Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXIII): Das Trachtenfest

19 07 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss kurz nach der Einführung des Staatswesens gewesen sein, dass sich Bürger, Bauer und Bettelmann am Biertisch die jeweiligen Köpfe kratzten und also dachten: lasset uns distinktive Merkmale anbringen auf jegliches Kleid, auf dass ein jedes sehe, wenn einem ein Bürger auf der Straße entgegenkomme, denn sonst würde man ihn vielleicht mit dem Herzog verwechseln, dem Papst auf Urlaub oder einem Klempner. Und so geschah es. Die Bauern verzichteten fürderhin auf spitze Schuhe und seidene Hauben, unter den Klerikern sah man nur noch in Ausnahmefällen Lederjacken oder Tarnanzüge, und ehrlose Berufe wie Soldat oder Investmentbanker mussten gar durch hässliche Hüte von der anderen Gassenseite aus erkennbar sein. So weit, so gut. Schließlich und endlich aber siegte die Unvernunft, und die einzelnen kleinen Einzugsbereich der Macht forderten das Bewusstsein der Grenzziehung. So kam die Tracht.

Denn innerhalb der einzelnen Regionen musste sichtbar werden, ob eine Stallmagd nun aus dem Ober- oder aus dem Niederhüppelhausener Tal komme. Jammer, Pein, dräuend Ungemach hätten sonst die Welt überzogen, hätte auch nur einer es verwechselt. Also bommelten sich die einen bunte Puschel an die Wagenradhüte, an denen weithin zu erkennen war, ob es sich um eine verheiratete Magd oder noch zu verkuppelndes Brautmaterial handelte, während die anderen durch extrem bestickte Westen mit Puffärmeln und doppelt umgeschlagene Krempelmanschette mit sechs Reihen von Knöpfen aus goldbesetztem Hirschhorn mit eingefrästen Aposteln ihren Stand repräsentierten. Es hätten auch rote, blaue oder grüne Gürtel sein können, die optisch dieselbe Information für den Eingeweihten zeigen, doch wo bleibt da der Spaß, sich in wirrem Masochismus an Fest- und Feiertagen mit einem Zentner Leinwand am Leib durch sengende Hitze zu bewegen, um jedermanns Wohlhabenheit zu demonstrieren.

Die Sache ist ja, wie nicht anders zu erwarten, zoosemiotisch bedingt: kaum juckt dem Tier das zur Reproduktion vorgesehene Organ, schwellen ihm Kamm, Bauch oder Füße, zum Behufe der Vermehrung nicht zwingend notwendige Dinge, die aber ob ihrer Form und Farbe als Superzeichen wahrgenommen und also in der Hirnerbse verquast werden. Die ewige Wiederkehr der Erscheinungen, roter Kamm und angeschwollener Bauch mit grell gemustertem Federkleid, löst den entscheidenden Reflex aus in der Denkmasse angeblich niederer Organismen, so dass Singvogel und Mandrill, neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler oder jede andere gewöhnliche Braunalge auf Durchzug schalten, sobald die Argumente getauscht sind. Die Lampe glimmt, die Botschaft stimmt – rein ins Vergnügen, der Automatismus ist nicht umsonst einer, denn ab hier ist die Natur wieder unter sich und muss sich nicht durch die störende Vernunft in die Suppe spucken lassen.

Und so marschiert erst recht heute im Zeitalter der enthemmten Globalisierung zum Trachtenfest manch Landmannschaft untergegangener Ethnien auf, um wenigstens den textilen Leistungsnachweis zu erbringen, wie wichtig es doch ist, aus dem unteren Kreidefelsengebirge zu entstammen, wo die Frauen sich historisch stilisierte Eimer an die Ohren schwiemelten, damit man sie nicht gleich mit ihren Schafen verwechselte. Fern jeglicher historisch haltbaren Bildung, wie sich auch Vertriebene als angeblich kulturell motivierte Zusammenrottung gerieren, zelebrieren diese Sonntagsnostalgiker ein Jammerfestival, um ihre geklonte Herkunft zu zeigen. Dass gerade die urbane Bevölkerung sich in Lederhosen und gebirgstaugliche Kittelschürze zwängt, ist auch ein Zurück zur Natur, hier meist in der Version aus Biobaumwolle, von liebevollen Kinderhänden in Ostasien gekämmt, damit die ostdeutschen Regionalverbände tagesschaufähiges Bildmaterial schießen können. Zugleich feiert diese Gesellschaft in sonntäglicher Halbtrauer mit Personenstandsanzeiger und sozialem Marker an der Flanke ein erstaunlich offenes Verhältnis zur Migration, auch zur politisch erzwungenen – wer noch vor drei Generationen aus den Karpaten kam, ist heute selbstverständlich ein Teil der westlichen Kultur und darf auf seinen Sonderstatus hinweisen, der unsere vielfältige Identität bereichert. Wer vor fünfzig Jahren einmal aus der Levante kam oder aus Nordafrika, darf aber gerne dorthin zurückkehren, denn er passt ja augenscheinlich nicht zur Tradition der postmodernen Blut- und Bodenständigen. Die unfreiwillige Komik gebiert sich dabei nur dem Außenstehenden, der zuschaut, wie ein Aufmarsch von Knalltüten so undialektisch wie bedenkenlos Versatzstücke einer so nie existiert habenden guten, alten Zeit anzieht, als wären sie nie Indikatoren gewesen, die von der Mitwelt gelesen werden. Dass Unwissenheit das eigene Selbstbewusstsein enorm entlastet, war noch nie ein Geheimnis. Immerhin, es ist noch keine Uniform.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXII): Die Busfahrerfrisur

12 07 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jeder, und das heißt ja tatsächlich: jeder, in der Historie verzeichnete Charakter hatte sein typisches Gepräge, seine physiognomischen Wahrzeichen, an denen er eindeutig identifiziert werden konnte. Kleopatra sagte man einen Riechkolben von Anmut nach, auf den auch der gemeine Zyklop hin und wieder ein Auge warf. Kaiser Friedrich war als Kind in einen Topf voll gequirlter Tomate gefallen, mutmaßlich auf seinem ersten Trip in die Toskana, und hatte nicht genug Nudeln im Gepäck – der Kinnbewuchs sollte dementsprechend ausfallen. Das auf der Märchenmodelschule als dreifache Begabung aufgefallene Schneewittchen entpuppte sich später als regelmäßige Konsumentin von Puder, Lippenstift und Schaumtönung Nr. 23 mit Konzertflügelglanz – nicht Natur, aber verdammt stilsicher kombiniert. Was aber ist ihr Gegenteil, die perfekte Symbiose von Mensch und Material und dabei so gegen jeden Ansatz von Vernunft? Es gibt nur eins, was zugleich ehrfürchtiges Schweigen und sickernden Angstschweiß hervorruft. Es ist die Busfahrerfrisur.

Seit der Erfindung motorisierter Mehrsitzer, mit denen der deutsche Rentner im Schunkelzwang durch Sauerland und Schwäbische Schweiz gurken kann, werden diese Karossen durch einen Typ Mensch, nein: Mann gelenkt, der Gerüchten zufolge bereits als Embryo mit fusseligem Oberlippenbart im Fruchtwasser schaukelt wie ein Kegelverein im Anstieg der Kasseler Berge, angstfrei, da von der tiefen Sinnlosigkeit des Seins geborgen, und ohne jeden Anflug von Geschmack. Wenn die in Beige eingewickelte Trevirakarawane auf den Parkplatz vor der Autobahnraststätte kippt, ein letztes Zischen der Bremszylinderentlüftung noch im Innenohr, kurz bevor zwei weinrote Stiefeletten über einer mit leichtem Schlag ausgestatteten Stretchhose auf die Treppe gegenüber dem Fahrerbock steigen, ragt ein kotflügelgleicher Wulst in Kopfhöhe aus der Karre und kündigt das an, was die ersten Augenblicke der Kontaktnahme mit diesem fremden Stückchen Erde bestimmen wird. Es ist jene Haartracht, die in Ausführung und Symbolgehalt nur den Buslenkern zusteht und von diesen also weitergegeben wird, von Mund zu Ohr, von Generation zu Generation. Sie heißen Manfred oder Horst, und man glaubt es ihnen sofort, schon aus Furcht, das Gegenteil beweisen zu müssen.

Zur Anfertigung dieses Haardesigns wird der Schopf in einer Art Scherbewegung simultan nur nach oben und nur nach hinten geschoben – Kämmen ist nicht der korrekte Ausdruck für diese Art von Materialkaltverformung, die mit einer quasi homogenen Masse an Mähne eine an den Seiten trumpeske Ohrüberrollbügelwoge gestaltet, auf die eine Frontaltolle so aufgebracht wird, dass man nicht sagen kann, welches Bauteil von welchem in der bebensicheren Schwebe gehalten wird. Die Konstruktion dieses Haarschwalls verhöhnt jede Physik, keiner weiß, was Welle ist und was Teilchen. Man sagt, Monsieur Pompadour habe diesen Look erstmals aus den Überresten mehrerer Pferdeschwänze erfunden und sich zur ästhetisch korrekten Stirnbeule drei Pfund Kuchen auf die Kalotte gedübelt – noch Marie Antoinette soll den Stylingtipp an modisch desinteressierte Untertanen herausgegeben und dabei gründlich missverstanden worden sein.

Was die Aerodynamik dieses Keratinkeils betrifft, so würde eine sich jäh aus der Dichtung lösende Frontscheibe, die en bloc ins Innere des Truppentransporters zoscht, durch die in Planckzeit einsetzende Beschleunigung im Fahrzeugvorderteil ein ruckartiges Durchstoßen des vierdimensionalen Kontinuums bewirken. Viele wurden am 21. Oktober 2015 kurz gesehen, dann nie wieder. Es gibt Mutmaßungen, dass niedermolekular mit dem Kopfputz verschwiemelte Substanzen eine Viskosität jenseits von Kruppstahl erzeugen und die Spannkraft dieses Verbundwerkstoffs sich in der Nähe von Industriediamanten befindet. Aber das ist nicht Sinn und Zweck dieser Haarmode. Sie ist der aus dem Inneren gewachsene Integralhelm des immer leicht grundgenervten Fuhrmanns, die unkaputtbare Tarnkappe des ewig ganz links mit sechzig streckenstehenden Mobilhindernisses, die Emanation von Bewegtbeton. Eine ganze Welt prallt daran ab, kein Kantholz, kein Knüppel, keine Spaltaxt kann diesem Tothornpanzer je etwas anhaben. Mit fünfzig Knalldeppen in blendender Abendsonne über die A1 und dann schmackig Countrygewimmer aus der Bordbeschallung, damit man nicht beim Wegpennen von der Leitplanke filetiert wird – wer das sein Leben nennt, braucht weder eine Dauerwelle noch mit Bauschaum pfiffig nach oben gepopelte Strähnchen. Dieser tief in den Nacken wuchernde Wuchs hat der Welt dank formstabilisierender Sprühlackprodukte gut die Hälfte des Ozonlochs eingebrockt, die man mit Reisebussen allein nie hingekriegt hätte. Noch lebt der Glasfiberelvis und schwenkt Schmalzlocken in die wehrlose Umgebung, aber schon naht sich der servicebewusste Kutscher. Er trägt die Schläfen manierlich kurz, die Ohren frei, den Nacken sauber ausrasiert. Wahrscheinlich darf man demnächst während der Fahrt auch mit ihm sprechen. Es ist zum Weinen. Noch bleibt uns als Stilikone Darth Vader. Aber ist das ein Trost?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCV): Die Jogginghose

25 09 2015
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Genauso schnell, wie man es angezogen hat, genauso schnell ist man mit diesem Kleidungsstück auch schon fertig. Er dient nicht dazu, Blößen zu verdecken, es ist dazu da, sie optisch zu einer Art Schmerzreiz zu transformieren, der säureähnlich auf die Netzhaut trifft, wie ein Überfall von ästhetischem Terrorismus, der keine Gefangenen macht und stattdessen nachhaltig traumatisiert. Keiner wird sein erstes Mal vergessen, meistens eine Kassenschlange im Discounter am Samstag, wo ältere Herrschaften mit abgepackter Wurst im Drahtwagen artig den Verkehr aufhalten, unrasierte Familienväter mit Krankenhauspackungen von Schokofrühstücksflocken den sorglosen Wohlstand einer labilen Industrienation verkörpern, und dann kommt es. Der Tritt in die Lichter hat einen Namen, und es ist die Jogginghose.

Offenbar wird dieses Ding pre-ausgebeult in den Einzelhandel geschleust, ausgeleiert im Schnitt und insgesamt einem Dreimannzelt nicht unähnlich, weil sich unter dem Polyester gut auf dicke Hose machen lässt. Verborgen bleiben Speckrollen und etwaige Muskelansätze, Körperkontur und Spannung, gezeigt wird dagegen auf nachgerade preziöse Manier die Distinktion des Trägers im sozialen Kontext. Auch an einem schönen Herbsttag im Binnenland wäre es jederzeit möglich, einen Einzelhändler im Badeanzug aufzusuchen, um Bier zu erstehen und eine Zeitung mit vielen bunten Bildern, wer aber ansatzweise in seinem eigenen Schädel zu Hause ist, lässt es einfach. Der Rest unterstreicht durch sein Auftreten als pseudolockerer Blödföhn heillose Unterlegenheit, denn wer würde sich schon freiwillig durch sein Auftreten zum Fallobst machen. Der Beutelträger ist nicht der chillige Checker, er unterstreicht nur, dass er nicht zwischen ziviler Existenz und einem privaten Bereich zu unterscheiden weiß, weil ihm mindestens eins von beiden fehlt. Meist ist es beides. Die Jogginghose zeigt, dass ihr Einwohner es zu Hause auch so machen würde. Nicht einmal der Gedanke, dass es analog zum Umfeld in den eigenen vier Wänden noch eine Stufe obszöner ginge, lässt einen das Ding als optischen Kollateralschaden abtun. Das will keiner wissen. Das will erst recht keiner sehen müssen.

Jetzt aber wird das Objekt von der Popkultur sozial aufgewertet, vulgo: der Kommerz reißt sich einen neuen Auswuchs von Fehlverhalten aus der Unterschicht unter den Nagel und schwiemelt einer verhaltensauffälligen Verbrauchergruppe mit wenig Substanz unter der Kalotte die Vorstellung zurecht, durch noch mehr Imitation wenigstens für eine Saison hip zu sein. Die Masche funktioniert dann auch ähnlich wie alle anderen zuvor, man enteignet scheinbar die Klientel im Abseits, hämmert aus wirrem Gewölle ein Müllbeutelimitat aus Kaschmir und Goldfäden, das den Schritt zwischen Kniekehle und Boden baumeln lässt, und redet ein paar borderlineintelligenten Gecken ein, man könne das Zeug auch ironisch tragen.

Was das Establishment nicht bekämpfen kann, weil es nicht ansatzweise ein satisfaktionsfähiger Gegner wäre, wird kurzerhand gekauft, demontiert, in irreführendem Zusammenhang zitiert und mit Etiketten beklebt, die das Ding höhnisch umwerten. So wird aus der braungrüngrau melierten Uniform für Bewegungslegastheniker, die Alkoholika vor und nach dem Betreten des Verdauungstrakts ein reiches Areal für Flecken bietet, ein scheinbares Abzeichen für die nonkonformistische Coolness, die sich gerne bequem kleidet und auf der Suche nach dem Antistil mit Luftpolsterfolienanzügen und Glockenröcken aus handgesägtem Asbest nie so recht zufrieden war. Das scheinbare Sportutensil – wer sich tatsächlich in der Freizeit mit dem Laufen beschäftigt, meidet körperferne Gegenwindfänger mit Hängehintern und Labberbündchen, um nicht als humpelnder Troll aufzufallen – kommuniziert den Standesgenossen, dass man auch mit wenig Aufwand ausgesucht unvorteilhaft aussieht, auch in pink gepunktetem Jersey, auch mit leicht verspielten Lederapplikationen.

Wer die Ironie der Jogginghose unbedingt braucht, kriegt sie sogar kostenfrei mitgeliefert. Auf zwanzig Meter Entfernung merkt nämlich der Kumpan des Bescheuerten nicht mehr, ob es sich um ein handgefertigtes Stück Couture handelt oder um den Klon vom Grabbeltisch, der zum Bruchteil des Preises genauso scheiße aussieht, vermutlich aber nicht schurwollebedingt an den Klöten kratzt. Wer die Ironie dieses scheinluxuriösen Beinkleids wirklich versteht, sind lediglich die Produzenten, die das Edelteil im gleichen Textilgulag fertigen lassen wie die Billighuber, getränkt in Pestizide, die eifrige Kinderhände ebenso abkriegen wie die Schickeria mit ihrem erlesenen Modegeschmack. Es wird nicht mehr lange dauern, und sie schicken die ersten Heckenpenner im Badeanzug in den Supermarkt. Mit Stöckelschuhen. Für den Schmerz.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXIV): Verordneter Narzissmus

21 03 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das hat die Natur ja wieder mal voll tricky eingerichtet. Wer mit etwas höherer Intelligenz und durchaus tauglichem Sozialverhalten ausgestattet ist, Elefanten etwa, erkennt seine Artgenossen. Für den Arbeitsalltag in freier Wildbahn ist das so verkehrt nicht, erspart mancherlei Missgriffe und reicht aus, um die Spezies zu erhalten, wenn sich die umliegende Evolution einmal weitergedreht hat. Einfach strukturierte Kohlenstoffklötzchen, die ihre Existenz nicht recht überblicken, etwa die ersten Hominiden, sie flippen komplett aus beim Blick in die spiegelnde Fläche. Was für den einen simpler Guckreiz ist, was der andere zur Selbsterkenntnis aufpustet, ist dem nüchternen Betrachter nur der Beweis, dass die durchschnittlichen Beknackten mit ihrem Spiegelbild irgendwas anfangen wollen, es heiraten, ihm ein in die Fresse möllern oder aber vor ihm schreiend weglaufen. Sei es, wie es sei, Objekt klein a hat definitiv gesiegt, und doch nölt das kapitalistische Verstörungspersonal, dass sie die Beute so leicht nicht vom Haken lassen. Das Spiegelbild ist der beste Hänger für eine besonders perfide Form, die Selbstentfremdung zum Inhalt der Inkarnation zu adeln. Wenn schon krankhafter Narzissmus, dann wenigstens verordnet.

Nicht die Epoche war es, es ist eine Geisteshaltung, die uns vorschreibt, noch ein Kilo Fett am Arsch loszuwerden. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Irgendwann zückt der Anorexieberater seine Visitenkarte. Wie erlösend muss es da sein, wenn die Tante mit der komischen Brille zu den Täubchen im Speckmantel sagt: alles gut so, Ihr findet Euch jetzt gefälligst mal hübsch, danke fürs Geräusch. Nein, es geht nicht darum, dass sie keine nennenswerte Ahnung von den Gelenkproblemen adipöser Schlunzen hat. Oder westerwelleske Epidermis für tageslichtkompatibel hält. Sie hämmert den Mehlmützen ein, dass jedes noch so gebeutelte Schnitzelkind sich selbst für perfekt halten soll. Nicht annehmbar, nicht knapp im Rahmen des Erträglichen, sondern: perfekt. Dann ist es auch so. Glaub dran und halt’s Maul.

Die neoliberale Esoterikkacke funktioniert nach dem einfachen Strickmuster, dass jeder Depp jedes noch so aberwitzige Ziel erreichen kann, wenn er sich nur genug anstrengt – die als Regierungen getarnte Zusammenrottung genetischer Dropouts plärren in stetiger Einheit, dass nur mit noch mehr Verarmung und sozialem Abstieg für alle ein Wettrennen gelingt, bei dem auch alle Erster werden. Warum also nicht die ohnehin kaum zu komplexer Logik fähigen Robbenbarbies mit in den Strudel der Schnellverdeppung schubsen, wo sie lernen, aus allen Knopflöchern nach Ich zu stinken.

Sie zwingen sich zur Fröhlichkeit, lassen sich bis über den Steiß liften, um eine jugendliche Fresse ziehen zu können, und wenn der Verfall sich dem Endstadium nähert, beten sie sich mit obskuren Methoden, Zuckerpillen und Hokuspokus gesund, weil der gezwirbelte Dumpfsinn sich so schön glauben lässt: es geht uns gut, solange wir es wollen, weil wir stark sind, unerschütterlich, nicht, in Worten nicht sterblich, und wer etwas anderes behauptet, gehört nicht zu uns. Der antiintellektuelle Schorf, an dem mancher Auswurf der menschenfeindlichen Gesinnung haften bleibt, ist auch hier wieder nur die reinste Form des Irrationalismus. Wider jede Vernunft, wider jeden Verstand klotzt sich die Kasperade auf, und wüssten sie, wie die filigranen Symptome der Beklopptheit auf die Außenwelt wirkten, sie hielten den Rand.

Leider haben sie auch noch Erfolg mit dem Schmadder. Ein Dutzend meist für ramponierte Egos ins Publikum geschwiemelte Zeitschriften, in diesem Fall: Periodika für Leserinnen, walzen die pseudolibertäre Befreiungsbotschaft so platt, dass sie unter jeder Tür durchsuppt. Nimm Dich selbst positiv wahr, jodeln die Hirnkneter, dann strahlst Du auch positive Energie aus, mit denen Du die Tranmöpse neben Dir aus dem Rennen kickst.

Dass sich keine der traumatisierten Tussen die Birne an der Erkenntnis zermarmelt, dafür sorgt die gründliche Selbstentfremdung, eingeübt über Jahrzehnte und Generationen, entstellt und in die Kategorien der Verwertbarkeit gedengelt. Sie sehen sich, wie die Sklaven ihren Kolonialherren gegenübertraten, Leibeigene ohne eigenen Leib, verzerrt, vom verinnerlichten Stereotyp verdumpft. Das Ich ist ein Anderer, es ist nur nicht das Ideal, das der Narzisst aufpoppen sieht. Die Zuneigung mag dem Anderen gelten, aber das ist nicht das Ich. Willkommen in der Schizophrenie.

Die Quittung folgt sowieso, sobald die Physis in der Realität aufschlägt. Gerade noch euphorisch vor dem Spiegel, alles supi, alles schön, und schon passt der Arsch wieder nicht in die Dinger, mit denen die Textilterroristen ihre Klientel zur Sau machen. Nicht einmal Lacan trug Größe 38. Tja.





Mailänder Kollektion

14 03 2013

Zugegeben, er sah ein bisschen komisch aus, wie er in diesem sandfarbenen, hauteng geschnittenen Sakko vor dem Spiegel balancierte. Und er fühlte sich in dem Kleidungsstück auch nicht besonders wohl. Aber wann kaufte Breschke sich schon einen neuen Anzug.

Ich hatte ihm fest versprochen, zu Motschmann und Korbsiepler mitzukommen. Das heißt, ich hatte ihm versprochen, ihn in die Stadt zu begleiten. Ihn daran zu hindern, das Warenhaus mit den billigen Polyesterlappen zu betreten, das war allein meine Idee gewesen. „Was meine Frau wohl sagen wird“, jammerte der Alte. „Sie wird überrascht sein“, gab ich ungerührt zurück, „seit über fünfzig Jahren sieht sie Sie in etwas anderem als in einer Strickjacke mit aufgenähten Ellbogen.“ Der pensionierte Beamte grantelte; einerseits wusste er, dass ich recht hatte (und er wusste, dass ich wusste, dass er es wusste), und dazu wurmte ihn andererseits der Gedanke, in dieses höchst elegante, möglicherweise auch recht verschnöselte Geschäft zu gehen, das in gewissen Kreisen als erste Adresse der Stadt galt. „Angeblich trägt ja der Bürgermeister diese Anzüge“, knurrte Breschke und würdigte die Frühjahrskollektion in der Vitrine keines Blickes. Ich muss ihm wohl geschickt verschwiegen haben, dass ich selbst mehrere Anzüge von Motschmann und Korbsiepler besaß. Und dass ich gerade einen trug.

„Welche Art Hemden bevorzugt denn der Herr?“ Der junge Verkäufer war adrett gekleidet und ordnungsgemäß gescheitelt, keine Spur von Langhaarigkeit oder aufsässigem Benehmen, und doch beäugte Horst Breschke ihn äußerst kritisch. „Meistens braun“, teilte er ihm mit. „Dann muss man bei der Gartenarbeit nicht jeden Tag ein neues anziehen.“ Der Angestellte verzog keine Miene; nicht einmal ein angedeutetes pflichtbewusstes Lächeln kam ihm über die Lippen. Ich hatte nicht geahnt, dass dieser Laden inzwischen so gut geworden war. „Er meint, ob Sie gerne taillierte Schnitte tragen.“ „Bloß nicht“, wehrte er ab. „das kneift immer so in der Mitte. Haben die hier denn nichts Bequemes da?“

Man muss natürlich wissen, dass die Tuchwaren in diesem Haus einen gewissen Charme versprühen. Das Haus selbst stand dem nicht nach: Mozart säuselte durch die Luft, Champagnerkelche klimperten im Hintergrund, das Interieur sah aus, als hätte sich eine Herde Innenarchitekten vorsätzlich daran totgearbeitet. „Wollen der Herr nicht die neue Mailand-Kollektion probieren?“ „Die ganze!?“ Breschke fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Bei Ihren vielen Schnitten, Mustern und Farben kann man sich sowieso kaum entscheiden, und da kommen Sie mir mit einer ganzen Kollektion? Nichts da, ein Anzug! Nicht mal einer mit zwei Hosen!“ Die Fronten waren also geklärt, als der Verkäufer mit dem silbergrauen Zweireiher kam.

Er passte noch nicht einmal; Breschkes Arme mussten von den Dehnübungen vor dem Spielgel etwas nachbehalten zu haben. „Das trägt man jetzt etwas kürzer“, informierte der Verkäufer. „Noch weniger Stoff“, meckerte der alte Herr, „und immer höhere Preise! Das ist doch alles – “ „Und wenn Sie es einfach mal eine Größe höher anprobieren?“ Mit solchen Anschlägen auf sein Weltbild hatte er nicht gerechnet. Ich hatte meine liebe Mühe, ihn zum Bleiben zu bewegen. „Jetzt gucken Sie sich bloß mal diese ganzen neumodischen Farben an“, nörgelte Breschke, „wer soll denn das tragen?“ „Das ist beige“, befand ich. „Aber ich habe vollstes Verständnis, wenn Ihnen der Ton schon zu jugendlich erscheinen sollte.“

Zwei Kollektionen später, Eierschalenfarbe sowie ein besonders undefinierbares Mittelgrüngrau, trumpfte der Verkäufer plötzlich mit einem ungewöhnlichen Vorschlag auf. „Ich würde Ihnen ja gerne auch einige gemusterte Stoffe zeigen.“ Horst Breschke schnappte sofort zurück. „Damit ich aussehe wie eine Schlafzimmergardine? Keinesfalls, sage ich Ihnen. Keinesfalls!“ Ich versuchte, ihn wenigstens versuchsweise für einen leichten Nadelstreif zu interessieren, doch er ließ sich nicht zureden. „Keinesfalls!“ „Und wenn wir“, brachte sich der Verkäufer in Erinnerung, „vielleicht eine Kombination versuchen? Eine dunkel gestreifte Jacke zu einem steingrauen Beinkleid, das steht Ihnen doch bestimmt ganz ausgezeichnet.“ „Ach was.“ Der Alte war nicht zu bremsen. „Ich will das alles nicht, verstanden? Diese modernen Sachen passen nicht zu mir, und ich brauche das auch nicht. Hören Sie, ich brauche das nicht, es passt einfach nicht in meinen Kleiderschrank. Das ziehe ich nicht an. Das ist nicht meine Kragenweite. Nicht mein Stil. Ich glaube, ich werde mich an diese Mode nicht mehr gewöhnen, verstehen Sie? Tragen Sie das doch selbst, wenn Sie Wert darauf legen, aber bitte verschonen Sie mich mit Ihren – oh, der sieht aber gut aus. Was kostet das?“ Galant öffnete der Verkäufe das Sakko und ließ Breschke hineinschlüpfen. Ein leichtes Grau, Mischgewebe mit sehr viel Kunststoff, und es passte gerade eben so gut, dass es schlecht saß. „Hervorragend“, schwärmte er, „großartig – schauen Sie mal, dieser Schnitt, dieser Stoff, es passt wie angegossen!“ Ich lugte verstohlen auf das Etikett in der Hose. Erschüttert hielt ich es dem Verkäufer unter die Nase, doch er lächelte diesmal nur ein angedeutetes pflichtbewusstes Lächeln. Er nahm mir das Kleidungsstück aus der Hand und faltete es mit geübtem Griff. „Dass Sie ausgerechnet hier die Stangenware von Kastrat verscherbeln? Direkt aus dem Kaufhaus!?“ „Motschmann und Korbsiepler lässt keinen Kunden allein.“ Ich stutzte, begriff das Marketingkonzept schlagartig und äugte verstohlen ins Innere meiner Sakkotaschen. Wo war nur das Etikett?

„Meine Frau wird zufrieden sein“, sagte Breschke vergnügt. „Dafür lohnt es sich doch, ein bisschen mehr auszugeben. Sie hatten wirklich recht, man sollte sich viel mehr mit der aktuellen Mode beschäftigen. Wissen Sie was? Morgen begleiten Sie mich. Ich brauche ein Paar Schuhe.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXIV): Körpermodifikationen

29 07 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sanftmütig ist das Rind, wie es uns muhend Milch gibt, Fleisch und die Haut, aus der unzählige Handtaschen und Schuhe entstehen, ohne die das Gespons des Hominiden die wichtigen Dinge durch kontinuierliche Lautabgabe verdürbe, Fußball, Motorsport oder die Pendelhubstichsäge. Das edle Hornvieh will also umworben sein, gefestigt in seiner Beziehung zum Menschen, ganz in Besitz genommen durch Nasenring und Brandzeichen, die da sagen: ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein.

So auch der Bekloppte. Längst ballert er sich die Abfälle der metallurgischen Industrie in sämtliche unvorteilhaft den Körperumriss verbeulenden Ausstülpungen, peikert die Fibroblasten mit schwiemeliger Gebrauchsgrafik voll und pumpt sich Silikon in die Regionen, die definitiv besser entwickelt sind als sein Kalotteninhalt. Schaudernd sieht der geistig gesunde Jetztzeitler, wie sich vollgekritzelte Gliedmaßen mit immer derselben Individualität aus dem Katalog des Tätowierers vor ihm an der Supermarktkasse winden, als hätte sich ein volltrunkenes Kleinkind an der Werkbank des nichts ahnenden Vaters mit Schnitzmesser und Stempelkissen aufgehübscht. Adipöses Welkfleisch umschwallt zu erahnende Bauchfalten, deren Speck in Maschendrahtmaterial eingefassten Zirkonia ein klebrig-verschwitztes Heim bieten, auf dass die Trägerin der Schmiernippeldurchdübelung mit einem bauchfrei geschnittenen Einmannzelt in geblümter Waschseide dem Betrachter jegliche Hoffnung raube, seinen Chymus bei sich zu halten, der doch spätestens dann brüllend emporsprudelt, wenn der Gedanke an das Raumzeitkontinuum sich einstellt: auch dieses Bindegewebe wird dereinst die Gravitation höhnisch in die Tiefe zerren.

Wie die naturnah lebenden Völker, so verspürt auch der Bescheuerte früher oder später den Drang, sich fingerdicke Holzpflöcke in die Ohrwascheln zu dengeln und die Zunge spalten zu lassen; kein postmodernes Schnitzelkind aus der Kulturnation, deren Präsident sich über Konflikte an der polnisch-schweizerischen Grenze auslässt, würde bei genug finanzieller Deckung länger als nötig auf eine nach dem Durchschnitt geknetete Nase warten – schnell noch das Gesäuge ins Bolzenschussgerät, den kleinen Finger abgesägt, die Rübe mit Teflon auf Marsmännchen getrimmt, die Bindehaut mit Feilspänen unterfüttert, fertig ist die authentische Dutzendfresse, genauso einmalig wie alle anderen.

Es ist natürlich, und wie könnte es anders sein, der ungeheure Distinktionsgewinn, wenn die urbane Vollbrezel sich einen Ascher in die Unterlippe schiebt, während die übrigen Hipster noch Handgriffe zum Wegschmeißen am Steiß tragen. Schnell noch etwas Stahlschrott unter die Epidermis geschoben, damit in der Resonanzröhre der Schädel schneller platzt, und zur Vorsicht ein Sonnenbrillen-Tattoo geordert, weil sich das Augapfelpiercing sonst entzündet. Und es ist ja auch dialektisch unheimlich tricky, sich mit den Insignien der sozial Ausgestoßenen zu schmücken, um deren Rolle als dekonstruierte Bohémiens des Neuen Primitiven mit radikaler Opposition zu füllen, praktischerweise als materialistische Mainstream-Arschlöcher und von Papas Kohle. Der transkulturelle Habitus wird denn auch bloß wie ein Einkaufswagen im Tran vor sich hergeschoben, allenfalls lässt man sich in asiatischer Kalligrafie Mindestens haltbar bis: siehe Enddarminnenseite ins Nierenrevier stanzen. Wer da en vogue sein will, müsste seine Physis ohnehin als Baukasten benutzen, Arm ab, Beule dran, hier ein Loch in die Fußsohle, dort eine Hautverschnipselung für die Ewigkeit, die nach spätestens einer Saison wieder weg muss. Das ganze Branding, Amputating, Hirnwegpusting ist nur das Torkeln auf dem schmalen Grat zwischen Knallverdeppung aus Eitelkeit und ausgelebter Dysmorphophobie: wenn die angeborene Physis das bisschen Grütze im Schädel überfordert, weil Selbstbewusstsein nicht auf dem Stundenplan stand, macht man ein Date mit der Änderungsfleischerei und pimpt die Reste vor der Gesichtsrückgabestelle wieder auf Gebrauchswert.

Denn das ist das von jeglicher Rücksicht auf Verluste befreite Motto der geschmacksverkalkten Readymade-Ästheten: Wanst und Waden werden aufgepimpt, als gälte es einen Wettbewerb um die übelste Homo-sapiens-Parodie zu gewinnen, die im Karneval mit Bravour noch als Zombie-Imitat durchrutscht. Selbstverständlich eitert das vielfarbig misslungene Schmierakel als blumenkohlesker Keloid irgendwann wieder aus den Halsfalten, mit Sicherheit entzündet sich der Stahlstift im Gemächt, ohne Zweifel wird die aufgemotzte Zahnspange einem bunten Cocktail an Bakterien trautes Heim sein, bis das Blut aus dem Zahnfleisch rauscht und Kollege Karies aus den Beißern jodelt. Die Zeit naht, da die Seniorenheime sich füllen mit den Opfern des Kevinismus, gezeichnet von schlecht weggelaserten Tribals auf Arsch und Armen, schlaffe Haut, daran die Pfleger sich mit den eigenen Widerhaken verfangen, verknorpelte Wülste, für die das Krematorium eine Abwrackprämie kassiert. Höchstwahrscheinlich zahlen sie die mit dem Schrottwert der Herzschrittmachers. Er wird das einzige Originalteil an ihnen sein.





Völlig hinterm Mond

24 11 2010

Ächzend klapperte ich die Stufen bis ins dritte Stockwerk hoch. Die Glasflaschen klirrten in dem hölzernen Gestell. „Danke schön“, jubelte Sigune, „ich war schon so in Sorge, Pepilein würde verdursten.“ Mein Gesicht tanzte ein Fragezeichen. „Aha“, versucht ich aufs Geratewohl, „ich hatte zwar von einem Kleinhund nichts mitbekommen, aber wenn das Tier nun mal so anspruchsvoll ist…“ Sie runzelte die Stirn. „Pepi ist doch kein Hund!“ „Hamster? Meerschwein?“ Sie griff um die Ecke und hielt mir einen halb vertrockneten Blumentopf unter die Nase. „Pepi ist mein Alpenveilchen.“ Ich nickte; möglicherweise kam diese Müdigkeit auch nur vom Wetter. „Hätte ich mir denken können, der bajuwarische Name legt eine alpine Existenzform nahe.“ Doch das brachte Sigune erst recht auf die Palme. „Pepi war ein König, ein echter Pharao! Der hat 40 Jahre lang regiert – so einen Freund gieße ich doch nicht mit Leitungswasser! Pepi bekommt ausschließlich das gute Lebenswasser in Vollmond-Abfüllung, dass Sie’s nur wissen!“

„Vollmond-Abfüllung!“ Ich schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Diese Frau hat doch nicht alle Rillen auf der Erbse!“ Anne lächelte. „Das finde ich in der Tat auch ziemlich übertrieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Blumentopf den Unterschied überhaupt bemerkt.“ Schon wollte ich sie fragen, welchen Unterschied sie denn sähe, da schnitt sie mir zu meinem Entsetzen das Wort ab. „Als Nahrungsergänzung kann man es empfehlen, aber bei Topfpflanzen ist Mondphasen-Wasser die reinste Verschwendung.“ „Sag mir bitte, dass Du das nicht ernst meinst.“ Doch Anne ließ sich nicht beirren. „Es gibt eben mehr zwischen Himmel und Erde, als Dein Schulwissen für möglich hält.“

Günstigerweise hatte Anne den Prospekt aus dem Ökosupermarkt mitgenommen – ein exquisiter Laden, der nur biologisch-dynamisch produzierte Salami in naturbelassenem Plastik verkauft – und zeigte mir gleich an Ort und Stelle die Auswüchse ihrer lunaren Anwandlungen. „Das ist Mondbrot mit Dinkel, und hier ist Mondkäse.“ Ich nahm ihr das Blättchen aus der Hand. „Dass der Mond aus grünem Käse besteht, war mir auch schon bekannt. Und da Du als Juristin ja sowieso vornehmlich das glaubst, was Du nicht beweisen kannst…“ Sie legte die Stirn in Falten. „Kann es sein, dass Du Dich über mich lustig machst?“ Da fegte sie auch schon die Kaffeetasse vom Tisch. Im letzten Augenblick bekam ich sie zu fassen.

„Du solltest das Hemd schnell einweichen, sonst bleiben die Flecken drin.“ Ich steckte es in die Maschine; Anne protestierte energisch. „Es mag ja sein, dass es ökologisch bedenklich ist“, gab ich zu, „aber ich habe jetzt keine Zeit für Handwäsche. „Aber Du musst!“ Sie durchwühlte ihre Handtasche und zog ein Büchlein hervor. „Der Mondkalender sagt, dass heute ein zunehmendes Drittel ist, und das auch noch bei Deinem Aszendenten.“ „Meinem Aszendenten geht es großartig“, grantelte ich, „er lässt mich größtenteils in Ruhe. Und ich weigere mich, an irgendwelche Mondphasen zu glauben, schon gar nicht, wenn sie nicht stimmen. Der Mond hat letzte Nacht voll ins Schlafzimmer geschienen, der nimmt nicht zu.“ Anne mopste sich. „Ach, auf einmal – ich dachte, es interessiert Dich nicht?“

„Die Monatstabelle sagt, Du kannst Dir morgen wieder die Haare schneiden lassen.“ Eifrig blätterte sie in dem Kalendarium, so unterbrach ich sie nicht damit, dass mein letzter Friseurbesuch gerade zwei Tage hinter mir lag. „Du könntest beispielsweise jetzt auch Holz fällen, das dann viel energiereicher ist.“ „Du meinst“, grübelte ich, „es hat tatsächlich einen höheren Brennwert? Schade, dass ich gar keinen Kamin habe.“ „Falls Du baust, Du Trottel!“ Ich klatschte in die Hände. „Großartige Idee, dass ich nicht gleich daran gedacht habe! Der Stutzflügel kommt auf den Balkon, und dann baue ich mir im Wohnzimmer eine Blockhütte – steht da, ob man sie nach den Mondphasen ausrichtet? Und fängt die mit den Gezeiten auch an zu schwanken?“ Sie biss die Zähne zusammen; vermutlich hatte sie nicht mit so viel Interesse von meiner Seite gerechnet. Ob ich sie in punkto Zu- und Abnehmen auch auf den Erdtrabanten ansprechen sollte?

Während ich mir ein neues Hemd zuknöpfte, durchwühlte Anne weiter ihr Jahrbüchlein. „Du solltest vielleicht auch mal Deinen Speiseplan nach dem Mond ausrichten.“ „Es reicht, wenn Deine Uhr nach dem Mond geht“, knurrte ich, „und ich habe nicht vor, dahinter zu leben. Verschon mich mit diesem Hokuspokus, sonst werde ich dafür sorgen, dass das Mondwasser gleich unter Gezeiteneinfluss in Deine Richtung schwappt!“ „Du willst es ja nur nicht wahrhaben!“ Ich schlug mit der Faust auf den Tisch.“ „Erzähl mir nichts von Ayurveda-Chakren und Tantra-Tarot, ich muss mir diesen Schrott schon ständig von Sigune anhören!“ Da blubberte es. Anne schaute um die Ecke in die Küche. „Wasser“, schrie sie, „Wasser – die Maschine läuft aus!“

Ich feudelte und wrang. Anne hievte den anderen Eimer in die Spüle und rückte die Brille zurecht. „Das hätte ich ja vorhersagen können“, meinte sie spitzig. „Wie soll ich das denn jetzt verstehen?“ Sie fingerte nach dem Mondkalender. „Wie Du siehst, ist hier der Schnittpunkt – der zunehmende Mond und die Aszendentenlinie, und da der Gezeitenkraftstrom, der eine negative…“ „Wie dem auch sei“, fiel ich ihr genüsslich ins Wort, „ich werde daran denken, wenn’s so weit ist. Du hast den Kalender vom nächsten Jahr dabei.“

Seitdem hat sie nie wieder ein Wort über den Mond verloren. Nicht einmal in homöopathisch wirksamer Verdünnung.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXVII): Kochshows

8 10 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Deutschland blanchiert. Wie eine Infektion geht es durch die Küchenblöcke der Nation: die Blöden häckseln fachgerecht Schwein und Schluppe, popeln mit professioneller Eleganz Blütenansätze aus Tomatenvierteln, matschen den resultierenden Schmadder mit zu viel Salz in Muttis Topfset, taufen die Konsequenz in fremder Zunge und nötigen unschuldige Nachbarn, davon zu kosten. Das Huhn wird verrückt in der Pfanne, Wahnsinn ist Normalzustand – das Land leidet unter gefühlt drei Dutzend Kochshows pro Woche.

Wann immer der Bewegtbildjunkie sich aus Versehen auf die Fernbedienung setzt, schaltet er live in die Schnippel- und Anbratorgien von Alfons Lafer oder Tim Poletto, die wie Pilzgeflecht durch das Programm wuchern. Eitel spritzt Olivenöl in die Optik, bester Balsamico tunkt die Kulisse in saures Licht, Fleur de sel und Rohrzucker landen in edlem Gefäß, verschwiemelt verschwallt im Laberflash, während der Koch Allgemeinplätzchen backt. Im Strom des ewig Gleichen hat der Konsument längst Orientierung und Sinn verloren, wünscht sich den sofortigen Reset mit leerem Teller, aber keiner lässt ihn. Übersättigt von Blowup und Showdown würgt er sich den Guckreiz aus der Pupille, während der rebellierende Magen längst zum säurehaltigen Teil des Abends übergegangen ist. Gebündelt und unter kräftiger Hitze einreduziert könnte man das Zeug längst unterbrechungsfrei auf einem Kochkanal laufen lassen, bis das Jüngste Gericht serviert wird.

Doch weniger die schiere Masse der Quirl- und Rührseligkeiten führt zu solidem Sodbrennen, es ist die Küchenbrigade. Zwischen den zwei Polen: Max Inzinger und Clemens Wilmenrod, pendelt die Besetzung, der eine noch der betulich vorbereitete Pfannenschwenker, der andere schon die mit Verbalkäse überbackene Quaktasche der Fresser, Koch- wie Selbstdarsteller, kernlos und frei von Sachkenntnis, überflüssig wie Gelatine am grünen Salat. Gerade aus dieser Fraktion, urtypisch vom ewigen Schwadroneur Biolek angeführt, gurkt und säuft sich der Dilettant unter der Chefmütze wie ein Fettauge über die Oberfläche dieser TV-Schiene, ewig sich selbst in der Löffelfläche bespiegelnd, auch wenn er längst nicht alle Rillen auf der Erbse hat. Mit Bravour köchelt er sich dennoch an der Zielgruppe vorbei, denn wer mit dem nötigen Einkommen hat an diesen Sendeplätzen überhaupt Zeit, sich das Pfannenschwenken der Küchenbullen anzutun? Und wozu?

Wer tatsächlich aus reiner Langeweile vor der Mattscheibe hockt, um das Bratgeschwader zu sehen, gehört zu den finanziell dünn ausgestatteten Essern, die Tomaten allenfalls in zwei Sorten aus dem Discounter kennen – essbar und nicht essbar – und über die Verfügbarkeit von siebenundachtzig Sorten Nachtschattengewächs in diversen Farben, Formen, Grüßen und Reifungsgraden nur in der Theorie zu diskutieren in der Lage sind. Den Wolfsbarsch am Stück ersetzt auch werktags der im Alusarg verklappte Fertigfisch, die Beigabe von Kapernäpfeln in eine Grillmarinade geht ihm am Sitzmuskel vorbei. Es riecht nach Hohn, Bwana.

Doch braucht die anvisierte Mittelschicht den ausgekauten Brei überhaupt? und wozu zieht sie sich täglich eine knappe halbe Stunde televisionäres Schmurgelpapier über die Augen? Die verbliebenen Neubürgerlichen lassen sich in die Roulade namens Megatrend verpacken und schwitzen im eigenen Fett mit, wo im Grunde nur Dauerwerbesendung und pseudokulturelles Resteessen vorliegt. Längst gleicht ein Smutje dem anderen, seit dem Schöpfer des Arabischen Reiterfleischs haben sich Product Placement und Konsumterror in den Geschmack der Grütze gemischt – was damals der Heinzelkoch ist heute der obligate Hochbackofen, Monstranz der Eitelkeit mit Wohlstandsbauch überm Pfeffersack, nicht überlebensnotwendig, nicht einmal praktisch, unmäßig teuer, aber ein Utensil, das für die zweimal pro Quartal anberaumte TK-Pizza ein Must-have ist, so es gilt, dem neidischen Nachbarn die Pupille eitern zu lassen. Dass elektrische Parmesanreibe, japanische Sushimesser und beheizbarer Marmor als Arbeitsfläche (letzterer, damit man die Messer nach spätestens einem Jahr neu erwerben kann) zu den conditiones sine qua non gehören, muss nicht erwähnt werden, Hauptsache: die Show geht weiter, das ewige Lobbygeblök für Gastroausstatter, Elektroschamott und Kochbuchdealer.

Und als wäre das noch nicht genug Elend für die Massen, jetzt kocht schon das Bodenpersonal mit, Lanz, Beckmann und wie die medialen Spülhilfen auch heißen mögen, die ihr Waschwasser in die Kanäle pladdern lassen, sinn- und schmerzfrei, ein kollektiv regrediertes Rudel Topfspucker, denen man lieber die Kelle übers Maul gezogen hätte, statt ihnen auch nur ein Ei in die Hand zu drücken. Der Zuschauer hält’s aus, er frisst, wenn er nicht gerade stirbt, und lässt alle Hoffnung fahren, dass sich je ein ordentlicher Handwerker wieder an den Herd stellte, die Klappe hielte und kochte, statt unter aufplatzender Schleimhaut zu dulden, wie einem Kerner vor Verdeppung die Butter von der Stulle sickert. Was lange gart, wird endlich Wut. Der Krisenherd kocht. Wie lange noch?





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXIII): Anorexie als Mode

3 09 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tausende, zehntausende Jahre hat der Hominide es geschafft, ohne Ackerbau zu überleben, indem er sich aufs Wesentliche konzentrierte: Reproduktion und Brutpflege, Ernährung und Immobilienbesitz. Weder Fußball noch Außenpolitik vernebelten sein immerhin schon recht leistungsfähiges Hirn, noch kein neues Auto musste angeschafft werden, um die Nggrs aus der Nachbarhöhle vor Neid grunzen zu machen, kein lästiger Zeitschriftenverkäufer stand am Feierabend plötzlich vor dem Lagerfeuer und wollte der Sippe ein Jahrhundert-Abonnement von Schöner Hausen andrehen – einesteils, da die Schrift noch nicht erfunden war, andererseits jedoch hatte die Neandertalerin Besseres zu tun, als jeden Sonnenaufgang in ein neues Bärenfell zu steigen. Sie hütete das Feuer und den Nachwuchs und wurde darüber fett wie die Venus von Willendorf. Keine Frigitte-Diät, keine Steinzeit- oder Trennkost servierte die Aurignacienne ihrem Mammutjäger, denn sie wusste um die erotische Wirkung, die den Mann aus der Kurve zu tragen geeignet ist: der Steiß ist heiß. Schließlich musste die Art erhalten werden.

Anders heute. Paläolithische Pin-ups sind passé, der Daseinszweck der Dame an sich definiert sich differenzierter – während die eine Hälfte noch den klassischen Aufgabenstellungen der Zivilisation nachkommt und arbeitet, isst, schläft und die Folge der Generationen in stetem Kreislauf erhält, hat sich die andere Portion Femininum längst introspektiv in den Konsumismus und das realitätsresistente Ideal verabschiedet, ein Antikörper zu sein. Nicht mehr das dralle Leben lockt, der bleiche Tod beißt sich die Nägel, verhilft zu pseudoelitärem Teenie-Tuss und rückstandsfreiem Abbau von Hirnsubstanz. Mit üblicher Anorexia nervosa nicht zu verwechseln, doch ein Symptom der Überforderung – denn es gibt diese nie in die Einflugschneise des Geistes geratenen Imitationen, deren einzige Originalität ein gut erhaltener Satz Chromosomenpaare ist. Der Rest ist unter Dreingabe der Perfektion geklont.

Denn jener Perfektionismus, der den Kranken zum Kotzen bringt, ist das irreale Ziel, das dem Bekloppten vor Augen hängt wie die Möhre dem Gaul vor der Nase; durch Hässlichkeit und Verzicht auf ein funktionsfähiges Ego klumpt sich Prollita vom Klamottenladen zur Änderungsfleischerei und turnt jeden an- und für sich ästhetischen Sperrmüll körperbetont nach, als sei ein halbes Gramm Masse mehr von den Knochen ab ein Schritt in Richtung Akzeptanz. Fragt sich, für wen.

Es sind die Insassen einer weit gehend sich selbst entfremdeten Schicht, beregnet von Werbung, zugeschüttet mit Hochglanzmedien, die den in der Kohlenstoffwelt kaum mehr denn als intellektuelle Glimmlämpchen aufgefallenen Modemäuschen einen Instant-Sinn fürs Dasein zurechtschwiemeln. Sie sind gefangen in ihrem billigen Denkfehler, dass Haben gleich Sein ist und das Privileg, zu einer sich ohne Rücksicht auf Leistungsfähigkeit und soziale Konsequenzen selbst verstümmelnden Gruppe zu gehören, auch schon Nachweis der Elite. Was als Vollendung ausgerufen wird, das von sich selbst überzeugte Zerrbild, das kotzende Elend der Lichtgestalten, verkehrt sich ins groteske Gegenteil. Die tüchtigsten Fressspeierinnen mit ihrem Lieb- und Brechreiz springen kopfüber in eine Spirale aus Langeweile, Selbstschädigung und Blindheit, leistungsfähiger, als Alkohol und Drogen je wären. In lichten Momenten wird es den um die Wette reihernden Rotznasen wohl klar, dass sie sich ums Leben bringen, indem sie wie auf einer schiefen Ebene in den Kollaps rutschen, den sie als kulturelles Phänomen abfeiern.

Ist es das Ventil, das auf den Überdruck reagiert, den BMI in den blauen Bereich zu quetschen? Ist Hungern und Speien die neue Gewaltsportart, die Serotonin freisetzt, wo zuvor nur Luftblasen waren, warme Luft und das Lassez-faire, aus seiner Luxusexistenz nichts Sinnvolles machen zu müssen, weil nichts zählt als die Frage, mit welcher Klamotte man am nächsten Tag am wenigsten beschissen aussehen wird. Sie könnten sich auch vornehmen, alle zusammen noch zehn Zentimeter zu wachsen, aber sie pflegen ihre Anorexie, wie sie auf dem Catwalk überhöht über Leichen geht, weil das Ziel physisch zu bewältigen ist – so zumindest sagt es ihnen die gephotoshoppte Bilderwelt, die Gebrauchsanweisung, um die sterblichen Reste bis zum soziokulturellen Minimum wegzuspucken. Der soziale Erfolg, den versehentlich Erwählten der Jeuneusse dorée ansonsten fremd, stellt sich als sekundärer Sachschaden ein, allerdings nicht so, wie er gedacht war. Findet der Wassersuppenkasper endlich Anerkennung, dann unter der Zuckerkruste von Mitleid und nachsichtiger Herablassung. Denn die Schwäche, der puritanischen Leistungsethik nachgegeben zu haben, wird gnadenlos bestraft, und die Gefahr liegt darin, dass das Ideal letztlich erreichbar scheint. Es sind die gottverdammten Blumen auf der anderen Seite des Abgrunds, die das Leben zu Hölle machen. Und es ist der Dummheit des Menschen geschuldet, dass er über jeden Abgrund springt, nur nicht über den, den er in sich selbst vorfindet.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXX): Ästhetische Katastrophen im Alter

13 08 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Zustand der Materie ist das, was durch eine Veränderung Zeit sein lässt; so wenigstens definiert es der Physiker, während die Uneingeweihten das fundamentalontologische Gerüst eher andersherum bauen. Sein und Zeit betrachten sie so, dass der Verlauf von Uhr, Kalender und astronomischen Zyklen erst jene Prozesse fördert, die schließlich in die Allbezwingerin des Fleischlichen münden, in die Schwerkraft, die alles, Bindegewebe samt ornamentalem Fortsatz, irgendwann ergreift. Und so geht alles, was ist, irgendwann auch wieder in die majestätische Ruhe des Anorganischen über, zumindest in farblicher Hinsicht.

Das Ende der Welt, as we know it, es ist beige. Jener braungrüngrau in die Optik gehebelte Unfall ist eine Mixtur aus nassem Sand und morschem Brot, Körpersekret und Langeweile, die allem den Abstumpfungsgrad von Tapetenkleister verleiht. Was in diese Masse stolpert, wird aufgesogen, wie in ein Gravitationsfeld geschlürft, aus dem es kein Entrinnen gibt, weil der Ereignishorizont gleich Null ist: Senioren, von Kopf bis Fuß in klamme Klamotten verklammert, sind als Beiges Loch in der Existenz gefangen und ziehen gnadenlos ihre Altersgenossen in die Quadranten der Nichtfarbe, die jegliche Ästhetik ausradiert. Nicht nur, dass die Signalunfarbe in Menschenansammlungen von drei Einheiten aufwärts unwillkürlich Assoziationen mit einem weichen Ziel aufkeimen lässt, sie lässt die zu Popeline geronnene Scheußlichkeit magenkranker Schnittmustersadisten Wahrheit werden, jenes als Tarnkleidung gedachte Rentnerbeseitigungstextil, das den visuellen Teilchenstillstand symbolisiert, ein Nullschalter für die Entropie. Sobald sich die ästhetische Katastrophe in Eierschalenblassbraun ereignet, ruhen Kreislauf, Hirnströme und andere niedermolekulare Bewegungsmuster – würde der in Matschton geschwiemelte Ruheständler als zweiter Nijinsky durch die vollbelebte Innenstadt von Bad Harzburg hüpfen, es würde keiner Seele auffallen.

Beleidigender jedoch sind die Schnitte, mit denen sich das trübe Tuch gerissen als Mode tarnt. Viereckige Sackdarsteller mit angenagelten Ärmeln und mittig eingenietetem Reißverschluss ergeben die allseits beliebte Windjacke – eine nur in der Kleidergröße fortgesetzte Demütigung, wie sie das Kindergartenalter kannte, als die Blagen motorisch noch damit überfordert waren, sich die Joppe selbst zu schließen. Die Seitentaschen sind selbstredend so beschissen geschnitten, dass jeder noch so kurzarmige Bekloppte sich beide Ellenbogen amputieren lassen müsste, um einmal mit den Pfoten ins Futter zu kommen – doch wozu? der Thoraxfeudel, tunlichst kurz geschnitten, da im Lebensherbst ja überwiegend regungslos gesessen wird, ist nicht einmal geeignet, pro Seite ein Paket Papiertaschentücher aufzunehmen, von größeren Objekten einmal ganz zu schweigen. Genügsamkeit ist das Wesen dieser Gewandung. Als ob das senile Sediment in Sandstein-mit-Schimmelpilz-Uniform noch Bedürfnisse anmelden dürfte.

Geht es der Seniorin besser? Das Kittelett im Ich-war-eine-Schlafzimmergardine-Dekor deutet ein desolates Nein an, das die beiden verfügbaren Rocklängen – etwas zu kurz, unvorteilhaft lang – mit gehässiger Verve unterstreichen. Dazu ist das Schuhwerk wie geschaffen, die Geschichte der Jetztmenschen aus dem Urgrund der Savannenjäger zu erklären: formloses Geklumpe, das aussieht, als sei der Cro-Magnon ungeschickt in irgendeinen Beutelsäuger getreten und habe das Ding aus reiner Bequemlichkeit gleich an den Füßen gelassen.

Ist also Beige, prickelnd vor Langeweile und ein Generalangriff auf die arglose Netzhaut, nichts als eine Reminiszenz an die Urzeit des Hominiden, als man jene kurz vor dem Ausscheiden aus dem Sippenverband begriffenen Claninsassen hurtig in den Modder schmiss, um sie für Säbelzahntiger und Mammut unsichtbar zu machen, wie wir auch heute unsere Oldies ins soziale Hintergrundrauschen zurückdrücken, sobald uns bewusst wird, dass wir sie noch nicht legal losgeworden sind? Oder ist es der verzweifelte Versuch, uns vor einer Schar durchgeknallter Silberrücken zu bewahren, die in berufsjugendlichem Outfit die Zivilisation stürmen, in Sport- und Funktionskleidung, atmungsaktiven PU-Stoffen, jugendlichem Chic (oder wenigstens dem, was systemkritische Herrenschneider in Wochenendbeilagen unter Zuhilfenahme des Wortes modemutig dazu erklären) mit zehn Prozent Schafschurwolle und in Farben, die man in den Siebzigern noch für eine Ausgeburt von Drogen und Kommunismus hielt? So kleckert es ansatzlos aus brechreizaktiv gefederten Überlandbussen, wenn die halbe Einwohnerschaft von Rheinland-Pfalz zum Heizdeckenrodeo mit Pflaumenkuchen anrollt und in erbsengrünen Windjacken mit malve-taubenblau abgesteppten Kragenapplikationen zu weinroten Damenblousons aus Waschseide alle frei flottierenden Vorurteile schreiend bestätigt. Hie und da greift das lebensältere Personal schon zur Baseballkappe, und es wird eine Frage der Zeit sein, bis die Gesellschaft zum 90. Geburtstag im Kill-your-Idol-Shirt anrückt. Wir werden es aushalten. Hauptsache, das Ding ist nicht beige.