Bullshit 100

21 08 2019

„Das übernimmt Spahn. Kramp-Karrenbauer hat in diesem Monat schon so viel Scheiße abgesondert, das reicht für ein ganzes Quartal. Und der Score ist bei ihm ja auch viel höher, das müssen Sie immer berücksichtigen.

’tschuldigung, der Praktikant macht das erst den zweiten Tag, dem muss ich immer noch über die Schulter gucken. In der Zentrale für politische Kommunikation müssen wir auch auf alle aktuellen Entwicklungen Rücksicht nehmen, deshalb braucht es ein bisschen Puffer. Lockere Planung, und wenn wir am Ende etwas übers Ziel hinausschießen, ist es nicht ganz so schlimm. Entscheidend ist halt, was hinten rauskommt, aber das wussten Sie ja sicher.

Also hier ist unsere multidimensionale Matrix, das ist eine Tabelle mit den unterschiedlichen Graden von Beklopptheit, das geht hier unten los, das würde ein normaler Mensch noch rauskriegen mit zu viel Schnaps in der Birne, und dann haben wir hier das Mittelfeld, und dann ist hier, wo es nach ganz rechts geht, aber das sehen Sie ja selbst. Das ist natürlich noch keine Wertung, aber Sie bemerken schon, wenn es um gewisse Personen in der Tagespolitik geht, die öfter mal in den Medien sind, weil das in deren Stellenbeschreibung halt so vorgesehen ist, dann haben wir hier schon eine Verschiebung von der Mitte weg. Meist nach rechts. Wobei das natürlich keine Wertung ist.

Jetzt müssen wir immer zeitnah disponieren, wie wir die Sollwerte erreichen. Da helfen uns inzwischen auch Algorithmen, die das Verhältnis vom jeweiligen Politiker zum Amt ausrechnen. Da haben wir auf der einen Seite den Innenminister, der ist normalerweise immer etwas zurückhaltend, man erwartet ja von dem Amt, dass da besonnene und kluge Leute sitzen. Auf der anderen Seite haben wir die Realität, und die heißt Seehofer. Rechnen Sie jetzt noch mal eben nach, dann wissen Sie auch, wer in dieser Woche noch Schlagzeilen braucht.

So, da haben wir jetzt einmal Verfassung 50, da könnten wir… könnten wir… Also wird sind ja nicht nur für die erste Garnitur zuständig, Minister und Parteichefs, wir arbeiten für alle Ebenen. Das könnte man irgendeinem Nachwuchspolitiker der FDP geben, haben wir da nicht einen? Das ist dann eine mittelschwere Äußerung, nicht unbedingt über verfassungsrechtliche Fragen, sondern einfach mit staatsrechtlichem Hintergrund. Ja, da haben wir’s, der soll die Mietpreisbremse als grundgesetzwidrig bezeichnen, das passt zur Kategorie und das passt zur Partei. Sie sehen hier die Gewichtung, bei dem ist es in der Mitte immer offen, bei der AfD gehen wir sowieso davon aus, dass nicht nur das Thema etwas mit dem Grundgesetz zu tun hat, sondern die Meinung auch per se verfassungsfeindlich ist. Deshalb hier diese Bündelung in der Mitte.

Die Instinktlosigkeiten sind auch recht flexibel handhabbar, meistens sind das so Äußerungen wie: ist der so doof oder tut er nur so? Es gibt natürlich auch hier Spezialisten, da sehen Sie eine Häufung bei Spahn und AKK, die können das in Perfektion, aber natürlich darf man das nicht nur für die beiden reservieren. Wenn Giffey zum Beispiel sagt, die Bürger seien ja eh zu dämlich, um Gesetze zu kapieren, dann ist das schon ein mittelschweres Kaliber. Für Klöckner haben wir dann eher diese hier, das ist der ganz normale Bullshit. Der tritt bei CSU-Mitgliedern gehäuft auf, wir dürfen ihn aber nicht nur auf die beschränken. Es ist ja eben keine Wertung, wenn wir das verteilen, und die Kategorie müssen wir rein mengenmäßig derart verwenden, da können wir uns gar nicht auf einzelne Parteien beschränken.

Ach so, warum wir das machen? Schauen Sie, so ein Spitzenpolitiker hat ein anstrengendes Leben, die müssen an Tagungen teilnehmen und Sekt trinken, die vielen Nebenjobs in Aufsichtsräten oder als Chelobbyistin für Nestlé, einigen von denen müssen auch regelmäßig die Bücher lesen, die sie angeblich geschrieben haben, damit sie die dann auf so einer Butterfahrt durch die Kaufhäuser unters Volk jubeln können, da bleibt meistens kaum noch Zeit für Politik. Wenn wir denen nicht regelmäßig vorschreiben würden, was sie zur Presse sagen sollten, dann käme da viel belangloses Zeug raus. Wir hatten hier mal einen, der hat als Staatssekretär ernsthaft gesagt, er könne sich zu einem Thema nicht äußern, er hätte davon keine Ahnung. Gut, der war auch schnell wieder weg vom Fenster, keine Ahnung, was der heute macht. Ganz sicher nichts mit Politik. Da müssen Sie in den Medien stattfinden, und das erfordert maximale Leistung.

So, da haben wir noch mal Bullshit. Scholz war ja schon dran, deshalb ist er für den Rest der Woche aus dem Schneider, und Bullshit 100 ist eigentlich für den auch eine Nummer zu groß. Ach komm, dann hau ich den jetzt noch mal bei Scheuer rein, das ist zwar inflationär, aber bei dem fällt ja ein 80-er schon unangenehm auf. Da kriegen wir wieder Stress mit der CSU-Parteizentrale, ob wir den aus Versehen haben ausnüchtern lassen. Das trifft sich auch gut mit den sachlich falschen Äußerungen, die haben wir hier gebündelt bei der FDP, das ist auch notwendig, wir haben ja Wahlkampf, und da muss man immer sehr viel versprechen. Nachorder? Das wird jetzt eng, wir haben da schon fast alles besetzt und können kaum noch reagieren, die meisten haben heute auch schon einen Eintrag, das sind alles 100-er, da könnten wir… Ach, scheißegal. Wenn ich auch sonst gerne auf die verzichten würde, aber dafür ist es doch gut, dass es die AfD gibt!“

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVI): Der IKEA-Effekt

9 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war Rrts Vater. Eventuell der Großvater. Länger lebte man seinerzeit ja nicht, um folgende Generationen noch selbst in Augenschein nehmen zu können. Jedenfalls war der Alte sehr zufrieden über den Jagderfolg des Juniors – Mammut vom Spieß, wie es sich gehörte, eigenhändig erlegt, gut abgehangen und vernünftig durchgebraten, kein TK-Billigfraß wie erfrorene Säbelzahnziege, die die Nachbarn aus den höher gelegenen Regionen der angrenzenden Hügellandschaft mitgebracht hatten. Dies aber merkte sich der Filius, dass jede Mühe Früchte tragen sollte und ein Ding mehr wert sei, wenn es mit der eigenen Hände Arbeit erschaffen respektive umgebracht wurde – und schon begann im Zuge der Evolution der Drang zu wirken, die Welt mit Artefakten zuzustellen. Noch gab es keine Bücherregale, die sich am krummen Fels der Einsippenhöhle entlang zogen, doch der IKEA-Effekt war seine ersten Schatten an die Wände.

So viel vermögen Menschen zu tun, wenn sie im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit aller Güter so wie alle Nachbarn sich eine preiswerte Stellage in die Bude kloppen, stapel- und abwasch- und verzichtbar wenigstens, was die ästhetischen Implikationen angeht. Für den Tischler hat keiner mehr die nötige Barschaft, und wer wüsste es schon zu schätzen, einen Biedermeier-Sekretär zu haben für die Blu-ray-Sammlung, wo doch Nussbaum so überhaupt nicht shabby genug aussieht. Während sich einfachere Gemüter den Kram aus Katalog und Sonderangeboten zusammenschwiemeln, zückt der unerschrockene Teilzeitheld den Innenkantsechser, bereit zu Splitter und Blase, und wuchtet zäh ein Mittelgebirge aus MDF plus Schraubenschrotttüte in den brökelnden SUV, rumpelt über Autobahn und Kopfsteinpflaster bis an die Butze, hievt den Schamott ins Dachgeschoss und beschließt nach der improvisierten Herz-Lungen-Wiederbelebung, noch am nämlichen Tage die Schrankwand hochzuziehen und die Vatikanische Bibliothek im obersten Bord einzulagern.

Alttestamentarische Flüche gellen durch den zuckenden Nachthimmel, während die manuell aus dem Althethitischen über Volapük und COBOL ins moderne Denglisch übersetzten Anleitungen dem Pionier der Holztechnik – bau auf, bau auf! – mit glasklarer Direktive ans Herz legen, die Schraube F33 in demm Löhlein zu bunzen, bis das Bunze nie der Ende von alles und tot. Doch auch das hat ein Ende, denn von siebzig versprochenen Schrauben F33 sind auch tatsächlich achtundsechzig in dieser Existenz manifest angekommen; flugs mutiert der Baumeister zum Statiker, der mit Glück und Gottvertrauen die beiden nicht als Sollbruchstelle qualifizierten Punkte des Pressspantrumms finden soll, um bei mangelhafter Armierung das Zeug in halbwegs lotrechter Verfassung in die Nähe des Rauhputzes zu bringen. Es gelingt, sieht natürlich auch bei unkritischer Betrachtung – wach, nüchtern und im juristischen Sinne zurechnungsfähig – derart scheiße aus, dass der beherzte Griff zur Axt die schmerzfreiere Variante darstellen würde, denn ist erst einmal ein Festmeter Taschenbücher in diesem Ding verkloppt, wird es kein Zurück mehr geben. Der letzte Nupsi ist auf die F33 gestöpselt, um den roh entgrateten Aluschrott wenigstens optisch an der Oberfläche zu kaschieren – es gab genau siebenundsechzig davon, aber das nur am Rande – und der Schöpfer betrachtet sein Werk, das ihn nur gut ein Dutzend Mal in die Nähe einer Hirnembolie gebracht hat. Es wackelt, was bei der windschiefen Aufstellung keiner geometrischen Erklärung bedarf, aber um nichts würde der Michaelangelo in der Mansarde sein epochales Schraub- und Dengelwerk wieder hergeben. Hier steht es nun, anders konnte er es nicht. Es ist, und es wird bleiben.

In gewisser Hinsicht läuft die Sache freilich aus dem Ruder. Nichts ist einzuwenden gegen die ab und zu auftretenden Versuche, die Backmischung durch Hinzugabe von etwas Milch und einem Ei in einen Eigenkuchen zu verwandeln, und wer seiner gebremsten Kreativität freien Lauf lassen will, wird mit Malen nach Zahlen sicher Erfüllung finden. Gefährlich aber wird der Hominide, wo er sich ohne Maß und Ziel ins Do-it-yourself-Abenteuer stürzt, jene Mutter der Materialschlachten im Krieg gegen Physik und Selbsteinschätzung. Nicht nur übersteigt die Mühe das sinnvolle Quantum, auch jeder Blick für das Ergebnis fordert und fördert kontinuierliche Wahnvorstellungen, wenn man das in die Gegend geklotzte Zeug am Ende auch noch als schön und wertvoll ansehen muss, obwohl ein bekiffter Primat mit Heißklebepistole und Sägeabfällen die Sache nicht signifikant schlechter hingekriegt hätte. Jene krude Selbstvergewisserung, mit der Kinder eine leicht am Tachismus orientierte Buntstiftetüde an der Kühlschranktür hängen sehen, führt unmittelbar zu der Erkenntnis, dass alles, was man schuf, mindestens göttlich inspiriert sein müsse. Vielleicht hätte man dem einen oder anderen Präsidenten in früher Jugend genug Schrauben in die Hand geben sollen. Oder ein Bolzenschussgerät. Die Welt, sie wäre ganz bestimmt eine der besten unter all den überhaupt möglichen.





Rasen für den Frieden

25 07 2019

„Man könnte ja auch gemeinnützige Projekte mit dem Geld unterstützen.“ „Der Parteinachwuchs könnte den einen oder anderen Euro schon gebrauchen.“ „Das war jetzt aber eher für die Allgemeineinheit gedacht.“ „Dann geht das Geld halt allgemein an den Freistaat Bayern.“ „Finde ich nur konsequent, der gehört ja eh der CSU.“

„Sie haben das vollkommen falsch verstanden, es ging doch bei der Maut um eine allgemeine Abgabe, die nicht mehr nur von Ausländern gezahlt werden soll.“ „Das finde ich nun sehr bedenklich.“ „Weil die Deutschen jetzt auch blechen müssen, richtig?“ „Das heißt, dass Deutsche keine Ausländer sind.“ „Das wird ja in den meisten anderen Zusammenhängen von den Christsozialen als durchaus sehr positiv angesehen.“ „Das heißt aber, dass wir jetzt alle Maut zahlen müssen.“ „Mussten wir doch vorher auch schon.“ „Sie meinen, hätten wir müssen.“ „Bei dieser Partei ist Erfolg sowieso meistens eine Sache des korrekten Konjunktivs.“ „Aber wir hätten es dann ja wiederbekommen.“ „Schwebt das Scheuer nicht vor?“ „Doch, aber er weiß nicht, wofür er das dann verwenden soll.“ „Sie meinen, außer für sich selbst.“ „Sie wollen doch nicht behaupten, er würde mit so einem Geschäft keinen einzigen seiner ehemaligen Parteifreunde versorgen wollen?“ „Würde ich nie tun!“

„Wie gesagt, als CO2-Maut könnte man sich das ja noch vorstellen.“ „Mir fehlt da jetzt der konkrete Zusammenhang.“ „Auf der Autobahn wird nun mal viel von dem Zeug ausgestoßen, da kann man dann auch die Folgen mit Umweltschutzmaßnahmen in den Griff bekommen.“ „Und warum wird dann nicht der Kraftstoff höher besteuert?“ „Sagen Sie es ihm?“ „Weil das ein Eingriff in die Autonomie der Bürger ist, die sich in ihrem eigenen Land auf ihren eigenen Autobahnen, die sie von ihren eigenen Steuern bezahlt haben, so fortbewegen dürfen müssen, dass ihre persönliche Autonomie zu keiner Zeit Einschränkungen erleidet.“ „Es ist ja schon schlimm genug, dass hier irgendwelche Stalinisten mit Tempolimits ankommen!“ „Das würde aber auch der Umwelt nützen, die uns ja schließlich auch allen gehört.“ „Was ist das denn für ein beklopptes Argument!?“ „Wenn Sie so für Steuern sind, von denen wir Autobahnen bauen, wieso sind Sie denn dann gegen Steuern, die Autobahnen erhalten?“ „Sie sind auch so linke Zecke, stimmt’s?“

„Was ich noch nicht ganz verstehe, wieso wird dann ausgerechnet mit Autofahren der Klimaschutz finanziert?“ „Als Anreizargument.“ „Klingt logisch, wenn man nicht immer mit dem Auto durch die Gegend fährt, pustet mal halt weniger Kohlendioxid in die Luft.“ „Und zahlt viel weniger Steuern.“ „Und muss die ja eigentlich auch gar nicht zahlen, weil es der Umwelt ja messbar besser geht.“ „Das klingt mir zu logisch.“ „Machen Sie sich nichts vor. Was aus einem CSU-geführten Ministerium stammt, enthält keine nachweisbaren Spuren mehr von Logik.“ „Das hatte ich auch schon befürchtet.“

„Es könnte ja durchaus interessante Ansätze jenseits des üblichen Umweltkrams geben, aber mir fällt gerade nichts ein.“ „Um noch mal auf das Thema der Parteienfinanzierung zu kommen, ich hätte da eine tolle Idee.“ „Behalten Sie die bitte für sich?“ „Erlauben Sie mal!“ „So eine Ausländermaut kann doc hauch ganz praktisch sein.“ „Wie soll ich mir das jetzt vorstellen?“ „Naja, wenn eine CO2-Maut gegen CO2 ist, wogegen ist dann wohl eine Ausländermaut?“ „Immer diese negativen Ideen, man muss doch nicht immer gegen etwas sein?“ „Rasen für den Frieden?“ „Fände ich jetzt nicht direkt sinnvoll.“ „Heißt das schon, die Idee ist CSU-tauglich?“

„Jetzt müssten wir aber noch mal klären, was das Ziel dieser Umweltmaut eigentlich ist.“ „Also wenn ich das richtig verstehe, ist die dann gegen die Umwelt?“ „Das wäre dann doch zu einfach.“ „Ich würde sagen, man kann damit die Folgen des Autoverkehrs auffangen.“ „Und wenn man sehr viel fährt?“ „Dann ist das natürlich großartig für die ganze Umwelt, keine Frage.“ „Könnte man nicht gleichzeitig auf Elektromobilität umschwenken und dann die Mauteinnahmen trotzdem für den Schutz des Klimas verwenden?“ „Da befinden wir uns dann möglicherweise im Bereich der illegalen Querfinanzierung.“ „Ich dachte, mit solchen Sachen kennen sich Leute wie Scheuer und Dobrindt auf professionellem Niveau aus?“ „Also das kann man so auch nicht sagen.“ „Wie denn?“ „Naja, anders ausgedrückt halt.“ „Aber logisch ist das doch auch alles nicht.“ „Man könnte ja die Steuern gleich mal erhöhen, um das auszuprobieren.“ „Dann trifft es aber alle.“ „Also auch die kleinen Leute?“ „Das wäre für ein CSU-geführten Ministerium kein Hinderungsgrund, die schrecken eher zurück, wenn es ausschließlich die großen Leute betrifft.“ „Aha.“ „Aber bei einer Steuererhöhung haben wir die höchsten Einnahmen.“ „Wenn man das denn so will, ja.“ „Wollen wir das denn?“ „Ich finde das doch ganz logisch.“ „Logisch jetzt im normalen Sinne oder CSU-geeignet?“ „Wenn man die Steuer erhöht, um dann wieder eine Besserstellung der deutschen Autofahrer zu erreichen, dann ist das doch gar nicht so schlecht?“ „Man muss sie dann nur stark genug anheben, dann kann man auch richtig viel zurückzahlen.“ „Genial!“ „Da würde ich doch sagen, die Steuer wird sofort derart erhöht, dass wir sie durch die sofortige Rückzahlung quasi abschaffen.“ „Großartig!“ „Super!“ „Und da soll noch einer sagen, Scheuer verstehe nichts von Verkehrspolitik.“





Für eine Handvoll Euros

23 07 2019

„Es ist ja ein moralisches Dilemma, da gebe ich Ihnen durchaus recht. Diese vielen, vielen jungen und motivierten Menschen, die da aus den ärmsten Verhältnissen kommen, die suchen ein besseres Leben und müssen diese gefährliche Überfahrt auf sich nehmen, und wer das Mittelmeer kennt, der weiß schon, dass das eine ungeheure Gefahr ist. Wir können uns ja nicht einfach so verweigern, aber das ist gerade die Gefahr: was fangen wir da an?

Sie müssen mir jetzt nicht mit irgendwelchen moralischen Vorträgen kommen, Fluchtursachen bekämpfen und so, denn das machen wir ja gerade. Es sind so viele Menschen da irgendwo in Afrika, die mit ein paar Dollar am Tag gerettet werden, ach was: denen man mit diesem bisschen Geld Hilfe zur Selbsthilfe geben könnte, damit sie sich eine gute neue Existenz aufbauen. Das müssen wir aus historischer Sicht schon tun, das ist ganz klar, und wir wollen uns davor auch gar nicht drücken. Und wir wollen auch keine rechtskonservativen, ach was: dieses ganze nationalbesoffene Gefasel, die müssen schon in Afrika Asylanträge stellen, damit wir die ablehnen können, am besten schon in den Konzentrationslagern an der afrikanischen Küste, das lehnen wir entschieden ab. Das ist mit der deutschen Industrie nicht zu machen.

Mit der deutschen Rüstungsindustrie schon gar nicht. Wir sind moralisch absolut unbestechlich, das müssen Sie uns jetzt einfach mal glauben, und wenn Sie das überfordert, dann kann ich das nicht ändern. Diese vielen Menschen kommen zu uns nach Europa und speziell in die Bundesrepublik, und wir müssen ja dafür sorgen, dass wir das unterbinden. Indem wir Fluchtursachen bekämpfen, allem voran die Perspektivlosigkeit durch viel zu wenig Jobs in den Heimatländern. Da haben wir uns gesagt, also vielmehr: einer von uns, der hat so eine links eingestellte Tochter, und die rennt immer mit so einem Aufkleber auf dem Rucksack herum, wenn keiner zum Krieg geht, kommt der Krieg eben her. Ist auch durchaus kundenfreundlich irgendwie, finde ich zumindest, dass man den Afrikanerinnen und Afrikanern eine gut Perspektive eröffnet, denn das ist eine klare Botschaft: Beschäftigungsgarantie für alle, solange der Krieg hübsch weiterläuft.

Das muss man jetzt nicht lange diskutieren, das versteht so ein Afrikaner eh nicht. Die hocken da auf den Bodenschätzen und wundern sich, warum man bei denen gerne mal ein bisschen buddelt für Stabilisierung und Wachstum an der Börse. Deshalb haben wir den Krieg, das heißt die Rüstung, gleich zu denen ausgelagert. Alles vor der Haustür. In der Sahelzone ist ja genug Platz, gut, der Anfahrtsweg ist etwas sandig, aber wir kriegen die Rohstoffe per Luftfracht, und der Afrikaner muss sich nicht beschweren. Die wurden da geboren, dann kommen die mit der Landschaft auch irgendwie zurecht.

Überlegen Sie doch mal, was das für ein technologischer Fortschritt wäre! Also der Afrikaner ist nicht gerade für große Erfindungen bekannt, der kann ja gerade mal aus europäischem Müll neue Konsumgüter für seinen doch recht überschaubaren Bedarf erstellen. Das ist zwar betriebswirtschaftlich durchaus interessant, die DDR hat damals meines Wissens nach die letzten zwanzig Jahre lang auch nur überlebt, weil bei denen russische Mechaniker aus einem massiven Block Gusseisen, der trotz planwirtschaftlicher Sorgfalt gegossen wurde und dann in der Gegend herumstand, mit der Nagelfeile eine funktionsfähige Lokomotive herausgefräst haben. Das ist noch Qualität, das hat man denen auch lange genug beigebracht. Und genau da setzen wir jetzt an.

Dass wir unsere Rüstungsproduktion jetzt direkt in die Abnehmerländer verlagern, hat natürlich auch einen nicht zu unterschätzenden ökologischen Aspekt, jetzt müssen wir die Rohstoffe nicht immer um den halben Globus karren und dann die Endprodukte wieder zurückschicken. Das spart jede Menge Kohlendioxid. So gesehen können wir uns vor unseren Kritikern auch aus der jungen Generation sehr gut rechtfertigen, dass wir gesundes Wirtschaftswachstum und tatkräftigen Umweltschutz miteinander verbinden. Und dazu noch die Entwicklungskomponente – wir schaffen Arbeitsplätze, viele Arbeitsplätze für Menschen, die sonst die Region verlassen würden. Ich weiß, was Sie sagen wollen, das wäre eine großartige Idee für den Osten, aber die Subventionen reichen da nicht aus, um die Aktienkurse stabil auf Wachstum zu halten. Hier bekommen wir die Rohstoffe viel preiswerter, und die Arbeitskräfte sind natürlich unschlagbar billig. Was die hier für eine Handvoll Euros machen, unglaublich!

Selbstverständlich knüpfen sich auch ein paar geostrategische Überlegungen daran, so völlig uneigennützig kann man ja gar nicht sein. Stellen Sie sich mal vor, die Bundesrepublik ist der größte Arbeitgeber in Nordafrika, daraus ließen sich doch dann auch gewisse politische Ziele ableiten. Da könnte man doch dann, so als alter Wüstenfuchs, in die Stabilisierung der Region investieren, und zwar gleich durch den Einsatz der relevanten Produkte. Da kann sich die Bundeswehr dann mal ordentlich austoben, Platz genug haben die ja, der Russe hat nichts dagegen, der Ami bleibt sowieso in jedem Sandkasten stecken, und Deutschland hätte endlich wieder seinen wohlverdienten Platz an der Sonne. Ist das nicht eine bezaubernde Vorstellung?“





Luhmann

17 07 2019

„Es liegt vor allem an den Personalkosten. Wenn Sie heute Geld sparen wollen, und das müssen wir ja alle, weil wir müssen ja alle Geld sparen wollen, dann spart man am meisten am Personal. Wir sind da schon auf einem sehr guten Weg, das sehen Sie ja, denn nirgends wird so viel gespart wie am Personal. Gehen Sie mal in ein Krankenhaus, dann merken Sie das sofort.

Naja, gehen müssen Sie nicht. Wenn Sie nicht mehr gehen können, dann kommen Sie auch ins Krankenhaus, und da merken Sie es erst recht. Wir setzen ganz konkret die besten Sparmaßnahmen um, damit Sie davon nichts mehr merken. Das heißt, wenn Sie nicht mehr gehen können, dann merken Sie das schon. Das ist wie mit der Notaufnahme, wenn Sie da lange genug sitzen, dann ist es meistens gar nicht so schlimm. Deshalb lassen wir Sie halt lange im Krankenhaus sitzen. Oder Sie müssen ein bisschen weiter gehen, weiter fahren, meinte ich natürlich, fahren, und wenn Sie dann überleben, dass haben Sie das Krankenhaus gar nicht so nötig gebraucht, und wir können es auch wieder schließen. Je mehr wir weniger Krankenhäuser haben, desto weniger haben wir mehr Kranke.

Wir können ja die ganzen verbliebenen Kliniken mit Pflegern aus dem Kosovo ausstatten, das spart dann auch ein bisschen Kohle bei den Häusern, die wir nicht wegputzen. Das hält sich dann vom Niveau her ungefähr die Waage, die kosovarischen Ärzte sind ungefähr auf dem Niveau der jetzigen deutschen Pfleger – Preisniveau natürlich, die werden deshalb ja nicht als Ärzte eingesetzt, das wäre der deutschen Ärzteschaft gegenüber sehr unfair, weil die sich daran gewöhnt hat, dass es zu wenig von denen gibt, und deshalb sind die Gehälter so niedrig und die Arbeitszeiten so mies. Ist ja klar, weil es halt so wenig Ärzte gibt, da muss man eben viel arbeiten, und wer viel arbeitet, der verdient nichts. Das ist ein schichtenspezifisches Problem, davon versteht man als Arzt eh nichts.

Es ist ja auch nicht ganz unumstritten. Bei den Rechten heißt es schon wieder, die Regierung will damit die Umvolkung steuern – die arabischen Invasoren sind jünger, also wesentlich robuster und weniger krankheitsanfällig, also brauchen die nicht so oft medizinische Versorgung. Stellen wir jetzt die medizinische Versorgung zum großen Teil ein, wer überlebt da? Natürlich die Bevölkerung, die uns aus dem Geburtskanal heraus imperialisieren will, ist doch klar. Jetzt müssen Sie nur noch im Gedächtnis haben, dass Spahn Verteidigungsministerin wird, dann verstehen Sie auch, warum wir so eine miese medizinische Versorgung haben. Vielleicht als Rache für den Kosovokrieg, man weiß es ja nicht.

Kennen Sie die Systemtheorie? Luhmann, das ist so ähnlich wie Adorno. Das hat auch nichts mit Krankenhaus zu tun. Aber Systemtheorie heißt, die Krankenhäuser haben vor allem die Funktion der Selbsterhaltung – Sie kennen das aus der Politik, wenn einer für sein Amt so gar nicht geeignet ist und Gesundheitsminister wird, obwohl er schon vorher für gar nichts geeignet war, dann wird er halt irgendwas anderes. Das ist jetzt alles ziemlich kompliziert, aber so funktionieren die meisten Ämter, und was sind Krankenhäuser sonst? Wenn die Krankenhäuser nur dazu da sind, dass es immer genug Kranke gibt, weil ja so viele Krankenhäuser da sind, dann muss man etwas unternehmen. Dann muss man diesen Nachschub einfach unterbinden, und man unterbindet den Nachschub an Kranken am effektivsten, wenn es gar nicht ausreichend Krankenhäuser gibt. Ich meine, das ist doch nur logisch? Was können wir denn dafür, dass sich die Ärzte nicht mit Luhmann beschäftigen wollen?

Wir könnten das jetzt auch systematisch in den kritischen Bereichen fortführen, wenn wir das nötige Geld hätten, das so eine Restrukturierung kostet. Wenn wir den Bildungsmangel bekämpfen wollen, schließen wir einfach die Schulen. Wenn wir zu viele Arbeitslose haben, machen wir sofort mal die Bundesagentur zu – die müssen sich dann nicht mehr mit dem Gedanken quälen, wie man mit ein paar hundert Euro über den Monat kommt, wenn es die paar hundert Euro gar nicht mehr gibt. Klingt doch auch logisch? Polizei dezimieren gegen zu viel Kriminalität, das ist auch ein Erfolgsmodell. Leider kollidiert das mit der Maßnahme gegen Arbeitslose. Da muss man sich als Leistungsträger schon mal mit einer privaten Schutztruppe helfen, aber auch das ließe sich irgendwie herleiten. Je weniger Kontrolle über den Sicherheitsapparat, desto mehr Demokratie und Bürgerrechte.

Aber es funktioniert halt nicht überall, das ist schon richtig. Weniger Waffenexporte, weniger Militär, und schon haben wir mehr Frieden – das ist so ein beliebter Denkfehler, den man als Anfänger immer macht, wenn man sich mit Systemtheorie beschäftigt. Ist ja schließlich eine Theorie, also warum sollte man die in die Praxis umsetzen? Das wird Spahn aber auch noch merken. Wollte ich nur schon mal gesagt haben.

Nein, mal im ernst. Wir müssen doch den Sachen ins Auge blicken, und in unserer modernen Welt ist das ja völlig aus dem Ruder gelaufen. Wenn Sie einen durchschnittlichen Fall betrachten, Unfall oder vielleicht eine chronische Erkrankung, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf, Krebs, wo stirbt man denn da? also meistens? Wo ist denn da Endstation, wissen Sie das? Und was denken Sie, wie kann man denn die Überlebenschancen für Schwerstkranke signifikant steigern? Kommen Sie selbst darauf?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXI): Geschlechtsspezifischer Sport

5 07 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sache ist historisch einigermaßen jung und brachte doch ihre Geschichte mit. Turnte der Mann, so zur Erhaltung der Wehrfähigkeit, und schwang das Weib Brust und Keule ausnahmsweise nicht in der Küche, dann aus Kraft durch Gebärfreude. Hier und da wurde die Leibesertüchtigung beiden zum geschätzten Lebensinhalt, Ersatzreligion, endlich zum Wirtschaftsfaktor. Man kann sich nicht einmal in Ruhe den Körper stählen, um bis ins hohe Alter noch reproduktionsfähig bei simultan strauchelnder Hirntätigkeit zu erscheinen, schon kommt der Hammer, der die Mode streng geteilt: kein Herr ist im Synchronschwimmen gerne gesehen, eine Dame im Bodybuilding allenfalls geduldet, und auch das nur unter olympischem Augenringen. Sport ist und bleibt geschlechtsspezifisch, weil er in einer binären Welt seine gesellschaftlichen Funktionen bekam.

Schon beim Turnen selbst zeigt sich in der Auswahl der Geräte, was Mann kann und was Frau darf. Die Gelenkigkeitsübung am Stufenbarren und noch mehr der Flohzirkus auf dem Schwebebalken drücken dem Sport das Gepräge einer ästhetisch anzuschauenden Geschicklichkeitsveranstaltung auf, während die rohe Fliehkraft an Ringen und Reck ganz im Sinne des Turnvaters nationale Kraft- und Achselschweißentfaltung zeitigen zur Abwehr der Feinde des Reiches. Was muss sich nur der durchschnittliche Faschist denken, wenn er mehr männliche Härte für die Völkerschlacht fordert und dann nichts als Frauen findet beim Reiten, Schießen und beim Biathlon, der deutschesten Sportart: Ballern und Wegrennen.

Seit längerer Zeit spielen Frauen ohne fremde Hilfe Fußball, auch wenn es ihnen an sozialer Anerkennung mangelt und sie statistisch gesehen eher selten nach einem Millionentransfer von einem Club zum nächsten geschachert werden, moderne Söldnerinnen im Dienste der Zastertanke, neben welcher ein Weltverband seine Zelte aufschlägt. Sie brauchen keine Sponsorendeals, da man ihnen offenbar in grundlegender Verkennung zugesteht, noch ganz im idealistischen Sinne den Sport um seiner selbst willen auszuüben und nicht um ihr Selbst zu finanzieren. Hin und wieder gelingt das im Tennis, eine Rodlerin im Sportcabrio sieht man allerdings selten. Da bleibt nur die Alimentierung durch die Armee, noch ein feministisches Projekt, das den Heimatschützern erfolgreichen Druckpuls beschert.

Immerhin bleibt der Frauensport eine der letzten Bastionen des Sexismus, wenn Kommentatoren sich in verschwiemelter Undeutlichkeit ihren Hormonstau aus dem Zäpfchen leiern, während sie im Fernsehen zunächst nur Bilder kommentieren, wo sie ohnehin nicht mehr sehen als Bilder. Gleichzeitig korreliert auch das nur mit der Welt als Wille und Wunschvorstellung, wie sie in den feuchten Träumen alter weißer Grützbirnen vorkommt. Der Beachvolleyball-Weltverband legt großen Wert darauf, dass die Bikiniunterteile der Damen an der Seite maximal sieben Zentimeter in der Breite messen dürfen; die Breite der männlichen Vorstandsmitglieder stand wenigstens öffentlich bisher nicht zur Debatte. Die Herren sind aber in ihrer optischen Erscheinung auch nicht geeignet, die Aufmerksamkeit für eine Sportart zu steigern.

Ist Sport aufgrund physiologischer Differenzen weniger athletisch, so bemüht sich die Berichterstattung kraftvoll und dynamisch, dies als Mangel zu kommunizieren: weniger Action, langwieriges Passspiel, keine markigen Fouls, bei denen die Spielerinnen mit Schmackes auf den Rasen klatschen und dann gut koordiniert über den Boden rollen. All das muss man monieren, der Zuschauer wüsste es sonst nicht. Wie soll so eine Frau den Funktionärsthron warmsitzen, wenn sie nicht einmal auf dem Platz auffällig werden kann? Die beste Maßnahme wäre es doch, bei den Buben anzusetzen und sie endlich einmal in ihrer idealen Rolle zu zeigen: als Spielerinnenmann. Lassen wir die heteronormativen Überlegungen kurz einmal beiseite, hier fände jeder Sender Potenzial für eine Vielzahl von frischen Formaten an der Seitenlinie. Schwenkt die Kamera lustvoll ins Publikum, wie sie mit Dosenbier und Fanschal johlend auf der Tribüne schunkeln, zeigt sie in der Anmoderation der Frauschaft als bürgerliche Mitte, bisschen doof und vielleicht minimal spießig, da sie als Erzieher, Anlagenmechaniker oder Kreditsachverständiger ausgerechnet eine international bekannte Torfrau, Mittelstürmerin oder Linksaußen heiraten mussten. Schöne Bilder von ihnen, wo sie die Dame vom Training abholen, mit den Jungs noch schnell eine Runde gezockt haben und dann für die Familie Spaghetti kochen – durchaus anspruchsvoll, aber man soll nichts unversucht lassen. Notfalls helfen Bilder von der Skatrunde, da traut sich keine Frau rein, das ist geschütztes Terrain. Und wenn doch, dann hauen wir den Letztschlag raus. Männer bei der rhythmischen Sportgymnastik. Sie haben es ja nicht anders gewollt.





Holotropes Atmen

2 07 2019

„Wenn Sie den richtigen Tarif wählen, zahlen wir Ihnen sogar eine Sehhilfe, die Voraussetzung ist nur, dass die Ihnen vom Cranio-Sakral-Therapeuten angepasst wird. Wir könne da ja nicht einfach irgendwelche Schulmediziner ranlassen, wenn Sie auf konventionelle Mittel setzen.

Im Prinzip kriegen Sie bei unserer Kasse jetzt alles, was die anderen nicht zahlen. Also Reiki bei schwerem Schielen, da müssen Sie eine Ersatzkasse schon erpressen, bevor die sich rührt. Ihre EsoKK übernimmt das alles. Der linksgrüne Mainstream, Sie verstehen das. Jede Knalltüte kann sich heute privat versichern, aber was das kostet! Da ist es doch besser, man baut an der richtigen Stelle ab und bringt nur noch die Leistung, die der Kunde auch nachfragt. Und genau das machen wir von der EsoKK. Sie sollten mal Ihre Chakren testen lassen, kostenloses Einführungsangebot!

Für die meisten hört Alternativmedizin ziemlich schnell auf nach Globuli und solchem Zeugs. Wir verkaufen das natürlich auch, die Salze und diese Blüten und was die Leute halt haben wollen, aber das ist es ja noch nicht. Um sich einen nachhaltigen Markt zu erschließen, brauchen wir mehr Auswahl. Die menschliche Vorstellungskraft ist bekanntlich nur sehr unscharf begrenzt und franst am Rand aus. Wir nutzen diese weichen Strukturen, um die Interessen unserer Versicherten immer neu zu wecken. Im Gegensatz zur Schulmedizin, da gibt es ja immer Diagnose und Therapie, Blinddarm, zack! OP, fertig – wir sind da viel flexibler. Wenn Sie bei uns mit Kopfschmerzen zum Arzt kommen, liegt das entweder an permanenter Überarbeitung oder einem gestörten Verhältnis zu Ihren verstorbenen Ahnen, von denen einer vielleicht eine psychisch bedingte Halswirbelfehlstellung gehabt haben könnte. Jetzt müssen Sie sich nur noch entscheiden, ob Sie das durch Handauflegen oder Geistheilung beseitigen wollen, und schon haben wir Sie auf einen selbstbestimmten Weg in Richtung allseitige Gesundheit begleitet. Also ein Stück weit.

Holotropes Atmen gegen eingewachsene Fußnägel kann ich Ihnen sehr empfehlen, da hat bis jetzt auch keiner gemeckert. Wir würden dem auch gar nichts antworten, wer der ganzen Wissenschaft sowieso schon so skeptisch gegenübersteht, der liest braucht ja auch keine Erklärung. Wenn es nicht hilft, machen wir mit biografieorientiertem Turnen weiter oder es gibt Kräutertee für Geburtstraumata und transpersonale Hautmuster – nee, das war jetzt alles umgekehrt, ich kenne mich damit auch nicht aus. Ist ja auch egal, die Leute bezahlen das.

Problematisch wird es aber nicht, wenn Sie jetzt plötzlich irgendeine ganz normale Krankheit haben, sagen wir mal: Herzinfarkt. Oder Krebs. Hat ja heutzutage eigentlich jeder irgendwann. Das kann man so oder so behandeln. Problematisch wird es immer dann, wenn Sie plötzlich der Ansicht sind, so eine ganz normale Herztransplantation sei doch besser als Eigenurintherapie. Das haben wir von den anderen Krankenkassen gelernt. Da können Sie auch regelmäßig zum EKG und zur Kur, etwas Salsa im Sauerland, regelmäßig Rückenschule. Zur Belohnung hoch potenzierte Tropfen gegen den nächtlichen Fußschweiß, und dann, bäm! jodelt die Bauchspeicheldrüse das Lied vom Tod. Dann ist die ganze betriebswirtschaftliche Rechung total im Eimer. Jetzt stellen Sie sich das mal bei unseren alternativmedizinischen Ansätzen vor. Da rennt einer zwei, drei Jahre lang mit eigentlich klar zu erkennenden Symptomen zum Heilpraktiker, der guckt sich das an und sagt: daran stirbt man nicht, zumindest nicht so schnell, dass man nicht vorher noch ein paar Runden biodynamisches Schröpfen machen könnte oder Klangschalenmassage im Quantenfußbad, was weiß ich, da wird ja alle paar Tage irgendwas erfunden, damit sich die ganzen Krankheiten nicht so langweilen, und dann ist es ein ganz ordinärer Leberschaden. Meinen Sie, das können wir uns noch leisten?

Also Sie dürfen sich bei uns noch ganz normal das Bein brechen, aber den Gips bezahlen Sie dann halt selbst. Solche schulmedizinischen Sachen sind bei uns nicht als Kassenleistung definiert, und das muss auch ganz klar sein. Sonst könnte ja jeder in die EsoKK eintreten und sich nach Belieben mit schulmedizinischen Heilverfahren kurieren lassen und nur bei Bedarf auf die kostenlosen Globuli zurückgreifen, die uns die Marktstellung sichern. Ein bisschen Gemeinschaftsgeist muss auch in einer weniger solidarischen Solidargemeinschaft sein, wenn Sie mich fragen.

Der nächste Schritt wird dann die Pflege auf alternativmedizinischer Basis sein. Handauflegen ist okay, aber mehr als energetische Impulse dürfen Sie da nicht mehr erwarten. Ab und zu noch etwas Aromatherapie mit dem guten Fichtennadelöl von Großmütterchen, das hat damals nicht geschadet. Man spart ja auch eine Menge an Materialeinsatz, und mal ehrlich, merken Sie, ob da ein Profi vor Ihnen steht und die Energieströme fließen lässt, oder reicht Ihnen Hildegard, die Ihnen die Flossen auf die Schultern legt? Sehen Sie, das ist dann auch betriebswirtschaftlich wieder eine vernünftige Entscheidung und rechnet sich auch für den kleinen Geldbeutel. Etwas Homöopathie, ein bisschen Tape bei Zipperlein, perfekte Bedingungen. Wie meinen Sie das, eine Krankenkasse, deren Wirkung nicht über den üblichen Placeboeffekt hinausgeht? Und was bitte haben wir jetzt!?“