Goldstandard

17 06 2020

„Der moderne Staatsmann muss gerüstet gut sein für vielseitige Aufgaben in der globalen Wirtschaft sowie der geostrategischen Entwicklung. Deshalb bietet unser Unternehmen frühzeitig die fachliche Kompetenz an für die besten Führungskräfte, die man für Geld bekommt. Vertrauen Sie uns.

Früher konnte man ja als Eierdieb einer Partei beitreten und wurde irgendwann bis ganz nach oben durchgereicht. Die meisten schafften es irgendwann nicht mehr und haben nur noch ein Jurastudium absolviert, das sieht professionell aus, ist aber nicht dasselbe. Es fehlt einfach der Praxisanteil, man hat kaum Gelegenheit zum Netzwerken, es fehlt an den nötigen Verbindungen. Wenn Sie Präsident werden wollen, dann reicht das, aber ein Ministeramt mit anschließender Versorgung aus Steuergeldern auf einem Vorstandsposten können Sie vergessen. Da brauchen Sie einfach das richtige Rüstzeug, mit anderen Worten: Sie brauchen uns.

Ihnen kommt das sicher ein bisschen komisch vor. Keine Produkte, keine Kunden, Angestellte haben wir auch nicht, nur eine Briefkastenfirma und ein paar Chefposten, die das Geld verwalten. Also wir arbeiten jedenfalls mit Geld, das reinkommt, und irgendwo muss das dann ja auch wieder hin. Es ist die perfekte Struktur, um sich alle Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, die man als moderner Berufspolitiker braucht. Wir sind eine Anstalt der zeitgemäßen Fortbildung für Lobbyismus. Hier werden Sie auf alles vorbereitet, was Ihnen den späteren beruflichen Erfolg sichert – abseits des lästigen parlamentarischen Tagesgeschäfts. Sie wissen nicht genau, wer Sie bezahlt, Sie wollen es auch gar nicht wissen, die Hauptsache ist, das Geld kommt pünktlich. Sie treffen ein paar halbseidene Arschlöcher, den einen oder anderen überzeugten Nationalsozialisten, ein paar Waschweiber, die auch gerne andere Leute vergasen wollen, aber nicht den Arsch dazu in der Hose haben, und die besorgen das Geld. Worum es sich handelt? Erste goldene Regel des Lobbyismus: reden Sie nicht darüber und vergessen Sie nicht, dass es Ihren Freundeskreis gar nicht gibt. Sonst haben Sie das Nachsehen.

Wenn Sie anfangs noch Skrupel haben sollten, das ist ganz normal. Steigern Sie sich da nicht rein, das tut nicht gut. Manche sind ja der Überzeugung, sie müssten ihrem Land dienen, und dann nehmen Sie ordentlich Geld dafür, dass Sie mithelfen, den Parlamentarismus zu unterwandern. Weicheier. Für solche Leute ist hier kein Platz. Nehmen Sie die Kohle, sonst nimmt sie einer mit mehr moralischer Flexibilität. Am Anfang wird Ihnen das noch nicht ganz geheuer sein, dass man so eine Knalltüte wie Sie überhaupt als vollwertiges Mitglied behandelt. Aber Sie wissen, Sie werden gewisse Aufgaben für die Gesellschaft erledigen müssen. Schmutzige Sachen. Nichts ist umsonst. Und dann wachsen Sie langsam in die Gesellschaft rein und auch in Ihre Rolle. Bis Sie irgendwann zur nächsten Generation gehören und von den Neuen erwarten können, dass die Ihnen den Dreck aus dem Weg räumen.

Hier zu Beispiel geht es um Edelmetall. Man sagt sich ja, dass der Euro nur ein von jüdischen Bankhäusern lanciertes Spielgeld ist, das für die deutsche Wirtschaft lediglich vorübergehend eine gewisse Bedeutung haben dürfte. Wenn wir erst wieder ein vernünftiger Nationalstaat sind, der dies europäische Gesindel von der Backe gekriegt hat, zählen nur noch echte Werte. Wir setzen auf den Goldstandard. Wir drücken den Emporkömmlingen so ein hübsches Stückchen in die Hand und sagen ihnen, dass sie es behalten dürfen. Abtransportieren müssen sie es selbst. Wie Sie das anstellen, ist nicht unser Problem. Wenn Sie sich nicht ganz bekloppt anstellen, dürfte es sogar funktionieren. Und dann hängen Sie mit drin.

Sie dürfen für uns Geld von neuen Investoren einsammeln – alte werden Sie nicht finden, das ist korrekt. Die kennen uns schon. Leiern Sie das Geld denen aus der Tasche, die es in die nächstbeste Pfütze schmeißen können, ohne bankrott zu gehen. Wenn Sie es richtig machen, nehmen Sie den Staat aus. Der vermisst das Geld nicht. Es gehört ja nicht ihm selbst, nur den Steuerzahlern. Nutzen Sie dazu alle Tricks, die Ihnen einfallen, Sie wissen ja: der Zweck heiligt die Mittel. Und Sie wollen doch nicht vor Ihrer Zeit als unzuverlässiges Mitglied wieder in die mediokre Ausschussarbeit entlassen werden, wo Ihnen eine fachlich außerordentlich spannende Karriere als Fachmann für Umgehungsstraßen im landwirtschaftlich genutzten Osten winkt, während die anderen sich die anderen den Champagner aus der Flasche trinken. Wäre doch schade.

Zehn Millionen. Aber wir sind ja auch keine Unmenschen, wir lassen Ihnen einen Monat Zeit. So eine Summe, die wirklich spurlos versickern soll in der Verwaltung, die muss ordentlich verplant und organisatorisch versaubeutelt werden. So schnell wie das Bundesverteidigungsministerium ist eine Parlamentsverwaltung ja nicht, und Sie sind ja auch kein offizieller Berater. Also lassen Sie sich etwas einfallen. Überlegen Sie sich irgendeinen Scheiß, je haarsträubender, desto besser. Kleiner Tipp: wenn Sie irgendeinen Mist mit Sicherheit und Terror vom Stapel lassen, glaubt man Ihnen nicht, man fragt aber auch nicht nach, weil da jeder das Geld aus dem Fenster rausschmeißt für Sachen, die technisch nicht funktionieren, aber unbedingt sein müssen, weil sie andere auch haben könnten. Schaffen Sie das? Briefpapier? Famose Idee, Sportsfreund, ganz famose Idee. Ich wusste, wir würden uns einig. Und ganz im Vertrauen, so schön ist Mecklenburg-Vorpommern auch wieder nicht.“





Der leuchtende Pfad

2 03 2009

Bereits nach dreißig Minuten hatte ich den Automaten gefunden und zog eine Nummer. Noch am selben Nachmittag wurde ich aufgerufen und legte meine nunmehr vollständigen Unterlagen auf den Schreibtisch des Beamten. Er musterte sie kurz, reichte sie mir zurück und wollte schon den Knopf drücken, der den nächsten Bittsteller beordern würde, doch ich hielt ihn davon ab. Er stutzte.

„Sagen Sie mal“, fragte er mich fassungslos, „sind Sie noch ganz dicht? Was wollen Sie?“ Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Ich will eine Glühlampe betreiben, das heißt vielmehr, ich bin durch die Brandschutzverordnung dazu gezwungen.“ „Ja also, und warum haben Sie dann die Anlage F44/3b-1 nicht beigefügt?“ Aus dem Haufen rosa, blau und gelb gefärbter Zettel zog ich das hellgraue Formular, das mich berechtigte, einen Antrag auf Erteilung eines Antrags zum Betreiben einer Glühlampe zu stellen.

Er wurde ein bisschen milder. „Ich bitte um Entschuldigung. Ich sitze jetzt zwar schon fünf Jahre im Amt für Leuchtmittelsicherheit, aber bis jetzt hatte ich noch nie einen vollständigen Antrag auf dem Tisch. Das ist für mich auch Neuland.“ Wir überlegten gemeinsam, wie nun zu verfahren war. „Mir ist noch nicht ganz klar, ob Sie erst die Beglaubigung der Brandschutzbehörde beibringen oder die Leuchtmittelbewilligung dort vorlegen müssen, um die Glühlampe zu betreiben.“ Ich wies ihn nochmals darauf hin, dass die Angelegenheit dringend sei; bei Zuwiderhandlung, das heißt bei weiterer Verwendung einer Energiesparlampe, drohten mir inzwischen 475 Jahre und zwei Monate Haft, von der Strafe über 6,31 € ganz abgesehen.

„Herr, ich mache doch diese Gesetze nicht“, stöhnte der Amtmann, „ich verstehe das ja noch nicht einmal.“ Mit einem wirren Blick sah er mich an. „Wenn Sie versprechen, dass Sie es niemandem verraten…“ Ich schwieg wie ein Grab.

„Sie ahnen es nicht. Nichts davon. Es ist eine Verschwörung. Es sind die Illuminaten.“ Ja, darauf hätte man auch von selbst kommen können.

„Es ist ein Komplott. Natürlich die Wirtschaft.“ Ich fragte ihn, ob die Leuchtmittelindustrie der EU nicht bereits genug an der Umrüstung verdiene. Auch dies rang ihm einen müden Gesichtsausdruck ab. „Doch nicht die EU. Das Zeug wird in China hergestellt. Nur für den Export übrigens. In China verpufft die Energie lustig vor sich hin, die Kraftwerke verpesten die Luft, und keiner regt sich auf. Und dann die Zölle.“ Die Zölle? „Natürlich die Zölle. Wenn Sie alles durchkalkulieren, könnten Sie eine Energiesparlampe für 50 Cent anbieten. Im Endpreis! Wissen Sie, was daran der Zoll verdient? Die Steuer? Dagegen sind Alkohol, Tabak und Sprit steuertechnisch Kinkerlitzchen!“

So hatte ich das noch nicht gesehen. Bei Licht betrachtet hatte er durchaus Recht.

„Wir werden bald eine Birnen-Szene hinter dem Bahnhof haben. Warten Sie’s ab! Die Ware ist da. Sie darf nur nicht an Privathaushalte abgegeben werden.“ Ich fragte, wer denn die verbotenen Lampen herstelle. „Wer wohl? Die EU-Industrie. Sogar die Lebensdauer von Ewigkeitsglühlampen wurde drastisch gesenkt.“ Ich vermutete, dass es sich dabei um den Ausgleich für die erheblich längere Lebensdauer der Sparbirnen handelte, doch auch da lag ich falsch. „Die Sparfunzeln sind doch ein Riesengewinn für die Hersteller. Alles lässt sich einstellen, auch die Lebensdauer dieser Dinger. Sie werden nicht nur künstlich verteuert, nein, sie haben proportional auf den Preis gerechnet sogar eine niedrigere Lebensdauer! Keine Sparwendel wird sich je amortisieren!“ Ich gab zu bedenken, dass der Stromverbrauch doch beim Sparen helfe. „Gut, wenn der Strompreis gleich bleiben würde… aber das wollen wir doch mal nicht annehmen.“ Ich war verwirrt. „Natürlich werden die Stromerzeuger es als billige Ausrede nehmen, um die Preise zu vervielfachen. Schließlich sinkt der Verbrauch.“ „Aber die Ewigkeitsglühlampe…“ „… ist auch aus dem Rennen. Sie stützt den Stromverbrauch, dennoch ist sie in der Produktion zu teuer.“

„Aber wenn man an die Umwelt denkt, so…“ Er brach in sardonisches Gelächter aus. „Die Umwelt! Was für ein köstlicher Witz! Die Umwelt!“ Seine Augen tränten, er verschluckte sich und hustete. „Wenn sie etwas gegen den Kohlendioxidausstoß unternehmen wollten, würden sie regenerative Energien fördern oder die Schwellenländer unter Druck setzen. Sie würden alles konsequent auf Leuchtdioden umstellen. Sie würden aufhören, den Regenwald abzuholzen. Und sie würden nicht den Schadstoffausstoß durch Energiesparleuchten ankurbeln.“ Ich blickte ihn fragend an. „Ja, Sie haben richtig gehört. Die Recycling-Industrie verdient sich dumm und dämlich an den Sparglimmern. Wissen Sie, was das ist? Gift! Pures Gift!“ Er zog ein Papier aus der Schublade. „Antimon, Arsen, Barium, Blei, Quecksilber, Thorium, Yttrium, Zink-Beryllium-Silikate, Cadmiumbromide, Phosphor- und Vanadiumverbindungen, kurz: Sondermüll. Tonnenweise. Was, meinen Sie, verdient die Schadstoffmafia, wenn sie das sammelt“ – er legte den Finger unters Auge – „und dann in Zentralafrika versehentlich mit dem Zeugs aus den Gelben Säcken verbuddelt!“

Ich schluckte trocken. Mir war heiß. Ich fühlte nach meiner Stirn. „Sie haben doch nicht etwa Kopfweh“, fragte er mich mitfühlend, „oder leiden Sie unter Migräne?“ Ich gab zu, seit früher Kindheit Anfälle von Spannungskopfschmerz zu haben. „Tja, damit ist es nun vorbei. Also nicht mit der Migräne, sondern mit den Leistungen der Krankenversicherungen für Migränepatienten.“ Das wollte ich nicht hinnehmen. Schließlich war längst wissenschaftlich erwiesen, dass Energiesparlampen wegen ihrer Farbtemperatur sogar epileptische Anfälle auszulösen vermochten. „Und hier“, ergänzte er, „setzt die nächste Gesundheitsreform an: wenn Sie, Gott behüte, Epileptiker sind, wird man Ihnen eine Mitschuld anlasten, weil Sie sich ständig dem Energiesparlicht ausgesetzt haben. Ihre Medikamente werden Sie in Zukunft selbst zahlen müssen. Die Preispolitik der Pharmakonzerne werden Sie ja sicher noch in guter Erinnerung haben von ihren Bemühungen, AIDS auszurotten.“

Mir schwanden die Sinne. Abgründe taten sich auf, in denen sich Abgründe auftaten.

Er zog vorsichtig die Schublade auf und reichte mir einen Karton. Darin steckte eine fabrikneue Glühlampe. Klarglas, 40 Watt. Im Innern zitterte ein intakter Wolframfaden. Unglaublich.

„Schrauben Sie die in Ihrem Hausflur ein. Das ist unser Erkennungszeichen. Sie sind doch dabei, wenn wir putschen?“ Er legte mir die Hand auf die Schulter. „Wir werden das nicht hinnehmen! Es ist unsere heilige Pflicht“, flüsterte er, „die Illuminaten zu bekämpfen! Kommen Sie morgen um Mitternacht zur Alten Oper. Kommen Sie allein! Parole: Uri!“ Ich glaubte, ihn missverstanden zu haben. Was hatte Uri Geller damit zu tun? „Nicht der Geller“, wisperte er heiser in mein Ohr, „wir sind der elektrische Widerstand!“