Dichterleben

9 08 2020

Mir träumte jüngst, mein Ruhm als großer Dichter
sei weit im Volk verbreitet und so groß,
dass aller schönen Künste strengste Richter
mein Werk befunden rein und tadellos.

Ich sollte etwas wünschen. Nun, ich tat es,
und wünschte mir, ich stünd im Lesebuch.
Wohl ohne den Verstand des weisen Rates
entwickelte der Wunsch sich rasch zum Fluch.

Schon lernten meine Verse alle Kinder
und leierten die Reime fleißig ab.
Mein Glanz schwoll an, mein Ansehen nicht minder,
auch flossen die Tantiemen nicht zu knapp.

Natürlich hatte irgendein Minister
ein ganz besonders fades Werk gewählt.
Das liest ein Mensch, dann stutzt er, dann vergisst er,
bevor er sich mit noch mehr Lyrik quält.

Es ging recht schnell, dass Ruhm und Glanz erblassten.
Mein Stern erlosch. Die Meisterschaft verblich.
Inzwischen war ich von den Meistgehassten,
die dichten, eine Klasse ganz für mich.

Schon lästerten die klugen Professoren,
dass außer des Gedichts, das man hier lernt,
kein guter Reim kam einem je zu Ohren.
Man wünscht mich aus den Büchern rasch entfernt.

Ich fristete ein Leben, war gerichtet,
ein Klassiker wie Goethe, tot und grau.
Das Urteil hat mich endgültig vernichtet.
Der Wunsch war alles andere als schlau.

Doch eines stimmt mich immerhin noch heiter:
packt man mit einer Zeile sie am Schopf,
so leiern sie den Rest der Verse weiter.
Die kleben allen ewig noch im Kopf.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DV)

8 08 2020

Iwona, die sich in Glaubitten
nebst Schwestern Einmischung verbitten,
sind, nicht sich zu schonen
seit Generationen
die, die sich um quasi nichts stritten.

Es lebte Michel in Retzwiller
Jahrzehnte als Serienkiller.
Recht selten gab’s Treiben,
so sollte es bleiben.
Es wurde im Ort immer stiller.

Dass Wiesław, wenn’s bebt in Kelbassen,
sich sorgt um die kostbaren Tassen,
ist sehr ungewöhnlich.
Er kann dies persönlich
sich wöchentlich nachliefern lassen.

Es hatte Gustave in Kleingœft
ein ansehnlich großes Gehöft.
Schon jung, da verfiel er
als ein Pokerspieler
dem Glück, da er exzellent blufft

Es sägt Grzegorz schwitzend in Heering.
Was Werkzeug, das kaum in den Teer ging,
war nochmals erhitzend,
und dann sah er schwitzend,
das war der Grund, dass es so schwer ging.

Recht selten geschieht’s Jean in Kruth,
dass er sich vorm Spiegel vertut.
Was man ihm oft neidet,
er ist gut gekleidet,
und öfters passt dazu der Hut.

Beschwerte sich Wanda in Görchen,
so liegt’s allenfalls an den Störchen.
Wie sollten verdienen
auf allen Kaminen
die Vögel, sie so einzupferchen?





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DIV)

1 08 2020

Jan philosophiert in Groß Priesen
und hat schon so manches bewiesen.
Mit all seinem Wissen
nach logischen Schlüssen
muss er bei der Lösung stets niesen.

Jeanne widmet sich in Niederentzen
bei Pferden vor allem den Schwänzen.
Sie macht ihre Lehre
für Hundefrisöre
und kann dies am Ross gut ergänzen.

Was Zdeněk oft stört in Deutsch Kahn,
das ist dieser vorlaute Hahn,
der, wenn er mal mähte,
am Zaun saß und krähte.
Das Tier trieb ihn fast bis zum Wahn.

Es radelt Thierry in Lalobbe.
„Meist will ein Passant, dass ich stopp
zum Wegüberqueren.
Das will mich nicht stören,
ich winke und tu so, als ob.“

Recht zornig war Mojmír in Gatterschlag.
„Was ich an Gewicht als Bestatter trag,
ist schwerer als Turnen.
Die Frau nimmt nur Urnen,
warum ich nie mehr diese Natter frag.“

Ein Wind schädigt Yves in Diefmatten
am Jägerzaun zahlreiche Latten.
Die neben ihm wohnen
als Esser von Bohnen,
die sollen die Kosten erstattet.

Haut Jitka dem Kind in Elhoten
am Beerenstrauch oft auf die Pfoten,
denn von jenen Früchten,
die führen zu Züchten,
sind manche, da giftig, verboten.





Das Goldmännlein

26 07 2020

In manchen Häusern hörte man von Zwergen,
die waren ihrem Herrn besonders hold.
Sie wollten sich vor aller Welt verbergen,
doch dafür schufen sie beständig Gold.

Man sieht von ihnen nichts, denn äußerst schwierig
ist jede Spur zu lesen, die das macht.
Manch einer lauert voller List und gierig
und findet nichts. So geht es Nacht für Nacht.

Bald flüstert man: der ist wohl schon im Bunde
mit allem Bösen, wie es ihm gefällt.
Gerüchte machen kaum verhüllt die Runde,
kommt Neid mit Lug und Missgunst kommt mit Geld.

Das Männlein aber hört die wirren Flüche
und lacht, worüber Menschenvolk so denkt.
Es spinnt gemächlich tief unter der Küche
das Gold, das es beim Sonnenaufgang schenkt.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DIII)

25 07 2020

Aleksy hat in Adlig Borken
kein gutes Verhältnis zu Korken.
Recht rutschige kleine
drückt er in die Weine.
Dann helfen zum Öffnen meist Forken.

Jean-Jacques aus Boissy-sans-Avoir,
der stets auf der Landstraße war,
braust an den Leitplanken
vorbei – ohne Tanken.
Er scheut eben nie die Gefahr.

Fährt Bolesław in Falkenwalde
den Abfall im Wagen zur Halde,
so lauscht er dem Weibe
beim Nörgeln. Beileibe
er denkt sich: „Ja, warte nur. Balde…“

Sitzt Gilles abends in La Rochette
beim Schachspiel, kommt er spät ins Bett.
Doch nach fünf Partien
wird er sich verziehen
und Schlaf bis zwölf macht’s wieder wett.

Agnieszka, die grollt in Dzingellen:
der Hund will nie Einbrecher stellen.
Sie ist zu bedauern,
denn sie muss selbst lauern.
Das Tier will im Hellen nur bellen.

Es stellt sich Maurice in Épône
ins Häuschen hinein einen Thron.
„Wer will’s kritisieren?
Ich darf hier regieren,
da ich ganz allein auch hier wohn.“

Beata sucht sich in Groß Gandern
ein Mannsbild, um mir ihm zu wandern.
Ein Kerl, flink und wendig,
der redete ständig.
Jetzt sucht sie, und zwar einen andern.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DII)

18 07 2020

Es kann Jaroslav sich in Zwoischen
bei Nacht ganz allein im Haus täuschen.
Der Kater, die Fenster,
vielleicht auch Gespenster –
es wird eins sein von den Geräuschen.

Françoise grollt in Asnières-sur-Nouère.
„Was ich auch den Kindern erklär,
verbessern die Schwestern,
doch die sind von gestern
und wissen’s auch nur ungefähr.“

Liegt František einmal in Seeg
im Sommer allein auf dem Steg,
so kommt bald sein Bruder
und bringt ihm ein Ruder.
Zum Schwimmen sind beide zu träg.

Schläft Asgeir in Å i Lofoten,
ist Zutritt im Haus streng verboten.
Die Vorsicht, die hat er
als alter Bestatter.
Im Schuppen, da liegen die Toten.

Will Pavel im Wald in Wilhorschen
das Leben der Bäume erforschen,
gleicht er einem Kinde,
das fühlt an der Rinde.
Jedoch präferiert er die morschen.

Antoine, der in Asnières-sur-Blour
als Zugschaffner jeden Tag fuhr,
kriegt nach langem Warten
zwei Eisenbahnkarten.
Nun fährt er samt Gattin zur Kur.

Pflückt Vratislav Beeren in Steine,
bevorzugt er ausnahmslos kleine,
die ganz oben sitzen
wohl unter den Spitzen,
und bricht sich beinahe die Beine.





Der Gäälknœker

12 07 2020

Er kommt bei Nacht aus blassem Dunst gekrochen
und streift durch Dörfer, Häuser, Höfe hin.
Fast meint man schon, er habe keine Knochen
in seinem bleichen Schlotterleibe drin.

Mal stolpert man wie über eine Leiche,
die gelb und grausig in der Heide liegt,
dann wieder spielt er Bösen schlimme Streiche,
bevor er mit dem Morgenlicht verfliegt.

Der dürre Mann, er will im Winde schwanken,
wie ein Kadaver, der am Galgen hängt,
doch tröstet er die Armen und die Kranken.
Das ist recht heilsam, wenn man an ihn denkt.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DI)

11 07 2020

Es klagte Franciszka in Dambee:
„Wenn ich nur am Morgen den Kamm seh,
so ist es seit Jahren
vorbei mit den Haaren,
weil ich den Zopf dann viel zu stramm dreh.“

Krault Vaibhavi mal in Metpalle,
so findet sie immer die Halle
zum Schwimmsport am besten,
denn Schauer durchnässten
sie außerhalb in manchem Falle.

Alojzy sieht man in Erwienen
die hochfeinen Gäste bedienen,
die im Gasthaus sitzen –
mit recht derben Witzen.
Man merkt’s an den finsteren Mienen.

Lag Mahesh danieder in Chas,
da er nur recht langsam genas,
war’s ihm auch nicht eilig
und direkt kurzweilig,
da er nun mal gern im Bett las.

Es ärgert sich Anja in Dratzig:
die Wolle ist immerzu kratzig,
trotz Waschen und Spülen
will man das nicht fühlen.
Kein Wunder, sie ist deshalb patzig.

Rams Schafe in Thirumalpur
sehn prächtig aus in Modeschur.
Er pflegt seinen Tieren
das Fell zu barbieren,
nur färbt er nicht. Da bleibt er stur.

Die Kronen von Zbigniew in Floste,
die waren ihm heilig. „Ich koste
von fast allen Speisen,
doch nie was mit Eisen,
sonst kommt es noch vor, und ich roste!“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (D)

4 07 2020

Im Zimmer war’s Šárka in Lindig
bei offenem Fenster zu windig.
Um trotzdem zu bleiben,
durchbohrt sie die Scheiben.
Sie war, wie man ahnt, äußerst findig.

Guillaume fand in Châteauneuf-Grasse
den Rotwein dies Jahr viel zu blass.
Man sah ihn mit Schrecken
mit Kirschsaft ihn strecken.
Das gab immerhin noch ein Fass.

Ritt Ivo die Pferde in Mohren
hinein und hinaus zu den Toren,
so liefen auf Anhieb
auf eigenen Antrieb
die Rösser. Er gab nie die Sporen.

Nadeschda, die führte in Pristen
als Bibliothekarin Listen,
worin sie vermerkend,
gedächtnisbestärkend,
die Leihbücher führt samt der Fristen.

Es angelte Luděk in Passern
am Sonntag in sämtlichen Wassern
und schmiss sofort
den Fang über Bord.
Er zählt nun mal zu den Fischhassern.

Wenn Iain und John in Earl Shilton
im Pub sich mit Bierchen anfüllten,
auf Holzwegen holpern
und darüber stolpern,
dann hört man, wie furchtbar sie brüllten.

Liegt Nikola abends in Oed
im Bett, ist es unendlich blöd,
die Schwester zu hören
und sie nicht zu stören.
Sie nervt stets mit lautem Geflöt.





Preußische Gespenster

28 06 2020

Es gibt fürwahr Familiengespenster,
in Preußen nimmt man dieses sehr genau.
Sie kommen nachts durch fest verschlossne Fenster,
und meistens ist es eine weiße Frau.

Die Dame weht im Nachthemd durch die Zimmer,
sie klagt beständig, weint und ist recht blass.
Bei Vollmond wird ihr Spuk sogar noch schlimmer.
Darauf ist hier in Preußen stets Verlass.

Mal heult sie durch die nächtlich finstren Gänge,
mal rasselt sie, und wie ihr Grabhauch blies,
ruht ihr Gebein in modrig dumpfer Enge
in einem ganz vergessenen Verlies.

Tagsüber ist sie fort und nur zu sehen
auf großen Bildern, wo der Nacht sie harrt,
und wenn man sie betrachtet, kann’s geschehen,
dass sie die Augen kneift und teuflisch starrt…