Märchenstunde

22 09 2009

„Wenn Ihr alle brav seid, dann lese ich Euch das versprochene Märchen vor. Aber dass mir keiner mehr so ungezogen wird wie beim letzten Mal, hört Ihr? Da setzt Euch her, dann fange ich an. – Es war einmal vor einem großen Wald, da wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Die hatten gar nichts mehr zu essen, und als eines Tages… nein, Guido, Du kannst denen nicht die Regelsätze kürzen, damit sie wieder Arbeit bekommen, das geht nicht im Märchen. Nein! Und ich will auch nie wieder ‚Sozialschmarotzer‘ von Dir hören, hast Du mich verstanden? Sonst höre ich sofort auf, Euch vorzulesen! Basta!

Also die beiden waren so arm, dass sie nichts mehr zu essen hatten, denn es gab kein Holz mehr im Wald. Da beschlossen sie… Angie, wie soll das denn funktionieren? Abwrackprämie für Bäume? Hör mal, bis so ein Baum wieder nachgewachsen ist, das… hör mal, Angie, Du lässt mich jetzt bitte das Märchen weiterlesen. Wenn Du groß bist, kannst Du Dir selbst welche ausdenken, ja? Gut. Sie waren also so arm, dass sie die Kinder im Wald… Uschi, es gab damals keine Jugendämter. Nein. Auch keinen Kinderschutzbund. Ja, ich weiß, aber… hör mal, ich will doch nur… Guido, jetzt hör endlich auf, Uschi an den Zöpfen zu ziehen! Guido! Was ist das für ein Unsinn! Den Eltern das Arbeitslosengeld streichen als Erwerbsanreiz, damit sie den Brotkonsum fördern… Guido! Jetzt lass das nach, sonst setze ich Dich gleich hinaus!

Da wollten sie die Kinder im Wald aussetzen. Und als der neue Tag anbrach, da… Uschi, ich sag’s Dir doch, es gibt keine Jugendämter im Märchen. Die beiden Leute hatten eben kein Geld für… nein, davon gibt’s keine Bilder im Internet, Du brauchst nicht wieder mit den Stoppschildern anzufangen. Das hier ist ein Märchen, da geht’s vernünftig zu. Nix mit Stoppschildern. Ja. Also, sie brachten die Kinder in den Wald und… Angie, jetzt hör doch mal mit dem Kombilohn auf. Selbstständig machen als freiberufliche Holzhacker? Guido, es gibt kein Holz im Wald, also nützt denen auch kein… Nein, Guido, und wenn Du ihnen das Haus wegpfändest, wächst da immer noch nichts! Herrschaftszeiten! Also die Kinder in den Wald gebracht, und die beiden haben… nein, Angie, kein Mindestlohn und auch keine Teilverstaatlichung der Bäume, das ist doch alles Blödsinn!

Und wie die Kinder da so gehen, da werfen sie alle paar Schritte einen Kieselstein hinter sich, dass sie den Weg im Wald… ja, Claudia? Die untere Landschaftsschutzbehörde? Nein, ich glaube nicht, dass das Ausbringen von Feinkies in Mischwäldern nach § 324a StGB strafbar ist. Meinetwegen kann man das ja ins neue Umweltgesetzbuch schreiben, da hast Du ja Recht, aber… Claudia, hör mal, dies hier ist ein Märchen und… ja, kann ja alles gut möglich sein, dass das Umweltgesetzbuch auch… jetzt hör mal zu, ich erzähle das mal zu Ende, und dann kannst Du gerne… also da haben sie dann die Kieselsteine auf den Boden gestreut, und dann wurde es Nacht und sie… natürlich war das nach Einbruch der Dunkelheit, Uschi, das ist nun mal nachts meistens der Fall. Wohin? Erziehungsheim? Weil sie sich nach Einbruch der Dunkelheit noch… also Uschi, jetzt wird’s aber langsam albern, das ist doch … also langsam habe ich keine Lust mehr!

Da kamen die beiden Kinder an ein Haus, das war ganz aus Brot gebaut und mit Kuchen gedeckt, da haben sie… Angie, natürlich ist das gegen die Bundesbauvorschriften, aber ich kann mich nicht erinnern, dass hier die Bauaufsicht… nein, Uschi, das kann man kaum als ‚Kinderfalle‘ bezeichnen, deshalb ist Dein Stoppschild hier auch völlig… ja, meinetwegen, aber wenn Du es nicht abreißen willst, dann ist doch auch Dein Stoppschild hier… hört mir hier überhaupt noch jemand zu? Die Kinder knabberten also an dem Haus, und da… Claudia, jetzt lass doch mal gut sein. Ja, Claudia, natürlich muss man immer darauf achten, ob im Brot auch Konservierungsstoffe sind, aber deshalb… ja… gut, waren also keine drin… sie knabbern an dem Haus, und da kommt plötzlich die Hexe… Wolfgang, das ist keine Terroristin. Nein. Auch wenn sie nachts mit einem Besen über den Wald fliegt, dann darf man sie nicht einfach so… nein, Wolfgang, das ist auch keine terroristische Vereinigung. Hänsel und Gretel werden nicht von der Hexe angeworben, deshalb darfst Du auch nicht… Telefonleitungen anzapfen? Wolfgang, in dem Land gibt’s kein Telefon… jaja, Du weißt alles besser, war klar. Ja, beschwer Dich ruhig über mich. Machst Du doch sowieso jeden Tag.

Die Hexe hat nun den Hänsel eingesperrt, um… Wolfgang, was willst Du denn nun schon wieder? Guantanamo? Gretel muss auch eingesperrt werden, weil sie vorher Kontakt zu ihrem Bruder hatte? Bei Dir piept’s wohl! Lernt Ihr so einen Stuss in der Schule? Meine Herren, jetzt langt es aber langsam!

Dann hat die Hexe also den Hänsel in den Käfig eingesperrt und ihm lauter gute Sachen… Guido, was denn jetzt wieder? die Verpflegungskosten auf die Hartz-IV-Bezüge der Eltern anrechnen? Hörst Du jetzt wohl auf, Uschi an den Zöpfen zu ziehen! Nein, das ist keine Verwahrlosung, Du kannst der Hexe nicht das Sorgerecht entziehen, weil sie die Kinder falsch ernährt… Uschi, Du sollst den Guido nicht treten! Jetzt hab ich aber langsam die Faxen dicke hier! Dass Ihr Euch auch nicht ein einziges Mal ordentlich benehmen könnt!

Zur Strafe lese ich Euch jetzt etwas ganz anderes vor. Wolfgang, unterbrich mich nicht immer! – Artikel 1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen…“





In der grünen Hölle

16 03 2009

„Ganz vorsichtig“, mahnte Professor Wedekind, „der Extrakt ist unbezahlbar. Elf Jahre Forschung stecken darin.“ Ehrfürchtig stellte ich das Fläschchen auf den Tisch. Ich war ein lausiger Chemie-Schüler gewesen, hatte im Unterricht meist die Lateinübersetzung der vorangegangenen Stunde erledigt und wusste gerade mal, dass man kein Wasser in Säuren gießen soll. Doch dieser Wissenschaftler von Weltruf machte mich neugierig auf seine Entdeckungen.

„Die Chemie steht vor einer Revolution, junger Freund. Mit meiner Kondensationsmethode werden wir Aromastoffe herstellen, die keines Menschen Nase je gerochen, keine Zunge je geschmeckt hat.“ Er hielt einen Flakon in die Höhe. „Kirscharoma – Sie kennen es aus jedem beliebigen Fruchtjoghurt. Doch mein Verfahren vermag Unglaubliches.“ Er tunkte eine Nadelspitze hinein, die er in ein großes Wasserbecken hielt. Einen Teelöffel schöpfte er nun in ein Trinkglas und füllte es mit Sprudel auf. Ich kostete. „Kirschlimonade! Ein Viertelliter, und die Weltmeere schmecken für ein Jahr wie Kirschsaft.“

Nun war ich gespannt, was der Professor an Düften auf Lager hatte. „Passen Sie mal auf.“ Und er sprühte eine blassgelbe Flüssigkeit auf ein Pappkärtchen, das er mir unter die Nase hielt. Es duftete intensiv nach wilden Rosen. Rasch verging das Parfüm – doch nein, es wurde zu Flieder und dann zu Waldmeister, changierte zwischen Koriander, frisch gemähtem Gras und Akazie, bevor es über sonnenwarmes Holz in Erdbeeren überging und schließlich als Anis sich verflüchtigte. Ich war beeindruckt. Wedekind schmunzelte. „Rindsbraten und Rotwein hätte ich auch im Angebot. Aber das sparen wir uns wohl besser fürs Duftfernsehen auf.“

Ganz beiläufig zog ich den Stopfen aus einem Glasballon und roch daran. Meine Augen begannen zu tränen. Professor Wedekind sah es und zog mich an den Schultern fort. „Um Himmels Willen! Sie dürfen doch nicht einfach die Dämpfe einatmen!“ Das Beißen ließ nach, aber ich sah verschwommen. Sein Gesicht schien grün anzulaufen. „Ich hoffe, dass Sie keine Beeinträchtigungen haben.“ Er leuchtete mir in die Pupillen. „Etwas getrübt. Grün, sagen Sie? Ich rate Ihnen, schnell nach Hause zu gehen. Morgen dürfte es sich bessern.“

Noch immer waren meine Linsen getrübt. Teils waren die Farben wieder normal, doch manchmal tanzten grüne Punkte vor mir. Der Springbrunnen vor dem Institut spie grünes Wasser, die grünen Hunde verschwanden im Rasen, die Blutbuche leuchtete grünlich in den Sommerhimmel.

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Das Marsmännchen in der blauen Uniform sah mich mitleidig an. Ich machte ihm eine schwere Magenverstimmung weis. Er klopfte mir auf die Schulter. „Ruhen Sie sich mal aus. Gute Besserung! Sie sehen ja ganz grün im Gesicht aus.“ Sofort trat ich vor das nächste Schaufenster. Pistazienfarbene Schuhe und Handtaschen aus Farn lagen auf Dschungelkissen. War das die neue Mode? Ich wandte mich um, ging auf die Ampel zu, die grün aufleuchtete, und überquerte die Straße. Reifen quietschten, der Transporter brach aus und prallte gegen einen Laternenmast. Die Plane platzte. Grüne Orangen flogen heraus. Sie bedeckten den smaragdfarbenen Rotkohl vor dem Gemüseladen.

Ich rannte um mein Leben. Versteckte mich hinter einem grünen Briefkasten und ging bei einer grünen Telefonzelle in Deckung, hinter der grünen Stromreklame und der Litfaßsäule mit der grünen Schokoladenkuh. Flüchtig streifte mein Blick die giftig grünen Wahlplakate. Mehr Sicherheit – Kinder und Jugendliche wegsperren! las ich, und: Für soziale Gerechtigkeit – Deutsche Arbeitslosigkeit den Deutschen! Da war mir klar, ich war in der grünen Hölle.

Endlich hatte ich den Stadtpark erreicht. Hier im Grünen würde mich keiner entdecken. Ich ließ mich auf einer apfelgrünen Bank beim jadefarbigen Teich nieder und verschnaufte.

„Sie haben nicht zufällig ein Stückchen Brot dabei?“ Wer sprach da? Neben der Bank watschelte eine grüne Ente vorbei. „Sie riechen ein bisschen auffällig nach polyzyklischen Kohlenwasserstoffen. Genau wie die Joghurtbecher, die die Spaziergänger immer neben die Papierkörbe werfen.“ Verwundert fragte ich den Vogel, was er davon wisse. „Einiges. Wir sind schließlich mit Ihren Hinterlassenschaften konfrontiert. Man bildet sich weiter.“ Jetzt erst fiel mir auf, dass mich die Ente verstand. Doch ich hatte mich gründlich geirrt. „Nicht ich habe Ihre Sprache gelernt, Sie verstehen meine. Nun gut, erzählen Sie.“ Und der Erpel – ich hatte ihn inzwischen als Stockentenmännchen erkannt – flatterte auf die Bank.

Die ganze Geschichte erzählte ich ihm. Von Professor Wedekinds Veilchenextrakt bis zu den mysteriösen Dämpfen. Der Erpel wiegte sein Köpfchen und sinnierte. Er schnatterte schließlich: „Ich will es Ihnen verraten. Wenn Sie demnächst mit Brot wiederkommen.“ Einen Korb Weißbrot versprach ich ihm. Vergnügt quietschte er. Wie ein Gummientchen. „Sehen Sie den Ahorn da hinten? Pflücken Sie ein paar Blätter. Sie müssen sich die Augen damit ausreiben.“ Aufmunternd nickte er mir zu. Ob ich es nicht lieber zu Hause versuchen sollte? Andererseits würde ich bereits beim Betreten meiner Wohnung einen Picasso aus der grünen Periode sehen. Das konnte ich nicht riskieren.

Es erwies sich als schwierig, die untersten Blätter zu pflücken. Doch schließlich gelang es mir. Schnell rieb ich mir die Augen aus. Einen Moment lang sah ich gar nichts mehr, dann fiel es wie ein Schleier vor mir ab. Hinter den blassbraunen Matten des Parks erhob sich in frischem, frühlingshaftem Grau das Verwaltungsgebäude des Margarinekonzerns. Pinkfarbene Mütter schoben grellgelbe Kinderwagen über schmutzige Kieswege, auf denen grellrote Dosen lagen. Ich blickte zum graublauen Wasser. Der Stockenterich war wieder ans Ufer gewatschelt und drehte sich zu mir um, als er mich sah. „Rräpp“, sagte er, und noch einmal: „Rrrräpp!“

Voller Sorge rief mich Professor Wedekind am nächsten Tag an. Ich beruhigte ihn. „Alles halb so schlimm. Die Beschwerden sind abgeklungen. Alles wieder in Ordnung.“ Er war sichtlich erleichtert. „Was da alles hätte passieren können! Man weiß ja nie, was in so einer Tinktur alles steckt. Geht es Ihnen wirklich gut?“

Ich besänftigte ihn. Es habe so gut wie keine Nebenwirkungen gegeben.





Das Märe von Kunibert, dem irrenden Reiter oder Vor reitenden Irren wird gewarnt

8 02 2009

Kunibert, der edle Reiter,
Witwen-, Waisen-, Treuestreiter,
und zum Überfluss noch blond,
flog zwar in den Burghof runter,
aber stand schon gleich ganz munter
auf vom Stroh. Gelernt, gekonnt!

Seine süße Orgeluse,
diese dumme Tränensuse
warf ihn glatt zum Fenster raus.
„Legt die Rüstung an, Ihr Mannen!
Schleppt nun diesen Drachen ran, denn
dieser frisst mir Mann und Maus!“

Seine beiden Rappenknappen
schleppten Helm und Schwert und Wappen,
stiefelten den Herrn samt Sporn.
Leider hing der Sporn dem Ritter
fest im Schild. Er fiel. Wie bitter.
Also alles ganz von vorn.

Gut gesattelt ritt der Recke
also aus, bog um die Ecke
und verlief sich fast im Moor.
Dort fand er zwei stumme Knaben,
die den Weg gezeigt ihm haben.
(Kommt pro Schicksal einmal vor.)

Wie ihn seine Mutter lehrte,
suchte er des Drachen Fährte,
fand jedoch nur Pferdespur,
trampelte durch Korn und Heide
und auf seines Meiers Weide.
Dumm stand er auf weiter Flur.

Aber halt! Er hörte Schnauben,
konnte selbst sein Glück nicht glauben:
jetzo ward der Lindwurm nah!
Trabte weiter, fiel beim Traben
fast in einen Wassergraben,
und dann war er endlich da.

Fand die Drachenhöhle finster,
Efeu wuchs dort, Rotdorn, Ginster,
und er hört des Drachen Groll.
Der fing an sich zu beschweren.
„Kann mir jemand mal erklären,
was der ganze Aufruhr soll!?

Hör’n Sie, wenn Sie Runden drehn hier,
als Gewerkschaftsmitglied stehn mir
sonntags Ruh und Frieden zu!“
„Dich, Du Untier, hinzumorden
zog ich aus mit meinen Horden,
dann erst Friede ist und Ruh!“

„Jetzt geht’s aber gleich mal rund hier!
Nennen Sie mich nicht so! Untier
ist politisch nicht korrekt!
Ihre Wortwahl ist zum Spucken
(zwar nicht Feuer), und Sie gucken
jetzt mal, wo der Ausgang steckt!“

Kunibert blieb ratlos. Dieser
Drache war noch weitaus fieser,
als die Dame ihm verriet.
Doch am Ende wollt er siegen,
Orgelusens Kuss er kriegen,
und zu bleiben er entschied.

Schon ging Kunibert aufs Ganze,
zückte seine lange Lanze
und im Wams verhakt er sich.
Riss sich auf die halbe Brünne.
Gute Nacht nun, holde Minne,
hier bekomm ich keinen Stich.

Dies war wirklich unergötzlich,
und der Drache sprach auch plötzlich
voller Zorn und Schwefelruch
von Verfahren und von Fehden,
denn dies sei, sein altes Reden,
Drachenhöhlenfriedensbruch.

Kuniberten sank der Mut, und
wie sein altersschwacher Bluthund
seinen Schwanz klemmt, sprach er mild:
„Hört, Herr Drache, sollt nicht denken,
dass ich etwa Euch wollt kränken!“
Und versteckt sich hinterm Schild.

Langsam wurd’s dem Drachen fade,
so griff er nach einer Lade,
tat drei Schuppen auch darein.
Reichte sie dem zittrig-bleichen
Ritter als sein Siegeszeichen.
Um den Quälgeist los zu sein.

Hei, was ritt der kühne Streiter
durch das Grün und immer weiter
bis zu eines Baches Rand!
Trabte blindlings durch die Wälder.
Draußen wurde es schon kälter,
als zurück zur Burg er fand.

„Kunibert, Ihr kommt gar späte,
bald schon sinkt die Abendröte!
Sagt, ist nun der Lindwurm tot?“
Kunibert nahm ab die Fetzen
seiner Rüstung, tat sich setzen
und das Neuste ihnen bot.

Wie dem Scheusal er das Lebens-
licht er ausblies, das vergebens
ihn um Schonung bat zuvor,
kurz: der Drachenkampfgeschundne
setzte eine frei erfundne
Story der Gesellschaft vor.

Immerhin, die liebe Seele
hatte Ruh. Die Drachenhöhle
blieb von weiterem verschont.
Und als drauß’ die Feier tobte,
hat der Held, der vielgelobte,
Orgelusen beigewohnt.