Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXIV): Funktionale Barmherzigkeit

30 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Fürst war’s zufrieden. Auch in diesem Jahr hatte die Bauernschaft wieder ordentlich den Zehnt in die Scheuer gebracht, damit sich die normale Vermögensverteilung aufrecht erhalten ließ. „Nimm Er“, näselte der Potentat und streckte dem Sprecher der Gesandtschaft einen blanken Gulden entgegen, „aber nicht wieder alles auf einmal ausgeben!“ Der Hofschreiber hatte nur auf diesen Moment gewartet, und schon jubelten die Schranzen ob des Gebieters Güte und Mildtätigkeit, da er zu diesem Opfer nicht verpflichtet war. Der Geistliche betonte denn auch die besondere Bedeutung des guten Werkes, das dem Machthaber sicher ein paar Jahre weniger im Fegefeuer einbringen würde. Barmherzigkeit hatte sich wieder einmal gelohnt, konstatierte der Herr. Wie praktisch, wenn man sie als funktionalen Akt der sozialen Imagebildung benutzen konnte.

Dabei ist diese Praxis weder die erste noch die am meisten an den Glaubensgrundlagen vorbei durchgeführte Form sanftmütiger Selbsterhöhung. Überall da, wo Religion institutionalisiert auftritt und sich ins weltliche Machtgefüge einmischt, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen durchdringt, organisiert und nutzt, tritt auch dieses Phänomen auf, dass Hilfe vor allem den Helfenden zum Vorteil gereicht, während die Bedürftigen sich nolens volens instrumentalisieren lassen. Schon im Mittelalter waren es die Gutleut – im Straßenbild mehrerer süddeutscher Städte sind Straßen, Häuser und Kirchen, bisweilen ganze Viertel nach ihnen benannt – die als Aussätzige nicht mehr mit der bürgerlichen Gesellschaft leben durfte, und so blieb ihnen entweder die Verbannung aus den Mauern oder aber die Zwangsumsiedlung in Siechenhäuser, die auch vor den Toren lagen, aber doch wenigstens ein Obdach boten. Sie waren die Opfer des Handels mit Fellen, namentlich mit Eichhörnchen, die neben arteigener Putzigkeit auch den Krankheitserreger in der urbanen Zivilisation großzügig verteilten, wo es die Kreuzritter mit einschlägiger Auslandserfahrung nicht geschafft hatten. Die hygienischen Umstände der Seuchenlager taten ein Übriges, die beständigen Neuinfektionen der Ärmsten zum systemtheoretisch korrekten Kreislauf zu optimieren: Krankenhäuser produzieren vor allem Kranke, und was wäre diese Gesellschaft gewesen, wenn sie es nicht zu ihrem Vorteil ausgenutzt hätte.

Das allgemeine religiöse Korsett bürgerlichen Handelns und Wandelns forderte hier und da den Nachweis christlicher Wohlanständigkeit, die sich in gebetsmühlenartig gelesenen Seelenmessen und Kapellenstiftungen manifestierte, zunehmend in Stiftungen, da die Nachhaltigkeit der Geldanlage als Machtinstrument wohlhabender Familien attraktiv wurde, aber für die Lebenden und ihre Reputation als Prestigeobjekt und Führungsanspruch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Man gab den Armen, weil man es konnte, und nicht einmal als gottgefälligen Aberglauben setzte man darin die Hoffnung, im Jenseits mit Zinsen ausbezahlt zu werden. Die Notwendigkeit der Gutleut hielt sich vor der Reformation hartnäckig im Zentrum der Frömmigkeitsvorstellungen. Und nicht nur da.

Andere Religionen sind nicht weniger vom Glauben an eine gerechte Welt durchdrungen, die an den Lohn für gute Taten glaubt und daran, dass eine höhere Macht die Armen aus gutem Grund arm und die Kranken krank macht. Flugs schwiemelt sich der Hominide eine Täter-Opfer-Umkehr aus der verquasten Denke, und so entsteht in manchen buddhistischen Kulturen die seltsame Dialektik, die Bettelmönche seien überhaupt nur dazu da, den Laien durch die tägliche Spende in ihre Reisschale ein Werk der Nächstenliebe zu ermöglichen. Wie diese bizarre Logik kippt auch die religiöse Praxis, in einer konsumfixierten Konkurrenzgesellschaft die gar nicht mehr so darbenden Klosterbrüder statt mit Reis und Gemüse mit abgepacktem Zuckerzeug zu versorgen, ihnen eine gesundheitsschädliche, da hochkalorische Mastkur zu bescheren, weil nach Auslegung der theologischen Schriften der am meisten Meriten erwirbt, der die meisten sättigt. Nicht immer ist Proportionalität sinnvoll.

Und auch das, was wir nicht für Religion halten, obwohl es eine höchst differenzierte und perfekt organisierte Form dessen ist, nutzt die Maschinerie des Verdienstmanagements. Die christliche Tugend der Caritas heißt jetzt Charity, wo die Reichen und Schönen unter gut orchestrierter Medienpräsenz ein bisschen Kleingeld für Benachteiligte spendieren, das PR-kompatible Prekariat gelegentlich anfassen, ihnen die eingeübten Wertvorstellungen unserer kapitalistischen Gotterkenntnis in die Fresse hauen und dafür als Vorbilder abgefeiert werden. Gäbe es die Tafeln nicht, die Berufsgattinnen-schmieren-für-alleinerziehende-Mütter-Frühstücksbrote-Clubs, der ganze Schmodder würde als vorher eingepreist in der Versenkung verschwinden, und keine der dezent geschminkten Trullas würde sich aufführen können wie Mutter Teresa, die gierige Spendensammlerin im Namen der eigenen Berühmtheit, die Lepröse in ihren Immobilien verrecken ließ, während ihr Geld Zinsen abwarf. Sollte es die Hölle geben, der Teufel könnte ihr täglich eine reinhauen. Als gutes Werk.





Schnaps und Kippen

28 09 2022

„Aber gucken Sie sich doch mal die Preise an! Das ist doch alles nicht mehr normal, ich meine, wer soll das denn noch bezahlen? Und dann dürfen Sie natürlich nicht den Fehler machen und sagen, die Nudeln sind aber nur fünfzig, sechzig Cent teurer geworden – die prozentuale Steigerung, das ist der entscheidende Punkt! Wie soll man denn sonst die Inflation verstehen, wenn nicht in der prozentualen Steigerung? Das bildet doch die Kaufkraft ab!

Wir haben seit gefühlt drei Jahren eine einzige Krise, die immer mehr an der Lebensgrundlage der Mittelschicht knabbert. Das muss doch die Politik endlich mal einsehen! Und wir reden hier nicht von einem herbeigeschriebenen Wohlstandsverlust, das sind die Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Die Leute wollen zur Arbeit und wieder nach Hause kommen, eine warme Mahlzeit am Tag, Heizung, Strom, und da reden wir noch nicht einmal über solchen Luxus wie einmal im Monat ins Kino, ins Restaurant oder regionales Bio-Gemüse. Wenn Sie sich ausrechnen, was alleine Grundnahrungsmittel inzwischen kosten, dann muss Ihnen doch klar sein, dass es hier nicht mehr über Jammern auf höchstem Niveau geht – ich möchte nicht wissen, wie sich der Einzelhandel beschwert, wenn in diesem Jahr zu Weihnachten kaum hochpreisige Parfüms oder Schmuck gekauft werden, weil die Leute lieber satt ins Bett gehen wollen, solange sie noch nicht im Dunklen hocken. Der Binnenkonsum geht den Bach runter, das hat offensichtlich keiner von diesen Finanzgenies in der Regierung kapiert!

Deshalb sehe ich das auch nicht ein, dass der Staat unter Druck gesetzt wird, die Stromrechungen von Arbeitslosen zu übernehmen. Die bekommen ja zweihundert Euro einfach so, weil angeblich die Kosten so gestiegen sind – die warme Mahlzeit war in den Regelsätzen bisher auch schon drin, und ich kann mir einfach nicht erklären, wozu man denen auch noch Mobilität bezahlt, als müssten die zur Arbeit und wieder nach Hause kommen. Und Kino, Restaurant, regionales Bio-Gemüse, das kann doch kein Staat ernsthaft der Mittelschicht erklären, dass man sich das jetzt leisten können soll, wenn man bisher keinen Anspruch darauf hatte. Dass die sich von den Kosten für Bildung und Haushalt Schnaps und Kippen kaufen, das kann man ja aus deren geistigem Horizont noch nachvollziehen, aber wenn ich jetzt sehe, dass die vom Geld für Strom ins Kino gehen, dann frage ich mich schon, ob Arbeitslager nicht die bessere Alternative wären.

Es hat ja in der Pandemie schon angefangen, da gab es nicht genug Waren, die preiswerten waren schneller ausverkauft, und dann kamen die sozialen Verwerfungen, weil die Leute aus völlig irrationalen Gründen alles gehamstert haben, was sie kriegen konnten. Das kann man nicht bekämpfen, wenn die Situation eh schon aus dem Ruder gelaufen ist, aber man kann doch jetzt gegensteuern, wo die Politik die ganzen Mechanismen kennt und weiß, wie sich der Energiemarkt, die Lieferketten und nicht zuletzt die Verschränkung der ganzen Krisenbestandteile auf die Volkswirtschaft auswirken. Wenn wir jetzt schon wissen, wie sich die Energiekonzerne in der komfortablen Lage der Spritpreisbremse verhalten haben, dann wird die Politik es hoffentlich auf die Kette kriegen, sowohl den Gaspreisdeckel als auch eine Strompreisobergrenze so zu gestalten, dass die Wirtschaft nicht auf Kosten des Staates Dividenden mit Goldrand raushaut. Ich meine, das ist doch schließlich und endlich immer noch eine soziale Marktwirtschaft, oder hatte ich irgendwas verpasst?

Deshalb sollten wir das mit dem Bürgergeld auch nicht übertreiben. Wenn der Abstand zwischen Lohn und Transferleistung kaum noch sichtbar ist, dann brauchen wir hier auch keine künstlich in der Presse aufgeblasenen Rechenexempel, wie wenig das doch prozentual ist – das sind fünfzig Euro, die einfach mal so rausgehauen werden für alle, die die Arbeit nicht erfunden haben. So muss man das nämlich rechnen, und wenn man es gleich richtig macht, dann muss man auch ausrechnen, wie viele Leute in diesem Land – Menschen will ich das gar nicht nennen! – dieses Geld ohne Gegenleistung Monat für Monat, Jahr für Jahr einfach ausgezahlt bekommen. Und dann überlegen Sie sich auch, was diese fünfzig Euro für einen Unterschied machen. Das sind ja aufs Jahr gerechnet sechshundert Euro, das macht also ungefähr das Doppelte von dem, was der Staat den Rentnern zahlt, wobei die es auch nur einmal erhalten. Sie merken das hoffentlich selbst, hier wird mit zweierlei Maßstab gemessen: die Rentner sind offensichtlich für diese Regierung nicht mehr viel wert, weil sie nicht produktiv in der Arbeitsgesellschaft sind, und dass in der Generation dieser sogenannten Boomer eine ganze Reihe von Leuten leben, die dieses Land aufgebaut und durch ihren persönlichen Einsatz erhebliches Vermögen erworben haben, das wird ausgeblendet. Und das ist ganz, ganz ungerecht.

Nein, jetzt mal Butter bei die Fische – ich will nicht so tun, als seien wir alle wohlhabend und wüssten nicht, wohin mit dem Geld. Das war in der DDR vielleicht so, aber das waren ja völlig andere Voraussetzungen, und das wissen auch die Idioten, die dies System hier als Sozialismus beschimpfen, weil die Wirtschaft durch staatliche Eingriffe vor dem Kollaps bewahrt wird. Aber ich kann es schon verstehen, wenn die Mittelschicht sich erst einmal in Konsumverzicht übt. Und das ist jetzt gar nicht als übertriebene Solidarität mit dem Prekariat zu verstehen, das ja angeblich kaum noch über die Runden kommt, weil die Nudeln plötzlich fünfzig Cent teurer sind. Oder sechzig. Wer nicht arbeitet, der soll eben auch nicht essen. Meine Meinung!“





Bis einer weint

19 09 2022

„Zwei Paar Schuhe? Die schwarzen sehen ja noch halbwegs anständig aus, die kommen dann weg. Ach, ich verstehe – Sie hatten die Maßnahme vom Inhalt her nicht begriffen. Sie haben die Struktur nicht verinnerlicht. Na, das wird sich ändern. Wir werden Sie langsam einnorden. Ganz langsam. Sie haben sich für Bürgergeld entschieden, und jetzt kriegen Sie Bürgergeld. So einfach ist das.

Sie brauchen ein Paar anständige Schuhe, um sich für den nächsten Job zu beweben? Das ist jetzt irgendwie lustig. Nein, das klingt wirklich putzig, wenn Sie meinen, Sie hätten die Schuhe für teures Geld vor Jahren angeschafft. Das interessiert hier keinen, weil es völlig egal ist, ob das Bürgergeld heißt oder Hartz IV, ALG II, wie auch immer. Diese Leistung wird nach Ihrer Ansicht zu Unrecht an Bedürftige ausgezahlt, das haben Sie selbst ausgesagt, und nach statistischem Mittel haben Sie die Schuhe jetzt so lange, dass Sie sowieso nur ein Paar besitzen dürften. Wir lassen jetzt mal beiseite, dass Sie in den Lederschuhen nur gesellschaftlich relevante Termine wahrnehmen und auf Ihre äußere Erscheinung achten würden. Das ist ja auch Teil des Konzepts. Wenn Sie lange genug vom Bürgergeld profitiert haben, das Sie ja jetzt als viel zu üppig kritisieren, soll man Ihnen auch ansehen, dass Sie zum gesellschaftlichen Dreckrand gehören.

Sie betrachten das als vorübergehend, da wird sich für Ihren Lebensstandard nicht viel ändern, das war doch Ihr Ansatz? Wir sprechen uns wieder in fünf Jahren, wenn Sie Ihre Nachbarn nicht mehr kennen, weil Sie sozialen Kontakten lieber aus dem Weg gehen. Nicht nur wegen Ihrer Kleidung. Ihre Tagesfreizeit wird unangenehm auffallen. Sie haben dann einen etwas anderen Körpergeruch. Ja, auch Seife kostet Geld. Was meinen Sie, wie viele nicht mit diesem so großzügig bemessenen Regelsatz zu Rande kommen, obwohl die Kohle ja pünktlich aufs Konto kommt. Sie dürfen durchaus ein Jahr lang von Ihren Ersparnissen leben. Das ist okay, und wenn Sie die Trüffelsalami und Breitreifen für den SUV irgendwo billiger kriegen, dann ist das schön. Sie wären auch nicht der erste, bei dem ein paar zehntausend Euro weg sind, weil gewisse Dinge im Regelsatz einfach nicht enthalten sind.

Wie Sie die Miete für Ihre Fünf-Zimmer-Wohnung auf die Reihe kriegen, das ist auch ein Problem, aber nicht unseres. Sie wollten, dass die Solidargemeinschaft schnellstmöglich durchgreift. Da muss man Bedürfnisse der Leistungsempfänger auch mal kritisch überdenken. Zum Beispiel die Tatsache, dass Sie jetzt ohne Auto gar nicht mehr so verkehrsgünstig wohnen und sich im Verhältnis dazu den Bus nicht leisten können, obwohl der ja sogar dreimal am Tag fährt. Ihr letzter Arbeitgeber hätte Ihnen ein Jobticket spendiert, Sie wollten die Pendlerpauschale, jetzt können Sie sich aussuchen, was Sie als erstes nicht kriegen. Wenn Sie von der Ihnen jetzt zur Verfügung stehenden Summe nicht mehr Ihren Lebensunterhalt bestreiten können, liegt das nicht unbedingt daran, dass Sie zu viel Geld auf dem Konto haben. Wie gesagt, Sie wollten das so.

À propos Bedarfsgemeinschaft, Sie hatten wohl im Eifer des Gefechts vergessen, dass wir andere Haushaltsmitglieder noch schlechter behandeln. Zu zweit wird man bekanntlich schneller satt, muss dieselbe Waschmaschine nicht zweimal reparieren – anschaffen dürfen Sie die von Ihrer Altersvorsorge, oder Sie haben eben keine – und gewöhnt sich auch schneller an die Umstände. Glauben wir. Ob Sie das auch glauben, ist auch eine dieser Sachen, die uns nicht interessieren. Ich würde Ihnen in künftigen Stresssituationen auch nicht raten, Ihre derzeitige Bedarfsgemeinschaft durch eine Trennung zu gefährden, obwohl das durch Stressfaktoren wie den Kontakt zu uns durchaus passieren kann. Nicht jeder geht mit mehreren amtlichen Schreiben pro Woche wirklich gut um. Sollte das bei Ihnen nicht funktionieren, haben Sie ein Problem.

Übrigens, Papier: selbstverständlich ist bei uns das Rückgrat einer funktionierenden Verwaltung der Aktendeckel, und was da nicht enthalten ist, hat rechtlich gesehen keine Bedeutung. Sie werden in den interessantesten Momenten merken, dass das hier Deutschland ist. Ob Ihr Name für mich nicht ganz geheuer klingt, ob Ihre Hautfarbe irgendwie in dem Zusammenhang ein merkwürdiges Gefühl macht, vielleicht werde ich Ihre Unterlagen trotz des Eingangsstempels versehentlich schreddern. Mehrmals. Wir machen das auf professionellem Niveau. Bis einer weint.

Selbstverständlich können Sie jederzeit aus dem Spiel aussteigen. Bedenken Sie aber, dass schon die Tatsache, als arbeitssuchend gemeldet zu sein und bei uns ein Profil zu haben, das nicht unbedingt mit viel Sachverstand gepflegt wird, Sie bei sämtlichen potenziellen Arbeitgebern unattraktiv macht. Sollte es einen Job geben, für den sich eine Bewerbung lohnt, gehen Sie davon aus, dass wir Ihre Daten im Vorfeld übermitteln, um Sie als Bewerber zweiter Klasse zu framen. Das passiert gar nicht aus böser Absicht, aber wir leben davon, dass es immer genug Erwerbslose gibt. Und wir machen uns nicht ohne Not selbst arbeitslos. Erwarten Sie also keinerlei Unterstützung von uns. Im Gegenteil.

Ja, Arbeit lohnt sich, das merken Sie spätestens dann, wenn Sie selbst ein bisschen dazuverdienen. Arbeit lohnt sich nur dann nicht, wenn wir Ihnen den Lohn gleich wieder zum großen Teil anrechnen und vom Bürgergeld abziehen. Und rechnerisch werden Sie schnell merken, dass sich Arbeit vor allem dann nicht lohnt, wenn sie beschissen bezahlt wird. Aber keine Sorge, Sie werden das merken. Mal sehen, wie lange Sie brauchen.“





Sterbebegleitung

5 09 2022

„Und das soll jetzt der große Wurf sein?“ „Sie hatten etwas von Wucht gesagt.“ „Lächerlich.“ „Da stellt sich doch jetzt die Frage, wer das alles bezahlen soll.“ „Die Mittelschicht.“ „Sie hatten die Frage nicht verstanden: nicht, wem man das alles bezahlt.“ „Und Sie verstehen hoffentlich bald die Antwort.“

„Wir könnten ja auch mal über alternative Maßnahmen nachdenken.“ „Noch mehr?“ „Wer soll das denn alles bezahlen.“ „Es geht eben nicht mehr um zusätzliche Entlastungen, sondern um die, die viel mehr bringen und nicht ständig mit einer neuen Einmalzahlung erkauft werden müssen.“ „Sie meinen jetzt komplizierte Konstruktionen, dass man Eltern im ALG-II-Bezug nicht das Kindergeld als Einkommen wieder wegnimmt.“ „Das wäre ja auch ungerecht, wenn man solche Leute dafür belohnt, dass sie Kinder bekommen, obwohl sie es sich gar nicht leisten können.“ „Nein, wir brauchen eine ganz andere Herangehensweise, die endlich eine Gesamtsituation, multikausale Fehlentwicklungen und eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung sieht.“ „Gesamtgesellschaftlich?“ „Das heißt, dass die Menschen, die mit Geld umgehen können, auch weiterhin für die zahlen dürfen, die’s nicht können.“

„Man könnte ja ab Oktober das Neun-Euro-Ticket wieder einführen.“ „Mir ist kein einziger Aufsichtsratsvorsitzender oder Chefarzt bekannt, der das bräuchte.“ „Sehen Sie’s mal so, wenn die prekär Beschäftigten 520 Euro im Monat kriegen, dann können sie das bald von ihren Steuern wieder mitbezahlen.“ „Und die Reichen?“ „Ach, man nimmt, was man kriegt.“ „Trotzdem würden sie es nicht nutzen.“ „Dann sollen sie es eben nicht kaufen.“ „Was nicht gekauft wird, ist für den Markt auch nicht notwendig.“ „Das könnte man dann von Sportwagen aber auch sagen.“ „Es gibt immerhin eine ganze Industrie, die die herstellt.“ „Und die Händler!“ „Außerdem würden die Leistungsträger bald in andere Länder abwandern, wenn es hier keine Sportwagen mehr gäbe.“

„À propos Sportwagen…“ „Sie hatten jetzt eine Kaufprämie für SUVs erwartet?“ „Die gibt’s schon.“ „Warum?“ „Weil dafür immer Geld da ist.“ „Nein, ernsthaft: wir brauchen ein Tempolimit.“ „Sind Sie noch ganz bei Trost!?“ „Dann kauft sich doch keine Sau mehr einen Sportwagen!“ „Das ist mal wieder so eine typisch ideologische Hassidee, die Sie als verkappter Stalinist nur benutzen, um den Leistungsträgern…“ „Also Krankenpflegern und Polizeibeamten?“ „Das sind doch keine Leistungsträger!“ „Weil sie so selten Sportwagen fahren?“ „Verzicht ist ja gut und schön, aber dann auch für alle und nicht nur für die, die sich ein Auto leisten können.“ „Dann könnten wir ja auch wieder Klassenjustiz und Klassenwahlrecht einführen.“ „Das würde uns wenigsten vor linken Spinnern in der Regierung schützen.“ „Wenn Ihnen Atomstrom lieber ist, wie wäre es mit Neuwahlen?“

„Zum Glück haben sie uns diesen Quatsch mit der Steuerersenkung auf pflanzliche Lebensmittel erspart.“ „Davon profitieren ja auch wieder nur die Linken!“ „Wieso nur die Linken?“ „Die sind doch alle Veganer.“ „Lassen Sie uns doch lieber Fleisch teurer machen.“ „Sind Sie wahnsinnig!?“ „Am Ende darf ich mit meinem Steak auch noch ihre Grünkernscheiße subventionieren!“ „Das wäre doch nur logisch, wenn die CDU inzwischen mit den Gewinnen aus erneuerbarer Energie Gaskraftwerke fördern will.“ „Davon wird ja auch das Gas billiger und wir müssen nicht ständig Entlastungspakete beschließen.“ „Je weniger Ressourcen wir damit verbrauchen, desto besser für die Umwelt.“ „Es geht hier aber gerade nicht um die Umwelt, können Sie mit Ihrer verdammten Ideologie nicht endlich mal in der Realität ankommen?“ „In der Realität sind wir gründlich falsch abgebogen und haben das, was wir Wohlstand nennen, durch einen komplett aus dem Ruder gelaufenen Energieverbrauch von den ärmeren Ländern finanzieren lassen.“ „Ich lasse mir doch mein Steak nicht auch noch von den Überschwemmungen in Pakistan vermiesen!“

„Und die kalte Progression?“ „Das wird die CDU aus Prinzip im Bundesrat verhindern.“

„Immerhin kommen Sie uns nicht mit einer Übergewinnsteuer.“ „Die heißt nur anders.“ „Ich tippe, da musste jemand sein Gesicht wahren.“ „Für die Zeit nach der Politik?“ „Das sind ja bloß wenige Jahre.“ „Und Zufallsgewinne, das klingt ja auch irgendwie total gerecht.“ „Am Ende steht dann in der nächsten Putin-Kampagne, dass die Regierung Erben mit 100% besteuern will.“ „Das wird in der Bundesrepublik kein vernünftiger Mensch fordern.“ „Erzählen Sie das den Querpfeifen.“ „Also die, für die ein Großteil dieser populistischen Politik gerade die globale Sterbebegleitung veranstaltet?“ „Warum sind Sie immer so kritisch?“ „Weil das alles zu spät kommt.“ „Hätte Putin den Krieg Ihrer Meinung also einfach früher beginnen sollen?“ „Nein, aber wir die Energie- und die Verkehrswende.“ „Jetzt warten Sie’s doch erst mal ab.“ „Sie sind gut, wir warten auf eine Strompreisbremse, von der keiner weiß, wie sie rechtlich funktioniert, was sie bringt und ob sie in den nächsten Jahren überhaupt realisiert wird, und dazu wird die CO2-Bepreisung nicht mehr angepasst, damit wir noch mehr Energie verschleudern, um die Folgen des Klimawandels in den Griff zu kriegen.“ „Meinen Sie denn, da kann man noch was mache?“ „Da bräuchten wir eine dauerhaft veränderte Politik, dann müssten wir uns nicht ständig Einmalzahlungen ausdenken.“ „Dazu müsste die Regierung vielleicht einmal ihren Job machen. Einmal.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVIII): Gratismentalität

19 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Verteilungskämpfe in der Einsippenhöhle waren in vollem Gange. Als beratender Chefjäger hatte Uga die verantwortungsvolle Aufgabe, auf der Pirsch durch körperliche Anwesenheit das geballte Fachwissen mehrerer glücklicher Speerwürfe in der Vergangenheit zu repräsentieren, das jedoch den anderen nicht viel nützte, auch wenn er sie im Brustton der Selbstgewissheit äußerte, der keine Kritik zuließ. Objektiv betrachtet stand er lediglich im Gelände herum und allen überproportional oft im Weg, was ihn aber nicht davon abhielt, seine Betrachtungen für objektiv zu halten. Traf die Waffe, so war es sein Verdienst, traf sie nicht, so hatte die Jagdgesellschaft einfach noch Defizite in der Umsetzung. Im Glücksfall kam die Truppe mit einer Säbelzahnziege zurück, dann erst entbrannte der Krach, da Uga als quasi sozial höhergestellte Fachkraft mit Personalverantwortung stets die besten Stücke für sich beanspruchte. Er hatte die Führungsrolle, zumindest beanspruchte er sie. Und so schmarotzte er sich bis ins hohe Alter von fast dreißig durch sein dekadentes Leben, bis er aus patriarchalem Übermut einem Jungspund die korrekte Verwendung des Wurfgeräts demonstrieren wollte. Man behielt ihn nicht unbedingt lange in Erinnerung, erst recht nicht in guter, aber sein Vorbild blieb. Ab und zu wurde es benutzt, wenngleich nicht unbedingt von den Jungmannen, sondern von den Ältesten, die es nicht vertrugen, wenn eins seinen gerechten Anteil forderte. Oder ihn nur so benannte. Sie lehnten es ab, denn es ist Gratismentalität.

Nichts daran ist neu, was dem geneigten Bourgeois nur zu der Gewissheit verhilft, es müsse damit seine Richtigkeit haben. Kurz gesagt ist dies die traditionelle Chefhaltung, ihre Mildtätigkeit stets an Gegenleistungen zu knüpfen, Applaus oder Wählerstimmen, Leumundszeugnis, Alibi, billige Lüge. Brennt durch ungeschickte Politik der Palast, dürfen sich die Untergebenen durch freiwillige Dienste der Gunst ihres Herrn versichern, saufen Dörfer ab und meist damit die gesamte Habe, steht der Klötenkönig feixend daneben und verspricht ein bisschen Blaues vom Himmel, bevor er sich vom Acker macht. Früher hätte man den Bauern allerlei geistlichen Beistand geboten, heute tut’s offenbar auch ein zinsgünstiger Kredit. Unter welchem Umständen auch immer, aus eigener Hände Arbeit sind noch die wenigsten reich geworden, denn sie müssen auf kurzlebige, niedrigpreisige Güter ausweichen, wo die Begüterten mit finanziellen Reserven sich nachhaltige Investitionen leisten können, meist zum Freundschaftspreis, denn man weiß ja, wer’s hat. Um den dünnen Firnis einer methodischen Gesellschaft aufrecht zu erhalten, verlegen sie sich auf religiöse Überzeugungen und führen ein bigottgefälliges Leben, die Quintessenz des enthemmten Protestantismus: arm zu sein ist kein Zufall, und ist es ein Zufall, dann nennt man es Prädestination – immerhin wird man im Jenseits satt. Vielleicht.

Die Ambivalenzfalle, die aus Vermögensaufbau durch geschicktes Wirtschaften Schnorrerei macht, ist in einem der ältesten Geschäftsmodelle der Zivilisation verankert: quod licet Iovi non licet bovi. Verbunden ist das in Moralwatte gepolsterte Verbot mit dem Aufstiegsversprechen, das sich ernsthaft dem gemeinen Volk empfiehlt, sich durch genug ethisch zweifelhaftes Verhalten bis zur Spitze hochzuboxen, um eins der arrivierten Arschlöcher zu werden, die für den Protest der neunundneunzig Prozent nur Verachtung übrighaben. Dialektisch ist es kein Versprechen, sich – wie denn auch – hochzuarbeiten, nur eine billige Entschuldigung der Emporkömmlinge für ihr, naja, Verhalten.

Sozialgeschichtlich haben sich die Kipppunkte der Verteilungsungerechtigkeit immer schon als Trigger für allerlei Revolutionen erwiesen, die einmal mäßig gut ausgingen, einmal in die alten Verhältnisse zurückführten, nicht selten aber die alten Verhältnisse in neuen Strukturen zementierten. Dabei ist es herzlich egal, ob die kommende Clique imperial, faschistisch oder einfach aus den Erben geschwiemelt ist, die in jedem Staatsgebilde als Fettaugen auf der Suppe treiben würden. Dabei ist es ziemlich egal, ob sich Präsidenten zum Kaiser krönen, als Zaren entpuppen oder den Familienclan mit dem Verschleudern der Staatseinnahmen beauftragen, das Ergebnis ist ein Bürgerkrieg, der im Geldbeutel der Bevölkerung geführt wird als Kassenkampf von oben. Um von einer Bank Geld zu bekommen, muss man Geld mitbringen, braucht man es hingegen, kriegt man es nie. Immerhin gibt es noch die Möglichkeit, in den eigenen Schulden abzusaufen, damit man von der Bank gerettet wird, aber das weiß der Staat nur, wenn die Pleitiers freigekauft werden wollen. Bei den Bürgern vergisst er es schlagartig.

Vermögensaufbau durch Ansparen wird im mathematisch waghalsigen Modellen angepriesen, bis der Normalverbraucher plötzlich feststellt, dass sein Geld systembedingt nach oben fällt und genau denen in den Schoß, die vom anstrengungslosen Wohlstand profitieren, den sie bei anderen als Gier anprangern. Ist nämlich der kleine Arbeitnehmer, der wenigstens durch Verbrauchssteuern das ganze Schmierentheater finanziert, plötzlich durch den ominösen Markt und seine Mechanismen, vulgo: zockende Spekulanten, gierige Großkapitaleigner und eine reichenfreundliche Verteilungspolitik, in die Klemme geraten, so macht ihm die Regierung Mut. Er kann sich doch am eigenen Zopf aus der Scheiße ziehen, ganz bestimmt klappt das diesmal, und es kostet die Gemeinschaft, zu der ja auch die unschuldigen Vermögenden gehören, ihre wohlverdienten Zinsen, die das hart arbeitende Geld draußen im Lande erwirtschaftet.

Die Funktionsfähigkeit dieser Komödie ist nicht zu hinterfragten. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren, das klappt aus dem Handgelenk und hat nach Ansicht der Herrschaftspresse für Banken, Volk und Vaterland stabilisierende Wirkung. Für die Handlanger in der politischen Industrie ist allein bedeutsam, dass sie selbst uns glauben machen, der hinlänglich widerlegte Trickle-down-Effekt mache sie irgendwann reich. Kein Examensversager im Ministrantenamt hat das je erreicht, Hoffnung hin, Hoffnung her. Dass sich dieser Hirnschrott nach jedem selbst verursachten Super-GAU vom Staat raushauen lässt, nennt man Vollkaskomentalität. Aber das ist etwas ganz anderes.





Fehlleistungsträger

17 08 2022

„Sie brauchen gar nicht so zu lachen, der Job ist echt anstrengend. Deshalb wollen ihn die einfachen Leute, die Handwerker oder Unternehmer, auch gar nicht mehr machen. Und das ist nicht die übliche Opferrolle, das betrifft sämtliche Parteien. Als Abgeordneter im Deutschen Bundestag haben Sie wirklich kein einfaches Leben.

Wir haben in der Beratungsstelle inzwischen bis zu drei Parlamentarier pro Tag, die gar nicht mehr wissen, wo sie sich befinden. Das ist so ein Stress, das konnten die sich vorher gar nicht vorstellen. Also jetzt nicht der Stress, wie ihn beispielweise ein Intensivpfleger hat oder eine Produktionsarbeiterin im Dreischichtbetrieb, das sind dann noch mal ganz andere Nummern, aber die haben sich für den Beruf eben auch entschieden, weil sie kein abgebrochenes Studium der Rechtswissenschaft vorweisen können, dann sollen sie sich nicht beschweren, dass sie auch noch so schlecht dafür bezahlt werden.

Aber die Arbeit im Parlament, die ist ja in den seltensten Fällen sinnstiftend – ich weiß, das ist ein hoher Anspruch, aber in anderen Berufen gibt es die Haltung auch. Als Produktionsarbeiterin sorgen Sie jeden Tag dafür, dass die Menschen in diesem Land zum Frühstück frische Brötchen vom Discounter holen können, und so ein Intensivpfleger hat es in der Hand, ob die Dividenden für die Aktionäre der Klinikkonzerne erwartungsgemäß durch die Decke gehen, wenn man ein paar von ihnen wegschmeißt, entlässt, wollte ich sagen. Entlässt.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie müssten tagein, tagaus in irgendwelchen Ausschüssen sitzen, ohne auch nur das Geringste von der Sache zu verstehen. Das ist ein ständiger Spießrutenlauf, ob nicht doch im Verteidigungssausschuss einer mal ein Bild von einem Panzer gesehen hat oder bei der Landwirtschaft den Unterschied zwischen Weizen und Schweinefleisch kennt. Dann wird man sofort nach vorne durchgereicht, muss kompetent tun und ist für die Leistungen der anderen verantwortlich. Für die Fehlleistungen nämlich. Man ist sozusagen Fehlleistungsträger, das macht etwas mit einem. Sie trauen sich kaum noch, irgendwas zu sagen, weil ja alle wissen, von Politikern erwartet man höchstens dümmliche Phrasen, Populismus und Inkompetenz. Mit dem Druck muss man umgehen können.

Viele Abgeordnete fühlen sich von der Tätigkeit überfordert. Das ist wissenschaftlich gesehen schon mal ein großer Fortschritt, bisher hat man immer von außen nur festgestellt, dass viele Politiker für ihre Tätigkeit nicht geeignet sind. Es gab bereits Versuche zur Selbsthilfe, manche haben sich mit mangelhaften intellektuellen Fähigkeiten in ein Ministeramt retten wollen. Das mag subjektiv der richtige Weg sein, da sich im Gegensatz zu den anderen diese Minister ihrer Tätigkeit nicht mehr zu schämen brauchten, aber man ist den Posten nach etwa vier Jahren im Regelfall wieder los. Ab und zu merken Minister, dass sie jetzt schon ungeeignet sind für alle öffentlichen Ämter, die versuchen dann so lange zu provozieren, bis man sie irgendwann entlässt, wegschmeißt, wollte ich sagen. Dann sind sie mit den Bezügen zwar immer noch nicht ganz auf der Höhe üblicher Arbeitnehmer, die sich nach der Entlassung einfach einen neuen Job suchen und dann gleich besser dastehen, müssen aber auch nicht gleich wieder arbeiten.

Und man fühlt sich ja sofort ertappt, weil man sich ständig öffentlich erklären muss. Kaum ist man in irgendeinem Amt, sozialpolitischer Sprecher oder Landesgruppenführer, dann wollen die Leute von einem etwas erklärt haben, nur weil sie es nicht verstehen. Aber die Abgeordneten kapieren es noch viel weniger, warum sollen die es dann ständig erklären? Früher haben die Politiker einfach ein Gesetz gemacht, der Bundestag wurde da nicht groß gefragt, und wenn das Gesetz da war, wurde kurz gemeckert, dass der Bundestag das nicht verhindert hat, und dann ging alles schief, und es war auch wieder egal. Heute kommt das gleich im Fernsehen, teilweise schon vorher im Internet, und alle meinen, sie können mitreden, nur weil sie von dem Thema etwas verstehen. Das ist nicht mehr demokratisch!

Wir haben es hier teilweise mit Schicksalen zu tun, die herzzerreißend sind. Diese Menschen, wie ich sie nennen würde, driften in die merkwürdigsten Verhaltensweisen ab. Alkohol, Drogen, das kennt man aus dem Managementbereich, oder wenn man als Arzt Doppelschichten hat, 24-Stunden-Dienste, bei denen man nichts zu tun bekommt, weil über die Hälfte der Intensivbetten nicht belegt ist, aber hier handelt es sich wirklich um Schicksale. Diese Menschen wollen ausgelastet sein, gefordert, die nehmen die irrsinnigsten Nebenjobs an, nur um in der Gesellschaft anzukommen. Die machen Deals mit Masken, verhandeln privat mit Diktatoren von Staaten, zu denen offiziell keine wirtschaftlichen Beziehungen bestehen, die lassen sich von den Lobbyisten für mickrige Summen kaufen, nur ein paar Millionen Euro im Jahr, es ist teilweise sehr schlimm. Und auch da kommen dann wieder diese alten Reflexe hoch, dass man mehr Geld haben muss als die Fraktionskollegen, dass man mehr Kontakte zu Netzwerken vorweisen kann, die im Bundestag offiziell gar nichts zu suchen haben. Das ist eine fortwährende psychische Belastung für die Abgeordneten, das können Sie sich nicht vorstellen.

Wir werden in unserer Studie jetzt anregen, dass wenigstens die Nachtsitzungen abgeschafft werden, weil man da irgendwelche Sachen abnickt, die man vorher sowieso nicht gelesen hat, und das geht auch tagsüber. Mit Fraktionszwang sowieso. Denn das muss uns klar sein: ein funktionierendes Parlament ist wirklich wichtig für eine intakte Demokratie!“





Lenkungsmaßnahmen

11 08 2022

„… es zu einer Kündigungswelle von kaum zu überblickendem Ausmaß komme. Nachdem etwa jeder dritte Beschäftigte in der Kranken- und Altenpflege seinen sofortigen Ausstieg aus dem Berufsfeld vollzogen habe, werde es voraussichtlich zu einer dramatischen Situation in der…“

„… fordere die Union im Falle der freiwilligen Arbeitslosigkeit harte soziale Einschnitte, um die Attraktivität von Transferleistungen zu beseitigen. Merz habe angeregt, dass man auch Pflegern, die kurzfristig andere Jobs gefunden hätten, durch die Sanktionierung ihres Lebensunterhaltes einen…“

„… unbezahlte Überstunden in unbegrenzter Anzahl oder Mehrarbeit ohne Freizeitausgleich nicht ohne Weiteres möglich seien, da es in Deutschland klare arbeitsrechtliche Regelungen gebe, die auch von den Gerichten durchgesetzt würden. Gabriel habe dies als skandalösen Zustand bezeichnet, dem im Interesse der zahlenden Allgemeinheit sofort ein…“

„… keine substanziellen Veränderungen erwartbar seien. Kubicki lägen Zahlen vor, dass immer noch ausreichend unbelegte Intensivbetten in den deutschen Krankenhäusern vorhanden seien, so dass die medizinische Versorgung auch jenseits der Chefarztbehandlung noch…“

„… zu Notfallmaßnahmen gedrängt habe. In einer konzertierten Aktion würden Klinikkonzerne Verhandlungen mit mehreren Süßwarenherstellern, Kosmetikproduzenten sowie…“

„… sehe dagegen Lindner eine positive Entwicklung. Da sehr viele Beschäftigte nun keine Gehaltsansprüche gegen die Kliniken hätten, könnten insbesondere konzernangehörige Häuser durch die sinkenden Fixkosten ihre Dividenden und Boni in nie geahnter Höhe an die…“

„… dass es durch Rückkoppelungseffekte zu einer Stabilisierung der Pflegequalität kommen könne. Die meisten Klinikleitungen würden einen Teil des Pflegepersonals ohnehin krankheitsbedingt nicht mehr einsetzen können. Sollten diese nicht mehr durch beruflich verursachte Erkrankungen das Gesundheitssystem belasten, so könnten dieselben Leistungen wie bisher auch mit weniger…“

„… die Gesellschaft diese Mehrbelastungen im Gesundheitswesen durch Eigenverantwortung und juristisch verstärkte Lenkungsmaßnahmen auffangen müsse. Söder schlage eine unbefristete Ausgangssperre für vulnerable Personen und ein strafbewehrtes…“

„… durch einen zusätzlichen Urlaubstag pro Jahr ausgleichen könne. Lauterbach wolle den Tarifverhandlungen jedoch nicht vorgreifen und werde sich endgültig erst nach Gesprächen mit dem Koalitionspartner und der Ärztekammer, den Pharmakonzernen, der Pilotenvereinigung Cockpit, dem ADAC sowie den mittelständischen…“

„… leicht zu beschaffen sei. Die Union habe nach eingehenden Konsultationen mit langjährigen Expertinnen wie von der Leyen oder Spahn befunden, dass die Aufgaben im Pflegeberuf auch von ungelernten Helfern vollständig ausgeführt werden könnten, was zudem mit einer starken Kosteneinsparung in den…“

„… Merz das Problem nach eigener Aussage nicht nachvollziehen könne. Er frage sich, was Pfleger mit der plötzlich verfügbaren Freizeit anfangen würden, da sie im Gegensatz zu Ärzten weder Golf spielten noch im Privatjet zu ihrer Finca auf den…“

„… dass Kubicki den Pflegern empfohlen habe, sich als Flughafenpersonal zu verkleiden, um als Streikende in den Medien besser wahrgenommen zu werden. Ihm selbst sei das Thema völlig egal, da er als Privatpatient ohnehin nicht für die Löhne und Gehälter der…“

„… auch mit einer Dienstverpflichtung begegnen könne. Wo sich das Pflegepersonal weigere, in den Berufen zu arbeiten, werde Lindner zu verhindern wissen, dass der Arbeitsmarkt diese Lage durch eigenständiges Regeln ausnutze. Dies sei ein schamloses Ausnutzen von Freiheit, das in diesen Gehaltsklassen überhaupt keine…“

„… an das Berufsethos der Pflegekräfte appelliert habe. Merz verstehe nicht, wie Geld zur einzigen Triebkraft für Menschen werden könne, die sich ursprünglich dazu entschlossen hätten, der Gesellschaft mit ihren uneigennützigen…“

„… nun verfassungsrechtliche Möglichkeiten ausloten müsse, um die ansonsten verbotene Zwangsarbeit in Einzelfällen zu erlauben. Buschmann könne zwar ohne den Bundestag keine Notstandsgesetzgebung in Kraft setzen, er habe aber durch ein handwerklich sehr, sehr gut gemachtes…“

„… rasch eine Anschlussverwendung für die Pflegeaussteiger finden müsse. Eine Abwanderung in fachfremde Berufe dürfe es für Lindner schon deshalb nicht geben, da die Allgemeinheit die Ausbildung der Fachkräfte bezahlt habe, was als Ausnutzen von Gratismentalität auf Kosten der…“

„… sich Scholz sehr enttäuscht zeige, wenn die wichtigsten Akteure der Krise, die hart arbeitenden Menschen Land, sich ihrer Verantwortung entzögen, um nur auf ihren persönlichen Vorteil zu schauen. Er fordere von der Politik mehr und härtere Anstrengungen, um mit Überzeugungsarbeit und einem klaren Bekenntnis zu Solidarität, Respekt und einem nachhaltigen…“

„… ein Gesprächsangebot machen wolle. Steinmeier schlage einen Tag der Pflege vor, der öffentliche Diskussionen, eine Präsidentenrede im Bundestag, verpflichtendem Balkonklatschen und Lavendel für die…“

„… auch in der Altenpflege angekommen sei. Söder sehe hier große Chancen, das Familienbild vergangener Jahrhunderte wieder zum Leben zu erwecken, in dem die Kinder sich um die Versorgung ihrer Vorfahren kümmern würden. Dies eröffne auch Chancen auf dem Arbeitsmarkt, da manche fachfremde Helfer an der Grenze zum Rentenalter, wo ein neuer Job nur im Ausnahmefall gefunden werden könne, nach dem Ableben ihrer Eltern die jüngst erworbenen Kenntnisse durch einen Berufseinstieg in einem…“

„… stärker unter Druck gesetzt werden müssten. Spahn habe vorgeschlagen, bis auf Weiteres kein neues Pflegepersonal mehr auszubilden, damit die jetzt abwandernden Fachkräfte unmittelbar durch Reaktionen aus der Bevölkerung für ihre…“

„… habe Nahles keine Ideen, wie man den Pflegeberuf in den Vermittlungstätigkeiten der Bundesagentur für Arbeit attraktiver darstellen könne. Es sei strittig, ob man als arbeitssuchend gemeldete Personen, die eine Sanktion von dreißig Prozent des Existenzminimums erhielten, als Ersatzstrafe einen Monat in der Pflege beschäftigen solle, wenn dies in Nachgang durch Widersprüche, sozialgerichtliche Verfahren oder eine…“

„… die Anpassung der Gehälter für die meisten Klinikbetreiber ein notwendiges Mittel zur Regulierung der Geschäftsprozesse darstelle. Da sich aktuell die meisten Pflegekräfte nicht mehr mit ihrem Arbeitgeber solidarisieren würden, müsse man auch über Sanktionen wie die Aufhebung des Kündigungsschutzes oder eine allgemeine…“

„… zumindest in systemrelevanten Bereichen des Medizinbetriebs gesichert werden müsse. Lindner wolle durch ein Anreizsystem wie kostenlosen Nahverkehr oder gebührenfreie kirchliche Eheschließungen Fachkräfte ermutigen, sich auf Positionen in Schönheitschirurgie, Haartransplantation oder…“

„… es sich um eine von der linksradikalen Verbotspartei vorgetäuschte Aktion handele, die das Volk durch vorsätzlich ausgelöste Massenpanik zu Veganismus, Gendern und Transsexualität treiben solle. Reichelt habe in BILD-TV verkündet, er habe sich unerkannt in drei deutsche Kliniken eingeschlichen und keinen einzigen nicht anwesenden Pfleger gefunden. Damit seien die Fake News der…“

„… dass sich die Pfleger mitten in der für die Menschen beendeten, für Wirtschaft und Börse aber immer noch extrem gefährlichen Pandemie einen Zeitpunkt ausgesucht hätten, der an asoziale Eigensucht erinnere, wie er sie ansonsten nur bei seinem bevorzugten Koalitionspartner kenne und schätze. Merz verlange eine sofortige Wiederaufnahme der Arbeit in allen Kliniken, damit sich die Umsätze nicht weiter negativ auf die…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVI): Muße und Müßiggang

5 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Welch eine skandalöse Wirkung muss es gehabt haben, als sich der erste junge Jäger aus Ugas Sippe entschloss, die anderen für sich arbeiten zu lassen. Die Alten, am Ende des dritten Lebensjahrzehnts, genossen dies Privileg mit gewisser Nonchalance, da ihnen körperlich nicht viel anders übrig blieb, auch wenn sie an Erfahrung den Jünglingen überlegen waren. Die aber, zumal vor der Einführung der Klassengesellschaft, hatten noch kein Recht auf ihre Jeunesse dorée erworben, schon gar nicht durch Werke (was so bleiben sollte) oder gar Abstammung (was blieb und bleibt). Der kühne Kerl wollte hauptsächlich künstlerisch tätig werden, träumte von einer Einzelausstellung in Lascaux und bekam die erste Kritik aus der Familie: Müßiggang. Wer nicht für das Kollektiv arbeitete, sollte auch nicht im Kollektiv essen. So begann die Geschichte der schöpferischen Untätigkeit, der Muße.

Die ursprüngliche Bedeutung von Muße ist: Möglichkeit, die Gelegenheit, aus dem täglichen Trubel, dem otium, in die ungleich freiere Weltsicht auszusteigen und zumindest gedanklich die Fesseln eines vegetierenden Daseins hinter sich zu lassen, sich im Sinne der σχολή zu bilden und Potenziale zu entfalten. Als Wert an sich begreift das der protestantisch verbogene Mensch nicht, erst recht nicht die neoliberale Überzüchtung; allenfalls als herbeifantasierte Supertechnologie, die noch ein paar Generationen lang zum finalen Versauen des Klimas herbeischwiemelt, lässt der Turbomaterialist durchgehen. Freiheit, die diese mehr oder weniger zivilisierte Gesellschaft auf die Schultern von Giganten gestellt hat, erkennt er nicht, was er für Freiheit hält, gesteht er nur sich selbst zu, koste es die anderen, was es wolle. Wer sich die Freiheiten nimmt, auch die legitimen, wird von ihm des Müßiggangs geziehen, der endgültigen Todsünde in einer überzogenen Leistungsdruckgesellschaft.

Der Dünkel der intellektuell bessergestellten Schicht verwehrt es der Plebs, sich ohne erkennbare körperliche Anstrengung durch eine Existenz zu manövrieren, die auch dem äußeren Anschein nach an Bürgerlichkeit grenzt. Das kennt nicht das antike Ideal des mittellosen Philosophen, der auch durch Spenden der Aristokratie geistige Überlegenheit kultivieren konnte. Heute aber sieht das aus wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, das nur den Leistungsträgern zugute kommen sollte, weil sie es im Gegensatz zum Prekariat gut anlegen würden. Mit allerhand Bedürfnispyramiden versucht man physiologische Nöte, Hunger und Obdachlosigkeit für wichtiger zu erklären, und kann man die in der nach oben umverteilenden Gesellschaft nicht aus dem Weg räumen, wird’s halt nichts mit Kunst und Kultur. Dass Reiche für ihre Selbstverwirklichung im Himalaya auf annehmbare Außentemperaturen, komfortablen Sauerstoffgehalt und Sterneküche verzichten: geschenkt.

Überhaupt gilt ein nicht durchgetaktetes Leben bereits für die Mittelschicht als unproduktiv, nicht aufstiegsorientiert, hoffärtig. Erfolgreiche Typen sind stets in Bewegung, bis sie den sozialen Status erreichen, an dem sie das Leben der anderen nur noch einen feuchten Fisch interessiert. Auch gucken sie sich Kunst an, wenn sie mit prestigeträchtigen Namen verbunden, gerade eben noch mit einem Pkw verlastbar und mit Aussicht auf Preisanstieg käuflich ist. Wer im Schweiße seines Angesichts sein Brot nagt, der darf wohl auch einmal feiern. Aber doch lieber im Mäßiggang.

Arbeit muss die köstliche Angelegenheit sein, als die sie missverstanden wird, und man überlässt sie aus lauter Freundlichkeit den Armen, damit sie nicht zu sehr ins Nachdenken kommen. Anders ist es ja nicht zu erklären, warum man die Unterschicht zwanghaft in Bewegung halten will. Allein Muße ist Quelle des Guten und der Inspiration – wer da nicht aufpasst, hat ganz schnell die Revolution am Hals oder wenigstens Sklaven, die erkennen, dass sie Sklaven sind. Her mit der Moralkeule, um dem sündigen Faulpelz eins überzubraten, man wird mit der Todsünde im Katholizismus so gut bedient wie bei den Lutheranern mit der hintenrum für gottlos erklärten Faulheit. Wie weit das in die Oberschicht abstrahlt, merkt man an den ausgedehnten Urlauben und Landpartien, heute: Wellness, die man nur der Gesundheit zuliebe auf sich nimmt, weil sich keiner ertappen lassen will, wie er gegen das Gebot der Lustfeindlichkeit verstößt. Bewusst ihre Seelenruhe herzustellen käme auch ihnen nicht in den Sinn, metaphysisch entwurzelt, wie sie nun einmal sind. Immerhin kann die Elite noch darauf vertrauen, dass aus mangelnder Bildung kaum ein Arbeiter auf den Gedanken käme, ein Œuvre von proustschen Dimensionen in seiner Freizeit herzustellen. In einer kapitalistischen Welt, in der Freizeitgestaltung einen kommerziellen Nutzen haben muss, gilt einer, der genussvoll Löcher in die Luft starrt, bereits als subversives Element. Hüten wir uns.

Und so bleibt das Begriffspaar gemäß führender Mode streng geteilt, und der obere Mittelstand ruft einander zu: tuet Muße, aber weltlich. Seid nur kein Vorbild, denn sonst wollen alle so sein wie Ihr, und aus der Nummer kommt Ihr nie wieder raus. Es gibt kein Recht auf Faulheit. Also nicht für alle.





Herzlichen Glückwunsch

2 08 2022

„Fünfzig Prozent, mindestens – alles andere würde die Gesellschaft als ungerecht empfinden. Wer hat, dem muss man eben auch nehmen können, damit die Allgemeinheit finanziert werden, und wem kann man sonst so viel nehmen wie diesem arbeitslosen Schmarotzerpack?

Für Sie klingt das natürlich wie der Fiebertraum eines neoliberalen Arschlochs, und ja, da haben Sie sogar recht. Der Finanzminister hat weder Kosten noch Mühen gescheut, beides natürlich zu Lasten des Staates, damit wir wieder in einer Gesellschaft leben, in der sich Arbeit lohnt. Also nicht seine, da können Sie auch lange warten. Aber grundsätzlich ist es ja so, dass man das Problem mit Arbeitslosen immer durch Druck beheben kann. Manchmal ist dann das Problem weg, noch viel öfter sind es die Arbeitslosen, aber stört Sie das?

Im Grunde ist es doch eine alte Weisheit, man muss Reichtum immer relativ sehen, und deshalb muss man das mit Armut auch. Wer den ganzen Tag ausschlafen kann, weil er arm ist, dem geht es ja in der Regel viel besser, als müsste er mehrmals im Jahr nachgucken, ob seine Dividenden rechtzeitig auf dem Nummernkonto eingegangen sind. Man muss sich um die Inspektionstermine des Dritt- bis Fünfwagens kümmern, manchmal kommt zu der Jacht noch der eine oder andere Mittelstandsjet dazu, das muss alles verwaltet werden. Wenn man nicht ganz doof ist, machen das natürlich andere für einen, aber als Schmarotzer kann man selbst im Bett bleiben, und das nennen Sie gerecht? Die, die Sie arm nennen, das sind doch im Grunde die, die das Ideal dieser Gesellschaft leben, obwohl sie dazu gar keinen Grund haben!

So eine Armutsbesteuerung hat schon ihre Berechtigung, und das meine ich nicht einmal im moralischen Sinne – da können Sie lange warten, bis der Finanzminister solche Anwandlungen hat. Nein, ich meine die Lenkungswirkung. Wenn Sie als notleidender Milliardär, der von dieser mafiösen Steuergesetzgebung gezwungen wird, sich an Recht und Gesetz zu halten, wenn Sie da vom Staat in die Mangel genommen werden, da können Sie ja gar nicht anders, als aus lauter freiheitlicher Gesinnung Ihre Steuern zu hinterziehen, die Produktion in ein Armutsland zu verlagern, wo man das Personal noch rausschmeißen darf, wenn die Leute es wagen, einen an die Tariflöhne zu erinnern, und den Rest in Steueroasen zu verschieben, wo andere für einen in den Knast wandern, wenn das aufkippt. Das muss man beachten, die schlimmen Konsequenzen haben eben auch Arme zu befürchten, wenn sie es wagen, Transferleistungen in Anspruch zu nehmen. Da ist dann eben die Hälfte weg, und wenn sie dagegen einschreiten wollen, dann müssen sie arbeiten. So viel Mut hat ja von denen kaum einer.

Sie sehen den Staat immer noch als Gesamtheit der Individuen, und da haben Sie auch recht, aber dann dürfen wir die Kollektivhaftung auch für uns übernehmen. Für in der Gesellschaft auflaufende Ungerechtigkeiten müssen dann eben die büßen, die sich gerade nicht dem Zugriff des Staates entziehen können. Theoretisch steht es Arbeitslosen ja frei, sich durch die Wahl ihres Standortes der deutschen Justiz zu entziehen. Wenn die mit dem Neun-Euro-Ticket bis auf die Caymans kommen: herzlichen Glückwunsch! Ansonsten können diese Parasiten ja mal zeigen, dass sie damit dem Solidaritätsprinzip nicht nur von irgendeiner linksgrünen Pappnase nachplappern, sondern es auch verinnerlicht haben.

Die Erwerblosen empören sich inzwischen, dass sie die höchste Steuerlast tragen, aber ich frage Sie: ist das gerecht, und wenn ja, wen interessiert das? Die Frage ist doch nicht, wer die ganzen Ampeln für Fußgänger oder Radfahrer baut und finanziert, die Frage ist doch, wer die nutzt. Haben Sie schon mal einen Leistungsträger gesehen, der im Porsche bei Rot über eine Fahrradampel fährt? Sie können Ihre Spitzfindigkeiten gleich vergesse, ich habe das mit Absicht so formuliert, deshalb: nein. Auf der Autobahn gibt es keine Fahrradampeln, erst recht keine für Fußgänger, und jetzt fragen Sie sich mal, wer die ganzen Dinger bezahlen soll. Finden Sie das okay in einem Rechtsstaat?

Wir haben diese Sparerquote, die explizit für Hartz-Empfänger angedacht war, nicht ohne Grund so hoch angesetzt. Das sollte heißen, wer diese sehr weit auslegbare Summe, die im Grunde das ganze Existenzminimum ausmacht, eigenverantwortlich einspart, kann im Ermessensfall von Kürzungen in Höhe der gesamten Einsparungen ausgenommen werden. Das hilft uns, gesamtgesellschaftlich die Kosten zu reduzieren, im Normalfall die der Armen, die sich nicht fragen müssen, ob sie es schaffen, im Privatjet nach Sylt zu fliegen, bevor der Schampus wieder teurer wird. Wer die Kosten nicht soweit in den Griff kriegt, dem wird selbstverständlich nur das abgezogen, was er eingespart hat – das ist der mitfühlende Liberalismus. Den Rest macht unsere PR-Abteilung.

Jetzt werden Sie natürlich sagen: hallo, wie passt das denn zum Aufstiegsversprechen? Kann in diesem Land nicht jeder alles schaffen, wenn man ihm die Möglichkeiten dazu gibt? Richtig, aber wer würde denn die Möglichkeiten nutzen? Haben Sie schon mal jemanden kennen gelernt, der sich ohne freundschaftliche Unterstützung aus den richtigen Kreisen und eine rechtliche Beratung nach einem betrügerischen Konkurs ganz nach oben gearbeitet, nein: hat arbeiten lassen? Sehen Sie, ich auch nicht. Man muss eben gönnen können. Fünfzig Prozent: so hoch sind wir nie gekommen!“





Zitterparty

27 07 2022

„Kalt duschen, am besten nur einmal am Tag, für den Frieden auch mal trockenes Brot essen, am besten auch nur einmal am Tag, damit wäre und schon viel geholfen. Also uns. Wenn Sie das tun.

Wir wissen auch noch nicht genau, was sich der Herr Bundespräsident ausgedacht hat, das Papier sollte aber in den nächsten drei Tagen fertig sein. Er hat mal wieder einen Anfall von Sozialphilosophie gehabt, sieben bis zehn Druckseiten, wir werden das gegenlesen und dann in eine Form bringen, in der die Veröffentlichung möglich ist. Erst wollte der Herr Bundespräsident eine öffentliche Rede halten, aber die Situation ist einfach zu ernst dafür.

Nur noch einen Raum beheizen, nachts die Heizung abdrehen, das wird zwar von den meisten schon beherzigt, von hart arbeitenden Menschen teilweise, das muss man den Bürgern zumuten können. Dass der Herr Bundespräsident von Härten spricht, weil wir diese Herausforderung gemeinsam und in Geschlossenheit angehen wollen. Irgendwo hatte er das schon mal gesagt, ich weiß nicht mehr, wo, aber es wird schon richtig gewesen sein. Wenn der Herr Bundespräsident solche Botschaften mit der Bevölkerung teilt, kann er auch nicht einfach irgendwas sagen. Also nicht immer.

Wir können beispielsweise mit dem Rad fahren oder den Bus nehmen, wenn das Neun-Euro-Ticket weg ist, damit wir alle wieder mit dem Auto fahren können wie bisher. Also wenn wir alle bisher mit dem Auto fahren konnten. Das ist eine sehr gute und durchdachte Maßnahme, die die Bevölkerung verbindet und vereint, weil daran alle teilnehmen können, die Autofahrer, die Radfahrer, Menschen ohne Rad, die sich nur ein Rad zu kaufen brauchen, damit sie mitmachen können – die oberste Priorität ist in dieser schwierigen Lage die Gemeinsamkeit, die uns verbindet. Ein Tempolimit würde sicher die Fußgänger ausgrenzen, das könnte ich mir vom Herrn Bundespräsidenten gar nicht vorstellen. Er denkt in dieser Situation gesamtgesellschaftlich, das heißt sozial, und das bedeutet: manche müssen halt rudern, wenn andere Wasserski fahren wollen. Das ist ein Naturgesetz, und die Politik kann ja nichts gegen Naturgesetze tun.

Die Freiheit wird in diesem Augenblick eben am Gashahn verteidigt, das ist die Zeitenwende. Wir haben die ersten Entwürfe gesehen, aber das hat der Herr Bundespräsident begriffen, dass wir auch auf symbolische Dinge, die uns lieb und teuer sind, vor allem teuer, dass wir darauf verzichten müssen, um innerlich gefestigt diese Lage zu überstehen, ohne uns nur auf die Politik zu verlassen, die zwar schon ihr Möglichstes tut, aber eben mehr eben auch nicht. Wir brauchen starke Zeichen, große Bilder, die um die Welt gehen und in Erinnerung bleiben, wie wir alle mit dieser Krise umgegangen sein werden, indem wir Alltagssorgen teilen, uns auch in der Distanz nahe sind Kerzen anzünden und… – Nee, das war ja Corona.

Ist ja egal, wir haben jetzt auch die Chance, die Krise als Chance zu sehen. Bisher war das meistens umgekehrt, also in der Politik, die uns das trotzdem als Chance verkauft hat, aber jetzt wird alles anders. Zeitenwende! Wir können diese Epoche, diesen Abschnitt unserer Geschichte mit dem Gefühl erleben, dass wir live dabei sind, wenn sich Dinge ändern! Das war bei der Wende, am 11. September, das sollten wir doch jetzt auch hinkriegen! Wir machen aus dieser Krisensituation eine Zitterparty – Party, nicht Zitterpartie.

Sie müssen das ja perspektivisch sehen, weil wir die Maßnahmen auch auf Nachhaltigkeit auslegen. Wenn wir jetzt sparen, dann geht es uns nachhaltig scheiße. Was wir jetzt nicht durch Schulden oder klug angelegte Investitionen für Bildung, Verkehr, für Digitalisierung und vor allem für Klimaschutz sichern, das kriegen wir in ein paar Jahren alles mit Schmackes aufs Maul. Gut, die meisten Dinge eher in ein paar Jahrzehnten, deshalb sollten sich diese Jugendlichen heute nicht auf der Straße festkleben, sondern möglich kalt duschen. Wenn die in unserem Alter sind, gibt’s keine Duschen mehr, vermutlich nicht mal mehr Trinkwasser. Aber wenigstens wird es dann so warm sein, dass man Heizkosten spart.

Also müssen wir in dieser Lage realistisch bleiben – es kann sich nicht jeder Bürger ein Kernkraftwerk in den Vorgarten stellen. Manche wohnen im Hochhaus, die haben keinen Vorgarten. Trotzdem müssen wir alle Debatten ergebnisoffen führen, das ist immer zu erwarten, wenn man keine Ahnung hat, und wer wüsste das besser als der Herr Bundespräsident. Das gilt im großen geopolitischen Maßstab, in der Familie, wenn es im Supermarkt wieder kein Klopapier gibt: uneingeschränkte Solidarität, nicht nur mit der Ukraine. Der ganz normale deutsche Millionär, der kann ja nichts dafür, dass er nicht in der Ukraine geboren wurde. Da müssen wir alle etwas tun, weniger ins Kino gehen, in Deutschland Urlaub machen, solange es noch Kurzstreckenflüge gibt, oder alle mal länger arbeiten oder… – Nee, das war ja Steinbrück.

Wir müssen das Volk vor der Spaltung bewahren. Also nicht vor der Spaltung in die, die die Party bezahlen, und die, die die Party feiern. Die wird es immer geben, und als Bundespräsident kann man schlecht tagespolitische Fragen wie das System kritisieren. Wir müssen zulassen, dass alle empfindliche Nachteile in Kauf nehmen – die, die die empfindlichen Nachteile in Kauf nehmen, und die, die das zulassen. Wir als Deutsche dürfen jetzt Solidarität nicht nur im internationalen Maßstab vorleben, das müssen wir auch national. Wir sind jetzt ja wieder wer. Sie werden sehen, diese Krise wird einfach großartig!“