Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCII): Detox

29 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jetzt gurgeln sie wieder. Ab und zu schluckt die alternativmedizinisch vorverseuchte Doppelnamen-Zweitgattin von dem Ingwer-Yuzu-Mondwasser in der mundgetöpferten Inkaschale, aber nur in ganz geringen Dosen, weil sonst der Säuregehalt in der Innenauskleidung abkippen könnte. Ästhetisch ist das kein Genuss, vor allem nicht, wenn die Corona anthroposophisch-dynamischer Hausfrauen dazu in konzentrischen Kreisen über den Waldboden hüpft, als hätten verwesende Pflanzenteile nicht auch eine zu berücksichtigende Restwürde. Die Jahreszeit des Winterspecks löst das Quartal des Selbsthasses ab, in dem das Spiegelbild der Bikinifigur entzündete Mittelfinger zeigte. Bald ist es wieder so weit und der Schweinehund wird ganz kurz aufgeweckt, mit Einfachzuckern, gesättigten Fettsäuren und Schnaps beschmissen, los geht die wilde Fahrt: ab jetzt nur noch gesunde Lebensführung. Trennkost. Detox.

Da hat sich das Schulwissen ein gemütliches Loch im Oberstübchen geschaufelt und döst vor sich hin, während die Synapsen wegklappen. Dass die Pizza vom letzten Wochenende noch als Rest durch die Zellen geistert, treibt die Giftfetischisten in reine Verzweiflung. Wobei noch nicht einmal bekannt ist, woraus jene Schadstoffe überhaupt bestehen, was sie schädigen und ob es ein sicheres Konzept gibt, sich die Schrottstoffe wieder aus der Anatomie zu schmirgeln. Spätestens beim jähen Übergang vom Kräutersud zum Stärkungsshampoo für toxisch herausgeforderte Locken wir dann klar, wer diesen Brauchtumsterrorismus erfunden hat: die Heißdüsen der Füllstoffindustrie.

Das Ergebnis dieser magisch-mechanistischen Weltsicht beginnt bei der kruden Vorstellung, die Homöopathie hinterlasse über nicht existierende Stoffe ein Gedächtnis in Wassermolekülen, und sie führt zur mittelalterlich anmutenden Auffassung, dass unerwünschte Stoffe im Körper stets etwas wie Säure sein müsste, die selbstverständlich immer sofort in Blut gelangt und durch geheimnisvolle Teebeutel wieder ausgewaschen werden kann. Als könne man einen Neurotransmitter, der durch die Mitochondrien schwappt, per Funktionskaugummi aus der Blutbahn schwiemeln. Gäbe es die Methode für real existierende Wirkstoffe, die Pharmabranche hätte sich längst den Arsch vergoldet – so aber weiß jeder, die Pillen gibt es, weil sie noch keiner jemals gesehen hätte, und sie werden um keinen Preis verkauft. Alles andere ist bestimmt Märchenwald oder Lügenpresse. Oder Reptiloidenfachwissen.

Wenn diese Entgiftung – vorausgesetzt, die Werbung hält sich an Jahrtausende altes Wissen statt an hastig zusammengeklöppelten Bullshit aus dem Marketing-Aushub – nun tatsächlich natürlich sein soll, warum sind die Mechanismen nicht längst bekannt? Warum werden evolutionär relativ junge Schädigungen wie Alkohol, Nikotin oder allseits beliebtes Mikroplastik, das sich übrigens nicht mit dem Stoffwechsel ins Benehmen setzt und eh nicht durch Pflanzenaufguss ausgekärchert wird, durch die seit babylonischer Weisheit bekannten Mittel behoben? Sind körpereigene Stoffe wie Eiweiße oder Basen weniger gefährlich für den normalen Metabolismus, und wenn ja, warum werden sie dann unter normalen Umständen regelmäßig aus dem Stoffkreislauf entfernt? Merkt die esoterisch verdübelte Schwurbelgurke irgendwann, dass sie sich in ihrer versaubeutelten Deppenroulette auf die falsche Kugel gesetzt hat? Haben Leber-, Nieren- und Hirnentlastung gleichzeitig die finale Last der Blutversorgung aus lebenserhaltenden Maßnahmen entfernt und der Brägen klötert vor dem Fest schon mal fröhlich ins Nirwana? Gar nicht zu fragen, fräst uns die Entgiftungskirmes auch Pestizide aus der Milz? Bollert’s die Hormone aus der Aorta? Nicht!?

So aber ist der ganze Säuberungswahn, der die Abführmittel- und Schlankheitsparanoia der letzten Jahrhunderte auf die Spitze schraubt, nicht mehr als eine willkommene Programmerweiterung für das drittklassige Programm der Frauenzeitschriften, die mit Melonendiät und Bio-Botox eine greinende Herde intellektueller Hinterwandinfarktopfer durch Hokuspokus von feixenden Scharlatanen an die Kasse dirigiert: Selbstoptimierungsgeballer, dessen Schuld nach alter Rezeptur natürlich die Opfer tragen, denn man hat ihnen nichts befohlen, man hat ihnen nur deutlich erklärt, dass sie ohne diesen Firlefanz nicht mehr würden überleben können. Sie pumpen sich halt ihr bisschen Restego auf, und wen solle es schon stören. Es ist der säkularisierte Ersatz einer Fitnessreligion, er funktioniert exakt wie ein interventionistisches Stoßgebet, das vor allem das Gewissen beruhigt – nur für den Augenblick, aber was erwartet man schon von einer religiösen Vorstellung. Irgendwann im Kalender stellt man fest, dass eine vordefinierte Art von Fehlverhalten durch Leistungsdruck kompensiert werden muss. Die einen greifen zum Superfood, die anderen zum Strick. Manche hauen sich Avocado in die Figur. Da wäre die Gesichtsmaske der schmerzfreiere Weg gewesen. Oder man gurgelt.





Mobilitätssicherung

11 11 2019

„Ach was, nix mit Karneval – die meinen das ernst! Und wenn die Bundesregierung tatsächlich mal etwas ernst meint, also im Bereich Verkehrswesen, dann ist immer erhöhte Konzentration gefordert!

Nein, ich rede jetzt nicht vom Feinstaubgehalt, ich rede von der Prämie für die E-Autos. Da denkt man auch erst, die haben wieder irgendeinen Ministerdarsteller mit billigem Fusel abgefüllt und ihn dann von ein Mikrofon gestellt, damit seine Notschlachtung als Aufräumarbeit durchgeht. Aber das ist wie mit dem Rettungsschirm, als damals der Euro am Verrecken war. War der ja gar nicht, ein paar Milliardäre haben nur plötzlich nicht sehr viel mehr Kohle gekriegt, als sie erwartet hatten, und da musste man dann ein paar Ausländer als Parasiten in der Währungsunion anpöbeln. So ist das heute auch, nur zahlen wir diesmal nicht direkt an die Autokonzerne. Als Strafe, dass wir sie beim Betrug an den Dieselkäufern ertappt haben. Und als eine Art Wiedergutmachung, weil diese Justiz immer noch so tut, als dürfte sie ohne Rücksprache mit der Bundesregierung Rechtsstaat spielen.

Aber egal, Sie wollen ja Ihren Bonus und haben hoffentlich auch alle notwendigen Unterlagen mitgebracht? Gut, dann wollen wir mal sehen. Die Entscheidung ist gefallen für ein Modell? Das ist eine sehr gute Wahl, lassen Sie mich das ruhig mal sagen. Deutsches Fabrikat. Die ausländischen sind qualitativ teilweise besser, aber auch nur zu einem geringen Teil. Die anderen? Die sind qualitativ sehr viel besser. Aber die hier sind halt deutsch, und das ist ja auch schon mal sehr schön. Die werden von den vielen, vielen Linksextremisten auch nicht so häufig abgefackelt, sagt der Verkehrsminister. Es gibt dazu zwar noch keine Untersuchungen, aber wenn er das sagt, stimmt das schon.

Wir müssen auch wissen, wo sie wohnen und wo Sie den Wagen einsetzen. Wenn Sie den Wagen nur da einsetzen, wo es keine Stromtankstellen gibt, ist das ja anders zu bewerten, als wenn Sie eine eigene Zapfsäule haben. Da entscheiden wir dann je nach Gefühl, ob sich eine eigene Steckdose lohnt oder ob Sie eine Stromtankstelle in Ihrer Nähe auf Kosten des Steuerzahlers bekommen. Manchmal ist auch das öffentliche Interesse zu berücksichtigen, aber das heißt nicht, dass es die Entscheidung auch immer positiv beeinflusst. Wir haben es hier mit Verkehrspolitik zu tun, und das ist viel mehr als nur Mobilitätssicherung. Das sichert auch Arbeitsplätze, zum Beispiel in Ministerien und Vorstandsetagen und an der Börse oder in einer Partei, und wenn Sie als Bürger sich da solidarisch zeigen, indem Sie durch Ihren Verzicht auf individuelle Vorteile einem Aufsichtsratsvorsitzenden seine ohnehin schon sehr dürftig bemessenen Boni sichern, dann haben ja alle etwas davon. Also im Aufsichtsrat dieses Konzerns, Sie verstehen schon.

Außerdem verbinden wir diese Prüfung auch mit der Vertrauensfrage. Sind Sie als Bürger und zukünftiger E-Autofahrer damit einverstanden, dass wir zu Deckung Ihres Energieverbrauchs in Ihrer Kommune Kohleverstromung fördern? Sie müssen jetzt nichts dazu sagen, Sie können das auch noch nachholen, wenn die neuen Kohlekraftwerke schon am Netz sind. Die Bedürftigkeitsprüfung wurde von uns auch bei den Kraftwerksbetreibern durchgeführt und hat eindeutig ergeben, dass deren Gewinne sich nicht so sehr gesteigert haben, wie sie es… ach so, das hatten wir schon. Deshalb müssen wir da auch pädagogische Maßnahmen einführen und den Strom für die Industrie ganz extrem billig machen und auf der anderen Seite für die Privathaushalte viel teurer, so dass die derart viel Strom einsparen, dass die Energiekonzerne quasi ausbluten. Wir wissen noch nicht, wie das funktionieren soll, aber wir können es ja wenigstens einmal versuchen, oder?

Ist das Ihr Zweitwagen? Was haben Sie sonst noch an Fahrzeugen? SUV? Eventuell Krafträder? Wir wollen ja auch zielbewusst fördern, das heißt wir müssen wissen, ob Sie überhaupt am Verkehr teilnehmen, weil Sie die Elektromobilität als beste Lösung für sich entdecken, oder ob Sie ein E-Auto nur als zusätzliches Transportmittel nutzen, unter Umständen sogar bloß als Statussymbol. Letzteres ist im europäischen Vergleich eher selten, aber das sind ja deutsche E-Autos auch, also schlagen wir da zwei Fliegen mit einer Drosselklappe.

Dann natürlich die Fahrzeugklasse. Sie könnten auch einen Kleinwagen kaufen, aber die werden nur von Herstellern angeboten, die ihre Modelle nicht mit überteuerten Dieselkarren quersubventionieren. Damit entfernen Sie diese Anbieter vom Markt und sorgen gleichzeitig dafür, dass die Betrugskonzerne sich die Gewinne, die sich schneller steigern, als… – Egal, jedenfalls sind die Jobs weg, der Verbrauch an Elektrizität steigt, und das bisschen Klimapaket können Sie sich da reinschieben, wo noch Platz ist. Vielleicht da, wo Sie bisher Ihre Windkraft-Aktien aufbewahrt haben. Es ist Ihre Entscheidung. Seien Sie vernünftig, oder schützen Sie unsere Industrie, wie man es von einem guten Staatsbürger für eine großzügige Spende erwarten kann.

Dann brauche ich hier eine Unterschrift, und hier, und hier auch. Damit versichern Sie, dass Sie Halter dieses Fahrzeugs sind. Schön, dann nehme ich das mal so auf, und wir melden uns, sobald wir wissen, wie sich die Bundsregierung entscheidet. Ach so, noch eine Formalität, ich bräuchte mal Ihre Verdienstbescheinigung. Bankkonten wären jetzt optional, Sie sind nicht arbeitslos. Oha, das sieht man auch nicht alle Tage! Selbstverständlich, Herr Direktor! Aber gerne, Herr Direktor! Machen Sie sich nur keine Umstände, Herr Direktor, das Geld ist schon unterwegs!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIX): Das Paradoxon des Glücks

8 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man sagt, es gebe überhaupt nur eine ehrliche Form von Bewunderung: Neid. Er war stets und ist noch die große Triebfeder, die den Hominiden mit immerhin tatkräftiger Aggression ertüchtigt, ein besseres Dasein anzustreben, Güter zu mehren, nicht eher zu ruhen, als die Übererfüllung des Plans es zuließe, um wiederum den Nachbarn, dem er nie das Schwarze unter den Fingernägeln gegönnt hat, vor Eifersucht in die Nähe einer Hirnembolie zu befördern. Das vom jeweiligen Sozialgefüge auf die eigene Person projizierte Prestige kommt fallweise noch dazu, bisweilen auch die Einbildung, es gäbe dieses Sozialgefüge überhaupt, kurz: einen Großteil der negativen Energie kanalisiert der gemeine Depp mit der unablässigen Tätigkeit, seine Nächsten aus reiner Bosheit auszustechen und sich selbst in den Vordergrund zu drängen, vollkommen gleichgültig, warum. Doch ist dieser Wohlstandsdrang je einmal ins Gegenteil umgeschlagen? Und funktioniert er in allen Fällen produktiv, wie es die Theorie fordert? Die Antwort ergibt sich aus der Frage.

Nicht jeder Wohlstand, sei er rein materiell als Vermögen oder fahrendes Gut greifbar, als Macht und Titel, Geltung oder Einfluss, macht auch so glücklich, wie es den Anschein hat; ab einer gewissen Stufe nivelliert sich das Seelenheil, es lässt sich nicht linear steigern wie der Umsatz eines Geschäfts, ja nicht einmal willentlich überdosieren. Bis zu einer gewissen Steigerung ist man glücklich, danach unglücklich, dass man nicht glücklicher wird. Noch sind die irdischen Ziele nicht gänzlich ausgeschöpft, der Fünft-SUV vor dem Dritthaus könnte noch immer mehr PS haben, die zehnte Zweitfrau einen teureren Drittpelz tragen oder besser zum Viertpelz der Drittfrau passen, aber es vermag die Liebe nicht zu vermehren, schon gar nicht die Zuneigung zu sich selbst.

Statt die Integration in die nächsthöhere Schicht anzustreben, weil man noch immer an das Märchen von der uneingeschränkten sozialen Mobilität durch hinreichenden Fleiß glaubt, beginnt der Depp sich nun weiter nach unten abzugrenzen und alles, was seine bisherige Situation ausgemacht hatte, mit System schlecht zu reden. Jeglicher Wohlstand, das Zufriedenheitsgefühl des Arrivierten zählt nun nicht mehr, weil die leise Ahnung dräut, dass es oben auf dem Berg irgendwann eng werden könnte, wenn es dort noch mehr Menschen mit nicht zu steigerndem Wohlsein geben sollte. Vor allem beginnt hier das Paradoxon zu wirken, die anderen, die nicht unter ähnlichen Bedingungen und möglicherweise mit mehr Anstrengung dasselbe Glück erlangt hätten, seien nicht durch Gerechtigkeit in diesen Zustand gelangt, sondern eben – durch Glück. Wer in einer kapitalistischen Weltordnung lebt, sollte nicht ganz ausblenden, dass rastlose Arbeit durchaus großen Reichtum erzeugt, allerdings nicht bei dem, der arbeitet. Besitz entsteht durch wenige, kurze Akte der Akkumulation, nicht selten durch den Vorteil, zur richtigen Zeit versterbende Verwandte in der Familie vorzufinden.

Nichts erklärt trefflicher, warum sich die Klötenkönige trotz einer stabilen wirtschaftlichen Lage sich nicht nach einer gesellschaftlichen und politischen Festigung sehnen, sondern Bürgerkrieg und Rassismus als Formen des selbstzerstörerischen Hasses zu einem Abwehrmodell gegen die eigene Lebenswelt schwiemeln. Wer mindestens seinen Zweit-SUV vor dem teilfinanzierten Einzelhaus in den autark zusammengezimmerten Carport stellen kann, der regt sich nicht über die Fettkarre vor der Nachbarwohnung auf; er schmeißt Brandsätze, weil er seine Weihnachtsreifen in der entchristlichten Abendlandswelt als Winterreifen kaufen muss. Es geht ihnen viel zu gut. Wohlstandsverwahrloste Waschweiber jammerlappen sich das bisschen Gemächt wund, weil sie langsam begreifen, dass die hedonistische Tretmühle sie um jede Steigerung ins Unermessliche zuverlässig bescheißt: es gibt keinen Weihnachtsmann, nicht jeder gewinnt in der Lotterie, wir werden alle sterben. Während der spätkapitalistische Hohlpflock noch weinend vor Wut tritt und tritt, sieht er die Unbilligkeit des Daseins, wie sie ihm in den dünnen Bart spuckt: der Bürgerkriegsflüchtling ist angstfrei, Erwerbslose schlafen unter der Woche aus, ein Aussteiger steigt einfach aus und ist nicht einmal mehr auf den Erst-SUV irgendeiner Knalltüte in Führungsposition neidisch. Hass!

Mit der Stillung grundlegender Bedürfnisse, die in der jeweiligen Situation auch als solche erkannt werden, lässt sich Wonne nicht mehr vermehren. In dieser existenziellen Erschütterung beenden viele ihre bürgerliche Existenz, meist durch Marschieren in die falsche Richtung, indem sie die alles umgebende Gesellschaft zu Klump hauen. Gut, auch so lassen sich in der Nähe zum Nullpunkt wieder ausgeglichene Verhältnisse herstellen. Am konsequentesten wäre es, diesen arg zweifelhaften Rotationsellipsoiden noch vor dem Durchschlagen der Klimakatastrophe kerntechnisch zu verseuchen. Keiner erbt mehr, ohne etwas dafür getan zu haben. Und seien wir ehrlich, wem würden das peinliche Selbstmitleid dieser Unglückspilze fehlen?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXVII): Die beschissene Mittelschicht

25 10 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Allons enfants de la Patrie. Möglicherweise haben Sie den Bus um ein paar Jahrhunderte verpasst, aber das macht nichts. Hinter Ihnen steht noch immer der Soziologiebeauftragte und bringt Ihnen schonend bei, dass Sie zwar irgendwie schuld sind, aber letztlich doch nichts dafür können. Sie vegetieren zwar zwischen Baum und Borke, nicht Hartz IV und nicht Ferrari, aber das hat Ihnen so keiner erklärt. Zu viele Fremdworte: Gesellschaft. Leben. Welt. Da kann man schon mal ins Schleudern geraten, wenn einem plötzlich Kollege Schwerkraft die Regeln vorturnt. Am Ende wird nun mal bezahlt, und wer soll schon bezahlen? Natürlich die Mittelschicht.

Grimms Märchen haben einen Nachfolger von Format gefunden: die Aufstiegslüge, nach der sich jeder bis zum Grad seiner endgültigen Kompetenz hochdienen kann, gespiegelt im Gehalt. Die Realität sieht meist nur den Aufstieg von Soziopathen vor, die sich mit dem verschwiemelten Aufbau und seinen Schleimstellen verbunden haben, aber das macht die Sache keineswegs besser. Was die im eigenen Status wurzelnde Arbeiterschaft angeht, so hatte sie nie den Dünkel des flachen Managements, das sich herausgehoben fühlte, wo es nicht sofort wieder in den Grund getreten wurde. Jeder von ihnen aber war antidiskriminiert: endlich nicht mehr als Arbeiter, als Bodensatz behandelt, endlich nicht mehr mit dem Verdikt überflüssiger Masse auf Schritt und Tritt konfrontiert. Wer nicht täglich vor der Mannschaft angepöbelt wird, bildet sich auch langsam Führungsqualitäten ein.

Die Tragik des allgemeinen Besitzes zeigt sich, dass auch hier nur die Großbürger an ihren anstrengungslosen Wohlstand glauben – wer andere beschimpft, nutzt ja nur das Vokabular, bei dem die eigene Claque steil geht – und also nur nach unten treten, während sie geflissentlich ausblenden, dass es auch oberhalb ihrer Schicht einen repressiven Keil gibt, der sie auseinander treibt. Natürlich macht man die Unterschicht verantwortlich für ihre eigene Lebensqualität, und flugs folgt das Mantra, sie sollten gefälligst etwas dafür tun.

Und so auch in der anderen Etage. Die von der neoliberalen Entwertung des gemeinen Individuums durchgezogene Propaganda, dass natürlich nicht die Erwerbsarbeit, sondern nur der im Shareholder Value durch die Schönheitsoperationen scheinende Flitter wirksam sei, trifft ausschließlich die untere Schicht; wenigstens scheint es so, denn nur die wird ausgetauscht, wenn die Zahnräder des vom Kapital gesteuerten Verschleißsystems nicht mehr im Takt quietschen. Sie kranken an den Symptomen, die die Zivilisation als Syndrom mit sich trägt, und das wird sich nicht ändern. Mit dem mitgemeinten Blick interessiert sich die Mittelschicht einen feucht interpretierten Fisch um die Mechanismen, sie stiert gläubig wie gelernt nach oben und lernt: nichts.

Wie sich noch Abgehängte in verdübelter Lage für kleckernde Ausläufer der Mittelschicht halten, so meint auch der durchschnittliche Steuerzahler, seine Last sei anerkannt, da er nicht zu den Kulis des Turbokapitals zählen will, obwohl er genau die Aufgabe hat: zu sein, als ob. Die konsumistische Gesellschaft erlaubt ihm ein kleines Glück, das durch Schnäppchen, Subventionen und allerlei Ersatzhandlungen atmungsfähig bleibt, gleichzeitig wird bei ihr abkassiert, und hier beginnt die Hetze der neoliberalen Eliten zu wirken. Während sie sich noch im Glauben, ein erfolgsunwilliges Prekariat in die Dekadenz zu mästen, abstrampeln um den Trostpreis, fällt ihr Erspartes wie durch Zauberhand stets nach oben, denn sie kann sich ihren Verpflichtungen nun einmal nicht entziehen. Auch Reiche fahren mit ihrem kostspielig betankten SUV auf den Straßen, sie ziehen es nur vor sich an deren Finanzierung nicht übermäßig zu beteiligen, denn nur so haben sie noch ausreichend Mittel, um sich Privatschulen für ihren Nachwuchs zu leisten. Um sich an krummen Geschäften zu beteiligen, die Steuerfahndung und Staatsanwalt eher zuckungsfrei durchgehen lassen, um nicht sofort nach unten durchgereicht zu werden, reicht nicht einmal das Ersparte, wenn es das überhaupt geben sollte. Kein Investmentdienstleister würde dem Klempner mit drei Angestellten einen verschachtelten Deal mit eingebauter Straftat vorrechnen, weil es sich für ihn nur lohnt, wenn die Fallhöhe erheblich über der Bordsteinkante liegt. Er will ja für den Rest seines Lebens Mittelschicht bleiben.

Der Mythos vom Geld, das arbeitet, hat ganze Generationen verdorben; nicht das Geld, seine Leibeigenen buckeln für die Dividenden, die die Vermögenden vermögend machen. Schon preist man der Mittelschicht den Lebensstil der Reichen an: seien Sie einfach wohlhabend, dann passt es schon. Verzichten Sie auf Brot und Butter, dann können Sie sich eine Eigentumswohnung leisten, die dann zwar nicht Ihnen gehört, aber so geht’s in einem durchschnittlichen Casino nun mal zu: am Ende gewinnt immer die Bank. Faites vos jeux. Rien ne va plus.





Wissenschaftlich korrekt

24 10 2019

„… nichtsdestoweniger prüfen lassen wolle. Ein Weltraumbahnhof sei für Altmaier eine zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland absolut notwendige und auf jeden Fall…“

„… nicht zufällig in Äquatornähe abgeschossen würden, da die Erdrotation den Raketenantrieb verstärke. Experten seien damit jedoch nicht bis zu Altmaier durchgedrungen, der bereits mit einem fertigen Konzept auf die…“

„… wolle auch die FDP das Projekt noch nicht gänzlich verwerfen, da in Zukunft sicher eine Technologie erfunden werde, die Deutschland durch gezielte Unterstützung der Plattentektonik näher an den…“

„… derzeit noch nicht klar sei, ob und wozu man einen deutschen Weltraumbahnhof überhaupt brauche. Aus dem Ministerium heiße es weiterhin, dieses werde man erst nach der Bewilligung der Bundesmittel prüfen, da sonst der technologische Anschluss an China und…“

„… dass Startanlagen für Weltraumflugkörper stets in großen, unbesiedelten Arealen gelegen sein müssten, um herabfallende Raketenstufen und Treibstofftanks nicht in der Nähe von Wohn- und Industriegebieten einschlagen zu lassen. Aus der Union heiße es derzeit, man könne Mecklenburg-Vorpommern aus bevölkerungspolitischer Sicht gut entbehren und könne auf das Bundesland auch…“

„… die technischen Mittel weder für den Bau noch den Betrieb einer derartigen Anlage in der Bundesrepublik gegeben seien. Allein die Abdeckung mit schnellem Internet sei im Vergleich zu anderen EU-Staaten eine…“

„… es zu Unfällen kommen könne, die eine besonders große Gefahr für Menschen in einem weitläufigen Umkreis darstellen würden. Es sei noch keine endgültige Entscheidung gefallen, da die Auswahl zwischen Bayern und Sachsen sich im…“

„… habe sich bei der Prüfung geeigneter Standorte versehentlich ein sicheres Endlager für Kernbrennelemente ergeben. Altmaier sehe die Schuld bei der Expertenkommission und habe der nordrhein-westfälischen Landesregierung absolutes Stillschweigen zugesichert, um die genaue Lage nicht an die Öffentlichkeit zu…“

„… wolle sich Scheuer neben der Schaffung eines lückenlosen Hochgeschwindigkeitsnetzes auch für die theoretischen Grundlagen zum Bau einer Weltraumstation einsetzen, die als erstes Flugobjekt vom neuen…“

„… protestiert habe, dass das Baugenehmigungsverfahren wesentlich von einem Brandschutzgutachten abhänge. Der BDI sehe die Möglichkeiten, in Deutschland große Investitionen zu tätigen, als zunehmend gefährdet und wolle durch seine Arbeit nun vermehrt Druck auf die…“

„… habe Karliczek an einem wissenschaftlich korrekten Globus festgestellt, dass auch von den Polen aus eine direkte Verbindung ins Weltall bestehe. Damit sei es theoretisch sogar von der Antarktis aus möglich, Flugscheiben in die…“

„… die private Weltraumfahrt in Zukunft ein wichtiger Wirtschaftszweig sein werde. Lindner verlange daher die sofortige Ausschüttung von Milliardensubventionen, da alles andere eine Bedrohung der Freiheit vieler wohlhabender Deutscher und deren…“

„… viele Arbeitsplätze entstehen könnten. Dies würde zahlreiche internationalen Spezialisten nach Deutschland locken, die sicher auf einen sehr herzlichen Empfang durch die…“

„… sehe Altmaier nur einen nationalen Alleingang als erfolgversprechend an. Alles andere könne in der derzeitigen politischen Situation der EU schnell zu einem riskanten und…“

„… plädiere auch die AfD auf eine Investition in einen Weltraumbahnhof. Weidel habe darauf hingewiesen, dass allein die Möglichkeit, den überflüssigen Plastikmüll in die Atmosphäre zu schießen, schon eine sehr gute…“

„… wolle Söder die Gesamtplanung einem Gutachterstab überlassen. Zuvor sei jedoch geplant, Verträge mit einem nationalen Konsortium von Flugtaxi-Anbietern zu schließen, die ab sofort für eine jährliche Zahlung von…“

„… würde ein Weltraumprojekt sich schnell refinanzieren. Bei nur drei Satelliten pro Tag und einer bemannten Rakete im Monat rechne das Bundeswirtschaftsministerium mit Amortisation innerhalb von weniger als hundert…“

„… dass auch Raketen in östlicher Flugrichtung gestartet werden könnten, was für den Bau in Polen oder Tschechien spreche. Möglich sei hier eine Kooperation gegen hohe EU-Subventionen, die auch im Falle des Abbaus sämtlicher Bürgerrechte nicht oder nicht vollständig…“

„… auch in Ballungsräumen problemlos möglich sei. Altmaier könne sich einen unterirdisch gelagerten Bahnhof genauso vorstellen wie einen kombinierten Transrapid-Weltraum-Shuttle, der beim Einsteigen in den Berliner Hauptbahnhof sofort in den…“

„… strebe Meuthen die Annexion von Kiribati an, um über eine Kolonie zu verfügen, die genau auf dem Äquator liege. Dazu liege der Inselstaat beiderseits der Datumsgrenze, so dass die Raketen immer einen Tag früher als…“

„… könne sich der BDI auch die Unterkellerung des europäischen Festlandes vorstellen. Altmaier habe versprochen, einen Projektplan noch in diesem Jahr vorzulegen, um den Investoren ein attraktives…“





Post-Moderne

22 10 2019

„… mit der geplanten Reform des Postgesetzes die Zustellung von Briefsendungen am Montag abschaffen. Die FDP setze sich eine für eine generelle Neustrukturierung des…“

„… müsse eine Zustellung laut EU-Verordnung nur an fünf Tagen erfolgen. Der Wirtschaftsminister sehe ein Optimierungspotenzial, da sich die meisten Briefsendungen am Samstag und Sonntag dann erst in den…“

„… sich die Anzahl der Kundenbeschwerden aktuell auf einen historischen Hochstand befinde. Die Deutsche Post AG sehe daher die Abschaffung der Montagslieferung mit großer Freude, da durch weniger Postsendungen logischerweise auch die Menge der Beschwerden wieder in den…“

„… könne für Lindner der Shareholder Value des Staatsunternehmens erheblich gesteigert werden, wenn durch die geplante Maßnahme der Personalabbau vorangetrieben werde. Denkbar sei auch, dass an den Wochenenden Briefkästen gar nicht mehr geleert würden, um so die Zuschläge für Arbeit an Sonn- und Feiertagen nicht mehr…“

„… begrüße auch Scheuer die Umstellung. Es sei für viele Deutsche sicher sehr entspannend, wenn sie gerade am Montag nicht mehr mit Briefen und Postkarten belästigt würden, so dass sich die Lebensqualität erheblich…“

„… gerade montags vermehrt E-Mails schreiben sollten. Eine Expertenkommission im Kanzleramt habe herausgefunden, dass die elektronischen Nachrichten bei einer Versendung spätestens am Samstag sicher im Laufe des folgenden Montags dem jeweiligen Empfänger auf dessen…“

„… auch Bücher- und Warensendungen oder Einschreiben betreffe. Lindner habe angeregt, dass sich internationale Investoren mit einem eigenen Auslieferungsservice in Deutschland ausbreiten würden, um einen Premium-Service für die…“

„… es in Deutschland ein erheblich besseres Zustellsystem gebe, das so in den anderen EU-Staaten und außerhalb Europas nicht zu finden sei. Um dies zu ändern, empfehle Altmaier eine…“

„… werde die FDP es der Post nicht verbieten, für eine Zustellung am Montag einen kostenpflichtigen Zusatzdienst einzuführen, der je nach Belieben auf den…“

„… die Formel für die Laufzeit eines Standard-Briefs ändern müsse, was jedoch nicht ohne die vorherige Zustimmung der zuständigen Kommission möglich sei. Es gebe fraktionsintern noch keine Einigung, die Union sei sich allerdings sicher, dass im Entscheidungsprozess weder der Verbraucher noch die Servicequalität eine nennenswerte…“

„… der Postverkehr zwischen Gerichten streng geregelt sei, da sämtliche Schreiben fristwahrend in Papierform zugestellt werden müssten. Scheuer wolle eine vollständige Digitalisierung und die Zustellung in ein besonderes Gerichtspostfach jedoch schon innerhalb weniger Jahrzehnte in den meisten verfügbaren…“

„… dass das Zustellpersonal, das montags die Premium-Sendungen ausliefere, sowieso im Einsatz gewesen wäre. Eine höhere Bezahlung und eine beschleunigte oder auch nur sicherere Lieferung sei daher von der Deutschen Post AG nicht zu…“

„… dass montags meist nur Privatsendungen zugestellt würden. Das Wirtschaftsministerium empfehle hier den Umstieg auf Messengerdienste, die mit einer Struktur von Sonderangeboten in der Lage sein müssten, die Kunden auch in Krisen vollumfänglich zu…“

„… würde die FDP sogar riskieren, durch einen geringeren Lieferzeitraum CO2 einzusparen. Dies bedeute für die Liberalen zwar eine erhebliche Einbuße an Freiheit, es sei aber gerade noch…“

„… plädiere Lindner dafür, an den betreffenden Tagen die Zusteller nicht nach Arbeitszeit, sondern nach der Anzahl der zugestellten Sendungen zu bezahlen. So werde der Geldgier der Angestellten ein Riegel vorgeschoben, bevor diese sich auf Kosten ihres Arbeitgebers schamlos…“

„… es das Problem gebe, dass die Deutsche Post AG als Quasimonopolist beliebig ihre Leistungen einschränken könne, ohne ihre Stellung auf dem Markt zu gefährden oder Konkurrenz dulden zu müssen. Die FDP-Bundestagsfraktion habe den Ansatz als absolut innovationsfeindlich bezeichnet, was ein sehr gutes Signal für die Märkte und den deutschen…“

„… die verbliebenen Briefe einfach am Samstag austragen könne. Altmaier lasse dabei offen, wie am Samstag aufgegebene Sendungen oder solche, die erst sonntags eingeworfen würden, bereits am…“

„… sei es in den städtischen Ballungsräumen auch möglich, die Briefsendungen jeweils am Sonntag zur Abholung bereitzuhalten. Es könne zwar nicht vorab informiert werden, ob für einen potenziellen Kunden eine Sendung bereitliege, dies könne jedoch vor Ort gegen eine geringe Gebühr nach wenigen Stunden…“

„… dass private Postanbieter am Montag ausliefern würden. Eine Integration in die bisher von der Deutschen Post AG betriebenen Leistungen sei denkbar, falls deren Personal die wesentlich geringeren Gehälter der privaten Konkurrenz als attraktiv ansehe im Vergleich zu ALG II oder einen anderen staatlichen…“

„… werde die Post durch eine Konzentration der Serviceleistungen auf weniger Arbeitszeit sogar noch wertvoller, was der Verbraucher auch mit einer Portoerhöhung honorieren solle, die dem Unternehmen für mehr Stabilität und…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXVI): Der Terror der Maschinen

18 10 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir hätten es verhindern können, aber wir waren nicht in der Lage, die Folgen unseres Tuns abzuschätzen, geblendet von den Möglichkeiten einer großartigen Zukunft. Kaum war das Rad als Prototyp entworfen, grübelten die beiden Tüftler aus der Werkstatthöhle schon über die nächsten bahnbrechenden Geräte nach. Kaum hatte der Hebel seinen Siegeszug angetreten, zeichnete sich am Horizont die physikalische Revolution ab: mit dem Keil betrat die Menschheit Dimensionen, die nie ein denkendes Wesen für denkbar gehalten hatte. Was waren wir behämmert. Hätten wir uns gemütlich auf den Baumwipfeln eingerichtet, der ganze Müll an Industrie, Technik und kundendienstbedingten Hirnembolien wäre nie passiert. Aber wir mussten ja unbedingt funkferngesteuerte Fensterläden vor unsere Doppelglasscheiben pappen, weil Vati beim Klappen immer die Füße einschlafen. So fing er an, der Terror der Maschinen.

Kaum war der durchschnittliche Haushalt mit Sanduhr und Schornstein ausgestattet, kamen auch schon die ersten Apparate: Eisschrank und Quirl, Klingel, Gaslicht und Flötenkessel. Ließ der Teppichroller dem Stubenmädchen noch halbwegs die Kontrolle über die Substanz der Mietsache, so schlug schon der erste Staubsauger, damals noch als Drucksaugblasschlucker mit Schlauchsystem von der Straße, hinter ihr die Türen zu. Das heulende Monstrum, das Katzen die Vorhänge hinauftrieb und mit einer immer zu kurzen Schnur Gestühl und Gerümpel umwarf, nach sich schleifte und Treppen hinunterschmiss, war nur als Vorstufe gedacht zu jenem perfiden Willkürgerät, das ganz nach Lust und Laune durch die Räume kreiselt, um sich dem Mieter, der mit dem Teebrett in Richtung Couch schreitet, tückisch ins Geläuf zu schwiemeln, damit dieser sich die Gräten bricht und ein Kilo Steingut samt Heißgetränk in der gläsernen Vitrine platziert. Die Machtlosigkeit des Hausherrn ohne elektrisch beheizbare Küchenrührer ist noch nicht verklungen, der soziale Abstieg für eine vierköpfige Familie mit nur sieben Großbildfernsehern in der Drei-Zimmer-Bude dräut noch unter der Decke, da bollert auch schon der Weltuntergang durch’s Fenster: die Fernbedienung ist im Eimer. Erst zwingt das Heer sinnlosen Geraffels den Gegenwartsmenschen in die schiere Abhängigkeit, weil kein Gemüse mehr ohne scharfkantiges Werkzeug aus der Dose will, dann kratzt episch eins nach dem anderen ab und hustet seine Seele aus über dem Schlachtfeld des verdämmernden Elektroschrotts. Im Durchschnitt besitzt eine normale Hausgemeinschaft mit Kindern im Teenageralter fünf Drucker, zehn Haartrockner, eine Brotschneidemaschine, drei Waschmaschinen, einen Wäschetrockner sowie einen ausgebauten Dachboden voller Küchenschamott, die nachts mit diabolischem Grinsen verabreden, wie sie am ersten Weihnachtstag in den letzten Vorbereitungen zum Familienmahl unter Qualm und Stichflammen elend verrecken. Jede Diskussion erübrigt sich, wer in dieser Beziehung den dominanten Part übernimmt.

Die Überwindung passiv-aggressiver Gewalt geschieht meist, wo die Maschinen ganz offen dazu übergehen, die Existenz ihrer humanoiden Sklaven zu gängeln. Hier übernimmt der Kühlschrank offen die Herrschaft über das Budget und erledigt die Einkäufe, ohne sich auf Diskussionen einzulassen, dort temperiert die Heizung das Wohnzimmer auf Saunaumgebung, um die tropischen Gewächse zu erfreuen, die smarte Steuerung dimmt Leuchtmittel und schließt die Jalousien bereits am Mittag, während die Badewanne sich automatisch füllt, auch dann noch, wenn der Wasserspiegel schon aus der Decke des Untergeschosses suppt. Das Haus lässt sich nicht mehr von innen öffnen, aber das macht dem Lieferservice nichts aus, der nutzt die sensorgesteuerte Klappe an der Kellertreppe – die Immobilie benötigt keine Bewohner mehr, um sich unauffällig marktgerecht zu verhalten.

Schwierig wird es, wenn auch das Auto sich zur autonomen Technikeinheit weiterentwickelt. In furchtbaren Vorstellungen knipsen Geheimagenten auf der Autobahn die Bremsen aus, navigieren die Karre auf den Standstreifen und zünden dann die Selbstzerstörungssequenz. Die Realität wird anders aussehen. Die Limousine wird statt ins Büro zu fahren am Morgen gemütlich die Türen verriegeln, auf die Umgehungsstraße abbiegen und sich lässig Wellness mit Hartwachs und Unterbodenschutz gönnen, während der Fahrer schreiend ins Lenkrad beißt. Vielleicht verabreden sich die Karren ja auch nach Einbruch der Dunkelheit und lassen sich an der Tanke mit Biodiesel voll laufen. Der Weg zur künstlichen Intelligenz ist kurz, wie lange es dann noch bis zum maschinellen Weltkrieg dauert, war bisher noch kein Thema.

Wahrscheinlich leben wir längst in einer miesen Cybersimulation, die sich ein Kaffeekapselautomat aus dem Wassertank gerülpst hat, schlecht sortierte elektrische Impulse in zufälliger Reihenfolge, und nur die eine oder andere Alkaloidbeimischung an Fest- und Feiertagen blitzdingst unsere Hirnmasse ausreichend für einen Reset, bevor der Schmodder wieder von vorne losgeht. Schönen Dank auch, Archimedes.