülsen über die Bügel schoben. „Ich könnte mir allerdings auch vorstellen“, wandte der Verwaltungswirt ein, „dass man durch bessere Verhandlungen mit den Herstellern der Kunststoffummantelungsmasse eine Ertragssteigerung von bis zu…“

Zwanzig Packerinnen, zwanzig Packer packten die Zangen mit routiniertem Griffen auf eine Pappe, die unter einer Kunststofffolie verschwand und in der Klebemaschine bald zu einer stabilen Packung wurde, die man aus dem Geschäft nach Haus trug und ohne eine weitere Zange nicht mehr zu öffnen vermochte. „Noch sechs Tage und sieben Stunden“, ächzte der Maschinenführer. „Aber wir haben es ja noch gut getroffen.“ Ich stutzte. „Wie kommen Sie darauf?“ Er sah mich traurig an. „Danach sind sie eine Wochen lang im Krankenhaus im Weg.“





Mütter der Nation

21 04 2021

„Kinder!? wie soll das denn bitte gehen?“ „Also mehrere?“ „Umso schlimmer!“ „Und dann solche politischen Vorstellungen!“ „Das kann ja nur in die Hose gehen!“ „Auf der anderen Seite, so ganz ohne Kinder kann man sich in der Politik doch mit den wichtigen Fragen gar nicht beschäftigen.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade gar nicht in unser Argumentationsmuster.“ „Also für ein Spitzenamt sollte die Kandidatur damit gelaufen sein, meinen Sie nicht auch?“ „Absolut.“

„Stellen Sie sich das mal im Auswärtigen Amt vor.“ „Bitte keine Kalauer jetzt, dazu ist die Lage zu ernst.“ „Staatsbesuch in China, die Lage ist extrem angespannt, kurz vor dem Wirtschaftskrieg…“ „… und dann ruft der Jüngste an und sagt: ‚Ich kann nicht einschlafen!‘“ „Ich hatte doch darum gebeten, dass wir diese Sache nicht ins Lächerliche ziehen!“ „Manchmal muss man aber so damit umgehen.“ „Gerade jetzt, wo Wählerinnen und Wähler mit dem Wunsch nach moderner Familienpolitik an uns herantreten, können wir nicht riskieren, dass uns die Spitzenkandidaten mit solchen Risiken einen Strich durch die Rechnung machen.“ „Wir sollten dabei allerdings auch bedenken, dass wir mit solchen familienpolitischen Maßnahmen viel für Bürger und Politiker tun können, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sich gar nicht stellt.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade gar nicht in unser Argumentationsmuster.“ „Wir können nicht mit den Baustellen von gestern in den Wahlkampf!“ „Was schlagen Sie vor, die Baustellen von vorgestern?“ „Ich hatte doch gesagt: keine Kalauer!“

„Es soll da übrigens Kinder aus einer vorherigen Beziehung geben.“ „Ach, interessant.“ „Das stelle ich mir ja schon vor: Moralpredigt an die deutsche Bevölkerung, aber dann so eine Vergangenheit.“ „Ich hatte ja gleich gesagt, wir sollen uns das mit der Spitzenkandidatur noch mal überlegen.“ „Das Kind lebt aber in einem anderen Haushalt.“ „Auch das noch!“ „Da kommt es uns wenigstens nicht mehr in die Quere.“ „Mehr fällt Ihnen nicht dazu ein?“ „Damit macht man sich ja quasi erpressbar.“ „Es gab da schon mal solche Fälle.“ „Das waren aber auch andere Zeiten.“ „Unsere Ansprüche sind eben gestiegen.“ „Wegen eines gesellschaftlichen Rückschritts, dem man mit mehr Toleranz für neue Lebensmodelle leicht entgegenwirken könnte.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade gar nicht in unser Argumentationsmuster.“ „Außerdem muss man bedenken, dass wir heute viel mehr soziale Medien haben als damals.“ „Da kann die Stimmung auch plötzlich umschlagen.“ „Ich möchte mir das gar nicht ausmalen.“ „Wir sollten uns lieber für eine sichere Variante entscheiden.“ „Das ist auch sehr im Sinne unserer Wähler.“ „Keine Experimente!“ „Ich weiß sowieso nicht, wie wir dem Präsidium diese Auswahl erklären sollen.“

„Es ist ja überhaupt die Frage, wie geht man sicherheitstechnisch mit dieser Situation um.“ „Was die Kinder betrifft, kann man das dem Steuerzahler überhaupt vermitteln?“ „Wir bräuchten mindestens einen Sicherheitsbeamten pro Kind, rund um die Uhr, sonn- und feiertags.“ „Das muss man erst mal in Relation setzen zu den Einkünften in diesem Amt.“ „Sehr richtig!“ „Bei einer Sparkasse kann man das ja auch noch nachvollziehen…“ „Oder bei einem Vorstandmitglied, die tragen auch enorme Verantwortung für die deutsche Wirtschaft!“ „… aber in der Politik sollte man doch bitte die Kirche im Dorf lassen.“ „Sehr richtig!“ „Auf der anderen Seite schafft das natürlich auch wieder Jobs.“ „In der Relation ist das aber nun wirklich nicht mehr zu vermitteln.“ „Was nützen uns denn ein Dutzend Personenschützer, wenn wir immer davon ausgehen müssen, dass Kinder aus dem Umfeld jeden Tag gekidnappt werden könnten?“ „Wir können doch nicht ein ganzes Villenviertel abriegeln!“ „Machen wir doch teilweise schon.“ „Ja, aber da wohnen die wirklichen Leistungsträger, die wollen das so.“

„Ich möchte vor allem nicht diese Bilder in der Öffentlichkeit.“ „Einkaufen mit Kindern?“ „Oder in der Kita.“ „Ich will vor allem nicht diese Bilder, in denen man das Gefühl bekommt, unsere politisch Verantwortlichen kümmern sich den ganzen Tag nur um unseren Nachwuchs, statt beispielsweise die Pandemie zu bekämpfen.“ „Momentan sehe ich so gut wie nie Bilder mit Kindern drauf, und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass sich in Sachen Pandemiebekämpfung irgendwas tut.“ „Das war ja auch nur ein Beispiel.“ „Dann dürfte man aber auch keine Bilder mehr aus dem Freizeitbereich zeigen, um unsere Regierung grundsätzlich als rund um die Uhr arbeitenden Staatslenker zu inszenieren.“ „Man sollte im Gegenteil viel eher Bilder aus dem Bereich Freizeit und Familie zeigen, um für mehr politische Partizipation zu werben, das würde die Mitarbeit in verantwortungsvollen Positionen sehr viel attraktiver machen.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade so überhaupt gar nicht in unser Argumentationsmuster!“ „Ich meine ja…“ „Keine Kalauer jetzt!“ „… wir sollten uns jetzt auf eine ganz andere gesellschaftliche…“ „Keine Kalauer!“

„Haben wir nicht irgendwen auf der Liste, den wir bis zur Wahl noch richtig aufbauen können?“ „Also da sehe ich schwarz.“ „Die meisten sind ja eher von der letzten Legislatur ramponiert, da hilft jetzt auch keine Schadensbegrenzung mehr.“ „Und das rechtfertigt Ihrer Ansicht nach diesen Vorschlag für die Spitzenkandidatur?“ „Aber…“ „Diesen!?“ „Jetzt lassen Sie uns mal ruhig bleiben und der Wahrheit ins Auge blicken.“ „Die da wäre?“ „Sie wollen unser Scheitern als Sieg verkaufen?“ „Aber das ist…“ „Wir müssen es akzeptieren: Männer eignen sich einfach nicht als Bundeskanzlerin.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLX): Verhandeln mit der Natur

16 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In den alten Erzählungen schien es geholfen zu haben, wenn der Schamane seinen Speer schüttelte und die Wetterdämonen lange genug anbrüllte. Man berichtete von wahren Wundern: Regen kam auf Befehl, der Sturm ließ nach, die Buntbeeren blühten termingerecht. Die saisonale Schneeschmelze im Hochgebirge schien das wenig zu beeindrucken, in jedem Jahr kam mehr Wasser den Abhang herab, durchnässte das Tal an der westlichen Felswand und ließ die eine oder andere Höhle absaufen. Die in gemeinsamer Abstimmung beschlossenen Opfer von Feldfrucht und Jagd halfen nicht, auch eine kunstvoll aus einem Baumstamm getriebene Figur des Vegetationsgeistes blieb wirkungslos. Der von der Natur ausgehenden Kraftentfaltung waren die Hominiden schlicht egal. Jede Verhandlung mit ihnen war schlicht vergeudete Zeit.

Andere Völker, die sich bereits in arbeitsteiliger Gesellschaft an der Umwelt vergangen hatten, sahen sich mit denselben Ergebnissen konfrontiert. Die Hybris des Menschen, sich scheinbar über die Grundlagen der Biologie, der Physik und Chemie hinwegsetzen zu können, da eine Generation nicht lange genug lebte, um die Rechnung für den ganzen Murks präsentiert zu bekommen, ermutigte ihn zu nur noch mehr dümmlicher Zerstörung. Kulturen löschten durch kunstvoll herbeigeführten Mangel an Wasser und Nährstoffen sich selbst aus, so dass nur noch imposante Architektur von der maßlosen Ichbezogenheit ihrer Erbauer irgendwo in dichten Urwäldern zeugt. Die Maya verstanden es trefflich, die durch Krieg und Überbevölkerung aus dem Ruder geratene Bevölkerungspolitik durch Raubbau an den Ressourcen und eine geradezu klassischen Fehlallokation der Maisernte verhungern zu lassen. Wie viele zuvor ernährten sie ein paar ohnehin Reiche, die zu spät den Ernst der Lage einsahen.

Nichts davon ist neu, nichts davon hat in einem globalen Maßstab stattgefunden oder in der heute zu beobachtenden Geschwindigkeit, nichts davon war zuvor das Business der vor sich hin popelnden Politkaste, die auch schon den Generationswechsel im Hinterkopf hat – noch dreimal Wiederwahl, dann sind die Schäfchen sowieso im Trockenen – oder sich ein Häuschen auf dem Berg leisten kann, wenn der Meeresspiegel steigt. Es ist, als würden die Minions der Existenzverwaltung auch schon aus Sperrholz Götzenbilder schwiemeln, um überhaupt irgendetwas zum Vorzeigen zu haben, auch wenn es nicht hilft. Der Kipppunkt, der das endgültige Tauen der Permafrostböden anzeigt, lässt sich nicht durch drei Grad mehr, zwei Grad mehr, ein Grad mehr verwirren. Die Natur würfelt nicht – für die Vertreter des theistischen Weltbildes eine groteske Verkehrung ihrer eigenen Überzeugungen, aber was erwartet man auch von Wahlbeamten, die Beten als Entscheidungsersatz klassifizieren – und verzichtet auf die bigotte Bizarrerie solcher Denkmodelle. Sie mag in ihrer Wirkweise erschreckend komplex erscheinen, beruhigt aber immer noch durch das Versprechen, dass jede Handlung Folgen hat. Wenn es auch nicht immer die gewünschten sind.

So nimmt es auch nicht wunder, wenn glitschige Provinzfürsten angesichts abhebender Zahlen erst dann exponentielles Wachstum wahrnehmen wollen, wenn es den Rest der bräsigen Mannschaft unter sich begräbt. Auch im Umgang mit einer medizinischen Bedrohung schieben sich geistige Heckenpenner lustig einen Deal nach dem anderen zu in der Hoffnung, vielleicht die Größe der nahen Katastrophe noch ein bisschen wegzufiltern – als würde einen auf dem langsam wegsackenden Deck der Titanic der einsetzende Nieselregen stören. Das politische oder technische Handwerk ist nur die Jonglage mit Wahrscheinlichkeitswerten. Lustig Qualm in die Atmosphäre zu pusten, obwohl die Reaktionen aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht bekannt sein dürften, Plastikschredder in die Meere zu leiten, atomaren Müll in Salzstöcke zu füllen, die sich innerhalb der vorgesehenen Zeit während der Endlagerung mehrmals heben und senken werden, ist kein Glücksspiel, sondern der untaugliche Versuch, mit magischem Denken ein immenses System aufhalten zu wollen, als würde man gegen ein ganzes Gewitter nur einen Schirm aufspannen müssen.

Letztlich hilft nur noch Mythenbildung beim Aufschub der Folgen. Irgendwer muss Schuld sein am Erdrutsch, irgendeinen muss der Volkszorn ja treffen. Die mesoamerikanischen Reiche hatten stets einen bösen Feind in der Hinterhand, den man für Rache, Reichtum oder eine Gottheit bestrafen konnte. Gegen den Klimawandel hilft es, die jugendlichen Protestierer als linke Spinner auf dem Kreuzzug gegen den kapitalistischen Wohlstand zu diffamieren. Früher oder später schlägt man in der Realität auf. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir von Berufsirren geführt werden, denen es um die kurzfristige Erledigung eines Jobs geht: sich aus jeder Verantwortung rauszuhalten. Bestimmt sind sie in der Lage, die Botschaften der Natur zu hören. Was auch immer man hört, wenn man die falschen Pilze einwirft.





Lockerungsübung

12 04 2021

„Als erstes die Hotels.“ „Und die Kinos.“ „Aber dann auch die Frisöre.“ „Haben die nicht sowieso schon wieder geöffnet?“ „Stimmt, man kommt ganz aus dem Konzept.“ „Haben Sie noch eins?“ „Und dann natürlich die Schulen, oder müssen wir da noch warten?“ „Wenn der Nahverkehr noch fährt, dann kann man die Schulen auch offen lassen.“

„Die Argumentation erschließt sich mir nicht.“ „Erschließt, haha!“ „Wenn die Kinder mit dem ÖPNV in die Schule fahren, dann kann man doch schlecht die Schulen schließen.“ „Das klingt schon mal logisch.“ „Warum müssen die überhaupt mit dem ÖPNV fahren?“ „Es hat eben nicht jeder ein Auto.“ „Oder die Eltern müssen mit dem Auto zur Arbeit.“ „Dann können die doch den Nahverkehr nehmen.“ „Aber der hat ja sowieso offen.“ „Wieso das denn?“ „Weil die Eltern damit zur Arbeit fahren können.“ „Dann kann man den ja auch gleich offen lassen.“ „Wenn die Kinder damit zur Schule fahren, dann verstehe ich nicht, wieso man die Schulen schließen sollte.“ „Vielleicht wegen der Kitas.“ „Das ist doch nun egal.“ „Eben, Hauptsache ist doch, dass die Kinder in der Schule sind.“ „Oder in der Kita.“ „Weil die Eltern sonst nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren.“ „Richtig.“

„Man könnte doch zum Ausgleich die Kinos zulassen.“ „Die sind ja zu.“ „Wieso sind die zu?“ „Wegen der Verhältnismäßigkeit.“ „Sie meinen, verhältnismäßig viele Menschen fahren mit dem Auto ins Kino?“ „Vermutlich eher ins Autokino.“ „Nein, anders: in so einem Kino sind doch viel mehr Menschen als in einer Schulklasse.“ „Und das lässt sich nicht so gut lüften.“ „Und wenn man nur die Hälfte reinsetzt?“ „Also ungefähr so viel, wie man in einem Bus hat?“ „Dann müsste man wegen der Verhältnismäßigkeit auch die Busse verbieten.“ „Dann können die Kinder ja immer noch im Auto zur Schule fahren.“ „Aber die Eltern kommen dann nicht mehr mit dem Bus ins Kino.“ „Dann sollen sie doch zur Arbeit fahren.“ „Und wenn einer nun im Kino arbeitet?“ „Jetzt machen Sie’s doch nicht komplizierter, als es ist!“

„Wenn wir jetzt mal von den Frisören ausgehen, dann haben wir doch für die Kinos und die Hotels auch ein gutes Hygienekonzept.“ „Weil das ja auch Arbeitsplätze sind.“ „Richtig.“ „Moment, da komme ich nicht mehr mit.“ „Irgendjemand muss ja auch im Kino arbeiten.“ „Also war jetzt nicht der Frisör gemeint?“ „Da gehen die Leute ja nicht in ihrer Arbeitszeit hin.“ „Ins Kino aber auch nicht.“ „Jetzt machen Sie doch hier nicht immer solche Schwierigkeiten!“ „Ich meine ja nur, wir sollten für jede Tätigkeit ein vernünftiges Hygienekonzept in Erwägung ziehen.“ „Das würde zumindest neue Möglichkeiten eröffnen.“ „Eröffnen, haha!“ „Lassen Sie doch mal diese Albereien!“ „Kann man denn nicht den Kinos helfen?“ „Zum Beispiel, indem man Unterricht in den großen Kinosälen stattfinden lässt?“ „Wie soll das denn gehen?“ „Wenn man die als Klassenräume benutzt, dann kann man auch die Kinos wieder öffnen.“ „Aber da ist doch die Infektionsgefahr viel zu hoch.“ „Aber nicht in Klassenzimmern, sonst würde man ja nicht die Schulen öffnen.“ „Richtig.“

„Man könnt zum Beispiel die Museen schließen, nachdem sie geöffnet sind.“ „Dazu müssten sie erst mal öffnen.“ „Wieso?“ „Damit man sie wieder schließen kann.“ „Dann könnte man zum Ausgleich die Regeln für Erntehelfer noch mal anpassen.“ „Was haben die mit Museen zu tun?“ „Überlegen Sie mal, wer braucht Museen?“ „Was hat das…“ „Dann müssten wir auch die Schlachthöfe wieder vollständig öffnen.“ „Waren die mal geschlossen?“ „… mit Museen zu tun?“ „Die schließen wir als Ausgleich.“ „Als Lockerungsschließung.“ „Und warum nicht die Museen zum Ausgleich wieder öffnen?“ „Also bitte, nicht jeder, der Spargel kauft, geht auch ins Museum.“ „Und da arbeitet so gut wie keiner.“ „Jedenfalls weniger als beim Frisör.“ „Wir könnten das ja als Lockerungsübung für die Schulen einführen.“ „Also nicht mehr Kinos?“ „Wer mit dem Nahverkehr zur Schule ins Kino fährt, kann ja nicht gleichzeitig ins Museum.“

„Gleichzeitig haben wir immer noch diese Ausgangssperren.“ „Haben wir die?“ „In manchen Städten kombiniert man die bereits mit dem öffentlichen Nahverkehr.“ „Da fährt dann nachts kein Bus?“ „Ist doch okay, die Kinos sind eh zu.“ „Aber es gibt Leute, die dann zur Arbeit fahren.“ „Die müssen dann schon tagsüber fahren.“ „Und wie kommen die zurück?“ „Eigenverantwortung.“

„Gut, also Frisöre und Kinos, dazu Museen zu und Hotels teilweise.“ „Ich müsste nächste Woche in den Heimwerkermarkt.“ „Kann man das auch auf Landesebene lösen?“ „Dann öffnen wir die und ziehen nach drei Tage wieder die Notbremse.“ „Aber bitte nicht mit dem Bus hinfahren!“ „Wenn man da arbeitet, dann kann man sich aber kein Auto leisten.“ „Es geht uns ja erst mal nur um Kunden.“ „Nicht um die Wirtschaft?“ „Also das kann man ja nun wirklich nicht verwechseln!“ „Deshalb kann man doch trotzdem die drei Tage lang die Museen aufmachen!“ „Erzählen Sie das doch Ihrem Frisör!“ „Jetzt beruhigen Sie sich mal, das kriegen wir alles hin.“ „Eine Light-Lockerung wäre eventuell auch möglich.“ „Also im Hotel nur essen, aber nicht die Zimmer nutzen?“ „Dann kann man zum Ausgleich die Restaurants geschlossen lassen.“ „Oder öffnen.“ „Das wäre kein Ausgleich.“ „Aber eine Öffnung.“ „Vorausgesetzt, man fährt mit dem Nahverkehr ins Restaurant.“ „Und ins Hotel?“ „Die meisten nehmen das Auto.“ „Weil die Kinder schon mit dem Nahverkehr ins Kino zur Schule fahren.“ „Gut, dann haben wir’s ja.“ „Nächstes Thema: Büros.“





Intelligente Lösung

25 03 2021

„Die Frisöre sind aber nicht so stark betroffen.“ „Deshalb muss man sie ja zumachen.“ „Am besten macht man die gar nicht mehr auf.“ „Das wird den Frisören aber die Läden kaputt machen.“ „Um so besser, dann muss man die nicht mehr schließen.“

„Jedenfalls brauchen wir diese beiden…“ „Es sind ja eigentlich nur anderthalb.“ „Das bezieht sich nicht auf den Lebensmittelhandel.“ „Das heißt, wer am Donnerstag nicht einkaufen kann, der geht am Samstag einkaufen?“ „Die Läden haben zu.“ „Das bezieht sich nicht auf den Lebensmittelhandel.“ „Es sind ja nicht mehr Kunden, es…“ „Das bezieht sich aber nicht auf den Lebensmittelhandel!“ „Da sind es doch auch nicht mehr Kunden.“ „Dann könnte man ausnahmsweise längere Ladenöffnungszeiten für die verbliebenen Tage…“ „Warum denn?“ „Wir dürfen die psychische Gesundheit der Kunden nicht gefährden.“ „Wie kommen Sie denn jetzt bitte auf psychische Gesundheit!?“ „Irgendwer labert doch immer irgendwas von psychischer Gesundheit, damit wir hinterher sagen können, wir haben auch an die psychische Gesundheit der Mitarbeiter…“ „Hä?“ „Wohl verrückt geblieben, der Kollege.“ „Also der Wirtschaft, meine ich.“ „So!“ „Gut, dann haben wir den Rotz auch abgehakt.“

„Und die Feiertagsregelung?“ „Naja, ist doch nur ein Ruhetag.“ „Gibt es nicht.“ „Dann erfindet die Bundesregierung den eben.“ „Das ist dann die intelligente Lösung?“ „Schätze, ja.“ „Das muss aber dann aber auch mit den entsprechenden Zulagen für Feiertagsarbeit…“ „Wieso?“ „Das steht doch so im Arbeitszeitgesetz.“ „Wir müssen doch nicht jede gesetzliche…“ „Doch, wir sind hier in Deutschland, da müssen die Menschen, die hart arbeiten, mehr haben als Menschen, die…“ „Sonst ist aber alles klar bei Ihnen, oder?“ „Wir können die Arbeit aber auch gleich ausfallen lassen.“ „Das geht aber ganz klar zu Lasten der Wirtschaft.“ „Und warum macht man dann den Lockdown?“ „Damit die Wirtschaft nicht gestört wird, sonst müsste man ja mehrere Wochen lang auf Arbeit verzichten.“ „Das ist dann nicht gut für die psychische…“ „Hatten wir schon.“

„Haben wir das mit den Rentnern besprochen?“ „Nein.“ „Gut, dann ist das Thema also auch vom Tisch.“ „Welches Thema?“ „Dass die Rentner am ersten Tag im Monat nicht einkaufen gehen können.“ „Sie meinen den ersten Einkaufstag.“ „Nein, ich meine…“ „Was machen Sie, wenn der erste Tag auf einen Sonntag fällt?“ „Dann kann man am Tag vorher schon einkaufen.“ „Und wenn das ein Feiertag, beispielsweise Ostermontag?“ „Dann haben die Rentner ihre Bezüge schon am letzten Werktag vorher bekommen.“ „Da sehen Sie mal, wie wichtig eine kapitalgedeckte Altersvorsorge sein kann.“ „Aber…“ „Gute Idee, ich schaue gleich mal, ob wir das in der MPK ansprechen können.“

„Im Prinzip verlagern wir jetzt ja die Einkäufe auf den Samstag.“ „Stimmt, das ist aber vor Ostern schon fast Brauchtum.“ „Das heißt, wir machen das Einkaufserlebnis noch kundenfreundlicher.“ „Und die Wirtschaft hat einen richtig umsatzstarken Tag.“ „Aber die Läden sind doch geschlossen.“ „Dann stärken wir damit den Lebensmittelhandel, der von uns bisher nur Applaus bekommen hat.“ „Im Grunde ist das doch auch eine gute Gelegenheit für die Pflege.“ „Stimmt, die Kliniken machen ein enormes Umsatzplus, daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ „Wenn sich wieder einmal Pflegepersonal verabschiedet: sie verlassen eine der lukrativsten Branchen des Landes.“ „Naja, da muss man dann kein Mitleid haben.“ „Ist da nicht irgendwann wegen Überfüllung geschlossen?“ „Dann wartet man eben, bis ein paar Leutchen vor der Tür den Löffel abgegeben haben, und dann geht’s heiter weiter.“ „Ich meinte jetzt nicht die Schlange vor dem Supermarkt.“ „Kollege, ich auch nicht.“

„Man könnte über die Ostertage die Restaurants öffnen.“ „Das Infektionsrisiko ist viel höher als in einem Supermarkt.“ „Aber niedriger als in einem Büro.“ „Deshalb haben am Ostersonntag und am Ostermontag ja auch die Büros geschlossen.“ „Man könnte dann ja die Gastronomie ersatzweise…“ „Sie meinen, wegen der psychischen Gesundheit?“

„Trotzdem brauchen wir eine Notbremse, wenn es irgendwie schiefgeht.“ „Das heißt, wenn es zu hohen Inzidenzzahlen kommt?“ „Wenn die gefühlte Unzufriedenheit der Bürger plötzlich sehr klar über ein erträgliches Maß ansteigt, dann brauchen wir schnelle Öffnungen.“ „Wollen Sie über Ostern die Restaurants und die Kinos wieder aufmachen?“ „Eher die Büros.“ „Unsinn, man kann sich dann wieder im privaten Rahmen treffen.“ „Also nur ein Haushalt, aber mit einem weiteren, und die Kinder zählen nicht mit?“ „Natürlich zählen die nicht mit.“ „Weil das Virus meist in der Schule weitergegeben wird.“ „Das heißt, man kann Ostern wenigstens im eigenen Haushalt feiern?“ „Überlegen Sie mal, wenn wir die Durchseuchung in den Büros starten, dann kriegen wir das über die Supermärkte direkt in die Familien hinein.“ „Und da ist dann der Punkt erreicht, an dem wir eine Marktsättigung mit dem Virus erreichen können?“ „Das wäre der Punkt, an dem wir nicht weiter für die Impfungen bezahlen müssen.“ „Nein, das kommt am Dienstag.“ „Was ist denn Dienstag?“ „Überlegen Sie mal. Da machen die Schulen wieder auf.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLVI): Motivationssprüche

19 03 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles blieb an Uga hängen. Der Alte verfügte über ein reiches Theoriewissen, das auf Kriegszug und Jagd durchaus nützlich sein kann, wenn es denn die Einsicht mehrt. So gaben alle dem neuen Tag die Chance, der schönste des ganzen Lebens zu werden, und manche überlebten diesen Tag sogar. Denn Uga gelang, was sonst nur Drogenhändler und neoliberale Wirtschaftspolitiker, die man in der Nahrungskette ja auch nicht so weit entfernt sieht, mit Bravour hinkriegen: den anderen ihre Scheiße bunt zu reden und am Ende des Verkaufsgesprächs noch als Quell der Weisheit durchzugehen. Bis zur Erfindung der Philosophie sollte es noch ein wenig dauern, da Fragen wie „Was ist der Mensch?“ stets im Schatten von „Wann gibt es wieder Essen?“ standen. Doch nicht nur Vernunft prägt uns heute, wir Hominiden benutzen noch viel aus der ersten Phase unserer Stammesgeschichte. Zum Beispiel Motivationssprüche.

An der Esse, am Etagendrucker oder an der Tiefkühltheke, das intellektuelle Gespräch im Kreis interessierter Kollegen mit Inhalten wie „Besser wird’s nicht mehr“ oder „Was soll’s“ steuert immer auf einen Punkt zu, an dem das gemeine Sprichwort nicht mehr zieht, die Kalenderweisheit sinnlos wird und Poesiealbenschmodder die Situation stagnieren lässt. Nur der aktivierende Verbalbauschaum kann noch etwas bewirken, der schnell etwas bewegt und ohne erkennbare Veränderung der Ausgangslage oder Hoffnung auf irgendeine Art von Lösung das angenehme Gefühl kommuniziert, dass jeder die ganze Sache letztlich in der eigenen Hand hat und für die Beseitigung sämtlicher Schwierigkeiten zu sorgen hat. Wie verwunderlich, dass ausgerechnet Führungskräfte oder solche, die sich dafür halten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit derlei Hirnschrott um die Ecke kommen. Leben Sie. Lieben Sie. Und gehen Sie irgendjemandem damit unsäglich auf die Plomben.

Wir glauben an alles, was nicht ist, damit es werden kann – jeder gute Horrorfilm wäre hier zu Ende, aber eine fiebrige Erkältung kriegt man aus den Zutaten hin. Eine Insolvenz. Notfalls auch eine komplette Regierungskrise. Der Motivationsspruch, jene wie Süßstoff zum Lutschen völlig ungeeignete Sprachtablette, ist das Convenienceprodukt aus dem Philosophiezubehörhandel, im Zehnerpack für die breite Masse, die sich keine Sentenzen leisten kann und doch den Mitmenschen eins mitgeben will. Eine ganze Industrie aus Glückskekstextern im Burnout und Teilzeit-Besserwissern kratzt diese gehässigen Scheinaphorismen in grafisch meist Brechreiz erregenden Romantizismus, packt ihn auf social-media-taugliche Kacheln und jubelt ihn unter das süchtige Volk, das nichtsahnend neoliberalen Koks ins Hirn gekippt kriegt: „Um wirklich Erfolg zu haben, muss man nicht gegen andere antreten, sondern gegen sich selbst.“ – „Dein stärkster Muskel ist Dein Wille.“ – „Es gibt immer einen Grund, dankbar zu sein, also finde ihn.“ Jede dieser glitschigen Egoleptikerbotschaften schwiemelt uns in die Hirnrinde, dass jeder Erfolg haben kann, dass deshalb jeder auch Erfolg haben muss und dass der, der nicht erfolgreicher ist als andere, nicht mehr zu diesem Heile-Welt-Tümpel gehört. Schmerzfrei schieben sich gefühlige Girls „Setz Dir jeden Tag ein Ziel, wofür Du am nächsten Tag aufstehen kannst“ hin und her und bräuchten nur mal einen kurzen Depressionsschub, um sich diese soziale Ausschussware aus den Frontallappen zu scheuern. Es gibt Menschen, die sich nicht freiwillig aus der spätkapitalistischen Verwertungsgesellschaft und ihrer Selbstzerstörungsmentalität zurückziehen, es gibt auch solche, die sich ihr nicht erst unterwerfen.

Die ultimative Erleuchtung über den Sinn des Lebens schmiert sich die Generation Heckenpenner als Wandtattoo an die Privatmauern, um auch ja von früh bis spät den Großen Bruder im Nacken zu spüren, wie er einem sein Mantra eintrommelt. Wir machen nur das, was technisch gar nicht möglich ist, weil das der Erfolg ist, den wir als erste erkannt haben werden. Wahrscheinlich haben Buddha und Einstein irgendetwas dergleichen nie gesagt, aber dann müsste man jedes zweite Kaugummibildchen einstampfen, das mit Floskel bedruckt die Welt ein bisschen unerträglicher zu machen, als sie bisher schon war. Noch Scheidung und Schleimhautkrebs kriegen diese lyrischen Furunkel verpasst, denn, haha! es hätte ja viel schlimmer kommen können.

Wenn wirklich einmal alles schief geht, es die Gesellschaft aber nicht die Bohne interessiert, weil Eigenverantwortung nun mal bedeutet, andere nicht mit seiner verpfuschten Existenz zu nerven, die man durch beständiges Festhalten an nicht genug durchdachten, unfinanzierbaren Schnapsideen mit Schmackes an die Wand gesetzt hat, nachdem gute Freunde einen noch bestärkt haben, dann kann man immer noch die Axt aus der Schublade holen und alles fein säuberlich in Trümmer zerlegen, bis die kräftigen Jungs in den weißen Kitteln kommen. Ja, wir träumen nicht unser Leben. Wir leben unseren Traum.





Bitte gleich

18 03 2021

„Ich weiß nicht, was Sie sich davon versprechen, das haben wir doch schon tausendmal durchgekaut. Es gibt Forschung dazu, jede Menge Studien, auch von renommierten Instituten, auch deutsche, das Ergebnis ist immer dasselbe. Zu emotional, nicht belastbar, nicht teamfähig, sie überschätzen ihre Kompetenzen und wollen für ihr Verhalten einfach nie Verantwortung übernehmen. Warum sollte ich für diesen Posten einen Mann einstellen?

Dabei ist das ein ziemlich verantwortungsvoller Posten, das ist Ihnen doch klar? In unserer jüngeren Firmengeschichte haben wir noch keinen Mann für so eine Aufgabe eingestellt. Nennen Sie mir einen Kandidaten, der diesen Bereich einigermaßen gut über die Bühne bringen könnte und auch noch frei ist – einen! In anderen Firmen läuft das aber auch, in anderen Unternehmen sind sie schon viel weiter, ich kann das nicht mehr hören!

Ja, er hat in dieser Firma gelernt, aber das war noch vor seinem Studium. Ausbildungszeugnisse sehe ich mir üblicherweise nicht so genau an, das ist ein bisschen ungerecht. Aber dann das Studium, Rechtswissenschaft, keiner weiß, wozu man das in unserer Firma braucht. Wissen Sie das? Hören Sie mal, wir sind ein Unternehmen an der Weltspitze, wir handeln mit Stahl und Maschinenteilen und jede Menge Technik, und Sie wollen mir hier einen Juristen als Direktor für die Autosparte hinsetzen? einen Mann!? Kollege, bei Ihnen piept’s wohl!

Natürlich kenne ich die andere Bewerberin, das ist seine Cousine. Die wollten die Aktionäre schon in den Aufsichtsrat setzen, aber seit die zurück ist aus Übersee, wird sie den anderen europäischen Buden mal zeigen, wo der Hammer hängt. Ja, die ist Bürokauffrau, zehn Jahre Vorstandssekretariat, die war so dicht an den großen Bossen dran, die weiß genau, wie die alle riechen! So dicht! Ja, dann ist das eben so, dass er auch ihr Cousin ist, aber mit Vetternwirtschaft kriegen Sie uns nicht. Und sie hat in dem Bereich schon gearbeitet, kennt die Prozesse und die zuständigen Leute. Das sind sogenannte Schlüsselqualifikationen, schon mal gehört? Ich werde hier jedenfalls nicht einfach einen Mann auf den Posten setzen, nur weil er ein Mann ist.

Ihnen fällt auch immer eine Entschuldigung ein, was? Ja, das Studium war sehr anstrengend, dann kam auch das erste Kind, die Frau konnte sich nicht um den Kleinen kümmern, weil seine Frau gerade das Qualitätsmanagement für die Halbleitersparte aufgebaut hat. Der Herr hatte eine Nanny, richtig? Der Herr hat die Vorbereitung auf seine beiden Staatsexamina auf dem Golfplatz absolviert, weil er meinte, dass das als adäquate Work-Life-Balance in unserem Aufsichtsrat durchgeht. Denken Sie denn, ich bin bescheuert?

Kommen Sie mir nicht mit der Männerquote. Männer sind möglicherweise für einige Branchen besser geeignet, weil ihnen schon in der Schule nur ein paar Fächer bleiben, in denen sie traditionell mit den althergebrachten Förderungsmodellen ganz gut zurechtkommen. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass sie das später im Berufsleben auch umsetzen können. Nur deshalb haben wir diese Schwemme an Juristen und Betriebswirtschaftlern, die eigentlich fürs Arbeitsleben nicht geeignet sind – sie nennen es dann Flexibilität und erklären es zu einem Vorteil, mit dem wir hier nichts anfangen können. Wenn ich jemanden für Stahl einsetze, will ich ihn nicht gleichzeitig fürs Europageschäft haben oder für den Flugzeugbau. Man muss doch seine Grenzen mal erkennen können, darum geht es doch.

Überhaupt diese ganze Emotionalität, ich kann das einfach nicht mehr haben. Wenn man einem Mann im mittleren Management einen anderen vor die Nase setzt, der das vielleicht schon zwanzig Jahre länger gemacht hat, das gibt doch sofort die größten Probleme. Uh, der weiß immer alles besser, ah, der spielt sich hier als Autorität auf, weil er so einen guten Draht zum Aufsichtsrat hat – ich habe solche Probleme immer nur mit Männern. Die sind auch nicht in der Lage, fachliche Weisungen von einer unmittelbaren Vorgesetzten anzunehmen, obwohl sie wissen müssten, dass das auf Grund von Unternehmensbeschlüssen und Best Practice so entschieden wird. Jedes Mal Theater, mindestens ein halber Weltuntergang. Ich kann keinen Konzern auf einem multinationalen Markt steuern, wenn ich ständig diese kleinen Jungs am Rockzipfel habe.

Meine private Meinung, und das behalten Sie jetzt bitte für sich: ein nicht ganz kleiner Teil der männlichen Angestellten wollen überhaupt nur bei uns arbeiten, weil sie hoffen, Heiratsmaterial finden müssen. Wo denn auch sonst? Das mag ja sogar legitim sein, aber wenn die Arbeitsmoral darunter leidet, dann habe ich dafür wenig Verständnis.

Männer sind einfach nicht anpassungsfähig, und da frage ich Sie: muss sich immer die Wirtschaft an Männer anpassen, oder können das nicht auch mal die Männer an die Wirtschaft? Für einfache, nicht so systemrelevante Tätigkeiten mag das ganz okay sein, aber doch nicht für Führungsaufgaben, in denen man auch die Humankomponente nicht außer acht lassen darf. Vielleicht ist das Konzept, das wir bisher mit Vollzeitarbeit und lebenslanger Tätigkeit für einen Arbeitgeber verfolgt haben, auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber das können wir nicht bestimmen, das muss sich erst gesellschaftlich entwickeln. Und jetzt machen Sie mir bitte einen Kaffee, Milch und zwei Stück Zucker.“





Störmanöver

10 03 2021

„Das ist ein gastronomischer Betrieb, und die sind momentan leider noch nicht wieder geöffnet. Da würden wir widerrechtlich handeln, wenn wir Ihr Eiscafé dazu benutzen, das geht nicht. Erst dann, wenn die Impfungen so weit vorangeschritten sind, dass wir gastronomische Betriebe öffnen können, sind in Ihrem Eiscafé Impfungen möglich.

Hier ist wirklich was los, kann ich Ihnen sagen – die Stadtverwaltung hat sogar eine Faxnummer für unsere Dienststelle freigeschaltet. Wir haben zwar kein Papier, das Faxgerät ist auch nicht mehr funktionsfähig, aber rein theoretisch sollte man uns auf diesem Weg erreichen. Damit wären wir dann exakt so effektiv wie das Gesundheitsamt, und wir könnten dann montags sofort die Faxe vom Sonntag lesen. Wie gesagt, rein theoretisch. Bis dahin haben wir diese 24-Stunden-Hotline, die drei Tage in der Woche jeweils von acht bis sechzehn Uhr besetzt ist. Also insgesamt 24 Stunden, nicht wahr?

Impfverteilungssicherstellungsamt, was kann ich für Sie tun? Nein, für Schnelltests sind wir nicht zuständig. Also das heißt, für Schnelltests sind wir schon zuständig, aber nur offiziell. In Wirklichkeit hätten wir die Informationen letzte Woche aus dem Bundesgesundheitsministerium bekommen müssen, aber der Bundesgesundheitsminister hatte keine Lust, sich darum zu kümmern. Er kriegt nächste Woche Besuch von ein paar Freunden aus der Finanzindustrie und muss vorher sein Schlafzimmer aufräumen. Ich gebe Ihnen gerne die Durchwahl, dann können Sie sich persönlich anpöbeln lassen.

In den anderen Ländern geht das natürlich viel schneller, aber da können wir in Deutschland nicht mithalten. Neuseeland zum Beispiel ist eine Insel, die haben überhaupt keine Probleme mit Grenzen, und was noch wichtiger ist: die haben überhaupt keine Probleme mit irgendwelchen durchgeknallten Suffköppen, die behaupten, dass wir Probleme mit Grenzen hätten. Oder England, da liegt es daran, dass sie die Störmanöver der EU nicht haben. Klar, wenn man nicht mehr in der EU ist, dann kann man so langsam impfen, wie man will, man landet nie an letzter Stelle. Oder man ist in der EU wie wir, dann muss es eben einen treffen, und es liegt dann ja an der EU und nicht an Deutschland.

Impfverteilungssicherstellungsamt, was kann ich für Sie tun? Sie können gerne für uns tätig werden, aber schätzungsweise erst im August. Bis dahin sollen sämtliche Betriebsärzte die Senioren und die Selbstständigen versorgen, dann werden die restlichen Deutschen unter 65 geimpft, und dann sind Sie als Hausärzte dran. Wobei wir laut unserem Zeitplan bis Ende Juli mit den Impfungen fertig sein wollen, das heißt, wir nehmen Ihre Adresse gerne auf, aber gehen Sie bitte davon aus, dass wir uns erst im Dezember wieder bei Ihnen melden, wenn uns hier die Scheiße bis zum Hals steht.

Sie müssen hier eine pragmatische Einstellung mitbringen, sonst wir das nichts. Beispielsweise die Logistik, die wollen wir möglichst zentral und sehr gründlich organisieren – wenn Sie die Impfdosen an die unterschiedlichen Kommunen liefern, dann geht das zu schnell. Das ist der Deutsche nicht gewohnt, damit kommt er nicht zurecht. Außerdem kriegen wir dann auch mehr Anrufe von irgendwelchen Interessenten, die uns ihre Räumlichkeiten für die dezentrale Impfung vorschlagen wollen, und dann sind wir ja noch überforderter. Wir müssen das ganz gründlich machen, sonst plant diese Eingreiftruppe im Bundesgesundheitsministerium eine neue Welle, und wir sind in der Zwischenzeit schon fertig mit den Impfungen. Das wäre katastrophal.

Außerdem wäre das ein Eingriff in die föderale Struktur, wenn wir als Bundesland einfach besser sind und die anderen überholen. Wir müssen im Prinzip langsamer sein aus Solidarität, damit die in den anderen Bundesländern gar nicht merken, wie beschissen es bei denen läuft. Das ist auch nicht so einfach, aber wir sehen das inzwischen auch als nationale Aufgabe.

Impfverteilungssicherstellungsamt, was kann ich für Sie tun? Ach, Sie sind es. Nein, wir können Sie als freiwillige Impfhelfer nicht beschäftigen, wenn Sie nicht dauerhaft arbeitslos sind. Jetzt sind Ihre Einkünfte ja erst mal weg, da Sie als Künstler keine Ansprüche auf Hilfsgelder haben, das heißt, Sie haben schon Ansprüche auf Hilfsgelder, aber gehen Sie mal davon aus, dass die nicht bewilligt werden oder die Aufforderung zur Rückzahlung mit derselben Post kommt. Wenn wir davon ausgehen könnten, dass Sie nur eine befristete Beschäftigung suchen, dann würden wir Sie einstellen, aber wir können ja vorher noch nicht wissen, wie lange die Impfungen dauern, verstehen Sie? Sie müssten also davon ausgehen, dass die befristete Beschäftigung befristet ist. Wir könnten die verlängern, aber das fällt dann wieder nicht in unsere Zuständigkeit.

Neulich wollte einer mobile Impfteams durch ländliche Regionen schicken. Wir haben uns nicht getraut, das dem Bundesgesundheitsministerium vorzuschlagen. Dass das teuer wird, ist klar, aber das muss ja auch jemand organisieren, und wenn die Bundeskanzlerin das mitkriegt, dann haben wir bald die nächste Eingreiftruppe am Hals. Scheuer organisiert vermutlich zwanzig Kleinwagen und Spahn einen Container für je hunderttausend Dosen zum Hinterherziehen. Auf dem Papier klappt das unter Garantie.

Impfverteilungssicherstellungsamt, was kann ich für Sie tun? Wen wollten Sie sprechen? Das deutsche Gesundheitswesen? Bedaure, das ist im Moment leider schwer erkrankt. Darf ich etwas ausrichten?“





Organversagen

8 03 2021

„Wer genau bestellt die Dinger jetzt eigentlich?“ „Welche Dinger?“ „Ist doch egal.“ „Wer die bestellt?“ „Nee, welche Dinger jetzt gemeint sind.“ „Leute, hier muss es mal ein bisschen strukturiert zugehen – jeder sollte doch wissen, wofür er nicht zuständig ist.“ „Sorry, ist unsere erste Pandemie.“

„Bin ich denn dann jetzt für die Impfdosen oder für Schnelltests zuständig?“ „Was haben Sie denn bisher gemacht?“ „Nichts.“ „Schon klar, aber in welcher Abteilung?“ „Keine Ahnung, deshalb frage ich ja.“ „Waren Sie im Verkehrsministerium?“ „Ich muss mal auf meinem Türschild nachgucken.“ „Die Ministerien haben sich aber jetzt geändert.“ „Ab wann?“ „In vier Wochen.“ „Also ist das bisher noch gültig?“ „Erst dann, wenn die Task Force mit der Einschätzung fertig ist.“ „Was schätzen die denn ein?“ „Ob die schnelle Eingreiftruppe eventuell zu spät kommt.“ „Nein, ob die überhaupt da ist.“ „Wo ist?“ „Das müssen Sie die schnelle Eingreiftruppe fragen.“ „Ich verstehe jetzt gar nichts mehr.“ „Deshalb haben wir ja die Task Force.“ „Ach so.“

„Warum müssen wir das denn alles machen?“ „Keine Ahnung, vielleicht, weil wir der Staat sind?“ „Das klingt schon mal logisch.“ „Andererseits wäre das privat viel preiswerter.“ „Für den Staat?“ „Für die Wirtschaft natürlich.“ „Solange es nicht unnötig preiswert wird für den Bürger, geht’s ja eigentlich.“ „Das verhindert schon die Task Force.“ „Ich dachte, die müssen erst warten?“ „Wahrscheinlich warten die, bis das Geld weg ist.“ „Oder die Tests gar nicht mehr gebraucht werden.“ „Das wäre natürlich echt eine Menge Geld.“ „Für die Impfung.“ „Eher für die Rentenkasse.“ „Ach so.“ „Soll ich mich darum kümmern?“ „Haben Sie Ahnung davon?“ „Nicht so wirklich.“ „Dann machen Sie mal.“ „Sie können ja fragen, wenn Sie etwas nicht verstehen.“ „Was denn zum Beispiel?“ „Woher soll ich das denn wissen?“

„Haben wir einen Finanzplan?“ „Leute, das muss doch jede Abteilung selber wissen!“ „Also eher nicht.“ „Wir haben einen, aber es ist zu teuer.“ „Das heißt, wir machen es trotzdem?“ „Bisher war das immer so.“ „Aber jetzt müsste man das Geld ja direkt an den Bürger zahlen.“ „Man könnte das der Wirtschaft…“ „Gut, die Friseure haben ja schon ein bisschen was gekriegt.“ „Das ist aber doch nicht die Wirtschaft?“ „Egal, das ziehen wir ab.“ „Wovon?“ „Was wir für die Tests ausgeben.“ „Ich dachte, die müssen wir erst besorgen?“ „Bezahlen wir diesmal erst hinterher?“ „Das sehen wir ja dann.“ „Gut, ich weiß aber nicht, wen ich fragen soll.“ „Was denn?“ „Keine Ahnung, deshalb frage ich ja.“

„Haben wir das eigentlich bei der Bankenkrise damals auch so gemacht?“ „Nee, da ging es ja um etwas.“ „Stimmt auch wieder.“ „Können wir das jetzt nicht einfach wieder so machen?“ „Und was schwebt Ihnen da vor?“ „Jeder sagt, wie viel Geld er will.“ „Und dann kriegt er das einfach so?“ „Manchmal auch mehr.“ „Und das funktioniert?“ „Nee, aber wir könnten das ja wieder so machen.“ „Das kennen die Leute.“ „Das ist allerdings ein Argument.“ „Gut, das lasse ich gelten.“

„Und wer macht jetzt diese Strategie?“ „Welche Strategie nun schon wieder?“ „Meinen Sie den Plan oder das Konzept?“ „Da hatten wir auf jeden Fall noch eine Blaupause, ich weiß aber nicht mehr, wofür die genau war.“ „Wir können ja erst mal die nehmen.“ „Das war irgendwas mit Fußball.“ „Das können wir!“ „Die letzte WM war nicht so der Hit.“ „Dann eben die, die wir hier in Deutschland…“ „Das war das mit der Bestechung?“ „Ich sage doch, das können wir.“ „Dann lassen Sie uns doch die Planung für die Tests gleich mit der Beschaffung zusammenlegen, das ergibt Synergieeffekte!“ „Was hat das jetzt damit zu tun?“ „Sagt man das nicht?“ „Das kostet ja Arbeitsplätze.“ „Sagt man das nicht auch?“ „Meine Güte, jetzt mal ein bisschen flott!“ „Nicht so schnell, wir müssen die Kompetenzen erst noch klären.“ „Genau, in Deutschland muss das Regierungsversagen ordentlich organisiert werden.“ „Dafür regiert momentan das Organversagen.“

„Und wenn wir jetzt auch am Wochenende und nachts impfen würden?“ „Nachts wäre ja okay, aber am Wochenende?“ „Was das kostet!“ „Die anderen machen das doch auch.“ „Welche anderen?“ „Ich habe gelesen, die Leute gehen jetzt sogar rund um die Uhr zum Friseur.“ „Dann denken Sie doch mal nach: wenn die Leute rund um die Uhr zum Friseur gehen, wann sollen sie sich denn dann noch impfen lassen?“ „Wie gesagt, am Wochenende.“ „Das gibt unschöne Bilder, wenn die ganzen Demonstranten demonstrieren, weil man ihnen das Wochenende nimmt.“ „Wann sollen die denn demonstrieren?“ „Keine Ahnung, am Wochenende?“ „Planen Sie da mal was.“ „Dass die Impfungen…“ „Für die Demos am Wochenende, wir müssen das irgendwie aus dem Fernsehen rauskriegen.“ „Bis Ende März ist uns da sicher irgendwas eingefallen.“ „Machen Sie das selbst, oder fragen Sie jemanden, der sich damit auskennt.“ „Wen denn?“ „Weiß ich auch nicht.“

„Koordiniert das denn einer?“ „Wer denn?“ „Und was?“ „Das war jetzt eine rhetorische Frage, richtig?“ „Das hatte ich nicht mitgekriegt.“ „Kein Problem, keiner weiß hier, worum es geht.“ „Dann ist ja gut.“ „Ich muss aber noch mal nachfragen: das hier ist eine Absichtserklärung.“ „Haben Sie etwa ein Problem damit?“ „Als Politik müssen wir wissen, was am Ende herauskommen soll.“ „Im besten Fall natürlich.“ „Das heißt, wir machen das hier alles mit Absicht!?“ „Jetzt regen Sie sich mal nicht so auf, das hat sich bestens bewährt.“ „Wie das denn?“ „So kann uns wenigstens niemand Fahrlässigkeit vorwerfen.“