Konsistente Therapieangebote

24 01 2022

„Die 417 hat aufgehört zu schreien? Das ist okay, Hauptsache, sie hört nicht auf zu atmen. Dann wäre die Behandlung beendet, und wir könnten ihr keine therapeutischen Maßnahmen mehr in Rechnung stellen. Bereiten Sie schon mal den Aderlass vor.

Natürlich sind wir hier alle approbierte Ärzte, wir haben hoch qualifiziertes Pflegepersonal und einen exzellenten Ruf, was intensivmedizinische Versorgung angeht. Drüben haben wir die normale Station, da werden Sie auch nach allen Regeln der Kunst behandelt. Das mag für Fälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall selbstverständlich klingen, ich würde Ihnen das auch empfehlen, aber wir leben in einem freien Land, es gilt Eigenverantwortung, den Rest können Sie sich ja denken.

Ein Teil der medizinischen Versorgung wird ja bereits erfolgreich an die Bevölkerung delegiert. Sie tragen Sehhilfe, also sind Sie bereits betroffen. Und da wir Versorgung nicht mehr ohne unsere eigene betriebswirtschaftliche Kalkulation betreiben, muss man ja im Sinne der Dienstleistungsgesellschaft, die uns laut Hartz-Reformen zu einem erfolgreichen Staat gemacht hat, durchaus die Kernfrage stellen: wie viel Kohle können wir Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden, aus den Rippen leiern?

Hat der 429 die perorale Gabe von Chlorbleiche schon geholfen? Dann räumen Sie das Zimmer frei, wir haben gleich den nächsten Patienten. In dem Fall können Sie auf der Todesbescheinigung gerne vermerken, dass er nicht an, sondern mit Corona verstorben ist. Sie sind jetzt vielleicht ein bisschen überrascht, aber wir nehmen Patientenwünsche sehr ernst. Wir stehen alternativen Therapieformen auch aufgeschlossen gegenüber, und wenn jemand auf die Art auf unserer Station versterben will, dann machen wir das gerne. Dazu ist die Medizin nach Ansicht dieser skeptischen Minderheit ja da.

Schröpfköpfe sind immer gut, das ist für das Gesundheitssystem geradezu sprichwörtlich. Wir weisen in den Behandlungsverträgen natürlich auf die wissenschaftlich nicht bewiesen Wirksamkeit der Methode hin, geben aber zu bedenken, dass die unangenehmen Empfindungen durchaus eine Art Placebo-Effekt hervorrufen. Das ist wie mit dem Rauchen, man fühlt sich ja auch nur entspannt, weil bei Nikotinzufuhr die Entzugserscheinungen kurz nachlassen. Für Skeptiker, beispielsweise Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem anderweitig funktionierendem Verstand, gibt es den Hinweis, dass die mesopotamische, die ägyptische und die chinesische Medizin diese Therapie auch schon als Standard bei allerlei Gebrechen wie Diabetes, Rheuma, Kurzsichtigkeit oder Schnupfen empfohlen haben. Wir befinden uns durchaus in einer Tradition, die schon viele überlebt haben.

Die 428 hatte einen kurzfristigen Herzstillstand, deshalb haben wir ihr nach dem Wissensstand des Behandlungsvertrags Tabakrauch in den Enddarm geblasen. Zur Wiederbelebung. Wie zu erwarten haben wir jetzt einen langfristigen Herzstillstand.

In einer Gesellschaft, in der man den Patienten die Grundregeln der Humanmedizin vortanzen kann und meist zurückbekommt, dass sie alles besser wissen, müssen Sie irgendwann ein konsistentes Therapieangebot machen. Wir haben uns für die allgemein bekannten Verfahren des Mittelalters entschieden, und das war nicht ganz leicht. Ich als Fachmann weiß zum Beispiel, dass die arabische Welt pharmakologisch erheblich weiter war als der Westen, aber erzählen Sie mal einem besorgten Bürger. Die erste endotracheale Intubation wurde 1543 angewandt, das lassen wir natürlich weg, da es sonst als Lügenmedizin gebrandmarkt würde. Die Kunden finden es authentischer, dass wir ihnen bei Irrsinn den Schädel aufmeißeln.

Der Hausmeister ist schon wieder zu früh dran, wie oft soll ich das noch sagen? Wenn der Kerl wieder den ganzen Flur ausräuchert, kann er sich auf ein Donnerwetter gefasst machen! Ich will auf der Station keine verkohlten Ginsterzweige mehr gegen unruhige Säfte, und er soll seine Pestmaske aufsetzen! Wenn er sich diesmal nicht an die Regeln hält, wird er ab morgen zur Vokalatmung versetzt oder zur Klangschalentherapie!

441 ist ja schon länger hirntot, da half auch kein Detox. Der war eigentlich schon bei Einlieferung vegetativ auf Null, weil er uns gesagt hat, dass die Erkrankung, wegen derer er dann gestorben ist, gar nicht existieren kann, da sein Sternzeichen das nicht zulässt. Interessant. Wir könnten ihn jetzt in die Kühlung verlagern, aber er ist Privatpatient, und da nutzen wir jede Möglichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wir wenden gerne experimentelle Verfahren an, wenn wir vorher rausgefunden haben, was wir an Wirkung erwarten können. Reinkarnation ist okay, mit Reiki haben wir im Internet gute Erfahrungen gemacht, und Heilsteine dürfen wir nur nach der üblichen Desinfektion anwenden. Das ist immer noch besser als Geistheilung, weil man da nicht genau weiß, wessen Geist eigentlich geheilt werden sollte. Immerhin haben wir eine Zusammenfassung der Eigenurintherapie mit klassischer Harnschau geschafft: erst guckt sich das die Pflegekraft an, dann können die Patienten mit dem Zeug machen, was sie wollen. Falls das irgendwie biodynamisch wirkt, sagen Sie Bescheid, wir integrieren das in die üblichen Behandlungsmethoden.

Heilhüpfen können Sie haben, gerne auch in konzentrischen Kreisen, mit oder ohne Ohrkerzen, und wir machen dazu anthroposophisches Kratzen auf der naturbelassenen Schiefertafel. Alles kein Problem. Globuli? Entschuldigung, hatten Sie das nicht kapiert? Wir sind Ärzte!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVIII): Das Geknipse

21 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Anzeichen ästhetischer Selbstverwirklichung gab es früh. Schon der Cro-Magnon-Hominide beschränkte sich bei der Ausstattung seiner Höhlen nicht auf kultische Großformate, wie sie etwa in der Sixtinischen Kapelle bis heute Touristen aus aller Welt anziehen, er folgte ganz der Inspiration des Augenblicks. Jetzt ein Stück Protein, dachte der Kreative des späten Pleistozän, und flugs hatte er mit farbigen Fingern die so formschön wie auch schmackhafte Säbelzahnziege an die Wand gemalt. Von hier bis zum durchschnittlichen Honk, der sein Schnitzel fotografieren muss, weil man ihm sonst dessen Existenz nicht abnimmt, ist nur ein kleiner Schritt, der vordergründig mit dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduktionsfähigkeit zu tun hat. Wenn es denn um Kunst ginge bei diesem ganzen Geknipse.

Seit Erfindung der Box als frei verkäuflichem Billigapparat, dem noch lange der Ruf vorauseilte, albernes Spielzeug zu sein, stolpern Pausenclowns mit Kleinkameras durch ansonsten schmucke Städte und Museen, Tier- und Biergärten sowie alles, was sich schwimmend, fliegend oder vom Boden aus erreichen lässt. Sie drückend lachend ihren Finger in den Auslöser rein, schwiemeln sich ein Dutzend Abbildungen zurecht von Tauben im Rinnstein, dem gelben Sonnenschirm über dem Eiscafé in Bad Gnirbtzschen oder dem kleinen Flüsschen nahe der Pension in der Badgasse, wo der Großonkel schon vor fünfzig Jahren einmal übernachtet haben muss. Unvergessliche Momente wie die Hochzeit von Dings und dieser einen da, wie hieß sie noch, aber das Kind war schon da, und die Taufe ist auch auf dem Film, werden erst auf Celluloseacetat gebannt, in handliches Format für ein Einklebealbum oder die Geldbörse auf allmählich gilbendes Papier mit leicht abknickbaren Ecken transformiert und landen schließlich in der zweituntersten Staubschicht, die während der Verschmelzung mehrerer Seiten auf niedermolekularer Ebene zu einem Festkörper wird, der jeder mechanischen Verformung abhold nicht mehr zu benutzen ist und im Container endet. Es heißt, Heisenbergs Unschärferelation sei Produkt eines Familienfotobuchs, das damals noch nicht im Internet bestellt und originalverschweißt dem Müll zugeführt wurde, sondern durch Photoneneinfall in Verwendung gebracht werden sollte, was direkt zur physikalischen Katastrophe führte.

Das Problem ist weniger die qualitative Beurteilung des Outputs, der bei vernünftiger Beherrschung der handwerklichen Mittel sowie beherztem Wegschmeißen sämtlicher Fehlversuche nicht einmal den Vergleich mit der professionellen Bilderzeugung scheuen muss, immer vorausgesetzt, es handelt sich um Waffengleichheit: der Irrglaube, man erlange durch Erwerb und Mitführen einer Ausrüstung im Wert eines fabrikneuen Spähpanzers die höheren Weihen eines qualifizierten Fotografen, ist ungefähr so weltfremd wie der Plan, durch die Anschaffung eines Konzertflügels die Ausbildung zum Pianisten zu sparen. So produziert auch der Berufslichtbildner allerlei experimentellen Schrott bar jeglicher Brillanz, ödes Zeug und fehlbelichtete Spreu, die aber dank digitaler Möglichkeiten nicht mehr in die mühselige Korrektur gehen, sondern gleich in den Orkus. Die Lernkurve ist steil, es gibt allerhand wohlmeinende Ratgeber, und spätestens bei ‚Sonne lacht – Blende 8‘ merkt dann auch der obenherum eng gedübelte Hutträger, dass es sich beim Bildermachen selten um Hexenwerk handelt, sondern vielmehr oft um pure Technik.

Es ist einerseits die Wahl des Motivs. Neben der üblichen Alltagsdokumentation, die angesichts der Anzahl von Bildern belegter Brötchen klar Abstand nehmen lässt von der These, dieses Material werde aus historisch-forensischen Beweggründen in die Linse gedrückt, sind es Freizeitaufnahmen aus dem Sockelbereich des Banalen: Kevin mit Eiffelturm, Kevin am Hotelpool, Kevin mit belegtem Brötchen. Auch paartherapeutischen Ansätzen könnte man zustimmen, wären die Abbildungen signifikanter Anderer nicht tiefenschärfenmäßig ungefähr in der Kategorie der Brötchenbilder. Wahrscheinlich wird sich der Schöpfer irgendwann nicht mehr an die Reise mit dem Ding da erinnern, aber Hauptsache, er hat dann noch ein Foto davon. Und so sieht es ja auch aus.

Es ist andererseits das Zwanghafte der Belästigung, mit der die gesamte Mitwelt das ewige Geknipse sieht und hört und auf die eigenen Geräte geschickt bekommt, als könnte keiner nur einen Tag ohne Hohlhupe am Hotelpool mitsamt belegter Brötchen überleben. Die Einheit von Subjekt und Objekt perfektioniert den Prozess, für das längst zum Goldstandard der Fotografie gereifte Selfie ist nicht einmal mehr ein nennenswerter Hintergrund notwendig. Mit der Sättigung der Kameradichte ist das Fotografieren zum quasi reflexartigen Vorgang geworden, der jeglichen Anspruch künstlerischer Daseinsäußerung preisgibt. Denn wer würde sich, auch ohne erkleckliche Kenntnisse, mehrmals am Tag in sein kleines Zimmerchen zurückziehen und ein Streichquartett komponieren, auf die Gefahr hin, dass er niemanden findet, dem er damit auf die Plomben gehen kann?





Volksseele

20 01 2022

„Länd of the Frühaufstehers, verstehen Sie? Das war in Deutschland immer schon so, deshalb kann man das auch nicht mehr ändern. Wenn man das nämlich ändern würde, hätten wir sofort wieder eine Revolution, und wir sind mit der letzten noch nicht fertig geworden.

Es gibt so nationale Eigenheiten, die haben Sie überall. Der Holländer fährt ständig Fahrrad, der Franzose wird quasi mit Stangenweißbrot unterm Arm geboren, wir Deutschen müssen immer faxen. Das ist hier nicht so einfach wie in anderen Ländern zu modernisieren, Sie müssen erst die Volksseele auf Ihre Seite bringen. Ich meine, woanders kann man die täglichen Infektionszahlen gerne per Mail an die Zentralverwaltung schicken. Klappt sicher ausgesprochen gut, fehlerfrei und führt zu einem extrem zuverlässigen Pandemiemanagement. Aber was machen Sie, wenn Ihr Internet mal nicht mehr funktioniert? Dann stehen Sie da und denken sich: ach, hätten wir doch mal die Faxgeräte aufgehoben!

Wir setzen auf Tradition, da muss man nicht so viel erklären, und die Leute machen es einfach. Zum Beispiel Mülltrennung – haben Sie schon mal einen Deutschen erlebt, der sich nicht über den ganzen Aufwand beschwert und das alles total überflüssig findet? Stimmt ja auch. Mit dem ganzen Kraftstoff, den die Mülllaster in die Umwelt blasen, können Sie sämtliche positiven Effekte der Wiederverwertung mehrfach ausradieren. Aber die Deutschen sind eben disziplinierte Menschen, die sich nicht einfach gegen etwas entscheiden, was von den anderen auch so gemacht wird, egal, ob es nun sinnvoll ist oder nicht. Das ist nämlich eins der Geheimnisse, warum unser Land so reibungslos funktioniert: wenn etwas zum System dazugehört, dann machen es die Leute auch.

Sie sind zum ersten Mal hier, richtig? Gut, dann haben Sie bestimmt hohe Erwartungen an unser Land. Sie kommen doch, weil Sie Deutschland als mustergültiges Vorbild für andere Staaten sehen, oder? Jetzt seien Sie nicht ungerecht, wir legen auf solche Lobhudelei überhaupt keinen Wert, aber ein bisschen ist doch dran. Als Industrienation sind wir ein sehr gutes Beispiel, wie man auch angesichts der ständigen Veränderungen und bei den vielfach steigenden Anforderungen seine Traditionen pflegt.

Ja, das hat schon etwas zu tun mit Bier und Lederhosen, aber ich meinte jetzt eher Atomkraft. In anderen Ländern ist diese Liebe ausgeprägter, bei uns ist es aber so, dass wir auch bei scheinbar nicht damit zu vereinbarenden Entwicklungen immer wieder zu ihr zurückkehren. Da ist der Deutsche halt eigen. Er hat das Automobil erfunden und die Kernspaltung, deshalb will er sich auch nicht sagen lassen, dass das unmodern ist. Wobei es um modern oder unmodern gar nicht geht, aber das ist dem Deutschen letztlich auch egal. Es soll ja auch alles so bleiben, wie es immer schon war, das ist uns modern genug. Wenn Sie das auf Plakate schreiben, so sinngemäß, eventuell irgendwas mit Fortschritt, dann haben Sie die Leute.

Dass wir von Digitalisierung nichts verstehen, das ist aber ein Vorurteil. Fast jeder hier hat ein Smartphone. Manche können sogar damit umgehen. Wir haben nur kein ordentliches Netz, aber das hat ja mit Digitalisierung nichts zu tun. Manche sagen, dass wir durch die mangelhafte Digitalisierung ein Problem mit den Lieferketten haben, aber da sind wir Deutsche halt erfinderisch und bestellen unsere Sachen ab sofort nur noch im Internet. Mit dieser Haltung der absoluten Flexibilität haben wir noch jede Schwierigkeit gemeistert. Schauen Sie sich mal die Schulen in Deutschland an, die sind nach Meinung der Experten auch noch nicht ausreichend digitalisiert, aber sind die deshalb geschlossen? Wir machen das auf traditionelle Art, deshalb hat bei uns das Handwerk auch so einen hohen Stellenwert im Vergleich zur Wissenschaft.

Natürlich können wir Wissenschaft. Sie müssen uns jetzt nicht erklären, wie Wissenschaft geht, aber repariert Wissenschaft Ihr Auto? Sie machen sich ein vollkommen falsches Bild von Deutschland, wenn Sie denken, dass wir nicht offen sind für neue Entwicklungen. Wir haben zum Beispiel ganz neue Braunkohlekraftwerke geplant, als schon feststand, dass wir die gar nicht mehr brauchen werden. Aber zeitgleich haben wir auch die Solarindustrie in die Tonne getreten, das heißt, wir müssen dann eben doch irgendeine Brückentechnologie haben, mit der wir Ausfälle in der Energieerzeugung ausgleichen können. Und wir hatten natürlich auch schnell neue Impulse auf dem Arbeitsmarkt, weil viel mehr für einen neuen Job offen waren. Deutschland sieht nicht in jeder Chance eine Krise, wir machen das ab jetzt umgekehrt. Darum sind wir ein Land, das in der internationalen Entwicklung auch immer die Nase ein Stück weit vorne haben wird.

Denken Sie doch nur mal an die Autobahnen. Wir haben so viele Probleme in der Verkehrspolitik gehabt in den vergangenen Jahren, die Konkurrenz von Bussen und Bahnen, ständig wurden wir mit Forderungen nach einem Tempolimit überzogen, dann kommen auch noch die Radfahrer, aber haben wir da nachgegeben? Die Autoindustrie, gut und schön, aber irgendwo müssen die ganzen Wagen ja auch fahren. Und da sind wir nämlich wirklich bei deutschem Kulturgut, das müssen Sie doch jetzt zugeben – warum kommen denn so viele Menschen nach Deutschland? Weil sie hier mal mit 60 über die Schnellstraße fahren wollen?

Nein, wir machen das schon richtig, und deshalb haben wir auch eine Zukunft. Vorausgesetzt, dass wir das mit dem Impfen auch hinkriegen. Irgendwann.“





Schuldknechtschaft

19 01 2022

„… in vielen Ländern bis heute körperlich und seelisch ausgebeutet würden. Die Bundesregierung werde dazu noch strenger auf die UN-Konvention hinweisen, damit Kinderarbeit nicht länger zum…“

„… zahlreiche Auswirkungen auch auf die deutschen Märkte hätte. So könnten sich gerade die Ärmsten der Armen, die vom Bürgergeld leben müssten, alltägliche Produkte wie Schokolade und Kaffee nicht mehr leisten, wenn die EU durch eine überzogene Verbotspolitik die soziale Schere aus moralischen Gründen ansetze. Merz fordere ein…“

„… würden Gegenpositionen in der öffentlichen Diskussion oftmals vorsätzlich unterschlagen. Weidel sehe in der frühen Berufstätigkeit auch eine praktisch orientierte Bildungschance, da man bei minderwertigen Rassen mit Schule nur überflüssige Potenziale zur Auswanderung nach…“

„… touristische Angebote sehr stark von einem ausreichenden Vorrat an Kinderarbeitskräften abhängig seien. Gerade durch negative Faktoren wie Corona oder den Klimawandel müsse man die Reiseindustrie wieder stärken, indem man durch eine flexiblere Kooperation mit den Betrieben vor Ort eine beiderseitige…“

„… nach Lindners Ansicht mit dem sofortigen Stopp keinem gedient sei. Vielmehr müssten auch die positiven Effekte gesehen werden, die in den Herkunftsregionen viel deutlicher zutage träten als in Europa. Eine langfristige Verbesserung aller an den Lieferketten beteiligten Volkswirtschaften sei nur mit einem langsamen Ausstieg aus der…“

„… werde auch die Textilindustrie nachhaltig geschwächt, wenn andere soziale Randgruppen wie Frauen die Hauptlast der Fabrikarbeit zu tragen hätten. Merz wolle durch eine bessere Verteilung der Arbeit auf die Gesellschaft ein nachhaltiges…“

„… dass in Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten noch bis weit ins vergangene Jahrhundert Kinder ganz selbstverständlich in den elterlichen Betrieben beschäftigt und teilweise dafür nicht einmal entlohnt worden seien. Die FDP warne vor einer Neiddebatte, dass die vergleichsweise gute Lohnsituation in den heutigen Ländern der Dritten Welt im Vergleich zu den damals…“

„… habe auch die AfD kein Interesse an einer kompletten Ächtung der Kinderarbeit. Würde man den Familien die Anreize zur eigenverantwortlichen Haushaltsführung nehmen, so Meuthen, so öffne man die Schleusen einer Massenmigration, die vor allem unbegleitete Jugendliche aus sämtlichen…“

„… könne sich Kubicki auch einen direkten Transfer ausländischer Wirtschaftsmodelle auf die deutschen Verbraucher vorstellen. So sei die legale Verschreibung in Schuldknechtschaft für viele sich in Privatinsolvenz befindliche Erwerbslose eine durchaus attraktive Möglichkeit, die letztlich auch die Interessen der Finanzdienstleister sehr gut…“

„… sich der Fachkräftemangel inzwischen auch in Ostasien zeige. Für den Bundesverband der Deutschen Industrie sei klar, dass viele Firmen im Schichtbetriebe ohne den Einsatz von Kindern nicht mehr wirtschaftlich arbeiten könnten, weshalb das Verbot nach internationalen Richtlinien langfristig zu schweren Schäden an der Weltwirtschaft und damit an den börsennotierten…“

„… sich Merz im Falle der Textilhersteller für den möglichst frühen Einstieg in die Erwerbsarbeit ausgesprochen habe. Durch das Ansammeln vieler Berufsjahre steige seiner Erfahrung nach auch die individuelle Rente, was zu mehr Wohlstand und…“

„… habe Deutschland nach Ansicht von Weidel kein Recht, anderen Ländern ihren Umgang mit den eigenen Kindern vorzuschreiben, solange hier noch geduldet werde, dass linksextremistische Demos während der Schulzeit die Zerstörung staatlicher Erziehungsziele einläuten würden, bis sich die…“

„… werde das Aufstiegsversprechen des freien Marktes sich gerade in den aufstrebenden Nationen beispielhaft bewahrheiten. So könne ein Kind, das mit fünf Jahren als Näher seine Karriere starte, mit 35 bereits Eigentümer eines Textilkonzerns mit mehr als einer Million Arbeitskräften sein, die mit ihrem eigenen Konsumverhalten für eine große…“

„… müssten Veränderungen im politischen und gesellschaftlichen System der Länder berücksichtigt werden. Lindner warne vor einer Ausbreitung der Kindergewerkschaften, die noch mehr Sozialismus und Verarmung in den betreffenden…“

„… lehne die AfD die Zuwanderung von mehreren Millionen Kinderarbeitern pro Jahr strikt ab, da es nicht genug Beschäftigungsmöglichkeiten für diese gebe. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Arbeitsmigranten deutschen Kindern die Ferienjobs wegnähmen, was zu einer katastrophalen…“

„… weite Teile der Union die Ausweitung eines allgemeinen Kinderarbeitsverbots auf die deutsche Gesellschaft kritisch sähen. Man habe bereits durch das Verbot der körperlichen Züchtigung durch die Eltern das christliche Menschenbild leichtfertig preisgegeben und müsse nun durch besondere Berücksichtigung des Kindeswohls eine…“

„… sehe sich die Kultusministerkonferenz aber nicht in der Lage, ein einheitliches Urteil über Lockerungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes zu kommunizieren. Man gebe jedoch zu bedenken, dass die Kinder in Deutschland durch die in den Schulen vorangetriebene Durchseuchung mit dem Corona-Virus derzeit nicht geeignet seien, die in der Wirtschaft erwarteten Personallücken einer neuen Infektionswelle zeitnah zu…“





Kritische Infrastruktur

11 01 2022

„Und wenn die Feuerwehr nicht kommt?“ „Die Polizei ist meistens schneller.“ „Aber es kann ja mal brennen.“ „Wenn wir die ganze Feuerwehr in Quarantäne stecken, dann ist das auch egal.“ „Wir haben doch immer noch die Lehrer.“ „Wie kommen Sie denn jetzt auf die?“ „Naja, wenn die Schulen zu sind, dann sitzen die doch zu Hause.“

„Ich fordere sofort einen Notfallplan!“ „Wessen Aufgabe ist das denn eigentlich?“ „Seine.“ „Dann ist es ja auch nur logisch, dass er einen fordert.“ „Finde ich auch.“ „Aber kann man das einfach so aus dem Stegreif?“ „Die Experten hatten da vor etwa anderthalb Jahren mal etwas vorgelegt.“ „Das klingt gut.“ „Was haben wir da gesagt?“ „Dass wir uns nicht von Medizinern vorschreiben lassen, wie wir mit einer Krankheit umzugehen haben.“ „Hm.“ „Aber wir könnten doch jetzt ein paar Maßnahmen beschließen, damit die Leute sehen, dass wir alles im Griff haben.“ „Die Lehrer könnten vor der Schule Schnee fegen.“ „Und wenn es gar nicht schneit?“ „Geh doch nach drüben, Du linke Sau!“

„Wir müssen alle systemrelevanten Branchen berücksichtigen, das ist doch klar.“ „Mir haben zum Beispiel die Küchenbauer geschrieben.“ „Warum?“ „Irgendwie muss er halt seine Kohle verdienen.“ „So war das nicht gemeint!“ „Ach was.“ „Was wir jetzt brauchen, sind Stabilisierungsmaßnahmen, die die wichtigsten Wirtschaftsbereiche stabilisieren.“ „Also die Küchenstudios und die Bordelle.“ „Wieso die Bordelle?“ „Was?“ „Was?“ „Hat hier jemand aktuelle Zahlen?“ „Wovon denn?“ „Weiß ich auch nicht, aber aktuelle Zahlen hatte hier noch nie einer.“ „Gut, dann können wir ja alles so lassen, wie es ist.“ „Das klingt gut.“ „Und die Feuerwehr?“ „Wenn die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger sich in freiwilliger Quarantäne befindet, können nicht so viele Brände am Arbeitsplatz ausbrechen.“ „Und zu Hause?“ „Da setzen wir selbstverständlich auf Eigenverantwortung.“

„Wir könnten den Einzelhandel verstaatlichen.“ „Das klingt sehr gut.“ „Dann können die nicht mehr streiken.“ „Genau, wir machen das wie mit den Krankenhäusern.“ „Die haben wir doch privatisiert, damit sie nicht mehr so viel kosten.“ „Sterben können Sie auch ohne medizinische Hilfe, aber wenn ich nicht regelmäßig Alkohol und Klopapier kriege, dann wird es kompliziert.“ „Wir könnten die mit Minijobs ruhigstellen.“ „Und wenn dann alle kündigen?“ „Das würden die nie wagen.“ „Stimmt, das macht man nur in absolut unterqualifizierten Berufen, in denen man schnell einen anderen Job findet.“ „Und die Polizei?“ „Wollen Sie die jetzt auch verstaatlichen?“ „Bloß nicht, sonst riskieren wir, dass die durch staatskritische Demonstranten in eine moralische Zwickmühle gebracht werden und nicht mehr mit aller Härte Verstöße gegen nicht genehmigte Versammlungen ahnden.“

„Die Handwerker haben doch momentan Zeit.“ „Stimmt, mein Klempner kommt ja auch erst im März.“ „Das heißt, wir könnten die für mindestens sechs Wochen ins Krankenhaus schicken?“ „Lieber in die Schule.“ „Oder in den Einzelhandel.“ „Die sind doch gerade durch 2G leer?“ „Dann kann man ja Verkäufer im Handwerk einsetzen.“ „Sie können doch nicht qualifiziertes Verkaufspersonal in einen Beruf versetzen, in dem man nur Steine in eine Schubkarre schmeißt oder Rohre schweißt!“ „Wenn das zu schwierig ist, könnte man sie in die Politik bringen.“ „Das kostet Wählerstimmen.“ „Ich weiß, weil dann Supermärkte nicht mehr funktionieren.“ „Eben.“ „Da sehen Sie es, wir müssen höllisch aufpassen, dass wir bei der kritischen Infrastruktur keine Fehler machen!“

„Haben wir einen Krisenstab?“ „Den haben wir schon beim Hochwasser nicht gebraucht.“ „Und die Feuerwehr?“ „Die kann nur im Kriegsfall vom Bund beordert werden.“ „Das heißt, wir müssen das nächste Hochwasser zum Verteidigungsfall erklären?“ „Vielleicht hilft dann die Bundeswehr.“ „Wenn die Truppe das macht, kann die Feuerwehr ja auch in die Schule.“ „Was soll das denn?“ „Die Lehrer müssen doch in den Einzelhandel, weil sie nicht im Handwerk…“ „Jetzt haben Sie alles durcheinander gebracht.“ „Die Handwerker kommen jedenfalls erst, wenn das Wasser weg ist.“ „Die sind ja auch erst mal beschäftigt.“ „Mit den Krankenpflegern?“ „Fegen die nicht den Schnee weg?“ „Nur bei Hochwasser.“ „Ach was.“ „Und die Polizei?“ „Die arbeitet jetzt in zwei Mannschaften, die eine soll die andere ja nicht infizieren.“ „Und wenn eine sich unabhängig von der anderen infiziert?“ „Das ist so nicht vorgesehen.“

„Also sehe ich das richtig, die Küchenbauer haben Sie in dem Notfallplan nicht berücksichtigt?“ „Wir machen uns da große Sorgen, das sind ja auch Spezialkräfte, die man nicht einfach ersetzen kann.“ „Da haben das die Sachsen mit den Bürgerwehren schon leichter.“ „Die Übergänge zur Polizei sind da traditionell sowieso eher fließend.“ „Man müsste sich überlegen, ob man kritische Personengruppen überhaupt noch in Quarantäne nimmt.“ „Also wenn man sich kritisch äußert, kommt man nicht mehr in Quarantäne?“ „Sie haben da wirklich etwas nicht verstanden.“ „Aber…“ „Das würde bei Organen der Sicherheit natürlich zu einer Durchseuchung führen.“ „Definitiv?“ „Definitiv.“ „Das ist doch mal eine Aussage!“ „Damit hätten wir dann ja alles geklärt.“ „Großartig!“ „Gut, dann machen wir das so: Feuerwehr, Polizei, Pfleger, Lehrer…“ „Und die Küchenbauer?“ „Um Gottes Willen – wir als Landesregierung müssen doch alles tun, um die wehrlosesten Mitglieder unserer Gesellschaft vor dieser schrecklichen Pandemie zu schützen!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVI): Das Hausfrauenmodell

7 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenigstens das Problem hatte Rrt nicht, dass er weibliche Sippenmitglieder bei der Leitung seiner familiären Wohngemeinschaft berücksichtigen musste. Er sorgte für Bison und Buntbeeren, sein Weib, diverse andere Frauen sowie die Töchter, Nichten oder Schwippschwägerinnen verarbeiteten den Fang zu Braten, Suppe, Kleidung, Schmuck oder Kultobjekten. Das Paläolithikum war durchaus arbeitsintensiv im Abgang, auch wenn sich die Frau eher im Behausungsbereich beschäftigte – nicht, weil sie nicht im Zweifel Säbelzahnbiber in die Flucht schlagen zu vermochten, es machte nur ihre Verfügbarkeit für haushaltsnahe Dienstleistungen viel größer. Das Erfolgsmodell, das noch heute als Home Office praktiziert wird, es wurde in weiteren Entwicklungsstufen mit neuen Kulturtechniken bis zur Stütze der Gesellschaft etabliert, auch da noch, wo es vollkommen sinnlos wurde. Und wie die moderne Welt nun einmal ist, wenn etwas absurd ist und eigentlich in die Rundablage gehört, wird er bis zum Komplettkollaps verteidigt. So auch das Hausfrauenmodell.

Die in vergangenen Jahrzehnten bis 40 Stunden gesunkene Erwerbsarbeitszeit ist obsolet wie eine Postkutsche – sonntags in putzigen Filmen guckt man sich derlei musealen Murks gerne an, aber es wird in der Zukunft von heute schon keine Rolle mehr spielen, erst recht nicht im kommenden Mangel an Arbeit, die aus Digitalisierung und Automatisierung folgt, wenn wir sie irgendwann erreichen werden. Das traditionelle Strickmuster von Vater-Mutter-Kind-Kind-Familien als Norm der bürgerlichen Existenz zwickt wie eine zu enge Hose und hat nichts mehr zu tun mit einer Gesellschaft, der die Entkoppelung von Lohn und Arbeit längst als Lichtlein aufgegangen sein dürfte, auch und gerade durch die Pandemie. Jedes bessere Start-up, jede realistische Work-Life-Balance ist nicht mehr denkbar ohne eine partnerschaftliche Organisation von Arbeits-, Frei- und Pflege- oder Erziehungszeit, die in den meisten Fällen als Selbstverständlichkeit zwischen Tür und Angel erwartet wird, neben den anderen Selbstverständlichen wie Staubsaugen und Schlaf irgendwie aus den Rippen geschwiemelt und natürlich kostenlos, denn der Staat braucht ja auch Kinder und Ehrenamt, am besten aus den niederen Einkommensschichten, damit Leistungsträger sich zwischen Vorstand und Golf nicht so stressen.

Kinder, Küche, Kranke darf die Frau – natürlich die Frau, denn welcher echte Mann würde schon in Teilzeit gehen, ein paar Wochen nach der Geburt für den Nachwuchs zu Hause bleiben oder freiwillig als Putzhilfe die Karriere seiner berufstätigen Gattin im Hintergrund unterstützen – gänzlich gleichgestellt managen, da sie sich vom Hausfrauenmodell des 40-Stunden-Alleinverdieners die Ressourcen dazu freihalten lässt, um vielleicht ein bisschen nebenbei zu verdienen. Höchstwahrscheinlich landet sie in der Teilzeitfalle, kommt auch nach Jahren nicht mehr in den Job, hat im Falle der Scheidung oder als allein Erziehende entweder zu wenig Geld oder zu wenig Zeit, im Regelfall beides, und büßt so für den betonierten kapitalistischen Zwangs.

Wird jetzt alles anders, wo eine neue Regierung jubelnd egalitäre Teilhabe an der Lohnarbeit fordert und an der Fürsorge? Am Gesäß aber, Kameraden, denn die Lohnlücken ergeben sich nicht nur durch Minijobs, die früher oder später in die Altersarmut der weiblichen Bevölkerungshälfte führen, sie sind jetzt schon real durch schlechtere Bezahlung, durch faktische Nötigung eines Verdieners zum Acht-Stunden-Tag, durch ein unausgewogenes Modell des Elterngeldes, durch Ehegattensplitting, das den Anreiz zum Lohnunterschied so lange in die Köpfe drischt, bis Grundsicherung durchs Fenster grinst.

Wo es uns mittlerweile so gut geht, dass die Wirtschaft sich wieder auf zehn bis elf Stunden pro Arbeitstag kapriziert, darf der ansteigende Anteil an Singlehaushalten in der typischen Tretmühle gerne mitmachen, aber das ist nicht das Problem. Sie sind mit ihrer Erwerbstätigkeit annähernd ausgelastet, können aber im Falle der Familiengründung nicht einfach ein Viertel davon abgeben, beispielsweise für neue Stellen, die Anforderung und Bedürfnisse wieder in Einklang bringen. Alles, was Zeitmangel und Überarbeitung, die Hand in Hand gehen, an allfälligen Stressoren erzeugen, geht auch wieder zulasten der Gesundheit, die sich wiederum auf die Anwesenheit am Arbeitsplatz auswirkt. Der Kapitalismus und seine negativen Effekte bergen dem Überraschungen, der sich mit Scheuklappen durchs Dunkel tastet. Bei Tageslicht besehen hätte man diese Festspiele des Versagens weitaus früher wahrnehmen können.

Vielleicht lösen wir das gesamtgesellschaftlich. Die jüngst geborene Generation darf sich frei entscheiden und bekommt nicht mehr mit der Erziehung eingetrichtert, wie sie sich konform zu verhalten hat. Oder wir sorgen einfach nur dafür, dass sie so erzogen wird, dass sie ihren Kindern, die sie dereinst sicher auch haben werden, diese Art der Erziehung angedeihen lassen werden. Oder die ihren Kindern. Oder die ihren. Oder immer so weiter. Unter Umständen hat ja irgendwann jemand Zeit dafür, nach Spätschicht und Abwasch.





Warten auf den Sozialismus

5 01 2022

„Erlauben Sie mal, ich verbitte mir diesen Tonfall, Sie dummes Arschloch! Überhaupt, ich werde Sie verklagen, wenn Sie nicht auf der Stelle zahlen, das wollen wir doch mal… – Schetelig! Wird’s bald!

Sie haben mir doch schon wieder die Rechnung von der Mistbude nicht auf den Tisch gelegt, dabei habe ich Ihnen hunderttausend Mal gesagt, jawohl, da mache ich keinen Spaß, ach: da ist sie ja. In einem ordentlichen Kontor kommt eben nichts weg, das schreiben Sie sich mal hinter die Ohren. Das ist die Aufstellung vom ganzen vierten Quartal? Ich werde hier noch verrückt, Schetelig – man macht doch keine Aufstellung vom Quartal, wir laufen den Zinsen hinterher! Monatliche Rechnungsstellung, sonst kann ich hier bald zusperren, oder wollen Sie etwa Ihr Gehalt auch an Sankt Nimmerlein? noch nicht angekommen? Ja, da hat Puschke wieder die Listen verlegt, das kennt man ja schon.

Gehen Sie mir mit langjährigen geschäftlichen Verbindungen, davon kann ich mir nichts kaufen. Die Firma ist marode, Hagen & Co. sind ja damals nur von meinem Großvater, und das waren noch ganz andere Zeiten, die hatten Geld wie Heu, wir haben den Kredit bekommen, und seitdem sind wir quasi ein Herz und eine Seele. Aber dass die nicht zahlen, ist ein Skandal! Als erstes setzen Sie sich mal mit dem alten Hagen ins Benehmen, wenn die nicht zahlen können, dann lassen wir eben ab sofort nur noch von Rott & Plauer liefern. Gute Adresse, die haben zweimal die Insolvenz abgewendet, ich kenne die noch von der Zwangsversteigerung, als die alte Gießerei von meinem Onkel pleite ging.

Ich will jetzt nicht gestört werden, wer ist denn da am Apparat? Nein, ich will jetzt nicht reden. Sie können ja gerne mit dem reden, ich habe jetzt keine Zeit. Ist das überhaupt korrekt aufgestellt? Nicht, dass wir hier eine Rechnung verschicken, und dann sind die Zahlen nicht… – Schetelig, Sie haben doch Prokura, da muss man sich um alles kümmern! Ich habe das damals noch so gelernt: wer ein Geschäft ordentlich führen will, muss immer und überall für Kundschaft erreichbar sein. Es gibt keine kleinen Kunden, es gibt nur kleine Geschäfte, merken Sie sich das! So, und jetzt geben Sie das mal Puschke, der soll sich um den Kinderkram kümmern. Es ist ja nicht zum Aushalten hier!

Übrigens großartig, dass wir demnächst wieder eine richtige Regierung haben. Die vier Jahre, die sind schnell vorbei, Hauptsache: wir kriegen keine Inflation. Dann steigen die Löhne, und die Leute geben ihr Geld für alles mögliche aus, aber nicht mehr für unsere Rechnungen. Sie brauchen mir das nicht zu erklären, Schetelig, ich habe das gelernt. In meinem Alter macht mir niemand mehr so leicht etwas vor. Sonst wäre ich nicht hier.

Gut, gehen Sie ans Telefon, dann mache ich das selbst. Zweihundert, vierhundert, sechzehnhundert und die Umsatzsteuer, das sind ja schon wieder jede Menge Unkosten, das wird der Alte sich nicht mehr leisten können, wahrscheinlich ist er auch kurz vor dem Konkurs. Aber ich kann doch deshalb meine Preise nicht senken, und überhaupt, er hat doch den Lieferschein unterschrieben, soll ich jetzt in den Schornstein gucken!? Schetelig, wo Sie schon mal dabei sind, prüfen Sie gleich die Voraussetzungen für eine Zwangsvollstreckung. Die Brüder sind mit etwas Glück schon klamm, dann so eine Rechnung, und wir springen als nächste über die Klinge. Aber nicht mit mir! Das wäre ja unglaublich, warten auf den Sozialismus, und dann lassen sie die Gläubiger im Regen stehen! Schweinerei, so etwas!

Was ist das hier überhaupt für eine komische Rechnungsnummer, wie kommt man dazu? drei auf einmal? Nicht bezahlt im Oktober und November, und jetzt alles auf einmal? Schetelig, Sie sind der Nagel zu meinem Sarg! Wir sind doch nicht die öffentliche Kreditanstalt, das kann man doch nicht machen! Wenn das jeder versuchen würde, wir wären umgehend bankrott! Mit solchen Schulden kann ich mich bald als Finanzminister bewerben, ach was: Sie sollten das machen! Die Leute fressen mir die letzten Haare vom Kopf, und ich schaue seelenruhig zu, wie man mir das Haus wegpfändet! Manchmal glaube ich, ich bin überhaupt nur von Idioten umgeben! Von Idioten, Schetelig!

Sehr gut übrigens, dass die Steuern jetzt doch gesenkt werden. Wissen Sie, wenn die Leute wieder mehr Geld haben, steigt nicht nur der Konsum, es ist auch gut für die Zahlungsmoral. Wir müssen mal an den Juniorchef von Robofix ran, der hat letztens eine nette Summe in die Gießerei gesteckt – kein großer Erfolg, aber investieren muss man immer. Mit etwas mehr Kapital könnten wir auch Kunden wie diese hier halten, die nie pünktlich sind. Da schaut man eben mal durch die Finger, großzügig muss man sein, dann hat man solche Malessen nicht und auch keine Scherereien mit der Bank. Sie gehen da nächste Woche mal vorbei, ich kann mich bei denen nicht mehr blicken lassen.

Jetzt gehen Sie halt dran, Puschke! Das ewige Geklingel macht einen ja ganz nervös, wir haben unsere Zeit ja nicht gestohlen. Die Leute auch nicht, da haben Sie ganz recht. Zehnmal? seit halb elf? Ich habe gesagt, jetzt übertrieben Sie nicht immer so. Zehnmal? Die haben nichts Besseres zu tun? Läuft wohl nicht, der Laden. Hähähä! Ja, geben Sie her, das ist die letzte Aufstellung? Wem? Oktober und November nicht drin? weil ich selbst unterschreiben wollte? Ich unterschreibe natürlich selbst, ist doch mein Geschäft! Wie, Hagen & Co. – das heißt, nicht die schulden uns sechzehnhundert, Gebühren für die Mahnung kommen noch drauf? Kinder, wir wären längst abgesoffen, wenn ich mich hier nicht um alles selbst kümmern würde!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCV): Das Grundrecht auf Egoismus

17 12 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einen großen Vorteil hatte der Feudalismus in Bezug auf den Leistungsgedanken: Besitz, der im Normalfall durch Erbe erworben wurde, galt als Leistung. Natürlich waren hier und da ein paar Pflichten mit der gesellschaftlichen Stellung verbunden, aber solange ein Lehensmann im Krieg nicht die eigene Rübe hinhalten musste, sich von den Leibeigenen durchfüttern ließ und Recht über sie sprechen durfte, war das Leben einigermaßen erträglich. Besonders letzterer Umstand hatte schon vieles für sich, denn die Verbindung aus Macht und Eigentum weckte auch später im Bürgertum den innigen Wunsch, dem Trieb zu folgen und sich um geltendes Recht einen feuchten Fisch zu kümmern. Der Absolutismus perfektionierte den Gedanken, in nachrevolutionärer Zeit gab der Kapitalismus ein paar entscheidende Impulse, und jüngst haben sich durch die Wiedererweckung des Feudalstaates die Schnöselklasse und ihr Anspruchsdenken zu einer heiligen Allianz aus Arsch und Eimer gefunden, die von den Knalltüten der Unterschicht stolz und ohne Aufforderung nachgetanzt wird. Zu den üblichen Irrtümern über das Wesen einer Gesellschaft kommt nun das Grundrecht auf Egoismus.

Wer wenig im Kopf spazieren führt, hält sich gern an den Krücken der Folklore fest. Die Neigung zum sinnfreien Geplärr verwechselt die Kasperade mit Meinungsfreiheit, die Einrede anderer Personen mit nachweisbarem Bildungsabschluss für Zensur, jede andere Tätigkeit für grundrechtsbewehrt. So wähnt der Laberlurch sich in einer Diktatur, wenn jenes Terrorregime, das regelmäßig ein Parlament wählen lässt und eigene Organe zur Wahrung des Rechtsfriedens unterhält, ihm das Abbrennen von Feuerwerk und Asylbewerberheimen untersagt. Er fordert von diesem Staat die Zensur der angeblich staatlichen Medien, weil er der Ansicht ist, dass sie vom Staat zensiert würden, wobei möglicherweise nur das Ergebnis ihm nicht passt, was er dann für einen Verstoß gegen die Meinungsfreiheit hält. Es gibt Bürger, die für weniger in der geschlossenen Psychiatrie sitzen, aber da besteht Hoffnung.

Was der gemeine Depp sich nun aus seiner wirr zusammengeschwiemelten Wirklichkeit quetscht, ist das Gegenteil von Solidarität und ein sicheres Mittel, den eigenen Ast abzusägen, was in etwa seiner intellektuellen Grundausstattung entspricht. In seiner Kurzsichtigkeit beharrt er auf Recht, die Tauben auf seinem Dach festzunageln: Schnitzel für alle, mit 240 durch die Autobahnbaustelle, für fünf Euro nach Malle und ja keine Impfung, weil da noch mehr Mist drin sein könnte als im Schnitzel. Für ihn existiert keine Räson, eine staatliche schon gleich gar nicht. Die Staatsgewalt ist ihm suspekt, und es fehlte nicht viel, er träte aus dem Laden aus, weil die Regeln ihn zu kompliziert sind. Masken im Supermarkt? Menschenrechte! Opferrolle!

Man muss zur Verteidigung der Mehlmützen zugeben, dass die gierigen Protagonisten aus Politik und Wirtschaft das weitgehend moralfreie Raffen und Treten in jahrzehntelanger Offenheit vorgelebt und perfektioniert haben, bis es als Inbegriff des bürgerlichen Erfolgs galt und schamlos als dessen Zweck und Ziel gepriesen wurde. Was sich nun als Elite feierte, war im Gegensatz zum Mittelprekariat oft schon durch ererbten Status in einer besseren Ausgangsposition als der nachäffende Nappel, doch die Eigensucht wurde beworben als Chance zum Aufstieg, den man ihnen einst versprochen hatte. Dass die Hohlschwätzer emsig das Märchen von der Notwendigkeit des Nachtwächterstaates und der Steuersenkung nachplappern, das ihnen als Elixier der Gutsituierten eingeflößt wird, zeigt auch, wie bereitwillig die Knechte gegen eigene Interessen verstoßen können, weil sie hoffen, irgendwann so reich zu sein, dass sie die Steuern müssten, die die Oberschicht heute schon hinterzieht.

Das Grundverständnis, eine Verfassung sei nur installiert worden, um der Egoisten Dämlichkeit zu legitimieren, ist von außen durch immunisierende Kacklappigkeit nicht mehr zu durchdringen, jeder Versuch einer Gegenrede wird sofort als Straftat gewertet. Ihr geistiger Horizont ist punktförmig im Vakuum, deshalb verlangen sie auch, dass sich der Rest der Welt darum dreht, und also verwechseln sie ihr Schwindelgefühl mit Zustimmung oder, in der Liga rückrufpflichtiger Begriffe uneinholbar an die Spitze gespült, Freiheit. Hier aber schwappt die Dummheit ins Pathologische, wo sich der Blödföhn nur dann wirklich als Mensch fühlt, wo er auf die Existenz aller anderen pfeifen kann. Im Karneval der Zellkulturen hat es der gemeinschädliche Gnom weit gebracht, wenngleich er nicht versteht, dass er ohne fremde Hilfe ein Nichts wäre, eine miserabel aufgestellte Art auf dem abgeschrägten Weg in die Ausrottung, die den Rest der Umwelt allenfalls mit Humor und dennoch peripher tangiert, weil sie zu nichts nützt, höchstens als Biomasse. Mehr ist bei den Egomanen nicht zu holen, und wenn sie das Maul aufreißen, merkt man selten am Geruch, wo vorne und oben ist. Nun ist auch der Tod eine Art Autonomie, die man sich schöndenken kann, und es steht jedem frei, sich selbstverantwortlich aus dem Zirkus hier zu verabschieden, solange man keinen mitnimmt. Wo die bleiben, wer will da schon sein.





Nikolausejungen

6 12 2021

„… konfessionsübergreifend an den Sinn des Festes erinnern wollten. Weihnachten sei als religiöses Ereignis eine der tragenden Säulen der Kultur und werde gemeinsam von der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der Deutschen Bischofskonferenz als Zeichen der…“

„… erheblichen Protest angemeldet habe. Die soziale Komponente könne nie ohne die Sicherung von Arbeitsplätzen und Aktienkursen gedacht werden, für die das Weihnachtsgeschäft als größter Umsatzträger im Einzelhandel eine existenzielle…“

„… sich Lindner in die Debatte eingeschaltet habe. Als designierter Finanzminister könne er die geplanten Steuersenkungen für notleidende Erben und vom Hungertod bedrohte Millionäre nur dann realisieren, wenn die Umsatzsteuer eine solide Basis für die fiskalischen…“

„… auch in dunklen Tagen die Geburt des Herrn als Hoffnungszeichen deutbar sei. Brauchtum und Feste in der Weihnachtszeit böten den Menschen Halt, so Kardinal Marx, und könnten ihnen jenseits der materiellen Auslegung der…“

„… bereits in der protestantischen Arbeitsethik angelegt worden sei, dass die Bürger lieber den Wohlstand derer mehren würden, die nichts dafür getan hätten, was seit Luther ein Beweis für die Rechtfertigung des Konsums vor Weihnachten sei. Precht werde in seinem nächsten Buch die Bedeutung des Onlinehandels in der römischen Philosophie des christlich-jüdischen…“

„… nicht ohne die traditionellen Feiern in der Familie und das Weihnachtsessen begangen werde. Die Küchenbauer seien darauf angewiesen, dass Impfverweigerer, die durch die Zutrittsregeln keine Gaststätten betreten dürften, sich rechtzeitig mit einem Besuch in den Ausstellungsräumen der…“

„… könne sich Spahn vorstellen, als letzte Handlung vor der Entlassung aus dem Ministeramt die Maskenpflicht in allen Gottesdiensten bis zur einer 7-Tage-Inzidenz von 10.000 aufzuheben, wenn damit gleichzeitig die Selbstverpflichtung aller Bürger zu einer Boosterimpfung in den…“

„… auch an die Kinder denken müsse. Durch die Pandemie seien die Jüngsten psychisch oft stark belastet worden, es fehle ihnen an Resilienz und Ausgleich für die oft nicht nachvollziehbaren Einschränkungen. Als amtierender Präsident des Handelsverbandes Deutschland könne und wolle sich Sanktjohanser nicht ausmalen, welche Tragödien den Kleinen etwa beim Schenken des falschen Smartphones oder einer…“

„… typisch linkslinke Positionen sehe, wie sie die stalinistisch-liberale Koalition unter Scholz habe erwarten lassen. CSU-Generalsekretär Blume sei entsetzt über die fundamentalistischen Ansichten der Kirche, die sich gegen sein Verständnis von Christentum und deutschem…“

„… auch das Böllerverbot in diesem Licht als Frontalangriff auf das abendländische Brauchtum zum Ende des Kalenderjahres betrachtet werden müsse. Der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk sowie der Verband der pyrotechnischen Industrie seien nicht gewillt, das Berufsverbot der Scholz-Diktatur wehrlos zu akzeptieren. Auch wenn die Mehrheit der Bürger dies begrüßen würde, werde man die Prohibition notfalls mit verfassungsrechtlichen…“

„… müsse umgehend die Kraftfahrzeugsteuer ausgesetzt werden, um den Kauf großer Verbrenner zu vergünstigen. Wissing werde sich als Anwalt der Verbraucher für die Mittelschicht einsetzen, die ihre weihnachtlichen Gefühle auf die traditionelle Weise durch Quartalszahlen im…“

„… habe die EKD-Ratsvorsitzende Kurschus klargestellt, dass Feuerwerk an Silvester zu den heidnischen Überlieferungen zähle und von keiner Konfession aktiv unterstützt werde. Die Forderung der Industrieverbände, das Böllerverbot als Verstoß gegen den christlichen Glauben zu verurteilen, entbehre jeder kirchenrechtlichen…“

„… nicht durchdacht sei. Merz habe keine Sympathie für Nikolausejungen, die der Union als stärkster politischer Kraft ihre Interpretation von Christentum aufzwingen wollten. Sobald er zum Bundeskanzler gewählt worden sei, werde er durch eine mit der Wirtschaft abgestimmte Fassung der religiösen Bekenntnisse den Fortschritt in die…“

„… sich bereits Adenauer über die seinerzeit schon gebräuchliche Weihnachtsbeleuchtung in den Einkaufsstraßen beschwert habe. Für Brinkhaus sei dies ein Zeichen äußerster Gefahr, wenn auch die gefestigten Konservativen der guten alten Zeit von den Wahnideen eines entfesselten Katholizismus…“

„… sich als Vorsitzende angeboten habe. Ein Kampf für die überkommene Tradition des Böllerns am Jahresende sei so aussichtslos wie ihre Position für den Anschluss polnischer Gebiete an die BRD. Steinbach werde daher alles tun, was nötig sei, um Demokratie oder Vernunft mit allen Mitteln zu…“

„… die Trennung von Kirche und Staat falsch sei, wenn damit religiösen Würdenträgern erlaubt werde, im Rahmen der Verfassung Meinungen zu äußern. Precht werde in seinem nächsten Buch über die unchristlich-abendländische Gesellschaft die Geschichte der Soziologie seit dem Hochmittelalter bis zu den Anfängen der postbabylonischen…“

„… deutsche Traditionen in einer islamisierten Linksdiktatur nichts wert seien. Weidel fordere die sofortige Freigabe des Weihnachtsshoppings für alle Ungeimpften ohne Maske und Höchstanzahl an Ladenbesuchern. Nur mit einer entsprechend hohen Anzahl an verkauften Artikeln könne ab dem 27. Dezember der althergebrachte Umtausch in den Geschäften seinen normalen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCII): Der Mythos der Überbevölkerung

26 11 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Ugas Höhle wurde es langsam eng. Seit vor zehn Generationen die Leute vom anderen Ufer des Flusses hinter der westlichen Felswand eingezogen waren, hatte sich der Verbrauch an Süßgras leicht vermehrt, die Ernte aber so gut wie verdoppelt, da mit Hilfe der Einwanderer erstmals systematisch das Grobborstige Knäuelkraut angebaut wurde. Der Sippenälteste jedoch bestand auf strikten Stopp der Besiedlung aller Höhlen neben dem Fischteich. Zu viele Hominiden, so Uga, würden irgendwann die wirtschaftlichen Grundlagen zukünftiger Stämme gefährden. Ob er bereits mutmaßte, dass sich die Erfindung des Rades dadurch um Monate verzögern würde, ist nicht geklärt; möglicherweise hatten sie in der Siedlung an der westlichen Felswand keinen Wahlkampf. Aber es entstand der Mythos der Überbevölkerung, wie wir ihn auch heute noch gern nutzen, wenn uns die Argumente ausgehen.

Der mediale Brüllmüll der letzten Jahre ist noch angefüllt mit Klischees vom vermehrungsfreudigen Afrikaner, dicht gefolgt von anderen Rassen, die europäische Nasskämmer aus dem Finanzsektor gerne kastrieren wollen, weil sie so elitäre Dinge wie Nahrung oder Energie für sich beanspruchen – man denke nur mal an Südamerikaner, die den Mais für ihre Kalorienzufuhr verplempern, während die neoliberale Arschgeige damit als Biosprit noch ihr Ökogewissen grünwaschen könnte. Da macht’s freilich Sinn, wenn man Indios mit ihren Feldern simultan wegklappt. Serviceorientierte Diktatoren übernehmen den Job für wenig Geld. Sollte man die Ressourcen für unser globales Klima – da kann man es endlich mal als schützenswertes Gut raushängen lassen! – nicht viel umsichtiger nutzen, auch und gerade im Interesse der Völker, für die wir Jobs und Mülldeponien schaffen?

Fakt ist, dass ein erschreckend großer Teil der Menschheit nach wie vor in Hunger und Elend lebt, unzureichende medizinische Versorgung hat und oft keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dass es sich bei diesen Menschen um Nachfahren der vom Kolonialismus betroffenen Arbeiter handelt, wird so nachhaltig wie überhebend unterschlagen. Erst mit den politischen Umwälzungen der aktuellen Epoche haben diese Staaten einen Weg bestritten, den die Ausbeuter des angeblich freien Westens nicht mehr tolerieren können: sie sind als willfährige Objekte der Entwicklungshilfe nicht dankbar genug, das Normalmaß an Elend einzuhalten, produzieren stets unschöne Bilder von hungernden Kindern und lauern an unseren Grenzen, wenn der Klimawandel sie zum auswandern nötigt. Sie sind zu viel, anders lässt sich unsere mathematische Überzeugung nicht mit schmerzlosen Mitteln zurechtschwiemeln.

Leider benötigen wir sie immer noch. Ohne die Überbevölkerung, wie wir sie nennen, gäbe es nicht ausreichend Fabrikarbeiter, die in maroden Hallen unsere Klamotten weben, färben und schneidern, unsere Spielwaren zusammendengeln oder unsere Smartphones aus unseren Bodenschätzen braten –es sind nicht unsere Bodenschätze, aber das hat sich bis in die Industrieländer nicht herumgesprochen. Es ist ja auch nicht unser Mais. Oder unser Hunger. Vor dem Hintergrund dieser Produktivität ist nicht die Anzahl der Menschen in den armen Nationen das Problem, sondern die gelassene Bereitschaft der Reichen, diesen Zivilisationsbruch auszublenden, damit wir uns am Überfluss nicht tot kotzen.

Der Kapitalismus ist nie schuld, er definiert die Probleme gewohnheitsmäßig so, dass sie unlösbar bleiben, damit sich die Kapitalisten nicht mit einer moralischen Begründung herumschlagen müssen. Mit dem billigen Schlüssel, für eine enorme Masse an Menschen in den unterentwickelten Regionen gar nicht genug tun zu können, um deren Leben und Wohlstand zu schützen, weil es eben viel zu viele seien, sind wir fein raus. Wir haben den bequemen Weg gewählt. Uns geht es gut. Noch.

Lustigerweise ist auch hier schon das Boot voll. Wir haben nicht genug Wohnungen für alle, nicht genug Jobs, zu viele Menschen für den Markt, und nicht genug Pflegepersonal für die vielen Kranken, nichtgenug Einzahler für die Renten, nicht genug Fachkräfte. Aber Logik stört hier nur, im Grunde ist auch unser Kontinent überbevölkert, wenigstens aus der Perspektive der Eliten, die sich beim Anblick der vielen Nichtmillionäre ekeln, was da alles ohne Porsche auf der Autobahn herumeiern darf. In ihren Augen backt sich Brot von alleine, Müll holt sich selbst ab, wie sich auch ihr Konto automatisch füllt. Da braucht’s dann die anderen Schichten auch nur, um den Klassenkampf unterhaltsamer zu machen, und das in der Bundesrepublik, die dichter besiedelt ist als Nigeria, die bevölkerungsreichste Nation in Afrika. Warum hat noch keiner gefordert, Monaco mit Napalm auf die korrekte Populationsdichte zu stutzen? Geht irgendwer in diesem Loch einer volkswirtschaftlich relevanten Arbeit nach?

Wir wachsen uns kaputt, und was die obszöne Überbevölkerung angeht, hält uns China längst den Spiegel vor: ein Aufschüttung von Megacities und Industriekonglomeraten, in denen der ganze Dreck für die Europäer zusammengehauen wird. Ein hässliches Bild an Überbevölkerung, das die vor Hochmut und moralischer Überlegenheit triefende Besserwisserei der Altweltkapitalisten anwidert. Bald werden wir es ihnen sagen, dass wir sie für ein verkommenes Völkchen halten, auf das wir mit Abscheu und Selbstgefälligkeit herabblicken. Bald. Ganz bestimmt. Wir müssen nur noch eben kurz verdrängen, dass wir dazu viel zu feige wären.