Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXX): Das Mittelalter als Folie und Wunschvorstellung

21 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Zeitalter wird besichtigt: Sightseeing in einer dunklen Epoche ohne Wasserspülung. Herr Hallmackenreuther kann gerade nicht kommen, er hat die Pest. Das aufreizende Fehlen bunt bemalter Knalltüten mit elektrischer Gitarre wird allerwärts als Kollateralschaden für das touristische Potenzial bemängelt. Kunibert der Ersetzbare bringt noch eben schnell seine Brüder um und erobert dann die Grafschaft Ziegenhain von seinem Schwager Botho von Sponberg, wobei letzterer unglücklich mit der Axt in der Birne von der Zugbrücke segelt. Gattin Irmintrudis sorgt für sein Spontanableben nach der Rückkehr, übernimmt die Burg, schenkt dem zukünftigen Ex-Bischof Alduin von Hinten sein neuntes bis dreizehntes Kind und wird dann zur Lokalheiligen. Das sollte normalerweise für eine Vorabendserie reichen, grausame Bilder, nackte Haut, Grillfleisch galore, Ströme von Schnaps und Blut, und irgendwo hinter der Säule saß sicher Karl der Große. Wie es halt im Mittelalter so war.

Die schlechte Nachricht zuerst: es gab keinen Schnaps, denn die Destillation wurde erst später auf eine vernünftige technologische Ebene gehoben. Das Volk stillte seinen Durst an Minderprozentigem und lutschte zermatschte Rüben aus dem Kessel, weil die Kartoffel erst ein halbes Jahrtausend später kommen sollte. Diese konservative Vorstellung von der guten alten Zeit, sie zeigt einen Abschnitt, der weder alt noch gut war.

Denn wie historische Romane – heute sind es die epischen TV-Narkotika – den Massen meist nur ein Bild der Entstehungszeit vermitteln, gespiegelt in den Ansichten des Autors, so ist ein Zeitalter der Haudegen nicht besonders repräsentativ für die Lebensentwürfe in einer Ständegesellschaft, die den meisten Menschen null soziale Mobilität, Freiheit oder Individualität bot, dafür aber genug bizarre Moralvorstellungen, Hilflosigkeit gegenüber der Fremdbestimmung, genug körperlichen Verfall sowie einen frühen Tod. Knechtschaft, religiöse Wahnvorstellungen und Dreck kommen in der metgeschwängerten Fieberfantasie nicht vor. Dafür aber waren alle in ihren Rückführungstherapien Päpste und keiner Bauer, Schmied, Knochenhauer. Der Pöbel vor den Flachbildschirmen weiß ja nichts von der Wirklichkeit, die hinter der Inszenierung lauert. Er war doch auch noch nie im Weltraum und guckt trotzdem die Filme mit dem Alienklops.

Am beliebtesten ist bis heute der Herbst des Mittelalters, jene Epoche, die mit dem Verfall der Kaiseridee und dem Niedergang der Gesellschaft die überschaubare Welt in ein unüberschaubares Chaos kippte. Beim modernen Ignoranten, der in einer geordneten Welt mit Zahnersatz und Rechtsschutzversicherung vor sich hin vegetiert, kommen nur die Heldentaten imaginärer Ritter an, die in Wirklichkeit schmarotzende Berufskriminelle mit locker sitzenden Hieb- und Stichwaffen waren, materiell eingestellte Söldner, mit denen sich jeder beliebige Bürger- und Nachbarschaftskrieg vom Zaun brechen ließ, als könne man mit Zeitarbeit seine Mordbuben aufstocken. Kriegerische Gewalt plus dürftige Quellenlage, dies ist nicht mehr als das Paradies der Romantiker, auch solcher, die im national verschwiemelten Delir hollywoodesken Monumentaltalmi aus dem Hirn häkeln. Feucht-völkisch wanzt sich eine brägenbewölkte Schicht an den historischen Befund, schreckt aber schon beim Menschenbild jäh zurück. Aus gutem Grund trug man seinerzeit nur Vornamen, damit der Exitus eines Sippenkaspers nicht die ganze Ordnung in Unordnung brachte. Natürlich gab es ein Leben vor dem Tod, es interessierte aber keinen.

Wer dem Minnegeträller folgt, kommt alsbald in der grausamen Realität an, wo Kinderehe samt Vergewaltigung Schutzbefohlener – für die Retter des christlichen Abendlandes bekanntlich nur im Nahen Osten als Exportschlager entwickelt – an der Tagesordnung waren, ebenso die regelmäßige Zerstörung abhängiger Landleute, wo man doch durch Zehnten und illegale Strafsteuern den Wirt viel besser am Leben hätte halten können. Die Leute klotzten sich Dome in den Vorgärten, aber keine Untertaneninitiativen demonstrierten wegen der anhaltenden Geräuschbelästigung durch Krane und Geläut. Aber die Welt war einfacher ohne diese ständig geforderte Individualität. Es gab keinen Staat, und wenn, war er bloß eine nette Idee ohne Konsequenzen. Jeden Moment konnte in der von Geister- und Dämonenglaube grundierten Welt doch ein Monster aus finsteren Gassen eines verwinkelt in den Wald wuchernden Metropölchens knurren und alle Albträume Wirklichkeit werden lassen. Wir wissen es heute besser, und es tut uns nicht mehr gut. Die tollkühnen Reiter in ihren scheppernden Blechbüchsen erledigten sich endgültig mit dem Feudalsystem, das bis heute seine Anwesenheit in den Raum stellt. Die Postmoderne hat da nicht viel zu bieten. Bis auf den Schnaps.





Das Märe von Kunibert, dem irrenden Reiter oder Vor reitenden Irren wird gewarnt

8 02 2009

Kunibert, der edle Reiter,
Witwen-, Waisen-, Treuestreiter,
und zum Überfluss noch blond,
flog zwar in den Burghof runter,
aber stand schon gleich ganz munter
auf vom Stroh. Gelernt, gekonnt!

Seine süße Orgeluse,
diese dumme Tränensuse
warf ihn glatt zum Fenster raus.
„Legt die Rüstung an, Ihr Mannen!
Schleppt nun diesen Drachen ran, denn
dieser frisst mir Mann und Maus!“

Seine beiden Rappenknappen
schleppten Helm und Schwert und Wappen,
stiefelten den Herrn samt Sporn.
Leider hing der Sporn dem Ritter
fest im Schild. Er fiel. Wie bitter.
Also alles ganz von vorn.

Gut gesattelt ritt der Recke
also aus, bog um die Ecke
und verlief sich fast im Moor.
Dort fand er zwei stumme Knaben,
die den Weg gezeigt ihm haben.
(Kommt pro Schicksal einmal vor.)

Wie ihn seine Mutter lehrte,
suchte er des Drachen Fährte,
fand jedoch nur Pferdespur,
trampelte durch Korn und Heide
und auf seines Meiers Weide.
Dumm stand er auf weiter Flur.

Aber halt! Er hörte Schnauben,
konnte selbst sein Glück nicht glauben:
jetzo ward der Lindwurm nah!
Trabte weiter, fiel beim Traben
fast in einen Wassergraben,
und dann war er endlich da.

Fand die Drachenhöhle finster,
Efeu wuchs dort, Rotdorn, Ginster,
und er hört des Drachen Groll.
Der fing an sich zu beschweren.
„Kann mir jemand mal erklären,
was der ganze Aufruhr soll!?

Hör’n Sie, wenn Sie Runden drehn hier,
als Gewerkschaftsmitglied stehn mir
sonntags Ruh und Frieden zu!“
„Dich, Du Untier, hinzumorden
zog ich aus mit meinen Horden,
dann erst Friede ist und Ruh!“

„Jetzt geht’s aber gleich mal rund hier!
Nennen Sie mich nicht so! Untier
ist politisch nicht korrekt!
Ihre Wortwahl ist zum Spucken
(zwar nicht Feuer), und Sie gucken
jetzt mal, wo der Ausgang steckt!“

Kunibert blieb ratlos. Dieser
Drache war noch weitaus fieser,
als die Dame ihm verriet.
Doch am Ende wollt er siegen,
Orgelusens Kuss er kriegen,
und zu bleiben er entschied.

Schon ging Kunibert aufs Ganze,
zückte seine lange Lanze
und im Wams verhakt er sich.
Riss sich auf die halbe Brünne.
Gute Nacht nun, holde Minne,
hier bekomm ich keinen Stich.

Dies war wirklich unergötzlich,
und der Drache sprach auch plötzlich
voller Zorn und Schwefelruch
von Verfahren und von Fehden,
denn dies sei, sein altes Reden,
Drachenhöhlenfriedensbruch.

Kuniberten sank der Mut, und
wie sein altersschwacher Bluthund
seinen Schwanz klemmt, sprach er mild:
„Hört, Herr Drache, sollt nicht denken,
dass ich etwa Euch wollt kränken!“
Und versteckt sich hinterm Schild.

Langsam wurd’s dem Drachen fade,
so griff er nach einer Lade,
tat drei Schuppen auch darein.
Reichte sie dem zittrig-bleichen
Ritter als sein Siegeszeichen.
Um den Quälgeist los zu sein.

Hei, was ritt der kühne Streiter
durch das Grün und immer weiter
bis zu eines Baches Rand!
Trabte blindlings durch die Wälder.
Draußen wurde es schon kälter,
als zurück zur Burg er fand.

„Kunibert, Ihr kommt gar späte,
bald schon sinkt die Abendröte!
Sagt, ist nun der Lindwurm tot?“
Kunibert nahm ab die Fetzen
seiner Rüstung, tat sich setzen
und das Neuste ihnen bot.

Wie dem Scheusal er das Lebens-
licht er ausblies, das vergebens
ihn um Schonung bat zuvor,
kurz: der Drachenkampfgeschundne
setzte eine frei erfundne
Story der Gesellschaft vor.

Immerhin, die liebe Seele
hatte Ruh. Die Drachenhöhle
blieb von weiterem verschont.
Und als drauß’ die Feier tobte,
hat der Held, der vielgelobte,
Orgelusen beigewohnt.