Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXVIII): Luxusstress

11 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Immerhin das wusste Rrt: das Leben ist eins der Schwersten. Jeden Tag bei jeder Witterung in der Hoffnung auf Früchte zum Buntbeerenstrauch zu wandern, Weich- und Krabbeltiere zu sammeln und nicht von Fleischfressern eingesammelt zu werden, alles zehrte am langsam erwachenden Bewusstsein des Hominiden, der alsbald Daseinsrisiken und die Notwendigkeit für eine Religion empfand: wenn die ganze Existenz ein persistentes Gehühner ist, muss das Jenseits ein erholsamer Schlaf sein, der dem Ableben den Schrecken nimmt. Jahrtausende hat es gedauert, bis Muße zu Müßiggang geronn und die Tätigkeit als Wert an sich begriff, für den man aus freien Stücken und sinnlos Brauchtumsterrorismus veranstaltet. Was nur lange genug falsch verstanden wird, hat das Zeug zur Tradition. Wir sehen es als erstes am sozial erwünschten Luxusstress.

Der moderne Mensch ist ein durchgetaktet in der Gegend herumhampelnder Realitätsallergiker, von der Uhr getrieben und in seinen Bedürfnissen fundamental fremdbestimmt. Hier bratzt er über die Autobahn, um rechtzeitig ins Wellnesswochenende zu geraten, dort verlastet er den Nachwuchs zu Bratschen- oder Ballettunterricht, Förderchinesisch und Psychotherapie – was früh genug ein Ding an der Marmel hat, wird mal ein nützlich Ding für die Gesellschaft. Dass der kapitalistisch geprägte Depp dies alles nur für die ihn umgebende Rotte der Egos mit begrenzter Haltbarkeit unternimmt, ist ihm selbst kaum klar. Er möchte, dass es seine Kinder irgendwann einmal besser haben als er. Warum er ihnen dann ständig im Weg herumsteht, weiß er aber nicht. Sicher nicht aus Faulheit.

Wehe dem, der nicht öffentlich relaxt – Selfie am Pool, Quality Time mit der frisch erworbenen Fleischverkohlungsanlage zum Preis eines Kleinwagens, alles sorgfältig inszeniert, um als Mitläufer im glitschigen Geltungskonsum nicht auf die Fresse zu fallen – und den Drang zur hektischen Selbstoptimierung auf Markenniveau hievt. Diese intellektuellen Heckenpenner, die noch im Schlaf das Datensammelarmband brauchen, um die eigene Qualität des Nichtstuns vor sich zu rechtfertigen, sie sind im Abseits angekommen, wo die kognitive Dissonanz sich ins Fäustchen lacht.

Faulheit ist negativ besetzt, weil eine Ideologie es so wollte – die Ideologie derer, die angeblich ihr Geld arbeiten lässt, ohne selbst noch werktätig sein zu müssen. Wer beim Ausruhen nicht sichtbar schwitzt, ist bereits ideologieverdächtig; das wäre so schlimm nicht, nur handelt es sich selbstredend um die falsche Straßenseite, auf der Sozialismus für alle gepredigt wird, während der in Wirklichkeit doch nur für Shareholder und Erben gedacht war. Alles ist längst zu konkurrenzgesättigtem Lifestyle geworden. Wer chillt effektiver? Kann sich der aufstiegsorientierte Mittelschichtbekloppte den exklusivsten, hippsten Ort zum Nichtstun leisten?

Die protestantische Arbeitsethik hat ihre Spuren in der westlichen Welt hinterlassen und Leistung wenigstens nominell zum Fetisch erkoren: nicht die Pflegekräfte, die sich für die Klinikkonzerne die Bandscheiben ruinieren, gelten als Leistungsträger, sondern die Schmarotzer, die von der Rendite ihrer unterbezahlten Angestellten leben. Würde auch nur eine Pflegerin auf leistungsgerechte Entlohnung pochen, die öffentlich geschwungene Moralkeule würde lärmend durch die Republik besprochen.

Das System, das den Leerlauf zum Sündenfall erklärt, frisst also langfristig seine Kinder, wie das Systeme so an sich haben, wenn man sie nicht als solche erkennt – oder sich weigert, sie zu erkennen, weil man im Glauben lebt, überwiegend Vorteile aus ihnen zu ziehen. Würde man die Tretmühle mit einem bedingungslosen Grundeinkommen einfach aushebeln, es würden sofort ein Dutzend Gründe aus dem Boden brechen, die den Drang zum Getue zum Menschenrecht auf zweckfreies Funktionieren verschwiemeln würden. Was sich nicht bewegt, ist auch nicht, und für den Tod haben wir hier keinen Platz mehr in dieser aktivitätsversifften Welt.

Vermutlich werden wir nicht einmal unsere Daten aus den Krallen der Sammlermafia befreien müssen, wir werden mit unserem Stresslevel als öffentlichem Nachweis der Daseinsberechtigung auf Datingportalen und in Jobbörsen protzen, nicht nur mit dem monatlichen Halbmarathon auf der ökologisch längst runtergerockten Südseeinsel, denn bald werden wir Punkte sammeln für alles, was sich als identitätsstiftende Anstrengung werten lässt. Wir werden Holz hacken, Gärten umgraben und mit dem SUV Biogemüse aus der übernächsten Region herankarren, sämtliche Freizeitparks sowie alle Naturerlebnispfade abklappern, Kreuzfahrten buchen und an jeden der verdammten Landausflüge mitnehmen, auch bei Müdigkeit und Migräne, und wir werden unsere Punkte einlösen wie die Karte an der Supermarktkasse: wer immer strebend sich bemüht, hat mindestens einen Herzinfarkt frei, gilt noch immer als belastbar, darf die Kürzung seiner Rente milde bejubeln und den Enkeln das Hohelied von der lebenslangen Betätigung säuseln, solange es die Nachbarn lückenlos mitkriegen. Danach geht samstags wenigstens noch Autowaschen. Schlafen können wir, wenn wir tot sind.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXC): Voodoofutter

5 06 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war ja Steinzeit, und die war auch so. Ab und zu knurpselte sich der grunzende Gauch eine Handvoll Kerbtiere rein, und dann war wieder für ein paar Tage Schluss mit Fleischverzehr. Fettige Flechten, müffeliges Moos oder Kräutchen mit dem Aroma von Hirschurin und schlecht gelüftetem Biberbau bestimmten seinen Speiseplan. Wie gut, dass Ngrr ab und zu mal einem Mammut eins über die Rübe geben konnte, sonst wäre sein Stamm nie in den Genuss ausreichender Proteine gekommen und hätte bis übermorgen auf den letzten Kronen der Affenbrotbäume ausgeharrt, bis die anderen Hominiden die Steppe für eine Maismonokultur roden, weil ein Futtermittelkonzern noch eine Milliarde Afrikaner krepieren lassen muss, um für eine kleine Portion Menschenmüll die Renditen zu steigern. So aß der Höhlenmensch, und bis auf die Ernährung hat sich seither nicht viel getan.

Leider war die Steinzeit früher, und die heutigen Kalorienverbraucher unterscheiden sich eklatant vom damaligen Hominidendurchschnitt. Sie gingen seltener sitzenden Tätigkeiten nach, litten kaum unter Bluthochdruck oder Diabetes, dafür hatten sie auch nicht alle einen an der Marmel, was die Ernährung anging. Die Vorfahren zwirbelten sich hinters Zäpfchen, was satt machte, und stopften sich mangels Masse nicht den Rand mit Fett und Zucker voll, bis der Medizinmann einen Wutanfall bekam. Der Neoneandertaliban jedoch setzt auf die Kraft der magischen Gedanken: was damals zu einem derartigen Entwicklungsschub geführt habe, sei auch heute unbedingt notwendig, um als Mitglied einer stressgeplagten Gesellschaft im Dauerfeuer zu überstehen. Tragisch nur, dass die Steinzeit so lange dauerte, der Konjunkturzyklus eines durchschnittlichen Ingenieurs oder Sozialpädagogen so kurz ist. So viel Evolution kriegt auch ein fleißiger Biochemiker nicht in seine hochgepushte Biografie eingeflochten.

Denn das ganze Essgefasel ist ja nichts anderes als magisches Denken: naturbelassene Kräuter machen natürlich, Steaks von wilden Stieren machen wild – Ochsenfleisch ist außer Konkurrenz – und die Körnerkaufraktion glaubt noch immer fest daran, dass der Weltfrieden kommt, wenn nur alle Menschen simultan an ihrem Dinkelpomps lutschen, die Fresse nicht mehr aufkriegen und vor lauter Brechreiz ihre politischen Differenzen an der Biegung der Küchenspüle entsorgen.

Das Voodoofutter der Saison ist dabei durchaus Schwankungen unterworfen, will sagen: die neueste Erkenntnis ist sowieso immer die beste, und es interessiert eigentlich nie, ob amerikanische Wissenschaftler schlimme Sachen über Spinat herausgefunden haben oder der Hering im Preis leicht anzieht, die Masse der geistig unkompliziert Strukturierten möchte ein hippes Fresserlebnis, das ihn zum Trendsetter macht und zugleich ein Stück näher an die Unsterblichkeit bringt, die jeder Hedonist mit quasireligiöser Verehrung ansieht, weil sie ihn über das Heer der anderen Bekloppten hinweg höbe. So rammt sich der Trendtrüffler Spargel und Low Carb in die Stoma, praktiziert Trennkost, lebt bis zum Leberschaden vegan und wird irgendwann unter der Brücke gefunden, die Schnauze weiträumig verschwiemelt mit Vollmilchschokolade in Krankenhausmengen. Denn alle Lust will Ewigkeit.

Zwei Umstände machen das aus vorgekautem Grünkohl und gärendem Bananenrest gepanschte Schmuhsi noch attraktiver für die Grützbirnen: ein beliebig minderbegabter Promi muss das Zeug große Klasse finden (und sich dank der Plempe endlich frei fühlen von eingewachsenen Fußnägeln, Minderwertigkeitsgefühlen und Gicht), und es muss als Fertigprodukt noch ordentlich Kohle kosten, weil es sonst ja nichts wert ist. Der Matschpamp aus overnight in Rentierseich eingeweichten Haferflocken (glutenfrei!) wird also zwangsläufig in die Klasse der religiösen Erweckungserlebnisse hineinragen, denn warum sonst sollte ein Körper, der ansonsten alle paar Tage gedetoxt und entgiftet wird, mit diesem Glibber ins Reich des Erbrechens hinabsteigen? Es geht hier um Auferstehung, jawoll, und welcher Kochlöffelschwinger ließe sich die Chance entgehen, ein paar Knalltüten mehr hinter den heimischen Herd zu locken?

Zum Nahrungstabu tritt das Totem, zuckerfreie Kohlsuppe mit Glyx oder metabolische Schonkost, mit der man sich Hirntumore wegmampft und in Heidis Klumpfußparade reihert. Eine essbare Religion, ein Abendmahl im Snackformat entsteht, eins ums andere, und es ist für die Entwicklung unserer Zivilisation so tröstlich, dass die also gepriesenen Vorfahren allem zum Trotz schon mit dreißig das Steinzeitliche gesegnet haben. Was die heutigen Ernährungsschwurbler gerne nachmachen dürfen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXIII): Das aufgeräumte Haus

17 04 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wie illusorisch war die Idee, Haken in den Fels zu kloppen, damit der Troglodyt seinen Übergangspelz aufhängen konnte. Die Serienreife des Kleiderbügels ließ aus naheliegenden Gründen auch auf sich warten. Nicht viel besser ging es dem Erfinder der Schrankwand. Die Sippe hockte wie immer auf dem Boden, Küchengerät und Abfälle, Sommerkleidung und Wertgegenstände stets in Reichweite und also ebenfalls ebenerdig gelagert – die Innenarchitektur der Altsteinzeit konnte leichte Mängel nur unzulänglich kaschieren. Noch empfand es der Sippenkasper als normal, sein bisschen Besitz kaum aus der Hand zu legen, denn wie oft überfiel einen der feindliche Stamm, während man sich gerade Mammut à la crème reinpfiff, und da war die Axt gerne schnell bei der Hand. Mit dem Anbruch der Zivilisation jedoch, lange vor der Erfindung von Nagel und Schublade, schwand diese Neigung. Was blieb, war das quasi eidetische Gedächtnis, wo die Axt lag. Und der komplementär dazu aufkeimende Aufräumwahn.

Fünf von drei Wohnungen sind im Status einer permanenten Benutzung begriffen, was heißt: die Zeitschriften liegen auf der Couch, dahinter die Turnschuhe, eine Hundedecke, Hausaufgaben, die Chipstüte von letzten Donnerstag, dazwischen das Bernsteinzimmer, ein Oberhemd und die Batterie, die damals in der Küche heruntergefallen war. Der durchschnittliche Spießer rümpft einmal die Nase, sammelt allenfalls die Hausaufgaben auf, kümmert sich jedoch nicht um den Rest, während der eher atavistisch denkende Zeitgenosse zielsicher und unüberlegt nach dem Bernsteinzimmer grabbelt, weil er es nie in der Schreibtischschublade im Aktendeckel „Ba–Bl“ vermuten würde. Denn Wohnen – von Leben sprechen wir erst, wenn es den Nachbarn wumpe ist, was sich auf dem Wohnzimmertisch stapelt, weil sie sowieso schnell wieder herausgebeten werden – war und ist zum größten Teil die geordnete Existenz um die weniger geordneten Dinge herum, die sich im mehrdimensionalen Kontinuum eine eigene Absicht zu schaffen scheinen. Wir besitzen die Sache nicht, wir werden und sind zunehmend von ihr besessen. Zwar braucht der Hominide Bleistift und Bohrer, Teppichschaum und Luftpumpe samt der mühsam aus Tibet herausgeschmuggelten Mumien, ohne die er nie eine Vierzimmerwohnung gemietet hätte, aber wann braucht er sie? und wie oft? Und wozu gibt es eigentlich seit der Erfindung der Hausmauer Haken, an die man Kleiderbügel hängen kann?

Das Ideal eines zur Schau gestellten Reichtums ist seit jeher die repräsentativ leere Behausung, die zu wichtig ist, als dass man einen Schirmständer in die Bude schwiemeln könnte. Außerdem wäre das in Sichtweite eines kleinen, aber unverkennbar echten Picasso sicher nicht geschmackvoll genug. Dass die anderen Zimmerchen der Butze mit dem übrigen Zeug gepfropft sind, kann sich der geneigte Betrachter an seinen elf Fingern abzählen, tut es aber nicht. Prompt verfällt der Bescheuerte in den Wahn, die materielle Leere, mithin eine milde Form des Kontrollzwangs, in jedem seiner Zimmer zu replizieren. Oberhemden in den Korb, Hundedecke zum Hund, die Turnschuhe in den Beutel, die Hausaufgaben ins Reservat, wo die Wilden noch Chaos nach eigenen Regeln erproben dürfen. Wer mit einer unbedachten Handbewegung die minutiös arrangierte Zen-Anordnung der drei Teelichte auf dem Esszimmertisch stört, lebt spontan mit dem Kopf im Aquarium ab.

(Das nervöse Leiden, Einfamilienhäuser mit Duftkerzen, tönernen Dackeln und Plastegebömmel vollzuschippen, ist ein hübsches Anzeichen von Komorbidität sowie ein klarer Beweis, dass die Evolution einen erkennbar brachialen Humor hat.)

Die Industrie unterstützt den Irrsinn nach Kräften. Mit Kisten und Kästen, Schub- und Stopf-, Hänge-, Falt-, Zieh- und Drehmechanismen und allem dazwischen, was ein Schlafzimmer angenehm und übersichtlich erscheinen lässt, während sich in der Staulösung zehn Hosen, drei Paar Schuhe und eine halbe Milliarde Socken befinden. Der Raum ist durch den Kruschtcontainer zwar nur noch so groß, dass man die Tür gerade eben noch siebzig Grad weit aufklappen kann, was regelmäßige Diät erfordert, um an die Socken zu kommen, aber immerhin sind diese Socken aus dem Rest der Wohnung verbannt. Komplett und bis in alle Ewigkeit.

Die Herausforderung liegt jedoch nicht allein in der halbwegs sinnvollen Aufbewahrung, nicht in der Anordnung von Socke, Bratpfanne und Kant-Gesamtausgabe im Räumlichen, so wie es sich die liebe Seele vorstellt. Die Herausforderung der eigenen Art, vulgo: der Horror entsteht in dem Moment, wo der Besuch vor der Tür steht und man, barfuß und unrasiert, den Gästen schnell etwas braten muss. Der zielgerichtete Griff ist hier alles, und schnell zeigt sich wieder die existenzielle Erfahrung aus der Zeit der Unordnung: es ist nicht erheblich, wo ein Ding sich zu einem Zeitpunkt befindet, erheblich ist nur, dass man es in der angemessenen Zeit zur Hand hat. So schlägt auch hier der beherzt in die Materie langende Chaot den Fanatiker des rechten Winkels, der die Fundorte seiner Staubkörner vorab indiziert, um sie auch für Momente der Unschärfe an den Quanten festzunageln.

Eine chaotische Umgebung, sagen Psychologen, sei Ausdruck eines chaotischen Geistes, eine aufgeräumte spräche für eine ebenso geordnete Psyche. Was ihnen zu einer gähnend leeren Kammer einfällt, ist nicht verbürgt. Vielleicht haben sie auch alle nur zu lange Tetris gespielt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXV): Trendgetränke

28 10 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Anfang war das Wasser, Leben spendendes Element für Quastenflosser, Feuerquallen und alles, das dem Hominiden das Dasein abwechslungsreich gestaltet, Ausgangspunkt zahlreicher zivilisatorisch wertvoller Kulturtechniken wie Blanchieren oder Buntwäsche, Kristallisationskern der hydraulischen Gesellschaft, die uns mit Bürokratie, einer langsam degenerierenden Priesterkönigskaste sowie stetig steigendem sozialen Druck beglückte. Dem Tier gleich trank es der Mensch, hielt es in wüsten Gebieten heilig und ersoff in Küstennähe darin. Mittel zum Zweck ward es dem fortgeschrittenen Frühgeschichtler, der den Weinstock damit goss, es zu blubbernder Gerstenpampe verschwiemelte oder schlicht als Lösungsmittel für Pflanzenauszüge benutzte. Doch wie gesagt, der stetig steigende Druck: ich habe das, was Du nicht hast, und das ist anders. Der Beknackte erfand das Trendgetränk.

Wie stets in den Niederungen der Neidkultur misst sich das Exquisite nur an seiner Seltenheit. Kein geistig zurechnungsfähiger Schlucker käme auf die Idee, sich die im Darm des Fleckenmusangs angegammelte Arabicakirsche in den Schlund zu kippen, der in Indonesien sozialisierte Maul-Held jedoch konsumiert den vorgewieselten Kaffee ohne Ekel – wer angesagt sein will, braucht selten durch guten Geschmack aufzufallen, eine leichte Schräge im Inhalt reicht vollkommen. Nicht der durch Reinheit der Aromen bestechende Grüntee aus der Plantage unterhalb von Buddhas Zehennägeln macht das Rennen, geschweige der Pinot, Merlot oder Weißherbst (letzterer eh nur im Endstadium diverser Hirnkrankheiten als Ausfallerscheinung der Triebsteuerung wirklich zu verzeihen), der im Kontrast zu seinen genetischen Nachbarn nicht wie die nächstgelegenen Getränkerückgabestelle riecht. Den Hipnesspunkt holt sich die hinterletzte Plempe aus der gustatorischen Gefahrenzone, Tresterbrand aus dem Betonkanister, von Kennern als Abbeizer geschätzt, außerhalb der Erzeugerregion jedoch für den menschlichten Genuss zweckentfremdet. Wenn das Zeug nur kein anderer auftreibt.

Ganze Kulturzweige siedeln sich rund um das Trendgetrinke an, Kaffeehäuser, Teestuben und Bierzelte. Löffel, Tassen und Glas entwirft der satisfaktionssüchtige Windbeutel um Absinth und Glögg, Wissenschaft und Ideologie samt Dogmen, wie ein Punsch zuzubereiten und in die Birne zu bembeln sei. Mumme, Mate und Muckefuck werden für die ansonsten stilresistente Schicht zum Abzeichen der Zugehörigkeit, der zunehmend die Fremdzwänge zu Selbstzwängen erklärt – wer die Lüttje Lage nur unter Einnässen schafft, ist raus.

Das kulturelle Kapital verlangt dem Bekloppten seinen Zins ab. Ist zwischenzeitlich auch dem gemeinen Proleten der Champagner geläufig, muss der Hochglanzegologe zum Prosecco übergehen, der alsbald dem Crémant weicht. Der Jugendmarkt zieht nach, Schrillbrausen mit allerhand süßlichem Gebritzel, Holunderplörre und Litschilutschi machen Durst zur körperlichen Herausforderung, deren Aufpolsterung mit Vitaminen, Werbung, Süß- und Sauerstoff, Pseudoapfel und Limettenimitat dem Konsumenten etwas ins Ohr rhabarbern, was kein Designer ernsthaft in der dünn angerührten Brühe zu verklappen vermöchte. Je mehr das Zeug nach Klostein schmeckt, biologisch abbaubar riecht und sich den Anstrich einer mutagenen Kreuzung aus Bier, Säftchen und chemischer Keule gibt, desto mehr handelt es sich um ein geschickt eingesetztes Verdeppungskommando der Recyclingindustrie.

Und natürlich dreht sich auch hier die Schraube weiter. Der Bescheuerte hat mit dem Lifestyle zu gehen und sich aus den hirnrodenden Varianten der Geschmacksverkalkung die denkbar dämlichsten herauszusuchen. Light- und Zuckerersatz-Schmotz, Energy- und Obstbreigesöff mit und ohne Begasung oder halb so viel wie doppelt, kariert, mit Molke, Hanf und Hafenschlamm, Hauptsache, kein Berufsirrer aus dem Konkurrenzunternehmen ist je auf den Gedanken gekommen, Jahrgangseigenurin mit Waldmeisterstrunk in Dosen zu pumpen und für teures Geld unter die kognitiv Suboptimierten zu bringen. Was uns da noch droht, Chili-Spülwasser-Mix mit vergoldeten Würmern, Lebertrancola im Kirschwassermantel, ist nur im Drogenrausch zu erahnen.

Der aktuelle Trend hat die Molekularküche erreicht, jenes psychophysische Modemassaker an der Papillenfront, für den sich der Trendtrinker festkörperförmigen Blasentee hinters Zäpfchen zwiebelt. Schmeckt beschissen, sieht beschissen aus, schlürft sich nur unwesentlich schlechter als Treibsand mit Eiswürfeln, kostet aber teure Dublonen und signalisiert allen anderen Blödblunzen, dass hier ein wahrer Kenner sich die Kohle aus der Tasche leiern lässt. Das muss man nachmachen, sonst stellt sich der befriedigende Effekt beim Jetztzeitler nicht ein: ein Lemming zu sein, der blind und verdübelt jede Verrenkung mitturnt. Es gibt kein Entkommen. Sie haben die Welt verkauft. Vermutlich für einen Americano Iced Spicy Fakeshot Caramellino White Flavored Cream Bongo Bleargh. Mit Zucker.





Lemminge

29 04 2009

Es ging hektisch zu bei Trends & Friends. Alle Telefone piepten durcheinander, wichtig aussehende Gestalten liefen durch die Gegend und traten sich gegenseitig auf die Füße. Die Empfangsdame teilte mir mit, Frau Schwidarski sei noch nicht im Hause, werde aber jeden Augenblick zurückerwartet. Der Kaffee im Pappbecher hielt sich an die Vorschrift, er schmeckte nach aufgewärmtem Plastik.

„Wie schön, Sie zu sehen“, schmetterte ein schlaksiger Jüngling und rannte auf mich zu, „wir hatten Sie bereits sehnsüchtig erwartet. Mandy ist leider noch nicht da, aber wenn Sie mit mir vorlieb nehmen möchten? Minnichkeit, angenehm.“ Er reichte mir die Hand und deutete eine Verbeugung an. „Vielleicht gehen wir gleich schon mal ins Besprechungszimmer, dann können Sie sich noch ein wenig vorbereiten auf die Präsentation.“ So bugsierte er mich durch die von schwitzendem und schwatzendem Volk beklebten Gänge. Die meist jugendlichen bis immer noch jugendlich gehaltenen Mitarbeiter redeten, ohne Luft zu holen.

Da stürzte abrupt ein Mann im schneeweißen Anzug aus einer Tür und stieß im Korridor mit mir zusammen. „’tschulljung“, nuschelte er, „muss den Flug kriegen. Sind Sie der Typ für die Radiosache?“ Offenbar hatte sich meine Anwesenheit schnell herumgesprochen. Bei einer Trendscout-Agentur hätte man das allerdings auch erwarten können. „So, ich muss jetzt. Urlaub. Jemand ’ne Idee, wo man so hinfliegt diesen Monat?“ Ich schlug spontan Irland vor, erntete aber skeptische Blicke von dem Weißen. „Nee, Irland geht gar nicht. War vor zwei Monaten schwer in für einige Wochen, wird sicher erst nach Weihnachten wieder hip. Oder nächsten Sommer, kein Plan. So, ich muss jetzt aber echt. Jacqueline meinte vorhin, Beirut ist im Kommen. Muss sehen, dass ich noch ein Last-Minute-Ticket kriege.“ Und er verschwand, wie er gekommen war.

„Maxim ist unser Travel-Experte“, klärte mich Minnichkeit auf, „er muss unbedingt immer alle Locations sofort abchecken. Unter uns, ich finde, dass er letztens ein bisschen nachlässt.“ Fragend blickte ich ihn an. „Naja, der Anzug. Seit dem Frühjahr trägt man höchstens noch Wollweiß. Und seitdem er weiß, dass Zahnspangen hip sind, hat er sich mit 38 eine angeschafft.“ Ich war in eine Lemmingherde geraten. Alle rannten sie unsinnigen Direktiven hinterher und übersahen die Abgründe.

Rechts wichen wir dem Fotokopierer aus, da kam eine Praktikantin auf uns zu. „Guck mal!“ Sie hatte eine Menge Bilder in der Hand. „Das ist Fashion Week, können wir das so weitergeben?“ „Auf gar keinen Fall“, mischte ich mich ein, „Steghosen sind out, die Schuhe sind grauenhaft, total unsexy, und die Frisuren kann man nur noch beim Jahresball der Geschmacklosen-Gewerkschaft tragen.“ Sie sah mich verwirrt an. „Ändern Sie die Bildunterschriften, damit die Leser das nicht für trendy halten. In sind gerade Leggins mit floralen Mustern und Sandalen.“ „Aber die tragen doch Sandalen“, begehrte sie auf. „Das da sind aber Riemchensandaletten“, wies ich sie zurecht, „nur Sandalen mit weißen Socken sind mega-in. Tirolerhut! Meine Güte, leben Sie hinter dem Mond?“ Sie zog ab. Minnichkeit klappte sein Telefon zu und schaufelte unbeirrt den Weg frei.

Einige Türen weiter drangen enthemmte Disco-Rhythmen auf den Flur. Nichts gegen die Musik der Siebziger, nur war dies etwas laut. Ich stieß die halb geöffnete Tür auf; in dem winzigen Büro stapelte ein junges Mädchen Akten und schwang ihre Hüften zu dem ohrenbetäubenden Lärm. „Allô!“ Sie schrie mir auf einen halben Meter Abstand ins Ohr. Ob sie ihr Französisch in einem telefonischen Fernkurs gelernt hatte? Jedenfalls ließ sie sich nicht stören, nicht einmal durch die Blondine, die sich mit ins Zimmerchen zwängte und mir unvermittelt um den Hals fiel. „Hi Friend“, kreischte sie, „muss mal updaten: heute Abend was vor?“ Updaten? „Dates, you know. Ob Du heute schon nachtmäßig planned bist, you know.“ Sie fingerte ein Stück Papier vom Schreibtisch und suchte einen Bleistift. Dabei hatte sie ein iPhone an der Kordel um den Hals hängen. „Wollen Sie das nicht lieber gleich eingeben?“ „Oh well“, antwortete sie gelassen, „so phonemäßig ist das ja voll okay, aber die anderen Features sind irgendwie too complicated, you know. Da geht das mit dem… na, sag schon…“ „Zettel“, half ich ihr ein. „Worksheet, genau. Finnsten eigentlich mein Outfit? Zu overdressed?“ Ich blickte an ihr herunter. „Wollweiß ist okay, aber bitte ziehen Sie sich über die Unterwäsche noch etwas drüber. Blazer. Marineblau ist momentan sehr angesagt. Passt bestimmt.“ Dann wandte ich mich der Aktenstaplerin zu. „Wussten Sie eigentlich“, brüllte ich sie an, „dass man jetzt in Venezuela bei der Arbeit Marschmusik hört? Die Motivation ist enorm, probieren Sie es unbedingt einmal aus!“

Minnichkeit zog mich aus dem Raum und schob sich vor mir durch den Gang. „Haben Sie eigentlich den Kostenrahmen schon abgesteckt? Naja, machen Sie das mal besser mit der Chefin. Ah, da ist sie ja, sie muss den Hintereingang genommen haben. Hi Mandy!“ Frau Schwidarski drückte sich von der anderen Seite auf das Besprechungszimmer zu, im marineblauen Kostüm mit rosa geblümten Leggins, an den Füßen derbe Jesuslatschen über wollweißen Tennissocken. Aus dem Ghettoblaster auf ihrem Arm wummerte der Bayerische Defiliermarsch. Ihren Hut krönte ein gewaltiger Gamsbart.

Nun gut, reaktionsschnell war sie. Das musste ich ihr lassen.