In letzter Konsequenz

4 11 2018

Man schätzt den Strauchdieb, nimmt er’s von den Reichen,
denn das erscheint den Armen nur gerecht.
Natürlich ist ein Dieb im Grunde schlecht,
doch lässt sich das beileibe nicht vergleichen.
Es stört hier die Moral mitunter wenig,
man merkt es erst, wird dieser Dieb zum König.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVIII): Anstand

24 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Sache ins Auge: der Hominide ist offensichtlich derart defizitär ausgestattet, dass er als einzige Spezies Regeln definieren muss, um sich nicht selbst auszulöschen. Paradoxerweise führt die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen nicht selten dazu, dass genau diese Regeln außer Kraft gesetzt, wenigstens aber gezielt verletzt werden. Es scheint, als habe dieser lächerlicherweise aufrecht durch die fade Existenz stolpernde Depp einen sorgfältig ausgeklügelten Selbstzerstörungsmechanismus in seiner DNA, um die Ergebnisse der Evolution auf dieser mit flüssigem Wasser und Schokolade gesegneten, leicht eiernden Kugel auf ihrem Weg zu einem kochenden Brei in der Sonnenumlaufbahn nicht länger als notwendig zu stören – diese Affenart wird früher oder später von alleine über die Wupper wippen, es ist halt ihre Bestimmung. Doch wozu dann die Erfindung des Anstands?

Zunächst gehen Anstand und Gesellschaft Hand in Hand, und verschaffte einem Teilnehmer einen Vorteil an Distinktionsgewinn. Wer nicht mehr in der eigenen Höhle seine Verdauungsendprodukte unter sich ließ, gehörte bald zu den besseren Kreisen, es stank weniger beim Nachmittagstee und die Fliegen blieben dauerhaft draußen. Der Aufstieg, jene fixe Idee der Urgesellschaft, gelang mit allerlei anständigem Verhalten. Was als gesittet galt, entschieden Sitten, zeit- und ortsneutral nicht zu haben, aber in der Regel stark kodifiziert und so streng beobachtet, dass jeder Fehltritt sanktioniert wurde, mehr oder weniger unangenehm in der Folge bis zum Ausschluss aus ebendieser Gruppe, Schicht, Gesellschaft. Zwar lassen sich mit Hilfe des kategorischen Imperativs einige Universalien herausfiltern – Tötungsdelikte nur im begründeten Einzelfall, Hände weg von der Tochter des Chefs – doch deren Anwendungsintensität galt individuell recht unterschiedlich. Wichtig bleibt, dass die reine Anwendbarkeit der Sanktion bei gleichzeitig sehr deutlichem Vorhandensein der Regel als Instrument sozialer Konstruktion Macht aufbaut und absichert. Dies fängt mit der Benutzung des Messer an, bei Tisch oder gegen genetische Konkurrenten.

Die dysfunktionale Gesellschaft entwickelte sich Hand in Hand mit der Idee der Sitte, nur eben in paralleler Richtung. Was heute als dominanter Typ des Gesellschaftsaufbaus eben jene Idee eines menschlichen Miteinanders nur noch windschief abbildet, ist dem Gegenteil geschuldet; nicht der Anständige, der Unanständige gelangt zu Macht, Einfluss und in die Schichten, in denen sich der Distinktionsgewinn lohnt, allerdings inzwischen auf eine symbolische Weise. Für die Tochter des Chefs darf man sich interessieren, Tötungsdelikte sind nicht mehr tabu, solange sich ein politischer Grund dafür zusammenschwiemeln lässt. Was als moralische Einrichtung galt, wird nun endgültig ad absurdum geführt, wenngleich nicht so perfekt und gleichzeitig beschissen, wie es Menschen in ihren jeweiligen Zwangsgruppen erledigen können, je nach Herkunft, Geschlecht, religiöser Vorstellung oder zufälligem Geburtsort sortiert.

Der erfolgreichste Weg, jede Moral dauerhaft in Vergessenheit geraten zu lassen, ist national, ethnisch oder sonst wie sich identitär gebärdender Haufenzwang, in dem die Teilnehmer blökend einem wirr zusammengehauenen Ideal folgen, um sich gegen die Anfeindungen der Anständigen zur Wehr zu setzen. Offensichtlich haben sie das Prinzip verstanden, jenes Regelwerk sorgt im Kern dafür, dass die Arschkrampen, die man in jeder normalen Gesellschaft ausmerzte, nicht an die Spitze der Pyramide gelangen, und nur darum geht es ihnen: Macht, Einfluss, materielle Versorgung. Der evolutionäre Kampf wird mit grundlegendem Fehlverständnis geführt, dass nicht Kooperation und Ausgleich, sondern blinde Gewalt aus dem limbischen System unter ständiger Ausschaltung der Impulskontrollsteuerung die Sippe irgendwie zusammenhält. Dass diese Kollateralbevölkerung allen anderen auch noch mangelnden Anstand vorwirft, als sei Ethik Knetmasse wie jede Moral auch, ist nicht belustigend, es sei denn aus dem historischen Abstand der Nachgeborenen. Was als untadeliges Verhalten allenfalls in einer Art von Verbrecherehre gelten könnte, hier wird’s jedenfalls auch nicht Ereignis. Begegnen wir ihnen nicht mit Freundlichkeit, nicht mit Verständnis, duseln wir nicht Humanität, seien wir anständig. Denn dieser Kodex erlaubte es vor allem in gesellschaftlich komplexen Situationen mit einfachen und schnell zu realisierenden Methoden die Störenfriede aus der Gesellschaft zu entfernen. Warten wir nicht ab, bis man politische Korrektheit, jenes Schimpfwort für den kränkenden Anstand, als Straftatbestand in den Diskurs einführt, und schauen wir nicht tatenlos zu, bis diese unsere Spezies sich erledigt hat. Helfen wir anlassbezogen und fallweise nach. Und zwar anständig.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXV): Die politische Lüge

1 05 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ganz früher war es noch keine Frage des Charakters. Wer zu oft von den falschen Pilzen naschte, mit dem Nasenbein an die Keule geriet oder bei der Weitergabe seiner DNS eine schlechte Performance zeigte, setzte sich nicht durch. So geriet ein Teil der Gesellschaft auf die schiefe Bahn: sie krümmten den Raum, um die ihnen gefällige Wirklichkeit an die ellipsoide Form des Möglichen zu gewöhnen. Wer auch zu oft an den falschen Pilzen geknabbert hatte, schien nicht uninteressiert – die liberale Bewegung war geboren – und wer sich trotz eklatanter Blessuren im Hirnschädelbereich, wie sie Konservative bis heute auszeichnen, für verhandlungsfähig hielt, schraubte die Krümmung im Sinne einer konsensfähigen Gesprächsgrundlage fest. Die Idee des doppelten Bodens war nicht neu, die Idee einer doppelten, da angepassten Wahrheit noch viel weniger, wobei doppelt bedeutet: eine der Wahrheiten ist gar keine. Sie wird nur als solche gehandhabt. So entstand die politische Lüge.

Natürlich weiß der gemeine Epistemologe zu unterscheiden zwischen den Anwendungsbereichen der Unwahrheit, die ihre spezifische Form der Heuchelei hervorbringen. Der einfachste Fall ist die im zivilen Leben gebräuchliche Notlüge. Man weiß doch, dass der politische Entscheidungsträger nur durch multiples Versagen in der Entscheidungskette je über den Äquator gesellschaftlicher Wahrnehmung steigt; aus der Not, dieses Personal überhaupt beschäftigen zu müssen, erwächst die Peinlichkeit, einen Deppen in die vordersten Reihen zu schieben, der aus reiner Dämlichkeit sein Hirnschadenkaraoke coram populo nachlallt. Das Übergangsfeld zur sozialen Lüge mag fließend sein – größtenteils beschwindelt der politische Mensch sich ja selbst, und sei es, indem er seinen Genossen weismacht, er verstünde etwas von dem, was er sagte.

Den größten Teil nimmt die Zwecklüge ein, indes sie plausibel genug erscheint: wer betrügt, fliegt kostenfrei, weiter und oft zum Erfolg. Nichts ist ohne Grund, so auch die motivierte Lüge. Sie entspringt nicht selten derselben geistig-moralischen Überforderung, die der Rest der gestaltenden Tätigkeit mit sich bringt. Im Gegensatz zum frommen Schwindel, der die Funktionsfähigkeit sichert – Banken bauen ihr Geschäftsmodell darauf auf, Politiker ihre öffentliche Einschätzung von Wirtschafts- und Währungskrisen, die Grenzen zum puren Aberglauben sind erstaunlich fließend – verfolgt die funktionale Lüge einen Selbstzweck, der weniger das System erhält als den Lügner. Selber lügen macht fett.

Daher ist die vorsätzliche Lüge der Regelfall. Sie instrumentalisiert das Konzept Gegenwahrheit, die Untertunnelung des eigenen moralischen Anspruchs, der sich oft genug auf religiös bis wahnhaft konstruierte Synapsenprogramme bezieht, wird zur methodisch ausgebauten Ersatzrealität, in der die Ausländer einwandern, um uns die Jobs wegzunehmen und gleichzeitig in der sozialen Hängematte zu liegen, während trotzdem unsere Renten sicher sind. Womit der Zielpunkt der pathologisch-zwanghaften Lüge erreicht wäre, die selten ohne eine innere Systematik auskommt und üblicherweise direkt in die Ideologie führt. Sie braucht den Betrüger wie den Betrogenen, der als stiller Teilhaber am Betrugsgeschehen den Dingen aktiv ihren Lauf lässt. Wahr ist, was die Bekloppten für wahr halten, im Grenzfall unmöglich für falsch, wenigstens für denkbar, falls das Denken des Gegenteils schwierig wird. Auf dieser Suppe kommen Diktaturen geschwommen, und manche fangen klein als marktkonforme Demokratie.

Nachdem niemand die Absicht hatte, jemandem ein Ehrenwort zu geben, ist der Gedanke grotesk, der Belogene selbst würde sich früher oder später beschmutzt von seinem Lügenlieferanten abwenden oder sich wenigstens die elefantöse Plumpheit verbitten, mit dem das politische Personal ihm auf die Plomben geht. Noch selten hat sich die intellektuelle, juristisch und soziologisch hinreichend vorgebildete Schicht der Parteigänger von peinlichem Populismus angewidert abgewandt und wenigstens ein bisschen mehr Mühe beim Bescheißen eingeklagt. So ist die Lüge, mit der man Kriege vom Zaun bricht, am Kochen hält und als Mittel des Machterhalts zum Regierungsprogramm macht, gleichgültig, ob gegen Vietnam oder gegen die eigenen Erwerbslosen, so ist diese Lüge ein im gegenseitigen Einverständnis in kollektive Hirn geschwiemelter Selbstbetrug, an dem man dankbar teilnimmt, weil es das lästige Denken ersetzt. Die politische Lüge vereinfacht das Leben, zwar allen Beteiligten, doch nicht immer so wie beabsichtigt. Wenngleich die Politik dies ihren Subjekten immer wieder zu vermitteln versucht. Es muss sich um die Wahrheit handeln – um eine gut gelogene.





Das Entsetzen oder Wie ich einmal mit Max Horkheimer einen Fernsehkrimi anschaute

4 05 2014

Ein Kind verstirbt; ach, wie man Kinder tötet,
das zeigt Ihr in den kleinsten Kleinigkeiten,
schickt Euch dann an, es weithin zu verbreiten,
dass sich des Bürgers Auge schreckhaft rötet.

Daneben schweigt es, putzt sich, tanzt und flötet:
possierliche Gewalt an Minderheiten,
die uns vertraut ist, Hass zu allen Zeiten,
wie man aus der Verfassung Rechte jätet.

Schon ringen wir nach Fassung. Das Entsetzen
befällt uns pünktlich, ein kathartisch Schauern
nach dem Programmheft, lautstarkes Bedauern.

Am andern Ende ist nun nicht Ergötzen,
doch bleibt ein Menschenleben letztlich Masse.
Dramaturgie, das ists, außerdem: Kasse.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXVI): Das Wohlstandsevangelium

18 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Überall da, wo eine Gesellschaft Moral zeigen könnte – und da, wo sie es sollte, zeigt sie sie nie – ist auch eine vorhanden; meist ist sie antiquiert, selten hat sie etwas mit der Wirklichkeit zu tun, und dass sie so durchdacht ist, gereicht ihr nicht immer zum objektiven Vorteil. Wo sie sich höherer Wesen bemächtigt, die wir verehren, lässt sie jede Ethik durchdrücken, auch die, die ohne Spuren von Nüssen und Moral auskommt. Alle diese Konstrukte nehmen für sich in Anspruch, die Sitten der kompletten Gesellschaft wohlgefällig zu ordnen, und doch ist es nichts weniger als der plumpe Versuch, die bestehenden Verhältnisse zu verschärfen. Beispielsweise mit Hilfe des Wohlstandsevangeliums.

Die Idee, allein die materielle Begüterung sei für die Qualität einer Grützbirne entscheidend, ist eine putzige Marotte und derart beknackt, dass sie für den operativen Kernbereich einer Religion wie geschaffen erscheint; fliegende Schweine, ad hoc reinkarnierte Revoluzzer oder wundertätige Hominiden, die den Grundannahmen der Physik widersprechen, haben es da schon schwerer. Wer immer sich diesen Murks ins Fäustchen geschwiemelt haben wird, er hatte jedenfalls Besseres zu tun als Nächstenliebe zu verbreiten oder Idealismus. Für Rhesuspfäffchen eine praktische Lehre, denn es enthebt jeglicher Verantwortung, und welche totalitäre Ideologie wäre darüber nicht glücklich. Schließlich wird noch der Lottogewinn, der nicht einmal durch Schicksal besser erklärt werden kann als durch den Zufall, zum Prüfstein der Gottgefälligkeit. Wie sich in diesem denkerischen Gerümpel die biblische Armut verkantet, wird planmäßig unterschlagen, je eher, desto werberischer das Gefrömmel sich unter die Leute wanzt: bald gelten nicht mehr moderate Mittel, bald gilt schon ausufernder Luxus als approbierte Huld, später die anhaltende Gesundheit. Inzwischen hält die soziale Zusammenrottung bereits eine betriebsbedingte Kündigung für den Nachweis, ein Schwein zu sein. Da können noch die Buddhisten lernen.

Gerade die calvinistische Leichtbauweise der Soziologie bekennt sich ausdrücklich zur unbedingten Askese und materiellen Verachtung, um durch manisch tugendhaftes Getue zu höchstem Ansehen zu finden. Dass in den frühkapitalistischen Moralinansammlungen gerade durch unermüdliche Arbeit gewachsenes Vermögen (ein frommer Wunsch überdies, weil so gut wie nie nachweisbar) als Abzeichen höherer Gnade galt, widerspricht so gut wie jedem eigenen Tugendbedürfnis, gerade auch der geradezu grotesk verargumentierten Geworfenheit des Bescheuerten: wer auf der Schnauze landet, blutet aus Vorhersehung, wer den Stunt unbeschadet übersteht, hat lediglich durch höherwertigen Glauben ein neues Level erreicht. So viel Schnaps gibt es nicht, dass sich diesen Quark ein Kriechpriester aus der Birne möllert und ihn auch noch für die Synthese aus Vernunft und Aberglaube hält.

Wohlstand, sagt der gemeine Religiot, ist also nichts mehr als ein Symptom der Zuneigung jenes höheren Wesens, das zwar irgendwann gratis und blanko Vergebung und Chancengleichheit versprochen hat, aber sicher war das nicht so gemeint, denn wenn er schon ein Symptom ist, muss es auch einen Grund dafür geben, und welcher Schnösel hielte seinen Kapital nicht für ehrlich verdiente Asche, auch und gerade dann, wenn es sich um Erbe oder Spekulationsgewinn handelte. Die Bigotterie der pseudotheologischen Moral liegt darin, dass sie das gute Werk ungeachtet der Gesinnung vom Ende her erklärt. Wer also nicht gescheitert ist, wird auch nicht scheitern, weil er nicht gescheitert ist, und wer gescheitert ist, muss sich nicht mehr bemühen, weil er ja bereits gescheitert ist. Ihr alle, die Ihr mühselig uns beladen seid, haltet gefälligst die Fresse und geht sterben.

Es ist nichts anderes als ein doppelt perfider, da in Glaubensvorstellungen betonierter New-Age-Neoliberalismus, der die Erfolge für sich selbst reklamiert, während er Scheitern als individuelles Versagen deklariert, um die Flossen in Unschuld zu waschen. Die Masse der durchschnittlich Armen, über Jahrhunderte verdübelt und verdeppt, hat nichts anderes gelernt, als zu den Mächtigen, da Reichen aufzuschauen und unreflektiert jeden Sums zu schlucken, den sie sich in ihrer Egolepsie aus dem Glibber kloppen. Keine noch so dämliche, keine noch so kriecherisch verkitschte Sicht auf die Verantwortung eines sozialen Systems kann das entschuldigen, zumal längst die Voraussetzungen und Nebenprodukte des Reichtums, Geiz, Neid und Selbstsucht, nicht mehr Todsünden sind, sondern Abzeichen der Gefälligkeit, wobei selbstgefälliges Wesen auf Eigenvergottung schließen lässt. Wer ein großes Gut sein Eigen nennt, ist unter den Bescheuerten selbst gerecht. Hoffen wir, dass es so bleibt, wenn die Brandsätze fliegen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXIV): Scheinheiligkeit

4 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hatte der Hominide seine Sprachfähigkeit zum sozialen Standard erhoben, nutzten einzelne Exemplare der Gattung sie für seltsame Manöver. Rrt, immer ein bisschen linkisch mit dem Speer und nicht der Hellste, wenn es in die Pilze ging, erfand die Anglergeschichte vom Feuer speienden Fisch, den er mit bloßen Händen gefangen, geschuppt und filetiert haben wollte, während er eine Herde Säbelzahntiger mit Gebrüll in Schach hielt. Die Klügeren glaubten kein Wort, doch jeden Tag steht einer auf, der dumm genug ist. So wurde die Legende vom furchtlosen Rrt geboren, der schließlich in der eng umrissenen Gemarkung zwischen Felswand und Tümpel zum Lokalheiligen wuchs, genauer: zum Scheinheiligen.

Geltungsdrang als Stimulans mag zunächst nicht verwerflich erscheinen. Nicht wenige kulturelle Großtaten einschließlich des kompletten Barock fußten auf der Erkenntnis, dass exzentrisches Gepränge, bizarres Benehmen und manischer Eifer bleibenden Ruhm einbringen konnten. Ohne ein gesund übersteigertes Selbstbewusstsein hätte der durchschnittliche Entdecker seinen Schreibtisch nicht verlassen, Meister der Bau- und Braukunst hätten ihr Gewerk nicht revolutioniert, mancher Name wie Röntgen hätte es nicht unter die Verben geschafft. Und doch eint sie alle, dass sie ihr Handeln zur Geltung bringen wollten, ihre Ideen oder ihren Willen, sei er auch noch so blühender Unsinn. Der Scheinheilige bringt zur Geltung, was ohne weiteren Wert ist, nämlich sich selbst.

Die Besessenheit, die eigene Existenz in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht weniger als eine pathologische Erscheinung in einer Gesellschaft, die ihre pathologischen Züge zur Kunstform erklärt hat. Es ist die krankhafte Neigung der Ichlinge, ihre subjektive Wahrnehmung, fernab jeglicher Realität und Reife, aus der möglichst wohlfeilen Sicht in eine leichtgläubige, an moralischen Werten nicht mehr interessierte und daher im Epizentrum der Sittlichkeit brüchige Welt zu werfen, als hätte sie auf die Würstchen im Zwirn nur gewartet – doch, sie hat auf sie gewartet, und das ist der eigentliche Bruch, denn wo der Schein so gut wie alle Mittel heiligt, lohnt nichts Wahres mehr. In einer Parallelgesellschaft von Second-Hand-Ruhm, der zum größten Teil aus medialer Widerspiegelung besteht, erntet der Bescheuerte von Geblüt, der sich akademisches Gemüse vor den Namen schwiemelt, die Winselei seiner Nachkriecher nur befristet; sobald die Sache aufkippt, verschwindet er in dem Schwarzen Loch, dessen Ereignishorizont jegliches Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana schluckt. Ein Rülpsen, dann ist alles Fabel.

Gleichwohl die chronische Selbstüberschätzung kein Privileg einer wie auch immer gearteten Elite ist – auch von unten spült es aus dem Bodensatz in den Kompetenzfasching der Leistungsträgen immer wieder die Überreste vom Abwracklimbo – hier krallt sich doch das feigste Personal fest, das ohne sein Supermankostüm nie vor die Haustür ginge. Es sind alle bange kleine Blödiane, die genau wissen, dass ihr Sitzmuskel auch nur zwei Hälften hat. Und jeder nagt sich die Fingernägel ab, dass keiner das je rauskriegt, während sie genau wissen, dass sie sich unter ihresgleichen befinden. Und dass aus der Nummer noch keiner lebend rausgekommen ist. Nicht der Trieb zum Erfolg, nicht die intrinsische Motivation schubst uns also in den denkfreien Raum, es ist die Grenzüberschreitung zum nicht mehr verantwortbaren Mutwillen und Hochstapelei, zur Anmaßung, sich über die Verhältnisse zu pfropfen, sei es als dauergedopter Radeldepp, als präsidiales Quotenwürstchen mit Kreditkasper im Anschlag oder als ministerielles Geröll, dessen geistige Vakanz unangenehme inhaltliche Fragen im Keim erstickt, weil die erwartbaren Antworten noch übler wären. Gier frisst Hirn, Gier frisst Anstand.

Problematisch ist die Gesellschaft, die es sich bieten lässt und mit Gleichmut reagiert, während auf der Galerie die Koksgnome torkeln, doch kaum weniger prekär ist das System, das unbekümmert in gespielter Strenge den Zeigefinger hebt und wie belustigt einmal das unartige Kindchen schimpft, weil es billig gegen Recht verstoßen, Amt samt Würde missbraucht und das gesellschaftliche Gefüge verkekst hat. Das Balg bräuchte eins hinter die Löffel, damit es lernfähig wird.

Mit etwas Glück kippen die unwandelbaren Aufschneider mit dem Sparflammenheiligenschein beim Balanceakt selbsttätig aufs Gesicht, ohne dass man nachhelfen müsste. Mit etwas Glück gewöhnt sich diese Zusammenrottung irgendwann daran, dass sie keine perfekten Instantfiguren auf den Markt wirft, sondern fehlerbehaftete Charaktere mit Macken, Todesangst und wirren Vorstellungen. Sie könnten alle schnell und schmerzlos der Lüge ledig werden, dass individuelle Fehler zu vertuschen der Königsweg zum allgemeinen Heil sei. Bis dahin haben sie erst einmal kein weiteres Interesse an Heiligkeit. Nur am Schein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCI): Das Geschummel

12 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In inniger Kameradschaft gingen sie ins Dickicht, Ngg und Rrt, je ein Hominide und ein Speer, um ihre Familien einigermaßen satt zu kriegen an einem verregneten Wochenende in der Mitte des mittleren Mindelglazials. Nach den üblichen Formalitäten eines Jagdausflugs – Besänftigen von Gattin und Sippe, kurze Beschwörung mit Springtanz, Höhlenmalerei für zwei Personen plus Opfer am Grab der Ahnen – hatten die beiden ihre Wurfgeräte ins Grün geschlenzt, wohl wissend, dass sie irgendwo schon stecken bleiben werden. Gemeinsam stolperten sie in Wald hinein, stöberten und suchten, und schließlich fand Ngg die beiden Waffen. Dass des Gefährten Instrument einen kapitalen Keiler perforiert hatte, seine eigener Spieß jedoch nur ein Rotkehlchen an die Baumrinde gepiekt, das ließ sich leicht korrigieren. Man hätte es schon an diesem Tag ahnen können, die Menschheit würde nicht schwindelfrei sein.

Sicher ist das Geschummel, die mildeste Form der Neuinterpretation real existierender Zustände, eine allgegenwärtige Erscheinung. Grützbirnen hocken in den Grundschulen und pinnen in der Mathearbeit vom Nebensitzer ab, beim Blindekuh-Spielen luschert der aufgeweckte Knabe und hofft auf den Wettbewerbsvorteil, und wer würde beim Mikado nicht zufällig niesen müssen. Vorwürfe sind sinnlos, zwecklos, ziellos, denn sie tun es alle, nicht aus Boshaftigkeit, sie sind nur geistig nicht reifer geworden als die Pleistozänprimaten, obzwar sie erkennen müssten, dass sie aus nichtigeren Dingen und also überflüssig die Wirklichkeit verbiegen. Wo es um Brot und Rosen geht, mag man die Meute foppen, doch wer würde plump den Würfel drehen, um noch drei Felder vorzurücken? Dissozial zu sein erweist sich weder im Erfolg der Lüge noch in ihrer Wirksamkeit. Sie leiert die Grenzen aus, doch wo ist der Kläger?

Nun lügt man in selteneren Fällen auch aus reiner Höflichkeit, was kaum das Aufkommen eines Betrugs aus Eigennutz besitzen dürfte; nicht selten schwindeln sich Damen in Erwartung geheuchelter Höflichkeiten das Alter zurecht, stopfen sich Körperpartien aus oder schwiemeln sich andere mit Hilfsmitteln aus Ackerbau und Viehzucht an Stellen, an denen die Anatomie mit ihnen nichts anfangen kann. Der öffentliche Konsens, dass derlei fassadentechnische Manöver zum Allgemeingut der psychologischen Kriegführung wie auch des Paarungsverhaltens zu rechnen sind, er wiegt uns in Sicherheit, weil alle es tun und die Welt sich gleich bleibt, wenn keiner einen nennenswerten Vorteil daraus zieht, wo die Körperoberfläche des Beknackten der Schwerkraft folgt. Interessant ist, dass sämtliche Anwendungen der Täuschung von Balz bis Brettspiel sich nie als solche verstehen würden, denn wer gäbe schon zu, dass er löge, abgesehen von den Kretern.

Allenfalls als Diplomatie hat sich die Heuchelei einen gesellschaftlich relevanten Stellenwert geschaffen, und man braucht sie zur Aufrechterhaltung aller Art von Religion, wobei zu bedenken wäre, dass die Religion in ihrer organisierten Form selbst alles daran zu setzen meint, die Lüge zu stigmatisieren. Sie geht einen Labilitätspakt ein, und zwar mit sich selbst; bedauerlich, dass die Gesellschaft mit in diesen Morast gezogen wird.

Wo immer aus den hinlänglich bekannten Motiven getrickst und getäuscht wird, gibt sich der Bekloppte nur in einem Fall den Anstrich, ein notorischer Schummler zu sein, nämlich da, wo er aus niederer Gesinnung Betrug und Beschiss als bloße Schönfärberei auftischt. Dort, wo der naive Kurzstreckendenker sich die vereinfachte Variante des Seins mit intellektuellem Sperrmüll einrichtet, um nicht zu komplizierte Dinge unter der Kalotte zu transportieren, kommen die kognitiven Querschläger der scheinbar Schuldfreien gar nicht vor. Bunkert der durchschnittliche Arbeitnehmer den Flaum oberhalb der Lohnpfändungsgrenze je in finanztechnisch optimierten Feuchtgebieten? Zockt er sich akademisches Gemüse vor den Namen, um leichter an Tätigkeiten zu gelangen, in denen er nicht mit Erwerbsarbeit belästigt wird? Fädelt er mit Hilfe von Pferd und Gammelfleisch arglistigen Bluff ein, um den Kunden abzuziehen, der dann die Folgen des organisierten Erbrechens zu tragen hat? Wo immer die Mischpoke ertappt wird, sofort wird sie Gründe häkeln, warum ein kleines bisschen Steuerhinterziehung nicht so schlimm ist, weil die Kinder schließlich alle nach Weihnachtsgeschenken auf dem Dachboden gucken.

Die moralischen Grenzwerte bricht man am wirksamsten nieder, indem man sie biegt, bis sie geschmeidig genug sind. Ähnlich wäre es nichts als Wahrlügen, den Mord zu legalisieren, weil man unbedacht auch ein Ungeziefer aus dem Fenster schnipst, und nicht anders hat das Gefolge des Bettnässers aus Braunau dies auch praktiziert. Nicht abzustreiten ist, dass ihre Rechts-Nachfolger es bis heute auf dieselbe Art versuchen. Und es hat sein Gutes, dass sie es einfach nicht aufgeben. Denn je mehr man das Volk belügt, desto eher wird es die Wahrheit verstehen. Auch wenn es vorübergehend zu einem Engpass an Spenderorganen kommen sollte.