Neuartige Viren

22 02 2021

„… eine Lizenz für die Gesamtausgabe des Brockhaus erworben habe. Diese könne allen Schülerinnen und Schülern in Nordrhein-Westfalen unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, um den Unterricht noch besser zu…“

„… nur im Präsenzunterricht geleistet werden könne. Zu Hause seien Eltern mit pädagogischer Unterstützung ihrer Kinder überfordert und müssten ihre Arbeitsleistung einschränke, was zu…“

„… die Nutzungsgebühr 2,6 Millionen Euro für insgesamt drei Jahre betrage. Gebauer gehe davon aus, dass angesichts ihrer politischen Maßnahmen die Pandemie nicht vorher, sondern eher noch…“

„… seien Klassenräume viel größer als ein durchschnittliches Wohn- oder Arbeitszimmer, was ein effektiveres Lüften ermögliche. Laschet fürchte erhebliche gesundheitliche Einschränkungen bei Schülern, die eine spätere Berufsausbildung…“

„… nicht auf häuslichen Computern genutzt werden könne. Die Lizenzbedingungen würden voraussetzen, dass der Zugang ausschließlich auf den Schulrechnern gewährt würde, um keine private Nutzung durch unbefugte Dritte oder Schüler aus anderen Bundesländern, die nicht von…“

„… nicht vorab auf ihre Funktionsfähigkeit getestet habe. Gebauer wisse nicht, wie man einen Computer anschalte, dies erledige ein Mitarbeiter für sie, der sonst mit Reinigungsaufgaben oder…“

„… eine zusätzliche Zugangssoftware erfordere, die aus rechtlichen Gründen allerdings nur von den Lehrern der jeweiligen Schule installiert werden dürfe. Bertelsmann als Lizenzgeber habe andere IT-Mitarbeiter oder Schüler mit Computerkenntnissen abgelehnt, da dies vertraglich ausgehandelt und…“

„… habe die Landesregierung schon so viel in die Enzyklopädie investiert, dass man nicht nach Belieben Luftfilteranlagen kaufen könne, wie sie im Landtag von Nordrhein-Westfalen oder den…“

„… es nicht ausreichend Computer für alle Schülerinnen und Schüler in NRW gebe, so dass das digitale Nachschlagewerk gar nicht in vollem Umfang nutzbar sei. Gebauer habe allerdings darauf hingewiesen, dass es auch nicht ausreichend Lexika für alle Schulen gebe, so dass ihr Lizenzkauf einen riesigen Schritt in Richtung Digitalisierung der…“

„… an anderer Stelle Sparmaßnahmen in den Schulen vornehmen müsse. Die Landesregierung habe angeregt, das für Lehrkräfte erforderliche Diensthandy durch Dosentelefone zu ersetzen, die der Sohn des Ministerpräsidenten in großer Menge für einen Verkaufspreis von nur…“

„… die Anschaffung zusätzlicher Rechner ein weiteres haushaltsrechtliches Problem darstellen würden. Auch bei einer kostenneutralen Lösung dürfe nur die bisher nutzbare Anzahl an Computern auch genutzt werden, da Gebauer die Lizenz für eine definierte Anzahl an Arbeitsplätzen, die bis zum 1. April 2021 angemeldet worden seien, sowie zwei bis drei für das Ministerium…“

„… sich eine Offline-Ausgabe des Brockhaus in zahlreichen öffentlichen Bibliotheken befinde, so dass auch in den Ferien oder für die unteren Klassenstufen eine ausreichende Versorgung mit…“

„… die Passwortherausgabe nicht geregelt sei. So dürfe ein Schüler zwar bei nicht ausreichender Zahl an Computern im Unterrichtsraum bei anderen mit auf den Bildschirm schauen, beim Vergessen des eigenen Passworts werte Bertelsmann dies als widerrechtliche Nutzung und werde Bußgelder in Höhe von mehreren tausend…“

„… zu theoretisch sei. Laschet habe im Kabinett eine rasche Reform der Lehrpläne angeregt, um die praktischen Anteile der Schulausbildung durch neue Unterrichtsfächer wie Küchenbau oder…“

„… im Falle eines erneuten Shutdowns nicht die Rechner in die häusliche Umgebung der Schüler transportieren dürfe, da die mit Bertelsmann verhandelten Nutzungsbestimmungen dies nicht…“

„… reiche es nach Ansicht Laschets völlig aus, die Fenster auf dem Computer regelmäßig zu schließen und neu zu öffnen, ohne die Kosten für Luftfilteranlagen in allen Klassenräumen zu…“

„… einfach vergessen habe. Ohne Funktionen wie Kopieren und Drucken von Inhalten der digitalen Enzyklopädie sei beispielsweise die Übernahme in Arbeitsblätter oder Referate nicht möglich. Da Gebauer davon ausgegangen sei, dass Schüler Bildschirminhalte lieber handschriftlich notieren würden, sei dies im Lizenzvertrag nicht…“

„… wolle das Kultusministerium Pädagogen die Unterrichtsvorbereitung erleichtern. Wie das Büro der Ressortleiterin mitgeteilt habe, werde man in vielen Schulen Tablets als Leihgeräte zur Verfügung stellen, mit denen sich Lehrer in den Ferien oder am Wochenende mit einer DVD-Ausgabe der…“

„… nach den ersten Testläufen immerhin gut verlaufe, auch wenn das Umblättern der Seiten mehrere Minuten in Anspruch nehme. Das nordrhein-westfälische Kultusministerium weise in diesem Zusammenhang jede Kritik an Bertelsmann zurück, da sich dieser technische Mangel durch die geringe Ausstattung an Arbeitsspeicher auf den Schulcomputern ergebe, für die man mehrere hunderttausend Euro und…“

„… man am Smartphone-Verbot in den Schulen weiterhin festhalte. Die Landesregierung fürchte, dass durch Hackerangriffe auf das Lexikon Inhalte gelöscht oder nicht mehr allen Schülern vollständig zur…“

„… offenbar nicht auf dem aktuellen Stand sei. Der Erdkundeunterricht nutze beispielsweise noch Kartenmaterial einer älteren Auflage, in der die Exporte von Rohkautschuk und Nilpferdzähnen aus Deutsch-Ostafrika ins Königreich Bayern mit…“

„… fehlende WLAN-Kabel nicht von Lehrern oder Eltern aus privatem Bestand ersetzt werden dürften. Laschet könne durch familiäre Kontakte bis zu zehn Millionen Kilometer Computerschnur samt notwendiger Stecker zu einem Preis von nur…“

„… sich neuartige Viren durch den Download verbreiten könnten. Zusätzliche Sicherheits- und Schutzmaßnahmen halte Gebauer jedoch für nicht notwendig. Die Landesregierung kenne sich zwar nicht mit Viren aus, könne aber über alles Aussagen treffen, was auf wissenschaftliches…“

„… Lüftungsanlagen frühestens 2027 in den Schulen aufgestellt werden könnten. Bis dahin, so die Landesregierung, werde auch dank der in den Klassenräumen entstehenden WLAN-Strahlen die Keimbelastung auf ein wesentlich geringeres…“

„… weise Bertelsmann die Kritik zurück. Es sei Schülern durchaus zuzumuten, ausschließlich mit einem Lexikon ohne didaktische Aufbereitung zu arbeiten. Gebauer habe dem zugestimmt. Da sie auch nicht wisse, was ‚didaktisch‘ heiße, könne sie sich inhaltlich gar nicht mit diesem…“

„… dass Wikipedia nicht als Ersatz für eine redaktionell betreute Lexikonreihe tauge. Im Gegensatz zum Brockhaus seien hier zu viele Bilder enthalten, die eine Ablenkung für die Schüler durch die verlängerten Ladezeiten der…“

„… Artikel im Band I – L noch in Frakturschrift gesetzt seien. Das Kultusministerium wolle zeitnah Lehrkräfte aus dem Ruhestand wieder in den Unterricht einbinden, um die Schüler so schnell wie möglich mit dem…“

„… es für viele Schüler durch pandemiebedingt schlechte Lernleistungen kaum noch Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt geben werde. Laschet sei dennoch zuversichtlich, zahlreiche Menschen ohne Bildungsabschluss als Kultusministerin oder im…“





Lauch

2 02 2021

„Wobei ich auch immer wieder festgestellt habe, dass sie total humorlos sind.“ „Vor allem haben sie absolut keine Ahnung, wie man über sich selbst lacht.“ „Doch, ab und zu macht das mal einer.“ „Also Sie meinen professionelle Kabarettisten?“ „Das ist dann nur eine einstudierte Rolle.“ „Also Nestbeschmutzung als Geschäftsmodell.“ „Typisch deutsch halt.“

„Man darf das eigentlich gar nicht sagen, sonst wird man gleich als Rassist bezeichnet.“ „Dass man die Mehrheit hier rassistisch findet?“ „Als Mehrheit darf man das sowieso nicht sagen.“ „Das liegt aber auch an dieser deutschen Eigenschaft, dass man natürlich kein Rassist ist, aber alle anderen sind natürlich Rassisten, weil sie einen als Rassisten bezeichnen, sobald sich einer von ihnen als Rassist outet.“ „Das liegt vermutlich daran, dass sie sich immer als ganzes Volk angegriffen fühlen, wenn ihnen einer Nationalismus vorwirft.“ „Manche reagieren dann sogar gewalttätig.“ „Das erkennt man aber daran, dass es Einzelfälle sind.“ „Können die sich denn in der Öffentlichkeit nicht irgendwie anders artikulieren?“ „Was artikulieren?“ „Dass sie als Mehrheit unterdrückt werden.“ „Naja, in der Öffentlichkeit darf man das jedenfalls nicht mehr sagen, sonst wird man gleich unterdrückt.“ „Klar, dann bleibt einem natürlich nur noch Gewalt.“

„Lassen Sie uns bei diesem Thema bleiben: ist es denn gerechtfertigt, dass Deutsche sich zur Wehr setzen, wenn sie sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse angegriffen fühlen?“ „Das Problem ist, Deutsche setzen sich gleich zur Reichswehr.“ „Die wollen ja gar nicht über Diskriminierung sprechen, schon gar nicht vorurteilsfrei.“ „Meinen Sie, die müssten sonst zugeben, zu Recht diskriminiert zu werden?“ „Sie müssten zugeben, dass sie das nur für die eigene Opferrolle behaupten.“ „Das ist eine schwere Anschuldigung!“ „Das fällt aber auch auf fruchtbaren Boden.“ „Wenn ich mir vorstelle, dass man mit solchen Rechtfertigungsmodellen schnell eine enorme Gefolgschaft in den sozialen Medien generieren kann, dann ist das schon plausibel.“ „Sie unterstellen den Deutschen ein gezieltes Vorgehen, das sich…“ „Es sind ja auch nicht alle dumm.“ „Und diese Mechanismen sind seit vielen Jahren produktiv.“ „Da ist vieles historisch bedingt, von den großen Einwanderungswellen unter Friedrich dem Großen angefangen.“ „Und dann haben diese Osteuropäer den deutschen Bergarbeiter ja fast verdrängt.“ „Das sind nationale Traumen.“ „Mag ja alles sein, aber sie haben seit Jahrhunderten immer wieder die Chance gehabt, sich in eine stark von Einwanderung Technologie- und Kulturtransfer geprägte Gesellschaft zu integrieren.“ „Hm, ja.“

„Hätten wir nicht einen von denen fragen sollen, die sich diskriminiert fühlen?“ „Auf der anderen Seite, haben Sie Lust, sich dieses ewige Gejammer anzuhören, dass Deutscher sein inzwischen wie eine Straftat behandelt wird?“ „Das kennt man auch aus ihren Zeitungen.“ „Und sie werden auch in manche Sendungen eingeladen, wo sie immer wieder diese alten Geschichten erzählen.“ „Also wenn man etwas als Geschäftsmodell bezeichnen sollte, dann ja wohl das!“ „Sich diskriminiert fühlen und dafür noch Startgeld kassieren!“ „Widerlich!“ „Dafür habe ich echt kein Verständnis mehr.“ „Wobei wir jetzt genau genommen nicht sehr fair sind, in einer solche Debatte sollte man auch Betroffene zu Wort kommen lassen.“ „Um sich mit Geschichten aus dem Paulanergarten zu langweilen?“ „Anekdotische Relevanz ist eben meist aus einer gewissen Hysterie gespeist.“ „Verstehe, bedauerliche Einzelfälle.“

„Meinen Sie denn, dass der Eindruck, durch Sprache diskriminiert zu werden, auch die Realität widerspiegelt?“ „Wenn wir alles verbieten würden, wodurch sich andere angegriffen fühlen könnten, dann hätten wir gar keine Meinungsfreiheit mehr.“ „Das muss der Diskurs schon aushalten, dass man auch mal Einzelmeinungen toleriert.“ „Und das mit dem Humor ist ja auch kein Einzelfall.“ „Wir reden hier jetzt nicht von Beleidigungen oder verbaler Gewalt, aber wenn man die als Kartoffel…“ „Ja, das Argument kennen wir – die Kartoffel kommt ursprünglich aus Südamerika, das stellt die Identität der Deutschen in Frage.“ „Aber die fühlen sich ja schon angegriffen, wenn sie als Lauch bezeichnet werden.“ „Lauch?“ „Das habe ich jetzt nur für ganz bestimmte Gruppen in Erinnerung.“ „Nach dem Verständnis dieser Deutschen darf aber auch nur ein Deutscher entscheiden, ob irgendetwas objektiv als Beleidigung gemeint ist.“ „Der Diskurs muss also auch aushalten, was manche nicht hören können?“ „Das würde ich dann aber nicht mehr als objektiv bezeichnen.“ „Also wenn ich jetzt einen Deutschen als Bleichgesicht anspreche, dann hat der doch aus sozialgeschichtlicher oder kulturgeschichtlicher Sicht auch immer die Chance, das positiv bewerten zu können.“ „Das sind eben die Erfahrungen, die zum Teil über Generationen…“ „Und weil diese Scheißkartoffel im Geschichtsunterricht gepennt hat, soll ich jetzt Rücksicht nehmen!?“

„Wo sehen Sie denn Wege aus dieser Krise?“ „Wieso Krise?“ „Ich bin gegen Diskriminierung, aber irgendwann muss auch mal gut sein.“ „So sehe ich das auch.“ „Ich sehe das pragmatisch, wenn die den Eindruck haben, sie könnten hier nicht mehr leben, wir hindern sie nicht am Auswandern.“ „Da der Deutsche ja alles besser kann und sich fürs Fernsehen beim Auswandern filmen lässt, ist doch alles gut, oder?“ „Liebe Zuschauer, das war unsere heutige Talkrunde Deutschland direkt live aus Studio C, morgen erwartet Sie an dieser Stelle Markus Willberg mit Zur Sache. Wir wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIX): Die Internetmetamorphose

29 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Lernen durch Nachahmung stand bei der Sippe an der westlichen Felswand hoch im Kurs. Wie Rrt Geschick bewies beim Abstreifen der Buntbeeren vom Strauch, so machten es auch andere nach, um die Beikost zur Säbelzahnziege zu sichern. Mit zunehmendem Schädelvolumen stieg auch das zum Überleben notwendige Wissen; nach und nach beschäftigten sich die Hominiden mit Ackerbau, Viehzucht, Drogen und schließlich der Vernichtung des Planeten durch bunte Blechkisten, die immer größer sein mussten als die Blechkisten vor der Hütte des Nachbarn. Berufe entstanden, Bäcker und Arzt, Investmentbanker und Totengräber, und die Kenntnisse spezialisierten sich zwangsläufig – irgendwann war es nicht mehr egal, ob man gerade Menschen unter den Acker pflügte oder eine ganze Volkswirtschaft. Allmählich setzte das Vertrauen ein, dass die Pausenclowns an den Schnittstellen der Kompetenz etwas abverlangte: die leise Ahnung dessen, was sie schafften. Ansonsten holten Meister und Richter schnell den Hammer hervor und taten das Ihrige. Gut, dass wir heute das Internet haben.

Die schlecht gefeudelte Echokammer auf den digitalen Endgeräten ist noch immer voller Dackel, die sich als Bundestrainer ausgeben. Früher, als wir alle noch am Stammtisch saßen, war es schwieriger, sich als Fachkraft für Expertenwissen auszugeben, falls man nicht heimlich Handbücher im Rucksack mitgeschleppt hatte: ‚Raketenwissenschaft für Dummies‘, ‚Wie werde ich Bundeskanzler‘ oder ‚Alles über Jurististik (mit 666 Angeberfragen)‘. Bestand der vordergründige Vorteil auch darin, die anderen Klötenkönige vorübergehend an die Wand labern zu können, irgendwann hat es sich immer gerächt. Jeder Bauer, der zufällig die Wirkung von nichtkompetitiven Antagonisten erklären konnte, galt nur bis zum dritten Schnaps als die Kanone der Pharmazie westlich der Unterweser, abgesehen von anderen Erklärversuchen der Scherungsdynamik von Festkörpern oder des Verstrickungsbruchs. Das aber lässt sich schon durch eine Verschiebung des Kommunikationskanals bewerkstelligen.

Wie wunderbar einfach schwiemelt sich der durchschnittliche Dumpfschlumpf ein Profil aus dem bisschen Person, das er mit sich schleppt, und wie distinguiert schmückt er sich noch mit allerlei Gefieder, das Google gefällig hervorwürgt aus dem Gewölle des Datenmülls. Eben noch ein normaler Versicherungsangestellter, vom Rechnen mit einer Unbekannten körperlich überfordert, jetzt schon Fachmann für Sachen, Prozesse und Gedöns. Muss manch anderer aufwendige Artefakte beibringen, damit man ihm das Medizinstudium abkauft, mutiert der Realitätsallergiker flugs zum Chefarzt, hat schon Dutzende von Blinddärmen durch die Nase entfernt, den Nobelpreis von Dingenskirchen gewonnen und seinen eigenen DSM-Code. Allein dies ließe sich auch mit einem weißen Kittel und dem Stethoskop aus dem Onkel-Doktor-Koffer bewerkstelligen. Profis durchlaufen blitzartig und anfallsweise eine Metamorphose, und zack! sind sie Autoritäten auf dem Gebiet der abstrakten Algebra – je abstrakter, desto besser.

Nach dem Grundsatz diverser Parallelexistenzen aus Coaching und Lebenshilfe, dass Wollen gleich Können ist, glauben wir alles. Was erwartet man schon von Grützbirnen mit Bausparerabitur, die nach trockenem Husten eine Krebsdiagnose aus dem Netz popeln, am Rande des Wahnsinns ein Geländer aus Stahlseilen aufzustellen oder den Rasen mit Nitroglycerin zu sprengen. Da Angebot und Nachfrage oft knirschend kollidieren, decken die Koryphäen spielend und oft gleichzeitig Börse, Atomenergie, Terrorismus und profunde Kenntnis der Weltgeschichte ab, je nachdem, was Wikipedia gerade im Angebot hat. Wer auch immer zuerst die Idee hatte, als Profi für Pinselschimmel die Foren des Heimwerkerparalleluniversums zu entern, hier lauerte ewiger Ruhm. Oder eine Chance auf den Titel als dümmster Flusenlutscher aus Kohlenstoff.

Wahre Helden erkennt man vermutlich daran, dass sie nach ihrem Gestaltwechsel auch genau begründen können, warum sie keinen blassen Schimmer hatten. Manche von ihnen, die Talent und Neigung zum Psychopathen vorweisen, wären gar in der Politik gut aufgehoben, weil sie auf ihr dümmliches Geseier von eben gerade keinen Wert mehr legen. Vielleicht rettet sich einer mit absolut null Ahnung in die Wirtschaftsnachrichten, um das Evidente mit viel Getöse zu verschwurbeln, um bei Gelegenheit in einen astrologischen Spartenkanal zu wechseln, wo es dann auch schon reißpiepenegal ist, wer was warum unter sich lässt. Hinderlich könnte hier nur sein, dass der Halbgott auf Entzug nicht sieht, welches Chaos er mit seinem porösen Verbalgranulat hinterlässt, denn darauf kommt es ihm wohl an: dass es manche gibt, die sich von Realität und Schmerzen nicht beeindrucken lassen, wenn sie der Stimme der Beklopptheit folgen.

Irgendwann, wenn das Internet verfilmt wird, ersetzt man sie durch billige Special Effects, weil so viel Dummheit nicht mehr in drei Dimensionen passt. Aber wie kriegt man das am billigsten hin, ohne das Raum-Zeit-Kontinuum zu verdeppern? Ich frage für einen Freund.





Echte Männer

27 01 2021

Der Auslieferungsfahrer schwitzte. Der Karton war ziemlich groß, ziemlich schwer und dazu noch mit den scharfkantigen Packbändern versehen, an denen man sich sofort die Finger aufriss, wenn das Paket zu rutschen begann. Und es rutschte sofort. „Halb so wild“, erklärte Siebels. „Wir sind versichert. Sie werden gleich sehen, warum.“

Zwei andere Posten Stückgut lagen schon auf dem Wägelchen, das in den Hof rollte. „Drehen wir im Freien?“ Der TV-Produzent nickte. „In dieser Atmosphäre finden die Zuschauer das interessanter, und wir können mit der Drohne auch hervorragende Aufnahmen von oben machen.“ Im Garageneingang standen ein Rollschrank mit allerlei Werkzeug und ein Kosmetikkoffer. „Der Visagist sollte wissen, was er da tut.“ Siebels warf seinen Becher in den Müllsack neben dem Eingang. „Obwohl es bei der Knalltüte auch keinen Unterschied mehr macht, was man ihm ins Gesicht schmiert.“ Der Maskenbildner werkelte an Michi Wunder herum, seiner Ansicht nach einer der größten Schlagersänger überhaupt. „Ich will die Augenbrauen breiter“, pöbelte der Musikant, „und schmier mir hier nicht die Hose voll!“ „Das lässt er sich gefallen?“ Siebels zog die Augenbrauen hoch. „Der Visagist? Aber ja doch.“ Ein Helfer reichte ihm neuen Automatenkaffee. „Er sieht ja später zu, wie es ausgeht.“

Gänzlich ungewohnt trat Herr Wunder in einer Art Blaumann mit Glitzer in den Hof und sah dabei aus, als hätte sich Elvis in eine Klempnerei verirrt. „Wir drehen!“ Schon griff er nach einem der drei Umschläge – Gold, Silber oder Platin – die auf dem Tischchen vor ihm lagen. „Verstehe“, murmelte ich, „deshalb auch die drei Pakete.“ „Wir haben jetzt erst mal eine Viertelstunde Pause“, flüsterte Siebels zurück. „Setzen Sie sich auf den Hocker, es wird ein bisschen dauern.“ Tatsächlich mühte sich die geschniegelte Trällerfigur mit manikürten Nägeln an der Pappe ab, bis nach gut zwanzig Minuten der Regieassistent verstohlen einen Schraubendreher in die Luft hielt. „Sehr gut“, grinste Siebels. „Genug Material für eine Folge mit Outtakes, zwei bis drei Trailer und Bonusmaterial für registrierte User.“

Mich interessierte mehr, wie er es selbst an den entlegensten Orten der Welt schaffte, nach Plastik schmeckenden Kaffee in Pappbechern zu besorgen, aber da hatte Michi den Karton schon geöffnet. Das ungünstige Verhältnis von Geschicklichkeit zu Schwerkraft ließ die weiß lackierten Bretter auf den mit Steinplatten ausgelegten Boden des Innenhofes purzeln. Ein lautstarker Fluch beendete die Szene. „Danke“, näselte der Aufnahmeleiter. „Fünf Minuten.“ Unser Wunderknabe war den Tränen nah. „Es wird noch besser“, erklärte Siebels. „Sie haben das Konzept der Sendung, und glauben Sie mir, es wird sehr gut.“

Zehn Minuten und eine schnelle Schminkeinheit später war alles wieder bereit. Siebels verfolgte den Ablaufplan auf seinem gewohnten Klemmbrett und blickte aufreizend desinteressiert, während unser Schlagerstar ein halbes Dutzend Regalbretter, die Seitenteile und diverse Schrauben sortierte, sie sich in der Verpackung befunden hatten. „Ich kenne das nur zu gut“, befand ich, aber der Fernsehmacher ließ mir keine Gelegenheit für Selbstmitleid. „Er wusste, dass er sich auf ein richtiges Abenteuer einlässt, und das hat er jetzt davon.“ Noch verstand ich nicht, aber Siebels klärte mich auf. „Das Format heißt Echte Männer, und genau darum geht es auch.“ Michi fielen gerade drei Böden nacheinander zusammen, da er sie an ein schräg gestelltes Brett angelehnt hatte. „Wir haben jede Menge Material, mit etwas Glück reicht es für einen Jahresrückblick. In diesen Zeiten ist man immer froh für etwas Ablenkung.“

Unser Showstar hatte gerade eben die Tüte mit den Schrauben entdeckt. Diese sahen auf den ersten Blick alle gleich aus, es handelte sich allerdings um doch recht unterschiedliche Objekte, wie er der Aufbauanleitung hätte entnehmen können, wenn er sie denn gelesen hätte. „Tragisch“, kicherte der Aufnahmeleiter. Dabei hatte er gerade den besten Augenblick zu drehen verpasst, als Michi den Hammer in den Spanplattenhaufen schleuderte. „Es spricht ja auch so für sich“, meinte Siebels. „Die Story passt einfach: ein Aufziehaffe scheitert an einem billigen Bücherregal. Dem nehme ich doch alles ab.“ Da hatte unser Hauptdarsteller auch schon angefangen, auf die Bretter zu schimpfen. „Mir war jetzt nicht klar, dass die Bundeskanzlerin befohlen hatte, schwedische Regale so zu designen, dass man sie als weißer Mann ohne Migrationshintergrund nur aufbauen kann, wenn ein mit jüdischem Geld nach Deutschland geschleuster Flüchtling zur Hilfe kommt und einem dann den Job wegnimmt.“ Der Aufnahmeleiter drehte sich eine Zigarette; dies hier würde bestimmt länger dauern.

Wir ließen ihn wüten. „Lassen Sie sich nicht beeindrucken“, sagte er und nippte am Kaffee, „für Geld machen Leute wie der alles, weil sie ohnehin keinen Ruf mehr zu verlieren haben. Wir achten in der Vertragsgestaltung nur darauf, dass er hinterher die Klappe hält.“ Der Auslieferungsfahrer hatte unterdessen Teppich in Studio 5 verlegt, bevor zwei Möbelpacker eine Sitzgruppe mit Schrankwand und diverse Leuchten aufgebaut haben. „Vorsicht mit den Kabeln“, warnte die Regieassistentin. „Der Staubsauger ist da.“ Siebels nickte befriedigt. „Sehr gut, dann haben wir heute zwei Folgen im Kasten.“ Die Lichtprobe lief, der Visagist trug seine Koffer rein. „Noch zehn Minuten“, rief die Assistentin. „Friedrich Merz ist fast fertig.“





Rechenschieber

14 01 2021

„… habe die ARD beschlossen, während des Lockdowns drei Stunden täglich Lernformate im Fernsehen anzubieten, die für alle Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen…“

„… nicht mit der Kultusministerkonferenz abgestimmt worden sei, so dass sich teilweise eine Redundanz zu den Lehrplänen der Fächer Deutsch, Gemeinschaftskunde und Physik in Hessen und dem Saarland, in Mathematik und Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Untersekunda in Baden-Württemberg sowie in Englisch und…“

„… habe Scheuer gegen die TV-Übertragungen entschieden protestiert. Deutsche Schulen seien erst seit etwa zwanzig Jahren an das Interwebnetz angeschlossen, die verfrühte Informationsdominanz durch das lineare Fernsehen könne schnell alle Fortschritte des Netzkompetenzaufbauprogramms der Bundesregierung im Keim…“

„… werde der Bayerische Rundfunk die von der ARD und ihren Spartenkanälen angebotenen Lerninhalte nicht mittragen. Ein für alle Klassen verpflichtender katholischer Religionsunterricht müsse in ausreichendem Maße berücksichtigt werden, um die sittliche Verrohung durch den außerschulischen Unterricht möglichst…“

„… auch Sendungen des BBC in den täglichen Lehrplan aufnehmen wolle. Nach Ansicht der Kultusminister könne man so das Fach Englisch komplett einsparen und habe mehr Freiräume, die Schüler durch praxisnahe Inhalte wie Latein und…“

„… befürchte Buhrow den Rückgang von Werbeeinnahmen. Es sei allerdings möglich, die pädagogischen Formate durch beliebte Sendungen wie Sturm der Liebe aufzulockern, um eine nachhaltige Zuschauerbindung bereits jetzt zu…“

„… bestehe der Plan der von Merkel dirigierten Systemmedien darin, das Jungvolk moralisch zu versiffen. Die Häufung der Beiträge im Fach Kunst über jüdische oder homosexuelle Maler sei der Versuch der von Bill Gates gesteuerten Kanzlerin, eine ganze Generation zum Hass auf die deutsche Kultur zu erziehen. Gauland werde dem nicht ohne eine Klage vor dem…“

„… aus Kostengründen alte Sendungen aus dem Schulfunk der dritten Programme wiederholen wolle. Thüringen und Sachsen hätten jedoch empört gegen eine neuerliche Vernachlässigung ihrer Bundesländer gefordert, den Rundfunkbeitrag nicht mehr an die…“

„… dass die politische Gliederung Deutschlands in sechzehn Bundesländer zwar wichtig sei, im Lehrplan der Klassenstufe 5 jedoch zwingend die Größe der Regenwälder sowie die Nebenflüsse des Amazonas und der…“

„… kritisiere die Kultusministerkonferenz vor allem die mangelnde inhaltliche Tiefe der Beiträge. Ein Film über die moderne Großstadt als Wohn- und Naturraum müsse unbedingt einen Exkurs über die Notwendigkeit ständiger Mietsteigerungen beinhalten, da sonst falsche Vorstellungen vom Sinn des Schulunterrichts bei den…“

„… es allerdings nicht mehr möglich sei, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Sendungen von 1970 zu wiederholen, da der zur Durchführung der Übungsaufgaben erforderliche Rechenschieber nur noch in wenigen Haushalten im…“

„… nur wissenschaftliche Einzelmeinungen abbilde. Der Verband Kritischer Eltern wolle nicht hinnehmen, dass die Evolutionstheorie als absolute Wahrheit dargestellt werde, ebenso fordere die Bundessprecherin eine Wahlfreiheit, ob die Erde als Scheibe oder…“

„… den Geschichtsunterricht bewusst entstellt habe, um alle Deutschen in den Schuldkult zu treiben, der nur in der ewigen Befriedigung gieriger Juden enden könne. Höcke werde sich vor dem…“

„… es mehr Kontrollen über den Lernerfolg geben müsse. Söder mahne an, dass für die frei verfügbaren Lerninhalte keine Erfolgskontrolle und eine kommentierte Lehrerausgabe der Filme im Netz zu finden sei. So könne sich jeder Schüler eine freie Meinung bilden, was nicht im Sinne des…“

„… die Beiträge deutlich straffen und mit erhöhter Geschwindigkeit abspielen müsse. Die Kultusminister würden befürchten, dass sich die Verkürzung der Schulzeit auf maximal zwölf Jahre sonst nicht abbilden lasse, was zu einer drohenden Untauglichkeit der Schüler für das Arbeitsleben…“

„… bedürfe es lediglich eines Fernsehers oder eines digitalen Endgerätes, um den Sendungen zu folgen. Es sei für Heil nicht Aufgabe des Staates, sozial schwachen Familien diese Technik über den ALG-II-Regelsatz zu finanzieren, außerdem liege es natürlich im Ermessen jedes einzelnen Bürgers, ob er sich Kinder anschaffe oder weiterhin als…“

„… die Filme über den Reichstagsbrand, den Polenfeldzug sowie die Judenverfolgung und den Holocaust als sehr gute Aufbereitung des Materials für die gymnasiale Mittelstufe bezeichnet habe. Es sei jedoch erforderlich, so Seehofer, dass nach jedem dieser Clips ein Warnhinweis vor der Antifa, die sogar Autofenster zerstören würden, um ihre menschenverachtenden und…“

„… scharfe Kritik an den Aussagen der ARD geübt habe, dass die Kinder die Lerninhalte von den Eltern begleitet anschauen sollten. Dies könne auf Dauer aber dazu führen, dass ihre wirtschaftliche Leistung durch die ständige Betreuung ihrer…“

„… beides verbinden wolle. Die Kultusminister hätten angeregt, alle Schüler im privaten Rahmen zu versammeln, um den Schulfunk zu sehen. Eltern seien damit wieder arbeitsfähig und hätten keine Infektionen im schulischen Rahmen mehr zu…“





Versatzstücke

17 12 2020

„An Ihrer Stelle hätte ich das anders gesagt, aber ich bin ja nicht Sie.“ „Danke!“ Hans Fritz, derzeit der größte Charakterdarsteller der vergangenen zehn Jahre, schritt wieder von der Freitreppe am städtischen Schwimmbad herunter. „Nehmen wir“, knurrte Siebels. „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Inzwischen hatte Fritz die Krawatte gewechselt, einen hellen Sommermantel übergestreift und sich in einen silbernen Sportwagen am Fuß der Treppe gesetzt. „Und bitte!“ Der Schauspieler riss hastig die Fahrertür auf, stieg aus und rannte die Straße entlang, bevor er sich an den Kopf fasste und zum Auto zurücklief. „Das Licht“, fluchte es hinter uns. „Jut, machen wa noch een.“ Siebels nippte an seinem Automatenkaffee. „Wir machen die Szene dann auch noch mal ohne Mantel.“ Der Regisseur wollte etwas einwenden, nickte aber ergeben. So schnell würde er keinen ganzen Drehtag mehr mit Hans Fritz und Linda Borowki bekommen.

Die Nachwuchsdiva hatte durchaus einen Ruf zu verteidigen. Ihre Schuhe waren nicht im für sie passenden Schwarzton. Sie schrie den Mitarbeiter aus der Garderobe an. Der Regieassistent tupfte sich den Schweiß ab. „Sie soll gleich die Szene im Fahrstuhl machen“, stöhnte er, „da sieht man die verdammten Schuhe sowieso nicht.“ „Kamera III läuft.“ „Es handelt sich um eine Deckenkamera“, informierte mich Siebels. „Wir haben nur einen normalen Fahrstuhl auftreiben können, also haben wir ein Weitwinkelobjektiv in die Kabinendecke eingebaut und machen eine kurze Einstellung während der Fahrt und eine, in der ein Komparse mit einer Menge Aktenordnern einsteigt.“ Borowki spielte die Anwältin eines Großkonzerns, die auf eigene Faust einen Insiderhandel aufdeckt. „Geben Sie der Dame irgendwelche Schuhe“, flüsterte der Produzent. „Ich kann dieses hysterische Gefasel nicht mehr hören.“

Unterdessen zwängte Fritz sich in einen zu engen Lederkombi – oder er hatte zwischen Casting und Dreh ein bisschen zugenommen – und setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Ich blickte Siebels an. „Ich will Ihnen ja keinen Vorwurf machen, aber offenbar hat keiner an dieses Motorrad gedacht.“ Er warf den Becher mit geübtem Schwung in den Papierkorb. „Wenn Sie das Buch gelesen hätten“, antwortete er ruhig, „dann wüssten Sie, dass man ihm gerade das Motorrad gestohlen hat.“ „Und bitte!“ „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Fritz schien der Hals zu platzen. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ „Er ist ein richtiger Profi“, erklärte die graue Eminenz der deutschen Fernsehunterhaltung. „Andere würde so eine Szene uninspiriert wegspielen, er aber steigert sich regelrecht in seinen Text rein.“ Johnny, der Altrocker, schmiss wutentbrannt seine Handschuhe aufs Pflaster. Der Regisseur strahlte.

Anders bei Linda Borowki, die zu langsam auf den Fahrstuhl zuging. Es fehlte ihr an Nervosität, sie sollte in wenigen Minuten ihr Unternehmen in Gefahr vorfinden. „Glatte Fehlbesetzung“, meinte ich, doch auch das sah Siebels anders. „Haben Sie innerhalb der letzten Jahre…“ Ich schüttelte bereits den Kopf, doch wollte ich den TV-Produzenten nicht unterbrechen. „… irgendwelche Serien gesehen, die sich durch besondere Originalität ausgezeichnet hätten?“ Mein Schweigen schien Schuldeingeständnis zu sein. „Die ganze Wirkung beruht auf Dialogen, die sich selbst für witzig halten. Und genau da müssen wir als Produzenten nun ansetzen.“ Ich schaute ihn an; keine Spur von Ironie, also musste ich fürchten, er meinte es am Ende ernst. „Dialoge“, erläuterte Siebels, „bestehen immer aus denselben Versatzstücken, manchmal mehr, meist wenig passgenau.“ Ich erinnerte mich einiger Krimis im Sonntagsprogramm und nickte betroffen. „Lassen Sie den Humor beiseite“, bemerkte er mit einem müden Unterton. „Den werden Sie hier eh kaum finden. Es geht ohnehin nur um den Teil, den die Regie nicht im Griff hat, weil er sie intellektuell überfordert.“ Ich verstand nicht, aber da kam schon die nächste Szene.

Kommissar Klöpper schmiss seinen Mantel auf einen Stuhl und drehte sich um. „Der Fall ist klar“, deklamierte er. „Machen Sie Feierabend, ich schreibe schon mal den Bericht.“ „Cut“, schrie es aus der Kulisse, und: „Danke, gestorben.“ „Für die durchschnittliche Produktion reicht das“, sagte Siebels. „Der erste Verdächtige im Krimi ist ja eh nie der Täter, und der Zuschauer weiß das. Wir lassen den Mann als Kommissar Klöpper, als Sonderermittler Habicht oder den Bullen von Bad Gnirbtzschen im halben Halbprofil filmen, dann können wir ihn in dreizehn Serien einsetzen, ohne dass er auffällt, und die Szene passt in jeden Film.“

Der Aktenschlepper hatte den Fahrstuhl wieder verlassen, jetzt stand Linda Borowki allein in der Kabine. „Draufhalten“, sagte Siebels. „Sie wird ja schon ein bisschen unruhig, wollen wir mal sehen, wann sie die Nerven verliert.“ Das ging erstaunlich schnell, und innerhalb von zwei Minuten zeigte die Darstellerin einen erstaunlich lebensechten Anfall von Klaustrophobie, bei dem sie den Fahrstuhl von innen in seine Bestandteile zu zerlegen versuchte. „Ich frage mich gerade, ob das nicht ein bisschen zu echt ist.“ Siebels zog die Stirn in Falten. „Und Sie hielten sie für eine Fehlbesetzung?“ Unterdessen lief die Kamera weiter. Die Anwältin tobte und schrie. „Manchmal“, überlegte er, „da entsteht aus der Arbeit etwas ganz Neues, das erst im Schnitt seine Qualitäten entfaltet. Man kann ganz neue Szenen daraus erarbeiten, vielleicht sogar einen ganz neuen Film.“ Siebels winkte dem Regisseur. „Wir lange haben Sie denn heute noch Zeit?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVII): Die ewige Gegenwart der Nachrichtenüberflutung

23 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Versorgung der Gesellschaft mit aktuellen Nachrichten unterlag auch einem medialen Wandel, der den Umgang damit bestimmte. Im Zeitalter der kompletten Vernetzung bedarf es lediglich einer ungeschickten Handbewegung, schon quillt ein Brei an Neuigkeiten aus dem digitalen Endgerät; noch vor wenigen Jahrzehnten versammelten sich die Andächtigen vor dem televisionären Kasten, um die abendliche Ration an Kunde aus der Welt in Bild und Ton zu empfangen, wie sie davor aus der Wochenschau vermeldet ward und aus dem Radio suppte. Bis zur Nutzbarkeit der Elektrizität im industriellen Maßstab erschienen Zeitungen zwar täglich, unterrichteten jedoch noch mit erheblichem Verzug von Wahlen, Kaiserreden und anderen Katastrophen, was in interkontinentalen Maßstäben erst so richtig auftrug. Wissen ließ sich problemlos konservieren, aber dies ist ja nicht alleiniger Zweck eines Mediums. Erst die Erfindung des Buchdrucks machte es verhältnismäßig einfach, die Menschheit von der Erfindung des Buchdrucks in Kenntnis zu setzen. Warum haben wir uns zu den Konsumenten für allerlei Verkündigungskrempel entwickelt, und wenn ja, wozu eigentlich?

Tatsächlich waten wir schon nicht mehr durch die Flut der Schnell-, Eil- und Sondermeldungen, die uns ungehemmt auf allen Kanälen die Beine wegreißt, uns überspült und in sinnlosen Details der ewig schwatzenden Kommentare ersäuft. Nicht mehr die laue Berieselung eines Supermarktes, in dem seichtes Popgeträller mit trivialer Reklame die Aufmerksamkeitsspanne langsam versanden lässt, nicht die einfach zu ignorierenden Schlagzeilen, die auf langsamem Papier an uns vorüberziehen und in der nahenden Vergangenheit verwehen, die brutale Echtzeit raubt uns den letzten betriebsbereiten Nerv und stellt das Bewusstsein des Bekloppten um auf vegetatives Funktionieren. Was eigentlich noch als Information gilt, wird schon bald nur noch als Grundrauschen wahrgenommen, bis die Fähigkeit zum Differenzieren endgültig verloren geht. Zeit als fundamentaler Faktor kognitiver Unterscheidungen spielt plötzlich keine Rolle mehr, und wenn, dann nur noch eine willkürliche; wie die Hirnautomatik des Glotzenguckers den Stützapparat steuert, dass er nur in den Werbepausen Körperflüssigkeit in die Kanalisation kippt und den Kaloriennachschub in der gepolsterten Zone sichert, so schaltet auch der Cortex irgendwann auf Standby, um nicht ständig mit irgendwelchen Statusänderungen belämmert zu werden. Wir kennen das von Opa, er hat uns oft genug aus dem Krieg erzählt.

Allein der Status ändert sich nicht wirklich. Die Anzahl der Kanäle wächst fortwährend, als würden immer mehr Lautsprecher dasselbe dudeln, eine statische Woge des reinen Nichts. Die Flut löst ein Gefühl gottgleicher Allgegenwart aus, als krümme sich die Zeit zusammen zu einem omnipotenten Präsens. Üblicherweise führt eine Überlastung zum Stillstand des Systems, so auch hier – Wichtiges und Unwichtiges verschwimmen, Widersprüche werden in der mantraartigen Wiederwiederholung gar nicht erst durch den Filter gelassen, nicht einmal durch die ansonsten zuverlässig sortierende selektive Wahrnehmung, die die meisten Deppen nur das hören lässt, was sie hören wollen. Natürlich ist dies auch der weitgehend ritualisierten Form des Nachrichtenjournalismus geschuldet, der aus den immergleichen Worthülsen einen Schlamm schwiemelt, der noch jeden Gehörgang verstopft hat. Und so entsteht aus der Bündelung der Stimmen das paradoxe Gefühl, der in den Schädel gehämmerte Schrott erzeuge die unumstößliche Wahrheit, in deren Besitz sich nun jede Knalltüte wähnen darf. Ewige Erleuchtung. Das Wissen.

Das Gegenteil ist der Fall. Sobald der gemeine Hohlpflock im Vollgefühl seiner Göttlichkeit zum Kommentar anhebt, merkt man, dass die manische Druckbeschallung unter der Kalotte besenreine Sauberkeit hinterlassen hat; ein paar Staubreste kleben noch in den Synapsen, aber sonst findet hier keine Signalverarbeitung mehr statt. Alles ist, nichts wird. Kausalzusammenhänge sind schon seit längerer Zeit nicht mehr auffindbar. Geschichte und Prognose kommen nicht mehr vor, sie sind nur noch Facetten eines kontinuierlichen Bewusstlosigkeitsstroms. Welcher Kontakt mit der Botschaft auch immer diesen Zustand auslöst, im Zweifel über die sozialen Medien, es ist nicht mehr entscheidend, wer wann etwas gesagt, geschrieben, veröffentlicht hat, es zählt nur noch der Zeitpunkt der Rezeption – esse est percipi, und nicht immer ist es dasselbe, was in einem Augenblick erschaffen und im anderen vernichtet wird. Manchmal kommt auch der Geist dazwischen.

Wo immer sich mit der linearen Zeit viel mehr Material anhäuft, das in seiner absoluten Menge die differenzierte Debatte auslöscht, wird eine echte Entscheidung unmöglich. Wenn wir merken, dass wir manipuliert werden, ist es schon zu spät, aber wir merken es nicht, weil wir den Unterschied von zwei Zuständen, vorher und danach, nicht mehr erkennen. Vielleicht werden wir irgendwann sehen, dass dies eine Sackgasse ist. Irgendwann später. Jedenfalls nicht jetzt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIII): Podcasts

25 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die größte Herausforderung an menschlicher Kommunikation ist ihre Gegenseitigkeit. Getreu dem pragmatischen Axiom, man könne nicht nicht kommunizieren, schwafelt nun eins den anderen an, und wie Menschen nun einmal miteinander reden – aneinander vorbei nämlich – ist ihnen jeder Inhalt gleichgültig, Hauptsache: ein mäßig moduliertes Grundgeräusch verlässt das Gehege der Zähne, fernab von Verstand, Verständigung und Verständlichkeit. Wer aus reiner Gewohnheit zur Fröhlichkeit neigt, wird sich auf einer Cocktailparty dem verbalen Sperrfeuer des Nuscheltierzoos aussetzen, um Alkohol in die Birne zu kriegen, während masochistisch Veranlagte sich auf der Familienfeier bei Torte und Schnaps die amorphen Tiraden zwanghafter Laberer antun. Nach dem dritten Durchgang von Opa, der wieder vom Krieg erzählt, einer endlästigen Erbtante, deren einziges Interesse scheint, ob die jüngeren Clanmitglieder schon im Reproduktionsmodus sind, sowie einer frustrierten Hausmeistergestalt, die nach drei Scheidungen und Bewährungsstrafen im niedrigen zweistelligen Bereich argumentativ in die Ecke gedübelt noch lauthals verkündet, dass die arbeitslosen Ausländer uns die Frauen wegnehmen, irgendwann dann schalten sich die Synapsen auf Null und löschen, was auch immer vorher darin festgeklebt war. Ähnlich spannend ist nur noch die Bedienungsanleitung ältlicher Haushaltskleingeräte, vorgetragen mit der Anmut einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin. Oder eben ein Podcast.

Brecht hatte recht, als er seine Radiotheorie der leidenden Hörerschaft vortrug: schlimm ist, wenn einer etwas zu sagen hat und keinen hat, der ihm zuhört, und schlimmer, wenn einer zuhören will und nur solche findet, die nichts zu sagen haben. Der Konservenfunk geht stolpernd eine kleine Stufe weiter, da auch hier irgendjemand nichts sagt, meist mehrere Stunden lang und gerne mehrmals, und es ist ihm von Herzen wumpe, wer alles weghört. Im Gegensatz zum Hörspiel, das neben literarischem Anspruch öfter durch Inhalte auffällt, quillt die Hörsuppe unstrukturiert aus dem Netz, das als Ort des unbefleckten Empfangs heute jedem technisch unbedarften Freizeittalent die Möglichkeiten bietet, beliebigen Schmodder zu speichern und bis zum endgültigen Abschmelzen der Polkappen kostenfrei bereitzuhalten. So weit, so hübsch.

Wie der digitale Druck jede Menge Schmodder auf den Markt geschwiemelt hat, weil plötzlich jede Fußhupe meint, die Kunst des Erzählens zu beherrschen, so schwadroniert auch eine Heerschar intellektabstinenter Erklärbären plötzlich Mengen an schwer verdaulichem Schall auf die Festplatten dieser Kohlenstoffwelt, für die sich das Anwerfen einer Schreibmaschine meist nicht gelohnt hätte. Die thematische Vielfalt übersteigt nur selten den Radius des eigenen Nabels; wozu auch, wird das Elaborat doch meist nur von kleinem Klüngel konsumiert, der sich für den Inhalt – Backen, Weltpolitik, irgendwas mit Medien – sowieso nicht interessiert, aber irgendetwas zum Einschlafen braucht. Wie auf dem weiten Feld der Printprodukte übersteigt die Zahl der angebotenen Titel längst die verfügbaren Verbraucher, die statistisch 25 Stunden am Tag die Lauscher gestopft bekommen müssten, um den ganzen Krempel zu Lebzeiten wegzuhören. Aber wer will das schon.

Zumal es kaum möglich wäre, weil an anderen Fronten ähnlich geballert wird. Videodienste und Streamingplattformen buhlen mit dem Rundfunk um ungeteilte Aufmerksamkeit, während sich das lineare Fernsehen vor der finalen Grätsche rettet. So verlockend die emanzipatorische Funktionalität der digitalen Kanäle auch ist, sie wird auch hier nur als Einbahnstraße genutzt. Einer redet, den anderen fallen die Augen zu. Wer Schule lustig fand, wird Podcasts lieben. Und macht vermutlich selbst einen.

Inzwischen haben sogenannte Prominente das Medium für sich entdeckt – mäßig begabte Knalltüten, die gestern noch keiner kannte und jeder morgen vergessen haben wird – und casten fleißig pod, dass es seine Bewandtnis hat. Wer nicht bedeutend genug ist, seinen Nachnamen auf eine Zeitschrift tackern zu lassen, muss halt regelmäßig vor einem Mikrofon sitzen und Belanglosigkeiten in die Umgebungsluft plappern. Ab und zu peppt sich einer der Profilneurotiker durch Gäste auf, die auch nur Nebensächliches quasseln und das Zeug nicht besser machen. Mangels messbarer Kompetenz wird so jedes Format von bröselndem Smalltalk verschüttet, einem Verbalglutamat, das bereits im Ansatz sinnvolle Strukturen verpappt und verpopelt, ob im astrophysikalischen Kontext oder in Spiel, Sport, Mord. Vielleicht taugt es ja, um die drei Stunden Stau auf dem Weg zum Arbeitsplatz angenehm zu gestalten, vielleicht es aber gerade an der sittlichen Verrohung im Straßenverkehr schuld: wer ständig Schrott hört, will ihn irgendwann auch sehen. Die Hoffnung bleibt, dass sich das Klangbad irgendwann als akustische Meditationskulisse zur endgültigen Aushöhlung der Kalotte etabliert, und dann folgen Erleuchtung, Liebe und Frieden. Aber das wollte Opa sicher auch, und dann hat er wieder nur vom Krieg erzählt. Bis zum bitteren Ende.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXII): Die wissenschaftliche Sprachbarriere

18 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eines schönen Tages, der so finster gar nicht war, wie man sich heute das Mittelalter vorstellt, da schlug Meister Godehard seinem Lehrjungen auf die Schulter und machte ihn mit der wichtigsten Weisheit des Gewerks vertraut, das bis auf unsere Tage seine Gültigkeit besitzt: querstiebige Wunzen immer schöllig abknörzen, weil sonst die Raufen sich verhuddern. Seither haben wir die Kernkraft entdeckt, sind zum Mond geflogen, bestellen Obst und Fahrräder im Internet, sehen ein paar Deppen dabei zu, wie sie hauptberuflich mit Autos immer im Kreis herumfahren, und kippen unseren Müll ins Meer. All dies geschieht aus tiefem Unverstand, da wir die Zusammenhänge des Lebens nicht recht kapieren. Doch kein kluger Mann, kein Handwerker und keine Professorin, würde aus heiterem Übermut je auch nur eine querstiebige Wunze nach Gefühl und Wellenschlag abknörzen. Die Folgen wären immens, nicht sofort ersichtlich, mittelbar aber katastrophal. Wie viel Jammer, Pein und Ungemach ließe sich verhindern, würden wir die klaren Worte der geistigen Vorbilder für Gelehrtheit halten, statt ihnen Simpelei zu unterstellen? Sind wir nicht alle Opfer der wissenschaftlichen Sprachbarriere?

Wo immer Fachleute sich auf einem Haufen befinden, müssen sie sich über die wichtigsten Dinge auf diesem Planeten unterhalten. Erst durch eine lebhafte Diskussion, dass das Geräusch dem gehört, der das Federwild aufbricht, wird die an sich selbstverständliche Regelung vom Waidmann zum anderen nochmals bekräftigt – regelmäßig, wie der Jurist anmerkt, da es überdies billig ist. Der Heizungsbauer denkt sich seins, während Koch und Coiffeur um die Wette blondieren, der Bergmann eine Pfeife bohrt. Nichts ist für den Zusammenhalt in der Gruppe besser als gemeinsames Vokabular, das Sinn stiftet und bisweilen die Zaungäste, die mitreden wollen, es aber nicht können, ausschließt. Außerdem würde es dem Arzt maximal auf die Plomben gehen, statt ‚Hypovolämischer Schock‘ jedes Mal eine Kurzgeschichte zu erzählen, damit die Pfleger wissen, ob es sich noch lohnt, die Ärmel hochzukrempeln. Die Sprache ist eine Übereinkunft synchron tickender Individuen, die sich die Welt ein bisschen einfacher machen wollen, etwas genauer und nicht ganz so unsicher. Ein wesentlicher Prozess der Wissensdifferenzierung besteht darin, unterschiedliche Sachverhalte mit unterschiedlichen Begriffen zu benennen, auch wenn die Alltagssprache regelmäßig die juristische Regelmäßigkeit verkennt. Sie stellt ein Modell her, mit dem sich die Welt erkennen und beschreiben lässt, und sei sie noch so theoretisch.

Der Zwang gewisser Kommunikationslurche jedoch, möglichst verworrenen Schmodder zur Verdeckung von Nullinformation in die Gegend zu schreiben, ist nicht neu und hält an. Wen würde es wundern, beschlösse irgendwann eine ganze Generation, eine Wissenschaftsdisziplin mit voller Ignoranz in die Endablagerung zu befördern, weil ihr zum Mysterium aufgeblasenes weißes Rauschen jeden Versuch im Keim erstickt, sich ernsthaft damit zu beschäftigen? Ist dann der Zweck dieser Beschäftigung mit intellektuell niederschwelligen Angeboten auf einem künstlich hochgeziegelten Niveau nur das Bedienen der Heißluftposaune, um sich selbst unfassbar klug zu fühlen? Jahrhunderte haben die großen Denker um Klarheit gerungen, in den Gräben des Geistes dümpeln lediglich trübe Tümpel vor sich hin. Die Unverständlichkeit wird zum Fetisch, wo sie umgekehrt proportional zum Erkenntnisgewinn der Schwurbelei nur ein Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana liefert.

Der Verdacht erhärtet sich zusehends, dass gewisse Disziplinen wie die Soziologie nur dazu erfunden wurden, damit man eine verschwiemelte Terminologie überhaupt verwenden könne, denn wer sonst hätte für den verbalen Bauschaum in flamboyantem Gepränge noch Verwendung als ein Pausenclown, der hysterisch sein Spiegelbild anbalzt. Größtmögliches Getöse liefern sonst nur die heideggernden Hilfshegel, die sich in ihrer Welt als Wille und Zwangsvorstellung heillos verkanten. Wozu auch immer diese Protzbrocken sich ein Rangabzeichen an die eigene Brust tackern, sie erweisen der Suche nach Wahrheit einen Bärendienst. Wie das Sozialgerümpel langfristig als Intelligenzsimulation durchgeht, interessiert nur die im luftleeren Raum, die sich nicht mit anderen Personen abgeben, weil es ihnen objektiver scheint. So wird nun also geworfene Dunkelheit des Soseins im Gewese des Dinglichen ein Ist-Status, dessen sich vorweg befindlicher Entwurf als Eigentlichkeit des Weltbezugs vorweg ist, je nach Vorlauf auch im Gegenteil oder mit Blümchen. Schlimm wird es nicht, wenn einer der Heißluftschlümpfe es nicht durchdringt, richtig schlimm wird es, wenn einer von ihnen vorgibt, den Müll zu verstehen. Mehr Schaden wird nie sein, als wenn Scheinriesen auf den Schultern von Zwergen herumstelzen. Man soll querstiebige Wunzen immer schöllig abknörzen, weil sonst die Raufen sich verhuddern. Mehr reine Hermeneutik geht nicht. Der Rest ist hoffentlich Schweigen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXI): Tierdokumentationen

11 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war ja nicht alles schlecht. Das Buntkehlchen zwitscherte morgens durch den kleinen Wald, der Erdpuschler warnte mit Gejiekel und Gefiep vor der Säbelzahnziege, anmutig düngte das gemeine Reh den Boden. Ab und zu schmeckte das Buntkehlchen als Beilage zum Fruchtmus, ab und zu regulierte die Säbelzahnziege den Bestand an Hominiden in der Siedlung am Rand der Savanne. Die Berichte von Einhörnern waren möglicherweise übertrieben, vor allem die hinreißenden Malereien späterer Generationen, nachdem die Art wegevolutioniert worden war. Dann baute der Mensch Kathedralen und Fabriken, planierte die Vegetation für mehr Parkplätze und stellte bekümmert fest, dass er die Erinnerung an früher langsam verlor. Nichts half. Erst die Erfindung des Fernsehens brachte Rettung, wenn welches Medium sollte sich sonst eignen für die gemeine Tierdoku?

Wir werden alle zu tränendrüsigen Deppen, die sich vor dem Brüllgerät scharen, wenn Eich- und Streifenhorn putziglich ihr Nüsslein knabbern, die Katz ihr Kindchenschema in die Kamera drückt und der Eisbär, kurz vor der Ausrottung zugunsten des deutschen Menschenrechts auf einen Diesel-SUV, glücklicherweise in Gefangenschaft seinen Hering wegmüffelt. Überhaupt pelzig, drall, schnuckelig oder wild, gefährlich und trotzdem populär – kein Zuschauer hat Bock auf die Klapperschlangen-und-Giftfrösche-Show – schon tritt die gewünschte Serotoninauskippung im Betrachter ein, mit der die beiden gewünschten Effekte kommen. Zum einen ist jedes Tier lieb.

Wer sich schon einmal die Mückenstiche einer lauen Sommernacht blutig gekratzt hat, darf gerne die alternative Wahrnehmung bemühen. Auch die Besiedelung eines Bordeauxschwenkers mit der szenetypischen Fruchtfliege, die aus den Resten der Radieschen im Küchenkübel entstammt, trägt nicht zur Akzeptanz des Geziefers bei. Nachbars Mieze ist so lange süß, bis sie vor versammelter Meute einen Singvogel in seine anatomischen Einzelteile zerlegt. Der Quotendackel, der für treue Augen und phlegmatischen Move dem Flachdachscheitelbürger ans Herz wuchert, erledigt mit dem Hamster zwei Türen weiter auf dem heimischen Rasen dasselbe Gemetzel: Leben und sterben lassen. Das mählich von Internetvideos aufgeweichte Resthirn sieht eine Katze mit einem Dutzend Küken und wundert sich, warum hier kein Splatterzeugs abläuft. Vermutlich hatte Muschi zwischendurch Streicheleinheiten, was direkt zur nächsten Baustelle führt.

Tiere werden grundsätzlich vermenschlicht. Da guckt die Großkatze noch mal über den eigenen Nachwuchs, und schon haut es die Jungen des vorherigen Abteilungsleiters weg. Es dient natürlich nur der Arterhaltung durch genetische Dominanz, wird aber trotzdem selten gezeigt. Ebenso wird die schnuckelige Anhänglichkeit der Heuler als Image des Säuglings verkauft, der ohne industriell-militärischen Komplex in Ruhe durch die Nordsee paddelt, aus dramaturgischen Gründen aber die Medienpräsenz vorzieht. Kein Hirnzellensolist ist in der Lage, sich die Notwendigkeit einer Aufzucht zu wünschen, für die Heimtiere aber haben wir die erforderliche Nähe bereits hergestellt, um die Biester zu funktionalisieren – immer schön, wenn das Frettchen im Bettchen pennt, der Hase im Drahtknast an Unterforderung wegsackt und die Schildkröte ihre letzten hundert Jahre in gepflegter Ignoranz verbringt. Die uns eingeschwiemelte Vorstellung kriegen wir nicht mehr raus. Auch nicht, wenn man die Viecher im Zoo filmt, satt und sauber und verdächtig kritiklos, bevor man sie wie unsere Senioren in die Endablagerung schickt. Sehr viel lustiger wäre es, alle Scheuerstellen im Ansatz zu zeigen, wie wir mit anderen Spezies umgehen.

Abgesehen vom üblichen Sozialporno könnte eine Dauerserie durch die Kanäle suppen, die Tierrechte thematisiert, das Artensterben (gerne ohne die sonore Erzählerstimme, die das Abnippeln des Klappschenkelwalrosses lakonisch weglabert), vor allem die Massentierhaltung, mit der sich die Hominiden schon das Grab geschaufelt haben. Wir waren ja bei den Menschenrechten, und keiner Sau kann man klarmachen, warum man Quokkas oder Faultiere nicht einfach ausblenden darf. Man darf das natürlich. Aber nur aus Gründen.

Wir selbst sind die Antwort. Sinnvoller wäre es, die Dummklumpen unserer eigenen Spezies in der Fülle ihrer tierischen Beklopptheit zu zeigen, ein Minderheitenprogramm zwar, aber sehenswert, wie wir bei Aufzucht und Hege des Nachwuchses aus reiner Eigensucht kläglich versagen, auf kleine bunte Bildschirme glotzen, während wir uns die Birne mit allerlei Lösungsmitteln zuziehen, über betonierte Pisten durch die weggeklappten Wälder heizen, das planetare Klima aufschaukeln und die anderen Arten ausradieren. Der entscheidende Störfaktor sind wir, die aus dem Ruder gelaufene Laune der Natur, die als erste Besiedelung ihr komplettes Habitat in die Tonne treten kann und das auch lustvoll tut. Immerhin, wir haben dabei eine nostalgische Liebe zur Kreatur entwickelt. Denn wo hat es der Eisbär so schön wie im Zoo?