Der Tod des Sokrates

29 11 2020

für Bertolt Brecht

Sie redeten seit Tagen und seit Stunden,
dass die Demokratie sich nur bewährt.
Was haben sie nicht alles schon erfunden,
damit Athen den Urteilsspruch erhört.

Das Recht erwies sich anfangs noch als schwierig,
da den Beklagten jeder Bürger kennt.
Ach, das war kein Prozess. Der Plan war schmierig,
und unser Feind ein böser Dissident.

Die Ordnung will, dass einer den Beklagten
befrage, doch der wäscht die Hände rein.
Wie haben sie gefehlt mit ihrer Frage –
er stimmt schon in sein Todesurteil ein.

Der klagt die Kläger an mit ihren Mitteln,
und für Demokratie ist es zu spät.
Er sieht, sie sträuben sich noch zu zwei Dritteln,
nimmt allen Richtern die Autorität.

Noch heute beben sämtliche Gerichte
und richten, was sie finden, leicht und leis.
Sie schauen auf den Gang dieser Geschichte.
Sie dient bei ihnen nicht mehr als Beweis.

So macht sich Sokrates im Tod unsterblich.
Der Schierling ist’s, der sie für immer reut.
Die Fehler aber sind und bleiben erblich
und sind es, demokratisch, noch bis heut.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXXI)

28 11 2020

Philippe kleidet sich in Marac
am Werktag stets in grauem Sack,
um nicht aufzufallen.
Man kennt ihn vor allem
am Sonntag, da geht er im Frack.

Elijah, der ging in West Chester
bei Regen aufs Feld im Südwester.
Ihm diente die Kleidung
zur Unlustvermeidung,
und der, den er trug, war sein bester.

Es ließ sich César oft in Wingen
zum Abendbrot zwei Pizzen bringen.
Dann aß er die eine
oft langsam alleine,
um dann Nummer zwei zu verschlingen.

Den Zaun hatte Jerry in Boston
gebaut aus viel hölzernen Pfosten.
Man riet zu Metall ihm,
doch auf keinen Fall ihm,
zu nehmen die, die dann nicht rosten.

Des Nachts lag Édouard in Manspach
bei schaurigen Lauten oft wach.
Er hörte es krächzen
und knurren und ächzen.
Es war nur ein Kauz auf dem Dach.

Es kaufte sich Horace in Hyden
zwei Hunde. Er mochte sie leiden,
denn will einer rennen,
geht einer gleich pennen.
So hat er stets Zeit für die beiden.

Es wollte Fleurette sich in Wisches
nicht für eine Seite des Fisches
beim Speisen entscheiden.
So sitzt sie auf beiden
der Seiten nun gleich ihres Tisches.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXX)

21 11 2020

Es bastelt Jan in Altcüstrinchen
aus allerhand Schrott ein Maschinchen
zum Bimmeln und Blinken.
Es hupt und kann winken,
doch unterhält’s nur zwei Kaninchen.

Beim Fischen packt Sheldon in Bremen
das Tier ungeschickt an den Kiemen.
Das haut unverdrossen
mit sämtlichen Flossen
zurück. Daher trägt er nun Striemen.

Alojzy pflegt in Bogumillen
bei all seiner Arbeit zu brüllen,
denn ob der Traktoren
dröhnt’s in seinen Ohren.
Am Abend sitzt er stets im Stillen.

Die Gänse von Eugene in Patten
gehörten nicht so zu den fetten,
die Nahrung verweigern
statt Schwere zu steigern.
Sie konnten sich nur dadurch retten.

Es lebt Paweł gern in Babanten
mit Nichten und Schwestern und Tanten,
nur Weihnachten immer
nimmt er sich ein Zimmer.
Da feiert er fern der Verwandten.

Man sagt, Melvin kannte in Beals
die Regeln kaum des Billardspiels,
vermutlich gar keine.
Doch spielt er alleine,
so macht es nichts. Und ihm gefiel’s.

Eugeniusz, der schmückte in Bargen
im Wäldchen die Tannen. Die kargen
bekamen Lametta
und Kugeln vom Retter,
so lagen sie nicht mehr im Argen.





Fristgerechte Kündigung

15 11 2020

für Erich Kästner

Der Kaiser hat nicht abgedankt,
er wurde nur entlassen
und wird für gar nichts mehr belangt.
Woran die ganze Sache krankt,
historisch wird’s verblassen.

Er hinterlässt ein Trümmerfeld.
Er selbst hat’s nie gesehen.
Ein Land, das er ins Abseits stellt,
wirft Ablass hinterher und Geld,
als wäre nichts geschehen.

Wohin er flieht, weiß er noch nicht.
Die Tore sind weit offen.
Ihm droht ja nie ein Strafgericht,
weil selbst sich keiner schuldig spricht.
Die Fragen bleiben offen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXIX)

14 11 2020

Henri kochte Brei in Athis
aus Milch und ein paar Löffeln Grieß,
den er, weil zu flüssig,
dann einfach unschlüssig
als Suppe im Kochtopf beließ.

Da Clyde ohne Brille in Mahwah
im Bad war, wo er nur noch nah sah,
sucht er nach den Seifen
und konnte nichts greifen,
da außerdem keine mehr da war.

Estelle tastet in Val-de-Meuse
am Gartenschlauch. Der war porös,
so dass, als sie kratzte,
derselbe zerplatzte
mit fürchterlich lautem Getös.

Schießt Gregory Bogen in Niles,
so sorgt er sich wegen des Pfeils,
den andere schossen
meist ganz unverdrossen
zum Nachteil seines Hinterteils.

Es stöhnt Élodie in Lagesse.
„So sehr ich mich auch hinein press,
das Ding ist zum Tauchen
nicht mehr zu gebrauchen –
ich komme nicht mehr in den Dress.“

Es spielte Cathrine in Fort Lee
am Abend gern eine Partie,
da Schach sie stets freute.
Den Gatten es reute,
da sie dabei jedes Mal schrie.

Es ließ Jean-Philippe in Emlingen
sich Haken im Häuschen anbringen,
woran, statt an Schränken,
man kann es sich denken,
dann sämtliche Dinge dranhingen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXVIII)

7 11 2020

Auf Bedřichs Dach sitzen in Hradzen
gewöhnlich ein paar Dutzend Spatzen.
Soll er, wird man denken,
dem Aufmerksamkeit schenken?
Wild werden dabei nur die Katzen.

Man wusste, dass Gerben in Grootegast
seit langem schon belegte Brote hasst,
die in den Schulpausen
die Schüler verschmausen.
Vom Hausmeister hagelt’s Verbote fast.

Dort steht Vojtěchs Scheune in Mauthaus.
Da kommt es am Abend meist laut raus,
die Söhne, sie feiern.
Das Bier fließt. Sie reihern.
Das sieht für den Bauern vertraut aus.

Ruuds Schiffe kennt man in Hornhuizen:
sie fuhren mit riesigen Düsen
auf schaukelndem Wasser.
Es wurde bald nasser
durchs Bullauge in die Kombüsen.

Hat Alex sich in Langentriebe
gefragt, wer sein Motorrad schiebe,
hat nun keiner Neigung.
Nun kommt eine Steigung.
Es zeigt halt kein anderer Liebe.

Es putzte Frits gern in Winschoten
auf allerlei Häusern in Schloten.
Den Ruß er entferne,
versprach er, doch gerne
nicht im Betrieb zum Schutz der Pfoten.

Galt Kamila in Kiskamühle
weithin als die distanziert Kühle,
massiert sie von Herzen
trotz Patientenschmerzen.
Sie zeigte dort keine Gefühle.





Kleine theologische Besteckkunde

1 11 2020

für Christian Morgenstern

Man weiß genau, dass hunderttausend sitzen
an Engeln auf den vielen Nadelspitzen.

Des Teufels aber sind auch spitze Listen,
so warnte man beim Speisen schon die Christen,

dass sie die Gabel mit den dünnen Zinken
nicht oben hielten: sollte Unheil winken.

Denn alle, die da Leichtsinn walten ließen,
warnt man, sie würden Engel gar aufspießen.

Man äße allgemein die Mahlzeit besser
und frömmer obendrein mit einem Messer.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXVII)

31 10 2020

Jeannette putzte in Oberentzen
ihr Schuhwerk. Es musste stets glänzen,
worauf sie’s gut fasste,
damit es auch passte
zum Ballkleid bei sämtlichen Tänzen.

Gennadi hat in Katar-Jurt
die Ladung anständig verzurrt
und sehr gut gesichert.
Der Lehrling, er kichert:
was nicht mehr aufgeht, ist der Gurt.

Es modelliert Jean in Puberg
und sieht distanziert auf sein Werk –
ob napoleonisch,
royal, mild-ironisch,
es wird immer ein Gartenzwerg.

Gerlinde fuhr in Mitterstockstall.
„Nun bin ich zwar auch schon im Rock prall,
doch bei Motorchosen
trag ich lieber Hosen,
damit ich nicht auch noch vom Bock fall.“

Rémi züchtete in Oudrenne
viel Schweine. „Fürwahr, ich erkenn
am Gang meine Sauen.
Man kann mir vertrauen,
auch wenn ich meist hinterher renn.“

Sitzt Slayman mal in Kampong Trach
am Abend allein auf dem Dach,
vermeidet er jede
Neigung zum Gerede
und spielt gegen sich selber Schach.

Man kannte Gaston in Pierrefitte,
der sich oft und gern und laut stritt,
als Nachbarn, anstelle
des Hunds aus der Hölle,
weil unter ihm jedermann litt.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXVI)

24 10 2020

Es kaufte sich Jimmy in Brooten
ein Horn. Darauf konnte er tuten
mit recht lauten Tönen.
Sein Sohn pflegt zu stöhnen,
er wird aus den Ohren verbluten.

Sägt Amy sich in Henriette
die Bretter zurecht für ein Bett,
will sie ohne Lücken
den Rahmen bestücken.
Am Ende fehlt dennoch ein Brett.

Es schneiderte Mason in Ellendale.
„Weil ich noch am Abend die Ellen zähl,
den Stoff abzuschneiden,
kann ich es gut leiden,
wenn ich dann den Sitzplatz im Hellen wähl.“

Man kennt Sidney, Richter in Millerville.
„Wenn ich im Prozess einen Killer will,
den pfleg ich im Nacken
und sonst wo zu packen,
dann wird bei mir sogar ein Brüller still.“

Man könnte, sagt Courtney in Lutsen,
bei Würsten fast alles verpatzen.
Will man ihre Spitzen
zu hastig erhitzen,
so werden die Mitten zerplatzen.

Kartoffeln hackt Ethan in Storden
und stapelt sie auf in den Horden.
Die standen im Keller,
und stapelt er schneller,
so würden sie fast überborden.

Klopft Steven das Leder in Brewster,
das er nimmt als trefflicher Schuster,
so muss er drauf passen
und Atemluft lassen.
Ein Paar ruiniert er durch Huster.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXV)

17 10 2020

Es pflegt Zygmunt oft in Cadinen
im Boot in den vielen Kabinen
an Möbeln zu sparen,
doch hängt er seit Jahren
die Bullaugen dicht mit Gardinen.

Yogendran feilt in Penampang
seit langen am richtigen Klang.
Er spielt auf der Flöte
von morgens bis späte
und unterlag längst einem Zwang.

Ach, Władysław in Dargeröse
war schnell seinen Nachbarn recht böse,
die ihn doch empfingen
mit stinkenden Dingen,
mit nächtlichem Lärm und Getöse.

Hat Anak jüngst in Sindumin
ein Gartengerät mal verliehn,
um’s nie mehr zu sehen,
muss man das verstehen.
Er lässt es mit den Nachbarn ziehn.

Gar wild wird Tadeusz in Czarnen,
will man über seinen Zaun harnen.
Es wir schon noch klappen,
die Täter zu schnappen.
Er muss vor dem Hund ja nicht warnen.

Es sitzt Moktar stumm in Ouadane
am Morgen schon früh in der Bahn,
den Arzt aufzusuchen.
Schon hört man ihn fluchen.
Wer sich nun nicht rührt, ist sein Zahn.

Der Staatsanwalt Jan in Barkehmen
pflegt jeden genau zu vernehmen.
Statt mit Paragrafen
sie alle zu strafen,
schreit er nur: „Ihr solltet Euch schämen!“