Wieder Vereinigung

13 06 2019

„Das machen Sie doch nur, weil Sie immer recht behalten wollen!“ „Das machen wir, weil wir in diesem Fall tatsächlich recht behalten haben.“ „Aber die Deutschen wollen eine konservative Mehrheit!“ „Und deshalb stellen Sie Ihren Vize als Kanzler auf?“ „Und Sie sind nämlich rassistisch!“

„Ich verstehe nicht, warum Sie so in Rage geraten, es war ein Angebot, mehr nicht.“ „Aber ein vergiftetes, das weiß doch jeder!“ „Naja, Sie müssen es nicht annehmen.“ „Sie wollen aber, dass wir das annehmen!“ „Das ist nun mal eben der Sinn eines Angebots.“ „Ich kenne die Art Angebote, die man nicht ablehnen kann! Sie wollen sich selbst und uns Schaden zufügen!“ „Wenn Sie damit so ein Problem haben, warum sind Sie dann immer noch in der Großen Koalition?“ „Sie und Ihre verdammten rhetorischen Taschenspielertricks, Sie werden uns jedenfalls nicht in die Enge treiben!“ „Wozu auch. Sie stehen doch mit dem Rücken schon halb in der Wand drin.“

„Außerdem, erklären Sie mir doch bitte mal, wozu brauchen wir zwei sozialdemokratische Parteien?“ „Weil es derzeit nicht einmal eine gibt.“ „Das beantwortet meine Frage nicht. Wozu zwei?“ „Weil eine in diesem Land nun mal dringend gebraucht wird.“ „Meine Güte, dann noch mal schriftlich: wozu zwei!?“ „Weil es dann nur noch eine gibt, und die hat ein ausreichendes Potenzial an Wählern, um politisch wieder Boden gutzumachen. Offenbar kommt Ihnen das nach den letzten Jahren am Glockenseil gar nicht mehr in den Sinn?“ „Was?“ „Dass man bei Wahlen antritt, um etwas zu verändern.“ „Wir liefern doch, merkt man das nicht draußen im Land?“ „Allein die Tatsache, dass das für Sie draußen im Land ist, zeigt doch schon, in welchem Elfenbeinturm Sie es sich gemütlich gemacht haben.“ „Tun Sie doch nicht so, als wäre die Wiederwahl für Sie unwichtig!“

„Jedenfalls werden Sie sich dazu ganz kräftig bewegen müssen.“ „Wieso denn wir?“ „Weil wir schon auf dem richtigen Weg sind.“ „Das sieht man ja auch an Ihren Wahlerfolgen.“ „Sie meinen also, eine Partei sei nur dann gut, wenn sie auch gewählt wird?“ „Dann verstehe ich Ihre Kritik an der SPD jedenfalls nicht mehr.“ „Weil Sie sich von Ihrer politischen Idee viel zu weit entfernt haben.“ „Ach, und Sie können ja nur Sozialismus!“ „Sich können ja nicht mal den.“ „Das muss ich mir von Ihnen nicht vorwerfen lassen!“ „Doch.“ „Warum denn?“ „Weil Sie gerade alles über Bord werfen, was an die Ideale Ihrer Partei zu erinnern droht.“ „Man muss sich auch mal von historischen Irrläufern trennen.“ „Also von den Grünen, meinen Sie?“ „Wir werden uns mit denen schon verständigen, dass wir eine vernünftige Bundesregierung unter der Führung der SPD auf die…“ „Das hat in den letzten Koalitionen ja auch ganz prima geklappt.“ „Was?“ „Naja, diese Minderheitsregierung der SPD, ohne dass es die anderen merken.“

„Und wenn wir uns regional aufstellen?“ „Wie hatten Sie sich das gedacht?“ „Nach dem Vorbild der Union.“ „Also nach dem Vorbild, nach dem Sie gerade alles an die Wand fahren.“ „Versuchen Sie nicht, witzig zu werden.“ „Sie wollen also eine Art Doppellösung wie mit der CSU?“ „Ja, und wir dachten an Ihren Part als den einer regionalen Ost-SPD.“ „Damit die Nazis in den neuen Ländern besser durchregieren können.“ „Also in Thüringen geht’s doch.“ „In Sachsen auch, da stellen die Nazis inzwischen den CDU-Kandidaten.“ „Jedenfalls könnte ich mir gut vorstellen, dass Sie da die eine oder andere Koalition hinkriegen, weil Sie die bessere regionale Verwurzelung haben.“ „Das liegt daran, dass Sie da Ihre eigenen Wurzeln mit Anlauf ausgerissen haben.“ „Aber da brauchen Sie dann auch keine Konkurrenz zu fürchten.“ „Konkurrenz von der SPD? und Sie denken, Ihre Witze seien besser!?“ „Da können Sie dann ein eigenes Profil erarbeiten, gerne auch rechtssozialistisch, und dann treffen wir uns auf Bundesebene wieder in der Mitte, weil da ja die Wahlen gewonnen werden.“ „In der Mitte?“ „Auf Bundesebene. Jedenfalls von uns, wenn wir uns wieder vereinigen.“ „Sie wollen eine Wiedervereinigung? Also eine Vereinigung wider besseren Wissen?“ „Nein, wir würden das natürlich getrennt schreiben.“ „Aha, einer unserer rhetorischen Taschenspielertricks, der ist nur gut, weil Sie ihn diesmal kopieren.“ „Hätten Sie wieder etwas gegen die Vereinigung?“ „Wir wären dann eher für getrenntes Marschieren.“ „So kann man aber nicht gemeinsam siegen.“ „Mit Ihnen zu siegen ist immer noch schlimmer, als sich selbst eine Niederlage einzuhandeln.“ „Genau dieser linke Separatismus ist es, der unser Land in Gefahr bringt, immer wieder!“ „Richtig, und in Gestalt der Grünen übernimmt dieser linke Separatismus gerade die politische Mehrheit, und das auch noch ganz demokratisch.“ „Das soll für die ja auch wie Demokratie aussehen.“ „Ich glaube, wir sind echt noch nicht so weit.“ „Richtig, da werden Sie sich als Linke doch noch ein ganzes Stück in Richtung Mitte bewegen müssen, bevor wir ein Angebot von Ihnen zur Kenntnis nehmen.“ „Wir können warten.“ „Und genau diese Arroganz ist es, warum ich mich frage, ob diese ganze Diskussion nicht sowieso überflüssig ist!“ „Oder noch sehr viel mehr.“ „Das können Sie als populistische Klientelpartei doch gar nicht beurteilen!“ „Ach, ich hätte da mal eine Frage.“ „Schießen Sie los.“ „Kann ich die Mauer noch mal sehen?“





Meine Tante, Deine Tante

27 10 2016

„… jetzt zügig in die Koalitionsverhandlungen einsteigen wolle. Gabriel sei sich sicher, dass Grüne und Linke für das Projekt auf einem guten…“

„… ein frühzeitiges Scheitern drohe. Der designierte Außenminister Kretschmann könne nicht akzeptieren, dass seine Partei nach der Wahl den angekündigten Beitrag zur Energiewende auch wirklich…“

„… Einigkeit darüber herrsche, dass die von Gysi geforderte Vermögenssteuer nicht in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden dürfe. Gabriel sehe Steuerhinterziehung als ein in der EU weit verbreitetes Geschäftsmodell, das nicht durch eine verfehlte Gesetzgebung aus Deutschland…“

„… den Bundeshaushalt durch legalisiertes Cannabis konsolidieren könne. Özdemir wolle trotz anderslautender Gerüchte die regionale Produktion aus nachhaltigem Anbau mit steuerlichen Mitteln sehr weitreichend…“

„… neue Arbeitsplätze durch den ökologischen und sozialen Umbau der Gesellschaft gefordert habe. Göring-Eckardt sei zu Kompromissen mit den Linken bereit, wenn diese im Gegenzug eine steuerfinanzierte Missionierung des deutschen Ostens durch die EKD…“

„… halte es Oppermann für nicht zu verantworten, dass sich die Linken bei militärischen Auslandseinsätzen der Bundeswehr weiterhin an die grundgesetzlichen Vorgaben halten wollten. Die Sozialdemokraten seien jedoch im Grundsatz zu einem Kompromiss bereit und würden einer Verfassungsänderung jederzeit positiv…“

„… erstmals wieder Einigkeit zwischen SPD und Grünen erzielt worden sei. Die Lage der Erwerblosen müsse gegen die Interessen der globalisierten Wirtschaft verteidigt werden. Dazu werde die Regierung die Hartz-Gesetze zwar im Wesentlichen beibehalten, eine Absenkung der Regelsätze und unumgängliche Verschärfungen der Sanktionspraxis erst in der zweiten Hälfte der Legislatur…“

„… könne Deutschland jetzt nicht auf eine Ausweitung seiner Rüstungsexporte auf Krieg führende Staaten verzichten. Bartsch habe das Gespräch abgebrochen, als der designierte Verteidigungsminister Kretschmann mit dem Vorschlag, Kriegswaffen immer paritätisch an alle am Konflikt beteiligten Nationen zu…“

„… eine sofortige Angleichung des Lohn- und Rentenniveaus in den neuen Bundesländern fordere. Kipping lehne den Vorschlag der SPD, dafür in drei Stufen eine Rente mit 89…“

„… den Mindestlohn nicht aufweichen wolle. Der designierte Wirtschaftsminister Kretschmann habe allerdings angekündigt, dass es bei den neu zu schaffenden Ausnahmen keine Denkverbote…“

„… aus der Partei ausschließen müsse, da er verfassungswidrige und extremistische Gedanken vertrete, die in einem Linksbündnis nichts zu suchen hätten. Zum Ausgleich für Lafontaine schlage Hofreiter dafür vor, auch Sarrazin aus der SPD zu…“

„… die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Kernthema der Verhandlungen machen wolle, um sich den anderen Parteien inhaltlich zu nähern. Riexinger habe allerdings kritisiert, dass dies nur für Gabriel gelte, der als Teilzeitkanzler trotz voller Bezüge das Kabinett in den…“

„… sich die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide an die neuen deutschen Regelungen anpassen müssten, um die Autoindustrie nicht zu verprellen. Der designierte Umweltminister Kretschmann prophezeie immense Schäden durch den Schadstoffausstoß, der einen Jobboom in der Umwelttechnik wie auch im medizinischen…“

„… drohe Özdemir mit einem Ausscheren und der umgehenden Aufnahme von grün-schwarzen Sondierungsgesprächen, wenn Oppermann nicht aufhöre, sich heimlich mit Kauder zu…“

„… die Mietpreisbremse auch offiziell wieder abschaffen wolle, wenn im Gegenzug Sicherheiten für neue Immobilienkredite gewährt würden. Die von Wagenknecht geforderte Verstaatlichung der pleite gegangenen Banken sei ein weiteres Hindernis auf dem Weg in eine…“

„… könne Deutschland weder auf erhöhte Grenzwerte noch auf Kohlekraftwerke verzichten. Gabriel unterstütze das Vorhaben seines designierten Bildungsministers Kretschmann, der der Krebsforschung am Wissenschaftsstandort Deutschland damit einen sehr viel besseren…“

„… das Koalitionsvorhaben inhaltlich sehr stark verschlanken wolle. Einig seien sich SPD und Grüne darin, einen Großteil des Vertrags gar nicht erst umsetzen zu können, da die Schuldenbremse nur den Notbetrieb bis zur neuerlichen Krise des…“

„… von einer gemeinsamen Substanz getragen sei, die für eine Erneuerung der Politik stehe. Linke und Grüne hätten sich bereits informell darauf verständigt, mit anderen Bündnispartnern auch eine Minderheitenregierung zu…“

„… aber gegen den Widerstand der Linken unbedingt durchsetzen wolle. Die Finanzierung von Homöopathie als Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherungen sei für den designierten Gesundheitsminister Kretschmann eine gute…“

„… sich dahin gehend einig seien, dass eine weitere Kanzlerschaft Merkels das geringere Übel darstelle. Ansonsten genieße Gabriel in der SPD aber ein tadelloses…“

„… die Entwicklungshilfe mehr an die Wahrung von Menschenrechten und Demokratie koppeln wolle. Der designierte Außenminister Kretschmann stimme Gysi zu, gebe aber zu Bedenken, dass die Entwicklung klimaneutraler Elektropanzer eine im internationalen Kontext unabdingbare Ergänzung zum Export von europäischem Geflügel und…“

„… auch mit TTIP nach Karlsruhe ziehen wolle, wenn sich Gabriel nicht endgültig auf eine Meinung festlegen könne. Der SPD-Chef habe verlauten lassen, er wolle erst nach einem Mitgliedervotum die…“

„… nicht mehr zur Verfügung stehe. Die Grünen hätten ihren plötzlichen Ausstieg damit begründet, dass Kretschmann auf keinen Fall als Minister für Landwirtschaft und…“





Richter und Henker

3 11 2014

„Er hat aber immer seine Meinung gesagt.“ „Er hatte auch immer schon sehr viel Meinung bei recht wenig Ahnung.“ „Und deshalb wollen Sie ihn jetzt als Bundespräsidenten loswerden?“ „Nein. Ich sehe lediglich die Würde des Amtes beschädigt.“

„Finden Sie denn die Linken gut?“ „Nein, aber das steht hier nicht zur Debatte.“ „Dann finden Sie die Linken also gut!“ „Seltsames Verständnis von Logik, was Sie da haben. Waren Sie mal in der CSU?“ „Diese Radikalinskis waren doch alle beim MfS und…“ „… hatten in anderen Bundesländern Regierungsverantwortung. In Brandenburg, falls Ihnen das entfallen sein sollte.“ „Das ist ja auch eine Stalinistenhochburg!“ „AfD bei 12,2 Prozent, das sind allerdings nordkoreanische Verhältnisse.“ „Hören Sie doch auf mit Ihren Spitzfindigkeiten.“ „Existiert denn Brandenburg noch? oder wurde das eventuell mit Mecklenburg-Vorpommern schon in sozialistischer Erde kompostiert?“

„Er hat ja nicht direkt die Linke verteufelt.“ „Sondern?“ „Er hat gesagt, Menschen, die die DDR erlebt hätten, müssten sich schon ganz schön anstrengen, um das zu akzeptieren.“ „Ich habe schon jede Menge Bundespräsidenten erlebt, und so sehr kann ich mich gar nicht anstrengen, um diese Freiheitsstatuette mit anderthalb Ehefrauen noch ansatzweise zu akzeptieren.“ „Und es ging ja auch nicht ausschließlich um Thüringen.“ „Sondern?“ „Er hat nur generell moniert, dass es da eventuell Kräfte in der Partei geben könnte, die sich noch nicht genug von der DDR distanziert hätten.“ „Und deshalb nimmt er konsequenterweise Thüringen als Schussfeld.“ „Ist ja auch der Osten.“ „Mit einem Kandidaten, der in Niedersachsen geboren und in Rheinhessen aufgewachsen ist und nicht mehr vom Verfassungsschutz überwacht werden darf, weil das Bundesverfassungsgericht entsprechend geurteilt hat.“ „Das ist der schlechte Einfluss des Westens – da wird alles noch viel schlimmer.“ „Na, da weiß er ja wenigstens, worüber er spricht.“

„Das ist schon ein persönliches Moment, aber das sollte man ihm auch nicht verdenken.“ „Weil er sich als Bürgerrechtler aufspielen will?“ „Ach was, nein. Aber die Linken waren damals die einzigen, die ihn nicht wählen wollten.“ „Und was folgern wir daraus?“ „Dass jeder seine politische Meinung haben darf.“ „Ein Richter darf einen Angeklagten auch unangenehm finden, aber das gibt ihm noch nicht das Recht, die Prozessordnung zu umgehen.“ „Man kann doch den Bundespräsidenten nicht mit einem Richter vergleichen.“ „Sagen Sie es ihm, er tut es doch ständig selbst.“ „Als Richter?“ „Und Henker. In Personalunion.“ „Dabei sind wir doch das Land der… – Nee, das war irgendwie anders.“

„Vielleicht sollte diesem Kanzelbündler mal jemand kurz ein Grundgesetz ins Gesicht hauen.“ „Wieso das?“ „Weil er es bisher so tapfer ignoriert hat.“ „Ah, die Meinungsfreiheit gilt also doch nicht für Staatsoberhäupter?“ „Er hat sich einen feuchten Dreck um Landespolitik zu scheren. Falls ihm der bundesdeutsche Föderalismus nicht passt, kann ja gerne das Volk auflösen und sich ein neues wählen.“ „Jetzt hören Sie mir mal verschärft zu, Sie Kommunistenversteher: ich habe hier nämlich genau das Urteil, um das es geht!“ „Das Urteil vom Bundesverfassungsgericht? Na, dann blamieren Sie sich mal.“ „Das werde ich Ihnen jetzt nämlich…“ „Nur zu.“ „… vorlesen: ‚Wir brauchen Bürger, die auf die Straße gehen und den Spinnern ihre Grenzen aufweisen. Dazu sind Sie alle aufgefordert.‘ Na, sehen Sie?“ „Ah, und weiter?“ „‚Ich bin stolz, Präsident eines Landes zu sein, in dem die Bürger ihre Demokratie verteidigen.‘ Das ist doch wohl eindeutig!“ „Und was Demokratie ist, bestimmen dann Sie? freie Wahlen gehören nicht dazu?“ „Aber…“ „Sie hätten sich in der DDR auch ganz wohlgefühlt.“

„Sie kommen mir nicht so billig davon! ‚Der Bundespräsident hat neben der Wahrnehmung der ihm durch die Verfassung ausdrücklich zugewiesenen Befugnisse kraft seines Amtes insbesondere die Aufgabe, im Sinne der Integration des Gemeinwesens zu wirken. Wie der Bundespräsident diese Aufgabe wahrnimmt, entscheidet er grundsätzlich autonom; ihm kommt diesbezüglich ein weiter Gestaltungsspielraum zu.‘ Das steht da nämlich!“ „‚Das Handeln des Bundespräsidenten findet seine Grenzen in der Bindung an die Verfassung und die Gesetze.‘ Das steht da nämlich auch.“ „Pfff!“ „‚Der Bundespräsident hat demgemäß das Recht der Parteien auf freie und gleiche Mitwirkung bei der politischen Willensbildung des Volkes gemäß Art. 21 GG zu achten.‘“ „Wenn Sie schon zitieren, dann aber auch vollständig! ‚Jedoch können Äußerungen des Bundespräsidenten, die die Chancengleichheit der Parteien berühren, gerichtlich nur dann beanstandet werden, wenn…‘ Ach, ist auch egal.“ „‚… wenn er mit ihnen unter evidenter Vernachlässigung seiner Integrationsaufgabe und damit willkürlich Partei ergreift.‘ Noch Fragen?“

„Man wird doch wohl noch mal Sorge tragen dürfen, ob wir das Erbe eines Unrechtsstaates nicht einfach in die bundesrepublikanische Demokratie wieder hineinholen!“ „Das die FDP in Baden-Württemberg die Nachfolgerin der NSDAP war, hat ihn offensichtlich nicht gestört, auch nicht deren zwanghafter Wunsch, die Entnazifizierung so schnell wie möglich zu beenden.“ „Sie sagen doch selbst: Baden-Württemberg. Das ist Landespolitik.“ „Und Kiesinger, war der nicht auch mal bei der HJ?“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ „Und die Stasi-Akte von Merkel?“ „Der Mann interessiert sich halt nicht für Politik.“ „Ja, das denke ich auch. Vermutlich hat man ihm den Unterschied zwischen NSA und NSU auch noch nicht richtig erklärt.“ „Hat er sich denn da schon geäußert?“ „Mir ist nichts bekannt. Aber vermutlich hat er sich schön angestrengt, und plötzlich hat er alles akzeptiert.“

„Na gut, dann gibt es eben Rot-Rot-Grün. Mir sowieso egal.“ „Mir nicht. Ich bin dagegen.“ „Ach, auf einmal?“ „Ich mache keinen Hehl aus meiner Ablehnung.“ „Ach, auf einmal!? Wissen Sie, was Sie sind?“ „Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“ „Ein Pharisäer! Jawohl, ein Heuchler sind Sie, und zwar von der schlimmsten Sorte!“ „Ich bin ganz klar gegen diese Koalition. Das macht man als anständiger Mensch einfach nicht.“ „Aber…“ „Diese rot lackierten Arschkriecher, mit denen paktiert man nicht.“ „Sie haben doch eben noch…“ „Eine Partei, die Hartz IV erfunden hat, ist vollkommen inakzeptabel. Da kann ich mich noch so anstrengen.“





Linksabbieger

18 11 2013

„Also sind Sie zu einer politischen Zusammenarbeit bereit?“ „Haben wir doch gesagt.“ „Gut, dann könnten wir…“ „Nö.“ „Aber Sie haben doch gerade eben gesagt, dass…“ „Nö. Ich habe nur gesagt, wir sind zu einer Zusammenarbeit bereit, aber deshalb müssen wir mit Ihnen nicht zusammenarbeiten.“

„Die SPD hat sich doch entschlossen, ab jetzt keine Koalition mit den Linken auszuschließen.“ „Das ist richtig, aber wir behalten uns trotzdem vor, nicht mit Ihnen zu koalieren.“ „Sie würden also jetzt nicht mit uns zusammenarbeiten, wenn…“ „Zusammenarbeiten schon, aber nicht koalieren.“ „Im Sinne einer Minderheitenregierung, oder wie soll ich mir das vorstellen?“ „Gar nicht.“ „Auch nicht im Sinne einer Zusammenarbeit?“ „Dazu müssten Sie aber erst mal mit uns koalieren, und wenn ich mich recht erinnere, hatten das doch Sie immer strikt abgelehnt.“ „Wir haben nur gesagt, solange Sie die…“ „Strikt abgelehnt.“ „… Teile der Agenda 2010, die Sie übrigens jetzt selbst für nicht zielführend…“ „Strikt!“ „Also bitte, das ist doch an den Haaren herbeigezogen! Sie haben ja gerade gesagt, dass Sie sich eine Zusammenarbeit mit uns wieder vorstellen können, wenn…“ „Könnten. Nicht können: könnten.“ „Jetzt wird’s aber langsam albern, Herr Kollege.“ „Ihre Versuche, die Sozialdemokratie für sich zu vereinnahmen, werden kläglich scheitern, nehmen Sie das zur Kenntnis. Da haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen.“ „Ach ja, stimmt. Zuletzt Merkel.“

„Wir haben ja nicht gleich grundsätzlich die Zusammenarbeit mit den Linken ausgeschlossen.“ „Sie haben grundsätzlich die Koalition mit uns für möglich erklärt.“ „Aber nur, wenn Sie sich für eine Zusammenarbeit entscheiden.“ „Wir haben doch schon vor längerer Zeit gesagt, dass wir…“ „Aber nicht generell.“ „… an einer Koalition auch auf Bundesebene…“ „Aber nur auf Bundesebene.“ „Weil es auf Länderebene schon mehrmals eine Zusammenarbeit gegeben hat.“ „Aber eben nicht grundsätzlich.“ „Was soll das denn nun schon wieder bedeuten?“ „Wir müssen doch davon ausgehen können, dass Sie sich im Fall einer erneuten Koalition für die SPD entscheiden.“ „Was haben denn Sie jetzt gedacht? dass wir der FDP und der Union den Steigbügelhalter machen?“ „Das hat niemand behauptet.“ „Klang aber eben so.“ „War nicht so beabsichtigt.“ „Und Sie meinen, dass wir für eine Koalition auch nur exklusiv mit der SPD zusammenarbeiten sollten?“ „Sie haben doch gerade selbst gesagt, etwas anderes käme für Sie nicht in Frage.“ „Das liegt aber an den politischen Programmen.“ „Die können sich ja auch mal ändern.“ „Warum ändern Sie dann Ihres nicht endlich mal?“ „Wir warten eben ab, bis Sie sich weit genug an die SPD angenähert haben.“ „Wieso denn das?“ „Eventuell müssten wir dann gar nichts mehr an uns ändern. Also für eine Koalition.“

„Ich fasse zusammen: die SPD ist für eine politische Zusammenarbeit bereit, wenn die programmatischen Überschneidungen mit der Linken sich als…“ „Aber nicht generell.“ „Sie fangen schon wieder an mit der Ausschließeritis!“ „Gar nicht, wir können nur nicht ausschließen, dass wir auch ohne die Linken regieren.“ „Und an Ihre gesellschaftliche Verantwortung haben Sie dabei auch gar nicht gedacht?“ „Wieso gesellschaftliche Verantwortung, das hat doch nichts mit dem Wahlergebnis zu tun.“ „Und wie erklären Sie sich dann die linke Mehrheit im Bundestag?“ „Sie wollen ja gar keine politische Zusammenarbeit.“ „Nicht, solange die SPD nicht einen sozial-ökologischen Umbau des Landes anstrebt.“ „Das tun wir doch jetzt schon.“ „Mit der CDU?“ „Wenn wir diesen Politikwechsel nicht schaffen, werden wir natürlich auch keine Koalition…“ „Und warum wird das wieder nichts?“ „Weil die Kanzlerin sagt, dass das alles zu teuer ist. Und nicht geht. Und dass sie die Kanzlerin ist.“ „Und trotzdem wollen Sie mit der CDU koalieren.“ „Wir können nicht ausschließen, dass wir zu einer politischen Zusammenarbeit grundsätzlich bereit wären.“

„Es ist bedauerlich, aber ich muss Ihnen das sagen: wir sehen Ihren Meinungsumschwung…“ „Das ist doch gar keiner!“ „Eben. Deshalb sehen wir das als taktisches Manöver.“ „Sie wollen damit also ausdrücken, dass Sie an einer politischen Zusammenarbeit auch weiterhin kein Interesse haben? Das hätten wir uns ja denken können.“ „So, können?“ „Jetzt werden Sie mal nicht spitzfindig. Ihre Gesprächsangebote waren doch sowieso nie ernst gemeint. Weil wir uns dazu vollkommen neu hätten ausrichten müssen.“ „Und für die Große Koalition?“ „Da bleibt einem eben nichts anderes übrig.“ „Und deshalb sind Sie kompromissbereit?“ „Es gibt auch rote Linien. Nicht so wie Sie, die als Linksabbieger überhaupt keine politische Moral mehr erkennen lassen.“ „Bitte!?“ „Sie sind doch sogar für Koalitionen auf Landesebene.“ „Also sind wir jetzt schuld, dass Sie überhaupt noch irgendwo eine Regierungsbeteiligung haben?“ „Aber als Juniorpartner – das werden wir nie zulassen!“

„Halten wir fest, dass wir uns auch in Zukunft die Sondierungsgespräche sparen können.“ „Hmja. Gut.“ „Ihre Aussage.“ „Nicht gleich jedenfalls.“ „Aber bis dahin…“ „… sind wir natürlich zu keiner politischen Zusammenarbeit bereit.“ „Okay.“ „Und schon gar nicht als Koalitionäre.“ „Kapiert.“ „Auf keinen Fall!“ „Aha.“ „Außer bei Neuwahlen.“





Auge um Auge

24 01 2013

„Meinen Sie nicht, dass diese Schnüffelei bei den Linken langsam albern wird?“ „Keinesfalls. Man muss den Anfängen wehren.“ „Wie bei den Rechten?“ „Unfug, das ist etwas ganz anderes. Bei den Linken können wir nicht abschätzen, ob es sich um verfassungsfeindliche Bestrebungen handelt.“

„Das klingt logisch. Auch in Bezug auf die Nazis.“ „Wieso dies?“ „Da wissen Sie ja immerhin, dass es sich um Verfassungsfeinde handelt.“ „Und ob!“ „Und deshalb müssen Sie die ja auch nicht mehr observieren.“ „Warum auch, diese Rechten tun doch alles unter den Augen der Öffentlichkeit.“ „Was Sie nicht sagen!“ „Teilweise sind die auch in die Parlamente eingezogen.“ „Das spricht wohl für ihre Harmlosigkeit.“ „Und Sie werden mir wohl zustimmen, wenn eine Partei es bis ins Parlament schafft, dann muss es da doch wohl einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung geben, oder?“ „Was hat das mit der Verfassung zu tun?“ „Wenn jemand sich wählen lässt, um im Namen des Volkes, oder wenigstens für die Wähler, und dann auch noch in der Öffentlichkeit, ich meine, ist das denn nicht automatisch, oder kann man da von der Verfassung her, ich meine, das gesunde Volksempfinden, das spielt wohl keine Rolle mehr?“ „Man merkt, dass Sie für die Bundsregierung arbeiten.“

„Jetzt lassen Sie doch mal die Kirche im Dorf. Natürlich beobachten wir Rechte, genauso, wie wir auch die Linke beobachten.“ „Nur, dass es eben keine Partei Die Rechte gibt.“ „Wem sagen Sie das, alles muss man selber machen.“ „Und was kommt bei Ihrer Nazibeobachtung raus?“ „Nicht viel, wir hängen uns da wohl zu sehr rein.“ „Das hieße im Umkehrschluss, dass Sie die Linke nicht beobachtet haben, damit mehr Erkenntnisse dabei herauskommen.“ „Auch das, und wir haben einen besonderen Kniff angewandt.“ „Als da wäre?“ „Wir haben nur öffentlich zugängliches Material ausgewertet.“ „Großartig. Weshalb?“ „Damit uns keiner nachsagt, wird würden etwa mit denen unter einer Decke stecken und uns heimlich Material zu deren Verbot besorgen.“ „Sie denken ja an alles.“ „Nicht wahr? Das kann eben nur der Verfassungsschutz.“

„Aber mal Spaß beiseite, weshalb dieser ganze Zinnober?“ „Wissen Sie eigentlich, dass die Linke überwiegend aus der DDR stammt?“ „Das trifft auf ein paar Millionen Deutsche zu.“ „Aber die haben doch nichts zu sagen.“ „Das hatten sie damals nicht, und wenn Sie so weiter machen, wird sich auch heute nichts daran ändern.“ „Die sind doch nicht an der Macht!“ „Lassen Sie das mal bloß nicht Ihre Kanzlerin hören.“ „Am Ende kriegt die Heimweh nach der FDJ.“ „Das lässt sich doch alles nicht vergleichen!“ „Warum nicht?“ „Sie wollen doch nicht diese Kommunistin mit einer anständigen Staatsbürgerin vergleichen wollen?“ „Ach wo. Die eine konnte ja umgehend ihr Studium aufnehmen.“

„Sind Sie nie auf die Idee gekommen, wirkliche Radikale zu observieren?“ „Es gibt doch so wenige heutzutage.“ „Die FDP scheint spurlos an Ihnen vorbeigegangen zu sein.“ „Nein, aber man kann sich eben nicht um alles gleichzeitig kümmern. Außerdem ist die FDP in der Regierung, und ich kann ja schlecht jemanden beobachten, der mich bezahlt.“ „Das leuchtet ein.“ „Sonst hätte ich bei Schäuble längst – nein, ich sage da nichts mehr.“

„Sie kritisieren die Linke also dafür, dass sie den Kapitalismus abschaffen will?“ „Darf man das denn?“ „Sie sollten vielleicht mal den Papst observieren.“ „Um Gottes Willen!“ „Das trauen Sie sich nicht zu, oder?“ „Natürlich, aber der Vatikan ist eh voller Spitzel.“ „Einzusehen. Dann schnüffeln Sie halt mal bei Heiner Geißler.“ „Das macht man doch nicht!“ „Glauben Sie mir, der Mann meint das viel ernster als Gysi. Und der ist so alt, der nimmt auf nichts mehr Rücksicht.“ „Das mag ja auch alles sein, aber man kritisiert nicht den Kapitalismus!“ „Ist der denn verfassungsmäßig vorgeschrieben?“ „Natürlich nicht, das ist ja nicht mal die soziale Marktwirtschaft.“ „Dann wird man von den regierenden Lobbyisten also schon als Staatsfeind betrachtet, wenn man sich offen gegen den Kapitalismus ausspricht?“ „Das werden Sie schon, wenn Sie die soziale Marktwirtschaft verteidigen.“ „Und ich dachte immer, dies sei ein Rechtsstaat.“ „Rechts ja, aber Staat?“

„Warum geben Sie sich überhaupt her für eine solche Aktion?“ „Das muss eben sein. Wir brauchen ja auch Aufschwung und Wachstum und so.“ „Was hat das denn damit zu tun?“ „Es wird doch überall von NPD-Verbot geredet, von Auflösung des Verfassungsschutzes und diesen Dingen.“ „Ist doch auch richtig so.“ „Und wo sollen wir dann hin?“ „Suchen Sie sich halt einen vernünftigen Job. Wir stehen zwar wegen des Fachkräftemangels kurz vor der Katastrophe, aber solange Vollbeschäftigung droht, merken wir nichts davon.“ „Das geht aber nicht.“ „Und mit einer Charmeoffensive? Wenn Sie zugeben würden, dass Sie auf dem Holzweg waren?“ „Geht auch nicht. Wir hatten schon vorher beschlossen, recht zu haben.“ „Das erklärt natürlich vieles. Aber haben Sie noch nie bedacht, dass Ihnen das auf die Füße fallen könnte?“ „Ich fürchte, es wird bald so kommen.“ „Ich meine, nach Recht und Gesetz, da müsste man ja…“ „Was?“ „Spätestens nach der nächsten Wahl, könnte es da nicht sein, dass wir den Friedrich selbst…?“





Kernschmelze

14 07 2011

„Bitte nicht hier. Ja, da drüben. Da können Sie sich hinsetzen. Da liegen nur die Parteiprogramme und der ganze Ramsch. Wollen Sie eins? Nehmen Sie mit, stecken Sie’s ruhig ein, wird nicht mehr gebraucht. Natürlich wird das nicht mehr gebraucht, oder wollen Sie ernsthaft behaupten, Sie hätten je ein Parteiprogramm gelesen? Wer liest denn bitte Parteiprogramme? Politiker etwa?

Wir haben uns jetzt entschieden, das heißt: wir mussten uns entscheiden. Es ging nicht mehr mit diesem Bundestagsdings und den Parteien und dem ganzen Kram, verstehen Sie? Wir müssen das jetzt alles fusionieren. Ja, die Parteien. Ob das geht? Das Bundesverfassungsgericht hat jedenfalls gesagt, das mit dem jetzigen Wahlrecht geht nicht. Also gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder macht man etwas Sinnvolles, indem man eine wirklich von Grund auf demokratische, den Bürgerrechten, der Verfassung und dem deutschen Staat verpflichtete Neuerung herbeiführt – oder diese, naja, was so aussieht wie eine handlungsfähige Bundesregierung.

Die Parteien fusionieren, ganz recht. Das wird natürlich auch die eine oder andere Veränderung im politischen Leben mit sich bringen, wirklich! Man muss jetzt nicht mehr monatelang den Kandidaten für den Bundespräsidenten auskungeln, man braucht keinen Kuhhandel mehr, um irgendwelche Grundrechte auszuhebeln, die Hartz-IV-Sätze zu senken oder den Mindestlohn zu verhindern. Sie, das wird eine wirklich ganz andere Stimmung am Markt… in der Politik, wollte ich sagen. In der Politik natürlich. Wie komme ich nur auf Markt?

Es macht doch keiner besser oder schlechter. Das ist doch alles nur Wahlkampf, in Wirklichkeit hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus. Es ist doch letztlich egal, wo Sie Ihr Kreuz machen. Gut, das stimmt auch wieder, es ist inzwischen auch wurst, ob Sie’s überhaupt noch machen.

Keine Ahnung. Der Referentenentwurf hat ja CDUCSUSPDFDPGRÜNELINKE als Arbeitstitel, das wird sich vermutlich erst recht spät entscheiden. Wobei es dann ja auch egal ist, ob das nun kurz vor dem Wahlkampf oder schon nach der Bundestagswahl kommt. Im Ergebnis bleibt es sich nämlich gleich. Merkel hat schon einen Vorschlag gemacht. Ihr gefällt am besten Einheitspartei Deutschlands. Klingt ja auch ziemlich vertraut. Wenigstens für Merkel.

Sicher, das wird große Veränderungen nach sich ziehen. Die ganze Politik wird entspannter sein, leichter, eben effektiver und besser. Für jeden. Die Union muss sich bei ihren Koalitionsversuchen nicht mehr entscheiden, welche Hälfte der Wähler sie verprellt – die SPD darf als Juniorpartner der Grünen weiterhin den großen Max markieren – die von der FDP bekommen weiterhin Kohle, ohne arbeiten zu müssen – die Linken müssen nicht mehr zwanghaft so tun, als seien sie moralisch tragbar für die Fundamentalopposition – und die Grünen dürfen endlich zugeben, dass ihnen dieses ganze Umweltgedöns am Arsch vorbeigeht. Eine von Grund auf ehrliche Politik! Können Sie sich etwas Besseres vorstellen?

Das Verhältnis von Politik und Wirtschaft wird sich tatsächlich anders gestalten, da haben Sie mal Recht. Ja, ich denke auch, es wird hier einiges wieder gerade gerückt. Beispielsweise das Primat der Politik, das wird endlich wieder zu sehen sein. Die Politik kann jetzt die Höhe ihrer Spenden besser kontrollieren, schon deshalb, weil ja immer zentral an eine Partei gespendet wird. Kein Neid, keine vergessenen Briefumschläge mehr in Schreibtischschubladen von Lügnern, die hinterher Bundesfinanzminister werden, keine Chance für Spendenskandale. Also wegen der Gesetze, die kann die fusionierte Partei dann ja ändern, wie sie lustig ist. Und damit ist dann sowieso alles wieder legal. Finden Sie das nicht auch prima, dass wir auf die Art endlich eine der schlimmsten Grauzonen der Korruption in Deutschland endlich los sind?

Können Sie das mal aufschreiben? Das mit der Kernschmelze. Ich finde das irgendwie logisch. Ja, das können wir dann für die Werbekampagne nehmen – unter hohem Druck entsteht etwas sehr Energiereiches, das die Zukunft unseres Landes nachhaltig verändern wird. Ja, das gefällt mir wirklich ausnehmend gut. Die Kanzlerin wird begeistert sein.

Übrigens ist das mit der Fusionierung auch eine Angleichung an die realen Verhältnisse, verstehen Sie? Ja, es gab ein paar Probleme, wie immer – die SPD wollte natürlich eine schrittweise Angleichung in drei Stufen durchsetzen, aber sie konnten sich auf dem Sonderparteitag wieder nicht entscheiden, ob sie das einstimmig billigen oder lieber anlehnen sollen. Sie haben es dann abgelehnt, die Fraktion hat sogar einen Grund dafür gefunden, der nicht mit der Fraktion zusammenhing, und dann haben sie einen Deal mit der CDU/CSU gemacht, in dem sie es einstimmig durchgewunken haben. Angeblich unter großen Bedenken, weil sie nicht so genau wussten, worum es dabei eigentlich ging.

Worum es ging? Na, um die Angleichung an die Wirklichkeit. Wenn Unternehmen fusionieren, sind sie hinterher zusammen weniger wert als vorher. Bei Parteien ist das nicht anders – warten Sie mal ab, wer den Laden hinterher noch wählt. Sie etwa? Ach was – die Leute wählen doch schon seit Jahren nicht mehr nach Richtung, denen ist das längst egal. Ob da CDU oder LINKE draufsteht, es geht doch bloß um höhere Diäten, dann machen sie Krieg für die Wirtschaft, und die größten Deppen bekommen die höchsten Ämter. Brauchen wir dazu Wahlen? Und wenn sowieso alles alternativlos ist, wozu brauchen wir dann noch Parteien? Es reicht doch, wenn wir Deutsche sind. Das hat doch schon immer gereicht.“





Fluchtlinientreu

22 10 2009

„Ja, stellen Sie gleich durch. Ich warte. Was wollen Sie denn schon wieder, Schwarzkopf? Ich hatte Ihnen doch ausdrücklich gesagt, der Artikel über den Gesundheitsfonds kommt nicht auf den Titel, sonst macht der Verlag wieder Stress! Was soll ich denn mit so einer Negativschlagzeile, da werden die Aktionäre doch in der Pfanne verrückt. Außerdem ist das alles an den Haaren herbeigezogen, da haben sich ein paar Idioten eine völlig unfinanzierbare… Nein, nicht Sie. Ich rede mit meinem Redakteur. Ist er denn inzwischen wieder im Haus? Nicht? Und was mache ich jetzt?

Ja, das wäre mir am liebsten, aber wir hatten das doch letzte Woche auch alles schon fest abgemacht. Na selbstverständlich, es war alles abgemacht. Mit dem Fotografen, und wie er sich ein Brot schmiert, im Schlafzimmer mit… Sahra Wagenknecht? Nö, die will hier auch keiner. Trotzdem. Es gibt noch ein paar mehr Schnallen mit einer hübschen Fresse, deshalb kommt mir die Frau trotzdem nicht ins Blatt. Schon gar nicht für eine Homestory. Ach hören Sie doch auf, das haben wir schon so oft durchgekaut. Die Alte zieht nur bei den Ultras.

Dann haben wir noch den Termin bei der nächsten Demo. Da schicken wir einen Fotografen hin und den Bericht macht der Blömelein aus der Lokalredaktion. Was ist denn an dem auszusetzen? Ach, ich bitte Sie. Im RCDS, da waren wir doch alle mal, und das ist jetzt fast dreißig Jahre… Gut, wer wäre Ihnen denn genehm? Grigoleit? Der arbeitet doch seit Jahren nicht mehr bei uns. Was heißt hier, das hätten wir wissen können? dass er IM war, weil er aus Jena kommt? Ist doch albern!

Also was jetzt, Demo oder nicht Demo? Keine Zeit? Da ist er im… Aber Sie wollten doch die Homestory und den ganzen… Was ist denn jetzt schon wieder? Schwarzkopf, können Sie nicht einmal etwas selbstständig machen? Müntefering? Ja, auf die Titelseite. Oder warten Sie mal: Headline auf den Titel, warten Sie mal… ‚Müntefering: Das war’s dann wohl‘, Bild und dann weiter auf Seite 2. Und lassen Sie Pitrowski den Leitartikel schreiben. Sind Sie noch dran? Was heißt hier abgelenkt, ich muss mich um den laufenden Betrieb kümmern, wer hier stört, das sind doch wohl… Populismus? Wir? Das müssen gerade Sie sagen!

Dann wäre da noch die Antiamerikanismus-Konferenz nächsten Monat, wo Sie unbedingt den Redebeitrag abgedruckt haben wollten. Wir haben mit dem Verlag gesprochen, das wäre nicht das Problem, wenn Sie… Nicht? Aber die Plakate sind bereits gedruckt! Ja Herrschaftszeiten, Sie haben ein halbes Jahr lang gebettelt, dass wir das Ding ins Feuilleton aufnehmen, wir haben unsere Inserenten bearbeitet, dass sie mitspielen, und dann hat der Herr keine Lust mehr? Terminschwierigkeiten? Ach, auf einmal. Das ist ja großartig. Dabei hat er doch wochenlang vorher dem Veranstalter immer wieder erzählt, was er alles besser machen würde, wenn er denn tatsächlich mal… So, und deshalb hat er auch seine Mitwirkung nicht… hören Sie mal, das ist doch lächerlich!

Wählertäuschung? Wer hat das denn abgelehnt, das war doch wohl er selbst! Wählertäuschung – da kann er sich doch an die eigene Nase fassen. Lang genug dürfte die ja sein! Dass wir was? Für ein Drei-Minuten-Interview mit vorher eingereichten Fragen? einen ganzen Tag mit zwei Reportern? Das ist doch nicht Ihr Ernst! Nur, weil wir Springer-Presse sind, werden wir doch nicht Ihrem Herrn Kandidaten hinterher hüpfen!

Er hat bitte was gesagt? Er hat sich über meinen autoritären… Schwarzkopf, was ist denn jetzt schon wieder? Die Junge Union? Was soll die Merkel gesagt haben? Das glauben Sie doch selbst nicht! Nein, ausgeschlossen. Nicht, weil das justiziabel wäre, aber einen so klaren Gedanken in einem einzigen Satz auszudrücken, das traue ich ihr einfach nicht… Sind Sie noch dran? Also was meinen autoritären Führungsstil angeht, ich bin hier der Chefradakteur, und wenn Sie der Meinung sind, dass ich in meinem eigenen Unternehmen nicht… ja, aber ich mache das dann auch. Hier wird nämlich gearbeitet, wenn Sie das noch nicht bemerkt haben sollten.

Unmöglich! Das machen wir nicht! Nein, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen! Warum? Weil wir das schon im letzten Jahr hatten. Zwei Wochen lang haben sich unsere Kollegen im Fitness-Studio abgestrampelt, um Kondition zu bekommen, dann treten sie zum Marathon an und stellen fest, dass er gar nicht erst… Ach was, Haarspalterei, wenn wir das hätten vorher wissen können, wären wir sicher nicht erschienen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Sie jammern uns hinterher mit irgendwelchen Interviewterminen, und dabei wissen wir doch längst vorher, was er uns sagen wird, weil er das immer schon gesagt hat: er hat das ja immer schon gesagt. Glauben Sie echt, dass wir das brauchen?

Selbstkritik? Wir sollten mal wieder Selbstkritik üben? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Wir? Was? regierungsfreundlich? vor der Wahl? Herr, wir sind ein überparteiliches Blatt und lassen uns nicht vorschreiben, wie wir vor der Wahl die Kandidaten… Und deshalb hat er seine Selbstdarstellung gar nicht erst bei uns? Weil wir was sind? Ein rechtes Schmierblatt? Ich geb’ Ihnen rechtes Schmierblatt, dann… Hallo? Sind Sie noch dran? – Verdammt noch mal, dass dieser Lafontaine aber auch nie etwas zu Ende kriegt!“