Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIII): Hypochonder

5 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die Tage langsam kürzer und die Nächte kühler werden, wenn der seit dem Spätsommer in den Kaufhallen angestaute Spekulatius zur Neige geht, wenn es fast weihnachtlich zu werden droht und langsam der November auf dem Kalender sich zu zeigen anschickt, kurz: wenn in europäischen Gefilden endlich wieder heimeliges Scheißwetter den Aufenthalt in geschlossenen, überdachten, beheizten Räumen zum erstrebenswerten Zustand macht, dann holt eine Armee zum grausamen Vergeltungsschlag an der restlichen Welt aus – das Heer der Hypochonder. Nur konsequente Inzucht, frühzeitiges Abtrainieren der Hirnzellenverwendung sowie monomanisches Herumvegetieren auf einer quasi punktförmigen Fläche dieser existenziellen Abschussrampe formerly known as Dasein kann den introspektiven Vollidioten zu diesen Höhen führen, die jeden anderen längst in die Regionen des großen Kopfaua geführt hätten.

Wann und wie die Hypochondrie ausbricht, ist bislang ungeklärt. Manche Beobachter gehen von naturbelassener Beknacktheit aus, die TV-Shows über die Schweinegrippe in die fatale Richtung triggern. Andere heben zwanghaftes Stöbern in Gesundheitslexika hervor, wobei eine Mehrheit den Konsum von Apothekenzeitschriften als Anfixe nicht vollkommen auszuschließen gewillt ist – Farbberichte über Ekzem, Reizblase und Gasbrand heben die verzweifelte Stimmung in der Krankheitsherde und füttern die imaginären Leider mit Hoffnung auf ekelhaftes Siechtum, Gebrechen im Endstadium, Auszehrung, Verfall und Schwund für die Galerie. Der professionelle Wahnkranke hakt im Laufe eines Tages routiniert ein komplett ausgebildetes Karpaltunnelsyndrom und ein besonders schönes Hirnödem ab, um dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, kurzfristig an Milchschorf zu verscheiden. Flexibilität ist der zweite Vorname dieses Bescheuerten, er ist in der Lage, Spitzenleistungen der Symptomatik zu vollbringen: aus beliebigen Krankheitszeichen wie trockenem Husten, leichtem Ziehen in der Hüfte oder spontanen Schädelfehlbildungen schwiemelt er neue Seuchen, die fast immer wenigstens ein Opfer fordern – den Arzt, der sich das dünn angerührte Kasperletheater des Behämmerten antun muss.

Chronische Fälle sind sogar in der Lage, mit ihren darstellerischen Fähigkeiten einen Grand mit Viren auszuspielen und, obzwar gesund, ein ganzes Wartezimmer mit Schweinegrippe zu infizieren. Überhaupt liegt der Verdacht nahe, Hypochonder pflegten ein unnötig enges Verhältnis zu den Präparatproduzenten. Denn sind Krankheitskomiker ohnehin schon die geborenen Vollopfer, machen sie sich auch noch freiwillig zu Versuchskaninchen der Pillendreherkonzerne. Als wäre diese Form von Beklopptheit noch medikamentös zu bekämpfen.

Man könnte sie ja ignorieren, wenn sie nur geschwächt darniederlägen und verzweifelt ihr Lebensende abwarteten – doch sie tun uns den Gefallen leider nicht. Stattdessen toben Kompanien herzrhythmusgestörter Schlaganfallpatienten von einem unschuldigen Gesunden zum nächsten, um allen mit chirurgischer Präzision die Einzelheiten von Nachtschweiß, Blutzuckergehalt und neuropathologischen Ausfällen vorzuschwallen. Selten verstirbt einer der Wahrnehmungsgestörten, eher handelt sich die geplagte Umwelt ein Burnout-Syndrom mit einer Extraportion Ohrenkrebs ein.

Was einen richtig in die Nähe der Hirnembolie treibt, ist die egozentrische Selbstverständlichkeit, mit der die psychosomatischen Nervbeulen sich ihre Vorzugsbehandlung unter den Hohlpflöcken dieser kranken Gesellschaft herausnehmen. Denn wer ist dafür verantwortlich, dass der Hausarzt nach stundenlangem Geschwätz mit dem Jammerbeutel gepudert zusammenklappt und keine Luft mehr für andere Erkrankte hat? Wer organisiert Busreisen, um gleich als Hundertschaft den Verkaufsraum der Apotheken zu verstopfen, damit Rheumapflaster und Kopfschmerztabletten gegen Pest, Pocken und Plattfüße die Nasszellenschränkchen aufpolstern? Vielleicht erwarten sie, für die das Leben Schmerz und schlechte Verdauung, Masern und Juckreiz ist, Ziel und Zweck der ganzen Aktion sei, irgendwann gewaltig eins aufs Maul zu kriegen und endlich einen handfesten Grund zur Beschwerde zu haben.

Doch inzwischen haben sie die Heilpraktiker entdeckt; hoffen wir das Beste, dass sie sich mit den Hundertsassas unter den Scharlataneriefachkräften kurzschließen und den perfekten Deal aushandeln, eingebildete Therapeutika gegen eingebildete Krankheiten, um den anderen Mitgliedern der kranken Kassen nicht mehr auf den Senkel zu gehen. Bald werden die Homöopathen nachziehen, man ahnt schon, wie sie reinen Luftsauerstoff in destilliertem Wasser aufquirlen und Zuckerperlchen gegen geträumtes Rheuma drehen – die Hirnazubis sind wieder unter sich, die einen geben sich ihrer eingebildeten Krankheit hin, die anderen der kranken Einbildung, ihre Placebojonglage sei sinnvoller als Schmeißfliegendressur. Wer weiß, ob dies nicht eine der Geschmacklosigkeiten ist, mit denen uns die Evolution nachhaltig zeigen will, wie überbewertet doch die Vernunft ist.





Ärzte ohne Grenzen

11 11 2009

„Lassen Sie nur, er ist mein Begleiter.“ Der bullige Türsteher ließ uns passieren. „Jetzt ganz unauffällig dreinschauen“, wisperte Doktor Klengel mir zu, „und denken Sie daran: Sie sind Doktor Rübele aus Potsdam.“ Ich tastete nach dem Schildchen in der Anzugtasche. Nichts konnte mehr schief gehen. Ich war tatsächlich auf dem Ärztekongress.

Die Lachshäppchen waren angenehm groß, aber unangenehm trocken. Dafür mangelte es nicht an lauwarmem Champagner. Klengel stieß mich an. „Der Vortrag geht gleich los, kommen Sie.“ Der Saal füllte sich schnell. „Der erste Referent ist ein Seuchenspezialist“, informierte mein Hausarzt. Unter schütterem Applaus betrat der Pestilenz-Professor die Bühne. „Wir stehen vor einer gewaltigen Katastrophe“, hub er an, „vor einer entsetzlichen Tragödie von, lassen Sie es mich beim Namen nennen, biblischem Ausmaß!“ Ein Raunen schlich durch den Raum. „Die Schweinegrippe ist eine furchtbare Prüfung, eine Plage, die wir, lassen Sie mich das aussprechen, alle durchstehen müssen. Sie wird sehr viel Kraft, ja, lassen Sie…“ „Was redet der Mann da eigentlich“, flüsterte ich, „die Grippewelle hat doch noch nicht einmal begonnen.“ „Er ja auch noch nicht“, kicherte Klengel. Ich begriff, als der Redner endlich auf den Punkt kam. „Lassen Sie mich das Schreckliche in aller Deutlichkeit zur Sprache bringen – kein Mensch glaubt an die Schweinegrippe!“

Man meinte, die versammelte Ärzteschaft in namenloser Erschütterung zu erleben. Unaufhörlich bohrte der Virenapostel weiter in der Wunde. „Wir haben nur wenige Mittel, nur begrenzte Ressourcen, um dieser Lage Herr zu werden. Wir müssen die Menschen aufklären.“ Tosender Applaus erscholl. „Wir müssen den Patienten klarmachen, dass die Chance, an der Neuen Grippe zu versterben, so hoch ist, wie von einem Hund gebissen zu werden!“ Ich räusperte mich. „Das ist Unfug“, widersprach ich, „woher hat dieser Mann die Zahlen?“ Klengel belehrte mich umgehend; er hatte den Artikel in der Fachzeitschrift gelesen. „Statistik, mein Lieber, reine Statistik. Die Zahl der Schweinegrippetoten, hochgerechnet auf zehn Jahre, ist annähernd so groß wie die der Hundebissopfer in Hessen im dritten Quartal 1983.“ „Das ist doch Quacksalberei! Würden Sie das Ihren Patienten sagen?“ Er zuckte die Schultern. „Die meisten fragen ja nicht nach.“

Das Pandämonium ging weiter. „Mittlerweile ist es so weit, lassen Sie mich das so ausdrücken, dass die Menschen sich immer und überall die Hände waschen. Sie verwenden Desinfektionsmittel! Flüssige Seife!“ Das Stöhnen der Medizinmänner richtete meine Nackenhaare auf. „Papierhandtücher und Mundschutz“, fuhr der Infektionsprophet fort, „Körperhygiene – doch keiner weiß, ob es nicht wirklich alles noch viel schlimmer als schlimm sein wird oder vielleicht noch viel schlimmer! Die Menschen müssen endlich begreifen, dass diese abscheuliche Krankheit von derart exorbitanter Entsetzlichkeit sein könnte, dass in diesem Fall die Hygienemaßnahmen völlig überflüssig wären. Und da wir ja auf das Schlimmste vorbereitet sind…“ Der Rest ging in aufbrandendem Beifall unter.

„Sagen Sie mal“, wandte ich mich an Doktor Klengel, „wer bezahlt eigentlich dies pandemische Panoptikum? Die Krankenkassen oder der Ärztebund?“ „Wo denken Sie hin?“ Er fächelte sich mit dem Programmheft abgestandene Luft zu. „Die Pharmakonzerne natürlich.“ „Ich dachte, dies sei ein medizinischer Fachkongress?“ Klengel nickte. „Ist es ja auch.“ „Aber ich komme mir hier vor wie auf einer Kaffeefahrt mit Heizdeckenpropaganda.“ „Keinesfalls“, entgegnete er, „auf der Kaffeefahrt sollen Sie die Heizdecken kaufen, um keinen Ärger zu bekommen. Hier sollen Sie sie verkaufen.“ Ich schluckte trocken.

Der Grippegreifer holte zum entscheidenden Schlag aus. „Und deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, müssen wir lückenlos, müssen wir umfassend, lassen Sie mich das jetzt hier in aller Entschiedenheit sagen, darum müssen wir die Verdachtsfälle schonungslos dokumentieren, um überall im Land das richtige Bewusstsein für ein sich entwickelndes Gefahrenpotenzial zu schaffen!“ „Ich begreife es nicht“, murmelte ich, „sie klatschen und merken nicht, dass eine Massenhysterie geplant werden soll.“ „Aber das ist doch nicht unser Part.“ Klengel stimmte in den Schlussapplaus ein. „Das richtete sich an die anwesenden Medienvertreter.“

Wir verließen den Saal. Noch immer klemmte das Schild, das mich als Doktor Gotthold Rübele auszeichnete, an meinem Revers. Hier und da traf mich ein freundliches Nicken. Offenbar war mein Name ein Begriff. Ich war irritiert. „Wer bin ich eigentlich?“ „Sie haben einige Sachen über den Rechtsschenkelblock publiziert“, belehrte mich der echte Arzt an meiner Seite, „und sind folglich ein Kardiologe.“ „Was ist das genau?“ „Ein kleiner Zacken, den man im Elektrokardiogramm sieht. Er tut nichts, oft ist keine Ursache festzustellen, und infolgedessen braucht man dafür keine Therapie. Eine nutzlose Krankheit, gewissermaßen.“ Ich blickte ihn bissig an. „Es klingt, als litte das Gesundheitswesen daran.“

„Mein lieber Rübele!“ Der Pharmarodeur eilte auf uns zu. Mir wurde schwarz vor Augen. „Ihre Abhandlung über arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie – fabelhaft! Sie sind ein großartiger Diagnostiker!“ Geschmeichelt schüttelte ich ihm die Hand. Doch da konnte ich nicht widerstehen. „Und, lassen Sie sich auch impfen?“ Er tippte sich an die Stirn. „Ich? Impfen? Bin ich denn bescheuert?“





Blutige Anfänger

17 08 2009

Wolfgang Schäuble lutschte am Daumen. Fluchend rollte er durch das Haus, einhändig, denn noch immer saugte er an der Fingerkuppe. Er hob den rechten Arm, als er den Pfleger sah. „Nicht so schlimm“, befand der Fürsorger, „nur eine Quese. Sie müssen mit der Maultaschenzange ein bisschen vorsichtiger sein.“

Der Minister zog die Stirn in tiefe Sorgenfalten. Was, wenn er sich tatsächlich einmal in den Finger schnitte? Die Bundesbürger würden ihr Leben ganz normal weiterleben, alle wären fröhlich und gingen ihrer Arbeit nach, sie würden ihre Kinder in die Schule schicken und vom Kindergarten abholen, ihre Fahrräder in den Fußgängerzonen abstellen, sich abends mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten und Balkonblumen gießen – keiner käme auf die Idee, islamistische Terrorzellen zu gründen und das Regierungsviertel in die Luft zu sprengen. Richtungslos würde die Republik in den Abgrund wanken. Man würde keine Bundeswehr mehr im Inneren brauchen und keine biometrischen Merkmale mehr auf die Oberarme der Untertanen tätowieren können. Das nackte Grauen drohte.

Schäuble handelte sofort. Blutkonserven zu besorgen sei eine leichte Übung, teilte ihm sein Hausarzt mit; allerdings sei in den Sommermonaten wie immer mit Engpässen zu rechnen, so dass ein Anruf im Bundesgesundheitsministerium ratsam sei. Auf dem kleinen Dienstweg ließe sich das sicher schnell erledigen.

Ulla Schmidt bedauerte. So einfach sei das nun nicht, teilte die Krankenkassiererin mit. Da man die ganzen Schwulen nicht mehr anzapfe, stehe viel weniger Blut zur Verfügung. Schäuble traute seinen Ohren nicht. Ein Telefonat mit dem Deutschen Roten Kreuz bestätigte es ihm. Homosexuelle seien generell als HIV-Risikogruppe eingestuft und dürften weder Blut noch Plasma spenden. Zwar sei, was die Lebensgewohnheiten homosexuelle Frauen angehe, kein Unterschied festzustellen, aber die dürften wenigstens noch zur Ader gelassen werden. Bis auf weiteres jedenfalls.

Es war Sommer, die Krankenhäuser rotierten. Die Motorradunfälle häuften sich, ein schwerer Zusammenstoß beim Auffahren auf das Ende eines Urlauberstaus gehörte zum Tagesgeschäft in der Notfallchirurgie. Die Transfusionen versickerten im Klinikbetrieb wie zwischen den Zähnen eines Vampirs. Nur sporadisch kamen neue Spender, die sich für ein ausgiebiges Frühstück eine Kanüle in den Arm rammen ließen. Manche verweigerten aus Solidarität mit den diskriminierten Schwulen ein Blutopfer, andere warteten noch auf die Novelle des Transfusionsgesetzes, die den Bundestag erst noch passieren sollte. Ulla Schmidt musste alle Wünsche unter einen Hut bekommen, was, wie zu erwarten, keine leichte Aufgabe war.

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung ließ die Gesundheitsministerin schon vorab wissen, dass die deutschen Dentisten nicht einsähen, sich der Gefahr einer AIDS-Infektion auszusetzen. Schwule hätten beim Zahnarzt nichts zu suchen. Man sei zwar mit einer Anhebung der Vergütung durchaus einverstanden – ab dem elffachen Satz sei man gewillt, das blutige Geschäft zu betreiben – würde aber keinerlei Gegenleistung in Aussicht stellen. Der Kompromiss wurde sofort umgesetzt.

Auch der Fall des Alois Gräselhuber führte zu Diskussionen. Der Ehrenprälat aus dem schönen Dinkelsbühl hatte beim Ausfüllen des üblichen Fragebogens vor der Spende zwar ordnungsgemäß angegeben, dass er nicht in einer monogamen Beziehung lebe, was ihn eigentlich ausgeschlossen hätte, doch verschwieg er arglistig, dass er alle drei bis vier Monate nach Thailand reise. Es fiel nicht auf, denn eine Prüfung der Angaben war ohnehin nicht vorgesehen. Die Kontrolle der Blutprobe lief ordnungsgemäß, so dass Hochwürden schon am selben Tag erfuhr, dass er sich bei dem achtjährigen Mädchen vom Straßenstrich in Pattaya nicht nur eine Pilzinfektion geholt hatte. Das Ministerium wiegelte ab. Nicht alle Männer seien nun gleich als Risikogruppe zu betrachten. Es reiche vollkommen, sämtliche Katholiken auszusondern. Außerdem habe es sich auch nur um Hepatitis C gehandelt.

Der Katholische Deutsche Frauenbund meldete Protest an. Die Diffamierung sei nicht hinnehmbar. Familienministerin Ursula von der Leyen gab zu bedenken, dass die eheliche Treue der beste Schutz vor AIDS sei; es wäre vollkommen ausgeschlossen, dass sich langjährig verheiratete Männer etwa beim Bordellbesuch anstecken könnten.

Unterdessen hob Schmidt nochmals hervor, dass jede Blutspende gewissenhaft geprüft werde; das Risiko, sich an einer Transfusion zu infizieren, liege bei eins zu anderthalb Millionen. Dies sowie die Tatsache, dass Schwule, die ihre Orientierung einfach verschwiegen, selbstverständlich weiterhin Blut spenden dürften, minimierten die Gefährdung auf ein vertretbares Mindestmaß. Das Gesetz sei auf einem guten Weg.

Wolfgang Schäuble hatte genug. Sein Hausarzt riet ihm dazu, sich selbst Blut abnehmen zu lassen. Das sei in der Charité eine Routinesache, ein Dutzend Beutel mit Erythrozyten-Konzentrat wären für den Anfang völlig ausreichend, um im Falle einer Notoperation gut versorgt zu sein. Jeweils ein kleiner Pieks in die Vene, das sei es auch schon. Der Minister schwitzte. Er ballte seine Faust, während er den Musterungsfragebogen ausfüllte. Der Klinikarzt überflog das Papier und zeriss es. Schäubles Gesicht verfärbte sich blutrot vor Zorn. „Sollen wir lügen, Herr Minister?“, tadelte er den Politiker. „Was meinen Sie wohl, warum wir nach psychiatrischen Auffälligkeiten fragen?“





Ärzte ohne Grenzen

13 05 2009

Die Fälle häuften sich. Der Hartmannbund ließ die Alarmglocken läuten. Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland standen – so war einer objektiven Selbsteinschätzung ihrer Lage zu entnehmen – kurz vor dem Zusammenbruch. Zwar wurde keiner von ihnen mit Symptomen eines drohenden Burnout in der Praxis eines Standeskollegen vorstellig, auch Belege für die Existenz von Hungerödemen waren bislang nicht auffindbar. Leonhard Hansen, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, plädierte dafür, die Praxisgebühr deutlich zu erhöhen. Eine Verschärfung der Maßnahmen sei dringend nötig, um die Mediziner in Deutschland vor dem Ruin zu erretten. Nicht mehr zehn Euro pro Quartal, zehn Euro pro Arztbesuch seien zu entrichten, sonst sei an wirtschaftliches Arbeiten nicht mehr zu denken.

Der Marburger Bund äußerte sich nicht. Dies mag daran gelegen haben, dass der zuständige Arzt, ein Unfallchirurg an einem Universitätsklinikum in Süddeutschland, nach zwei 72-Stunden-Schichten in Folge einfach vergaß, die E-Mail zu beantworten. Der Verband stand in der Kritik sowie kurz davor, von der Lobbyliste des Deutschen Bundestags zu fliegen. So viel Pflichtvergessenheit ging zu weit.

Unvorsichtigerweise hatte ein Jungmitglied des Medizinerclubs in einer Podiumsdiskussion die Meinung geäußert, man könne durch Leistungs-, notfalls durch Effizienzsteigerung einen besseren Praxisbetrieb herbeiführen. Der Saal schrie ihn mit der Parole Mehr Geld für weniger Arbeit von der Bühne. Zu seinem Glück befanden sich genug Ärzte unter den Anwesenden, um die offenen Knochenbrüche zu versorgen.

Ein erstes Opfer der Auseinandersetzung war Harald Klöbenstöcker. Der bei seinen Fachkollegen beliebte Gynäkologe wurde dabei ertappt, wie er am Quartalsende heimlich Krankenblätter sortierte, statt wie vereinbart zum Golfturnier zu erscheinen. Klöbenstöcker wurde regelrecht zu Tode gehetzt. Er hielt dem Druck, der auf ihm lastete, nicht lange stand. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bedauerte, dass seine Zulassung entzogen werden musste. Der Geburtshelfer musste den Zweitferrari binnen Jahresfrist veräußern. Er begann, sein Kokain mit Puderzucker zu strecken. Seine minderjährige Geliebte seilte sich ab, so dass seine Frau schließlich die Scheidung zurückzog. Man fand ihn leblos in seiner Jagdhütte.

Hansen hielt eine ergreifende Trauerrede. Er forderte zügige Konsequenzen. Die Hemmschwelle, ärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, sei immer noch zu niedrig. Dies müsse sich ändern.

Der Fall eines Allgemeinmediziners blieb indes unklar. Nicht der Fall von der Dachterrasse seines Penthouses stand in Zweifel, die Motive lagen noch im Dunklen. Hatte der junge Doktor Heimann die Geburt seiner ersten Tochter nicht verkraftet? War es der Lotto-Jackpot gewesen, der ihn nervlich anspannte? Immerhin hatte er eine Kassenpatientin noch am selben Vormittag in den Behandlungsraum gebeten, und das bereits zum dritten Mal in diesem Monat. Ihr Meniskus bereitete ihm Sorgen. Ein klarer Fall von Überarbeitung, schloss Hansen. Der Suizid war ein Warnsignal gewesen – Versicherte seien sich nach wie vor nicht der Tatsache bewusst, dass ihre ständigen Arztbesuche eine massive Berufsstörung darstellten, die nichts als Kosten verursacht. „Wenn die Arztbesuche auf die notwendigen Fälle reduziert werden könnten“, philosophierte der Medizinmann, „wird es auch weniger Wartelisten geben.“

Die von der EU-Wettbewerbskommissarin angeregte und auch finanzierte Studienreise der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nach Island war zunächst von den Mitgliedern rege angenommen worden. Eine Woche Baden in heißen Quellen, Verkostung von Stockfischspezialitäten, ein Live-Konzert des Isländischen Streichoktetts im Medizinmuseum Nesstofa, das Rahmenprogramm versprach schöne Tage an den nordatlantischen Gestaden. Doch was als heiterer Betriebsausflug in den malerischen Inselstaat geplant war, entpuppte sich als Höllenfahrt. Reykjavík zeigte sich von seiner schönsten Seite. Schon am zweiten Tag ging der erste Studienfahrer – im Zivilberuf Urologe aus dem Saarland – zum Arzt. Das leichte Halskratzen, das er verspürte, mag an der trockenen Heizungsluft gelegen haben, denn er weigerte sich, die Fenster seines Hotelzimmers auch nur einen Spalt weit zu öffnen. Þorfinnur Vilhjálmsson, seines Zeichens Hausarzt in der Hauptstadt, nahm sich einen ganzen Vormittag Zeit für eine eingehende Untersuchung. Er empfahl als Therapie frische Luft, Halsbonbons und die baldige Abreise.

So kam am Ende doch heraus, was die Kassenärztliche Vereinigung ihren Mitgliedern um jeden Preis zu verschweigen versucht hatte: die Isländer hatten längst vor der medizinischen Überversorgung kapituliert. Vereinzelt gab es noch ein Ausweichen in die Masse, das die Skandinavier zur höchsten Blüte getrieben hätten – statt zehn Patienten in der Stunde zu verarzten, kurierten die Heiler nun die Hälfte mit dem doppelten Aufwand und natürlich zu doppelten Kosten, ganz wie in Deutschland – denn auch hier krankte das Gesundheitswesen am Patientenmangel, auch hier dokterte die Wirtschaft den Krankenstand auf ein immer tieferes Niveau. Zehn Prozent der Ärzte waren bereits auf staatliche Fürsorgeleistungen angewiesen, da ihre Einkünfte den Sozialhilfesatz unterschritten. Fast ebenso viele fanden sich auf pragmatische Weise damit ab, eröffneten erst gar keine Praxen und verdienten ihren Lebensunterhalt als Taxifahrer, Fischer oder Landwirt. Immerhin hatten diese Berufe bei ihren Landsleuten ein hohes Ansehen, was man von der Medizinertätigkeit nicht gerade behaupten konnte; das Sozialprestige der Halbgötter in Weiß zeichnete sich dadurch aus, dass es nicht vorhanden war.

Zahlreiche Mitglieder der Reisegruppe erlitten ad hoc posttraumatische Belastungsstörungen. Eine Kardiologin ereilte der Infarkt. Ein Dermatologe bekam nervös bedingten Hautausschlag. Schwere Depressionen bemächtigten sich zweier Orthopäden aus Erlangen. Angeschlagen kehrten sie zurück. Sie blieben dauerhaft berufsunfähig. Es ist bis heute unklar, wann sie wieder einer geregelten Tätigkeit nachgehen werden. Als Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung war es ihnen bisher nicht gelungen, einen Termin zur Erstuntersuchung zu erhalten. AOK-Schmarotzer, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung, dürfen auch weiterhin warten. Bis der Arzt kommt.





Meeresfrüchte

2 02 2009

Warum sie nun ausgerechnet nach London gezogen war, hatte mir Karen nicht gleich verraten. Nicht ohne Ausflüchte. Sie ist nicht nur anglophil, spricht die englische Sprache besser als mancher Brite (woran man sie auf der Insel auch innerhalb kürzester Zeit als Kontinentaleuropäerin enttarnt) und hegt eine große Liebe für die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs. Nein, Karen ging so weit, dass sie meinte, lieber Putzfrau in Hoxton sein zu wollen als Grundschullehrerin in Köln-Sülz. Nun ist Köln-Sülz ja nicht gerade als Metropole mit Anziehungskraft für weltoffene Charaktere berühmt. Kein Linksverkehr, kein eigenes Königshaus, und finden Sie da nach Einbruch der Dunkelheit mal eine vernünftige Curry-Bude.

Doktor Klengel unterdessen erläuterte mir die Sache vom physiologischen Standpunkt aus. Es sei letztlich alles nur eine Angelegenheit des Histaminspiegels. Schweine und Löwen nämlich würden so gut wie nie seekrank. Bei Schweinen, die als lebendiger Vorrat auf Schiffen mitführen, hätte man nie Anfälle von Schwindel und Übelkeit bemerkt. Auch asthmatische Ferkel seien bislang nicht gesichtet worden. Diese Arten fräßen Aas, die Histaminbombe schlechthin, und bauten das Zeug innerhalb kürzester Zeit wieder ab. Alles, was ich zu besorgen hätte, wäre eine geeignete Prophylaxe, um meinen Histaminspiegel wieder auf ein verträgliches Maß zu bringen, und schon könnte ich die Weiten des Ozeans genüsslich auf mich wirken lassen.

Nun hat mein Hausarzt als Allgemeinmediziner einen derart reichen Erfahrungsschatz, dass ihm sein Pharmavertreter bereits die dritte Karl-Marx-Gesamtausgabe (Halbband, Goldschnitt) verschafft hat. Man kann ihm vertrauen. Ein Marx ist so gut wie unberührt, die beiden anderen sogar noch originalverschweißt.

Histamin, so Doktor Klengel, sei beispielsweise in Rotwein und Schokolade reichlich vorhanden. Und in Tomaten. Man könne bereits vorbeugen, indem man an Bord auf solche Nahrungsmittel verzichte. Das klang nun aber doch einleuchtend. Ich hatte neulich zur Feier des Tages – Hildegard hatte mir fernmündlich eröffnet, dass sie einen derart unbürgerlichen Chaoten wie mich niemals zu ehelichen gedächte – nach einem Stück Ochsenfilet in Schalottenbutter nebst gratinierter Tomate große Mengen von Mousse au chocolat in mich hineingelöffelt. Noch dazu hatten wir, Jonas und ich, die drei Flaschen 1996er Château La Dominique im brüderlichen Doppel gleich an Ort und Stelle gekippt. Also, das heißt eigentlich, Jonas war dann schon vor dem Essen wieder gegangen. Aber Drehschwindel und Sodbrennen können nur biochemische Ursachen gehabt haben.

Man könne mit zwei recht einfachen Mitteln der Sache Herr werden, so Doktor Klengel. Mit Schlaf. Und viel Vitamin C. Am besten solle ich mich vorab schon reichlich mit Orangen eindecken.

Meeresstille und glückliche Fahrt. Da lag ich Versuchskaninchen nun auf einer Nussschale, die über den Kanal zu schippern anhub. Und noch 34 Kilometer bis Buffalo. An Schlaf war nicht zu denken. Jetzt ein Stück Obst.

Warum ich nicht einfach den Tunnel genommen habe? Noch verhasster als Nickachsengependel in Luft- und Wasserfahrzeugen ist mir der Gedanke, in einem übermäßig gefederten Reisebus zu sitzen, der mich bereits im Überlandverkehr bei jeder Talsenke in den Schleudergang versetzt, so dass ich unwillkürlich nachschmecken muss, ob noch etwas vom Frühstück übrig geblieben ist. Außerdem lehne ich es ab, inmitten der Touristenhorde an einer ordinären Rauchvergiftung zu verscheiden. Ich ziehe das personalisierte Ableben vor. Notfalls durch Ertrinken kurz nach Calais. Da bin ich Individualist und durchaus ein ganzer Mann.

Auch Horatio Nelson, seines Zeichens britischer Nationalheld zur See, litt heftig unter Reiseübelkeit. Und der hatte es immerhin bis zum Admiral gebracht sowie zur Verwirklichung eines Kindheitstraums: einmal in einem Schnapsfass unterzutauchen. Dummerweise hatte man ihn erst ganzkörperalkoholisiert, als es galt, seine sterbliche Hülle einigermaßen originalgetreu in die Heimat zu verschiffen. Ob daher der Ausdruck „Marinade“ stammt?

Meinethalben, sollen sie mich eben in Spiritus einlegen. Der Gedanke an so einen Tod schien mir gar nicht mehr so unfreundlich, wenn es sich nur endlich, endlich um den Tod handelt. Einfach mal so daliegen und zuschauen, wie sich nichts mehr bewegt. Keine Ahnung, warum man Schweine auf Schiffen mitfahren lässt. Mit einem Löwen hätte ich jetzt gerne die Sanitätskabine geteilt. Die Unterhaltung wäre kurz, aber für beide Seiten durchaus geschmackvoll gewesen.

Verdammt, die Leute sollten viel öfter Marx lesen. Im real existierenden Sozialismus gab es so gut wie keine Südfrüchte, da hätte ich mich auf das Experiment gar nicht erst einlassen müssen.

Kenneth, mit dem Karen demnächst (in Köln-Sülz übrigens) zusammenziehen wird, holte mich mit dem Auto in Dover ab und war ein bisschen pikiert. Er meinte nicht meinen sandfarbenen Sommeranzug, der vielleicht etwas altmodisch geschnitten ist. Er meinte die rotbraunen Flecken auf dem Hemd. Man solle, so Kenneth, vor einer Schiffsreise stets mit seinem Hausarzt sprechen. Wegen der Seekrankheit.