Der Jahrkreis (VIII). August

1 08 2021

Bis gestern rann der Schweiß von unsern Stirnen,
jetzt wird der Abend seltsam blau und rot.
Schon schwellen an den Zweigen Äpfel, Birnen
und auf den Halmen Korn für alles Brot.

Noch ist es Sommer, jedenfalls am Tage.
Ganz unbemerkt verliert er die Gestalt.
Die Vögel singen sanft die leise Klage,
die in den Sternen brüchig widerhallt.

Es ist nicht Schwermut und auch keine Trauer,
und doch ist nicht zu sagen, was es ist.
Das Jahr, das ganze Leben ist von Dauer,
wenn man begreift, woran es sich bemisst.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLIV)

31 07 2021

Bruno auf dem Markt in La Salle
sucht Früchte, recht saftig und prall.
Es soll sich ja lohnen,
so kauft er Zitronen.
Die braucht man auch, von Fall zu Fall.

Mizengo fährt täglich nach Gare.
Dort schaut der Friseur auf die Haare,
die ihm längst ausfielen.
So will er erzielen
Gewinn, wenn den Haarschnitt er spare.

Es jagt Nicolas gern in Othe
mit Büchse, jedoch ohne Schrot.
So geht er behende
durch Wald und Gelände
und schießt kein Tier absichtlich tot.

Es schnarchte Aziz in Guercif
fast jedes Mal laut, wenn er schlief.
Die Töchter, die’s hören,
wird er dann nicht stören –
sie waren halt auf dem Quivive.

Es trug Jean-Marie in Les Croûtes
tagein und tagaus seinen Hut.
Fast möchte man meinen,
er habe nur einen,
er hat einen zweiten, für: gut.

Es schreitet Titi in Mitole
gelegentlich auch über Kohle.
Um dies durchzuziehen,
lässt er sie nicht glühen.
Das schadet sonst noch seiner Sohle.

Man wusste, Laurence ist in Matzenheim
des öfteren blutig vom Kratzen. Beim
Spaziergang am Abend,
an Frischluft sich labend,
bringt er immer mal fremde Katzen heim.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLIII)

24 07 2021

Andrea sieht in Gufidaun
den Sohn unterrichten. „Ich staun
als großer Verehrer
von ihm als ein Lehrer.
Er war ein begnadeter Clown.“

Filippo, der findet in Sulden
beim Räumen ein Säckchen voll Gulden.
Jetzt muss er nicht laufen,
das Haus zu verkaufen.
Die Münzen bezahlen die Schulden.

Umberto mokiert sich in Mitterbad,
dass jeder voll Angst, wenn’s Gewitter hat.
„Den Strom abzuleiten
fand ich es beizeiten
recht klug, wenn ich dabei als Ritter bad.“

Es kaufte Teresa in Pfatten
fürs ganze Dorf Läufer und Matten.
Das zehrte am Gelde,
doch hat sie in Bälde
ein Plus aus den satten Rabatten.

Es pflegt Beatrice in Ellen
die Möbel beizeiten im Hellen
und nicht erst zu Nächten
nach Kneipengefechten
im Eingangsbereich umzustellen.

Es badet Matteo in Mölten
nur einmal im Jahr, also selten.
Ihm war dies nicht peinlich,
denn sonst war er reinlich.
Er wollte sich nur nicht erkälten.

Es putzte Egidio in Plaus
seit Tagen schon fleißig sein Haus.
Er bohnerte, wischte,
dass es nur so zischte.
Der Staub war ihm nun mal ein Graus.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLII)

17 07 2021

Steht Staffan im Dunklen in Bor
am Haus – nicht darin, doch davor –
so hört er die Grafen
darinnen schon schlafen
und schläft wie sie, nur vor dem Tor.

Eugénio aus Castro Daire
hat wahrlich ein Herz für die Tiere.
„Man hört’s bei den Leuten,
dass oft mich begleiten
mal einer und manchmal zwei Stiere.“

Es suchte sich Bjarne in Sommen
ein Los aus. Er hat’s nicht bekommen.
Er war nur zufrieden,
sein Glück selbst zu schmieden,
und hat es sich einfach genommen.

Maria, die schon in Nariz
die andern vom Treppchen verwies,
die will mit den Madeln
die Tour gern mitradeln
und träumt schon vom Sieg in Paris.

Man sagt, Olof nehme in Skede
seit Jahren schon eigentlich jede,
wenn die hübsch erschienen.
Er sammelt Maschinen.
Darum gab es manchmal Gerede.

Armindo saß lang in Fratel
im Wirtshaus. Es wurde schon hell.
Ins Bett er sich sehnte,
und wie er auch gähnte,
ein Bierchen, das trank er noch schnell.

Das Stahlross fuhr Åke in Hätte
und prahlte, er könnt ohne Kette
geschwind damit flitzen.
Er raste im Sitzen
bergab. Und gewann seine Wette.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DLI)

10 07 2021

Michele nahm in Sovicille
im Zug sich eine Kopfschmerzpille.
Er kann die Tabletten
im Fallen nicht retten –
sie kugelten in eine Rille.

Fernando, den fragt man in Breme,
was er für den Haarschnitt denn nehme.
Er drückt den Preis nieder,
denn ihm ist’s zuwider,
dass er sich für Wucher dann schäme.

Modesta, die lag in Erbonne
im Garten, und zwar in der Tonne.
„Was andere hatten,
ich liege im Schatten.
Mir reicht schon der Anblick der Sonne.“

Tommaso, der wohnt in Griante
im Sommer bei Onkel und Tante.
Doch hindert das Wohnen
sein Hobby, die Drohnen,
wo sich manches Wäscheseil spannte.

Goffredo kellnert in Dalmine.
„Wenn ich meine Gäste bediene,
dann merkt man, wie schicklich
ich bin augenblicklich.
Man sieht es schon an meiner Miene.“

Daniele besitzt in Buscate
zehn Häuser für Gäste. „Ich rate,
Hotels nicht zu buchen.
Da wird man oft fluchen,
am besten ist doch das Private.“

Ondina, die eilt in Cigole,
dass sie ein paar Stiefel besohle.
„Man hat keine Ruhe
so ganz ohne Schuhe,
die ich immer bringe und hole.“





Der Jahrkreis (VII). Juli

4 07 2021

Weich ist der Sand. Viel weicher noch als Seiden
ist kindheitsweich und warm der Sand am Meer.
Die Menschen suchen, was sie sonst vermeiden,
und reisen ihren Träumen hinterher.

Die Sonne glüht. Wir sind vom Tag ermattet.
Der Abend schließt die Pforten leise zu.
Ein Baum, der uns aus Freundlichkeit beschattet,
hat hier auf uns gewartet und gibt Ruh.

Das ist des Menschen Los: die Welt bereisen,
was in Erinnerungen uns gefällt.
So aber werden reicher nur die Weisen:
man sieht nur, wo man wahrhaft innehält.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DL)

3 07 2021

Dem Ludwig in Zell an der Pram,
der sich nie ein Eheweib nahm,
sind Bindungen schnuppe.
Er hat eine Puppe,
mit der lebt er sehr monogam.

Der Christian weiß, oben in Güttenbach,
da liegen sie nachts in den Hütten wach.
Ein Plätschern vom Wasser,
das weckt die Lärmhasser,
die denken am Flüsschen, die schütten nach.

Der Günther hat in Eisentratten
ein Faible für seltene Platten.
Daran ist das Schöne,
er hortet nur jene,
die andere Sammler nie hatten.

In Karls Kühlschrank in Unterhimmel,
da herrscht Fluggetier im Gewimmel,
das die Nahrung nutzte
und alles verputzte.
Er meint, so entsteht ja kein Schimmel.

Man weiß, Ferrys Bruder in Peuerbach
wird oft morgens von dem Gescheuer wach,
das dort auf dem Dach war,
denn dies war kein Nachbar.
Das wird dann fürwahr doch ein teuer Dach.

Es pflegte Marlen in Freileben
den Kunden Rabatt stets zu geben.
Der Gatte verhindert
Dies, oder er mindert.
Gewinn war sein einziges Streben.

Man weiß, Martin konnte in Eden
mit allen, die streng sich befehden,
bei allen Prozessen,
befeuert, vergessen,
zumindest ein klares Wort reden.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXLIX)

26 06 2021

Es wohnte Maurice einst im Spachbach
am Ufer. Dort floss nur ein Flachbach,
der murmelte nächtlich,
doch nicht unbeträchtlich
sein Lied: „Ach, wen ich wieder wach mach…“

Es kocht Tõnis oft in Kaleste
für viele und rauschende Feste
in großen Portionen,
die sich wahrhaft lohnen.
Dazwischen isst er nur die Reste.

Françoise trug zum Kleidchen in Seltz
statt Stola und Jäckchen aus Pelz
zwei lebende Hunde
als Fell durch die Runde.
Man fand das nicht gut. Ihr gefällt’s.

Als Maler war Jüri in Heiste
recht schnell, wenn er die Wände weißte.
Es blieben nur Flecken,
die muss er bedecken
im zweiten Gang. Also das meiste.

César hackte Kleinholz in Scheuerwald.
„Es wird merklich kühl, ich mach Feuer bald.
Doch da ich die Scheite
aus Bauholz bereite,
fehlt’s mir auch am Haus – das wird teuer bald.“

Man weiß, Erni war in Hagaste
ein Mann, der sein Erbe verprasste.
Man hörte ihn sagen
ganz ohne zu klagen,
dass ihn das nun nicht mehr belaste.

Es tapeziert Armand in Téterchen
die Wände. So hilft ihm sein Väterchen
mit den kurzen Armen.
Er spricht: „Ach Erbarmen,
es ist doch jetzt nur noch ein Meterchen!“





Küche, Kirche, Kinder

20 06 2021

für Robert Gernhardt

Ich hätt gern einen Klappaltar.
Das fände ich ganz prakt-
isch, denn so ist die Küchenwand
mir einfach viel zu nackt.

Ich hätt gern einen Klappaltar.
Der wär statt in der Kir-
che zweimal jährlich auf und zu.
Sonst hing er einfach hier.

Ich hätt gern einen Klappaltar.
So seht, Ihr lieben Kin-
derchen, da sind die Teller und
auch alle Tassen drin.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXLVIII)

19 06 2021

Es will Adam stets in Aftinten
im Sportunterricht schneller sprinten.
Er läuft unermüdlich
auch zehn Runden friedlich,
beim Tempo jedoch liegt er hinten.

Augusto stand in Sexta Parte
im Dunkel, wo er lang verharrte,
die Frau zu betören,
die, statt zu erhören
ihn, mit einem Schattenriss narrte.

Es sorgte sich Roman in Baitzen.
Es wuchs auf dem Feld hoch der Weizen,
das Holz um so schmaler.
Das macht es fataler:
womit soll im Winter er heizen?

Oswaldo war’s in Bustamante,
der wieder sein Pferdchen anspannte,
das ungefragt lief,
wie sehr er auch rief,
so dass er meist nebenher rannte.

Alicja kennt man in Assaunen.
Sie bringt alle Leute zum Staunen,
doch hält man nicht Wetten
auf ihre Toiletten –
man kennt sie meist ob ihrer Launen.

Yateya in Molepolole
entzündet ein Becken voll Kohle,
nicht, um sich zu wärmen
an Haut und Gedärmen,
denn er trainiert nur seine Sohle.

Es grämte sich Bogdan in Bernsee.
„Was ich ja am Abend so gern seh,
Ballett und Theater,
das hasst ja mein Vater,
worauf ich mit ihm meist nur fernseh.“