Konsistente Therapieangebote

24 01 2022

„Die 417 hat aufgehört zu schreien? Das ist okay, Hauptsache, sie hört nicht auf zu atmen. Dann wäre die Behandlung beendet, und wir könnten ihr keine therapeutischen Maßnahmen mehr in Rechnung stellen. Bereiten Sie schon mal den Aderlass vor.

Natürlich sind wir hier alle approbierte Ärzte, wir haben hoch qualifiziertes Pflegepersonal und einen exzellenten Ruf, was intensivmedizinische Versorgung angeht. Drüben haben wir die normale Station, da werden Sie auch nach allen Regeln der Kunst behandelt. Das mag für Fälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall selbstverständlich klingen, ich würde Ihnen das auch empfehlen, aber wir leben in einem freien Land, es gilt Eigenverantwortung, den Rest können Sie sich ja denken.

Ein Teil der medizinischen Versorgung wird ja bereits erfolgreich an die Bevölkerung delegiert. Sie tragen Sehhilfe, also sind Sie bereits betroffen. Und da wir Versorgung nicht mehr ohne unsere eigene betriebswirtschaftliche Kalkulation betreiben, muss man ja im Sinne der Dienstleistungsgesellschaft, die uns laut Hartz-Reformen zu einem erfolgreichen Staat gemacht hat, durchaus die Kernfrage stellen: wie viel Kohle können wir Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden, aus den Rippen leiern?

Hat der 429 die perorale Gabe von Chlorbleiche schon geholfen? Dann räumen Sie das Zimmer frei, wir haben gleich den nächsten Patienten. In dem Fall können Sie auf der Todesbescheinigung gerne vermerken, dass er nicht an, sondern mit Corona verstorben ist. Sie sind jetzt vielleicht ein bisschen überrascht, aber wir nehmen Patientenwünsche sehr ernst. Wir stehen alternativen Therapieformen auch aufgeschlossen gegenüber, und wenn jemand auf die Art auf unserer Station versterben will, dann machen wir das gerne. Dazu ist die Medizin nach Ansicht dieser skeptischen Minderheit ja da.

Schröpfköpfe sind immer gut, das ist für das Gesundheitssystem geradezu sprichwörtlich. Wir weisen in den Behandlungsverträgen natürlich auf die wissenschaftlich nicht bewiesen Wirksamkeit der Methode hin, geben aber zu bedenken, dass die unangenehmen Empfindungen durchaus eine Art Placebo-Effekt hervorrufen. Das ist wie mit dem Rauchen, man fühlt sich ja auch nur entspannt, weil bei Nikotinzufuhr die Entzugserscheinungen kurz nachlassen. Für Skeptiker, beispielsweise Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem anderweitig funktionierendem Verstand, gibt es den Hinweis, dass die mesopotamische, die ägyptische und die chinesische Medizin diese Therapie auch schon als Standard bei allerlei Gebrechen wie Diabetes, Rheuma, Kurzsichtigkeit oder Schnupfen empfohlen haben. Wir befinden uns durchaus in einer Tradition, die schon viele überlebt haben.

Die 428 hatte einen kurzfristigen Herzstillstand, deshalb haben wir ihr nach dem Wissensstand des Behandlungsvertrags Tabakrauch in den Enddarm geblasen. Zur Wiederbelebung. Wie zu erwarten haben wir jetzt einen langfristigen Herzstillstand.

In einer Gesellschaft, in der man den Patienten die Grundregeln der Humanmedizin vortanzen kann und meist zurückbekommt, dass sie alles besser wissen, müssen Sie irgendwann ein konsistentes Therapieangebot machen. Wir haben uns für die allgemein bekannten Verfahren des Mittelalters entschieden, und das war nicht ganz leicht. Ich als Fachmann weiß zum Beispiel, dass die arabische Welt pharmakologisch erheblich weiter war als der Westen, aber erzählen Sie mal einem besorgten Bürger. Die erste endotracheale Intubation wurde 1543 angewandt, das lassen wir natürlich weg, da es sonst als Lügenmedizin gebrandmarkt würde. Die Kunden finden es authentischer, dass wir ihnen bei Irrsinn den Schädel aufmeißeln.

Der Hausmeister ist schon wieder zu früh dran, wie oft soll ich das noch sagen? Wenn der Kerl wieder den ganzen Flur ausräuchert, kann er sich auf ein Donnerwetter gefasst machen! Ich will auf der Station keine verkohlten Ginsterzweige mehr gegen unruhige Säfte, und er soll seine Pestmaske aufsetzen! Wenn er sich diesmal nicht an die Regeln hält, wird er ab morgen zur Vokalatmung versetzt oder zur Klangschalentherapie!

441 ist ja schon länger hirntot, da half auch kein Detox. Der war eigentlich schon bei Einlieferung vegetativ auf Null, weil er uns gesagt hat, dass die Erkrankung, wegen derer er dann gestorben ist, gar nicht existieren kann, da sein Sternzeichen das nicht zulässt. Interessant. Wir könnten ihn jetzt in die Kühlung verlagern, aber er ist Privatpatient, und da nutzen wir jede Möglichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wir wenden gerne experimentelle Verfahren an, wenn wir vorher rausgefunden haben, was wir an Wirkung erwarten können. Reinkarnation ist okay, mit Reiki haben wir im Internet gute Erfahrungen gemacht, und Heilsteine dürfen wir nur nach der üblichen Desinfektion anwenden. Das ist immer noch besser als Geistheilung, weil man da nicht genau weiß, wessen Geist eigentlich geheilt werden sollte. Immerhin haben wir eine Zusammenfassung der Eigenurintherapie mit klassischer Harnschau geschafft: erst guckt sich das die Pflegekraft an, dann können die Patienten mit dem Zeug machen, was sie wollen. Falls das irgendwie biodynamisch wirkt, sagen Sie Bescheid, wir integrieren das in die üblichen Behandlungsmethoden.

Heilhüpfen können Sie haben, gerne auch in konzentrischen Kreisen, mit oder ohne Ohrkerzen, und wir machen dazu anthroposophisches Kratzen auf der naturbelassenen Schiefertafel. Alles kein Problem. Globuli? Entschuldigung, hatten Sie das nicht kapiert? Wir sind Ärzte!“





Patentrezept

28 09 2016

Er sah wirklich bemitleidenswert aus, wie er sich am Gartenzaun festhielt. Horst Breschke schniefte und keuchte. „Das ist der kühle Sommer dieses Jahr“, jammerte er, „würde er nicht so lange dauern, ich hätte mich nie erkältet.“ Ein gewaltiger Nieser schüttelte den Alten durch. Keine Frage, hier war medizinische Hilfe vonnöten.

Willig ließ sich Breschke die Kastanienallee entlangführen, zwischendurch mehrmals kräftig ins Taschentuch schnaubend. Einmal musste er sich noch am Zaun abstützen, die übrige Zeit hatte ich ihn am Arm. „Meine Frau hatte es vergangene Woche“, teilte er mir mit heiserer Stimme mit. „Aber bei ihr ist es schneller abgeklungen, sie ist ja gerade bei unserer Tochter zu Besuch.“ Die Vermutung lag nahe, dass vor allem seine aktuelle Lage als Strohwitwer zwar nicht zum Ausbruch der Krankheit geführt, ihr wohl aber den Weg geebnet hatte. Im vorigen Jahr hatte der pensionierte Finanzbeamte volle zehn Tage lang auf der Couch geschlafen, lauwarmen Tee getrunken, kaum den Garten aufgesucht, obwohl es im Haus nicht eben kühl war dank der Julitemperaturen, und er hatte nur jeweils einmal einen kurzen Gang vor die Tür gewagt, wenn Bismarck ihn lange genug vom Flur aus angeschaut hatte, weil er einen ganzen Tag lang warten musste. Die Krankheit fühlte sich offenbar recht wohl in Breschke, und es schien mir, als wäre es umgekehrt wohl halbwegs auch der Fall.

„Da ist es“, befand er, und ich kam nicht umhin, ihm sofort zu widersprechen. „Doktor Klengel ist doch schon seit Jahren nicht mehr hier“, erklärte ich mit Blick auf das neue Türschild. Die Kinderärztin im ersten Stock würde ihn sicher nicht behandeln, und im zweiten Stock saß die Nachfolgerin unseres aus Altersgründen nicht mehr praktizierenden Allgemeinmediziners. „Sie wollen doch wohl nicht…?“ „Aber es ist doch seine Praxis“, beharrte Breschke, „und wahrscheinlich werden sie alle Akten behalten haben, da kann ich doch nicht so einfach zu einem anderen Arzt gehen.“ Ich seufzte auf. Dann eben zur Heilpraktikerin.

Das Wartezimmer war angenehm leer, wir mussten nur knapp eine halbe Stunde warten, bis Frau Trummschneider uns hineinbat, das heißt: Breschke bat sie, mich nahm sie mit knirschenden Zähnen hin, weil der Alte darauf bestand. Bestimmt hatte sie sich noch einmal ordentlich auf den neuen Patienten vorbereiten müssen – die Klangschalen mit linksgerührtem Mondwasser desinfizieren, die Fichtennadeln in konzentrischen Kreisen rund um die Badewanne auslegen, alle Globuli nach Größe und Geschmack sortieren – und schien jetzt für jede lebensgefährliche Krankheit gerüstet. „Schlafen Sie nachts manchmal schlecht“, fragte sie. „Und ob“, hüstelte Breschke. „Ich lutsche vor dem Einschlafen noch mal ein Halsbonbon, aber…“ „Ich meine“, unterbrach sie ihn gereizt, „ob Sie generell schlecht schlafen?“ Unser Patient schien die Anamnese nicht so recht zu begreifen. „Da müssen Sie meine Frau fragen“, antwortete er, „sie kriegt davon mehr mit – ich schlafe ja meistens die ganze Nacht.“ Ich sah mich im Zimmer der Wunderheilerin um; auch hier war der vertraute Pillenschrank, und ich meinte, es hätte sich sogar um das von Klengel nachgelassene Möbel gehandelt. „Geben Sie ihm doch einfach etwas zur Linderung“, regte ich an, „dann sind Sie uns schnell wieder los. Und ich sorge auch dafür, dass er sie nie wieder aufsuchen wird.“ Sie rümpfte die Nase. „Wie stellen Sie sich das vor“, murrte sie. „Es gibt doch kein Patentrezept gegen Krankheit, ich muss zuerst seine spezifische Situation in Erfahrung bringen, ob es derzeit Faktoren gibt, also nicht seine Frau, die…“ „Wir haben einen Hund“, unterbrach Breschke schüchtern.

Trummschneider konsultierte vorerst ein dickes Nachschlagewerk, in dem mutmaßlich sämtliche grob nach einem grippalen Infekt aussehenden Erkrankungen aufgeführt waren. „Wir könnten eine Gemüsesaft-Therapie beginnen“, empfahl sie, doch der Kränkelnde blieb skeptisch. „Das kann sogar bei manchen Krebsarten positiv auf die…“ Schon hob er abwehrend die Hände. „Nein“, stammelte er, „das will ich nicht! Am Ende bekomme ich noch etwas viel Schlimmeres bei Ihrem Gemüsezeug!“ „Vielleicht haben Sie Ihre Gemüseextrakte ja als Tabletten“, empfahl ich. „Dann würde wenigstens die Dosierung stimmen.“ „Ich behandle in so einem Fall ausschließlich homöopathisch“, gab sie zurück, deutliche Herablassung in der Stimme. „Sie wissen wohl nicht, wie das funktioniert?“ „Wenn Sie eine niedrige Dosierung bevorzugen“, überlegte ich, „warum geben Sie ihm dann nicht einfach ein Gramm Sellerie?“ Verärgert schlug sie das Buch zu. Schon war sie beim Entscheidenden Teil angelangt. „Ich berechne für die zweiwöchige Behandlung mit Bio-Pflanzenanwendungen einen Betrag von…“ Erkältung hin oder her, der Pensionär sprang auf und griff nach seinem Hut. „Ich bin versichert“, schrie er aufgebracht, „und jetzt soll ich für Ihren Hokuspokus noch einmal zahlen? Das werde ich nicht! Kommen Sie, wir gehen!“ Ein gewaltiger Hustenanfall schüttelte ihn noch im Vorzimmer durch. „Ich werde Ihnen das Handwerk legen!“

Das kleine Mädchen mit dem deutlich geröteten Ohren sah Breschke aufmerksam an. Irgendwo im Hintergrund quengelte ein Säugling. „So“, sagte die resolute Ärztin, „ich habe Ihnen das Rezept dafür ausgedruckt. Sie kümmern sich um ihn, ja?“ Sie reichte mir ein gefaltetes Blatt und drückte meinem hüstelnden Schützling kräftig die Hand. „Wir kriegen Sie schon wieder auf die Beine. Und meine Hühnersuppe hat garantiert keine unerwünschten Nebenwirkungen.“





Innere Angelegenheiten

6 08 2012

„Aber alles nur zu Ihrem Besten! Die deutsche Transplantationsmedizin muss noch sehr viel sicherer werden, das stimmt. Todsicher.

So ein Skandal darf sich nicht wiederholen, und wenn, dann sollten wir gut vorbereitet sein. Man kann das nicht einfach auf sich beruhen lassen, das ist ein riesiger Imageschaden für unser Land. Als Exportnation haben wir einen Ruf zu verteidigen, auch und gerade auf dem Gebiet der – nein, so war das nicht gemeint. Aber vielleicht nehmen uns das die Märkte übel, wenn wir bei der medizinischen Versorgung nicht unser übliches Niveau zeigen.

Das ist die Behörde für Innere Angelegenheiten. Weil es sich ja um Innereien handelt. Und wir müssen da als staatliche Regulierungsstelle schon einen Apparat aufbauen, der für bessere Kontrollen steht. Dafür könnte man auch die eine oder andere Gesetzesänderung in Betracht ziehen. Wir sollten da ohne Denkverbote drangehen.

Diese neue Organwarteliste ist unter Mitarbeit aller Betroffenen organisiert worden. Da waren die Chefärzte dabei, die Klinikleiter, ein paar Leute aus der Pharmabranche, dann hatten wir einen Apotheker, der war aber beim falschen Kongress, und der Bundesgesundheitsminister, der hat ein paar Stunden lang sehr schön geredet, ich weiß nicht mehr, worum es ging, er hat nichts dazu gesagt. Dann scheint es wohl auch nicht so wichtig gewesen zu sein.

Natürlich Privat vor Staat – das ist eine Public Private Partnership. Wir, also der Staat, kümmern uns um die Abwicklung und treiben die Gebühren für das operative Geschäft ein. Die setzt jeweils der private Träger fest. Irgendetwas muss der ja auch tun. Die Bundesärztekammer hält sich da ganz raus. Also aus der Finanzierung. Das machen wir. Der Staat muss ja auch etwas tun.

Sie werden staunen, wir haben jetzt den Bürokratieabbau beschleunigt. Dafür haben wir jede Menge neue Ärzte aus dem Fachkräftemangel eingestellt, der Bearbeitungszeitraum ist enorm gesunken. Eine Herztransplantation kann teilweise innerhalb von zehn Arbeitstagen zur Durchführung gebracht werden – vorausgesetzt, Sie haben die notwendigen Papiere dabei, sind vorher registriert und bringen Ihren Organspender gleich mit. Das geht dann in unsere Behörde, dann wird das alles geprüft, und dann sollte das auch fristgerecht zur Verpflanzung kommen. Mit Empfehlungsschreiben möglicherweise sogar pünktlich.

Hier arbeiten wir dann wirklich Hand in Hand. Was der Prüfungskommission nicht auffällt, das ist der Ärztekammer egal. Wir gehen partnerschaftlich vor. Härtere Strafen? Wissen Sie, das ist so ein typisches Vorurteil, dass man mit härteren Strafen eine Änderung der Umstände erzielen könnte. Das bewirkt doch letztlich gar nichts. Wenn Sie mal den bedingten Tötungsvorsatz außer Acht lassen, was haben Sie denn von härteren Strafen? Wer rechnet denn mit Konsequenzen, ein Arzt etwa? Wenn Sie die Transplantation kriminalisieren, dann wird sie hinterher eventuell vorsätzlich irgendwo illegal auf dem Küchentisch – nein, das war etwas anderes.

Schauen Sie, mit Symptombekämpfung wie beim Verfassungsschutz kommen wir hier nicht weiter. Gerade im Transplantationswesen müssen wir den gesamten Körper der Volksgesundheit im Auge behalten – es ist ja hier alles so voller Korruption, trotzdem klappt es nie wirklich. Da ist offenkundig staatliche Hilfe notwendig.

Beispielsweise prüfen wir jetzt stichprobenartig die korrekte Zuordnung der Spenderorgane. Jede tausendste Transplantation wird verfolgt, wir fragen dann den Empfänger, ob er Unregelmäßigkeiten während der Operation bemerkt hat. Wir haben das selbstredend an eine Bundesbehörde gegeben, das heißt, wir haben dafür eine gegründet. Es gab im Entwicklungshilfeministerium keine Möglichkeit mehr, Liberale zu Regierungsräten zu machen.

Außerdem kontrollieren wir heute sehr viel besser die Verpflanzungen im Ausland. Schauen Sie, wenn man sich Syrien ansieht oder den Irak, das sind doch durchaus förderungswürdige Gebiete. Wir als Bundesregierung stehen da zu unserer Verantwortung, diese Länder zu fördern und zu langfristigen Partnern zu machen – und wir sollten diesen Nationen klarmachen, dass wir Hilfe in erster Linie als wirtschaftliche Zusammenarbeit verstehen. Mit Jordanien hat das schon geklappt.

Natürlich ist das auf Gegenseitigkeit. Für die Zukunft muss Deutschland als Markt attraktiv bleiben, und innovative Dienstleistungen bringen uns immer voran. Wir bieten da jetzt so ein staatlich gefördertes Komplettpaket an. Wellness im exklusiven Resort, idyllisch gelegen, Reizklima, fünf Sterne, inklusive Spenderleber, dazu animiertes Freizeitprogramm für Begleitpersonen, Reha, alles. Knapp eine halbe Million. Können sich die meisten Chinesen heute schon leisten. Und das Rheinland ist ja auch wirklich ein nettes Fleckchen Erde.

Die Organbank? Ist noch im Aufbau, soll aber einmal eine wirkliche Innovation werden. Damit wäre Deutschland wieder ein Zentrum des technologischen Fortschritts, wenn quasi in Echtzeit die Ergebnisse an der Börse gehandelt würden. Da machen Sie noch schöne Zusatzgeschäfte durch Spekulation mit Leberwerten. Oder Sie wetten, wann der Spender abnippelt. Derzeit gibt es für eine Vollspende bis zu zwanzig Prozent Rendite.

Danke für Ihren Zuspruch, das können wir brauchen. Es kommt ja immer wieder auch zu Abstoßungsreaktionen. Aber das kriegen wir in den Griff. Bis auf Verfassungsorgane.“





Auf Herz und Nieren

23 07 2012

„Nehmen Sie doch noch ein bisschen Leber, die ist gerade ganz frisch. Sehr gute Ware, kann ich Ihnen nur empfehlen. Sie werden begeistert sein. Als renommierter Transplantationsmediziner sollten Sie da sofort zugreifen.

Wirklich gute Ware. Unsere Spender werden sozusagen kurz vorher noch einmal auf Herz und Nieren überprüft. Wirklich nur die allerbeste Ware, frisch auf den Tisch. Sie operieren selbst? Dachte ich mir, dass Sie vom Fach sind. Sie erkennen so eine vernünftige Bauchspeicheldrüse, oder?

Vor allem Ehrlichkeit – ja, wir müssen den Tatsachen auch mal ins Auge sehen, von uns wird Ehrlichkeit verlangt. Das ist ethisch ja auch das Mindeste, was man von uns erwarten kann. Wir sind da ganz ehrlich: es geht uns um’s Geschäft. Und da sind wir dann auch ganz seriös. Wenn wir bei der Steuer mauscheln würden – die Gefahr wäre viel zu groß, dass man durch so eine Nachlässigkeit ins Visier der Ermittler geriete. Nein, dann lieber ehrlich.

Netzhaut kann ich Ihnen empfehlen. Ist schnell gemacht. Die Spendenquittung nimmt man gleich mit. Momentan der Renner im Innenministerium. Und beim Verfassungsschutz. Immer nur rechts, aber da wird’s ja auch nicht mehr gebraucht. Im Gegenzug helfen uns die Schlapphüte bei den Akten. Sie wissen ja, Geheimhaltung ist alles. Und wenn niemand nachvollziehen kann, woher so ein Organ kommt, wird auch keiner rauskriegen, wo es landet. Den Rest erledigen wir mit der ärztlichen Schweigepflicht.

Nein, machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben das im Griff. Das Ganze wird einfach vorgezogen, verstehen Sie? Wir warten nicht mehr, bis wir die Organe entnehmen können – wir quatschen die Leute schon hirntot, damit sie den Spenderausweis unterschreiben.

Momentan kann ich noch nichts Genaues sagen, aber wir arbeiten bereits an einer Verordnung für mehr Lebendspende aus deutscher Produktion. Bis jetzt hatten wir immer einigermaßen gute Erzeuger am Start, aber der Markt ist leider sehr volatil. Sommerferien, Motorradzeit, Baustellen, alles in Butter. Aber dann haben wir dieses Jahr so ein schlechtes Ausflugswetter – Baisse in Nieren, keine Lunge, keine Knorpel, nichts. Da müssen wir dann gegensteuern. Und genau da kommen dann die Arbeitslosen ins Spiel. Von einer Niere wird sich eine drei- bis vierköpfige Bedarfsgemeinschaft zwar auch nur maximal zwei Jahre lang ernähren können, aber länger geben wir denen eh nicht. Marktbereinigung, Sie verstehen?

Der Organhandel ist doch endlich mal eine Gelegenheit, sich solidarisch zu erklären mit unseren europäischen Nachbarn. Zeigen Sie Herz – nein, halt, Leber oder Milz oder so, und dann haben wir auch wieder genug Geld, um die spanischen Banken in Deutschland zu – die Deutsche Bank in Spanien, meinte ich natürlich.

Das befindet sich im Experimentalstadium. Bisher entnehmen wir Därme noch nicht bei der Routineausschlachtung, aber wir holen das natürlich schnellstmöglich nach. Der Bundesgesundheitsminister hat das so angeordnet. Denken Sie dran, der ist in der FDP – der hat seine ganze Karriere darin verbracht.

Wir müssen an unserem Erscheinungsbild noch etwas arbeiten. Die Öffentlichkeit ist immer so schnell abgeschreckt, wenn sie sich mit unserer Branche konfrontiert sieht. Mir schwebt da schon etwas vor: ‚Sie kaufen sich keine Leber, sie nehmen sich ein Leben.‘ Wie finden Sie das?

Übrigens Leber – wir haben da gerade wieder Aktionswochen fürs Upgrade. Kennen Sie zufällig Alkoholiker? Der Trend geht ja inzwischen zum Drittorgan. Wir nehmen den alten Lappen auch gerne in Zahlung. Wir liefern, Sie bauen ein. Deal? Nein, das geht nur bei Privatpatienten.

Es heißt ja schließlich ‚Gesundheitsmarkt‘, dann machen wir das hier auch nach Marktgesetzen. Nein, nicht wirtschaftlich gesehen. Wer am besten bescheißt, gewinnt halt.

Internationale Zusammenarbeit ist für uns als Zulieferer selbstverständlich eine große Chance. Sie können von unseren Kontakten nur profitieren – wir arbeiten an globalen Standards, um die Nachfrage auf dem Markt zu befriedigen. Nur mit strategisch guten Planungen können wir die Qualität sichern und die Transplantation voranbringen. Vornehmlich arbeiten wir auf höchster Ebene mit chinesischen Ministerien zusammen – nein, mit der Justiz. Uns schwebt vor, eine verbesserte Menschenrechtslage in China zu erreichen. Die Todesstrafe wird dann zwar häufiger vollstreckt, aber nur bei jugendliche Delinquenten. Aus denen können wir mehr rausholen.

Außerdem sind wir für erweiterte Kontrollen. Das muss einfach sein. Stellen Sie sich nur einmal vor, hier würden sich staatliche Stellen in alles einmischen, was uns als Organfachhandel den Laden am Laufen hält. Völlig unmöglich. Das ist doch auch nicht in Ihrem Interesse, Herr Doktor.

Also Leber. Wir haben hier etwas im Angebot, ganz neue Ware. Und Herzklappen diese Woche? Gut. Und dann haben wir noch frische Lunge. Darf’s noch ein bisschen mehr sein?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLVIII): Impfkritik

13 07 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich ist das begrenzt, was unter der Kalotte suppt. Dem einen sagen Formel-Eins-Rennen nicht zu, der andere hat eine Abneigung gegen Mathe. Und doch eint uns, die aus dem gemeinsamen Fluchtpunkt der Primaten projizierte Diversifikation an halbwegs, vollständig und Teilzeitbeknackten, die selektive Akzeptanz des Weltbildes. Blind glauben wir an Bosonen und Kreiskolbenmotor, Laserkanone und Smartphone, doch Mikrobiologie und pharmazeutische Nutzanwendung sind noch Hokuspokus aus dem vergangenen Äon; eher fräße ein Büromane Pillen aus Dreck und Hundehaaren, als sich auf die Wirksamkeit einer Pille zu verlassen und den Unterschied zwischen dem Schamanen und dem approbierten Facharzt zu verstehen. Der reine Tor braucht nun mal nicht mehr als Wadenwickel und kalte Waschlappen, wenn Kollege Ebola an die Tür klopft. So ward Abend und Morgen und es entstand die Impfkritik.

Impfkritik ist zunächst ein normaler Auswuchs an mangelndem Urteilsvermögen, wie die üblichen Gelehrten ihrer Zeit Semmelweis’ Erkenntnisse der evidenzbasierten Hygiene für Tralafiti hielten. Nicht grundlos spricht die Wissenschaftstheorie von einem gleichnamigen Reflex, der logisches Denken mit Denkverboten konterkariert, um die mit dem Intellekt von Fischfutter gesegneten Kollegen aus der Nummer rauszukriegen. Was nicht zu sein hat, ist nicht – und wenn der ganze Schnee verbrennt.

Im einfachsten Fall sind die Gegner Vertreter mindestens esoterisch verbrämter Privatrealitäten. Eine halbwegs handhabbare Gruppierung ist die der religiös motivierten Gegner, die aus Angst vor der Spritze eine generelle Skepsis gegenüber einer Medizin entwickeln, die auch dann wirkt, wenn man nicht an sie glaubt. Kein Scientologe, kein universell oder ansonsten uriell Lebender braucht sich gegen Pocken pieken zu lassen.

Wesentlich unangenehmer wird es bei den pseudowissenschaftlich verschwiemelten Grützbirnen, die die karmagesteuerte Homöopathie samt teutonischer Mistelmedizin für den Mittelpunkt der rotierenden Reichsweltscheibe halten. Ein lässiger Griff in die braune Masse bringt rasch hervor, welcher Provenienz dieses kognitiv suboptimierte Gesabber ist, wie es weiland schon der Bettnässer von Braunau in seinen Tiraden wider die jüdische Schulmedizin unter sich ließ. Was immer das vorneuzeitliche Brauchtum an Rasseideologie hervorkotzt, hier ist es gut aufgehoben. Die im Endstadium dackeleske Verdrehung, die Impfung erst bei drohender Krankheit zur bewussten Entscheidung des Kassenpatienten zu machen, ist an weißem Rauschen im Hirnhöhe kaum mehr zu überbieten.

Geradezu possierlich ist doch, dass die weltumspannende Bewegung der Impfgegner streng nach Staaten geordnet eigene Kritikpunkte aus der Kimme kloppt – in Frankreich rennt man gegen die Tuberkulose-Impfung Sturm, auch wenn die seit einem halben Jahrhundert nicht mehr praktiziert wird, in Großbritannien hält man Medikamente gegen Masern, Mumps und Röteln, die auf dem Kontinent klaglos wirken, für Tod und Teufel – und sich nicht nur widerspricht, sondern zuverlässig bekloppt mit chauvinistischem Vokabular den Angehörigen des jeweils anderen Volkes Verrat und Korrumpiertheit vorwirft. Sonst hätte wohl auch die grassierende Verschwörungstheorie kaum Luft zum Atmen, wie immer sie sich zeigt, ob als Auslöser des plötzlichen Kindstodes (den es scheinbar nur in Italien gibt) oder als Faktor für posttraumatische Störungen nach Golfkriegseinsätzen (weil es diese Art von Grippeschutzimpfungen vermutlich nur in den US of A und nur in der Armee und nur während der Jahre gegeben haben muss, in der eine Kohorte von Soldaten ihre Temporallappen weich gespült hatte). Dumm nur, dass die Kinderkrankheiten im aufgeklärten Zentraleuropa da den Nachwuchs plätten, wo Anthroposophen und ähnliche Altnazis ihr Gesums unverhindert absondern können. Selbst harmlose Masern werden wieder zur tödlichen Gefahr; wenigstens ist das göttliche Gleichgewicht wieder hergestellt, wenn die Kurzen krepieren.

Wie aber verfährt man mit den Berufsirren, deren Voodoo nicht für ein Studium der Betriebswirtschaft ausgereicht hat? Belfert man auf sie ein, um sie als Keimzwischenträger aus der Ernährungspyramide zu kippen? Begegnet man ihnen aus Respekt mit offenen Armen, aus gesundem Menschenverstand jedoch mit drei Lagen Latexhandschuhen? Weiträumiges Umfahren der Raumkrümmungsopfer bietet sich im Grundsatz immer an; wer schon geistig auf seinem eigenen kleinen Planeten lebt, darf sich auch gerne gesellschaftlich demgemäß ausgestoßen fühlen. Die Hauptsache ist, die religiösen Fundamentalisten, denen sowieso bald jede Gebetsabschussrampe untersteht, amalgamieren sich schnellstmöglich wieder mit der abbaubaren Biomasse. Wenn sie die Klappe halten, muss man ihnen auch nicht mehr böse sein. Bis dahin kann man das ganze arkane Gekasper gepflegt ignorieren. Wer hört schon auf Säuglinge.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXIII): Heilpraktiker

6 01 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es zeichnet den Hominiden zweierlei aus. Zum einen begreift er die Endlichkeit des Seins und weiß sie in logische Zusammenhänge zu bringen – Vollkontakt mit dem frustrierten Mammut, Verzehr giftiger Pflanzen, intermittierendes Eindellen des Frontschädels, alles setzt der aktuellen Inkarnation ein mehr oder weniger rasches Ende. Der stets wache Erfindergeist ist das andere, die Neigung, gegen das Ableben allerhand Mittel und Wege zu sehen und von einer Generation zur nächsten zu kommunizieren. Der Mensch akzeptiert nicht die Geworfenheit, er lehnt sich kreativ dagegen auf, ihm mangelt es nicht an Ehrgeiz, im Experiment die Welt in ihre Schranken zu weisen. Als höchste, als letzte Instanz entwickelt er sich zum Arzt, der dem Tod die Stirn bietet. Immense Hürden auf dem Weg zum Mediziner nimmt, wer neben einer fundierten naturwissenschaftlichen Begabung eine umfassende Allgemeinbildung sein Eigen nennen darf. Der Rest wird dann eben Klempner. Oder Heilpraktiker.

Die Heizdeckenverkäufer des Medizinbetriebs – ein idealer Beruf für alles, was bereits als Spülhilfe oder Anwalt versagt und dreimal den Taxischein nicht gerissen hat. Denn jedes Schimmelhirn darf sich in diese parasitären Dehnungsfuge zwischen Bademeister und Abdecker klemmen, da lediglich zwei Griffe zur Ausübung nötig sind: Handauflegen und Handaufhalten. Um die gröbsten Schäden am Material abzuwehren, stellt die Prüfung sicher, dass der angehende Quacksalber deutlich weniger an Kenntnissen besitzt als eine durchschnittliche Sprechstundenhilfe, um dem zurechnungsfähigen Teil der Population im letzten Augenblick die Flucht zu ermöglichen. Immerhin, zu seiner eigenen Sicherheit popelt er am Patienten unter der Auflage, die gravierenden Fälle zu erkennen – mit der Konsequenz, dass der Kurpfuscher nach gründlich versaubeutelter Kur alles leicht von der Backe kriegt, damit der richtige Arzt die gröbsten Schäden auf dem Weg zum Exitus ausputzen darf.

Oft und gerne genommen bei gut und gläubigen Deppen ist die sanfte Medizin, derart sanft, dass jeder Nachweis schreiend vor der Messbarkeit wegrennt. Offenbar besteht die wissenschaftliche Medizin ausschließlich aus Amputation, Exzision, Vivisektion und wird auch bei Schnupfen oder Schlafstörungen angewandt. Ein komplementärer Therapieansatz – Komplementärmedizin ist im reinen Wortsinn zu verstehen als das Gegenteil aller Vorstellungen von Zivilisationsteilnehmern, die noch alle Tassen im Schrank haben – wie etwa Pendeln, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Homöopathie jedoch, ähnlich effektiv wie der Versuch, ein aus verleimtem Würfelzucker gebasteltes Modell des Petersdoms mit Hilfe böhmischer Ukulelenmusik in Rotation zu versetzen, hat die gewünschte Nebenwirkungslosigkeit. Und schadet er nicht der Krankheit, dann ist alles gut. Stoßen traditionelle Methoden auch oft an ihre Grenzen – es mag sich seit der Steinzeit bewährt haben, bei Migräne in Säbelzahntigerauswurf zu baden, authentisch ist die Angelegenheit jedoch nicht mehr zu lösen – so ist doch die Sanftheit der Heilmethode ein noch viel schöneres Placebo.

Es ist tatsächlich nicht viel mehr als der uralte Wunderglaube, dass der Schamane mit seinem Gesundgebete, der mittelalterliche Medicus in der verschwiemelten Irrationalität ein Mana festschraubt, das jenes höhere Wesen, das wir verehren, zwischenzeitlich leicht gelockert hatte, weil der Bekloppte sich im Raum-Zeit-Kontinuum verdödelt. Oder weil in der Apothekerzeitung die richtige Symptomatik abgedruckt war, die dem durchschnittlichen Masochisten für ein Selbstbau-Syndrom ausreicht. Der Beknackte geht im Schutz der eigenen finanziellen Möglichkeiten zur Hexe in den Hinterhof, denn wer nur lautstark behauptet, dass er heilt, wird schon Recht haben. Dass die Sache grotesk teuer ist, scheint den Deppen nicht zu stören, schließlich ist skrupellose Preisgestaltung im Medizinbetrieb als Qualitätsnachweis längst etabliert genug, dass sich auch Kurpfuscher an den Zug hängen dürfen.

Kraniosakrales Eigenuringurgeln, ayurvedisches Farbträumen, Geistheilung durch Therapiehamster, keine noch so beknackte Methode, die sich nicht als Elixier gegen Gebrechen jeglicher Art verscherbeln ließe. Das öffnet Raum für immer neue Geschäfte, in denen jeder seine Nische findet, wahlweise als transzendental-ganzheitliches Mysterium, exotisch angehauchter Ethnokitsch für Freizeitrassisten oder pseudowissenschaftliche Weichstapler, deren Aura-Kristall-Analyse-Spektral-Ohrkerzen-Gymnastik schon seit 5000 Jahren in Afrika praktiziert und demnächst durch atomare Frequenzspektrometrie bewiesen wird. Notfalls hält eine alternde TV-Matrone ihre Gesichtslederhaut in die Linse und bekennt sich dazu, mit Halbedelstein-Drainage und Voodoo-Transfusion das Bindegewebe rund um den Schließmuskel wieder in Form gebracht zu haben. Auch hier ist alles sanft, zauberisch, kurz: die Alternativmedizin ist nie mit Wundbrand und vereiterten Backenzähnen konfrontiert und jagt jede Krankheit en passant vom Hof. Der Bescheuerte fragt sich nicht, wozu es Heerscharen an Fachärzten gibt, festmeterweise Fachliteratur zur urologischen Diagnostik oder den Nobelpreis, er ist konditioniert, dem absurdesten Versprechen zu glauben.

Längst haben sich die Scharlatane die seelische Gesundheit der Bekloppten vorgenommen und jubeln ihnen Urschrei und Rebirthing als Pflaster gegen paranoide Schizophrenie unter. Ein Heer selbst ernannter Spezialisten bosselt wirr mit Zwölfzollnägeln und Gottvertrauen an den Dachschäden wehrloser Nachtjacken herum, ohne auch nur eine Stunde medizinisches Fachwissen in die trübe Birne geträufelt bekommen zu haben. Die Hälfte jener Geistheiler könnte selbst einen gebrauchen, die andere Hälfte wäre in den Fingern des Staatsanwaltes deutlich besser aufgehoben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Mischpoke, so sie sich nicht vorher an energetisiertem Wasser die Ruhr einfängt, der eigenen Branche in die Hände gerät, wo sie Bioresonanz-Haaranalyse, Darmpilz-Channeling oder Feng-Shui-Koniotomie gepflegt in die Biomasse überführen. Alle Zellen schwingen. Die kosmische Harmonie hat sie wieder. Deckel zu.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XCIII): Krankheiten als Gesprächsthema

18 02 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Hominide ist nach landläufiger Meinung ein sprechendes Wesen; ob er zur Sprache auch befähigt sei, darüber streiten freilich die Geister, nichtsdestotrotz schwallt einer den anderen beim Platitüdenbingo voll, bis Blut aus dem Gehörgang sickert. Wo der durchschnittliche Knallkopf sich nicht über Jagdreviere austauscht oder zur Wahrung des sozialen Status ad hoc erfundene Geschichten über seine Potenz zum Besten gibt – heute meist in Form eines Fachgesprächs über Armeezeit und Automobile – sondert er intentionslos Heißluft ab, um den Horror Vacui in den Griff zu kriegen, denn nichts ist dem Gesellschaftstierchen mehr verhasst als die Vorstellung, trotz aller Nullinformation nun auch noch wahrhaftig er selbst sein zu müssen, ohne einen Schutzschild aus Sprache, hinter dem er sich und seine existenzielle Tristesse verbergen könnte. Es bleibt ihm im Zustand der Nacktheit nicht mehr als seine reine Physis, genauer: deren Fehlfunktionen, denn was wäre ein besserer Anknüpfungspunkt für sinnlose Gespräche als eine Konversation über Krankheiten.

Gewöhnlich dient die Krankheit des Dritten, bis auf wenige Ausnahmen in dessen Abwesenheit, als gelungener Einstieg in den Dialogprozess. Der Bruder des Hausmeisters, beiden nur flüchtig bekannt, hat offenbar seit längerer Zeit Probleme mit den Bandscheiben, es wird sich dabei um eine Herzgeschichte handeln, auf jeden Fall kommt das von den Nerven: innerhalb weniger Minuten sind Anamnese, diagnostische Möglichkeiten sowie Therapie und Prognose ausgeschöpft, sämtliche Teilnehmer des Kolloquiums haben sich als vulgärmedizinisch hinreichend gebildete Laien geoutet und schreiten nun zur zweiten Stufe, der Post-mortem-Betrachtung. Das Konsilium eiert in konzentrischer Bahn um die Feier des Lebens, denn dass eine horrende Zahl von Waschfrauen, Henkern und Schiffschaukelbremsern bereits an Lungen-, Leber-, Luftröhrenleiden verschieden ist, dient nur zur finalen Untermalung der Tatsache, dass logisch folgt, die Diskutanten seien noch am Leben. Ein Memento mori der dialektischen Art, wenngleich sinnleer, da unverbindlich: dermaleinst werden auch sie die Radieschen von unten besichtigen, wenn andere über ihr Ableben palavern.

Die nächste Stufe ist die rezente Erkrankung, akut, chronisch, selten wirklich lebensbedrohlich, auf jeden Fall aber von kaum steigerungsfähiger Widerlichkeit. Sei es mangelnde Distanz zum eigenen Körper oder Mangel an funktionstauglicher Grütze unterm Schädeldach, nässender Ausschlag an privaten Partien dient dem Bescheuerten allemal zur Gesprächseröffnung. Bereitwillig berichtet der Bescheuerte von Gasaustauschvorgängen in seinem Verdauungstrakt, als handle es sich um ein Vorgang von epochaler Bedeutung; noch die unappetitlichen Nuancen von Hämorrhoiden, täglich einsetzender Refluxösophagitis oder nichtverbaler Diarrhö weiß der Weichstapler geflissentlich in die Unterhaltung zu schwiemeln, als gälte es, sich mit derlei exhibitionistischen Ausfällen in die Schar der verhandlungsfähigen Zweibeiner zu schummeln. In Wahrheit jedoch trifft nichts davon zu, nur setzt, wie Freud vermutet, mit dem Schwinden der Scham schon der Schwachsinn ein, so nicht Kollege Nachtfrost schon deutlich früher eingeschlagen haben sollte. Dessen ungeachtet blökt der Nappel über eingewachsene Fußnägel und nächtlichen Harndrang, rekapituliert akribisch Menge, Farbton und Temperatur diverser Sekrete und gibt notfalls praktische Proben, um traumatische Erfahrungen mit dem letztjährigen Bröckelhusten abzuarbeiten.

Gerne bespielt wird jene Bühne von der Armee der Simulanten, die endlich ein wehrloses Publikum finden, Kollateralschäden einer ästhetischen Wiederaufbereitung von Hinterwandinfarkt und Darmkrebs, täuschend echt nachempfunden mit dem Kenntnisstand von dreizehn Jahrgängen Bäckerblume und Frisörgespräch, up to date auchg bei neuen Modekrankheiten – der geschickte Hypochonder steigert sich mühelos selbst in pontozerebelläre Hypoplasie, Blepharospasmus und Ziegenpeter rein, und frenetischer Applaus wird das Gehampel begleiten, mit dem er seine Show schmückt.

Die letzte Stufe auf dem Weg zum Verfall ist die Anmaßung des Amateurmediziners, der Gebrechen anderer Bekloppter zielsicher erkennt und mit einfachen Hausmittelchen kurieren kann, wo nicht komplexe Therapie nach neuerer Forschung als Mittel der Wahl gilt. Unbeirrt hält er Kleine-Levin-Syndrom (feuchtwarme Umschläge, Würfelzucker mit Zitronensaft intravitreal) und Mundgeruch (Thoraxeröffnung, Zäpfchen, Einäschern der Leiche) auseinander, der Medikus eigener Gnaden, und weiß als getreuer Beichtvater die irrationalen Ängste der umgebungsvariablen Dummschlümpfe zu nähren, aufzuplustern und am Punkt der Panik durch Kompetenzvortäuschung zu beseitigen. Mehr Macht hat keiner als der, der mit den Mehlmützen zu spielen weiß, die bei jeder Gelegenheit, ob auf der Familienfeier, ob im Kinofoyer oder am kalten Büfett, ihre intimsten Geheimnisse offenbaren, Gallen- und Hüftleiden, genug Stoff für die zwischenmenschliche Kommunikation im Flug der Stunden, denn das erst macht den Beknackten zum vollgültigen Mitglied seiner Gesellschaft: das ewige Genörgel, die zwecklose Klage über seine beschissene Befindlichkeit. Wahrscheinlich würde er ohne die Symptome einer schleichend tödlichen Auszehrung sofort krank. Diesmal wirklich. Und was dann kommt, das will erst recht keiner hören.





Zucker für die Affen

12 01 2011

Zwei Tag lang hüstelte ich. Zwei Tage lang konnte ich vor Husten nicht einschlafen. Dann beschwerte sich die Nachbarin über meine Erkältung, und ich wusste, dass ich einem Arztbesuch langfristig nicht würde ausweichen können; schließlich wohnt sie seit Jahren schon im Erdgeschoss, und zwar im Nebenhaus.

Die Praxis war ungewöhnlich voll. Nicht nur die älteren Herrschaften mit Knochenreißen und Gicht, auch das zahlungskräftige jüngere Publikum aus den Privatkassen war zur Vorstellung erschienen. „Das klingt wie ein recht normaler Reizhusten“, konstatierte Doktor Klengel. „Sie hatten einen ganz herkömmlichen grippalen Infekt, eine knappe Woche Halsweh und Schnupfen, vielleicht etwas Fieber, möglicherweise auch Heiserkeit und leichte Kopfschmerzen, und Sie haben die Heizung aufgedreht. Dadurch sind Ihre Atemwege trocken und gereizt, und jetzt husten Sie eben.“ „Es ist wegen der Nachbarn“, bat ich den Hausarzt, „sie leiden unter der Leichtbauweise dieser Häuser – wenn ich abends im Bett einen Krimi lese, müssen sie hinterher Ohrstöpsel gegen das Herklopfen nehmen.“ Klengel wiegte den Kopf. „Ich würde Ihnen Tee verordnen, vielleicht eine dünne Suppe vor dem Einschlafen, oder auch Zwiebelsud mit Kandis. Wenn diese Regierung so weitermacht, werden Zwiebeln vermutlich bald rezeptpflichtig.“ Er blätterte in seinem Almanach. „So eine richtige Bombe mag ich Ihnen nicht geben – den Tussolini lässt sich meist nur unser Amtsarzt zwischen den Entziehungskuren verschrieben, der wurde früher auch gerne von Schlagersängern und Filmstars geschluckt – aber das hier könnte etwas für Sie sein. Bronchiflux forte, Spitzwegerich und Eibisch, ein neues Präparat. Wenn Sie mir mal die kleine grüne Flasche vom Regal herunterreichen mögen?“

Die Packung stand auf dem obersten Bord, ich musste mich recken. Fast hatte ich den Hustensaft in der Hand, da streifte ich das Tablett mit einigen Dutzend Schälchen, die auf mich draufkippten und unter Geräuschentwicklung zu Boden fielen. Kleine weiße Kügelchen sprangen umher. Ich war entsetzt Klengel lief schamrot an. „Das müssen Sie doch verstehen“, stammelte er. „Das dürfen Sie jetzt nicht in den falschen Hals bekommen, das ist alles gar nicht so, wie es aussieht.“ „Das hatte ich mir gedacht“, antwortete ich lakonisch und schnippte mir eine der Milchzuckerperlen vom Ärmel. „Das ist alles ganz anders.“ Die Tür öffnete sich einen Spalt. Fräulein Dickmann schon den Kopf hinein und zischte: „Achtung! Die Schmedecke, sie sagt wieder, es sei ein Notfall! Sie ist in zehn Sekunden hier!“ Die Tür schloss sich; Klengel packte mich an der Schulter. „Hinter den Paravent“, entschied er.

„Das war ja alles ganz wunderbar“, jubelte Frau Schmedecke und knipste erregt ihre Handtasche auf und zu. „Dies Ziehen in der Schulter ist seitdem fast verschwunden, und die Schwindelanfälle sind seit über einer Woche gar nicht mehr aufgetreten. Und was der Hans, also mein Mann ist, dem sein Ischias ist ja auch so viel besser geworden, der spürt den schon gar nicht mehr – Hans, sage ich gestern Vormittag zu ihm, Hans, wenn Du die Pillen immer ordentlich einnimmst, dann hast Du auch bald nicht mehr diese Last mit den Nieren und…“ „Schön“, unterbrach Doktor Klengel ihren Redefluss. „Sehr schön, nur hatte ich Ihnen das Präparat ja vor allem wegen Ihrer allgemeinen Abgespanntheit verordnet. Haben Sie denn seitdem irgendwelche Änderungen festgestellt?“ Frau Schmedecke holte gewaltig aus und zählte einiges auf, von den fettigen Haaren bis zum langsam nachlassenden Hautausschlag in der Steißregion. Ich fühlte meine Hinterpartie ebenfalls kaum noch, zusammengekrümmt zwischen einem Rollschränkchen und einer Klappliege. „Gut, dann nehmen Sie diese hier regelmäßig alle zwei Stunden ein.“ „Auch nachts?“ Klengel nickte entschieden, wie ich durch einen Spalt in der Spanischen Wand sah. „Auch nachts. Bis die Dose leer ist. Danach sollte Ihre Müdigkeit auch weg sein.“

„Ich glaube es einfach nicht!“ Fassungslos hielt ich dem Medizinmann ein Tütchen mit Globuli unter die Nase. „Klengel, Sie sind ja mit der Muffe gebufft! Das kann doch alles nicht wahr sein!“ Er stützte seinen Kopf in die Hände. „Sie haben ja Recht“, murmelte er. „Das hat mir die Höppelmann eingebrockt.“ „Doktor Friedegund Höppelmann-Reisberger?“ Da hörte sich doch nun alles auf. Die Frau kurierte mit Heilsteinen und Ohrkerzen, blies Pflanzenasche in den Wind und verschrieb Dörrobst gegen Bandscheibenschäden. „Sie hat doch in den Weihnachtsferien meine Praxis übernommen. Ich hatte keine Ahnung, dass sie diesen Alternativkram macht – aber sehen Sie es sich an, das Wartezimmer ist voll. Und es kommen auch die Bionadetrinker mit dem Volvo-Kombi, die Homöopathie gegen ihre eingebildeten psychosomatischen Wehwehchen wollen. Also gebe ich es ihnen. Zucker für die Affen. Milchzucker, um genau zu sein.“ „Aber Sie verstehen doch gar nichts von Homöopathie?“

Klengel stand wortlos von seinem Stuhl auf und zog die unterste Schublade des Schranks heraus. Ein Karton stand darin, bis oben gefüllt mit kleinen Tütchen. „Globuli“, stellte er fest. „Dreitausend mal fünfzehn Globuli. Milchzucker. Keine Hundehaare und kein Nieswurz. Reiner Milchzucker. Wenn schon Placebo, dann richtig.“ Er schob die Lade mit einem Ruck wieder zu und kehrte zu seinem Stuhl zurück. „Die Homöopathie ist ein Bombengeschäft für Idioten, die lieber Schüßler-Salze, Bach-Blüten und Schlangenöl nehmen, als das Gehirn zum Denken zu verwenden. Es ist auf eigene Rechnung, auf eigene Gefahr und meist auf gut Glück. Aber was soll’s, sie verlangen danach.“ Er seufzte tief befriedigt auf. „Seit die Höppelmann-Reisberger mir diese ganzen Spinner in die Praxis geschleppt hat, steigen die Heilerfolge stetig an.“ „Und was war mit der Diagnose für die Schmedecke?“ Klengel grinste. „Vierzig Globuli im Abstand von je zwei Stunden, so lange hält keiner durch. Sie wird irgendwann so kaputt sein, dass sie ins Bett fällt und einfach wegpennt. Und dann sollten sich auch ihre Schlafstörungen erledigt haben. Man muss dies homöopathische Zeugs eben nur richtig anwenden.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXVI): Homöopathie

16 07 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Geschichte des Menschengeschlechts ist eine Geschichte der körperlichen Gebrechen. Hätte der erste Hominide, dem die Wohnhöhle auf seine inzwischen doch recht stabile Kalotte klömperte, schon die Wahlfreiheit der Krankenkasse gehabt, wie mochte er sich wohl entschieden haben? In der gesetzlichen Cro-Magnon-Versicherung hätte er sechs Wochen stramm gelegen, dafür erstklassige Verpflegung mit Mammut vom Grill und schnieke Schwestern aus dem Neandertal; die Orang-Utan-Gesellschaft hätte ihn mit Trepanation gequält, die Prähominiden-Ersatzkasse mit Gürteltierspucke in Flusswasser abgefertigt, und gerade dies Modell hat sich durchgesetzt – keiner kapierte, was da genau passierte, der Arzt hatte nicht viel zu tun, und der Heilungserfolg glich einer kurzweiligen Lotterie.

Geändert hat sich seither, dass die Bekloppten mangels Gelegenheit Mammut essen und öfter an kardiologischen Notfällen abschrammen als an Flugsaurierkollisionen. Dafür bleibt die Hirnschale so leer wie in der ersten Modellreihe, während das Nachtmützengeschwader fleißig Zuckerkügelchen müffelt und es für wirksame Medizin hält, weil das Zeug außer Nachgeschmack nichts als Zahnbelag hinterlässt. Die Idee ist es, Symptome erzeugendes Zeugs in möglichst geringer Dosis zuzuführen – gegen blaue Fußnägel einen Hammer in kleinste Partikelgröße gefeilt – und zwar alles, was sich an Substanz oberhalb der Erdkruste zusammenfegen lässt. Zu sehen wäre, was derlei Scharlatanerie zu kurieren sucht, womit und wie.

Die von der Wissenschaft nicht zu Unrecht vors Tor beförderten Schmutzwassergurgler schmeißen fröhlich alles durcheinander, Fieber und Syphilis, Husten und Ertrinkung, Noxe, Krankheit und Symptom. Pickel, Pneumonie und Pilzbefall schert der Pillendreher über einen Kamm, denn: stimmen die äußerlichen Anzeichen, dann ist die Droge in Ordnung. Die von der Werbung heraufsalbaderten 37 Arten von Kopfschmerz sind demnach piepe, der Quacksalber kann den Schnaps gesoffen oder mit der Flasche kollidiert sein, die Kur bleibt gleich. Und selbst da, wo der studierte Mediziner die Symptome verschwinden lässt, etwa das Fieber durch Penicillin, kaspern die Hahnemännchen herum und meinen, nur ihr ausschließlicher Kampf gegen die Symptome behebe auch die Krankheit. Wie krank auch immer das sein mag.

Doch nicht immer ist es so einfach, weil die verhaltensoriginelle Verfassung der Windbeutel sich im Aufschmieren übler Argumentationsmarmelade sorgfältig präpariert. Um noch die letzte Hohlwurst in die Praxis zu locken, werden auch komplizierte Vaterbindung oder Arbeitslosigkeit als Krankheiten anerkannt, als wären sie wie Schweißfüße heilbar. Kein Wunder, dass in Deutschlands großer Zeit, als wirres Denken Pflicht war, die Faschingsprinzen, voran der schlampig gescheitelte Schlappschwanz mit dem Nasenhaarbärtchen, der Homöopathologie frönten. Gegen Arbeitslosigkeit wäre beispielsweise getrocknete Hundekacke gedacht, die als geistiges Miasma die Schadwirkung auf die Lebenskraft zu neutralisieren versucht. Allerlei Firlefanz, Opium und Brechnuss und, Abbild des Kosmos, jedes verfügbare Element. Wobei der Kosmos sich ein paar neue Bestandteile reingepfiffen haben muss, weil seit der Erfindung des Kurpfuscherwesens noch ein paar neue Sachen entdeckt wurden.

Und haben die Homöopatzer auch mittlerweile ein Grundgesetz ihrer als Heilkunst aufgerüschten Pseudoreligion verletzt, nämlich das Gebot, nur unvermischten Müll zu verabreichen, so panschen sie allerlei zusammen, immer wieder zehn- und hundertfach in Wässerchen verdünnt und wieder verdünnt, so dass zum Schluss auf Dilutionen kommt von einem Molekül auf den Rest des Universums – statistisch ist in der Plempe sowieso keine Substanz mehr vorhanden, auch wenn die Heilkunstgewerbler sich als Überdosis zu Mixturen hinreißen lassen von einer Schmerztablette auf den kompletten Atlantischen Ozean. Um das wackelige Luftschiff auf Stelzen zu stabilisieren, schwiemelt man gleich noch das Märchen vom Gedächtnis des Wassers rein – die Suppe kann sich also an ein Salzmolekül erinnern, auch wenn es gar nicht mehr darin herumschwimmt. Nach derlei Theorie dürfte man mit einer einzigen Tollkirsche eine ganze Großstadt in den Sekundentod treiben, da die ausreichende Verdünnung gegeben ist, und über die Abwässer erinnern sich vermutlich Milliarden jeden Tag an das Siechtum ihrer Vorfahren. Dass nach dieser Theorie jedoch jedes Wasser im Weltall für weitere Medikamentenherstellung unbrauchbar würde, darf man ebenso wenig fragen, wie man überlegen könnte, warum bei den Globuli eigentlich immer nur die minimalen Wirkstoffe tätig werden und nicht die unvermeidlichen Verunreinigen in ähnlicher Konzentration.

Man darf das aber nicht kritisieren. Man sollte tolerant sein, als handele es sich bei diesen ins Hirn gepflockten Synapsenschäden um Rundtanz zu schamanischem Nasenflötenpusten, Heilsteinboccia oder ähnliche Karnevalsveranstaltungen, die die kranken Kassen natürlich auch brav zahlen sollen, weil wir ja sonst nichts vom Leben haben – nicht nur den billigen Placeboeffekt tragen wir mit, auch die vielen Fälle, in denen sich Homöopathieopfer nach erfolglosem Herumdoktern im Spätstadium einer Krankheit zu einem ordentlichen Mediziner schleppen, der die Grütze einer systematischen Verdummung ausbaden muss, die sich Wissenschaft nennt und allen Ernstes verspricht, mit Taubendreck und Mörtelstaub Krebs und Aids heilen zu können. Toleranz? Sicher, wir lallen im Chor der Blöden mit, die die böse Schulmedizin mit ihren teuren Apparaten verdammt und kleistern uns beim nächsten Knochenbruch lieber lauwarmen Spinat auf die Gräten, denn das spart Kosten. Aber wer will das eigentlich außer der Klientel dieses Schweinepriestervereins, Körnerkauer, Alternative und alte Naive, Sozialpädagogen und ähnliche Abraumverfüllungen in den geistigen Zahnlücken des postdiluvialen Portfolios, kurz: hoch potenzierte Dummheit, bei der auch der Hominide mit Dachschaden die Verwandtschaft strikt leugnete. Aus Gründen.





Da helfen keine Pillen

27 04 2010

Vorsichtig setzte ich die Schutzhaube auf den Kopf. „Passt perfekt“, lobte Doktor Mierendörfer. „Sie haben einen Pharmazeutenkopf, wussten Sie das?“ Das war mir tatsächlich neu; die einzige Affinität zu jenem Berufsfeld hatte mir mein alter Lateinlehrer bescheinigt, der mir sagte, ich hätte die Handschrift eines Arztes – die Entzifferung einer Klausur über die Menaechmen übernahm ein Apotheker, wie er mir weismachte. Aber denen glaubte ich sowieso nur die Hälfte.

„Schauen Sie sich diese Maschine an. Eine wunderbare Maschine! Sie kann fast drei Tonnen Tabletten am Tag pressen, und sie ist dabei äußerst flexibel.“ Mierendörfer legte einen kleinen Hebel am Steuerpult um. „Jetzt schauen Sie mal.“ Die flachrunden Pillen schienen ein wenig dunkler. Er griff in den Strom der fallenden Ellipsoide und griff sich einige heraus; auf der flachen Hand zeigte er mir die Arznei. „Schauen Sie ganz genau hin – fällt Ihnen etwas auf?“ „Sie sind ein bisschen dunkler.“ Mierendörfer nickte wohlwollend. „Gut beobachtet, und woran liegt das?“ Ich zuckte die Achseln. „Es liegt an der Oberfläche, diese kleinen Noppen werfen Schatten auf die Oberfläche. Nehmen Sie ruhig einmal eine in die Finger.“ Das Ding fühlte sich rau und ungeschliffen an wie Sandpapier. „Das ist sicher erst der Prototyp, habe ich Recht?“ Der Medikamentenmacher krauste die Stirn. „Oh nein! Das Produkt ist vollkommen ausgereift, wir haben es durch eine lange Testreihe geschickt und dabei festgestellt, dass es in seiner Wirkung nicht mehr zu verbessern ist.“ Das aber verstand ich nun nicht. „Versuchen Sie eine“, ermunterte der Doktor mich. „Sie werden es schon finden.“ Doch das Ding ließ sich einfach nicht schlucken – die Pickelchen auf der Oberfläche scheuerten wie Widerhaken. „Sehen Sie? Halswehtabletten! Zwei bis drei Stück, und Sie haben die prächtigsten Schluckbeschwerden!“

Beißende Dämpfe wehten durch die Halle. Es roch wie ein Grillunfall. Meine Augen begannen zu tränen und ich musste unwillkürlich keuchen. „Was ist denn das hier“, japste ich. Mierendörfer reichte mir umgehend eine Wäscheklammer. „Pardon“, näselte er, „sie hätten die hier aufsetzen sollen. Atmen Sie flacher, sonst kommen Sie zu sehr in den Genuss unseres Heiltranks. Sehen Sie den Kessel dort drüben?“ Er führte mich an den Rand eines großen Bottichs, in dem es kräftig blubberte. Blasen kamen an die Oberfläche, denen beim Zerplatzen heiße Dünste entströmten. Ich begriff schlagartig. „Dann muss das hier also Hustensaft sein?“ Der Pharmazeut strahlte. „Sie haben es begriffen!“

Ein altertümlicher Fahrstuhl brachte uns ins Tiefgeschoss. Während die Drahtkabine ratterte, stellte ich mir schon vor, wie es bei der Herstellung von Kopfschmerztabletten zuginge. Der Korb hielt an; ein Glöckchen bimmelte und entließ uns auf einer Plattform, auf dem ein kleiner Pillenautomat stand. Das Ding surrte wie eine Kamera. „Kein Wunder“, klärte Mierendörfer auf, „hier werden ja auch Filmtabletten hergestellt.“ Ein vorsintflutlicher Schalltrichter krönte das Gerät, das unermüdlich einen alten Ragtime vor sich hin dudelte. „Zum Dragieren verwenden wir nämlich nur Schellack.“

Gelbe Kapseln, rote Kapseln, blaue Kapseln – am Ende des Laufbandes fielen die grünen neben den brauen Kapseln in einen Bottich neben den blassrosa-orange-gestreiften Kapseln. „Unsere innere Abteilung“, belehrte Doktor Mierendörfer mich. „Hier haben wir es vorwiegend mit Magen-Darm-Erkrankungen zu tun.“ Ich runzelte die Stirn. „Das hieße ja in letzter Konsequenz, dass Sie Medikamente herstellen, die Krankheiten auslösen. Wie verträgt sich das mit dem Hippokratischen Eid?“ „Ach wo!“ Er lachte hell auf und griff in die bunten Zuckerpillen. „Diese hier beispielsweise machen nur enormes Völlegefühl, wie nach einer zu großen Portion Bratkartoffeln. Ansonsten passiert da gar nichts.“ „Aber das hieße ja letztlich, dass alle diese Medikamente…“ „… Placebos sind“, bestätigte er, „richtig erkannt. Sie haben wirklich einen Pharmazeutenkopf.“ „Und worin besteht dann die Forschung, die Sie hier betreiben? Immerhin sind Sie doch Leiter der Forschungsabteilung, wenn ich mich recht entsinne.“ „Allerdings“, bestätigte Mierendörfer. „Denn nur mit etwas Milchzucker ist es ja in einem Placebo nicht getan. Es braucht Nebenwirkungen.“ „Nebenwirkungen?“ Er nickte.

Ich griff nach einer Packung und zog den Waschzettel heraus. Die Filmtabletten versprachen Übelkeit, Drehschwindel, starke Schweißausbrüche, krampfartige Magenschmerzen und depressive Verstimmung. „Das würde man doch mit zwei Pullen schlechtem Rotwein auch hinkriegen“, sagte ich und rümpfte die Nase. „Aber Sie hätten auch Kopfschmerzen“, trumpfte Mierendörfer auf. „Die macht unsere Tablette eben nicht.“ „Und wozu das alles? Wozu dieser Zauber mit den Wirkungen, die keine sind, und den Nebenwirkungen, die die Hauptwirkungen sein sollen?“ Er faltete die Hände vor dem Bauch. „Schauen Sie“, begann er, „es ist ja so: es wirkt ja doch nichts. Ob Sie die Tabletten nun schlucken oder wegwerfen – alles eins. Und da sollen wir nun (5S,10R)-5-Benzyl-12-hydroxy-2-methyl-9,10-dihydroergotaman-3,6,18-trion und Chinin und andere Stoffe mühsam herstellen, wenn sie doch im Ausguss landen?“ „Aber warum dann die Nebenwirkungen?“ Mierendörfer lächelte feinsinnig. „Wenn es tatsächlich jemand nimmt, muss es die haben – was keine Nebenwirkungen hat, wirkt doch gar nicht, oder? So, und jetzt lassen Sie uns weitergehen. Sie wollen doch bestimmt die neue Rheumasalbe ausprobieren?“