Freiwillige Selbstkontrolle

5 03 2019

„… die Ausbeutung der Paketboten nicht mehr länger hinnehmen wolle. Heil habe angekündigt, dass er gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Paketbranche mit einer gesetzlichen…“

„… nichts mit dem Mindestlohn zu tun habe. Das Ministerium habe in diesem Zusammenhang nochmals klargestellt, dass dessen Zahlung sowieso schon gesetzlich geregelt sei und nicht durch weitere Kontrollmaßnahmen durch eine…“

„… die Großunternehmen ab sofort verpflichtet seien, nur Unternehmen zu beschäftigen, die sich an die gesetzlichen Mindeststandards hielten. Heil wisse zwar nicht, ob dies auch für Subunternehmer, Subunternehmer von Subunternehmern, Subunternehmer von Subunternehmern von…“

„… es weiterhin erlaubt bleibe, Überstunden und Mehrarbeit durch das einzelvertraglich bestimmte Gehalt abzugelten. Sollten Paketdienste durch zunehmenden Einsatz von Überstunden diese Regelung aushebeln, seien die Arbeitsgerichte für die Angestellten immer eine richtige…“

„… würden sehr oft Langzeitarbeitslose in der Paketlogistik beschäftigt, die keinen Anspruch auf einen Mindestlohn hätten, weil sie viel zu schnell wieder entlassen werden müssten, da sie zu lange arbeitslos gewesen seien, da sie als Paketfahrer beschäftigt worden seien und keine qualifizierte…“

„… auf eine strikte Kontrolle setze, die alle in der Bundesrepublik angestellten Paketfahrer regelmäßig in Augenschein nehmen würden. Sobald ein Fahrer den Kontrolleuren bestätige, dass er keine Beanstandungen habe, dürfe er weiterhin…“

„… dass Arbeitnehmer vereinzelt bis zu 13 Stunden am Tag beschäftigt, aber nur für fünf Stunden im Rahmen einer Teilzeitstelle bezahlt würden. Der Dienstleister habe eine sofortige Prüfung des Einzelfalls angeordnet, die allerdings nicht mehr in diesem Jahr mit den…“

„… kritisch gegenüberstehe. Ein Arbeitskampf sei zwar grundsätzlich durch die Verfassung gedeckt, die Paketboden müssten dabei jedoch bedenken, dass sie damit ihre Jobs gefährdeten, was durch den Fachkräftemangel sofort zum totalen Niedergang der Branche in der…“

„… für alle Paketfahrer zuständig seien. Das Ministerium habe aber bestätigt, dass die Task Force von drei auf vier Teilzeitstellen aufgestockt werde, sobald sich die ersten Ergebnisse der…“

„… zwar korrekt sei, dass der Paketbote sowie mehrere Hundert seiner Kollegen täglich acht nicht bezahlte Überstunden ableisteten. Die Regionalleiter wiesen jedoch darauf hin, dass das Entgelt für die verbleibenden fünf Stunden um fast zwanzig Cent über dem allgemeinen Mindestlohn liege und damit ungefähr an die Bezahlung als Leiharbeiter heranreiche, die man nur aus organisatorischen Gründen noch nicht im…“

„… entgegen der ursprünglichen Idee der Kommission um reine Bürotätigkeiten handele. Die Kontrolleure befänden sich im Arbeitsministerium und würden von dort aus versuchen, in brieflichen Kontakt mit den Fahrern zu treten, da eine Telefonbefragung wegen datenschutzrechtlicher Bedenken nicht im…“

„… werde die SPD als Digitalpartei dafür sorgen, dass nicht mehr so viel im Internet bestellt werde, so dass die Paketfahrer vorwiegend regional gekaufte Güter in den…“

„… im Zuge einer freiwilligen Selbstkontrolle ihre Angaben zur arbeitsrechtlichen Situation machen würden. Die Arbeitgeber würden diese dann in anonymisierter Form einmal jährlich an das Bundesministerium weiterleiten, wo nach einer eingehenden Prüfung durch das…“

„… Werkverträge, die mit Subunternehmern ausgehandelt worden seien, nicht vom Mindestlohn tangiert würden. Heil habe zwar schon von dem Unterschied gehört, müsse sich aber erst juristisch beraten lassen, bevor er eine…“

„… stelle man den Fahrern immerhin ein Auto zur Verfügung, das diese in ihrer Freizeit waschen und auftanken dürften. Mehr Zugeständnisse wollten die Arbeitgeber nicht machen, da sich in Deutschland sonst der Sozialismus wieder im…“

„…sich wegen Terminschwierigkeiten nicht an der Sitzblockade gegen Unternehmen beteiligen, die keine Sozialversicherungsbeiträge entrichteten. Heil habe aber angekündigt, in Gedanken ganz fest an die…“

„… feste Untergrenzen pro Paketlieferung in die Gesetzesvorlage aufnehmen wolle. Eine Sendung koste den Vertragnehmer etwa drei Euro, so dass mit einer Pauschale von einundzwanzig Cent ein guter Kompromiss für alle…“

„… ein Gesetz zu erlassen, nach dem illegale Dinge verboten seien. Die Bundesregierung werde zwar nicht alle Straftatbestände des Steuer- und Sozialversicherungsrechts im Entwurf berücksichtigen können, weise aber gleichzeitig darauf hin, dass auch dieser nur ein Vorschlag sei, der frühestens…“

„… die Kritik der Gewerkschaften an den freiwilligen Maßnahmen zurückweise. Heil sehe auch bei der Landwirtschaftsministerin, dass viele Ideen, auf die sonst keiner gekommen wäre, sehr schnell bekannt und…“

„… einen guten Konsens gefunden habe. Da die Konzerne jetzt beispielsweise auch die Auslieferung kompletter Windkraftanlagen mit einundzwanzig Cent (einschließlich Umsatzsteuer) abrechnen könnten, sei die Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit und damit die Garantie auf viele befristete Jobs im…“





Beerendienst

28 04 2014

„… bestätigt, dass durch die Einführung eines Mindestlohns die deutschen Verbraucher mit erheblichen Preissteigerungen für Spargel und Erdbeeren…“

„… sich der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands Bernhard Krüsken nach neuesten Erhebungen besorgt gezeigt, dass bei dem zu erwartenden Preisanstieg nicht mehr genug Erdbeeren produziert werden könnten, um jeden Verbraucher täglich mit mindestens zwei Kilo Früchten zu…“

„… es nach Angaben von Agrarverbänden die größte Schwierigkeit sei, die gestiegenen Preise beim Verbraucher auch durchzusetzen. Fachleute aus dem Einzelhandel hätten dies allerdings für ein vorgeschobenes Argument gehalten, da dazu lediglich das Preisschild mit dem aktuellen…“

„… natürlich verkürzt dargestellt worden sei. Üblicherweise würden gestiegene Lohnkosten nie an den Verbraucher weitergegeben, sondern vom Gewinn der Konzerne abgezogen, weshalb die deutsche Wirtschaft auch seit Jahren einen Aufschwung nach dem anderen…“

„… könne man, so Krüsken, natürlich auch die für den Export bestimmten Erdbeeren für den nationalen Markt zur Verfügung stellen, was jedoch zu enormen Umsatzeinbußen auf dem Außenhandelssektor führe. Man sehe ja bereits auf dem Strommarkt, dass durch derartige Operationen die Energiekonzerne am Bettelstab…“

„… fordere die CSU, die Spargel- und die Erdbeersaison zusammenzulegen, um den Verbraucher nur einmal im Jahr mit einer derartigen Preissteigerung…“

„… habe FDP-Sozialexperte Westerwelle vor allem moniert, dass die Kräfte ja bereits durch Hartz-IV-Leistungen zu den Privilegierten gehörten und zusätzlich durch bis zu 6,50 € pro Stunde wahre Reichtümer…“

„… schlage die INSM vor, bei der Einführung von Mindestlöhnen die Saisonarbeiter durch einen Solidaritätszuschlag an der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland zu beteiligen. Dieser errechne sich aus der Differenz der aktuellen Löhne zum Mindestlohn und werde direkt an die Arbeitgeber entrichtet, um Stabilität auf dem Arbeitsmarkt…“

„… habe das Verbraucherschutzministerium den CSU-Plänen strikt widersprochen. Maas habe errechnet, dass dann dem Verbraucher trotz anders lautender Finanzplanungen der Union nicht das doppelte Investitionsvermögen zur Verfügung stehe, um gleichzeitig Erdbeeren und Spargel zu…“

„… zu mehr Freiheit aufgerufen. Anlässlich einer Heiligsprechung habe Gauck die Erntehelfer auf die jährlich wiederkehrende Chance hingewiesen, die sie nur zu nutzen bräuchten: sowohl als Spargelstecher wie auch als Erdbeerpflücker zu arbeiten, um dadurch doppelt so viel…“

„… wolle die CSU aus Gerechtigkeitsgründen vor einer Anhebung der Löhne in der deutschen Landwirtschaft erst Textilarbeiterinnen in den Billiglohnländern so viel zahlen wie den Vorstandsvorsitzenden von…“

„… liege das Problem nicht speziell am Fachkräftemangel, sondern an der mangelnden Bereitschaft illegaler Einwanderer, die deutsche Wirtschaft durch uneigennützige Arbeit an der Spitze der europäischen…“

„… habe Henkel mit einem weiteren Preisanstieg gedroht, wenn chinesische Bauern nicht Arbeitskräfte aus Tibet nach Norddeutschland zu schicken bereit wären, um die Preisstabilität des europäischen…“

„… sei laut Henkel auch möglich, dass die deutschen Spargeläcker von der Deutschen Bank gekauft und an chinesische Großunternehmer verpachtet würden, die ihrerseits Arbeitskräfte aus Tibet und…“

„… als reine Panikmache bezeichnet. Die INSM sehe es zwar als realistisch an, dass sich im Zuge der Globalisierung chinesische Unternehmen auch auf deutschem Agrarland ausbreiten würden, die Arbeitskräfte jedoch seien aus Herkunftsländern wie Bulgarien und Rumänien viel besser und…“

„… schaffe sich Deutschland ab. Sarrazin habe dem SPD-Parteitag vorgerechnet, dass bei einer Einführung des Mindestlohns ein Kilo Spargel in ungefähr 1,4 Millionen Jahren so teuer sei wie heute ein einziger…“

„… zu Problemen mit dem Aufenthaltsrecht führen könnte. Seehofer halte den Import billiger Arbeitskräfte aus Rumänien zwar grundsätzlich für unerlässlich, habe sich aber bereits vor der Europa-Wahl so positioniert, dass er jede Arbeitsmigration mit dem lebenslangen Verbot der Wiedereinreise in die Bundesrepublik…“

„… die Bonuszahlungen jährlich um ca. 300 Prozent zu erhöhen. Die West LB wolle es nicht so weit kommen lassen, dass ihre Mitarbeiter, ungeachtet etwaiger Vorstrafen, sich kein frisches Obst mehr…“

„… dass die hauseigene Zucht von Erdbeeren aus alten Sortenbeständen unter Strafe stelle, vor allem hinsichtlich solcher Sorten, die noch nicht genetisch optimiert seien. Genaueres zu den Vorschriften des Transatlantischen Freihandelsabkommens könne Gabriel noch nicht sagen, da der Bundestag die Inhalte erst dann erfahre, wenn die Verträge bereits beschlossen und…“

„… die Binnenkonjunktur in Deutschland endgültig abzuwürgen und die Bundesrepublik zum Armenhaus Europas zu machen. Die Bürger, so der FDP-Vorsitzende, könnten nur noch durch massive Eingriffe in die Wirtschaft noch am Konsum teilnehmen, beispielsweise durch Mindestlöhne oder einen gezielten…“





Subventionsdruck

11 10 2010

Um ein Haar hätte ich die Tür ins Gesicht gekriegt. „Sie werden von uns hören“, drohte der Mann und schüttelte empört seine Faust, „das lasse ich mir nicht gefallen! Schon gar nicht von einem kleinen Würstchen wie Ihnen! Sie werden noch Ihr blaues Wunder…“ „Raus jetzt“, schoss Schillhammer ihn an. „Packen Sie gefälligst Ihren Kram zusammen und kommen Sie wieder, wenn die Unterlagen vollständig sind! Sie befinden sich hier in einem deutschen Amt und nicht in einer Losbude!“ Er wollte gerade etwas antworten, da schnitt der Beamte ihm das Wort ab. „Verschwinden Sie! Wenn Sie glauben, es könne jeder nach Lust und Laune Arbeitslosengeld beantragen, dann haben Sie sich geschnitten. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Sozialstaat Schmarotzerpack wie Sie durchgefüttert hat! Und jetzt hauen Sie ab!“ Perplex drückte sich der Mann an mir vorbei auf den Flur. Schillhammer winkte mich freundlich heran. „Kommen Sie nur“, lächelte er. „Hier erleben Sie, wie der Sozialstaat wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird.“

Er räumte mir ein kleines Eckchen an seinem Tisch frei und stellte mir einen Stuhl dahinter. „Sie sind der erfolgreichste Mitarbeiter der Abteilung?“ Schillhammer nickte eifrig. „Das kann man wohl sagen! 43 Anträge heute Vormittag, und bis auf einen habe ich alle schon innerhalb von ein paar Minuten abgeschmettert.“ Das interessierte mich; ich fragte ihn, nach welchem System er vorgehe. „Wir haben mit der vertreibenden Hilfe sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Herr hier beispielsweise hätte die Ausfuhrgenehmigung für ein Nashorn beibringen sollen.“ „Das ist doch kaum möglich“, wandte ich ein, „und wenn schon, dann wäre ja eine Einfuhrgenehmigung logischer gewesen, oder?“ Er nickte wiederum. „Da haben Sie Recht, aber ist das mein Problem? Ich sehe es ergebnisorientiert. Und vom Ergebnis her ist es so, dass wir jeweils nicht Hartz IV werden zahlen müssen.“ Er ordnete einen Stapel Papiere auf dem Schreibtisch, legte sie vorsichtig auf Kante, lochte sie und schob sie in den Reißwolf. Ich runzelte die Stirn. Da pochte es energisch an der Tür.

„Sie werden mir also dieses ganze Zeug heute richtig mitgeben“, schwabberte die dicke Frau, die sich ins Zimmer hereingedrückt hatte. „Und überhaupt ist das mal kein Zustand, dass Sie schon wieder neue Bescheinigungen für alles Mögliche haben wollen. Wann hört das auf?“ Schillhammer guckte sie gar nicht an. „Haben Sie die Papiere für Ihren Lohnsteuerjahresausgleich von 1978 dabei?“ Sie schnappte nach Luft. „Das habe ich Ihnen doch aus dem Archiv geholt – beglaubigte Kopien! Was wollen Sie denn noch?“ „Wenn es beglaubigte Kopien waren“, verkündete der Amtmann ohne jede Rührung, „dann werden Sie die Originale ja auch jederzeit wieder auftreiben können. Mir fehlen die, oder entdecken Sie sie auf meinem Schreibtisch?“ „Was soll ich denn machen“, heulte sie. Die Dicke verlor tatsächlich komplett die Fassung. „Wovon soll man sich denn ernähren, Sie herzloser Mensch, Sie sind ein altes…“ „Na!“ Schillhammer war von seinem Stuhl aufgesprungen und sofort zwei Schritte auf die Tobende zugegangen. „Wenn Sie hier herumpöbeln wollen, dann erreichen Sie gleich gar nichts, ja?“

Schillhammer war sichtlich befriedigt. Das machte mich stutzig. „Sie müssen doch aber auch sehen, dass die Menschen ohne Grundsicherung gar nicht in der Lage sind, ihr Leben zu bestreiten.“ „Das wollen wir doch hoffen“, lachte er fröhlich. „Deshalb sind sie ja hier, weil sie das wissen.“ „Und sie lassen das zu?“ „Darum geht es uns ja“, belehrte er mich. „Damit die Unternehmer endlich einmal zur Rechenschaft gezogen werden.“ Er entfaltete ein großes Schaubild. „Schauen Sie: das sind die Unternehmensgewinne, das ist die Mindestlohngrenze. Das hier ist der ALG-II-Satz. Und das hier“ – er fuhr mit der Bleistiftspitze eine dünne rote Linie entlang – „sind die Löhne.“ „Es pendelt zwischen drei und fünf Euro“, stellte ich fest. „Und in dieser Ecke geht es bis auf 79 Cent zurück“, erklärte Schillhammer. „Das ist unterhalb eines Ein-Euro-Jobs, und wer wird wohl die Differenz zahlen?“ Ich kratzte mich am Kopf. „Sagen Sie’s mir.“ Er war offensichtlich verärgert. „Der Steuerzahler. Die Wirtschaft nutzt einen Kombilohn aus, von dem sie nur marginal etwas zahlt, und streicht dann die Gewinne ein. Eigentlich könnten sie ihre Firmen gleich verstaatlichen, sie lassen sich ja vom Staat aushalten.“ „Und diese Kunden, die zu Ihnen kommen, sind…“ „Bittsteller, so viel Zeit muss sein. Bittsteller, das machen wir ihnen auch klar. Der Druck auf das Lohngefüge war irgendwann zu groß, deshalb haben wir den Spieß umgekehrt – nicht mehr die Arbeitnehmer müssen die Leistungen beantragen, um die Dumpinglöhne aufzustocken, die Unternehmen treten ab sofort in Vorleistung und müssen sich das Geld rückerstatten lassen.“ „Warum Rückerstattung?“ „Nach diesem Modell hat man bisher die Arbeitslosen behandelt. Sollte durch irgendeinen Fehler, durch bewusste Falschauslegung von Richtlinien oder den Drang nach Abbau der Transferleistungen nicht gezahlt worden sein, so mussten die Menschen ja irgendwie über die Runden kommen. Sie haben ihre Möbel verkauft, ihre Nachbarn angepumpt, sie haben gebettelt und gestohlen, und irgendwie klappte es immer. Es ging also ohne Unterstützung – und wozu zahlt man die dann, wenn es ohne geht?“ „Eine etwas zynische Mentalität“, wandte ich ein. „Richtig“, bestätigte Schillhammer. „Aber wirksam. Und da die übrigen Variablen sowieso sinken – bis 1000 Euro dürfen Sie gerade mal 20 Euro von Ihrem Lohn behalten, darüber wird Ihnen alles gestrichen und Sie haben sogar noch weniger als zuvor – spart der Staat auch eine Menge Geld.“ „Bisher war’s doch so, dass der Staat mit seinem Kombilohn der Wirtschaft half.“ Schillhammer kicherte. „Aber die Frage ist doch: wobei? Das ist kein Lohn-, das ist Subventionsdruck. Und wie Sie sehen, es funktioniert. Die Unternehmen können die Löhne zahlen, wenn sie müssen. Sie tun es jetzt auch. Sie haben die Rücklagen und sind krisenfest. Sie haben immer noch wunderbare Gewinne mit Kurzarbeit und Leiharbeit und Niedriglohnarbeit, sie sollen nicht jammern, wenn der Reingewinn eine bestimmte Marke unterscheidet, produzieren sie gleich gar nichts mehr. So funktioniert die Wirtschaft dieses Kapitalsystems.“

Wieder klopfte es an der Tür, doch er ließ sich davon nicht beeindrucken; Schillhammer suchte ein Papier auf seinem Tisch. „Und kommen Sie mir jetzt nicht mit sozialromantischem Geschwätz, diese Politik würde die Wirtschaft abtöten. Sie liegt längst im Koma und wird von den Finanzspritzen des Staates künstlich am Leben erhalten. Wir könnten de Lohnbuchhaltung in diesen Firmen auch verstaatlichen, das fiele nicht auf. Ob wir nun die Lebenshaltungskosten direkt oder indirekt an die Empfänger zahlen, ist doch wurst. Und wenn die Firmen pleite gingen, wenn das ganze Management hier aufschlüge – wen kümmert’s? Wir füttern diese Schmarotzer ja jetzt schon durch. Und mit unserer neuen Variante lernen sie wenigstens auch mal, wie eigenverantwortliches Wirtschaften funktioniert.“ Ich war verblüfft. „Meinen Sie nicht, dass Sie damit ein Risiko eingehen? Wenn die Politik nun sieht, wie sich die Verhältnisse ändern…“ Er lächelte nur. „Oh, das sehen Sie falsch. Ganz falsch sehen Sie das – es ist doch sehr im Sinne einer neoliberalen Ideologie. Jeder darf tun, was er am besten kann. Herr Brüderle kann den Mittelstand ruinieren und in den Nachrichten als Aufschwung verkaufen, Herr Westerwelle kann die Arbeitnehmer beschimpfen, weil nach dem Neufassung ihr kompletter Lohn angerechnet wird, und Herr Schäuble, der nur die verfassungsgemäß den Bürgern zustehenden Kosten auszahlen muss, hat wieder einen Weg, das Grundgesetz als das zu bezeichnen, was es für ihn ist: eine lästige Hürde auf dem Weg in die Diktatur. Die Politik wird nichts unternehmen, und da diese Regierung sich nicht in nennenswertem Maß mit Politik zu beschäftigen gedenkt, haben wir freie Hand. Es geht um zehn Milliarden Euro, vergessen Sie das nicht.“ Die Tür flog auf. Ein Mann mit einem dicken Aktenordner wollte sich beschweren, doch Schillhammer ließ ihn gar nicht erst ausreden. „Nächste Tür“, fiel er ihm ins Wort, „und kommen Sie am besten sowieso erst morgen wieder.“ Der Mann war so überrascht, dass er sofort ging. In der Zwischenzeit hatte Schillhammer das gesuchte Papier auf dem Schreibtisch gefunden; er kniffte es in der Mitte und schob es wieder in den Stapel zurück. „Zehn Milliarden. Und denken Sie daran: alles mit gesundem Menschenverstand, Augenmaß und der nötigen Durchsetzungsfähigkeit. Das sind Kategorien, in denen Politiker nicht denken.“





Recht, aber zu billig

13 03 2010

„Leistung muss sich wieder lohnen!“
Auf dem Hühnerhof: der Pfau.
„Keinen Armen darf man schonen“,
schreit er gelb und schreit sich blau.
Schnee schmilzt schnell. Doch das Getöse
geht und geht nicht mehr vorbei,
greint sich heiser, bellt sich böse,
plärrt der Liberalakai,
will mehr Geld und Einfluss haben.
Plumpst er schon in seinen Graben,
hoppe, hopp, was schreit der Reiter?
    „Hilfsarbeiter!“

Ach, wie herrlich! schon durchfächelt
Frühlingsduft, der Glauben schafft,
dieses Land, dass alles lächelt.
Freude kommt, jawohl! durch Kraft.
Paradiesisch zirpt auf Erden
das O-Bruder-Mensch-Getön,
soll’s wie überm Rhein nur werden,
ist dies Dasein wieder schön.
Jeder ist doch etwas wert,
auch, wenn der nur Straßen kehrt,
für die Untergangsbereiter
    Hilfsarbeiter.

Klio stöhnt. Sie schließt den Laden.
Dafür hat sie kaum Geduld.
Dumm daran: die Deutschen baden
aus und sind es doch nicht Schuld.
Sie betrachtet unbeklommen
die Geschichte im Entstehn;
sie sah Sklavenhalter kommen,
herrschen, in die Grube gehn.
Deutschland, sieh: es ist fatal,
Dir fehlt gutes Personal.
Alles wurstelt. Nichts kommt weiter –
    Hilfsarbeiter.





Der Preis des Geldes

21 10 2009

Die Masse auf dem Vorplatz kam nicht zur Ruhe. Spruchbänder flatterten im Nieselregenwind, die Arbeiter skandierten unaufhörlich vor sich hin. „Wir lassen uns nicht kaufen“, scholl es über das Gelände. Grobschmitt lächelte. „Sie sehen“, sagte er mit jovialem Unterton, „die Rechnung geht auf. Sie haben sich gründlich geirrt mit ihren sozialen Wunschvorstellungen, die Gewerkschaften und die Betriebsräte. Was Sie hier sehen, ist die Realität.“

Ich verließ den Balkon und trat wieder ins Sitzungszimmer. Der Anblick der demonstrierenden Werkskräfte hatte mich ratlos gemacht. „Und Sie glauben tatsächlich, dass das Geld die Wurzel allen Übels ist? Sie als Kapitalist?“ Er runzelte die Stirn. „Sie verkennen mich, mein Freund. Ich habe hier einen humanistischen Anspruch zu vertreten. Wir dürfen den Wert der Arbeit nicht mehr länger nur mit Geld bemessen. Ein völlig verkehrter Ansatz.“ Während ich mich in den Sessel sinken ließ, goss Grobschmitt alten Cognac in zwei Schwenker. „Sie sehen das bereits an der Natur des Menschen. Wenn man vor einem Kleinkind einen Bleistift auf den Boden wirft, hebt es ihn immer wieder auf – eine Verquickung aus Spiel und altruistischem Verhalten entsteht. Wenn Sie das Kind mit einem Klötzchen belohnen, hat es bald keine Lust mehr.“ „Sie verwechseln da etwas“, wandte ich ein, „das Kind spielt ja an sich schon gerne. Die Belohnung ist kontraproduktiv, weil sie keinen Mehrwert schafft.“ „Und wie erklären Sie es sich dann, dass sich die Leistungsbereitschaft nicht mit Mehrwert schaffen lässt?“ „Das müssen Sie mir erklären.“

Grobschmitt trank einen großen Schluck, als sein Sekretär den Raum betrat. „Wir haben Ärger. Die Genossenschaft.“ „Lassen Sie es gut sein, Dömmerle“, winkte er ab und zündete sich eine Zigarre an. „Mit denen werde ich nicht debattieren. Schließlich haben wir noch Tarifautonomie.“ Der Domestik buckelte sich rückwärts aus dem Zimmer. „Wo waren wir? Ja, also die Leistung. Manche glauben, man könne mit Geld die Motivation der Arbeitnehmer steigern. Doch das stimmt nicht. Wenn man Ihnen Geld für die Arbeit zahlt, werden Sie denken, dass Sie ausschließlich für Ihr Gehalt arbeiten. Ein fataler Irrtum, denn so werden Sie den Wert Ihrer Arbeit nicht mehr zu schätzen wissen.“ „Der Wert der Arbeit liegt also nicht in ihrem Gegenwert?“ „Natürlich nicht! Schauen Sie, das Arbeitsethos – man definiert sich heute ja mehr und mehr dadurch, überhaupt zu arbeiten. Fragen Sie mal einen Erwerbslosen, der wird Ihnen das gerne bestätigen.“ „Weil er mit den Almosen vom Staat nicht mehr satt wird“, fiel ich ihm ins Wort. „Ach Gott, Sie sind ja auch so ein Sozialromantiker!“

Ich stellte das Glas hart auf den Tisch. „Mit welchem Anreiz wollen Sie beispielsweise einen Langzeiterwerbslosen wieder in den Arbeitsprozess integrieren, wenn nicht durch einen vernünftigen Lohn?“ „Sehen Sie, wieder so ein Denkfehler. Wenn jemand für seine Arbeit nicht viel mehr bekommt als ein Sozialfall, glauben Sie dann, dass er noch gerne arbeitet? Die Leute werden alle zu Erbsenzählern. Sie werden neidisch und erkennen den ethischen Wert ihrer Arbeit nicht mehr.“ „Das setzt zwingend voraus“, analysierte ich, „dass der Mensch an sich gerne arbeitet und deshalb eine Entlohnung sein Ethos beschädigt. Aber die meisten Menschen arbeiten, um davon leben zu können.“ Grobschmitt seufzte tief auf. „Ja, das ist ein Kreuz. Eine der großen Fehlentwicklungen.“ Und er schmauchte behaglich an seinem Lungentorpedo.

„Es gibt da eine völlig andere Studie“, begann ich, „die Kinder beobachtet hat, wie sie Spenden sammeln. Eine Gruppe bekam nichts, die zweite eine kleine, die dritte eine große Belohnung. Natürlich haben die Kinder mit der größten Belohnung am meisten gesammelt.“ Grobschmitt hakte sofort ein. „Aber die Kinder, die gar nichts bekamen, haben immer noch mehr erbracht als die, die nur eine kleine Gabe erhielten. Da sehen Sie es: der Idealismus ist wichtiger!“ „Nein, die These geht anders herum: entweder nichts zahlen – oder aber so viel, dass es ein Anreiz ist.“ „Das mag sein. Aber wir haben schließlich auch eine Verantwortung für die Arbeitnehmer zu tragen. Und deshalb muss man ihnen klarmachen, dass ihre Arbeit an sich schon wertvoll ist.“ „Das klingt wie ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen.“ „Nein, man muss es trennen. Wie Sex und Liebe. Schauen Sie, ich bin zwar verheiratet, aber ich…“ Er biss sich auf die Zunge.

„Was haben Sie also jetzt vor? Löhne kürzen? Die Arbeiter auf die Straße setzen?“ „Wir haben da ein Konzept ausgearbeitet“, erläuterte Grobschmitt, „sie haben die freie Entscheidung. Wenn sie weiter für uns arbeiten wollen, werden wir dem nicht im Weg stehen. Sie werden alle fristlos entlassen und sofort wieder eingestellt. Als Ein-Euro-Kräfte.“ „Ein Euro Stundenlohn für hoch qualifizierte Produktionsarbeiter?“ „Sie scherzen“, entgegnete er, „ein Euro im Monat. Oder wofür hat nach Ihrer Ansicht unsere hoch geschätzte Frau Kanzlerin den Kombilohn erfunden.“ Und er goss sich reichlich Cognac nach.

„Und das Management? Wie halten Sie es in der Vorstandsetage mit Ihrer Philanthropie?“ „Wie gesagt, man muss Arbeit und Geld trennen.“ „Und das bedeutet konkret was?“ Er lehnte sich behaglich im Sessel zurück. „Da wir nicht arbeiten, hat das Geld für uns eben eine ganz andere Bedeutung. Genug zahlen oder gar nichts, das ist schon richtig so. Genau deswegen haben wir uns entschieden, die Boni kräftig zu erhöhen.“