Zückerchen

29 09 2010

„He, Sie können da nicht rein!“ Das Männchen mit der Butterbrottüte auf dem Kopf turnte aufgeregt auf und ab und versuchte, mich am Betreten der Werkshalle zu hindern. „Lassen Sie es gut sein“, beschwichtigte Direktor Kortzfleisch den Kollegen von der Sicherheitsabteilung. „Der Herr ist nur zu Besuch.“ Damit öffnete er mir die Tür. Das also war die Produktionsstätte der Tablettenfabrik.

Aus einem großen Trichter rasselte die Flut von kleinen, roten Pillen in einen kleinen Trichter, der sie in ein noch kleineres Rohr wieder verschwinden ließ. Einige Meter daneben knatterten blaue, daneben zartgelbe Tabletten in die metallenen Schlünde der Verpackungsmaschinen. „Dreihundert Filmtabletten pro Sekunde“, schrie Kortzfleisch mir ins Ohr, denn die Apparatur rauschte und ratterte gewaltig laut durch die hallende Halle. „Normale Dragees mit Lacküberzug kommen auf vier- und die einfachen Pillen auf fünfhundert Stück, das macht dann 1,8 Millionen in der Stunde!“ Stolz schwenkte er den Arm über sein kleines Reich. „Die Produktion im Inland lohnt sich wieder, wir haben dank der Auftragslage letzte Woche zwei Mann neu angestellt, die uns bei den neuen Produkten helfen.“ „Es ist ja nicht ganz einfach heutzutage“, brüllte ich zurück. „Gute Pharmazeuten muss man wohl suchen, und dann sollte man auch Erfahrung in der Forschung haben, wenn man bei Ihnen arbeitet.“ Er blickte mich verständnislos an; dann drehte er sich um und schritt zur nächsten Maschine.

„Retardkapseln“, belehrte mich Kortzfleisch, „sind eine der großen Herausforderungen, vor allem diese Fertigung, die mit einer speziellen Mischung angefüllt ist.“ Mit der hohlen Hand fischte er eines der länglichen Gelatinedinger aus dem Strom, der sich das Fertigungsband hinab wand. Er drehte die Kapsel, die aus einem durchsichtigen Ende sowie einem weißlichen bestand, mit den Fingern auf und schüttete den Inhalt in seine Handfläche: rote, gelbe und grüne Kügelchen, ganz klein und zierlich. „Je nach Sorte müssen wir entweder die roten Kugeln im Verhältnis eins zu drei zu den grünen mischen, oder wir haben doppelt so viel grüne wie gelbe. Oder die gelben sind halb so viele wie die roten. Das steht hier irgendwo auf dem Zettel.“ Er fischte nach einem Stück Papier, das an der Seite der Anlage klebte. „Hier steht es ja, Clodimex forte, Dormoluna, Ribomukicalzin Globuli.“ „Globuli?“ Er runzelte erneut die Stirn. Weiter.

Träge und ölig plätscherte der Saft in den Kessel und blubberte vor sich hin. Es roch süßlich. „Sie können es variieren“, teilte Kortzfleisch mir mit. „Ein Teil der Produktion wird mit dem typischen Lakritzaroma versehen, wie man es aus Hustensaft oder Halsmedizin kennt, aber Sie können es auch mit Orangen- oder Zitronengeschmack herstellen, für einen Stärkungstrunk beispielsweise oder in einer Arznei speziell für die Kinderheilkunde. Desgleichen haben wir auch eine kleine Partie mit Eukalyptus und seit einigen Tagen“, hier öffnete er einen kleinen Hahn und ließ etwas von der wasserklaren Flüssigkeit in ein Reagenzglas laufen, „stellen wir es auch mit Wildkirschgeschmack her.“ Er reichte mir das Probiergläschen herüber; der Saft schmeckte süßlich nach geschmolzenen Bonbons, fürchterlich künstlich und nicht einmal ansatzweise nach Kirschen. „Was haben Sie denn in dieses Zeug bloß hineingetan“, keuchte ich, „das ist ekelhaft!“ „Wasser und Zucker“, verteidigte sich Kortzfleisch. „Ein ganz normaler Zuckersirup mit dem Aroma, das Sie auch aus den Drops kennen, die man Ihnen in der Apotheke verkauft.“ „Und wogegen ist dieses Kirschzeugs?“ „Das wissen wir noch nicht, daran arbeiten ja die beiden Neuen.“ „Ihre Pharmazeuten müssen erst noch herausfinden, wogegen diese Plörre hilft?“ „Es sind keine Pharmazeuten. Es sind ein Marketing-Experte und ein Chemiker.“ „Ein Chemiker?“ „Ein Lebensmittelchemiker, um es genau zu sagen.“

Kortzfleisch lehnte an der Maschine und steckte die Hände in die Kitteltaschen. „Schauen Sie mal“, begann er schuldbewusst, „wir machen doch nichts Schlechtes. Wir nutzen auch niemanden aus. Aber um heute noch wirtschaftlich fertigen zu können, muss man sich schon eine Menge einfallen lassen.“ „Und da haben Sie das wirkungslose Medikament erfunden?“ „Nicht wir“, korrigierte er mich. „Nicht wir haben das in die Welt gesetzt, daran war der Gesundheitsminister ebenso beteiligt.“ Ich nahm eine der Schachteln aus der Verpackungsstraße. „Aha, Röslerol complex. Daher weht der Wind.“

„Sie müssen das begreifen. Die Branche ist nicht mehr so einfach wie vor ein paar Jahren, jetzt sind unsere Gewinne ernsthaft in Gefahr.“ „Sie wollen damit sagen“, forschte ich nach, „dass Sie Medikamente ohne Wirkstoff produzieren?“ „Es ist legal“, beharrte Kortzfleisch. „Nach der Regelung mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss müssen wir nicht mehr nachweisen, dass die Medikamente zweckmäßig sind. Vielmehr muss man uns das Gegenteil beweisen.“ „Was bei etwas Zucker und Wasser nicht so einfach sein dürfte.“ Er nickte. „Was nicht wirkt, hat ja auch keine schädlichen Nebenwirkungen, oder? Sehen Sie es einmal von dieser Seite.“ Ich packte ihn am Kragen. „Dafür überschwemmen Sie den Medikamentenmarkt mit Ihren sinnlosen Zückerchen und können für den Krempel auch noch die Preise diktieren – und den Ärzten befehlen, was sie zu verschreiben haben.“ Er wand sich, doch ich ließ nicht locker. „Und wieso eigentlich: Ribomukicalzin Globuli?“ „Wir müssen doch auch den homöopathischen Markt bedienen. Gäbe es nicht genug Dumme, glauben Sie, dieser Rösler wäre je an sein Amt geraten?“





Da helfen keine Pillen

27 04 2010

Vorsichtig setzte ich die Schutzhaube auf den Kopf. „Passt perfekt“, lobte Doktor Mierendörfer. „Sie haben einen Pharmazeutenkopf, wussten Sie das?“ Das war mir tatsächlich neu; die einzige Affinität zu jenem Berufsfeld hatte mir mein alter Lateinlehrer bescheinigt, der mir sagte, ich hätte die Handschrift eines Arztes – die Entzifferung einer Klausur über die Menaechmen übernahm ein Apotheker, wie er mir weismachte. Aber denen glaubte ich sowieso nur die Hälfte.

„Schauen Sie sich diese Maschine an. Eine wunderbare Maschine! Sie kann fast drei Tonnen Tabletten am Tag pressen, und sie ist dabei äußerst flexibel.“ Mierendörfer legte einen kleinen Hebel am Steuerpult um. „Jetzt schauen Sie mal.“ Die flachrunden Pillen schienen ein wenig dunkler. Er griff in den Strom der fallenden Ellipsoide und griff sich einige heraus; auf der flachen Hand zeigte er mir die Arznei. „Schauen Sie ganz genau hin – fällt Ihnen etwas auf?“ „Sie sind ein bisschen dunkler.“ Mierendörfer nickte wohlwollend. „Gut beobachtet, und woran liegt das?“ Ich zuckte die Achseln. „Es liegt an der Oberfläche, diese kleinen Noppen werfen Schatten auf die Oberfläche. Nehmen Sie ruhig einmal eine in die Finger.“ Das Ding fühlte sich rau und ungeschliffen an wie Sandpapier. „Das ist sicher erst der Prototyp, habe ich Recht?“ Der Medikamentenmacher krauste die Stirn. „Oh nein! Das Produkt ist vollkommen ausgereift, wir haben es durch eine lange Testreihe geschickt und dabei festgestellt, dass es in seiner Wirkung nicht mehr zu verbessern ist.“ Das aber verstand ich nun nicht. „Versuchen Sie eine“, ermunterte der Doktor mich. „Sie werden es schon finden.“ Doch das Ding ließ sich einfach nicht schlucken – die Pickelchen auf der Oberfläche scheuerten wie Widerhaken. „Sehen Sie? Halswehtabletten! Zwei bis drei Stück, und Sie haben die prächtigsten Schluckbeschwerden!“

Beißende Dämpfe wehten durch die Halle. Es roch wie ein Grillunfall. Meine Augen begannen zu tränen und ich musste unwillkürlich keuchen. „Was ist denn das hier“, japste ich. Mierendörfer reichte mir umgehend eine Wäscheklammer. „Pardon“, näselte er, „sie hätten die hier aufsetzen sollen. Atmen Sie flacher, sonst kommen Sie zu sehr in den Genuss unseres Heiltranks. Sehen Sie den Kessel dort drüben?“ Er führte mich an den Rand eines großen Bottichs, in dem es kräftig blubberte. Blasen kamen an die Oberfläche, denen beim Zerplatzen heiße Dünste entströmten. Ich begriff schlagartig. „Dann muss das hier also Hustensaft sein?“ Der Pharmazeut strahlte. „Sie haben es begriffen!“

Ein altertümlicher Fahrstuhl brachte uns ins Tiefgeschoss. Während die Drahtkabine ratterte, stellte ich mir schon vor, wie es bei der Herstellung von Kopfschmerztabletten zuginge. Der Korb hielt an; ein Glöckchen bimmelte und entließ uns auf einer Plattform, auf dem ein kleiner Pillenautomat stand. Das Ding surrte wie eine Kamera. „Kein Wunder“, klärte Mierendörfer auf, „hier werden ja auch Filmtabletten hergestellt.“ Ein vorsintflutlicher Schalltrichter krönte das Gerät, das unermüdlich einen alten Ragtime vor sich hin dudelte. „Zum Dragieren verwenden wir nämlich nur Schellack.“

Gelbe Kapseln, rote Kapseln, blaue Kapseln – am Ende des Laufbandes fielen die grünen neben den brauen Kapseln in einen Bottich neben den blassrosa-orange-gestreiften Kapseln. „Unsere innere Abteilung“, belehrte Doktor Mierendörfer mich. „Hier haben wir es vorwiegend mit Magen-Darm-Erkrankungen zu tun.“ Ich runzelte die Stirn. „Das hieße ja in letzter Konsequenz, dass Sie Medikamente herstellen, die Krankheiten auslösen. Wie verträgt sich das mit dem Hippokratischen Eid?“ „Ach wo!“ Er lachte hell auf und griff in die bunten Zuckerpillen. „Diese hier beispielsweise machen nur enormes Völlegefühl, wie nach einer zu großen Portion Bratkartoffeln. Ansonsten passiert da gar nichts.“ „Aber das hieße ja letztlich, dass alle diese Medikamente…“ „… Placebos sind“, bestätigte er, „richtig erkannt. Sie haben wirklich einen Pharmazeutenkopf.“ „Und worin besteht dann die Forschung, die Sie hier betreiben? Immerhin sind Sie doch Leiter der Forschungsabteilung, wenn ich mich recht entsinne.“ „Allerdings“, bestätigte Mierendörfer. „Denn nur mit etwas Milchzucker ist es ja in einem Placebo nicht getan. Es braucht Nebenwirkungen.“ „Nebenwirkungen?“ Er nickte.

Ich griff nach einer Packung und zog den Waschzettel heraus. Die Filmtabletten versprachen Übelkeit, Drehschwindel, starke Schweißausbrüche, krampfartige Magenschmerzen und depressive Verstimmung. „Das würde man doch mit zwei Pullen schlechtem Rotwein auch hinkriegen“, sagte ich und rümpfte die Nase. „Aber Sie hätten auch Kopfschmerzen“, trumpfte Mierendörfer auf. „Die macht unsere Tablette eben nicht.“ „Und wozu das alles? Wozu dieser Zauber mit den Wirkungen, die keine sind, und den Nebenwirkungen, die die Hauptwirkungen sein sollen?“ Er faltete die Hände vor dem Bauch. „Schauen Sie“, begann er, „es ist ja so: es wirkt ja doch nichts. Ob Sie die Tabletten nun schlucken oder wegwerfen – alles eins. Und da sollen wir nun (5S,10R)-5-Benzyl-12-hydroxy-2-methyl-9,10-dihydroergotaman-3,6,18-trion und Chinin und andere Stoffe mühsam herstellen, wenn sie doch im Ausguss landen?“ „Aber warum dann die Nebenwirkungen?“ Mierendörfer lächelte feinsinnig. „Wenn es tatsächlich jemand nimmt, muss es die haben – was keine Nebenwirkungen hat, wirkt doch gar nicht, oder? So, und jetzt lassen Sie uns weitergehen. Sie wollen doch bestimmt die neue Rheumasalbe ausprobieren?“