Schöner Shoppen

3 09 2009

Ausgerechnet heute musste mir das passieren, wo sowieso wenig Zeit blieb. Kurbel hin, Passiermühle hin, Kartoffelteig hin – Knockout für die Gnocchi. Die Aussicht, ein ganzes Pfund Kartoffeln mit der Gabel auf dem Teller zu zermusen, hob meine Stimmung nur unwesentlich. Ich erledigte die Arbeit, quetschte mir nur zweimal den Daumen und beschloss dann, eine neue Lotte in die Küchenflotte zu integrieren. Haushaltswaren Birnstiel & Söhne gibt es schon lange nicht mehr, nur noch ein schwacher Abglanz alter Herrlichkeit ist in der Abteilung des City-Kaufhauses zu finden. Ich hin.

Das Heer des elektrischen Küchenschamotts gleich großräumig umsegelnd landete ich an der Küste des Kleingeräts an. Töpfe, Pfannen und Salatschleudern buhlten um Aufmerksamkeit, hie und da ragte ein einsamer Messerblock aus den Niederungen des Schneidwerkzeugs. Menschenleer schien die ganze Abteilung, doch plötzlich lugte eine hoch aufgeschossene, dürre Gestalt zwischen Sauteusen und Kasserollen hervor. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Ihr Blick irritierte mich. Diese Verkäuferin schien mit beiden Augen gleichzeitig an mir vorbei zu schielen. „Ich möchte“, sprach ich zu ihrem linken Auge, „ein Passiergerät.“ Sie wackelte ein wenig mit dem Kopf, so dass ich wohl in ihr Gesichtsfeld gerückt sein musste. „Was ist das denn?“ „Eine Passiermühle“, gab ich mit gereiztem Unterton zurück, „Flotte Lotte, Passevite, Passetout, eine Gemüsemühle. Oben Kurbel, unten Sieb.“ Leer blickte sie um mich herum. Ob ich ein Opfer der Lichtstrahlenbiegung war und sie bereits so um mich herumschielte, dass sie mich gar nicht mehr wahrnahm? Sie griff aufs Geratewohl in die Stellage und zeigte mir einen Schlitzwender.

„Wenn ich mich vorstellen darf, Süßschwager mein Name. Ich bin hier der Personalchef.“ Das kleine Männchen mit der großen Brille schaute freundlich zu mir herauf. „Sie haben sicher schon unser neues Marketing-Konzept bemerkt?“ Welches neue Konzept? „Nun, wir setzen unser Personal nach wissenschaftlichen Kriterien ein. Streng an neuesten psychologischen Erkenntnissen orientiert. Fühlen Sie sich gut beraten?“ „Wenn Ihr Konzept darin besteht“, sagte ich mokant, „dass Ihr Personal vollkommen ahnungslos ist, dann scheint Ihr Plan aufzugehen.“ „Aber nein“, beschwichtigte der Personaler, „das ist es ja gar nicht. Frau Hülzke hilft nur aus, sie ist sonst in der Parfümerieabteilung.“ Aber was war es dann? „Sieht sie nicht wie die ideale Verkäuferin aus?“

Hinter uns räumte eine dickliche Matrone die Regale mit einem Parmesanreiben-Sonderangebot voll. Sie stapfte wie ein Matrose auf schwerer See durch die Gänge und wälzte sich hinter die Kasse. Was hatte das alles zu bedeuten? „Die University of South Australia hat jüngst eine Studie veröffentlicht, der zufolge hübsche Verkäuferinnen den Umsatz gefährden. Also haben wir das Personal entsprechend umstrukturiert.“ „Sie meinen also ernsthaft, dass die attraktiven Damen in Ihrem Küchenkram von den chromblitzenden Pfannen ablenken?“ „Nicht ablenken“, korrigierte mich Süßschwager, „nicht das Sortiment ist der springende Punkt. Es sind die Kundinnen.“ Die Kundinnen? „Jawohl, die Kundinnen. Es ist jetzt wissenschaftlich erwiesen, dass zu schöne Verkäuferinnen, insbesondere solche, die zu gut aussehen, in anderen Frauen das Gefühl der Konkurrenz erwecken. Das ist eine biologische Tatsache! Die Kaufbereitschaft sinkt erheblich, und das ist völlig unabhängig von der Ware, die wir anbieten.“ „Und deshalb haben Sie jetzt die Haushaltswaren nur noch mit Schreckschrauben besetzt?“ „Genau. Wir haben bei den frauenaffinen Sortimenten begonnen. Haushaltswaren, Kosmetik und Damenoberbekleidung. Auch Spielwaren ist gerade bei der Umstellung. An den Kindermoden knobeln wir noch.“

Jetzt fiel mir auch auf, dass Isabella gar nicht mehr hier war. Das schwarzäugige Halbblut mit den schwer bezähmbaren Locken hatte doch den einen oder anderen Lichtblick geboten zwischen Schaumkellen und Schneebesen. „Wir haben alles versucht“, jammerte Süßschwager, „Frau Regazzoni hat sich zum Schluss nur noch von Schmierkäse und Schokolade ernährt, um wenigstens Pickel im Gesicht zu bekommen. Aber es war alles umsonst.“ Sie würden doch diese Schönheit nicht herausgetan haben aus dem Geschäft? Immerhin hatte ich bei ihr regelmäßig Teigschaber, Servierpfännchen und zuletzt einen Keramikwetzstab erworben, von den unzähligen Backpinseln ganz zu schweigen. Sie hatte mein Selbstbewusstsein nicht im Geringsten geschmälert. Keine konnte wie sie einen Pürierstab in Packpapier wickeln. „Natürlich konnten wir keine entlassen. Schauen Sie doch mal ins Untergeschoss. Da finden Sie alle wieder.“

Und wirklich, da waren sie. Die elegante Frau Kinkelskirch mit dem hüftbetonten Gang und Irene Wemser, deren erotisierendes Lispeln zuvor die Spielwarenabteilung verzaubert hatte. Hinter der Kasse aber thronte Isabella und warf einen verführerischen Blick zu mir herüber. So also funktionierte heute Marketing – wissenschaftlich fundierte Verkaufspsychologie war der Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg. Nur damit war der Einzelhandel in diesem Land noch vor dem Untergang zu bewahren. Aber so weit ich auch schaute, kein Passiergerät. Nichts. Allerdings war damit auch nicht zu rechnen gewesen, hier unter den schönen Damen beim Autozubehör.





Frau Schmidt und Herr Blentzke oder Das Glück folgt auf dem Fuße

2 08 2009

Ganz allein, Beziehungswaise –
noch zu haben war die leise,
unaufdringliche Frau Schmidt.
Fand sie sich auch ab damit?
Keinesfalls. Doch war sie schüchtern,
dachte also, kalt und nüchtern:
sollte sich ihr Plan auch lohnen,
kämen wohl Investitionen
für das Schuhwerk in Betracht.
Und so tät Frau Schmidt zur Nacht
in der Oper, auf den Bällen
sich auf hohe Hacken stellen,
erst nur mäßig, doch zu später
Stunde vierzehn Zentimeter.
Dass auch Männer um sie warben,
trug sie sie stets neonfarben,
giftig grün und lackbewehrt –
was Herrn Blentzke gar nicht stört,
da es solche Stiefel waren,
deren Anblick er seit Jahren
innig suchte und nun fand.
Schließlich schlang ein zartes Band
er zu dieser Fußbekleidung,
die zur bessren Unterscheidung
grün wie eine Ampel glühte,
dass das Herz ihm jäh erblühte.
Denn Herr Blentzke mag nicht Schürzen,
Wäsche will den Blick nicht würzen,
Strumpf und Hose, Wolle, Seide,
Gold und Silber und Geschmeide,
nichts, was ihm zur Lust gereicht.
Er ist ganz auf Grün geeicht.
Was Frau Schmidt knieabwärts ziert,
dies hat ihn konditioniert.
Und vor lauter Liebesschmerz
fasste Blentzke sich ein Herz,
wartete drei Wochen schon,
sprach: « Le cœur a des raisons… »
Sie verstand es. Und genau
wurde sie Herrn Blentzkes Frau.
Seit dem Tag, der ihm hienieden
dieses größte Glück beschieden,
schwelgt Frau Blentzke ganz in Muße
und lebt gut auf großem Fuße.
Doch die Stiefel, jene glatten,
grünen, hohen, für den Gatten
trägt sie diese nun ausschließlich,
denn sie zeigten sich ersprießlich,
und sie nimmt es lächelnd hin:
Absatz fördert den Gewinn.





Zauberhaft

28 07 2009

Der leicht hysterische Unterton in Annes Stimme hatte mich alarmiert. Allein wie sie diesen Namen aussprach – Max Hülsenbeck hieß er, der neue Staatsanwalt – weckte unschöne Erinnerungen in mir, die jähe Zerwürfnisse, gelöste Verlöbnisse und einen überstürzten Auszug vor das innere Auge brachten. „Kelmsen findet ihn ja süß“, sagte sie, „aber der ist auch immer sofort verknallt. Frau Platzke meint, er sei ein arrogantes Arschloch. Also Max.“ Ich grübelte noch, wie viele Sekunden es dauern würde, bis sie mich bäte, den Kandidaten in Augenschein zu nehmen. Waidwunden Blickes stimmte ich ihrem Plan zu, sich ganz zufällig in Bücklers Landgasthof zu treffen. Ich würde einen Tisch für drei reservieren – zu viel Zufall soll man ja dem Zufall auch nicht überlassen.

Der protzige Sportwagen mit dem auffälligen MH stand bereits quer über zwei Parkbuchten vor dem Anwesen der Bücklerbrüder. Hansi geleitete mich zu dem Tisch, den Anne nebst Galan gerade besetzten. „Ein Irrtum“, log er, „aber Sie werden einen zauberhaften Abend verbringen.“ Da Anne in ihrem Schwarzsamtenen sich bereits niedergelassen hatte, blieb dem Kerl nichts anderes übrig, als sich mir gegenüber zu platzieren. Kaltes Feuer blitzte aus seinen Augen. Nun gut.

Leise plätscherte Klaviermusik durch die Stube. „Na?“, sah ich Anne an. Es funktionierte, denn sie hält einerseits alles, was sie nicht einordnen kann, für Filmmusik – der gleichförmige Brei, den man im Kino hört, erleichtert das – und kann sich andererseits keine Namen merken. „Lino Ventura“, sprach sie geistesabwesend. „Natürlich“, spuckte der geschniegelte Anzug lässig hervor, „das hört man doch. Ich habe letztens ein Mozart-Konzert von ihm gehört. Live natürlich.“ „Nein, wie gut“, rief ich aus, „Sie sind Musikfreund? Kennen Sie die Einspielung von Beethovens Saxofon-Sonate?“

Die Spiele könnten beginnen.

Unterdessen hatte der Filou bereits begonnen, Speckstückchen aus dem Feldsalat zu picken und den Tellerrand drehsymmetrisch damit zu verzieren. Nicht Annes peinlich berührtes Schweigen ließ mich frohlocken, eher, dass Max es nicht bemerkte. Er war zu vertieft in die speckige Zwangshandlung. Auch die gelbe Löffelerbsensuppe mit Entenfleisch nötigte ihm nur Gemäkel ab. Jedenfalls sei er nicht zum Eintopfessen die ganze Strecke gefahren.

Anne bat hektisch um Entschuldigung und ging, ihre Gesichtsfarbe zu korrigieren. Da beugte sich der Schmierlappen über den Tisch und zischte: „Hör zu, Du Ratte! Die Lady ist mein Revier, klar? Wenn Du nicht ziemlich zügig abschwirrst, wird es Dir Leid tun!“ Ich lächelte mein seligstes Lächeln. Anne nahm wieder Platz; ich hob den Riesling empor. „Ja, dann wollen wir wohl Brüderschaft trinken!“ Seine säuerliche Miene sprach Bände. Die Gläser klangen und er würde mich fortan duzen müssen. Jeder schaufelt sich sein eigenes Grab.

Inzwischen hielt Max Frankfurt noch für die Hauptstadt Hessens, schwor, dass Leberkäse zu viel Leber enthielte, und bescheinigte der Raumfahrt, mit der Teflonpfanne doch eine gute Tat vollbracht zu haben. Es war, alles in allem, Schwadronieren ohne Sinn und Verstand.

Hansi tischte den Bachsaibling auf; der war mit Krabben gestopft und sanft von einer Dillkruste ummantelt, artig thronte ein Reismützchen daneben und ein Löffelchen Blattspinat. „Der Wein hier“, schmatzte Hülsenspeck, „hat Kork.“ Der jüngere Bückler zuckte zusammen, teils wegen des Unsinns und teils wegen der apodiktischen Tonart. „Den Koch, aber zackig!“ Als Mann von Welt hätte man den Sommelier verlangt, doch zu Hülsenfruchts Erstaunen kam tatsächlich Bruno, unmäßig dick wie groß und mit einem grotesken Schnurrbart ausgestattet, der allein schon ein Grund war, den großen Künstler Fürst Bückler zu titulieren. „Der Wein hat Kork?“ Büchsenspeck war das Lauernde entgangen. Unvermittelt schrie Bruno Bückler los. „Kork? Ein 2004-er Wutzbacher Steinschlag, im Stahltank ausgebaut und im PVC-Schlauch mit integriertem Hahn ausgeliefert? Sie Klugscheißer!“ „Tja“, fügte ich trocken an, „wie meist in der Spitzengastronomie. Bruno, wie wär’s mit einem Dessert?“ Ich zwinkerte ihm zu.

Mit zittrigen Fingern löffelte Anne Mädchenröte und musste dabei ganz übersehen haben, wie dem Hülsenknilch die Johannisbeersauce in langen Fäden aus dem Mund lief. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht bemerken. „Ich liebe diese Frucht“, schwelgte ich, „die feine Säure.“ Bruno lugte verstohlen in den Raum. Dass man sich mit der Essigessenz aber auch so verschätzen kann.

Max, der Bruchpilot, nahm zu den Schnäpsen Zuflucht. Was immer ihm Hansi da kredenzt haben musste, es ließ dem Courmacher die Augen aus dem Kopf und den Schweiß auf die Stirn treten. Er zückte die Brieftasche und die Autoschlüssel. Artig dienerte der jüngere Bückler mit der Rechnung. Da wand ich dem Schwankenden die Schlüssel aus den Fingern. „Herr Staatsanwalt“, spottete ich, „wir wollen doch unsere Fahrerlaubnis nicht aufs Spiel setzen.“ Die roten Flecken in Annes Dekolletee machten bereits Anstalten, als geschlossene Fläche den Hals hinaufzusteigen. Ihre Stimme klang wie Stacheldraht. „Rufen Sie dem Herrn ein Taxi.“ Sie rauschte ohne ein Wort des Abschieds hinfort.

Anne stapfte über den Kiesweg, als hätte sie mit dem Geröll noch eine persönliche Rechnung zu begleichen. „Das darf doch alles nicht wahr sein! Bring mich von hier weg, und zwar so schnell wie möglich!“ „Ach“, sagte ich und hielt ihr den Schlag auf, „es war doch ein bezaubernder Abend?“





Kochende Leidenschaft

16 07 2009

So aufgekratzt war Anne nie zuvor gewesen. Mit hochroten Wangen stürmte sie mir entgegen und sprudelte schier über vor Neuigkeiten. Dass sich Kotzke, der Vertreter der Nebenklage, bis auf die Knochen blamiert habe, die Versicherung nun doch die Reparatur der Fußbodenheizung bezahle und ihr Verflossener, Staatsanwalt Doktor Pöppel, endlich heirate, so dass sie seinen Annäherungsversuchen nicht länger würde ausgesetzt sein. „Das ist ein Tag zum Feiern“, krähte sie und hielt mir eine Flasche Champagner entgegen. „Vom Büro. Wollen wir die nicht gleich heute Abend knacken?“ Ich hatte ein nettes kleines Mahl für eine Person eingeplant, mich nämlich, und das Entsprechende vorbereitet. „Das macht nichts“, meinte sie, „das langt auch für zwei. Und wir haben ja noch die Flasche.“

Auf der Fahrt erfuhr ich das Wichtigste. Zwar war es mir nicht klar gewesen, dass ich allein an Annes Glück Schuld war – ich kann mich nicht erinnern, ihren Staatsanwalt kennen gelernt, geschweige ihn mit seiner Zukünftigen verkuppelt zu haben – aber sie sah es so. Offenbar war sie auch davon überzeugt, dass erst ich durch Einstecken ihres Briefes die Sache mit der Versicherung ins Rollen gebracht hätte. Ihre Dankbarkeit kannte keine Grenzen, deshalb lud sie sich kurzerhand zu mir ein. „Wir machen uns einen richtig schönen Abend“, säuselte sie. Gut, ich würde es überleben.

Zu meinem Erstaunen schob sie mich mit sanfter Gewalt aus meiner Küche und drängte mich auf den Relaxer. „Das mache heute ich“, girrte sie, „das hast Du Dir verdient.“ Mein Instinkt warnte mich vor glücklichen Frauen, die mir einen Gefallen tun wollen. Ich hätte auf ihn hören sollen.

Geschirr klapperte, die Kühlschranktür schwang auf. „Wo sind denn die Sachen?“ Ich setzte sie kurz in Kenntnis, dass ich nach dem Sashimi vom Saint Pierre mit Granatapfelkernen und Basilikum eine kleine Schweinepfanne mit Möhren und Shiitake geplant hatte, hernach Crêpes mit karamellisierten Birnen. „Das hört sich gut an“, strahlte sie, „deck schon mal den Tisch.“ Spätestens hier hätte ich mich daran erinnern müssen, dass Anne, die nicht umsonst für eine exzellente Juristin galt, sämtliche Verrichtungen nur nach genauer Anweisung zu erledigen vermag. Beim Plätzchenbacken ist das keine Schande, aber eine Frau, die selbst Briefe nur nach Rezept faltet, ist schon sehr speziell.

Ich schaltete Mozart ein und setzte mich wieder. Der Abend dämmerte gemächlich. Leise sangen die Vögel ihr Lied, bevor sie das Köpfchen unters Gefieder steckten. Zufällig befand sich noch ein Schüsselchen mit Salzmandeln auf dem Stutzflügel. Mehrere Mozart-Symphonien später, ich hatte den Boden der Schale gerade entdeckt, hörte ich leises Fluchen aus der Küche. Ich schlich mich hinein und beobachtete, wie Anne mit einem gewaltigen Messer die Möhren zu schälen versuchte. Das Ergebnis erinnerte an die Anfänge des Kubismus. „Kann ich Dir vielleicht irgendwie helfen?“, fragte ich leichthin. „Neinnein, alles in Ordnung, es kann sich nur noch um einige Minuten handeln.“ Ich setzte einen Topf für den Reis auf die Kochstelle und drückte ihr ein kleines Schälmesser in die Hand. „Damit geht es schneller, falls Du nicht gleich den Pendelschäler…“ Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn. „Ich habe doch gesagt, nur noch ein paar Minuten. Sei nicht so ungeduldig!“

Das Telefon stoppte die Debatte. Minnichkeit, die Spürnase von Trends & Friends. War der hippe Modemensch nicht gerade in Tokio unterwegs? „Wir haben sie“, lallte er in die Muschel, „die Schlitzaugen waren really complicated, aber Mandy hat sie alle unter den Tisch gesoffen!“ Ersichtlich kam er gerade aus der Bar getorkelt und hatte jetzt das Bedürfnis nach einem längeren Fachgespräch. Ich begann, eine Werbekampagne für Dessous aus Seetang zu skizzieren – ein Treatment für ein halbes Dutzend TV-Spots, Plakate, Verpackungen, beim Slogan schwankte ich noch zwischen Das Salz auf Deiner Haut und Für Frauen, die Meer wollen – als ich innehielt. Der stechende Geruch führte mich wie ein Leitstrahl in Herdnähe, wo Anne bereits dazu übergegangen war, das Schweinefilet mit dem Schälmesser in aparte Fetzen zu zerlegen. Auf dem Herd vibrierte eine Pfanne mit fingerdickem schwarzen Innenleben, das vor sehr langer Zeit einmal Zucker gewesen sein muss, neben einem langsam in Rotglut geratenden Topf, der noch keinen Reis, dafür aber auch kein Wasser mehr enthielt. Ich begriff. Anne ist einzigartig, und das ist auch gut so. Gäbe es sechs von ihnen und sie versuchten sich im Synchronschwimmen, sie ertränken alle zugleich. So aber kam nur sie durch die Synchronizität der Ereignisse ins Schwimmen.

Wenigstens hatte sie weder die Birnen geschält noch den Teig zubereitet; jungfräulich lagen die Pilze im Körbchen, keine Hand hatte den Fisch berührt. Wir einigten uns auf die schnelle Variante von Petersfisch an Shiitake mit Möhrenhäcksel und den Champagner zum Dessert. Geknickt ließ Anne das Schälmesserchen sinken. „Das hatte ich mir auch alles ganz anders vorgestellt. Was wird denn jetzt?“ „Du könntest“, antwortete ich, während ich die Birnen rasierte, „beispielsweise schon mal den Tisch decken.“ „Das ist doch nicht zu fassen!“ Zornig stemmte Anne die Hände in die Hüften. „Ich mühe mich hier ab, und was machst Du in der Zwischenzeit? Immer muss man auf Dich warten!“





Um jeden Preis

25 06 2009

„Meine Güte! Immer regst Du Dich gleich so auf!“ Hildegard fuhr mich an und fast einem parkenden Wagen in die Seite. Dabei hatte gar nichts gesagt, als sie verkündete, dem neuen Einkaufszentrum einen Besuch abzustatten. Sie muss mein langes Schweigen – ich hatte gut eine halbe Sekunde Zeit gehabt, ihr zuzustimmen – als passive Aggression aufgefasst haben. „Außerdem brauchen wir noch ein paar Sachen, am Wochenende kommen wir wieder zu nichts.“ Meine vorsichtige Andeutung, es sei Montag und kurz nach halb zehn, überging sie.

Gegen Mittag fanden wir einen Parkplatz. Der Sprit würde, so überschlug ich im Kopf, gerade noch bis zur nächsten Tankstelle reichen. Ein gutes Omen. Wir passierten die Eingangstore und fanden uns in einem wirren Getümmel. Das erforderte eine sofortige Strategiediskussion. „Wir brauchen zwei Wagen“, befahl Hildegard, „sonst schnappen sie uns alles weg.“ So bewegte ich zwei Drahtkörbe durch das Chaos, schiebend wie ziehend.

Hildegard blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Augen ruhten auf dem Schild über dem Kühlregal. „Fruchtquark“, stammelte sie, „und nur 49 Cent!“ Ich machte sie zaghaft darauf aufmerksam, dass sie weder Frucht- noch Kräuter- noch sonstigen Quark zu essen pflegte, doch sie hörte nicht. „30 Cent pro Packung! Weißt Du, wie viel wir hier sparen?“ Sie stemmte Quarkschälchen, bis der erste Wagen leise knackte. Mit Mühe konnte ich das schwere Gefährt in Bewegung setzen. „Da! Kiwis!“ Dass die Strahlengriffelfrüchte bereits überreif bis matschig waren, musste ihr entgangen sein, doch rief ich Hildegard in Erinnerung, dass ich auf die grünen Beeren allergisch reagiere. Eine Scheibe genügt, mir den Hals zuschwellen zu lassen. Ob sie mich überhaupt verstand? Schon war sie in die Bananen eingefallen und wuchtete eine Staude empor. „Was wir da sparen!“ Da knickte ihr Absatz – oder war sie auf einer der Schalen ausgerutscht, die den Boden bedeckten? – und sie landete mitsamt der bräunlich-gelben Schläuche im kippelnden Korb. „Und Birnen! Und Äpfel! Und noch Birnen!“ Es gab keinen Zweifel, Hildegard hatte den Verstand verloren. Ein akuter Anfall von Kaufrausch hatte sich ihrer bemächtigt.

Zwei Schichten Nüsse – Haselnüsse, Walnüsse, Erdnüsse, Paranüsse, Kokosnüsse, Pekannüsse, Cashewnüsse sowie Nüsse – später ging Hildegard dazu über, Teebeutel in den Trolley zu schaufeln. Ich trinke keinen Beuteltee. Nicht einmal der Hibiskus-Brennnessel-Mischung mit der feurigen Blutorange auf dem Päckchen konnte ich etwas abgewinnen. Sie auch nicht. Aber bei 89 Cent pro Schachtel sind Kompromisse unausweichlich.

Wahrscheinlich würde sie vom Ersparten ein Lustschloss in Südfrankreich erwerben. Oder gleich einen Hotelkomplex in Dubai. Man soll nicht kleinlich sein in solchen Angelegenheiten.

Lautstarkes Keifen riss mich aus der süßen Träumerei. Eine feiste Endvierzigerin, deren Antlitz krebsrot und verschwollen aussah, hieb Hildegard rhythmisch eine Putenoberkeule in den Rücken, während sie mit den Hackenschuhen verzweifelt Halt suchte in der Kühltruhe voller Geflügelfleisch. „Das ist meine Entenbrust“, schrie sie, „ich habe sie zuerst gesehen!“ Entsetzt sah ich, wie sie mit dem Truthuhnbollen zum finalen Hieb ausholen wollte, da hatte Hildegard eine Gans zu fassen bekommen. In letzter Sekunde schleuderte sie den steinhart gefrorenen Vogel der Kontrahentin ins Gesicht, dass diese ins Hühnerklein grätschte. Chicken-Nuggets flogen in alle Himmelsrichtungen. Ein Suppenhuhn für 1,99 begrub ihre Überreste zwischen Putenbrust Handelsklasse A und Hähnchengebein in Pappe. Hildegard erhob sich. Genugtuung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich habe die Grillspaß-Hähnchenschenkel gerettet“, rief sie triumphierend, „die letzten Packungen! Das Kilo zu 3,69!“ Während sie die Monatsproduktion einer mittleren Geflügelzuchtfarm in den Karren verfrachtete, fielen mir die Damenhygieneartikel auf, die aus dem Gitterboden in die Freiheit drängten. Hildegard hatte nie Binden benutzt, nicht einmal mit Kamille und Pfefferminz. Das war nicht unser Wagen. „Weiß ich ja“, keuchte sie und stapelte panierte Vogelbeine, „aber da ist die Mehrfruchtkonfitüre drin, die vorhin schon vergriffen war.“ Ich war gerührt. Sie würde ab jetzt jeden Morgen mit mir frühstücken. Auch wenn sich nach elf Jahren Mehrfrucht auf dem Brötchen möglicherweise eine gewisse Monotonie einstellen würde.

Was folgte, waren verhältnismäßig geringe Mengen an Raps-, Oliven-, Maschinen- und Sesam- und Diesel- und Schmier- und Sonnenblumenöl, Vollkornbrot und Schwarzbrot und Weißbrot und Graubrot, Schmierkäse, Schnittkäse, Schimmelkäse und Fleischkäse, Schnittlauch, Lauchzwiebeln, Zwiebelmett, Mettwurst, Wurstsalat, Salatköpfe, Kopfwehpulver, Pulverseife, Seifenkraut, Krautwickel, Wickelkinder, Kinderwagen, Wagenheber und einige Dinge, die nicht mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen waren wie der Industriestaubsauger und die Tischtennisplatte.

Der Bezahlvorgang wurde jäh unterbrochen, als die Kassiererin, unermüdlich die Waren über den Scanner schleifend, mit einem Schmerzensschrei zusammensackte. Der Arzt diagnostizierte einen ausgekugelten Arm. Ich zückte die Kreditkarte und stutzte. Doch Hildegard griff ein. Das Auto, meinte sie, würden wir nie wieder so günstig los wie jetzt.

Erschöpft saßen wir auf dem Parkplatz. In den Strahlen der sinkenden Sonne sahen wir ein letztes Mal das gleißende Metallic der Karosse, die die Lageristen in die Halle des Kauftempels schoben, wo sie sicherlich ein Sonderangebotsschild tragen würde. Ich spürte meine Beine kaum noch. Es wurde auch langsam empfindlich kalt. Doch ich fühlte mich geborgen und blickte in eine rosige Zukunft, Seite an Seite mit Hildegard. Sie würde immer Mehrfruchtkonfitüre für mich haben.





Männersache

9 06 2009

„Jetzt komm schon. Stell Dich nicht an wie ein Mädchen. Außerdem hast Du es versprochen.“ Was nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach. Richtig ist, dass ich weder ein Mädchen bin noch jemals eins war. Richtig ist aber auch, dass ich Anne niemals versprochen hatte, sie beim Einkaufen zu begleiten. Mit der Rührschüssel in der Hand hatte sie mich gefragt, ob ich ihr helfen könnte – kaum hatte ich bejaht, da hatte sie auch schon Schüssel, Schürze und den ganzen Rest in der Küche verstaut, mich ins Auto getragen und mir mitgeteilt, dass sie einzukaufen gedenke.

Was auf den bunten Bannern stand, die über die Straßen gespannt waren, hatte ich im Fahren nicht entziffern können. Hier auf dem Parkplatz war alles normal, beim Betreten der Fußgängerzone jedoch las ich es auf einer der Standarten: Viel Spaß am Männertag! Was war das wieder für ein Unsinn? Reicht es nicht, wenn man an Himmelfahrt kein Bier mehr an der Tankstelle bekommt, weil die Jugendlichen unvermittelt ihre väterliche Seite entdecken? „Wieder so ein Schnickschnack vom Einzelhandel“, teilte mir Anne mit, „einmal im Quartal soll die Innenstadt männergerecht gestaltet werden, damit Ihr auch mal schön shoppen könnt.“

Ich war gewarnt. Doch ich hatte nicht erwartet, dass mich im Eingangsbereich des Kaufhauses pure Verzweiflung übermannen würde. Lauter schlecht rasierte Kerle in fleckigen, karierten Flanellhemden standen da. Anne hielt an einem Kleiderständer und streckte mir ein Jackett hin. „Probier mal, es sieht sehr bequem aus.“ Es musste mein Glückstag sein, erst wurde ich gekidnappt, dann durfte ich auch noch in eine blau karierte Jacke steigen, die bei mit ästhetischem Feingefühl ausgestatteten Betrachtern sofort zu schweren Magenschmerzen geführt hätte.

Das Ding passte natürlich vorne und hinten nicht. So sehr ich auch krempelte, ich sah meine Fingerspitzen nicht. „Das ist so geschnitten“, informierte mich der Verkäufer.“ „Besten Dank“, gab ich zurück, „ich hatte schon befürchtet, Ihr Blindenhund hätte mir die Arme abgebissen.“ Drei Stücke später wurde er vertraulich. „So eine hatte ich nämlich auch mal. Lange her. Damals beim Panzergrenadierbataillon.“ Ich hielt es für passend, ihn auf meinen Antimilitarismus hinzuweisen, um weiteren Kasernengeschichten vorzubeugen. „Ganz ruhig! Da hinten ist unsere Grillzone, da können Sie sich entspannt eine Wurst zubereiten.“ Ich wollte keine Wurst, ich wollte raus aus diesem Irrenhaus. Offenbar hatte der Einzelhandelsverband sich die Sache von der Frauenbeauftragten einreden lassen.

Anne bugsierte mich sanft eine Etage höher ins Restaurant. Lauter Männer saßen an den Tischen und rührten ihre Gläser nicht an. Glasige Blicke hefteten sie auf den Ferrari, der auf der Drehscheibe in der Mitte des Geschosses um seine eigene Achse kreiste. „Eine PS-Peepshow“, stöhnte ich, „bring mich so schnell wie möglich hier weg.“ Doch da war auch schon die Bedienung am Tisch. Sie trug neben dem Tablett lediglich ein kurzes Höschen und ein drei Nummern zu enges Leibchen. „Hi Süßer“, lispelte sie und beugte sich so weit vor, dass ihre Oberweite mir fast ins Gesicht klappte, „was darf’s denn sein für Dich?“ Ich schob sie von mir weg und orderte einen Espresso. Korrekt und etwas gestelzt erkundigte sie sich nach Annes Wünschen. Dann warf sie mir noch einen lüsternen Blick zu, wackelte aufreizend mit dem Hintern und entschwand hüftschwingend an den Tresen.

„Was hat das alles hier zu bedeuten?“ Ich war nachhaltig verstört. Doch nur einen Moment später trat ein dunkelhäutiger Mann an unseren Tisch. Die abgefeimte Strategie von Rosenverkäufern macht einen Mann machtlos – hat er sein Opfer entdeckt, zückt er einen riesigen Strauß angewelkter Blumen, damit der Delinquent zwischen zwei Todesarten auswählen kann. Entweder er kauft einen der im Zustand fortgeschrittener Verwesung befindlichen Blütenstiele und hat zwölf Stunden später Ärger, weil die Dame weder an Pflanzenphysiologie noch am Verursacherprinzip Interesse hat, oder er kauft eben keine Rose. Das hat den Vorteil, dass er den Stress ad hoc bekommt und damit hinter sich hat.

Der Mann zog ein Köfferchen hinter dem Rücken hervor und lächelte Anne an. „Wolle Akkuschrauber kaufe?“ Offensichtlich hatte die Frauenbeauftragte außer Gender Mainstreaming noch ganz andere Drogen geschmissen.

Der Verkäufer an der Käsetheke hatte mir schließlich noch ein problemorientiertes Gespräch über vorzeitigen Haarausfall aufzudrängen versucht und tastete sich nach einigen Volten zu Penisgröße und erektiler Dysfunktion in Richtung Schnarchen, als ich die Beherrschung verlor. „Das hast Du doch alles gewusst“, zischte ich Anne an und schmiss den Käse in den Einkaufswagen, „Du hast mich ins offene Messer laufen lassen. Warum schleppst Du mich in diesen Mist, wenn Du genau weißt, dass ich derlei Schwachsinn hasse wie die Pest?“ Kleinlaut gestand sie, von der Aktion aus der Zeitung erfahren zu haben. Sie wollte mir eine Freude machen. Ich tobte. „Und deshalb muss ich mir von dieser Hooters-Tusse mit den Titten vor dem Gesicht herumwedeln lassen, weil einige Primaten denken, die Kunden seien genauso einfach strukturiert wie sie selbst?“

„Darf ich Sie nach Ihrer Zufriedenheit als Kunde befragen?“ Die Hostess zückte einen Kugelschreiber und wollte schon das erste Kreuzchen auf dem Fragebogen setzen, da riss ich ihr das Klemmbrett aus der Hand und schleuderte es zu Boden. „Das ist der größte Unfug, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe!“ Sie sah mich vollkommen ratlos an. „Das bezeichnen Sie als geschlechtersensible Herangehensweise? Wo ist hier der soziopolitische Aspekt? Machen Sie sich etwa einen Spaß daraus, mich mit ihrem Trallala zu diskriminieren? Unterhalts- und Sorgerechtsfragen interessieren Sie wohl gar nicht? Haben Sie mich gerade gefragt, ob ich eine Beziehungskrise erlebe? Ich kann mich nicht erinnern!“

Anne schnallte sich an und weigerte sich, auf der Fahrt auch nur ein Wort mit mir zu wechseln. Sie schmollte. Nur, weil mir die Interviewerin ihre Telefonnummer zugesteckt hatte. Was verständlich war. Schließlich begegnet man heutzutage nur höchst selten einem richtigen Mann.





Der Blutfleck auf der Wendeltreppe

27 05 2009

Das nackte Grauen stand ihr auf dem Gesicht. Anne zitterte am ganzen Leib. Ich war so schnell, wie es nur möglich war, zu ihr geeilt und fand sie ratlos auf den Koffern sitzen. Drei Wochen war sie in der Toskana gewesen, aber die Erholung war schon jetzt dahin. Ein Bild des Jammers. Ich erschrak.

„Da! Guck genau hin! Auf der Treppe!“ Die Wendeltreppe, auf die Anne mit dem Finger zeigte, verband das Erd- mit dem Obergeschoss, wo sich Schlafzimmer, Balkon und diverse Räume voller Schuhschränke befanden – ich und vor allem meine Bandscheiben kannten dies Obergeschoss nur zu gut, hatte ich doch selbst kistenweise Pumps, Sandaletten, Stiefel, Sneaker, Tanz-, Lauf- und Badeschuhe aus aller Herren Länder, Material, Form, Farbe, Schnitt und Absatzhöhe diese Stufen hinauf getragen, von den Teilen ihrer Schlafstatt zu schweigen. Mutig schritt ich wieder auf die Treppe zu, doch blieb ich kurz zuvor an der Kante hängen, an der Kante der kleinen Perserbrücke nämlich, die ich oft schon mit der Schuhspitze touchiert hatte, so dass Anne mit höhnischen Bemerkungen wie „Gib Dir ruhig die Kante“ oder „Bleib doch auf dem Teppich“ meinen Zorn angestachelt hatte. Immerhin sorgte der Perser dafür, dass sie zum Jahresabschluss wieder auf dem Heiratsmarkt war; ihrem Lebensabschnittsbegleiter, dem Staatsanwalt Doktor Pöppel, der über den Flusenfänger gestrauchelt war und sich am Geländer besagter Wendeltreppe böse die Nase aufgeschlagen hatte, empfahl sie, kichernd nach zu viel Sekt, Nachhilfe zu nehmen, wie man am Silvesterabend ein Eisbärenfell überhüpft. Seitdem ist Ruhe, was den Bodenfeudel angeht.

Es war Blut. Ihr geübtes Auge hatte es eindeutig identifiziert, so dass meine Widerrede zwecklos blieb. Wer sollte sich auch in ihrer Abwesenheit Zutritt verschaffen, um den Teppichbesatz auf der untersten Treppenstufe mit mysteriösen Flecken zu markieren? Noch dazu, wo doch nur die unterste Stufe einen Fleck aufwies? Was war hier komplett ausgeblutet? Eine Zwergspitzmaus? „Sei nicht kindisch“, wies ich Anne zurecht, „dafür muss es eine logische Erklärung geben.“ „Dann schieß mal los, Sherlock Holmes!“ Anne verschränkte die Arme vor der Brust und nahm wieder auf den Koffern Platz. „Hier ist ein Verbrechen geschehen, ich weiß es!“ Man soll mit einer Juristin nicht streiten, wenn sie eine Kausalkette aufwickelt – vor allem nicht mit einer, die in einem verbrannten Brötchen sogleich fünf Minuten Abwesenheit des Bäckers wittert, in denen sich Mord und Totschlag begehen lassen. Ich seufzte ergeben.

„Gehen wir logisch vor“, begann ich, „wer war in den vergangenen Wochen hier?“ „Du hast einmal die Blumen gegossen – keine Widerrede, sie sind völlig verwelkt! Mehr als einmal war das nicht!“ Ob mich die Abwesenheit verdächtig machte? Sie überging es. „Ja, und natürlich Tamara.“ Wer war Tamara? „Das ist doch die Putzfrau, diese… also es ist die eingeheiratete Schwester… vielmehr die Schwippcousine… also jedenfalls hat sie mir der Hausmeister empfohlen.“ Mir war neu, dass sie eine Raumpflegerin beschäftigte. „Frau Tamara Asgatowna“, bestätigte Anne, „sie verdient sich etwas dazu. Sag jetzt nicht, dass Du etwas gegen eine Russin hast!“ Scharf sah sie mich an. Dabei hatte ich gar nichts gegen Tamara. Ich kannte sie ja nicht einmal. „Das wird ja immer schöner“, keifte Anne, „Du kennst Sie nicht, aber Du hast etwas gegen sie!“ „Wenden wir uns lieber dem Fleck zu“, beschwichtigte ich, „das ist doch kein Blut.“ Der braune Farbton ließ manche Interpretationen zu. Sicher hatte jemand Nägel auf dem Teppichabsatz liegen lassen und es hatte durch die Decke geregnet.

Tamara würde noch heute Abend zurückkehren. Es bestand Gefahr im Verzuge. Fluchend schleppte ich den Paravent aus Annes Schlafzimmer – auch wenn das Fenster unmittelbar auf eine Mauer ging, es hätte sich ja ein Einbrecher am Efeu hochziehen und ihre Walkürenfigur bei der Morgentoilette in Augenschein nehmen können – und baute ihn vor der Wand auf, wo wir uns unsichtbar machten.

Mucksmäuschenstill war es, bis Tamara kam. Zuerst hörte man sie, wie sie kreuzfalsch ein Lied pfiff, dann stapfte sie breitbeinig ins Wohnzimmer und verteilte ihre Utensilien auf dem Tisch: einen verdächtig braungrauen Staubwedel, ein Putztuch, Allzweckreiniger, ein Rettich und eine Flasche. „Lass mal sehen!“ Anne drängte mich vom Spalt weg und betrachtete, wie die Raumkosmetikerin die Scheiben kreuz und quer abpuschelte und hernach feucht nachwischte. „Wenn sie nur nicht meinen Schmuck raubt!“ Doch Tamara dachte gar nicht daran. Träge summte sie ihr Liedchen weiter, ab und zu unterbrochen von einem herzhaften Biss in den Rettich. Uns tränten schon die Augen.

Eben hatte sie noch hingebungsvoll die Bilder an den Wänden abgestaubt – der Bauer Serjoscha hatte in ihrem Lied inzwischen dem Gutsverwalter kräftig in den Hintern getreten – da nahm sie die Flasche vom Tisch, hieb den Kronkorken mit den Zähnen ab und wollte gerade einen tiefen Zug nehmen, als sie an der Teppichkante hängen blieb. Der Inhalt spritzte quer durch den Raum. „Ёлки-палки“, fluchte Tamara, „Чёрт побери! Опять не повезло!“ Wie besessen tupfte sie auf der Treppenstufe herum.

Anne roch und roch. „Tomatensaft?“ Ich kam gar nicht erst zu Wort. „Wer wollte mir einreden, hier sei ein Schwerverbrechen passiert? Du und Deine ausschweifende Fantasie!“ Sie war gar nicht zu bremsen. „Dafür wirst Du bluten!“ Grimmig sah sie mich an. Ich fletschte die Zähne. „кайфово!“