Gernulf Olzheimer kommentiert (DLI): Gender Marketing

12 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss in Babylon begonnen haben, jenem absonderlichen Revier, in dem nicht nur die Damen auf komplette Körperenthaarung bestanden haben. Irgendein geschäftstüchtiger Priester – und sie waren alle geschäftstüchtig, sonst wäre keiner von ihnen Priester geworden – bot hell und düster geschmirgelte Griffe für die zum täglichen Blutbad geeigneten Feuersteinschaber an, um das Ritual in der Nasszelle einigermaßen individuell zu gestalten. Heute sind Plastehandstücke nicht wirklich besser, aber es gibt sie immerhin in rosa und blau, damit Außerirdische nach der Landung sofort wissen, womit sie sich die Epidermis schuppen, wenn sie den Erstkontakt verdaut haben. Ja, wir verkloppen exakt dasselbe Produkt in zwei Ausführungen, damit es noch besser zur Persönlichkeit der Kundin passt. Falls nicht der Kunde es in einem Anflug von Weicheiertum in den Wagen packt. Wir haben das Gender Marketing durchgespielt.

Jahrzehntelang trichtern Psychologen, die weder ihr Handwerk verstehen noch Wissenschaft im engeren Sinne, den Herstellern beliebiger Dinge ein, dass Verbraucher in erster Linie doof sind: hirnentkernte Knalltüten, die man nach Lust und Laune herumschubst und ihnen andreht, was man sich selbst nicht in die Scheune hängen würde. Um denselben Rührlöffel, das identische Radio, eine zum Verwechseln ähnliche Weckuhr in den Markt zu drücken, malt man das Zeug einmal in Grau an, was kantig-maskulin wirken soll, und tönt es dann in Pastell, um das feminine Harmoniebedürfnis zu befriedigen. Da Frauen ausschließlich runde Objekte bevorzugen und Männer eckige, feilt das Industriedesign wirkungsbewusst die korrekte Ecke vom Sockenhalter ab und schmirgelt behutsam die Gestalt des Sitzkissens nach. Alles für die noch haltbarere Beziehung von Mensch und Ding, wie sie sich nur komplette Grützbirnen in der Mitte des Hohlschädels zusammenschwiemeln können.

Tatsächlich ist das Rosa-Hellblau-Klischee, das noch vor wenigen Jahrzehnten in entgegengesetzter Richtung lief – Mädchen sollten das beruhigende Himmelblau haben, Buben den ungleich aktiveren Rotton – nur der geschmacklose Anfang einer auf Müll und Mythen basierenden Stereotypenmühle, die nur Heckenpenner auf Sozialentzug für bare Münze nehmen. Es bedarf keiner Erwähnung, dass vorwiegend maskuline Männer, echte Kerle, die nicht einmal angesichts ihres eigenen Kopfschrotts weinen können, ein beschwingtes Potpourri wirrer Schubladengedanken über die Frau an sich in die Welt setzen, um damit die weibliche Hälfte der Konsumierenden als embryonalintelligente Tussen darzustellen, denen man einen Sportwagen auch ohne Beratung über Motorleistung und Fahrwerk andrehen kann, solange die Werbung die Lackfarbe und die schmucken Schminkspiegel gut in Szene setzen. Die Frau darf Geld ausgeben. Wie schön!

Andererseits machen sich die Hütchenspieler der heteronormativen Wünsch-dir-was-Welt, in der nur ordentlich verheiratete Paare mit Kind, Hund und Kleinkredit existieren, allen ernstes Gedanken über den weiblichen Akzeptanzfaktor: was wird die züchtige Hausfrau sagen, wenn Männe den Trumm von Stereotruhe aus dem Versandhaus anschleppt, ins Wohnzimmer hievt und seine Marschmusik aus einem Sarg schallt, der farblich den Übergardinen den Garaus macht? Ist die Liebste mit Pralinen zu bändigen? Ist das Teil mit Bedienelementen für geistig minderbemittelte Benutzerinnen versehen, so dass auch Mutti ihre Schlagerscheiben nur in Laut und Leise hören muss? Riskiert der Herr im Haus das Ehe-Aus, wenn er den Formfaktor der Gattin vorzieht? Das Abendland, es geht unter!

Längst haben sich Menschen mit Bildung in die Werbebuden eingeschlichen, die dem Y-Träger nicht stumpf rationale Sachlichkeit unterstellen und dem weiblichen Charakter emotionale Wellen der Wirklichkeitsanpassung. Es soll Frauen geben, die ihren Kleiderschrank einheitlich in Schwarz füllen und Männer, die die schärfere Chipsvariante für harte Hunde nicht mögen, Frauen, die nach einem ordnungsgemäß abgeschlossenen Studium der Fachrichtung Maschinenbau samt praktischem Teil Karosserien und Bohrmaschinen entwickeln, um sich am Feierabend mit Mädelzeugs wie Kickboxen oder Egoshootern von den dümmlichen Sprüchen ihrer männlichen Kollegen zu entspannen. Nicht einmal der Marlboro Man kann sie vom Rauchen abhalten. Sie stellen das Patriarchat stetig vor die nicht zu lösende Aufgabe, ihren seit Urzeiten zur Rechtfertigung bescheuerter Vorurteile angerührten Schmodder endlich aus dem Fenster zu kippen und die Realität zu akzeptieren: es gibt mehr als nur die binäre Welt aus männlicher Perspektive, nach der alles andere entweder defizitär, überflüssig oder im besten Fall Spielmaterial ist, das man wegschmeißt, wenn es nicht mehr den Bedürfnissen entspricht. Denn Gender, seien wir ehrlich, betrifft im Grunde immer nur das, was nicht männlich, weiß und in körperlichem Verfall begriffen ist, in einem Alter, in dem man meist keine Bohrmaschine mehr heben kann, die scharfen Chips Magenschmerzen machen und der Sportwagen die Reaktionszeit überfordert. Dafür hat man dann Frauen. Für die Bohrmaschine.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXVI): Influencer

31 05 2019
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Damals lief die Sache eher schleppend. Das Gebiss der Säbelzahnziege zeichnete sich durch eine gewisse Exklusivität aus, wer es als Trophäe um den Hals hängen wollte, musste schon den Kampf mit dem Raubsäuger eingehen. Rrt hatte seitdem Schlag bei den Damen, aber auch mehrere Knochenbrüche, denn sein Vater und seines Vaters Vater – davor verliefen die evolutionären Linien eher kreisförmig oder verloren sich auf den Bäumen – hatten ihren Schmuck mit ins Grab genommen. Es gab noch keine Boutiquen, keinen Online-Handel und erst recht keine Haustürgeschäfte vor der Ein-Sippen-Höhle, nicht einmal eine der wichtigsten Errungenschaften des Kapitalismus, den Geltungskonsum. Dennoch war das Tragen der Beißer modisches Männlichkeitsgebaren und soziales Muss. Heute ließe sich das Produkt mit wenig Aufwand aus Taiwanplaste schwiemeln, echt täuschend, aber täuschend echt, und unter die Leute jubeln, die es zuvor noch nicht einmal gekannt hatten. Alles, was man dazu braucht, sind viele Deppen und ein Influencer.

Es handelt sich nicht um einen Aus-, vielmehr um einen Einbildungsberuf für alle, die sich nicht zwischen Irgendwas-mit-Medien und Unbedingt-berühmt-werden entscheiden können oder wollen. Gut frisierte Grinsebacken halten ihre Fresse ins Internet und geben sich der Illusion hin bzw. für sie her, dass der stetige Erwerb von Dingen an sich im höchsten Maße die Sinnfrage des Lebens mit Antworten stilllegen könne. Seitdem jedes Zeugs einen Markenbotschafter hat, dessen vornehmste Aufgabe es ist, der dödelnden Masse börsennotierte Namen ins Stammhirn zu pfropfen, muss auch das Produkt ins seiner existenziellen Vielfalt ans Vieh vor den Empfängern gebracht werden. Hatte weiland noch die dicke Tante Spülmittel und Bratensaft mit der Ich-Botschaft beworben, mussten in den egozentrischen Achtzigern mählich hippe Schnösel ins Reklamewesen eindringen und sich beim hedonistischen Gebrauch von Raumduft und Lightlimo abbilden lassen. Heut aber will der auf seinen eigenen Screen vereinzelte Konsument den Werber persönlich kennen und geht eine Eins-zu-eins-Beziehung mit ihm ein, in der die wirklich wichtigen Themen verhandelt werden: digitale Unterhaltungselektronik, Massenmode und biokosmetische Chemikalien.

Der gute Onkel, der seine Rübe ins Netz hält, ist nun bekannt dafür, so berühmt zu sein, sowie auch umgekehrt. Dafür baut das System auf den schon in präkapitalistischen Zeiten unziemlich ausgeprägten Verhaltensweisen wie Gier und Nachahmungstrieb, um Ware viral abzusetzen und sich dafür als den netten Experten von nebenan abfeiern zu lassen, der nichts anderes tut, als in einer stylish mit Attrappen dekorierten Wohnkulisse Tuben und Tiegel zu öffnen. Als die Bilder sich noch ausschalten ließen, hieß die Angelegenheit Teleshopping, man sah ein paar anstrengend quasselnde Blödkolben mit dem ultimativen Klappheimtrainer, der Zwölf-Tassen-Kaffeemaschine mit Hängetropffilter samt einer Mörderduschhaube, und nein, es war nicht lustig, den Niedergang der eigenen Spezies via Marketing mitzuerleben. Heute aber ist die Jugend, zumal die äußert klimaneutral eingestellte Gruppe nachhaltig konsumkritischer Nachwuchsdemokraten, komplett schmerzfrei und gönnt sich. Vielleicht sind eine matt aufgeschmirgelte Tagescreme oder ein Textil aus jemenitischer Kinderfertigung aber auch besser geeignet für eine Generation, die sich als globales Phänomen begreift und gerne in amorphen Bündeln schwärmt, weil man sich dabei für intelligent halten kann – die Illusion, sich selbst zu steuern, obwohl man nur instinktiv die Bewegungen der sieben anderen neben und über und unter sich nachmacht, ist eine der Vorgaukelungen von Freiheit, die die neoliberale Sozialisierung in den soi-disant Köpfen der Follower hinterlässt. Das Volk heißt Volk, weil es folgt und keine dummen Fragen stellt.

Wie tröstlich, dass auch die Influencer nur eine betriebswirtschaftliche Stellgröße im Marketing-Mix sind, austauschbar wie eine Verpackung oder die Stellung in der Produktfamilie. Auch sie sind nur gecastete Püppchen, die mit ein paar Millionen Klicks zufrieden sind, die kurz reich werden und dann lange vergessen, weil der nächste berühmt werden will und berühmt werden wird und dann ebenso verweht und vergessen. Denn wer erinnert sich nach all den Jahren noch an egoman grienende Popper, wie sie rauschhaft im Cabrio durch eine gepflegte Landschaft kreisten, das Trendgetränk permanent in Reichweite. Auch Mundpropaganda leidet unter Zahnausfall, und dann hat die Zunge freies Spiel. Der aufgeklärte Verbraucher, der sich so gerne als Alter Ego des mündigen Bürgers über die Verdeppungsförderung der Wirtschaft aufregt, hier könnte er fündig werden. Doch fehlt ihm schon der Glaube, so hört er doch wenigstens die Botschaft. Man kauft sich ja sonst nichts.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXIX): Slice of Life

5 08 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das spanende Verfahren war mangels Werkstoff noch nicht etabliert, die Materialkaltverformung bis dato rein auf Unfälle im Gesichtsschädelbereich beschränkt, da zeigte Rrt anlässlich eines auf der Haut gerösteten Mammuts seinem Schwager den letzten Schrei der Innovationsmesse vom Markt an der großen Felswand beim Tümpel: den Faustkeil. Jessas, ward da ein Geschrei los – der Anverwandte begriff sofort, wozu man das Ding nutzen konnte. Keine fünfzigtausend Jahre später jodelt es von der Mattscheibe, wie man sein Klo schrubbt, Brillen trägt oder die digitalen Endgeräte vors Maul hält. Man vertraut ja nur dem, was man sieht. Notfalls in einem Slice of Life.

Die Werbung beschreibt dem Konsumenten den Alltag des Konsumenten, und zwar exakt so, wie er sich im Kopf eines zugekoksten Unkreativdirektors nach zwei bis zehn Meetings mit dem alternden Firmenpatriarchen zusammengeschwiemelt hat. Fröhliche Kinder, aus grob entsehntem Kalbshack, Milchpulver und Fleischkleber geklöppelt, ohne Poren oder dreckige Fingernägel, in tiefensauberer Polyestermischgewebefaser sowie mit modischem, aber keinesfalls flamboyantem Schuhwerk, wie zu erwarten hyperaktiv und mit dem typischen, wie ins Gesicht gedroschenen Grinsen gestraft, turnen um kurz nach sieben durch das quasi aseptisch geleckte Einfamilienhaus, fallen jubelnd in eine wie aus dem Katalog für unfunktionales Protzmobiliar mit zwei eingeschlafenen Händen zusammengeschusterte Wohnküche ein und lassen sich mikrometergenau in Standardscheiben gelasertes Mischbrot, quasi auf niedermolekularer Ebene krümelfrei, mit einer aus Zucker, Altöl, Nüssen und Zucker gequirlten Pampe schmecken, als wäre gerade der Feiertag, Mariae Hirnabsaugung oder Tag des Flötenschlumpfs, an dem man vor der Schule noch frühstücken darf und nicht einen Festmeter Sumpfholz kleinsägen muss. Die Eltern des Klonmaterials, gestärkt, gebügelt, bis zur Unkenntlichkeit manikürt, pomadisiert und in Gesichtshöhe sandgestrahlt, haben nur diese eine Sorge, den Nachwuchs nicht ohne Saccharose in die Welt zu entlassen, und verdammt noch eins, sie werden es schaffen. Es hängen Arbeitsplätze an der Wahnvorstellung, viele Arbeitsplätze, und vor allem der Gedanke, dass jeder, der den Schmadder auf die Stulle klatscht, von der intrinsischen Motivation getrieben ist, in diesem Bild zu leben.

Aber Pustekuchen. Die Nussschmiere war in der Vorstellung des Bekloppten die allerletzte Rettung, bevor Blauhelme aus dem Kühlschrank stürmten, die einzige Lösung eines zu schnell eskalierenden Problems mit all seinen Implikationen, Spliss, das nächste Revival von Modern Talking, Atomkrieg in Korea, Til Schweiger als Testimonial für eine Gottfried-Benn-Gesamtausgabe. Nur ein rascher, beherzter Griff zum Glas wendet die Apokalypse noch ab, südamerikanische Singvögel brüllen durch die Küchenfenster, der Tag kann doch noch einmal durchstarten, alles auf Anfang. Der Kunde ist noch mal zufriedengestellt.

Doch hat die aus intellektuellem Bauschaum mit reichlich Glutamat gedengelte Wirklichkeit den Verbraucher ansatzweise über den Sekundenschlaf der Vernunft hinaus berührt? Der gemeine Hohlrabi verneint; zufriedene Produktverwender verwenden zufrieden ein Produkt, wiewohl man ihnen ansieht, dass sie dieses Zeugs nicht wirklich bräuchten, um weit über dem Durchschnitt der Zielgruppe zu sein: nölende Blagen schlurfen maulend aus dem total verkalkten Bad, die Flecken der Fertigpizza noch in epischer Breite auf der Bangladesch-Jeans verteilt, während Mutti ihnen kalten Toast auf die Teller pappt, der Alte schiebt sich die fünfte Zichte in den Rachen, weil er gleich wieder auf den Bau muss, sein Frühstück entspricht dem Reinheitsgebot und benötigt den mundgesägten Kapselheber aus dem Manufactum-Katalog nicht mal im Vollkoma.

Menschen wie Du und ich, nur dass sie eben nicht diese rissigen Nägel vom Spülen haben wie Du – ich habe zwar auch maschinenuntaugliches Glas mit Goldrand, aber im Gegensatz zu einem Hartzarsch wie Dir kann ich mir eine Feudelfee leisten – Kassenvieh aus der gefühlten Mitte der Gesellschaft ist der Fokus der Marketingabteilung, die aus Nacktmullen zusammengeklömperte Truppe im Keller der Entscheidungsempfänger, wie es außerhalb von Sekten, Armeen und Parteien selten miserablere Kreaturen geben dürfte. Man braucht sie, aber nur wie Gummihandschuhe beim Wühlen im Modder, und sie geben dies Gefühl getreu an den Konsumenten weiter. Vergeblich hofft der Affe im Vertrieb auf das Imitationsgebaren der vom Kapitalismus konditionierten Stumpfklumpen – das noch so emotional herauskleckernde Narrativ ist für die Tonne, wenn sich auf der Mattscheibe eine Rotte Arschlöcher tummelt. Wir sind bereit, alles in Kauf zu nehmen, den Atomkrieg, Spliss, notfalls auch Til Schweiger. Aber verarschen, Freunde, verarschen können wir uns auch selbst.





Aber

27 08 2015

„Ziept ein bisschen, ist aber wieder zu entfernen, das Unangenehme: das Aufbringen tut scheiße weh, und das seht nicht auf der Packung. Die meisten zucken derart herum, dass dieses Ganzkörpertattoo total schief ist, verbeulte Hakenkreuze, quasi rechtwinklige – haha, rechtwinklig, ja? – SS-Runen und so Zeug halt. Absolut panne. Was das Pack so trägt.

Es reicht ja heute längst nicht mehr, dem kleinen Faschisten von nebenan eine Hakenkreuzarmbinde zu verticken und Original-Wehrmachtsstiefel Made in Taiwan, die sind auch etwas anspruchsvoller geworden. Bio-Seife aus rassereinen deutschen Schäferhunden, mit Unbedenklichkeitszertifikat, das muss schon sein. Und wehe, Sie haben da noch einen polnischen Aufdruck auf der Verpackung. Da können Sie aber einpacken. Auf der Stelle.

Neuester Schrei sind diese in Lizenz gefertigten Faltkartons, wenn Sie mal etwas verschicken wollen. Gute deutsche Ware, naturbrauner Karton, an den Rändern selbstverständlich scharf, damit auch genügend deutsches Blut für den Sieg fließt, lässt als Triumph des Willens sogar falten, und dann können Sie Ihren Mist an die Front senden. Nennt sich Pack-Set und wird sogar von führenden Sozialdemokraten empfohlen.

Das hier? das Standard-Set für den kleinen Nazi, natürlich auch mit einer Rolle Pack-Band. Haha, Pack-Band, ja? Sehen Sie, kann man sogar abschneiden, und da haben Sie das gute alte Fahrtenmesser, das nur der Jungscharführer sonst hätte aushändigen dürfen. So Zeugs halt.

Die meisten sind ja keine Nazis, aber. Der sogenannte Aber-Glaube. Daran erkennen wir unsere Zielgruppe, dass sie eigentlich mit ihren Überzeugungen gar nichts zu tun haben will. Klingt kompliziert? Die BILD verkauft sich damit seit Jahrzehnten ganz gut. Soll man das kritisch sehen, wenn man damit Umsatz machen kann?

Ja, Klamotten haben wir auch. Diese praktische Freizeithose wird gerne genommen, Fleece in altgrau, der Ton hält schon mal die eine oder andere Kundgebung des gesunden Volksempfindens aus. Kordelzug, falls Sie zwischendurch das eine oder andere Bierchen zu sich nehmen. Und wenn es zu viel war, haben Sie innen diesen formschönen Beutel. Das Modell Pre-Pissed lief in den letzten Jahren schon nicht mehr, eigentlich können Sie das seit Hoyerswerda schon nicht mehr tragen. Den Beutel nehmen Sie einfach hier raus, so, und dann können Sie ihn ausleeren. Wenn Ihnen im ÖPNV mal Kopftuchmädchen über den Weg laufen.

Diese Baseballkappe mit Scheuklappen lief eher nicht so. Aber wahrscheinlich haben wir hier auch zu viel nachgedacht. Das passt nicht ganz zu unseren Kunden, habe ich das Gefühl.

Merchandising wird in den kommenden Wochen natürlich das ganz große Thema sein, auch für die Herbstkollektion. Wir entwerfen hier gerade neue Designs für Oberbekleidung, wenn Sie mal schauen möchten: Heidenau 2015 – Ich war dabei! Sollte der Knaller werden. Oder hier: Freital University Fight Club. Kann man mal machen.

Ein bisschen übers Internet, aber den größten Teil unserer Geschäfte generieren wir immer noch über Sammelbestellungen. Wir schicken unsere Vertriebler – haha, Vertrieb, ja? – direkt zu den Ausländerunterkünften, da trifft man immer eine Menge national besorgter Kunden. Und wenn die etwas sehen, wollen sie es natürlich auch sofort anfassen. So sind die halt. Aber für uns ist das gut, denn das garantiert uns eine natürlich wachsende Kundenstruktur. Die meisten sind ja seit PEGIDA dabei, und da lernt man dann die Bedürfnisse seiner Konsumenten schon ganz gut kennen.

So leicht ist das auch nicht immer. Dieses Augenbrauen-Set, Lizenzprodukt von Kathrin Oertel, das war der größte Flop. Das kriegen Sie heute nicht mal mehr als kostenlose Beigabe weg. Wir setzen daher eher auf alternative Modelle der Kundenbindung. Hier hätten wir beispielsweise ein Gutscheinheft für die regionale Wirtschaft – Sie ahnen gar nicht, wo man seine Kooperationspartner überall findet – mit Bildungsgutscheinen. Gut, für die meisten von denen stellt der Besuch im Dönerladen ja schon ein Bildungserlebnis dar.

Und wir gehen ins Erlebnismarketing. Keine so leichte Sache, aber das Internet hilft uns. Wenn Sie mal schauen möchten, die App haben wir jetzt neu im Programm: neue Ausländerheime als Hot Spots – haha, Hot Spots, ja? – und Sie können direkt hinfahren, so quasi als Showcase, da sehen Sie dann unser Sortiment in Aktion und ordern gleich vor Ort. Ist doch großartig, oder? Wenn ich mir das so ansehe, großes Kundeninteresse, wachsender Kundenstamm, ein maßgeschneidertes Sortiment, ordentliche Gewinnspanne, immer in den Medien mit kostenloser Werbung, als nachhaltig kann man das, was wir tun, ja auch irgendwie bezeichnen – mich beschleicht manchmal so der Gedanke, diese ganze Ausländerflut, die hier nach Deutschland kommt, ist die am Ende vielleicht doch ein Gewinn für uns?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLIII): Der Vertrieb

15 08 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede Firma hat ihre angenehmen Seiten, die Kantine, in der freundliche Menschen matschige Bratkartoffeln auf ungespülte Teller hieven, den Empfang, wo ein chronisch schlecht gelaunter Pförtner die Besucher anschnauzt, und den Vorstand, der sich die Boni gegenseitig in diverse Körperöffnungen schiebt und ansonsten mit der Wirklichkeit nicht konfrontiert zu werden wünscht. Es gibt eine Rechts- und eine Personalabteilung, eine Lohnbuchhaltung und einen Fuhrpark, einen Werkstattleiter, der im Sondermaschinenbau viel besser aufgehoben war als in der Pharmabranche, und eine Chefsekretärin, die sämtliche Termine im Kopf hat. Und es gibt jene Bereiche, die nur durch ein verwinkeltes System aus Gängen überhaupt erreicht werden können. Tageslicht wäre hier reine Verschwendung. Wer in diesem Verlies hockt, scheint gestraft, doch hat es nicht besser verdient. Diese Abteilung ist auch durch großflächige Napalmanwendung nur aufzuwerten. Es ist die Gegenwelt, die jede makellose Unternehmung braucht, um ihre Machenschaften an der Oberfläche rein zu erhalten. Es ist der Vertrieb.

Nichts gegen die Werbung, die uns mit heiter-sympathischem Stumpfsinn die Vorzüge von Joghurt und Langstreckenraketen nahebringt. Jede Industrie will leben, aber das will der Verbraucher auch, und je besser man den Schmadder wegklicken kann, desto netter findet man ihn bei einmaliger Berührung. Erst die stupide Wiederholung, die dem Verkäufer der Schlüssel für den durchschlagenden Erfolg zu sein scheint, die flächendeckende Penetranz und die billige Konditionierung des Ausbieters auf das Ausbleiben von Schlägen vervollkommnen das trübe Bild, das das Management von seinen Mitarbeitern und also von seinen Kunden hat. Sie schwiemeln Ware in den Markt, von Idioten für Idioten, und sie lassen die Arbeit dazu von Idioten erledigen.

Gewöhnlich beginnt die Vertriebsanalyse des neuen Produkts mit einer Risikobewertung, und das größte Risiko ist immer der Kunde, vielmehr: der subtile Verdacht, dass der potenzielle Käufer schon bei flüchtiger Beschäftigung mit der Thematik eines Neukaufs zur Waffe greift, um via Katharsis den universellen Rechtszustand wiederherzustellen. Wie immer der Vertriebler den voraussichtlichen Käufer erreicht, ob an der Haustür, am Arbeitsplatz, am mobilen Endgerät, er weiß, dass er auf geballten Hass stoßen wird, wenn er sich mit seinem faden Marketinggewölle ins Ohr der Genervten popelt. Kein geistig gesunder Mensch täte sich die pseudopsychologisch geschniegelten Tiraden an, die ein Paradies in der Versandhauskatalogversion durch den Äther jodeln – alles ist supi, das Ding wackelt, das muss aber so, und wenn’s nicht geht, machen das die Kollegen aus der Abteilung Katastrophenbeseitigung.

Die Kundenbindung des Vertrieblers ist die Krone der Einseitigkeit: diese Scheiße kriegt man einfach nicht vom Schuh. Die ewig grinsenden Kotzbrocken halten ihre eigene Lästigkeit für eine Göttergabe, stolzieren wie Honigkuchenpferde im Vollbesitz der letzten Wahrheiten über verbrannte Erde und verfolgen lediglich das Interesse, als Arschkrampe des Jahres im limbischen System des Gegenübers Stellen zu erreichen, von denen Hitler geträumt hätte. Endgültig gewonnen hat der, der sein Ungezieferpräventionsgesicht in einem beliebigen Treppenhaus in eine beliebige Wohnung hängt und als Einpersonendrückerkolonne das anwesende Opfer als Endgegner des zivilisierten Zustandes mit Marketingmüll zukübelt, bis der Mensch schon aus Verlangen, irgendwann mal in Ruhe sterben zu können, mundgeklöppelte Hamsterbettwäsche aus Biobambus zu kaufen bereit ist, im Dreijahresabo ohne Rückgaberecht, Vorkasse und bar, natürlich unter Verzicht auf jegliche Regressansprüche, falls der Schmodder beim Öffnen der Umverpackung die Zimmerpflanzen in die Ewigkeit schickt. Dafür erhalten sie Punkte, kleine Herzchen und einen neuen Klingelton, denn womit sonst könnte man diese Aggregatzustände des Dämlichen sonst noch steuern, wenn nicht durch kontrolliert beigebrachten Schmerz oder alkoholische Grundversorgung. Auch Braunalgen entwickeln in diesem Milieu sehr subtile Verhaltensmuster, sie sind im Gegensatz zu den Vertrieblern nur nicht so leicht zu manipulieren.

Es ist ein Kraut gewachsen gegen dieses Unheil. Einfache Belästigungen sind durch reflexhaftes Auflegen des Telefons zu stoppen, in schwereren Fällen wirkt eine Tür aus Massivholz beruhigend, wenn sie im Kieferbereich des Blödföhns eine nachhaltige Materialkaltverformung auslöst. Gepriesen jedoch, wer den Lichtschalter findet und das Geziefer gleich an der Quelle bekämpft. Wer ein zu weiches Herz hat, dämpft sein Leiden in der Vorstellung, dass auch klampfende Kollateralmaden in der U-Bahn Vertriebler sind und gegen eine klare Ansprache sicher nichts einzuwenden haben. Was man als Verbraucher auch immer zurückgeben sollte. Man ist ja schließlich serviceorientiert.





Was Frauen wünschen

12 08 2013

„Frauen-Chips!“ Anne trat unvermittelt auf die Bremse, so dass ich nach vorne geschleudert wurde. „Für so einen Dreck ist Deine Branche natürlich immer gut. Frauen-Chips! Demnächst verkaufen einem die sexistischen Deppen kalorienreduziertes Wasser für Damen!“ Es war Samstag, es war in einem komplett überfüllten Einkaufszentrum, kurz: es waren die idealen Bedingungen für sie, einen Wutanfall auszuleben.

„Ich habe bei Männerbratwurst geschwiegen“, zischte sie, „bei rosa Überraschungseiern habe ich die Zähne zusammengebissen, aber Frauen-Chips? Die haben nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Und sie legte sich gewaltig in die Rechtskurve. Natürlich ist es störend, wenn ein labberig riechendes Sahne-mit-Billigpaprika-Knabberzeugs explizit für die Damenwelt kreiert wird und dies auch noch bunt auf den Plakatwänden prangt. Aber kann man es nicht auch übertreiben? Anne war anderer Meinung. „Schau Dir diese verdammte Werbung an. Schau sie Dir an! Holzfällersteak!“ „Das ist nur so ein Name“, versuchte ich sie zu beruhigen, „man nennt das nach den…“ „Siehst Du hier irgendwo einen Holzfäller“, herrschte sie mich an. Ich zog den Kopf ein. Wir waren am Ende des Parkplatzes.

Nachdem ich kurz den Sitz meiner Nerven im Innenspiegel überprüft hatte, löste ich den Sicherheitsgurt. „Erstens bin ich nicht für diesen Werbeauftritt verantwortlich, auch nicht für die Verpackung oder das Marketing, und zweitens…“ Sie wischte es vom Tisch. „Ach was, Ihr seid doch alle gleich! Außerdem interessieren Euch doch die Bedürfnisse der Frauen überhaupt nicht.“ Ich protestierte. „Nur weil Du zufällig Strafverteidigerin bist, halte ich auch nicht alle Juristen für…“ Die Tür musste mich zufällig am Kopf getroffen haben.

Kaum hatten wir den Heimwerkerfachmarkt betreten, stampfte Anne mit dem Fuß auf den Boden. „Sieh sich einer diesen sexistischen Mist an! Das ist doch nichts als Diskriminierung!“ Zugegeben, die Werbeaufsteller von Blumen gießenden Weibchen im Dirndl und Holz mit knatternden Motorsägen zerlegenden Muskelprotzen schien nicht ganz frei von den in Jahrhunderten eingeübten Geschlechterrollen. „Und sie wissen nicht einmal, was sie damit anrichten. Sie können mit Kundinnen gar nicht umgehen.“ Das bezweifelte ich. Ich hätte es nicht tun sollen.

Wie aus dem Boden gewachsen stand sie plötzlich vor einem Verkäufer. „Ratschenkasten“, bellte sie. Der Verkäufer blickte sie ungläubig an. Ich interessierte mich auffällig für die Unterschiede zwischen braunen und schwarzen Pinseln, griff aber nicht in die Kampfhandlungen ein. „Sie wollen also einen Ratschenkasten“, stammelte er. Anne zog indigniert eine Braue hoch. „Wenn ich ein Toastbrot wollte, hätte ich ‚Toastbrot‘ gesagt.“ Offenbar war Logik nicht seine Stärke, denn er hatte doch einen Augenblick zu lang überlegt. „Haben Sie zufällig einen da“, bohrte sie nach, „oder muss ich Ihnen erst zeigen, wie die Dinger aussehen?“ Er griff in die Auslage und zog ein Plastikköfferchen hervor. „Der hier wird gerne genommen, sehr handlich, in Rot, ergonomischer Griff, abwaschbar und…“ Ich wandte mich von den Pinseln ab. Dies würde sehr lehrreich werden, größtenteils für den Verkäufer. Ansatzlos ging Anne zum Angriff über. „Ich will das Ding nicht als Raumschmuck, Sie Pausenclown. Aufmachen!“ Mit zittrigen Fingern öffnete er die Schnappverschlüsse und klappte das Köfferchen auf. Sie ließ ihren Blick über das Innere schweifen. „Umschaltknarre?“ Der Verkäufer geriet bereits in leichte Panik. „Ich muss ja sicher nicht eigens über Kugelarretierung reden, und dass das kein Vanadiumstahl ist, können Sie auch gerne selbst auf der Packung lesen. Dann zeigen Sie mir doch mal, was Sie für Erwachsene da haben.“

Spätestens an diesem Punkt hätte ich wissen müssen, was auf mich zukommt. Legendäre Shoppingtouren der vergangenen Jahre – die Pumps bei Langmeyer & Wolff, ein seidener Hosenanzug bei der Neueröffnung von Sack und Leinen, nicht zu vergessen die Schrankwand in Kirsche gebeizt – erschienen vor meinem geistigen Auge, Auseinandersetzungen von historischem Ausmaß, die in einer Liga spielten mit dem Dreißigjährigen Krieg. „Das wäre der 104-teilige Kasten“, beeilte sich der Verkäufer. Anne warf einen flüchtigen Blick auf das Ensemble. „Wenn ich eine Rohrzange haben will, gehe ich ins Kaufhaus. Das sind Viertelzoll-Steckschlüssel, was soll ich damit anfangen?“ Verständnislos sperrte er den Mund auf. „Was mache ich bei einem Gewinde mit Halbzoll?“ Er beging den Fehler seines Lebens; der Verkäufer versuchte, witzig zu sein. „Nehmen Sie doch zwei Viertelzoll, dann müssen Sie nicht umspannen.“

Der Filialleiter schien unter plötzlich auftretenden Schweißausbrüchen zu leiden. Jedenfalls hatte Anne ihm unmissverständlich mitgeteilt, dass sie eine Abneigung gegen schlecht ausgebildetes Verkaufspersonal hat. „Was ist mit dem 215-teiligen Knarren-Set aus dem letzten Halbjahresprospekt? Und überhaupt, Vier- und Sechskant als Standardsortiment, womit soll ich dann Zündkerzen festdrehen? Bekomme ich bei Ihnen ein Schweizer Offiziersmesser nur gegen Aufpreis mitgeliefert?“ Der Vorgesetzte versuchte gar nicht erst, sie zu unterbrechen; es wäre wohl auch zwecklos gewesen. „Ich gebe Ihnen einen kostenlosen Ratschlag“, sagte sie und rümpfte die Nase. „Versuchen Sie es als Versicherungsvertreter, da können Sie ihren Kunden alles andrehen, wovon Sie selbst keinen blassen Schimmer haben.“ Der Filialleiter brach stöhnend zusammen. Anne drehte sich um und fasste mich am Arm. „Und jetzt auf zu Sack und Leinen. Du brauchst noch eine Krawatte.“





Krümel

19 09 2012

Zwei Scheiben Brot steckten in der transparenten Kunststoffverpackung. „Exakt die richtige Menge“, befand Wippelkirchen, „von einer Scheibe wird man nicht satt, alles andere würde nur austrocknen. Genau diese Menge braucht man für ein richtiges Frühstück.“ Ob es den Kalorienbedarf des normalen Arbeitslosen decken würde, verriet er nicht.

Die Supermarktkette hatte es sich etwas kosten lassen. Eine neue Produktlinie mit neuen Marken, neuen Packungen, neuen Erzeugnissen und vielen alten Sachen, die neu hießen, aber in Kleinmengen verkauft wurden. „Faszinierend“, bemerkte ich. In der Schachtel befand sich ein (und nicht weniger als das) Würstchen. „Sehe ich es richtig, dass Sie mit diesen Portionsgrößen die Molekularküche erobern wollen?“ Wippelkirchen grinste schief. „Suchen Sie etwas?“ Ich legte das Wienerchen zurück auf die Tischdecke. „Irgendwo muss hier ein Gläschen mit einem Klecks Senf stehen.“

„Schauen Sie“, erläuterte der Manager, „unsere Zielgruppe ist der durchschnittliche Konsument auf der Straße. Er möchte eine möglichst große Vielfalt an Produkten: Graubrot, Weißbrot, Toastbrot, Zweikorn, Dreikorn, Mehrkorn, Vollkorn, Erdbeer-, Brombeer-, Himbeer- und Kirschmarmelade, dazu Butter oder Margarine. Sie kaufen sich doch auch keine Kuh, wenn Sie ein Glas Milch wollen, oder?“ Wippelkirchen übertrieb durchaus nicht. Der ganze Tisch war mit Kleinpackungen vollgestellt, als hätte eine komplette Reisegesellschaft fluchtartig ein Hotelfrühstück verlassen. Eine einzelne Scheibe Mortadella neben einer einzelnen Scheibe Gouda und einer einzelnen Scheibe Salami lag neben einer einzelnen Scheibe Gurke; selbst an die Dekoration hatte der Konzern gedacht. „Wie Sie sehen, haben wir auch für den schmalen Geldbeutel eine Menge Auswahl. Sie müssen nicht reich sein, um sich ein gutes, abwechslungsreiches Frühstück zu leisten.“

Die Firma schrieb schwarze Zahlen; offenbar waren sie nicht schwarz genug. „Die Käufer haben zwar noch ein bisschen Geld, um sich ausreichend zu ernähren, aber sie kaufen immer dasselbe.“ „Sie meinen, es gibt keine Distinktion mehr in den Einkaufswagen?“ Wippelkirchen spielte mit einem Löffelchen voll Heringssalat, eingepfercht in einen Kunstglasstopfen. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist nicht mehr befriedigend.“

Eine ganze Wand lang zogen sich die Regale durch den Saal, vollgestopft mir unterschiedlichsten Waren. Einzelne eingeschweißte Äpfel und Birnen lagerten neben lächerlich kleinen Konservendosen. „Und Sie halten das für natürlich?“ Er nickte heftig. „Haben Sie schon einmal einen Baum gesehen, an dem die Äpfel nicht einzeln wachsen?“

Auch der Kühlschrank enthielt kein großes Geheimnis. Dennoch machte Wippelkirchen eins daraus. „Echt“, betonte er und hievte die kleinen Plastikeier aus dem Kühlfach, „es ist wirklich echter Kaviar, nicht nachgemacht.“ Fast hätte man die Eierchen einzeln mit der Lupe suchen müssen, so verloren lagen sie in der dünnen Schutzhülle. „Jedenfalls wehren wir uns dagegen, dass der nicht so begüterte Verbraucher immer nur dasselbe kauft. Man muss doch auch einmal dem Drang zur Dekadenz nachgeben!“ Eine einsame Scheibe Räucherlachs und eine Single-Languste gaben sich alle Mühe, blasiert zu wirken, erschienen aber nur ein wenig blässlich. Er seufzte. „Dabei ist diese Produktlinie doch so wunderbar unvernünftig! Wir haben sogar extra darauf geachtet, dass der Verpackungsmüll in keinem Verhältnis zum Inhalt steht!“ Ich strich ihm begütigend über den Scheitel. Wie viel Mut und Liebe musste er bereits investiert haben, damit auch alleinerziehende Mütter einmal Melone mit Parmaschinken essen.

Die Salami, genauer. eine einzelne Scheibe Edelsalami mit Pfeffermantel, hatte eine durchaus attraktive Verpackung. Nur die unverbindliche Preisempfehlung wollte mir einfach nicht ins Auge fallen. „Hier unten“, half Wippelkirchen mir. Tatsächlich kostete diese winzige Scheibe so viel wie ein halbe Packung normaler Dauerwurst. „Aber das rechnet sich natürlich. Und man hat damit sehr viel mehr Auswahl zur Verfügung.“ „Was kommt bei Ihnen denn noch? Haben Sie demnächst einzeln abgepackte Kartoffeln im Angebot?“ Er rümpfte die Nase. „Ich bitte Sie – die kann man schließlich abwiegen!“ „Und was“, warf ich ein, „hat man seit Jahrhunderten mit Frischwurst und Äpfeln getan?“

Hektisch hatte Wippelkirchen den Kühlschrank eingeräumt und verschlossen. „Wir tun doch schon eine Menge für die Menschen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Früher musste man seine Äpfel im Keller stapeln und das Brot vor dem Verschimmeln retten. Sehen Sie sich die neuen Packungsgrößen an, dann werden Sie feststellen, dass sie wesentlich besser in die heutige Gesellschaft passen.“ „Sie meinen, Sie trainieren den Konsumenten nach und nach Vorratswirtschaft und Frischhaltung von Lebensmitteln ab?“ Er nickte. „Wir brauchen doch den Konsum. Und sehen Sie, mit diesen kleinen Packungen lässt sich Ihr täglicher Speisezettel viel besser planen. Nur Vorteile! Und wir haben, ich sagte es bereits, ein erheblich besseres Preis-Leistung-Verhältnis.“ „Wer würde das behaupten“, fragte ich. „Wo doch diese eine Scheibe Salami schon so viel kostet wie drei Scheiben, wenn man die größere Packung aus dem normalen Sortiment nähme? Das nennen Sie ein besseres Preis-Leistung-Verhältnis für den Kunden?“ Wippelkirchen grinste. „Für den Kunden? Wer redet denn von dem?“





Er, sie, es

12 04 2011

„Ich lasse mich überraschen.“ Bis auf den nervösen Unterton, ihre hektischen roten Flecken im Gesicht und den lauernden Blick merkte man Anne ihre grenzenlose Neugier gar nicht an. Sie nestelte an ihrer Handtasche und kippte den Inhalt ihres Portemonnaies aus. „Dann werde ich mal zu den Schuhen gehen“, verkündete sie, „wir sehen uns nachher im Café, ja?“ Schließlich blickte sie sich auf dem Weg zur Rolltreppe dreimal um, als fürchtete sie, ich könnte unerwartet im Boden verschwinden. Und wer würde ihr dann einen Toaster zum Geburtstag schenken?

Sekunden später befand ich mich in der Obhut einer Fachverkäuferin für Haushaltswaren. „Gute Wahl“, zwitscherte sie, „mit einer leckeren Scheibe Röstbrot starten Sie frohgemut in den Tag!“ Ob ich ihr gleich zu Beginn erzählen sollte, dass Anne im Halbschlaf nicht mehr als Orangensaft, Espresso und eine Zigarette zu sich nahm? „Ich rate Ihnen zum Luxusmodell. Der Tostaturo 3000 vereint rassiges, elegantes Design, das die Damen schon beim Frühstück in ihren Bann zieht, mit der Heizpower von 1300 Watt. Sie werden sich ein Frühstück ohne dies Gerät gar nicht mehr vorstellen können!“ Zaghaft bemerkte ich, dass es sich nicht um mein Frühstück handelte. Ein Geschenk für eine Freundin, mehr nicht. Unvermittelt korrigierte sie den Sitz ihrer Brille. „Kleinen Moment“, sagte die Verkäuferin schnippisch. „Ich will sehen, was sich da machen lässt.“

Tatsächlich hatte Annes Toaster momentan den Status inne, der ihm von Rechts wegen ohnehin zustand. Als Dekoration von einigem Retro-Charme noch hübsch anzusehen, als Küchengerät aber unbrauchbar, und da Anne ihn sowieso kaum benutzte, machte es auch gar nichts, dass der Brotröster nach einer Phase intensiver Arbeit, in der er röstete, als bekäme er Steinkohlesubventionen, in allgemeine Verweigerungshaltung übergegangen war. Die Glühwendel gab das Glühen auf und verlegte ihre Kernkompetenz ganz aufs Wendeln. Nun wäre Max Hülsenbeck, der schmierige Staatsanwalt, nicht Max Hülsenbeck, hätte er den Brotbäher nicht mit einem Messer zu reparieren versucht – natürlich unter Strom, im eingeschalteten Zustand und bis ein Lichtbogen ihn durch die Küche fliegen ließ. Seitdem brauchte Anne, abgesehen vom Schrank, einer Küchengardine und dem Service, das unter Hülsenbeck zu Bruch ging, einen neuen Toaster.

„Wenn Sie den hier mal anschauen möchten?“ Die Haushaltsdame trug einen rosa geblümten Karton heran, auf dessen Breitseite das bereits bekannte Toastermodell abgebildet war. Es hieß Toastino Lady. „Formschön und leicht zu reinigen, dazu bereitet er das Röstgut äußerst schnell und effektiv zu dank der 1300 Watt.“ Ich war irritiert. „Formschön? Ich dachte, das sei rassiges Design?“ „Für Männer“, versetzte sie kühl, „Frauen haben eher den Blick fürs Wesentliche. Deshalb hat der Toastino auch einen abnehmbaren Brötchenaufsatz.“ „Der hier als Roll-Gadget auf der Packung steht“, entzifferte ich. „Wie um alles in der Welt denkt man sich diesen Blödsinn aus?“ „Genderspezifisches Marketing“, belehrte sie mich. „Zwei vollkommen identische Toaster, die in zwei vollkommen unterschiedlich aufgemachten Kartons stecken – unterschiedliche Aufschriften, unterschiedliche Namen, alles für die Zielgruppe. Sie sehen bei sich eine Power Control mit Zero Switch, richtig?“ Ich beugte mich über die Damenpackung. „Das heißt in Ihrer Version Fleximatic Knusprigkeits-Skala mit Einknopf-Schnellabschaltung.“ Sie nickte. „Frauen und Technik. Wir verstehen sie und gehen mit ihr um, müssen aber kein Theater darum machen.“

„Den Burn Guard hat das Mädchenmodell aber auch?“ „Heißt hier Wellness Definition Bräuner, funktioniert aber ähnlich: wenn braun, dann fertig. Übrigens hat der Toastino einen QuickFresh Defroster für Tiefkühlbrötchen.“ „Der entspricht wahrscheinlich der Freeze2Fire Function beim Tostaturo.“ Sie schloss die Verpackung. „Und, habe ich Sie überzeugt?“ „Ganz und gar“, spöttelte ich. „Aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, welchen von beiden ich nehmen soll. Und dann gäbe es da sicherlich noch ein paar Dinge zu klären. Nicht, dass Sie sich eine Reklamation einhandeln.“ Anne ist nun mal eine exzellente Juristin, was so gut wie alles erheblich erschwert – wo sie Mängel anzeigt, ist der Konkurs eines Unternehmens nur noch eine Frage der Zeit. Ich kicherte. „Vor allem sollten Sie den Toastino als ‚Toastsie‘ anbieten. Für die feministische Küchenarbeit kommt doch ein ‚Toast-er‘ überhaupt nicht in Frage.“ Sie blickte mich ausgesprochen frostig an. „Noch lachen Sie, aber das wird Ihnen vergehen. Eine neue Zeit bricht an, wenn es Handrührgeräte und Bügeleisen gibt, die auch Frauen verstehen.“ „Das also ist es?“ Ich bemühte mich ernsthaft um Mitleid. „Es reicht also nicht, dass wir Männer die Frauen verstehen, es müssen auch die Bügeleisen können?“ Sie drehte sich brüsk um. Leider nahm sie den Tostaturo 3000 mit, jenes Wunderding, das täppischen Männern mit seiner Slice Self-Centering Funktion noch im Zustand geistiger Umnachtung das Einlegen von Brotscheiben erlaubte und somit eine Hälfte der Menschheit vor dem Aussterben rettete.

Annes Augen leuchteten. „Und, hast Du es? Bekomme ich ein Geburtstagsgeschenk? Was ist es denn?“ Ich hievte den Karton auf den Tisch. „Es ist eine Toasterin.“





Supermarketing

8 03 2011

07:48 – Kaum hat Karlheinz D. (43), der Leiter der örtlichen Supi-Filiale, seinen Laden aufgesperrt, da fällt sein Blick auf die gegenüberliegenden Straßenseite. Quer über die Fassade der Kaufdas-Niederlassung spannt sich ein Transparent mit roten Lettern: „Obst und Gemüse – frisch und gesund!“ Karsten F. (50) drapiert Kohlrabi und Äpfel in der Auslage. D. knirscht zornerfüllt mit den Zähnen. Diese billige Provokation lässt er sich nicht bieten.

08:02 – Während sein Stellvertreter Rudi T. (48) ihm die Leiter hält, hängt D. das eilig mit Filzstiften aus dem Sonderangebot gemalte Spruchband „Vitaminreicher Genuss mit Obst und Gemüse!“ über den Supi-Eingang. Karsten F. erbleicht. Dieser Doppelschlag lässt ihn in den Grundfesten seiner Macht erzittern. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

08:21 – Ein kurzes, aber heftiges Brainstorming der Kaufdas-Mitarbeiter bringt das für alle überraschende Ergebnis: es ist nicht unmöglich, den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. „Fleischlos!“ verkündet der Pappaufsteller an der Fassade. Mehrere Passanten zucken irritiert die Augenbrauen über die angebotenen Äpfel.

08:27 – Hart schlägt die vegetarische Offensive dem Supi-Personal ins Gesicht. Mit allem hätte man gerechnet, nur nicht mit der perfiden Kraft des Faktischen. Rudi F. und Kassiererin Claudia Sch. (25) nippen verzweifelt an ihrem Automatenkaffee – mit einem Jubelschrei springt Sch. auf, kritzelt „Koffeinfrei!“ auf die Rückseite eines ausgedienten Aufstellers und schiebt eine Stiege Sellerie auf den Gehweg. Die Attacke des Feindes scheint abgewehrt.

08:42 – Kaufdas zögert nicht. Die Ausweitung der Kampfzone ist ohnehin nur eine Frage der Zeit, also ergreift Karsten F. mutig die Gelegenheit. Die Pyramide aus Eierkartons wird von einem überdimensionalen „Zuckerfrei!“ gekrönt.

08:50 – Auch die Supi-Filiale verfügt über die fragilen Hühnerprodukte, weshalb Claudia Sch. mit ihren Kolleginnen Sabrina P. (29) und Heike M. (56) den kompletten Vorrat in den Eingangsbereich verlasten. Erregte Diskussionen über Produktfeatures und Kundennutzen begleiten die Gewaltaktion, Filialleiter D. beendet den Disput mit einem Machtwort und einer zweckentfremdeten Tafel vom Imbissstand: „Von echten Hühnern!“ Seine beherzte Tat lässt die Untergebenen sprachlos zurück. Die Kunden ebenso.

09:17 – Kurzfristig kommt der Geschäftsbetrieb bei Kaufdas zum Erliegen. Azubi Ole J. (19) verbarrikadiert versehentlich den Eingang mit einem Rollcontainer voller Frühblüher – Primeln, Alpenveilchen und Buschwindröschen – da er das bereits fertig positionierte Schild „Fettfrei!“ nicht gelesen hat. Erregte Proteste von der anderen Straßenseite lassen in Chef Karsten F. jedoch den Entschluss reifen, den Zufallstreffer zu einer neuen Strategie auszubauen.

09:33 – Bahnbrechende Originalität kann man dem Supi-Team nicht vorwerfen, dennoch langt eine Palette voller Gartenerde im Zehn-Liter-Gebinde, um das Plakat „Alkoholfrei!“ zu rechtfertigen. Beide Seiten richten sich auf einen langen, erbitterten Stellungskrieg ein.

09:40 – Es wäre nicht Kaufdas, zöge die Belegschaft nicht an einem Strang: Azubi J. und Lagerist Chris W. (34) stemmen eine Ladung Kondensmilch in Weißblechdosen in die Nische zwischen Schiebetür und Käsetheke. „Beste Qualität!“ verkündet der dreieinhalb Quadratmeter große Papphänger über dem Großgebinde. Durch einen Zufall hängen die beiden Angestellten das Schild seitenverkehrt auf. Die Büchsenmilch lagert nun unter dem Hinweis: „Dermatologisch getestet!“ Diskussionen mit langjährigen Kundinnen geht Filialboss F. aus dem Weg.

10:07 – Die Aufrüstung über das Maß der konventionellen Mittel hinaus war nur noch eine Frage der Zeit; Supi-Strategin Melinda H. (39), hauptberuflich im Fleischereifachverkauf, nagelt resolut neunzöllige Stahlstifte in den Balken über der nun nicht mehr verschließbaren Tür, um sie mit grober Landleberwurst zu behängen. Passanten sehen der energischen Frau entgeistert zu, wie sie vor ihren Augen ein Bettlaken mit „Ohne Zusatz von Holzspänen!“ beschriftet und neben den Würsten in den jungen Frühlingsmorgen hängt.

10:16 – Das Kaufdas-Geschäft wird von ohrenbetäubendem Kreischen erfüllt. Insgesamt fünfzig Bürostühle, denen wegen eines Produktionsfehlers die Gumminoppen an dem Füßen fehlen, schrammen über den Bodenbelag. Der rote Pfeil, der auf jeder Stuhllehne prangt, deutet auf den Vorteil des Möbelstücks hin: „Grundwasserschonend!“ Karsten F. ist erschöpft, aber zufrieden. Jetzt kann sich alles wenden.

10:22 – Alles könnte sich wenden, doch auch Supi schläft nicht. Statt des Spirituosenregals füllen dutzendweise Korbständer mit Tütensuppen die Ost-West-Passage durch den Laden. Ein Störaufkleber auf dem Boden verkündet die klare Botschaft an den Kunden: „Keine versteckten Zusatzkosten!“ Der Erfolg ist mäßig.

10:40 – Rechtsanwältin Tanja O. (37) verschafft sich Gehör bei Kaufdas. Ob es Karsten F. passt oder nicht, die Juristin macht dem Filialleiter unmissverständlich klar, dass ein einziger Apfel mit Wurm ausreicht, um das Produktmerkmal der Fleischlosigkeit hinfällig werden zu lassen. Die Kollegen räumen das Obst ab. Sie ahnen, wer ihnen das eingebrockt hat. Sie sinnen auf Rache. Dieser Krieg wird schmutzig.

11:23 – Verstörte Supi-Kunden irren durch die Gänge. Der Hinweis „Ohne künstliche Aromastoffe!“ oberhalb eines Spaghetti-Kartons lässt sich nicht kommunizieren. Die Verbraucher weichen auf Kochbeutelreis aus.

11:37 – Keiner bemerkt Tim A. (28), der mit Cordhut, falschem Bart und dicker Sonnenbrille den Kaufdas durch den Hintereingang verlässt, um unauffällig in den Laden der Konkurrenz zu schlendern. Mit einem einzigen Handgriff hat er seine hinterlistige Tat begangen. Zur Tarnung erwirbt A. bei Supi noch eine Packung Gebissreiniger, die er bar bezahlt und nach dem Verlassen des Geschäftes sofort in einen Papierkorb wirft. Siegessicher ballt er die Faust. Filialleiter F. tupft sich den Schweiß von der Stirn.

11:54 – Ein längeres Kolloquium war der letzten Ausschilderung vorangegangen; während Karlheinz D. die Formschönheit des Produktes betont wissen wollte, legte Aushilfe Jenny E. (22) auf die Größe besonderen Wert. Die Supi-Kräfte einigen sich schließlich auf „Naturidentische Form!“ und geben der Tiefkühlpizza eine neue Chance, sich in der Verbraucher-Awareness zu etablieren.

12:00 – High Noon bei Kaufdas! Schon wieder muss O. die wettbewerbsrechtliche Front begradigen, da der Mitbewerber gegenüber ihnen die illuminierte Reklame „Aus 100% Wasser!“ streitig macht. Eine improvisierte Befragung der Kunden ergibt, dass dies als eine ganz normale Eigenschaft angesehen wird, die das Vertrauen in eine ordnungsgemäße Erzeugung stärkt. Die Käufer sagen einheitlich aus, sie würden andere Tomaten gar nicht mehr kaufen.

12:25 – Sabrina P. setzt auf Trading-up. Die Eier-Pyramide scheint ihr für Supi nicht mehr recht geeignet, sie erweitert die Schalendinger zur politisch korrekten Ware und beschreibt die Hinweistafel mit: „Ohne Kinderarbeit hergestellt!“ Es scheint, als sei biologische Kriegführung eine nicht auszuschließende Option.

12:34 – Kaufdas eröffnet den nun folgenden Schlagabtausch mit Walnüssen und „Biologisch abbaubar!“, von Supi mit Bananen und „In biologisch abbaubarer Packung!“ nur müde gekontert. Doch die Kontrahenten gönnen sich keine Atempause, auf „Im Einklang mit der Natur verpackt!“ (Zwiebeln im Kunststoffnetz, Kaufdas), folgt „Im Beisein einer Bezugsperson verpackt!“ (Magerquark, Supi), bevor sich die Fronten erneut verhärten.

12:48 – Triumphgeheul trifft auf Wutgeschrei. Tanja O. reibt Karlheinz D. eine strafbewehrte Unterlassungserklärung unter die Nase. Das Supi-Sortiment weist Tafelsalz als „Chemisch rein!“ aus, was es nachweislich nicht ist – die ruchlose Tat von Tim A., ein unauffälliges Schild am Regal des Mitbewerbers zu montieren, hat gefruchtet. D. tobt und kündigt den totalen Krieg an.

13:10 – Im Kaufdas knallen die Korken. Billiger Sekt, gespendet von Chris W. aus einem speziellen Depot in den hinteren Ecken des Lagers, lockert die Denkleitungen des Personals – waghalsige Werbeideen entstehen, während die Hemmschwelle rapide sinkt. Eine sehr gefährliche Kombination, die mit Wellness-Wäscheklammern und der Haarbürste für den Single-Haushalt die ersten Erfolge zu feiern versucht. Seit einer Stunde ist in keinem der Geschäfte ein Kunde zu sehen.

13:33 – Säckeweise kippt das Supi-Personal Kartoffeln in die mit Plastikfolie ausgekleideten Drahtkörbe. Der heilige Zorn über die erlittene Schmach schweißt die Belegschaft in der Anstrengung zusammen. Mit vereinten Kräften hieven sie ein von Lichterketten umschlungenes Riesenschild „Individuell geformt!“ an die Ladendecke. Es blinkt. Ab und zu bleiben Fußgänger stehen. Ein Lokalreporter verwechselt den Discounter mit einer Kunstgalerie und befragt die sichtlich verlegene Einzelhandelskauffrau Gina Ö. (31) nach ihrem persönlichen Verhältnis zu Beuys. Ö. gibt an, mehrere nette Jungs zu kennen, macht aber keine weitergehenden Angaben über ihre Pläne, durch individuelle Spiritualität und Mitverantwortung das Verhältnis von Mensch und Kartoffel neu zu definieren.

13:49 – Natürlich ahmt Kaufdas den Kartoffel-Clou sofort nach, wenngleich die Auszeichnung „Limitierte Sonderauflage! Einzelstücke!“ trotz der Untermalung mit Drehorgelklängen nur eine billige Kopie bleibt.

13:57 – Trommelfeuer! Claudia Sch. schmeißt wahllos Damen- und Herrensocken in einen mit Papierstreifen dekorierten Waschkorb und klebt den Zettel „Im Anwesenheit eines Bischofs sortiert!“ daran. Längst ist jede Vorstellung von Moral aus der Supi-Armee verschwunden.

13:59 – Ein Werk von Sekunden ist es, dass Ole J. das kippelnde Regal mit Feinstrumpfhosen quer in den Gang mit Gebäck und Süßwaren zerrt. Ein Hinweis „Vom Papst gesegnet!“ krönt seine kühne Tat. Kaufdas kann es schaffen.

14:04 – Erschöpft, aber im steten Bewusstsein, dass in der Erfüllung der Pflicht das Heil liegt, schaufelt Heike M. Margarinepäckchen auf eine mit Alufolie verkleidete Europalette. Wird Supi noch zu retten sein? Keiner weiß es, und inbrünstig streift ihr Blick das verknitterte, in aller Eile mit Klebebuchstaben improvisierte Schildchen: „Ganz im Sinne des Dalai Lama produziert!“

14:45 – Zwischen beiden Geschäften entladen sich längst die entnervenden Salven einer schier endlosen Materialschlacht. Mit letzter Kraft schleudert Kaufdas H-Milch im Karton auf den Gegner („Kühe wurden keinen Erdstrahlen ausgesetzt!“), doch Supi antwortet mit einem Ausfall auf abgepackten Eisbergsalat („Unter strengsten Datenschutzvorkehrungen gewaschen!“). Das Verdun des Detailhandels scheint vollends in die Sackgasse geraten zu sein.

15:02 – Karlheinz D. fällt als erster; der ranghöchste Supi-Kämpfer nestelt an einer blütenweißen Papierserviette, um die Waffenstillstandsverhandlungen einzuleiten. Ein Blick der Truppe zu Melinda H. genügt, und die stämmige Frau greift zu ihren Wurstwaren. Mit einer ganzen Lyoner (Handelsklasse I) streckt sie den Oberbefehlshaber nieder und verstaut ihn im Kühlraum. Wie zum Hohn baumelt die Wurst in der Vitrine: „Hergestellt in Brandenburg gemäß der Speziellen Relativitätstheorie!“

15:17 – Azubi Ole J. und Lagerist Chris W. haben es begriffen: der Krieg ist die höchste Steigerung menschlicher Leistung. Im Angesicht völliger Verderbnis, lallend und geschunden, schmeißen sie ohne Rücksicht auf Verluste Honig und Konfitüren in einen Bottich, überstrahlt von der Aufschrift: „Nicht im Widerspruch zum Grundgesetz!“ Längst befinden sich auch die Kaufdas-Söldner in Trance. Es gibt kein Entkommen mehr. Der Krieg ist zu Ende. Es gibt keinen Sieger.

15:28 – Unterdessen hat sich Karlheinz D. mit Hilfe seines Taschenmessers aus dem Supi-Kühlraum befreit. Sein ganzes Wesen schreit nach Vergeltung, auch wenn es möglicherweise seine letzte Handlung sein sollte.

16:03 – Während im Hauptquartier der Kaufdas-Generalität noch vereinzelte Stimmen zu hören sind, die über die kognitiven Dissonanzen zwischen Produkt (Kunststoff-Wäscheleine, 25 Meter, farbig sortiert) und Reklame („Für die schlanke Linie!“) diskutieren, schleicht sich Supi-Filialist D. hinter den Frischbacktresen, manipuliert mit einigen gezielten Griffen den Ofen und geht in Deckung.

16:04 – Nach wenigen Sekunden schwillt das sonore Summen knapp oberhalb der Hörschwelle bedrohlich an, doch da ist es auch schon zu spät: der überhitzte Backofen birst und speit spitze Stichflammen. Das mit Pappplakaten komplett verstopfte Ladenlokal brennt binnen weniger Augenblicke lichterloh. Schwarze Wolken quellen gen Himmel. Beim Eintreffen der Feuerwehr bemerken Schaulustige, wie Karlheinz D. mit rußverschmiertem Gesicht nach einer Schachtel Gebissreiniger in einem öffentlichen Papierkorb fischt. „Porentief ungezuckert“, stammelt er und lässt sich widerstandslos wegführen. So endet ein Tag in einer Kleinstadt, in der die Menschen einfach nur in Ruhe ein paar Einkäufe erledigen wollten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLVII): Vertreter

5 03 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht immer und überall, denn das ist einerseits eine Frage historischer Einordnung, andererseits stark davon abhängig, in welcher Region man seine Klappe aufreißt, kurz: nicht immer und überall beginnt der Tag mit einer Schusswunde, und ganz davon abgesehen sollte man vorher ausdiskutieren, wer die Knarre hat und wer beschossen wird. Manchmal muss man sich einfach bescheiden und lebt friedlich wohl besser, manchmal begreift man instinktiv, dass das, was einem da gegenübersteht, als Mensch zu dumm sein und als Schwein zu große Ohren haben könnte. Eine gefährliche Spezies verlangt nach harter Bestrafung, weil sie sonst vermutlich irgendwann die Weltherrschaft übernimmt: Vertreter.

Schon das aufreizende Schnarren der Türklingel klingt bei ihnen die entscheidende Spur nerviger als bei harmlosen Sektenmissionaren, die einem ein Viertelpfund Armageddon mit Schleifchen ans Ohr quaken wollen; kaum hat man den in braungraue Polyesteranzugfolie eingeschweißten Beknackten an der Außenseite der Schwelle entdeckt, könnte es Zeit sein, sich dem traumlosen Tiefschlaf, einer Runde Apnoeseilspringen oder einer mehrstündigen Meditation über einen zünftigen Kōan aus der Knochenbrecherklasse hinzugeben, denn sinnvolle Äußerungen sind vorerst nicht zu erwarten. Das Gesichtsschnitzel mit der Kunstlederaktentasche holt mal eben die aktuelle Halbjahreskollektion an Brechtüten, Schnirkelschneckensammeltassen und Staubsaugerfilterhalterersatzhandgriffen raus, um das aus seiner Perspektive arg- und wehrlose Opfer ins Koma zu seiern. Mit Erfolg. Drei Viertel der unvorbereiteten Bürger erliegen der Laberzirrhose und unterschreiben im Halbschlaf einen Sieben-Jahres-Vertrag, der sie verpflichtet, jeden Tag eine fabrikneue Basstuba mit Zubehör abzunehmen, Tragetasche, Polkanoten und Schrotflinte gegen lärmempfindliche Etagennachbarn. Die Branche der mittelgebirgischen Basstubadengelkleinklitschen ist gerettet, der jeweilige Seelsorger jault Jeremiaden und verflucht den Tag, an dem der Vertreter sich in den Landstrich geschlichen hat. Der Krieg beginnt.

Denn es ist egal, ob Blas-, Saug- oder Schranz-und-Häckselvorrichtung, der Propagandist vor der Haustür kommt in Kurzwaren, aber nie in Frieden. Er hat sich vorgenommen, seine Kasperade mit größtem Krach zu veranstalten, damit der Blutzeuge des Staubsaugerbeutels elend vor dem Auftragsformular einknickt und seine Sippe für einen hingeschwiemelten Schriftzug verscheuert. Gibt der an sich geistig gesunde Nichtschwimmer vor dem Kauf eines Taucheranzugs auf, dann lohnt sich das Dasein einer Koordinationsbrezel mit Musterköfferchen, denn die Resterampe im Hintergrund rückt die Provision raus. Sein Dasein beschränkt sich, Darmbakterien, Stoppschildern und Großkalibermunition vergleichbar, auf einen einzigen Zweck, und man muss ihn in keinem der Fälle unbedingt produktiv nennen.

Sollte nicht der personifizierte Staubsauger vor der Tür lungern, sondern ein Laberlurch im DDR-Gedächtnis-Jeansanzug, der sozial auffällige Fragen stellt: ob man etwa gegen entlassene Strafgefangene eingestellt sei, so empfiehlt sich unverzügliches Umschwenken auf eine andere körperliche Haltung. Einerseits kann man gegen den Drücker, der einem Klatschblatt und Primatenpostillen unterzujubeln versucht, mit einer leichten juristischen Finte vorgehen, indem zugibt, als hochgradig Bekloppter unterschriebe man sowieso jeden Scheißdreck, der Amtsrichter möllerte Vertragswerk hernach stets genussvoll in den Reißwolf; andererseits empfiehlt es sich, zuzugeben, seit der langen Haftstrafe, als man einen Teppichbodenverkäufer im Treppenhaus derart brutal zerschlagen hatte, dass die Behörden die Identität des Opfers nur noch aufgrund der miserablen Qualität seiner Schnürsenkel haben eruieren können, sei einem so gut wie nichts mehr fremd, und der Bewährungshelfer habe gerade noch Mut gemacht: wenn nun kein Vertreter mehr auftauche, der einen in Blutrausch versetze, sei eine günstige Sozialprognose anzunehmen.

Der Schlag trifft einen immer dann, wenn man sich samstags nach einem längeren Mahl in die Ruhephase zurückziehen will, um des Privaten sich zu befleißigen. Die Galle quatscht schaumförmig zu den Ohren heraus, wenn man bereits derart im Privaten sich befindet, dass die Arschkrampen einem am Telefon auflauern und dieselbe Scheiße in akustischer Form hochkochen. Den Hörer ans Ohr gepresst lauscht man zitternd dem tollen neuen Gartenzwerg-Sonderangebot, das das Callcenter im Fettdruck vorquäkt. Das soll Begehrlichkeiten erzeugen, und es weckt wirklich Wünsche, vor allem denjenigen, dem beteiligen Trötenkönig auf fernmündlichem Weg Blümchenmuster in den Neocortex zu fräsen oder anderweitig zu mittelalterlichen Strafen zurückzukehren.

Es bleibt zu hoffen, dass weniger Zahnbürsten und Hundezeitschriften, Kaffeemaschinenentkalker und Stützstrümpfe das Sortiment der Vertreterbande ausmachen. Eine Basstuba eignet sich nämlich viel eher dazu, den Behämmerten zu zeigen, dass sie sich besser eine Lebensversicherung hätten aufschwatzen lassen sollen. Wozu, fragt man, gibt es schließlich Vertreter.