Restschutzmittel

2 07 2014

„Oder doch irgendwie liberal und so?“ „Das macht mich jetzt aber echt betroffen, Du.“ „Leute, könntet Ihr vielleicht freundlicherweise mal kurz das Ziel vor Augen behalten?“ „Erneuern, oder?“ „Ja, aber die liberale Marke!“ „Ach so.“ „Hm.“ „Und ich dachte schon, die FDP.“ „Oder uns.“ „Oder so.“

„Es gibt keine Denkverbote, Ihr müsst einfach nur…“ „Was müssen wir?“ „Und wieso eigentlich: müssen?“ „Pff.“ „Sollen wir uns jetzt erneuern oder nicht?“ „Wir brauchen einen neuen Markennamen, das ist nach der letzten Bundestagswahl doch wohl klar ersichtlich.“ „So klar ist das gar nicht.“ „Was wir bräuchten, wäre ein neuer Markenkern.“ „Und eine neue Markendefinition.“ „Oder überhaupt mal die Frage, warum wir uns überhaupt als Marke aufstellen müssen, wenn wir noch nicht einmal einen einzigen Inhalt haben.“ „Soll ich Euch alle an die frische Luft setzen!?“ „Typisch.“ „Die übliche Tour, die Parteiführung besteht aus nach oben durchgereichten Versagern, und wir dürfen deren bekloppte Ideen zur Weltrettung umsetzen.“ „Habt Ihr schon Westerwelle gefragt?“ „Nee, der war ja schwer damit beschäftigt, ein paar Hundert Presseleute einzuladen und ihnen mitzuteilen, dass sie seine Angelegenheiten nichts angehen.“ „Der Markenkern der FDP, würde ich sagen.“

„Wie hieß noch mal dieser Profilneurotiker mit der Polyesterfrise?“ „Berlusconi?“ „Nee, Lindner.“ „Richtig. Der wollte vernünftige Wirtschaftspolitik in der deutschen…“ „Dann sollte er seinen Laden nicht umbenennen, sondern abwickeln.“ „Oder an die Grünen verkaufen.“ „Das macht mich aber total betroffen jetzt.“ „Nicht ernst nehmen. Vorsitzende kommen, Vorsitzende gehen. Solange sie Niebel noch nicht aus dem Bombenkrater gekratzt haben.“ „Bitte! Wir brauchen einen…“ „Den hätten wir schon vor Jahrzehnten gebraucht, aber dann kam leider der Falsche.“

„Irgendwas mit Politik.“ „Klingt nicht schlecht, ist aber zu sperrig.“ „Finde ich auch.“ „Moment, das war jetzt nicht als…“ „Wobei das mit der Politik ja eher Nebenkriegsschauplatz war.“ „Die sind auch eher für irgendwas mit Politikern zu gebrauchen.“ „Irgendwas mit Wirtschaft?“ „Jedenfalls nichts mit Menschen.“ „Wir sollten uns vielleicht auf die Kernkompetenzen der…“ „Irgendwas mit Propaganda.“ „Das tendiert ja sogar wieder in Richtung Markenbewusstsein, sehr gut!“ „Klasse!“ „Hauptsache, wir haben endlich dieses blöde D draußen.“ „Deutschland?“ „Wieso Deutschland?“ „Weil Deutschland in dieser Partei keine… nee, Moment mal.“ „Ist doch besser andersrum.“ „Dass die Partei nicht mehr in Deutschland ist?“

„Wie wär’s mit Konzertierte Lobbyisten Organisation?“ „Korrupt?“ „Geht auch.“ „Merkt man ja kaum.“ „Vor allem die Abkürzung ist gut.“ „Genau!“ „Da weiß man auf dem Wahlzettel wenigstens sofort, wo man seine Stimme rein schmeißt.“

„Leute, es geht nicht darum, dass Ihr das Rad neu erfindet.“ „Das wäre ja noch verhältnismäßig leicht.“ „Und ausnahmsweise mal eine sinnvolle Aufgabe für die Zukunft.“ „Wir müssen…“ „Wir?“ „Er meint uns.“ „Also einer schwingt die Reden und die anderen baden es aus.“ „Typisch.“ „Nein, ich meine nur, dass wir…“ „Die Partei braucht einen neuen Anstrich.“ „Bei dem Zustand auch nicht verwunderlich.“ „Eine Art Rostschutzmittel.“ „Hier wohl eher Restschutzmittel.“ „Wie ist das mit Mövenpick?“ „Wollen wir jetzt als Discounter-Ware auftreten?“ „Nein, aber dann hätten wir wenigstens mal eine Dachmarke mit renommiertem Namen.“ „Stimmt.“ „Hatten wir ja länger nicht.“

„Und wenn man das ganzen Personal…“ „Statt der Namensänderung?“ „Er meint bestimmt zusätzlich.“ „Dann wär’s ja überhaupt nicht mehr die FDP.“ „Also Mission erfüllt.“ „Warum sollen wir das eigentlich machen?“ „Wüsste ich auch gerne.“ „Na, wir wollen glaubwürdig bleiben.“ „Also ist eine Partei dann besonders glaubwürdig, wenn sie ihren Namen wegschmeißt?“ „Wohl eher dann, wenn sie ihre Herkunft verleugnet.“ „Diese Kritik an den Linken ist durchaus…“ „Wissen wir, macht es aber nicht besser.“ „Oder hat die Partei jetzt vor, den Linken alles nachzumachen?“ „Ja, aber viel erfolgreicher.“ „Na dann Prost.“

„So, keine Müdigkeit vorschützen! Liberal! Eine neue Marke in der Parteienlandschaft!“ „Und das sollen wir jetzt auf die Schneller erledigen?“ „Bis zur nächsten Bundestagswahl ist ja nicht mehr viel Zeit.“ „Bis zur nächsten Bundestagswahl ist auch nicht mehr viel Luft.“ „Nach oben schon.“ „Und wenn wir dann auch scheitern?“ „Dann sind wenigstens zwei Namen verbrannt.“ „Klingt auch nicht besser.“ „Ist es auch nicht.“ „Was darf das überhaupt kosten?“ „Frag lieber, was das wen kosten wird.“ „Den Vorstand sicherlich nichts.“ „Und was haben wir für Mittel?“ „Nicht viel.“ „Also irgendwas Junges.“ „Möglichst preiswert.“ „Und hip.“ „Oder so.“ „Ich glaube, ich hab da was.“ „Und das wäre?“ „Moment noch. – Hallo, Ikea? Ich hätte gerne den Mitarbeiter gesprochen, der die Klappstühle benennt.“





Kahlschlag

29 09 2011

„Wie soll’s denn werden, Herr Rösler? Wie immer? Flachdachschnitt? Das Primanermodell? Gerne. Mache ich Ihnen so zurecht, dass man denkt, Sie seien gar nicht beim Frisör gewesen. Ein Schnitt, so langweilig wie Ihr Gesicht.

Das Geheimnis ist es, das Beste aus seinem Typ zu machen, Herr Rösler. Und bei Ihnen ist das nicht ganz einfach – Sie sind kein Typ. Sie sind die personifizierte Ersatzflüssigkeit. Sie könnten sich ein Brikett in die Schädeldecke dübeln, es würde keinem auffallen. Deshalb macht es ja auch so viel Spaß, Ihnen die Haare zu schneiden. Es ist doch eigentlich egal, was dabei rauskommt.

Vorne etwas fransig? Was wollen Sie damit sagen, Denkverbote? Wer macht denn alle paar Wochen, wenn wieder mal eine Wahl für Ihren komischen Verein in die Hose gegangen ist, einen Riesenaufstand und verkündet, dass jetzt alles anders wird? Also alles wie immer, und dann haben Sie verstanden, und dann wird es sofort anders, weil alles bleibt, wie es war? Stufig schneiden oder gerade herunter? Ja, entscheiden müssen Sie sich schon, Herr Rösler. Peppiger? Dann sollten wir hier am Pony eine kleine… also jetzt doch klare Kante? und vorher noch mal die Mitglieder befragen, damit Sie wissen, was Ihre Meinung ist?

Na, das sieht ja hübsch aus hier. Haben Sie da in Ihrer Freizeit selbst mal herumgeschnippelt? Ach, und warum ist das hier schief? Sie meinen also, wenn das schief aussieht, dann sind die anderen schuld. Klar, das sieht man sofort ein. Und wenn Sie jetzt auch noch behaupten, die anderen seien alle viel zu dumm, um Sie zu wählen –

Die Tolle ist natürlich auch sehr hübsch. Hier vorne nicht so viel von der Pomade reinkleistern, Herr Rösler. Das ist für echte politische Hoffnungen und solche, die es noch werden wollen. Also lassen Sie besser die Finger davon. Hier könnten wir den Ansatz noch etwas kräftiger auftoupieren, das verleiht dem Schopf mehr Stand. Brauchen Sie nicht? Na, Sie müssen es ja wissen. Bitte, lasse ich das Spray halt weg. Dann kippt es halt, Sie sind es ja gewohnt.

Seien Sie vorsichtig mit den Seiten, Herr Rösler. Das wächst schnell, wenn Sie nicht aufpassen. Vor allem hier unten. Das gibt unangenehme Ränder. Der Möllemann, der hätte Ihnen da was erzählen können – der wurde da regelrecht braun. Und dann hat man da auch immer so viel Last mit dem Ungeziefer, was sich da ansiedelt. Also doch? Gut, dann würde ich Ihnen zu einer ordentlichen Lösung raten. Haider-Schnitt. Kurz, aber wirkungsvoll.

Achten Sie bitte auf das richtige Shampoo, Herr Rösler. Wenn das Zeug teuer ist, in einer hübschen Verpackung steckt oder penetrant riecht, muss es noch nicht gut sein. Trennen Sie sich davon. Sonst liegt bei Ihnen alles voller Flaschen. Schmierig ist es in Ihrem Laden schon genug. Und beim Styling bitte darauf achten, dass Sie auch genug von Ihrer eigenen Heißluft abkriegen, Herr Rösler. Wäre doch wirklich schade, wenn Sie versehentlich die halbe FDP umpusten.

Eine Windstoßfrisur könnte ich Ihnen machen. Wird auch gerne genommen. Durchgestufter Schnitt mit etwas längerer Frontpartie. Asymmetrisch, tendiert vor allem im sichtbaren Bereich nach rechts. Hält was aus. Zumal Sie in nächster Zeit vorwiegend Wind von vorne bekommen dürften, Herr Rösler. Und ich wäre an Ihrer Stelle nicht einmal sicher, dass es sich nur um Luft handelt. Da braucht’s dann etwas, das sich pflegeleicht wieder auswaschen lässt.

Sie werden hier schon etwas grau, Herr Rösler. Das ließe sich jetzt auf mehrere Arten behandeln. Sie könnten einfach dazu stehen, aber das würde von Ihnen Ehrlichkeit verlangen. Oder einfach weniger Realitätsverleugnung. Wir könnten das auch einfach kurz rasieren. Dann fällt es nicht so auf, aber wir müssen das Problem selbst nicht angehen – oberflächliche Symptombekämpfung, damit sollten Sie doch in zwei Ministerien und in Ihrer Partei genügend Erfahrung gesammelt haben, Herr Rösler. Alt? Ach wo, Sie sehen doch nicht alt aus. Eher altersgerecht. Sie haben Ihre Biografie vorgestellt, jetzt können Sie den Löffel abgeben.

Nein, hier nur Tönen. Nicht Färben. Mit Herumgetöne kennen Sie sich doch aus, Herr Rösler? Dann also Tönen. Passt auch viel besser zu Ihnen. Etwas schnell aufgetragener Effekt, an der Substanz ändert sich nichts, und wenn man’s nicht mehr braucht, wird es einfach abgewaschen. Sie haben ja noch die eine oder andere Landtagswahl vor sich, richtig?

Na klar, wir machen hier ein paar Westerwellen rein. Überhaupt nichts für Ihren Typ, wenn Sie mich fragen. Steht Ihnen nicht. Nicht besonders haltbar. Aber dieses leicht ins Vulgäre hinüberspielende populistische Styling – das müsste man integrieren können in Ihren Schnitt. Sie brauchen einen echten Hingucker. Strähnchen, Extensions bis an die Fünf-Prozent-Hürde und vielleicht einen neuen Basis-Schnitt, den Sie dann nach Lust und Laune verändern können. Mal liberal, mal demütig, mal rechtspopulistisch. Was Sie so an Facetten brauchen, Herr Rösler. Bürgerlich. Und seriös, wenn man nicht zu genau hinschaut. Ein Geert-Wilders-Gedächtnisfeudel. Ordentlich Festiger drauf, am besten Drei-Prozent-Taft, den können Sie auch für Ihre Koalition verwenden, und dann lassen Sie sich ordentlich abbürsten. So – wenn Sie da hinten mal schauen wollen? Sie haben da nämlich immer noch jemanden im Nacken sitzen, und das, Herr Rösler, ist nicht mein Problem.“





Einsatz unter vier Prozent

14 09 2011

„Meine Güte, wie sieht das denn hier aus! Kinder, jetzt nehmt doch mal den ganzen Müll da weg, das geht doch nicht, und was sollen eigentlich diese Fähnchen da, ist ja fürchterlich, und was liegt da bloß für ein braunes Zeugs herum? Ach so, Filz. Hätte ich mir ja denken können, hier bei der FDP.

Was soll das denn da sein? Sie haben hier einen Whirlpool in eine Etagenwohnung gestellt? Ach so, es ist das Arbeitszimmer. Und das sehen Sie jetzt als Problem. Ja, kann ich mir denken. Wenn ich zu einem großen politischen Verein käme und da wäre ein Whirlpool im Großraumbüro direkt gegenüber des Guido-Westerwelle-Altars, dann würde ich mich auch fragen, was das soll. Dafür hatte ich mir auch etwas ausgedacht – wir werden für ein gutes Teamwork einen runden Schreibtisch aufbauen mit einer modernen und total flexiblen – wollen Sie nicht? Was dann? Wir können doch hier unterhalb der Tischplatte auch die Kabel entlangführen, und die Sitzmöbel sind alle total ergonomisch und rückenschonend und aus skandinavischem Bast geklöppelt, und das passt dann farblich total toll zu den… Der Whirlpool ist Ihnen nicht mehr groß genug? Klar, kann ich verstehen.

Sicher, ich würde mich auch beschweren. Aber klar. Schauen Sie mal, das hier ist nicht Ihr Haus, Sie sind hier nur Mieter, ja? Das ist egal, ob Sie die wichtigsten Mieter in der ganzen Straße sind – Sie sind Mieter. Das hier gehört Ihnen nicht. Nein, auch nicht, wenn Sie die Fenster von innen zuhängen. Und damit wären wir beim nächsten Punkt. Die anderen Anwohner beschweren sich über den Lärm. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine wäre, dass Sie sich vielleicht mal etwas am Riemen reißen, nicht ständig herumschreien, man muss ja auch nicht den ganzen Tag lang am Küchenfenster stehen und wie am Spieß schreien, und wenn Sie auch nicht jeden Tag dieses bräsige Stühlerücken auf dem Boden – gut, dann kleben wir eben alles mit Eierkartons aus.

Und das hier ist wohl nicht Ihr Ernst? Da ist wohl seit dem Einzug keiner mehr drin gewesen? Sie hatten das bereits mit Spinnweben gemietet? Und dass der Boden klebt, ist anscheinend auch normal? Rösler, haben Sie hier die Löcher in die Wände geschlagen? Nee, glaube ich Ihnen. Sie und auf den Putz hauen – lächerlich. Und was soll das hier darstellen, wenn ich fragen darf? Türschild? Ach so, an der Innenseite. Sozialraum? Darauf hätte ich aber auch kommen können.

Und an Wärmedämmung haben Sie gar kein Interesse? Ich meine nur, dass Sie hier alle nicht ganz dicht sind, merkt man ja nun deutlich, und bei der Heißluft, die hier produziert wird – nicht? Man könnte bares Geld sparen, wissen Sie, und bei der Gelegenheit gleich noch etwas Gutes tun. Auch für die Klimaschutzziele, Ihre Kanzlerin wäre sicher begeistert. Wirklich nicht? Und warum nicht? Dabei wäre für Sie doch alles noch bequemer als sonst. Gut, dann lassen wir’s. Aber mal im Ernst, warum wollen Sie nicht? Weil Sie nicht gerne jemandem etwas Gutes tun, wenn es sich für Sie nicht sofort auszahlt? Ach, richtig. Sie sind ja schon total isoliert.

Nein, ich habe nichts gegen Feng Shui. Absolut nicht. Muss ja schließlich jeder selbst wissen, an welchen Hokuspokus er glaubt. Und wenn Sie meinen, wir sollten das hier am Parteiprogramm ausrichten, bitte. Machen wir alles. Aber wollen Sie sich nicht lieber ein Schlafzimmer einrichten? Ein hübsches Wolkenkuckucksheim zum Relaxen? Wo die Märkte sich selbstständig regulieren und die Arbeitslosen für dreißig Cent pro Stunde Schnee schippen? So ein richtig toller Westerwellness-Raum mit allen Schikanen gegen den normalen Bundesbürger? Na? Hatte ich mir gedacht, dass Sie das gut finden. Ist durchaus möglich, wir müssen nur ein paar technische Vorkehrungen treffen: der Raum muss hermetisch abgeriegelt werden, da darf kein bisschen Außenwelt rein, sonst funktioniert es nicht.

Wollen Sie nicht mal ein bisschen umbauen? Schauen Sie mal, wir haben hier so hübsche Sachen aus dem Haider-Katalog. Gucken Sie sich bloß mal diese entzückende Sitzlandschaft an. Genau wie im Europäischen Parlament, da möchte man am liebsten gar nicht mehr aufstehen. Hier haben wir das auch modular, das ist mit beweglicher Lehne – da können Sie dann in jede Richtung kippen, ganz wie im richtigen Leben – und dann hier der Dauerkomfortsitz Silvana. Einmal reinsetzen, nie wieder aufstehen. Haben wir auch mit integriertem Klo, das ist das Modell Chatzimarkakis. Den kriegen Sie garantiert nie wieder vom Arsch.

Schrankwand mit Barfach, das wird Brüderle freuen, hier hätten wir Platz für den Müllschlucker, wenn sich Ihr Laden zwischendurch mal in seine Bestandteile zerlegen sollte, und das hier? Alles nach rechts? Gute Idee. Und hier hätten wir auch Platz für einen Sportbereich – alles gefliest, die Fußbodenheizung ist ideal für Wahlabende, wenn Sie alle kalte Füße kriegen, und schön glatt. Da können Sie wunderbar Kriechen üben. Oder trainieren Sie Ihren Aufschlag. Tennis? Ich dachte mehr so an Fallschirmspringen.

Gut, dann also einmal das Komplettprogramm: renovieren, bis alles wieder aussieht wie vorher. Wir frischen die Flecken auf der Tapete auf, frischer Holzwurm für die Möbel, die Wasserhähne kriegen eine Kalkschicht aus der Sprühdose, die Klingel wird abgeklemmt, und dann brechen wir den Schlüssel im Schloss ab. Von außen. Und Sie werden sehen, dann sind alle zufrieden. Nicht nur vier Prozent.“





Schmiere

12 05 2011

„Hier, kennen Sie? Kennen Sie die? Liberale? FDP? Kennen Sie? Müssen Sie sehen – müssen Sie! Müssen Sie! Das ist ja der Irrsinn. Der Irrsinn! Das müssen Sie gesehen haben! Also wenn Sie das nicht gesehen haben, dann kennen Sie aber gar nichts. Das ist ein Zirkus – sa-gen-haft!

Ach was, kommen Sie mir nicht mit dieser Bayernpartei oder mit den Anarchistischen Joghurt-Fliegern, oder wie die alle heißen. So richtig lustig ist doch nur die FDP. Die haben ja auch wirklich unterhaltsames Personal. Kennen Sie den Dicken? Nein, nicht den Säufer, diesen hessischen da. Der sagt doch glatt, die FDP hat alles richtig gemacht. Alles richtig! weil, wenn sie nicht alles richtig gemacht hätten, dann hätten sie auch nie 14 Prozent bekommen. Gut, war jetzt nicht so die Pointe. Aber dann meint er doch: wir haben eben nur nicht geliefert – Sie, das Publikum aber, die haben da gelacht, also wirklich sa-gen-haft!

Na, ich dachte mir anfangs, ist wohl auch etwas einseitig, immer bloß Clowns. Aber wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat, ist es auch gar nicht so schlecht. Die von der Togo-Partei, oder wie die heißen, die sagen ja auch: Rückverdummung der Menschheit, nie mehr Arbeit, der Bürger ist ein Parasit und soll am Volkskörper – Sie, das kam mir aber alles bekannt vor. Wenn man sich diese Partei so ansieht, die haben alle noch nie gearbeitet, und die da mit ihrer Doktorarbeit, die erst recht nicht, und die anderen Schmarotzer, also mir kam das alles sehr bekannt vor. Und Rückverdummung? Gucken Sie sich die Wähler an, das hat gewirkt!

Also rein, erstmal ins Programm geschaut von dieser FDP, erster Punkt: Rösler. Sie, der ist ja so – hat mir sehr gut gefallen, der Mann, wahnsinnig lustige Nummer. Sagen alle erst über den, der ist Arzt, der soll Gesundheitsminister machen, das kann er am besten – will er nicht. Gut, macht er doch. Dann soll er Parteichef werden, Westerwelle raus, Rösler rein, Rösler hier, Rösler da – will er auch nicht. Sagen sie wieder alle über den, der kann das nicht, der hat ja keine Ahnung, der soll das lassen. Gut, da war die Pointe schon im Eimer, aber er macht’s doch. Sie, hier fängt das dann schon an, sich etwas in die Länge zu ziehen. Also was die Dramaturgie anbetrifft, man muss da doch noch mal ein bisschen – jetzt soll er Wirtschaftsminister werden. Muss ich weiter erzählen?

Dann kamen die Jüngelchen, Bahr und Lindner, und haben irgendwas aufgeführt. Das war jetzt auch nicht so besonders – eigentlich war das überhaupt nicht witzig. Einer hat immer nur über den anderen gesagt, der versteht das nicht, der weiß gar nicht, was Liberalismus ist, und dann haben sie beide abwechselnd auf mitfühlend und liberal gemacht. Ja, das kennt man von diesen fundamentalistischen Splitterparteien, Bibeltreue Biertrinker oder Trotzkistischer Landjunkerbund, die müssen auch immer allen erzählen, dass sie allein das Schnittbrot erfunden haben. Aber dann musste der Lindner noch etwas aufsagen, von Hume, und die in der FDP können doch so schlecht Englisch, und da wurde es auch peinlich, und dann habe ich mir eine Tasse Kaffee geholt und bin ins Foyer gegangen. So eine Schmiere, ich frage Sie, diese Schmiere hätten Sie sich doch auch nicht länger angesehen?

Aber dann kam er endlich. Sie, in echt ist der ja noch schlimmer als im Fernsehen! Dabei war die Nummer noch gar nicht mal schlecht, wissen Sie, der spielte einen Politiker, der einen Politiker spielt, der Außenminister sein will. Die ersten zehn Minuten war’s ja nur Gehampel, er hat nur zwischendurch mal ‚Ich, ich!‘ gesagt, aber dann haben sie ihn einfach von der Bühne getragen, und dann kam einer nach vorne, und dann haben sie gesagt: er war sehr gut, er war unverzichtbar, er hat uns die größten Erfolge ermöglicht, weil wir auch voll hinter ihm gestanden haben, und wir stehen auch alle immer noch voll hinter ihm, und er ist auch völlig unverzichtbar und wir wollen ihn auch weiterhin, und deshalb muss er so schnell wie möglich in der Versenkung verschwinden, und er war ein Blödmann, und wir haben das ja auch immer schon gewusst, wir durften es nur nie sagen, und deshalb muss man ihn jetzt auf jeden Fall stärken in der Rolle des Außenministers, da er für eine so einfache Aufgabe wie das Parteipräsidium einfach zu dumm ist, und darum ist er auch völlig unverzichtbar – Sie, da war mir aber schwindlig!

Dann kam noch heiteres Zahlenraten – es kam irgendwie immer etwas unter fünf raus, ich weiß auch nicht, was das sollte, aber sie fanden es wohl selbst auch nicht so amüsant – und dann eine ganz merkwürdige Nummer, so eine Mischung aus Zaubertrick und Akrobatik. Viel Showeffekte. Alles voller Lärm und Glitzer, sie wollten alles neu machen, völlige Verwandlung, viel Getöse, und dann kam Rösler als Conférencier und verkündete, dass jetzt viel mehr Frauen in der FDP-Spitze sein sollen – es kamen dann aber gar keine, nur die Homburger wurde reingerollt, und dann haben sie die in einen Schrank gestellt, die Tür zugeklappt, Trommelwirbel, dann einmal umgedreht – ja, dann war die immer noch im Schrank. Der Trick? Ja, das muss er wohl gewesen sein. Den haben sie dann mit dem Brüderle noch mal wiederholt, dann ist Rösler auch in den Schrank gestiegen – aber dann waren schon fast alle weg.

Also so lustig war’s jetzt direkt nicht. Aber Sie sollten sich das doch mal ansehen, wissen Sie, jetzt sollte man sich das ansehen. Noch gibt es die, und wer weiß, wie lange noch?“





Rosskur

10 05 2011

„Diagnose?“ „Schwerste Schädigungen vor allem im zentralen Bereich, erheblich eingeschränkte Realitätswahrnehmung, und äääh…“ „Was?“ „Der Patient kommt hinten nicht mehr hoch.“ „Wie wirkt sich das aus?“ „Momentan bei vier Prozent.“ „Das ist so gut wie klinisch tot. Packen Sie den Krempel zusammen, das zahlt die Kasse nicht mehr.“ „Aber die FDP ist doch bestimmt privat versichert?“

„Nein, mal ernsthaft. Wir sind gerufen worden, weil die sich nicht entscheiden konnten, ob sie sich eine Herztransplantation erlauben.“ „Dabei ist doch der Westerwelle so ein guter Außenminister. Also vor allem in der FDP, im Ausland sind das natürlich alles Ressentiments.“ „Selbstredend. Man hat ja auch immer nur auf seine Person gezielt und nie auf seine politischen Inhalte.“ „Ha, guter Witz! Sehr komisch, sehr komisch – hatte dieser Mann jemals politische…“ „Geschenkt. Das war Ironie, haben Sie’s kapiert?“ „… Inhalte, abgesehen von seiner Profilneurose?“ „Rösler meint, dass ja.“ „Rösler hat nichts zu melden.“ „Rösler ist aber doch der Arzt.“ „Rösler ist vor allem Teil des Problems, aber nicht die Lösung.“

„Und Brüderle müsste man jetzt auch irgendwie loswerden.“ „Amputation?“ „Fällt Ihnen nichts Besseres ein?“ „Ist das noch vitales Gewebe oder hat sich der Dicke über die Wupper gesoffen?“ „Na hören Sie mal!“ „Das lässt mich kalt, der Mann merkt doch auch nichts mehr.“ „Wenigstens hat der doch noch einiges Prestige:“ „In der Partei: ja, aber in der Wirtschaft?“ „Was verlangen Sie von der Wirtschaft? Als Wirtschaftsminister ist er doch ohnehin nicht für den Aufschwung zuständig – höchstens dafür, dass er ihn nicht mehr als nötig behindert.“ „Wir können ihn ja schließlich nicht einschläfern.“ „Warum eigentlich nicht?“ „Weil das keinem auffallen würde.“

„Dann schon lieber Homburger.“ „Wen? Dieses Stoffhündchen aus der Fraktion? Zwecklos.“ „Weil man den Unterschied nicht feststellen würde?“ „Doch, würde man. Was diese Frau anfasst – immer vorausgesetzt, man braucht dazu mehr als eine Hand, das überfordert sie intellektuell.“ „Hm, verstehe. Was genau macht die da eigentlich?“ „Nichts. Aber das läuft mit traumwandlerischer Sicherheit schief.“ „Sie ist die Quotenfrau, auf die man die ganzen Patzer schieben kann?“ „Sie ist die Sprechpuppe, die auf Befehl Wahlwerbung auskotzt.“ „Medikamentös zu bekämpfen?“ „Kaum. Vielleicht verhaltenstherapeutisch, aber ich möchte nicht wissen, was man mit der schon alles angestellt hat, bis sie aufrecht gehen konnte.“

„Und wenn wir uns nur seine Nachgeburten vornehmen?“ „Die Epigonenepidemie? Bösartiges Gewebe, wenn Sie mich fragen. Alles nach dem Vorbild geformt, egozentrische Zellen, die lieber allesamt zugrunde gehen, statt kooperativ oder gar sozial verträglich zu handeln. Klone, höchstens. Tumorzellen. Sie drücken ein bisschen auf die Nervenenden, aber sie führen den Organismus um so sicherer dem Ende entgegen. Übrigens ganz ausnahmslos völlig degeneriert. Sie können dabei zuschauen, wie das fault.“

„Und wenn man – jetzt nur mal theoretisch, ich meine bloß… also gewissermaßen als eine Art der alternativlosen Alternative, wenn wir – das müssen Sie jetzt nicht…“ „Kommen Sie auf den Punkt, Mann! Was wollen Sie mit Westerwelle?“ „Hm, es ist so, ich denke – wie gesagt, es wäre gleichsam nur so als…“ „Sie wollen den Mann absägen?“ „Was fällt Ihnen denn sonst ein? Er meint, dass er der Doppelbelastung nicht mehr gewachsen ist, und statt als erstes die Planstelle als Deutschlands peinlichster Klassenclown aufzugeben, schwatzt er überall herum, dass er seine Inkompetenz lieber dafür verwenden will, Deutschland zu blamieren.“ „Das wäre dann einer dieser Fälle, in denen man nichts mehr tun kann.“ „Nichts mehr mit Tabletten? oder vielleicht eine Psychotherapie?“ „Wenn es für den eine Therapieform gäbe, hätte die FDP ihm schon längst eine eigene Klapsmühle gebaut.“

„Das ist doch verheerend! Man kann keinen Patienten kurieren, der sich so heftig gegen seine Rosskur sträubt. Und man kann nicht erwarten, dass ein Patient mit derart mangelnder Bereitschaft die ärztliche Behandlung unbeschadet übersteht.“ „Das ist richtig. Die FDP wird den Weg des Irdischen gehen. Sie wird, wie das üblich ist, den Arzt dafür haftbar machen, weil sie der Ansicht ist, dass sie als einziger Patient den jahrelangen Raubbau an ihrem Körper nicht selbst zu verantworten hat. Sie wird, wie das unter Ideologen halt so üblich ist, einen Schuldigen suchen, denn wenn jemand mit einer Lungenentzündung aufsteht, in den Schnee stapft und Zigarren raucht, dann ist doch allemal die Krankenschwester in Schuld.“ „Und was machen wir jetzt? Wir können die doch nicht einfach liegen lassen und zuschauen, bis sie von alleine abkratzt.“ „Wieso eigentlich nicht?“ „Dann wüsste ich aber etwas Besseres: Westerwelle wieder als der protzige Pöbler in der ersten Reihe, Homburger macht das dumme Weibchen in der Fraktion, Brüderle den inkompetenten Märchenonkel für die Wirtschaft, Lindner, Bahr und Rösler sind die Quotentrottel, die zeigen, dass auch akademische Versager in dieser Partei willkommen sind.“ „Unglaublich, das ist ja die Lösung! Wir gehen homöopathisch dagegen vor!“ „Richtig, mit dem Problem das Problem bekämpfen. Mehr ist sowieso nicht drin. Und dann sollen sie selbst sehen, wie sie zurechtkommen.“ „Großartig! Operation gelungen – Patient tot!“





Verrückt in die Zukunft

11 04 2011

„Volle Breitseite, verstehe. Und einmal so richtig durch die Presselandschaft? Na logisch, beste Kontakte vorhanden. Wir machen den Mann so was von zum Opfer, Sie werden staunen. Den machen wir fertig, den Rösler. Der kriegt Saures. Der frisst seine Brille. Verlassen Sie sich ganz auf uns, wir wissen schon, wie wir den Knilch um die Ecke kriegen, Herr Westerwelle.

Klar, der kann’s nicht. Der kann gar nichts. Sie waren ja schon mies, aber der? Richtig, Herr Westerwelle. Ihnen kann doch keiner das Wasser reichen. Überhaupt, was für eine Anmaßung – noch gar nicht im Amt, noch nicht mal gewählt, da macht der sich doch schon öffentlich in die Hosen und damit über den ganzen Laden her. Der kann gar nichts, und das macht er auch. Der ist ja noch nicht mal so nett wie der Bundespräsident, wie hieß der noch gleich… nein, der andere. Jetzt will er das soziale Profil der FDP schärfen. Im Alltag ankommen – muss er das denn ausgerechnet mit Sonntagsreden versuchen?

Doppelbelastung, das ist ein gutes Stichwort! Das kommt prima an. Doppelbelastung – dass man dem Jungspund nicht zutraut, Parteichef und gleichzeitig Bundesminister zu sein, das liegt doch wohl auf der Hand, oder? Na, sehen Sie mal: Sie haben doch selbst gezeigt, wie man elend versagt, wenn man bei jeder Kleinigkeit die Klappe bis zum Anschlag aufreißt und parteipolitischen Sums in die Gegend krakeelt, weil die Reporter gerade die Mikrofone aufhalten. Sie brauchen nur abzuwarten, der wird bis zu den nächsten Wahlen irgendwas Substanzielles sagen. Das rutscht dem so raus. So Sachen wie: für Mindestlöhne. Oder dagegen. Oder Atomdings. Oder dafür. Oder noch schlimmer, er sagt was zur Gesundheitspolitik. Das wird er nicht aushalten. Es wird ihn zerreißen.

Wir sollten jetzt auch aktuelle Entwicklungen in der FDP nicht unterschätzen, Herr Westerwelle. Sie sind ja schon fast aus dem Haus, also so quasi gar nicht mehr da bis so gut wie völlig weg vom Fenster, da passieren schon Dinge, die wären vorher nicht passiert. Dass die wieder aus dem Ausstieg aussteigen wollen? Das ist natürlicher Kippreflex, das wird von der Basis als Hintergrundrauschen wahrgenommen. Nein, schauen Sie mal genauer hin: die rücken schon zusammen mit dem Lindner vom Moratorium ab. Da bahnt sich Teamwork an. Das ist eine Revolution, was sage ich: das ist ein Weltuntergang! Sie können doch in einer Partei, die zehn Jahre einem kreischenden Profilneurotiker nachgelaufen ist, nicht plötzlich auf Denken umstellen! Und das dazu in einer liberalen Partei. Ich bitte Sie, die Leutchen im Bundestag, die haben doch außer Schlipstragen nichts gelernt! Das gibt eine Tragödie!

Und dann hat er natürlich alle die verpatzten Landtagswahlen auszubaden. Das gibt’s ja nix! Wer denn sonst? Sie etwa? Gut, er kann nichts dafür. Er hat aber auch nicht viel dagegen getan, richtig? Geben Sie zu, er ist das geborene Opfer. Sie haben ihn nach Berlin geholt, er wollte auch mal seine Eitelkeit befriedigen, und jetzt muss er büßen. Gute Wahl, Herr Westerwelle!

Nein, wirklich. Sie haben den Besten erwischt, vielmehr: es wird ihn erwischen. Das kann nicht gut gehen. Mit solcher Dünndruckrhetorik schläfern Sie ja tollwütige Tiere ein. Was hat er gesagt? Keiner habe es geschafft, die FDP zu marginalisieren, weil man eine liberale Partei gar nicht marginalisieren könne? Vorsicht – das klingt brandgefährlich! Als größenwahnsinniger Brüllbeutel sind Sie doch noch immer der Maßstab für die Partei gewesen, Herr Westerwelle. Das sollten Sie sich nicht nehmen lassen. Vor allem wird es gefährlich, wenn er neue Sprechblasen erfindet. Lassen Sie scharf schießen. Lebend kriegen die uns nicht.

Oder was halten Sie von der Nummer mit dem Fallstrick? Klassiker, klappt immer. Der Rösler hat ja gesagt, dass er die FDP überhaupt nicht ändern, sondern einfach nur beliebter machen will – merken Sie was? Dann kann er auch gleich sagen: ehe hier was geklaut wird, wollen wir mal lieber die Bude abfackeln. Alle anderen haben Schuld, nur die FDP natürlich nicht. Das sind die bösen Umfragen. Und mit jedem Weiter-so-Befehl reißt der Kurpfuscher die Partei noch tiefer ins Loch. Sie sehen, die Methode ist absolut narrensicher. Kann gar nicht schiefgehen. Sie müssen nur ein wenig abwarten, bis ihn der Steinschlag aus der Wand haut. Wenn er verkündet, den alten Liberalismus neu zu erfinden, indem er nichts von dem ändert, weil schon immer alles richtig gewesen sei – lassen Sie rechtzeitig den Champagner kalt stellen.

Skrupel? Sie werden nur deshalb nicht mit Blut an der Klinge abserviert, weil diese Knirpse für einen standesgemäßen Königsmord zu feige sind. Aber das wird Sie nicht hindern, nach der großen Schlacht wieder zurückzukehren auf den Thron. Bis dahin üben wir das mit dem Fallschirmspringen, und dann übernehmen wir das Ruder. Keine Angst, Herr Westerwelle. Das schaffen wir.“





Kabbelgruppe

7 04 2011

„Jetzt leg das sofort wieder hin! Christian, wenn Du das nicht sofort wieder – Christian! Diese Blagen rauben mir noch den letzten Nerv, es ist nicht zu fassen! Christian, das sollst Du nicht anfassen, ich habe es Dir schon – Christian! Leg das sofort wieder in die Kiste mit den Wirtschaftssachen! Dafür bist Du noch viel zu klein, davon verstehst Du sowieso nichts.

Es ist nicht leicht, jetzt, wo die Firma so kurz vor der Pleite steht. Da können Sie einen vernünftigen Betriebskindergarten gar nicht mehr aufziehen. Nein, das bezahlt einem keiner mehr. Die notleidenden Besserverdienenden, die stehen ja alle kurz vor dem Hungertod. Die können ihrem Nachwuchs noch ein Auto kaufen oder einen Platz auf dem Eliteinternat, aber für Bildung ist nichts mehr vorgesehen.

Jetzt lass das doch mal, Philipp! Meine Güte, der Bursche ist aber auch unerträglich. Er hat ja dies Talent, das muss man ihm lassen. Der Bub kann lügen, das glauben Sie nicht! Also das glauben Sie dann doch, verstehen Sie, das ist es ja gerade. Der steht hier den ganzen Tag am Fenster und zuckt Löcher in die Luft, der will nicht mit den anderen spielen, und dann kommt er plötzlich an und erzählt Ihnen Märchen – sagenhaft! Christian, jetzt lass doch mal! Der Junge ist aber auch hyperaktiv. Die Eltern, schätze ich. Eindeutig die Eltern. Er will immer alles haben, was er sieht, und dann kann er damit nicht umgehen, und dann macht er es kaputt. Wissen Sie eigentlich, was uns das kostet?

Aber der Philipp. Der denkt sich Sachen aus, das halten Sie nicht für möglich. Neulich höre ich da Gepolter und dann klirrt etwas, dann kommt er die Treppe runter, da zupft er mich an der Schürze und sagt, Tante, sagt er, da haben die bösen Grünen die Scheibe eingeschmissen. So im Brustton der Überzeugung, verstehen Sie? Genau wie ein kleiner Erwachsener. Und dabei war es bloß das Fenster zum Hof, die Suppenkelle kam aus der Küche und die Scherben lagen alle draußen. Kommt die Frau Direktorin, nichts zu machen. Er bleibt dabei. Der Arzt sagt, das ist nur eine blühende Fantasie. Aber ich habe da so meine Zweifel.

Christian! Jetzt hör doch mal auf, die Birgit an den haaren zu ziehen! Ja, ich weiß ja selbst, dass die doof ist. Aber das ist doch kein Grund. Das Kind hat es auch nicht leicht, die kann sich nichts merken. Schlimm. Aber wir als Betriebskita können uns das eben leider nicht aussuchen. Und stellen Sie sich mal vor, wir hätten lauter solche – Christian! Leg das sofort wieder weg! Du sollst doch nicht immer alles aus dem Müll rausholen!

Wobei die Silvana noch schlimmer ist. So ein hübsches Kind, und so strunzdumm. Ehrlich, da mache ich mir manchmal direkt Sorgen, was die später mal werden soll. Hausfrau und Mutter? Wäre eine Alternative, aber dann möchte ich ja nicht ihr Kind sein. Scheußliche Vorstellung, das.

Der Philipp wieder! Jetzt hat er schon wieder seine Phase, wo er anderen Kindern alles erklärt. Sie, der hat neulich von jedem hier einen Euro haben wollen. Der hat die so lange beschwatzt, bis sie alle von zu Hause einen Euro mitgebracht haben, und dann hat er das Geld eingesammelt und sich davon Naschkram gekauft. Wissen Sie, was er den Kindern erzählt hat? Er würde nur selbst die ganzen Süßigkeiten essen, damit die anderen keine schlechten Zähne bekämen – ich frage Sie, woher hat denn der Bub das bloß? Können Sie sich das vorstellen? Ich bin da überfragt. Das müssen die Eltern – Christian! Du hörst jetzt sofort auf mit dem Unsinn, sonst musst Du später mal Außenminister werden und alle Leute finden Dich blöde! Jetzt lass doch den Daniel in Ruhe, der will nicht mit Dir spielen. Menschenskinder, nie vertragen die sich. Die reinste Kabbelgruppe!

Von außen sieht das vielleicht ganz hübsch aus, da haben Sie Recht. Alte Villa in angenehmer Lauflage, gepflegter Vorgarten, das ist für die Öffentlichkeit sicher sehr vorteilhaft. Aber sonst? Gucken Sie sich nicht zu genau um hier. In jeder Ecke liegt Dreck.

Meine Güte, Christian! Jetzt lass das endlich, es hört Dir doch sowieso keiner mehr zu! Was dieser Junge einem an den Nerven zerrt, Sie möchten sich die Haare ausraufen! Dieses altkluge Geschwätz, ich möchte bloß mal wissen, woher er das bloß hat? Vor einer Woche fing das an, da erzählt er allen: Spinat ist pfui, Spinat ist bäh, wer Spinat isst, der wird grün im Gesicht – Sie konnten ihn gar nicht mehr beruhigen. Am dritten Tag, da drehte er schier durch! Spinat hier und Spinat da, dabei gibt’s hier weit und breit keinen Spinat. Auf was für Ideen er kommt, das ist nicht zu fassen. Und dann gestern, wie ausgewechselt – er kommt hier an bei mir und sagt, er sei bei Tante Angela gewesen, die habe ihm gesagt, Spinat sei so gesund und so lecker, er will jetzt jeden Tag Spinat haben. Und dann meint er noch, wenn er nicht jeden Tag Spinat kriegt, dann sorgt er dafür, dass wir alle rausgeworfen werden und dass der Kindergarten schließt und dass – Christian! Jetzt leg das doch mal weg! Der Junge ist nicht ganz richtig im Kopf, wenn Sie mich fragen. Jetzt hat er der Birgit schon wieder ihren Teddy weggenommen, und jetzt versucht er, dem Ding die Augen auszureißen. Christian, lass das gefälligst nach! Der macht mich noch ganz rammdösig, der Junge. Gestern hat er eine Puppe mit der Schere aufgeschlitzt, und dann hat er so getan, als ob ihm das alles Leid täte – wissen Sie, was er gesagt hat? Mitfühlende Grausamkeit. Ernsthaft, wo lernen die Kinder das? Das ist doch alles nicht mehr normal?“





Die Nacht der langen Messer

5 01 2011

„Selbstverständlich ist niemand direkt schuld an dem Zustand.“ „Das hätte auch keiner erwartet. Die FDP ist ja nie an irgendwas schuld.“ „Nur werden solche flapsigen Parolen diesmal nicht helfen. Die Partei ist am Ende. Guido Westerwelle ist nur einen Schritt vom Abgrund entfernt.“ „Richtig. Und das Präsidium steht geschlossen hinter ihm.“

„Was soll denn die Partei jetzt noch machen?“ „Aufgeben?“ „Das ist keine Option. Sie erwarten doch wohl nicht im Ernst, dass sich der Laden jetzt auflöst.“ „Von sofortigem Vollzug war ja nicht die Rede. Es ist alles eine Frage des Termins.“ „Das grenzt an Selbstzerstörung, was die jetzt betreiben. Das macht doch kein normaler Mensch.“ „Trösten Sie sich, seit Möllemann ist das gute Tradition in der FDP.“ „Es wird sich alles ändern müssen, man kann doch so nicht weitermachen.“ „Was schlagen Sie vor, die Nummer mit den Bürgerrechten? oder die große Bildungstour?“ „Das wäre doch schon mal ein Ansatz.“ „Ach Gott… für Bildung fehlt in diesem Juristenhaufen jemand, der wüsste, worum es sich handelt und wie man das schreibt. Und Bürgerrechte – ein kleiner Haufen Blindgänger biedert sich auf einmal beim Wähler an, dem er nicht einmal das Wasser reichen kann? Wie putzig!“ „Was sollen sie denn sonst machen?“ „Nichts.“ „Gar nichts.“ „In Schönheit sterben scheint aber auch nicht gerade die Lösung zu sein.“ „Es wird nur nicht anders gehen. Sie haben den Ausstieg verpasst. Sie waren Hasardeure, Zocker, die alten Waghälse, die immer noch warten mussten, dass die Aktien steigen. Jetzt sind sie nicht nur gefallen, sie haben den Boden durchschlagen, und sie hatten nichts Besseres zu tun, als sich einen neuen Mythos aus den Rippen zu schnitzen: dass ihr Wert irgendwann wieder steigen könnte.“

„Sie werden also Westerwelle absetzen.“ „Sie gestatten, dass ich lache?“ „Was ist daran lachhaft, wenn man mal von Westerwelle absieht?“ „Ein Hochflieger, der sich auf dem Tiefpunkt seiner Karriere aus dem Staub macht.“ „Es weiß jeder, dass er dem Ansehen der Partei schweren Schaden zugefügt hat.“ „Es weiß momentan nur jeder, dass sich Rösler, Niebel und Karnevalströte Homburger beim Speichellecken gegenseitig in die Hacken treten.“ „Das müssen die doch. Wenn man Sie vor die Wahl stellt, ob Sie ihren Job loswerden oder vor dem Chef in die Knie gehen wollen, wie würden Sie sich entscheiden?“ „Das klingt ja einigermaßen logisch – wo doch um Niebel herum eine Horde von Deppen im Präsidium hockt, die in anderen Parteien höchstens Hausmeister geworden wäre.“

„Aber mit billiger Kampfrhetorik wird die FDP auch nicht gerettet. Den Schneid kauft einem keiner mehr ab.“ „Deshalb wird es die Nacht der langen Messer geben.“ „Die Nacht der langen Messer? Sie meinen, es wird…“ „Möglicherweise. Für billige Dramen waren sie immer schon zu haben.“ „Wie wollen sie das jetzt machen? Sie haben sich doch schon alle loyal gezeigt und solidarisch und unbestechlich.“ „So viel Unbestechlichkeit kostet halt ein bisschen.“ „Sie meinen die Zukunft der Partei?“ „Natürlich. Wäre die FDP mit ihrem Steuersenkungsgefasel auch nur einmal erfolgreich, sie hätte nie wieder ein Thema für den Wahlkampf. Das muss man auf lange Sicht bedenken. Und eine Null-Themen-Partei ist selbst für diese seekranken Leichtmatrosen nicht steuerbar.“

„Also muss Westerwelle doch weg.“ „Das hat auch keiner bestritten.“ „Meinten Sie nicht, man könne ihn nicht absetzen?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Es wäre doch Verrat.“ „Auch Verrat ist eine Frage des Termins. Man kann steht ja schon geschlossen hinter ihm.“ „Und das ist schon die Lösung?“ „Sie haben beschlossen, dass Westerwelle an den Ergebnissen der Landtagswahlen schuld ist.“ „Das ist doch Unsinn, wie soll das funktionieren?“ „Er wird eine großartige Rede halten, das Einfach-niedrig-und-gerecht-Gewölle auskotzen, bis der Dreikönigreichssaal sich zuckend windet, und dann wird er sein Fußvolk nachplappern lassen, dass nur die grandiosen Erfolge der Liberalen noch nicht laut genug im Volke widerhallen.“ „Es wird sich nichts ändern.“ „Richtig. Ein todsicherer Tipp, wenn man auf einen Totalzusammenbruch spekuliert.“ „Aber damit haben sie ein Argument in der Hand, ihn in die Wüste zu schicken.“ „Eben. Die Vorlage ist fertig, jetzt muss man nur noch warten, das eigene Gesicht zu wahren.“ „Warum das eigene Gesicht, warum nicht das von Westerwelle?“ „Wann hätte der je selbst Rücksicht genommen auf jemanden?“

„Gut, wir haben ein Opfer, wir haben einen Grund.“ „Nennen wir’s lieber einen Anlass, Gründe waren immer schon da.“ „Wer wird der Täter? Kubicki?“ „Ein alternder Gockel, der nur die Klappe aufreißt, weil er weiß, dass er nie wieder in eine verantwortungsvolle Position kommt.“ „Solms?“ „Jahrelang gedemütigt, weil er im Gegensatz zu Westerwelle etwas von Wirtschaft und Finanzen versteht und es den Schreihals auch wissen ließ. Jetzt ist er zu alt.“ „Homburger?“ „Die wird beim Dreikönigsschießen als erstes von der Stange geholt.“ „Brüderle?“ „Der wird höchstens Übergangs-Chef. Den Untergang besorgt Lindner.“ „Ein kleiner, farbloser Kläffer, der sich immer hinter seinem Chef versteckt hat? Dieser Versager, der außer zwei Firmenpleiten und etwas Haarausfall noch nichts geleistet hat, soll den Hampelmann der Eliten spielen?“ „Er ist die ideale Besetzung für einen Nachfolger: ein skrupelloser Feigling, der im letzten Augenblick kalte Füße kriegt, wenn man ihm den Dolch in die Hand drückt und ihn nach vorne schiebt.“ „Der soll gegen den Vorsitzenden rebellieren, wenn Westerwelle die FDP bei drei Prozent zementiert? Dieses Würstchen wird doch nicht einmal mit den Grünen fertig.“ „Eben. Sie werden sich einen halbgebildeten Schreihals leisten, das gehört in der FDP zum guten Ton, aber sie werden ihm von Anfang an klar machen, dass er nur zur Aufbauarbeit angestellt ist, nicht als Profilierungsneurotiker. Sie sind vorsichtig genug.“ „Und sie werden hinterher verbreiten, er sei ein ehrenwerter Mann gewesen, habe die Partei ja zu den größten Erfolgen geführt, er sei einer der ganz großen Staatsmänner gewesen, ein Vizekanzler, der sogar einmal ganz allein eine Kabinettssitzung hat leiten dürfen – wie passt das? Was werden sie daraus machen?“ „Was sie immer machen in Deutschland, wenn die Wahrheit zu unangenehm ist: eine Dolchstoßlegende.“





Rückstandsfreie Demokraten

22 06 2010

„Haben Sie sich das auch ganz genau überlegt?“ „Da gibt es nichts mehr zu überlegen.“ „Aber denken Sie auch an die Folgen – werden Sie mit den Folgen zurechtkommen? Und nicht irgendwann wünschen, Sie hätten damit noch einmal gewartet?“ „Ach, da gibt es nichts mehr zu warten, wir hätten es schon viel früher tun sollen. Die Sache ist doch schon erledigt. Wenn es nicht mehr geht, wenn man wirklich nur noch die tägliche Konfrontation und diese Aussichtslosigkeit, die Selbstanklagen, wissen Sie – nein, es geht nicht mehr! Wir wollen die FDP auflösen. Lieber jetzt als nie.“

„Wie sind Sie zu dem Entschluss gekommen?“ „Es hat sich lange hingezogen, wissen Sie – wir haben nichts erreicht. Alles, woran wir geglaubt haben, ist nicht mehr da.“ „An Steuersenkungen, nehme ich an?“ „Auch das, ja. Aber unser, wie sagt man heute? unser Markenkern hat sich in Nichts aufgelöst.“ „Ihr Markenkern?“ „Dieses, warten Sie, ich hatte es mir aufgeschrieben: Liberalismus.“ „Sie denken, die FDP sei letztens eine liberale Partei gewesen? In welchem Jahrhundert leben Sie denn?“ „Ich bin eben noch nicht so lange in der Partei, bitte sehr! Und seitdem Westerwelle Vorsitzender ist, hat sich die Sache ja sowieso nochmals völlig geändert. Es ist ja eher so, wie soll ich sagen – es hat ja nicht mehr so viel mit Politik zu tun.“ „Nicht?“ „Nein, wir wollen doch alle nur eine Pension. Wenn man nur ein mittelmäßiges Jurastudium hat, was soll man da groß mit sich und seinem Leben machen?“ „Einzusehen. Aber bleiben wir beim Liberalismus, haben Sie da keine Hoffnungen mehr?“ „Was soll denn da noch kommen? Ich verstehe nichts davon, aber in der Parteizentrale sagen sie, die Grünen sind gerade dabei, die Rolle als klassische liberale Partei zu verspielen.“ „An wen?“ „Keine Ahnung. Kann sein, dass die Piraten inzwischen originaler sind als die grüne Kopie, die aus den Neunzigern kam.“

„Das Problem ist, dass Sie keine Marktlücke mehr finden?“ „Auch. Vor allem ist es inzwischen gar nicht mehr möglich, noch genuine Positionen für eine Partei zu erobern. Schauen Sie sich den Verbraucherschutz an: grün, aber jetzt bei der CSU. Das geht doch so nicht, da muss doch der Staat…“ „Sie rufen nach dem Staat, weil es so nicht funktioniert, wie Sie es sich gedacht hatten? Ja, dann kann ich schon verstehen, warum Sie Ihren Laden dichtmachen wollen.“ „Wie, was ist daran falsch?“ „Abbau von Reglementierungen, von Subventionen – hat eigentlich Frau Leutheusser-Schnarrenberger ihre lustigen Überlegungen zum Leistungsschutz beim kostenlosen Hotelfrühstück verfasst? – das Ende der staatlichen Behinderungen bei der Gewerbefreiheit, hatten Sie da irgendwo etwas außer Umverteilung nach oben im Sinn? Und wenn ja, warum haben Sie es nicht umgesetzt?“ „Das Primat des freien Marktes haben wir aber doch immer im Auge! Schauen Sie, wir haben es in der Sozialpolitik und im Gesundheitswesen…“ „Das ist es ja. Und Sie fragen sich ernsthaft, wie die FDP in so kurzer Zeit scheitern konnte?“

„Was hätten wir denn machen sollen?“ „Sich an den Namen auf der Verpackung halten.“ „Demokratisch?“ „Auch. Mit der Freiheit gab es schon genug Probleme.“ „Wir haben den Menschen doch jede Menge Freiheiten gegeben! Sie sind frei, sich einen gut bezahlten Job zu suchen, sie können sich privat krankenversichern, sie können ihre Einkommensteuer außerhalb…“ „Weil sie positive und negative Freiheiten gerne unterscheiden, wenn es um ihre Klientel geht?“ „Natürlich, positives Denken hat die Menschen immer weiter gebracht.“ „Nur, dass negative Freiheiten für eine Gesellschaft konstituierend sind: die Freiheit von Zwang.“ „Das bestimmt jeder selbst. Leistung muss sich lohnen!“

„Gut, fassen wir zusammen: Wirtschaftsminister und Außenminister, die üblichen Sachen kriegen die anderen Parteien ohne die FDP auf die Reihe.“ „Ich fürchte, Sie haben Recht.“ „Bei Kultur und Bildung und allen diesen Ressorts, bei denen man etwas Richtiges studiert haben muss, um nicht peinlich aufzufallen, hat Ihre Partei nichts zu melden.“ „Immerhin haben wir bei der Entwicklungshilfe…“ „Das Ministerium wollten Sie abschaffen, und die Besetzung ist dementsprechend.“ „Hmja. Doch.“ „Also, was soll’s: die FDP ist eine Verpackung ohne Inhalt, eine Ansammlung miserabler Juristen, die ohne Politik elend verhungern würden. Ein Kostenfaktor, den man ersatzlos streichen könnte, ohne dass es jemand bemerken würde. Ein Haufen Lautsprecher, der wirre Wirtschaftskonzepte aus dem vergangenen Jahrhundert in die Gegend kräht und auch ansonsten nirgends durch Kompetenz auffällt. Sie liefern Spekulationen, schachern sich Posten zu, greifen in die öffentlichen Kassen und versuchen sich schließlich noch darin, mit Ihren sozialdarwinistischen Hassparolen die Gesellschaft zu dirigieren, was der Staat nie, niemals zu tun hat, auch dann nicht, erst recht dann nicht, wenn er der Staat sein will, der sich aus Unverständnis seiner eigenen Rolle abschaffen will.“ „Ja, das trifft es.“

„Und was haben Sie jetzt vor? Ich frage nur, vielleicht können wir nach Ihrer Löschung gleich eine Neugründung registrieren.“ „Wir dachten an politische Neuausrichtung als Bürger-Rechtspartei. Das macht es einfach, wieder Sachen zu verkaufen, die wir nicht haben.“ „Begreife. Und wenn Sie sich abwracken ließen? Rückstandsfreie Demokraten? Das bringt noch ein paar Kröten in die Parteikasse – nötig haben Sie’s ja.“ „Stimmt, das wäre eine Überlegung wert.“ „Aber sagen Sie mal, was machen sie mit Ihrem Vorsitzenden?“ „Ach, der Westerwelle – die letzten Jahre hat ihn die Wirklichkeit eh kaum mehr besonders interessiert.“





In Teufels Küche

9 03 2010

„Oh Mann, das ist doch echt ein Sauhaufen! Gibt’s eigentlich einen einzigen Typen, der weiß, was hier Phase ist?“ Ein Dutzend Augen glotzte den Mann in der blütenweißen Küchenschürze an, als hätte es gedonnert. Und der hieb einfach mit der flachen Hand auf den Tisch. „Avanti! Leute, hat man Euch nach dem Hirnabsaugen im Boden einbetoniert?“

Mein Respekt vor Siebels stieg schier ins Unermessliche. Wen hatte er nicht alles vor die Fernsehkamera gelockt – Politiker, Spitzenbanker und andere gescheiterte Existenzen – und jetzt sah ich begeistert zu, wie ein TV-Star die Mannschaft scheuchte. „Großartig“, rief ich begeistert, „das macht Ihnen so schnell kein Produzent nach. Mit dem Format schreiben Sie Mediengeschichte!“ Siebels tat wie immer ein bisschen geschmeichelt, bevor er zu erklären ansetzte. „Dass Christian Rach diese Woche Zeit hatte, ist aber auch wirklich nur Zufall. Normalerweise müsste er gerade ein paar Restaurants in Hessen in die Tonne treten, aber das erledigt das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. So haben wir ihn kurzfristig noch gekriegt.“ „Aber Sie dürfen auch das Format nicht unterschätzen“, insistierte ich, „wir sind ja schließlich nicht in einer beliebigen Pizzabude.“ Obwohl es im Thomas-Dehler-Haus auch nicht gerade anders aussah.

„Was ist das denn hier wieder für ein Siff?“ Der Küchenkatastrophentourist packte die Ansammlung von Altpapier und schmiss sie auf den Boden. „Phrasenpapier für Steuersenkungsversprechen? Sozialistische Auswüchse im Prekariat? Habt Ihr noch alle Tassen im Schrank? Das wird hier mal ordentlich durchgeputzt, aber dalli!“ Keiner rührte sich. Da polterte Rach los. „Dieser ganze Dreck aus der Opposition kommt weg, aber schleunigst!“ Er packte den erstbesten Liberalen am Kragen. „Ich sage das nicht gerne zweimal – jetzt wird hier ausgemistet, die FDP ist in der Regierung. Eure ganzen Sprüche von vorgestern will keiner mehr hören!“ Der Mitarbeiter mopste sich. „Das lassen Sie mal nicht den Chef hören. Der ist nämlich der Außenminister und wichtig. Der wird Ihnen…“ Ein finsterer Blick traf ihn.

Rach blätterte angewidert das Parteiprogramm durch. „Mein Gott“, stöhnte er, „was ist das denn? Diesen Unfug kriege ich doch an jeder politischen Frittenbude, und zwar wesentlich besser. Wer hat sich das denn ausgedacht?“ Keiner hatte eine Antwort parat, um so unerbittlicher hakte der Unternehmensverbrater nach. „Das ist doch alles halbgares Zeugs hier, da steht Liberalismus drauf, aber was ist das denn? Tütenware mit Billigmatsch und Fertigzeugs, und dafür diese Preise? Ihr seid ja wohl alle vom wilden Mann gebissen! Wenn ich irgendwo FDP höre, dann will ich auch genau wissen, was diesen Laden hier ausmacht? Warum sollte ich diese Partei wählen? Warum nicht gleich die Union? Was ist das alles hier eigentlich?“ Erschüttertes Schweigen hing im Raum.

„Und das Tolle ist“, lächelte Siebels, „dass er sich nicht einmal zu ändern braucht. Er macht einfach das, was er immer schon gemacht hat.“ „Sie meinen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen der FDP und einer Wurstbude?“ Der TV-Macher rückte seine Brille zurecht. „Es ist eben der Charme seiner Arbeitsweise, dass er in die Ecken sieht und das Selbstverständliche thematisiert, über das man sonst nicht spricht. Man kann einem Restaurant verzeihen, dass der Fisch mal ein bisschen trocken ist, aber wenn nach dem dritten Besuch die Seife auf der Toilette immer noch fehlt, dann weiß man, dass da nicht gut gearbeitet wird. Dann kommt man nicht wieder. Und manchmal kommt man dann nie mehr wieder.“ „Was dann auch fatale Folgen haben kann“, sinnierte ich.

„Aufwachen!“ Rach klatschte in die Hände und scheuchte das komplette Personal durch den Saal. „Gas geben, Leute! Das kann’s doch wohl nicht sein – alle wissen, dass der Chef nicht ganz dicht ist, aber alle warten bis nach der nächsten Wahl ab, damit man ihm dann sagen kann: wir haben vorher schon gewusst, dass das ein beispielloses Debakel wird? Das ist keine Lösung!“ Der Kameramann postierte sich vor der Parteizentrale, der Sternekoch gab seinen Kommentar. „Momentan sieht’s gar nicht gut aus. Eigentlich habe ich auch gar keine Lust mehr, mir das weiter anzutun, weil die hier alle so furchtbar renitent sind und nicht kapiert haben, dass ihre Jobs in Gefahr sind.“ Drinnen hörte man, wie sich versprengte Jungliberale ankeiften und die Politik ihres Gesundheitsministers teils verrissen, teils in den höchsten Tönen lobten. Bald gab es fünf Splittergruppen. „Verdammt, ich schmeiße diesen ganzen Mist gleich hin!“ Und schon wieder musste Rach den Dompteur geben. „Jetzt mal los hier! Konzept entwerfen, strategische Planung, jetzt mal sagen, wo es langgeht! Ihr braucht eine klare Vorstellung dessen, was Ihr erreichen wollt! Womit soll die Veränderung losgehen? Ein Signal! Los!“ Er zeigte mit dem Finger auf eine kleine, plötzlich sehr verschüchterte Frau. „Wenn wir, äääh, wir können vielleicht erst mal Schnee schippen?“ Rach schlug stöhnend die Hände vors Gesicht.

„Das wird bestimmt eine ganz nette Sache“, meinte ich anerkennend zu Siebels. „Allerdings wohl eher eine kurzfristige – mit den Zack-Zack-Kommandos ist er in einer Episode mit der Partei fertig, und so viele gibt es da ja nun auch nicht.“ „Doch“, widersprach der Programm-Maestro, „das könnte ein Dauerbrenner werden. Ein Steadyseller auf dem Doku-Markt sogar. Sie müssen bedenken: die FDP rennt sich regelmäßig in die Grütze. Die nächsten elf Jahre nach Westerwelle dürften damit schon mal gesichert sein.“