Im Auge des Betrachters

17 08 2017

„Der Verband wollte das so.“ Die junge Dame an der Fleischtheke unterdrückte ein Würgen, bevor sie sich umdrehte und schleunigst in Richtung Ausgang verschwand. Den Einkaufswagen ließ sie stehen. „Schade“, murmelte Kennichkeit, „aber wir kriegen das ersetzt. Hoffentlich.“

Mir war ein wenig flau im Magen, aber das lag wohl daran, dass ich schon seit einer Viertelstunde – anders als Kennichkeit, der seit drei Jahren in dieser Filiale arbeitete – diese Filmschleife sehen musste. Ein Kälbchen wurde in den Schlachthof geführt, vielmehr: mit Gewalt getrieben, nach einer halben Minute wurde das, was übrig geblieben war, fachgerecht zerlegt und unter Schutzatmosphäre in Plastikschalen verpackt. „Absolut hygienisch“, schwärmte der Fachmann, „wir könnten damit jeden Preis gewinnen.“ Direkt neben dem kleinen Bildschirm verkündete eine Tafel Hackfleisch im Sonderangebot. „Ist das nicht ein bisschen krank?“ Kennichkeit lächelte. „Ich bitte Sie – wachsen denn Ihre Schnitzel im Balkonkasten?“

Müßig zu sagen, wie das Eierregal ausgestattet war. Neurotische Hühner pickten sich gegenseitig die Schnäbel blutig, eingepfercht in dreckige Käfige aus scharfkantigem Metall. Zwischendurch sah man Mastgeflügel als gackernden Mahlstrom durch die Freilaufzonen treiben. „Das muss man natürlich auch sauber halten“, erklärte mein Begleiter. „Wenn Sie da nicht alles ausprobieren – aber sonst kann man die Preise von elf Cent im Einzelhandel nicht gewährleisten.“ Auch hier im Supermarkt wurde offensichtlich gespart; dieselben Aufnahmen liefen an der Kühltheke mit abgepackten Hühnerbeinen. „So versteht der Verbraucher die Zusammenhänge besser“, erklärte Kennichkeit. „Zumindest hoffen wir, dass er sie irgendwann bemerkt.“ Ich blickte angestrengt auf den Monitor in Augenhöhe. „Und Sie meinen, dass sich die Kunden überhaupt die Schockfilme ansehen?“ Er nickte. „Schauen Sie mal nach oben – genau da.“ Ich bemerkte die Kamera knapp unter der Hallendecke. „Blickerfassung. Wenn Sie nicht lange genug hingeguckt oder dabei die Augen geschlossen haben, dann öffnet sich die Kühltruhe nicht. Wir setzen schon auf zunehmende Messwerte, sonst hätten wir den Versuch nicht branchenintern so angekündigt. Aber kommen Sie, ich möchte Ihnen gerne ein paar überraschende Dinge zeigen.“

Der Gang ans Schokoladenregal erforderte hohe Konzentration. Drei Dutzend Marken mit einer schier unübersichtlichen Anzahl an Sorten waren bis in äußerste Griffhöhe gestapelt, dazwischen ein grellbunter Bildschirm mit Plantagenarbeitern. „Wir haben hier strikt produktbezogen gearbeitet“, gab Kennichkeit zu wissen. „die Kinder, die hier auf den Plantagen beschäftigt sind, ernten tatsächlich nur Kakaobohnen. Drei Viertel unserer Importe kommen aus Ghana und der Elfenbeinküste, wo die Quoten der Kinderarbeiter konstant steigen. Sehen Sie genau hin.“ Konzentriert betrachtete er den kleinen Bildschirm. „Sehen Sie? Etliche der Kinder sind fünf, sechs Jahre alt. Die Kosten sind gut zu beherrschen, und wenn Sie die Arbeitskräfte in so jungem Alter bereits einsetzen, werden sie auch nie in größerem Umfang wegbrechen, weil sie einfach für nichts anderes zu gebrauchen sind.“ Auch über dem Kaffeeregal waren die Bilder zu sehen. „Aber wie gesagt, rein produktspezifisch. Kakao, Kaffee, Gewürze, Schnittblumen, wir haben für alles einen eigenen Erzeugerweg, die Produktionsbedingungen sind jeweils anders. Bei den Blumen haben wir noch echte Sklaverei, rechtlose Frauen in Kenia und Uganda, die für 500 Tonnen Blumen pro Tag bis zum Hals in toxischen Dämpfen stehen und bei einem Arbeitsunfall entsorgt werden wie ein Stück Einwickelpapier.“ Er zupfte die Plastikfolie um die billigen Rosensträuße zurecht, auf dem Monitor sah man, wie sich eine Frau in zerrissener Schürze in einem Gewächshaus heftig auf den Boden erbrach. Die Blumen waren heute Nacht aus der Kühlhalle des Flughafens in einen Großmarkt verfrachtet und mit reichlich Nachlass verkauft worden; in wenigen Stunden würde die Filialleiterin sie in den Müll schmeißen, weil sie nur noch einen Tag lang haltbar waren.

„Sie meinen, das hilft?“ Kennichkeit blickte mich verwundert an. „Haben Sie das Konzept auch wirklich verstanden?“ „Warum denn nicht“, gab ich zurück, „es geht doch um Verbraucheraufklärung, oder? Oder!?“ Sein Lächeln hatte etwas Hilfloses, mit dem ich gar nicht rechnen konnte. „Natürlich, das ist schon korrekt, nur haben wir eigentlich einen ganz anderen Ansatz.“ Er zog mich am Arm, und leicht widerstrebend folgte ich ihm an die Kassen. Hier lagen Zigarettenschachteln in großen Drahtkörben. Kennichkeit griff ein Päckchen heraus und hielt es mir ins Gesicht. „Und?“ „Verstehen Sie denn nicht?“ Vielleicht fehlte mir der Humor, aber ich begriff nicht, was er von mir wollte. „Wenn Sie rauchen“, fing er an, aber ich musste bedauern: ich rauche ja gar nicht. „Wenn Sie rauchen, dann ist es Ihnen irgendwann egal. Sie haben es so oft gesehen, dass es Sie nicht mehr interessiert. Wir setzen auf die Abstumpfung des Betrachters. Meinen Sie nicht, dass das funktioniert?“





Brrmmm-Brrmmm

14 08 2017

„Das ist da aber nur für den Tundra GLS und die Sondermodelle mit Sportfahrwerk. Der Rest ist im Stadtverkehr vorbildlich, im Stau hört man den kaum, und wenn Sie den Savanna XL mit Benziner bestellen, der ist fast noch besser, wenn er nicht zufällig schlechter ausfällt.

Sie können gerne mal reinhören, wie laut die Dinger im Stand sind, wir haben hier jede Menge auf dem Parkplatz stehen. Da können Sie dann gerne mal eine Probefahrt machen, natürlich nur bei Schrittgeschwindigkeit – regen Sie sich ruhig auf, aber das schreibt die Straßenverkehrsordnung vor, und wir haben nicht vor, aus Sicherheitsgründen unser Personal zu gefährden. In Deutschland gehen wir mit dem Thema sehr sensibel um.

Also der Tundra GLS ist bei 50 Kilometern pro Stunde – und innerhalb geschlossener Ortschaften bewegen sich unsere Kunden auch nur mit dem Tempo, das wissen wir ganz genau, wir haben da nämlich zweimal nachgefragt in den letzten Jahren – bei 50 wie gesagt ist der gar nicht so laut. Der Eingriff in die Klappensteuerung und das mit den Rohren, die mehr oder weniger Störschall filtern, das kommt ja erst, wenn der Wagen schneller fährt. Aber das ist dann eben außerhalb geschlossener Ortschaften, und da frage ich Sie direkt mal: muss man in seiner Freizeit direkt an der Autobahn stehen und sich über die Geräusche aufregen? Das macht hohen Blutdruck, da atmen Sie am Ende noch zu viel Feinstaub ein, und niemandem ist damit geholfen. Außerdem stehen da eh schon die Lärmschutzwände, also können wir uns das auch sparen.

Klar, es gibt auch Grundstücke, die direkt an der Straße liegen, teilweise liegen die direkt an der Autobahn. Also wenn der Makler in der Anzeige etwas von optimaler Verkehrsanbindung schreibt, dann wollen Sie die Wohnung, und wenn auf der Straße aus Versehen Autos fahren, dann ist es Ihnen auch wieder nicht recht? Wie fliegen Sie eigentlich ohne Flugzeug? Und haben Sie keine Kinder, die mal auf den Spielplatz gehen? Reden Sie sich nur raus, das wird alles gegen Sie verwendet!

Jedenfalls ist das technisch gar nicht anders möglich, wenn Sie mit einem Auto, jedenfalls mit einem Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor, wenn Sie da schnell fahren wollen, dann müssen Sie eine gewisse Geräuschentwicklung einfach mit in Kauf nehmen. Und die ist nicht vollständig unerwünscht, die ist im Zuge unserer Mobilitätsgesellschaft zu einem unverzichtbaren Teil öffentlicher Sicherheit geworden. Stellen Sie sich mal jemanden vor, der auf der Straße – da wird nicht nur gewohnt, da bewegen sich Menschen teilweise auch außerhalb der Fahrgastzelle – einem Auto begegnet. Als kleines Kind, als alleinerziehende Mutter über 30, das sind so Zielgruppen, die wir unter unseren Kunden eher selten antreffen, die wollen doch eine möglichst frühzeitige und sicherheitsspezifische Warnung haben, oder? Da hilft ihnen der sonore Sound eines Zwölfzylinders, den ignorieren Sie nicht. Kann sein, dass die Fahrweise auch innerhalb geschlossener Ortschaften das akustische Bild der Straßen prägt, aber zumindest weiß man: wenn da was bollert, dann ist es ein Auto. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Unfallzahlen in einer vollständig auf Elektromobilität umgestellten Stadt aussehen.

Und dann natürlich das Fahrgefühl, das ist ja nicht nur das Lederlenkrad oder die elektronische Fahrdynamikregelung. Sie wollen auch dieses auditive Erlebnis, das mit Ihrem Auto kommt, dieses Brrmmm-Brrmmm, das ist wie ein Erkennungsmerkmal von Marke und Fabrikat, und das macht doch das Fahren erst zum Fahren, oder? Das geht bis zum Schallschwingungserlebnis, wenn Sie die Tür zuschlagen, da trennt sich Pappe von männlichem Stahl!

Das kann man auch regeln, wir hatten für den neuen Pampa Gran Tour ein ausgeklügeltes System mit Motoraufhängungsvarianten und zuschaltbaren Krümmern im Ansaugtrakt geplant, aber das Ding reagierte völlig falsch. An der Ampel macht das Teil einen Lärm wie eine Klimaanlage in Kabul, und auf der Schnellstraße müssen Sie alle paar Sekunden nachgucken, ob der Motor noch läuft. Schrecklich, sage ich Ihnen. Unsere Testfahrer hatten traumatische Erlebnisse, manche meinten, sie säßen auf dem Fahrrad. Das kann empfindliche Lücken in die Kundenbindung reißen, und wer erklärt dann dem Dobrindt, wo die Arbeitsplätze hin sind?

Übrigens verfolgen wir nur die offizielle Politik der Bundesregierung, und unsere Kanzlerin ist nun mal Physikerin. Der können Sie nichts vormachen, die weiß nun mal, wie physikalische Prozesse eben so ablaufen. Uran strahlt? Haste nich gesehn! Aus der Braunkohle kommt Kohlendioxid? Wer hätte das gedacht! Ein Explosionsmotor funktioniert mit Explosionen, schon mal gehört? Die Kanzlerin hat das offensichtlich zur Kenntnis genommen und allem Anschein nach hat sie es auch verstanden. Der muss man das nicht erklären, die versteht das von sich aus. Das liegt bei ihr an der Geschichte. Die war mal real-sozial-istisch, sozial ist weg, und mit dem Rest kommt man ganz gut klar. Also wir als Industrie, und das zählt doch, oder?“





Amnesie International

1 08 2017

„… nicht weiter verfolgen wolle, um so kurz vor der Wahl den inneren Frieden der Bundesrepublik zu erhalten. Die Christsozialen hätten dabei an eine vollständige Straffreiheit aller Beteiligten in sämtlichen Automobilkonzernen des…“

„… neu überdenken müsse. Das Auto sei auch ein deutsches Kulturgut, deshalb müsse die Politik mehr tun, um Fahren unter dem Einfluss des deutschen Kulturgutes Alkohol nicht mehr als…“

„… keinesfalls als politisch motivierte Tat anzurechnen sei. Seehofer habe betont, dass sich sein Vorstoß nicht nur auf Bayern, sondern auf ganz Deutschland…“

„… Devisengeschäfte immer strafrechtlich unangetastet bleiben sollten. Im Gegensatz zu Ladendiebstählen seien die Täter vor der Tat meist nicht vorbestraft, weshalb ihnen eine Strafe auch weiterhin nicht…“

„… den Straftatbestand der Steuerhinterziehung zumindest auf Landesebene sofort ersatzlos streichen wolle. Bayern werde natürlich mit gutem Beispiel vorangehen und alle…“

„… dürfe es zwar keine generell Straffreiheit für Dividendengeschäfte geben, die Bundesregierung und sei jedoch auf Wunsch der Banken gerne bereit, Nichtanwendungserlasse sehr individuell und grundrechtsschonend zu…“

„… eine bundeseinheitliche Regelung der Fahrtauglichkeit ausgedient habe. Seehofer lehne insbesondere für Bayern jede Obergrenze ab, da die Bevölkerung hier schon immer sehr viel vertrage und sich nicht zimperlich mit den…“

„… sei auch mit einer Verbesserung der Kriminalstatistik verbunden. Der große Anteil an Steuerstraftaten führe in gewissen Kreisen der Gesellschaft zu einem Makel, den zur Wahrung der sozialen Stabilität kein…“

„… Kombinationsdelikte einführen wolle. So sei nach Dobrindts Wunsch schwere, cyberähnliche Computerkriminalität, die mit einem Interwebnetz ausgeführt werde, automatisch dann straffrei, wenn sie in einem Kraftfahrzeug mit einem Alkoholpegel von mehr als…“

„… die Leistungserschleichung ausdrücklich von den Reformbestrebungen ausgenommen sei. Wer sich kein eigenes Kraftfahrzeug leisten könne, der begehe in Bussen und Bahnen schwerste Straftaten, die zulasten der Allgemeinheit und…“

„… die Wissenschaft seit Einstein verstanden habe, dass jede Geschwindigkeit relativ sei. Daher müsse die Beurteilung vor allem innerstädtischer Tempolimits endlich auf eine physikalische Basis umgestellt werden, die von Bayern aus…“

„… es sich außerdem um eine weit verbreitete und daher menschlich absolut nachvollziehbare Tat handele, die nicht auch noch durch moralisierende Vorwürfe erschwert werden dürfe. Scheuer und Hoeneß seien davon überzeugt, dass niemand besser als sie…“

„… zu den gefährlichsten Substanzen gehöre, deren Erwerb, Besitz und Gebrauch viel härter betraft werden müssten. Beispielsweise habe die Bundesregierung noch nicht genug getan, um den Cannabismissbrauch von Radfahrern, die jährlich mehr als…“

„… dass Grapschen auch außerhalb von Festzelten endlich als Kulturtechnik gewürdigt werden müsse. Zwar wolle Scheuer die generelle Straflosigkeit vorerst nur für deutsche Täter garantieren, er erhoffe sich davon aber eine rasche Versachlichung der…“

„… schwere und gefährliche Körperverletzung oder versuchter Mord noch immer eine zu große Rolle in der Statistik spielten. Aktionen, die aus Liebe zu Volk und Vaterland etwas aus dem Ruder gelaufen seien, könne man ab sofort mit mehr Toleranz und christlicher Barmherzigkeit als…“

„… sich Ampelphasen zum Beispiel durch die Rotverschiebung erst nach dem Quantensprung als Ordnungswidrigkeit herausstellten. Der zügige Abbau der Bußgeldverfahren sei für Seehofer ein Anliegen, das den Wissenschaftsstandort Bayern nachhaltig und…“

„… jeder Bürger des Freistaates das Recht auf eine Doktorarbeit habe. Die rechtlichen Hürden, so Hermann, müssten unverzüglich…“

„… nur dann verfolgen wolle, wenn der Grapscher objektiv den Eindruck gewonnen habe, durch seine Tat sei eine Frau sexuell belästigt worden. Dies könne für eine erheblich größere Rechtssicherheit im…“

„… Strafverschärfungen immer als sehr gut geeignet erschienen seien. Die Landespolitik wolle jedoch deutsche Fabrikate, auch wenn sie im absoluten Halteverbot…“

„… Diebstahl auch oberhalb gewisser Summen straffrei zu stellen, wenn es sich um den Träger eines politischen Mandats oder einen kirchlich…“

„… mit dem Tragen einer Polizistenuniform eine berufsbedingte Amnesie einsetze, die sich auf die Grundrechte sowie alle daraus abgeleiteten gesetzlichen Bestimmungen beziehen dürfe. Der Freistaat werde in enger Kooperation mit Sachsen eine Testphase für den…“

„… im Regierungsbezirk Oberfranken weiterhin gültig sei. Die aus Tunesien stammende Frau habe sonntags vorsätzlich ein frisch gewaschenes Laken in der Öffentlichkeit aufgehängt. Die Abschiebung müsse laut Scheuer sofort geschehen, um allen Einwanderern deutlich zu zeigen, dass in Bayern ohne Ausnahme Recht und Gesetz…“





Kundendienst

31 07 2017

„Das kennen Sie bestimmt noch von früher, oder? Der Chef sagt Ihnen, wann Sie Urlaub haben, die Bank sagt Ihnen, wie lange Sie verreisen, und Ihre Frau sagt Ihnen, wohin es geht! Hahahahaha! Das hat noch immer funktioniert, da haben wir unsere Marktlücke entdeckt, und zack! alles ist steuerbar, alles in Echtzeit, Sie können die einzelnen Sachen zuschalten und abschalten, das Abschalten ist ein bisschen komplizierter, aber im Grunde werden Sie mit unserem Angebot perfekt ausgerüstet.

Ja gut, man muss mit einer Lifestyle-Beratung auch irgendwo ansetzen, das ist so ähnlich wie ein Coaching für Unternehmen, nur können Sie es eben nicht von der Steuer absetzen. Und wenn ich mir da so Ihre Kleidung ansehe – ich nenne das jetzt mal Kleidung, das hat ja mit Mode so viel auch wieder nicht zu tun, immerhin kann man erkennen, dass es Nachkriegsware ist, aber diese Hemden: nein, bei aller Liebe, das ist nichts. Darum haben wir für Sie diese Funktion hier, das ist gleich mit Lieferung inklusive, Sie müssen nur Ihre Größe eingeben, also einmal am Anfang, dann kriegen Sie automatisch die Hosen, die Sie tragen sollten. Also das hier ist, verstehen Sie mich nicht falsch, aber das hat mein Großvater letztens noch gerne getragen, und der Mann ist seit dreißig Jahren tot. Die Farbe geht gar nicht mehr. Das sucht Ihnen die Sonderangebote raus, da müssen Sie gar nichts mehr tun, und dann haben Sie immer passend zum Hemd, wobei: Sie sollten mal an Ihrem Stil ein bisschen feilen, wir geben da noch so gewisse Einflussmöglichkeiten, aber Sie sollten es auch bitte nicht überreizen. Diese Sandalen sind nicht witzig.

Natürlich müssen Sie nicht immer die aktuelle Kleidergröße eingeben, die errechnen wir aus Ihren Körperfunktionen. Dass Ihnen dieser kleine Helfer die nötigen Planungen abnimmt, macht er ja nur, weil auf der anderen Seite Ihre Einkäufe, sagen wir mal: wir interessieren uns schon sehr dafür, was Sie essen. Da schlagen wir Ihnen gerne mal etwas Regionales vor, nachhaltig, das Gemüse direkt vom Erzeuger, da müssen Sie dann dreißig Kilometer für ein Pfund Bio-Rosenkohl fahren, aber das ist Ihnen der Cholesterinspiegel doch wert, oder? Kleines Trostpflaster, Rezepte kriegen Sie alle gratis, per Push-Nachricht, und dann checken wir sogar, wer in Ihrer Nachbarschaft den unverpackten Reis in Empfang nimmt, während Sie Rosenkohl holen. Sie müssen das Zeug dann nur noch essen. Wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch etwas bestellen, wir haben nämlich auch einige Kooperationen mit den wichtigsten Lieferanten, die Sie zwischendurch in der – ach, gucken Sie mal hier, gerade neu im Sortiment, Flatrate, da kriegen Sie Sushi satt vom Freitagmittag bis Sonntag um… ach, Sie mögen kein Sushi? also wenn schon Individualist, dann aber gleich richtig, wie!?

Und vor allem immer diese Kinoabende, in die Kneipe, das kann doch auf Dauer nicht gut sein. Sport müssen Sie ja gar nicht machen, wenigstens nicht mit diesem Modul, aber Ihr, ich sage mal: was Sie da als Freizeitverhalten bezeichnen, das ist für Marketingleute doch kurz vor der Zwangsneurose. Sie müssen mal raus, nicht immer dies langweilige Zeugs da, mal neue Erfahrungen machen, nicht immer dieselbe Leier, hier: Bogenschießen, aber mit mongolischer Technik, das ist noch nicht mal Volkshochschule, oder im Veranstaltungszentrum, lyrischer Abend mit Nasenflötenbegleitung, danach Diskussionsrunde zum achtsamen Miteinander bei vollem Lohnausgleich, das kann man sich doch mal geben? wann wollen Sie denn alle die Klamotten mal anziehen? So ein Sozialleben kommt ja auch nicht aus der Steckdose, seien Sie mal froh, dass Sie die richtige Unterstützung gefunden haben. Ich würde Sie ansonsten da einfach mal mit einbuchen, Sie können ja sonst einmal pro Woche immer noch ins Kino gehen, wenn Sie das wollen.

Und den neuen Job sollten Sie auch schon mal ins Auge fassen. Es wird Ihnen nichts geschenkt, das sollten Sie schon wissen, aber wenn Sie schon knapp über dem Durchschnitt leben, dann sollten Sie auch für Karriere in der zweiten Lebenshälfte offen sein. Gerade Sie mit Ihrem Beamtenstatus, da muss man doch geradezu in jeder Zelle spüren, dass das noch nicht alles gewesen sein kann! Da geht noch was, das kriegen Sie hin! Und denken Sie nicht immer an die Pensionsansprüche, Geld ist nicht alles – machen Sie trotzdem Karriere! Jeden Tag ein Berufsbild zum Kennenlernen, wir machen das mit der Bewerbung ganz automatisch, Sie müssen dann nur noch sehen, wie Sie das mit der Miete hinkriegen, wenn’s mal nicht mehr klappen sollte: Verkleinern ist durchaus eine Option, den ganzen überflüssigen Krempel kriegen Sie schon vor dem Umzug locker verlauft, wir haben den Kleinanzeigenmarkt standardmäßig aktiviert, die Fahrzeit ist natürlich variabel einstellbar, vielleicht haben Sie’s dann auch nicht mehr so weit bis zum Bio-Rosenkohl, und dann lernen Sie auch neue Leute kennen, neues soziales Gefüge, dann gehen die alten Schuhe natürlich nicht mehr, auf dem Dorf machen Sie sich damit nur lächerlich, und was die Freizeit betrifft, da sind Sie ab sofort natürlich sehr flexibel, auch in finanzieller Hinsicht, da sind dann sogar noch ein paar Extras drin, ich gucke gerade mal, wie es aussieht mit Tagesgeldkonten, oder haben Sie schon ein Depot? Eventuell Ihre, ich weiß ja nicht, haben Sie eine Frau? Freundin? ach, gar nicht?

Ich glaube, da habe ich etwas für Sie.“





Staatsbürgerkunde

26 07 2017

„Wenigstens ein kleines bisschen könnte man doch aber die…“ „Nein!“ „Sie müssen doch die Kosten im Auge behalten.“ „Interessiert mich nicht.“ „Aber die Kosten haben immer Vorrang bei Ihnen? wann hat sich das denn bitte geändert?“ „Jedenfalls nicht mit Werbung. Ich werde das nicht zulassen.“

„Denken Sie doch auch mal an die Kinder!“ „Das war mein letztes Wort. Keine Werbung in den Schulen.“ „Sie sind wohl gegen Werbung, wie?“ „Sind Sie gegen Bier?“ „Nein, warum?“ „Ich auch nicht. Trotzdem hat es an deutschen Schulen nichts zu suchen.“ „Typisch, wieder so ein Spießer, der die innovativsten Ideen ausschlägt, nur weil er mit der Ethikkommission so ist.“ „Quatsch.“ „Uuh, wie qualifiziert!“ „Werbung ist schlicht mit den Aufgaben einer staatlichen Schule nicht zu vereinbaren.“ „Sie wollen den Religionsunterricht abschaffen? bitte, nur zu. Ist nicht meine Karriere.“ „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ „Es handelt sich in beiden Fällen um…“ „Manipulation, wollten Sie sagen?“ „Das haben Sie gesagt! das lasse ich mir von Ihnen nicht unterschieben!“ „Mit dem Unterschied, dass das eine den Kindern ein Weltbild vermitteln will, welches auch immer, und das andere lediglich Konsumanreize wecken soll.“ „Das macht doch der Religionsunterricht auch, oder zahlen Sie keine Kirchensteuer?“

„Jedenfalls nehmen Sie Ihre Gutscheine mal wieder mit, und dann machen wir weiter in Ruhe Unterricht.“ „Dafür erhalten Sie im Kaufi-Markt ein kostenloses Geodreieck, und für den hier sogar einen Wasserball. Das ist wichtig, in Deutschland können immer weniger Kinder schwimmen.“ „Ich mache bei Ihnen also einen Mindestumsatz von fünf Euro, und dann kriege ich so ein lumpiges Stück Plastik nachgeworfen.“ „Damit können Sie Winkel messen, Sie können rechte Winkel und…“ „Egal.“ „… linke auch, ich kenne mich da nicht so aus, aber auf jeden Fall ist das kostenlos und…“ „Wie gesagt, wir wollen es nicht.“ „Aber die Kinder holen sich ihre Schokoriegel sowieso beim Kaufi, da kann man doch mit der Kundenbindung gar nicht früh genug ansetzen.“ „Verstehe, Sie sehen Ihre Maßnahme als Gegenbewegung zur Servicewüste Deutschland.“ „Richtig, Sie haben es erfasst! Man muss das Konzept Staatsbürgerkunde nur etwas wirtschaftsfreundlicher gestalten, dann hat auch die Binnenkonjunktur etwas vom…“ „Vergessen Sie’s.“

„Das mit den Plakaten brauche ich Ihnen dann wohl gar nicht weiter zu erläutern?“ „Ich habe es mir durchgelesen.“ „Oh, doch?“ „Schwachsinn.“ „Was spricht denn dagegen? Gucken Sie mal: Mehr Spaß am Sport mit…“ „Es gibt noch sehr viel mehr Marken, wir brauchen dieses Sponsoring nicht an der Turnhallentür.“ „Und was ist mit der Sporthilfe?“ „Das ist gezielte Förderung der Spitzenkader.“ „Sie wollen die Kinder, die das Beste sind, was wir der Zukunft zu bieten haben, ohne die Segnungen einer…“ „Kommen Sie zum Punkt, Mann.“ „Gerade die einkommensschwachen Schichten müssen doch gefördert werden, das hat sich die Sozialministerin auf die Fahne geschrieben. Nicht erst diese übrigens.“ „Dass Nahles mehrere Fahnen hat, weiß ich selbst.“ „Nein, ich meine…“ „Wenn wir sinnvolle Produktunterstützung für die Kinder bereithalten, haben wir die Gewährleistung, dass wir Chancengerechtigkeit herstellen.“ „Aha. Sinnvolle Produktunterstützung für den Unterricht hätte es nicht getan?“ „Wie soll die aussehen?“ „Sie könnten in die Schulen beispielsweise Turngeräte hinstellen, die Lehrkräfte in Supervision schulen oder in Talentförderung.“ „Umverteilung, das ist alles, was Ihnen dazu einfällt?“ „Umverteilung?“ „Wenn sich die Kinder aus einkommensschwachen Schichten diese Turnschuhe leisten wollen, müssen sie sich halt ein bisschen dafür anstrengen.“ „Ich sehe, Sie nehmen das mit der Staatsbürgerkunde ernst.“ „Wir wollen eben das Beste aus den Kindern herausholen.“ „Richtig. Ihre Kohle.“

„Dann jedenfalls schon mal herzlichen Dank für das Gespräch, ich werde mir den…“ „Nicht so schnell, können Sie nicht Ihre Werbespots noch mal zeigen?“ „Ich dachte, Sie wären gegen Werbung in der Schule?“ „Bin ich auch. Das heißt aber nicht, dass man nicht Werbung für die Schule machen sollte.“ „Wie soll das funktionieren?“ „Sie können Ihre Reklame ein bisschen umschneiden, und dann werden die Filmchen halt für Fremdsprachen oder Erdkunde. Oder überhaupt mal dafür, sich in die Schule zu begeben.“ „Und mit welchem Nutzen? Denken Sie doch mal nach, die Kinder müssen doch einen konkreten Nutzen sehen, sonst spricht sie die Werbung gar nicht an.“ „Schulausbildung. Lernen. Weshalb man eben in die Schule geht und nicht auf der Straße hockt.“ „Und wie bekommen wir dafür Sponsoren?“ „Sie arbeiten nur sporadisch mit der Wirtschaft zusammen, stimmt’s?“ „Sollen wir die Schüler etwas nur als bewusste Verbraucher bilden?“ „Wäre ein Anfang.“ „Aber wie verkaufen wir dann Kekse und Klamotten?“ „Indem Sie die Kinder frühzeitig zu vernünftigen Staatsbürgern erziehen, die genug für die Binnenkonjunktur tun.“ „Super Idee! Und das kriegen wir vernünftig hin?“ „Selbstverständlich, unter einer Bedingung.“ „Ja?“ „Halten Sie die Banken raus.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIX): Das Erlebnisgeschenk

14 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sicher mangelte es Ugas Weib entscheidend an der nötigen Kreativität. Nun feierte man seinerzeit eher selten tagesgenaue Geburtsdaten, doch konnte an Mondphasen und Sonnenstand einigermaßen gut nachvollzogen werden, wer wie alt war – nebenbei auch, wer noch wie lange bis zum Übergang in die ruhende Materie hatte, aber das ist eine andere Geschichte – und dies zog die entscheidende Frage für Sippe und Nachbarschaft nach sich: was gibt man jemandem, der angesichts epochaltypischer Güterknappheit eh schon alles hat? Die dritte Kette mit Eberzähnen? Noch einen Speer aus Hartholz mit bastumsponnenem Griff für die ergonomische Jagd? Pilze zum Lustigsein? Sie gaben sich redliche Mühe, allein es gelang ihnen nichts. Da hatte die Gattin den entscheidenden Gedanken: er allein sollte das Säbelzahnnashorn umnieten mit der alten Axt, am besten zum Wochenende hin, wenn eh alle in Grillfeststimmung waren. Die Sache sollte dann zwar schiefgehen – es gab Überlebende, allerdings nur in Gestalt des Säbelzahnnashorns – aber die Sache mit dem Erlebnisgeschenk war an sich gar nicht mal so schlecht.

Schließlich hatte man es dem stolpernden Typen mit der schartigen Machete angesehen, dass die Jagd ihm sichtlich Freude bereitet hatte, eine starke Erfahrung, die er mit der brutalen Wirklichkeit machen durfte, möglicherweise weniger schön als erwartet, auch nicht so romantisch-heroisch, wie es die alten Geschichten vor sich hin schwiemelten, blutiger, hier und da mit mehr Infektionen, Schmerz und splitterndem Gebälk verbunden, und sicher gab erst dies dem Manne das Gefühl, etwas empfunden zu haben. Wer sich Auge in Auge mit schnaubender Bestie sah, halb hilflos, halb heldenhaft, der erst kann wahrlich ermessen, wie der Eigenrausch der internen Botenstoffe die Synapsen ausknipst, herb und herzlich, dreckig und laut.

Vor allem dieses betreibt der maskuline Mensch – wer sonst sollte sich dieses Kindergekasper sonst wünschen – meist mit maschineller Unterstützung, bis der Gerichtsmediziner kommt, knatternd und selten niveauvoll, dabei doch erwartbar originell im Abgang, immer noch das Kinn voran, ob auf dem Bagger durch den Kies oder mit dem Kinn voran am Gleitschirm erst der Navigation folgend und dann dem Wuchs des Spannbetons. Die Nachfahren des Höhlenmenschen wollen partout von Sachen herunterhüpfen, über die Ebene brettern, Schneisen in die Flora kratzen oder einmal, einmal dem viel größeren Honk eine aufs Nasenbein zimmern. Wie sonst wäre der Gang der Zivilisation zu erklären, würde man ihnen Malen nach Zahlen, gewaltfreie Zivilistenküche oder achtsames Atmen beibringen. Die üblichen Kindheitsträume wie Lokfahren oder Mondlandung scheinen nicht mehr zu ziehen, das moderne Gegenstück, etwa die Fahrt auf den Wasserwerfer durch die Belegschaft der streikenden Fabrikarbeiter, bietet nicht den erwünschten Daseinsgenuss. Der Aspekt des Scheiterns ist nicht ausreichend repräsentiert, wiewohl er doch allem innewohnt, nur eben im Geschenk guckt ihm der Realitätsflüchtling nicht ins offene Maul. Zu gerne erlebt er den Tag als heizender Held, an dem man die Landschaft vorbeizieht – le sujet, c’est moi.

Dabei böte sich doch an, das Leben der jeweils anderen den Neugierigen als Abenteuer anzubieten. Wie schön, wüsche der geneigte Mann der Tat einen Tag lang Fäkalientags von innen, statt sich mit Steuerrecht zu beschäftigen, kletterte auf Windkraftanlagen oder stünde als Gemüseputzer tief im Bauch des torkelnden Passagierschiffs, ein Zwiebelspartakus, der noch höchst real davon träumte, nach der nächsten Schicht in den Sack zu hauen und sich die große Freiheit zu nehmen. Der wohlige Schauer der Erinnerung an den Adrenalinschub wird für den Rest des Lebens bleiben, ein entscheidender Einschnitt in der Vita der dekadenten Wohlstandsgören, denen es nicht mehr reicht, am Gummibändsel aus dem Helikopter zu baumeln, um sich die Pickel an der Skyline von Bad Salzuflen zu zerschmirgeln. Sie wollen mehr, und sie bekommen es, denn sie haben dafür gezahlt.

Eine neue Sklavenschicht hockt in den Gulags der Eventagenturen. Sie denken sich immer neue Höhepunkte aus, mit denen die Weichstapler ihre Existenzen zur Biografie umstricken können. Terroralarm in der Toskana, im Maserati durch Marokko, mit Doktor Kimble durch das wilde Kurdistan, Harry holt schon mal den Panzer und macht möglich, was bisher an der funktionierenden Impulskontrolle gescheitert war. Ist dies der Garant, dass nicht täglich Verstörte mit dem Sturmgewehr durch den Bundestag stolpern, dann haben die ereignisorientierten Stressoren dieser Gesellschaft schon einen großen Dienst erwiesen. Vielleicht klonen sie demnächst vorsintflutliches Getier, der spontanevolutionäre Schub wäre nicht zu verachten. Und wie träte man besser von der Bildfläche ab als mit dem Gesichtsausdruck der ultimativen Überraschung. So glücklich sind wir heute, aber das haben doch die wenigsten gehabt.





Etwas Ordentliches

10 07 2017

„Also erst Betriebswirtschaft und danach den Einzelhandelskaufmann? Abgebrochen? Ach so, beide nicht? Naja, das ist natürlich dumm. Sonst könnte ich Sie ja noch als Kundenberater ins Call-Center schicken.

Wieso haben Sie denn das Studium damals nicht weiterverfolgt? Weil Sie arbeiten mussten? Familie gründen? Das ist immer ziemlich schlecht, das habe ich hier mehrmals täglich, dass die Leute arbeiten wollen und Geld verdienen und Berufsausbildung machen und solche Sachen halt – damit hat man auf dem Arbeitsmarkt dann später keine Chancen. Das hätte ich Ihnen gleich sagen können, wobei: Sie waren doch damals beim Arbeitsamt, hat man Ihnen da nichts gesagt, also ich meine, hat man Sie da nicht gewarnt, dass so eine Berufsausbildung unter Umständen eine Sackgasse sein könnte, dass man damit seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt massiv… Ach so. Ja, wenn die Ihnen das raten, weil sie eine freie Stelle haben und Ihnen die Leistungen sonst kürzen, dann ist das etwas anderes. Da sind Sie sozusagen unverschuldet in Not geraten.

Diese Fortbildung, war das etwa Ihre Idee? was kostet denn das, Systemadministrator? Wie bitte!? Sie verballern hier zehntausend Euro von unseren Steuergeldern und reißen dann die Klappe auf, dass man Ihnen nicht sofort einen Spitzenjob anbietet? Und mit dieser parasitären Einstellung wollen Sie dann… – Selbst bezahlt? Wieso das denn? Von dem Geld hätten Sie mehrere Monate lang leben können, was hätten wir da an Arbeitslosengeld gespart!

Aber das ist so mit den Leuten, das habe ich hier ständig. Die setzen sich irgendwas in den Kopf, dann machen sie einen Eignungstest, am besten noch beim Arbeitsamt, und dann bilden die sich ein, nur weil sie eine Fortbildung machen können, seien sie auf dem Arbeitsmarkt besser positioniert. Man muss doch auch mal realistisch bleiben! Wenn ich mir ansehe, was die jungen Leute heute für Ziele haben, immer ins Ausland, Praktika hier, Projekte da, das kann doch auf Dauer nicht gut sein. Wenn Sie als Systemadministrator extra umgezogen sind, so mit neuem Job, anderes Berufsbild, was wollten Sie eigentlich erreichen? Wie, mehr Steuern zahlen? Das denkt man, aber das sagt man doch nicht!

Wir hätten hier natürlich auch so Sachen, die wären jetzt recht kurzfristig zu besetzen, wobei ich da mal nach Ihren beruflichen Erfahrungen sehen muss. Da wäre etwas in der Produktion, es geht um Frischmilch, das heißt es wäre aber eher im Bereich Reinigung. Also in der Industrie. Da könnte ich mir bei Ihnen einen Job gut vorstellen, Sie müssten da natürlich wieder umziehen, aber dafür ist es auch nur auf drei Monate befristet. Aber ich sehe gerade, der Personalchef will keine Akademiker haben, denen muss er alles immer so umständlich erklären. Tja, da hätten Sie mal lieber etwas Ordentliches gelernt und nicht Betriebswirtschaftslehre studiert, mit Ihrer Überqualifikation kann ich Sie da leider nicht vermitteln. Keine Chance.

Ich glaube Ihnen ja, dass Sie Autos reparieren können, aber ohne Qualifikation geht da nichts im technischen Bereich. Das ist nicht nur wegen der vielen Werkzeuge und Maschinen – also stellen Sie sich mal vor, Sie wollen da von jetzt auf gleich, also quasi in weniger als zwei Jahren sollten Sie an der Stanze stehen, das teure Metall, die Rohlinge muss man teilweise mit einem zehntel Millimeter Spiel rausnehmen, das ist echte deutsche Maßarbeit – das ist ja auch wegen der Verkehrssicherheit so. Dass Sie da an einem Pkw einfach mal Bremsschläuche montieren, das geht gar nicht. Wenn da der Druck vom Hauptbremszylinder nicht ankommt, dann verreißen Sie vor Schreck auch noch das Steuer und fahren geparkten Autos in die Tür. Was Sie da alles anrichten können! Das vergessen Sie mal ganz schnell wieder.

Wir hätten hier etwas in der Pflege. Das könnte ich mir ganz gut vorstellen für Sie.

Sie müssen sich halt vernünftige Ziele gesetzt haben. Nein, nicht setzen – gesetzt haben. Sie können doch nicht einfach so aus der Gegenwart die Zukunft beeinflussen wollen, das ist absolut unseriös. Aus der Vergangenheit die Gegenwart steuern, das geht. Aber sonst? Sie müssen auch mal wissen, wann Schluss ist.

Ich mache Ihnen einen Vorschlag: wir haben da doch noch den Niedriglohnsektor. Es muss ja auch einer Päckchen für Ihren Versandhändler packen, solange das noch kein Roboter macht. Oder die Burger für Ihre Mittagspause braten. Wir haben da ein besonderes Qualifizierungsprogramm aufgelegt, das Ihnen weiterhilft: die Dequalifizierung. Doch, Sie haben das schon richtig verstanden. Für die Bereiche, in denen wir noch Arbeitskräfte suchen, bieten wir eine gezielte Zurückbildung an. Bei manchen dauert das natürlich ein bisschen, aber wir wollen die Vollbeschäftigung ja auch erst in der überübernächsten Legislaturperiode hinkriegen. Bis dahin sind Sie vielleicht schon depressiv und haben sich aufgehängt, Kollege Krebs kam vorbei oder man hat Ihnen im Winter die Heizung abgestellt. Da lernt man auch etwas, und zwar fürs Leben.

Nein, war nur Spaß. Wir lassen ja niemanden zurück bei der Dequalifizierung. Auch solche Leute werden gebraucht. Es können nicht alle besonders klug sein oder erfolgreich. Warten Sie mal, hier ist gerade noch etwas reingekommen. Generalsekretär in einer großen deutschen Volkspartei, könnten Sie sich das vorstellen?“