Fülle des Wohllauts

11 07 2011

Hildegard setzte entnervt die Kaffeetasse auf den Frühstückstisch zurück. „Ich kann es nicht mehr hören“, zischte sie und schlug heftig das Fenster zu. „Du wirst diesen verdammten Knödelbarden zum Schweigen bringen, oder…“ „Oder was?“ Müde legte ich das Gesicht in die Hände. „Er wohnt nicht in diesem Haus, er wohnt nicht einmal in dieser Straße. Und er hält sich an die vorgeschriebenen Zeiten. Was willst Du da machen?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete sie dumpf. „Noch eine Arie, und ich erwürge diesen Troubadour! Höchstpersönlich!“ Erschöpft blickte ich sie an. „Vielleicht solltest Du ihn lieber auf offener Szene erdolchen. Mit einem Butterfly-Messer.“

Es konnte sich nur um den Tenor handeln, der in dieser Saison sein Gastspiel als Benjamin Franklin Pinkerton gab. Jedenfalls jodelte es pünktlich um acht Uhr durch die hinterwärts gelegenen Gärten; wenn auch nicht herauszufinden war, in welchem der Häuser der im Stadttheater engagierte Leutnant zur See vor Anker gegangen war, zum Frühstück ließ er Puccinis mitreißende Melodien erklingen. Hildegard ballte die Fäuste. „Ich werde mich heute Nacht persönlich auf die Lauer legen und diesem Schmalzlappen das Licht ausblasen!“ Ich winkte ab. „Gegen sechs hört er auf“, erinnerte ich sie, „bei Einbruch der Dunkelheit ist es längst zu spät.“ „Ich kann aber nicht jeden verdammten Tag wieder mit anhören, wie diese Heulboje meine Trommelfelle zermartert. Mach etwas dagegen!“

Ein paar Tage himmlischer Ruhe waren uns gegönnt – ich wagte sogar schon, leise Scarlatti-Sonaten beim Gemüseschneiden zu hören – als der Jammersänger sein Organ wieder ertönen ließ. „Amore o grillo, dir non saprei“, johlte es durch die Höfe. „Man könnte“, überlegte Hildegard, „sich als Grünflächenbeauftragter in die Hintergärten schleichen und so diese Radautüte lokalisieren.“ Ich lehnte entschieden ab; Hildegard war verstimmt. „Keiner hat davon gesprochen, dass Du das machen sollst. Außerdem passe ich gar nicht in einen Blaumann.“ „Und was haben wir davon?“ Sie sah mich erwartungsvoll an. „Gar nichts. Wir wissen, wo er singt, werden ihn aber nicht daran hindern können.“ Hildegard seufzte. „Wenn uns nur jemand helfen könnte.“

„Er ist eher Schmalzheini als großer Akrobat“, befand Doktor Klengel, der Hildegard beruhigend die Hand tätschelte. „Geben Sie ihr zehn Tropfen davon vor den Mahlzeiten, dann legen sich die Nervenbeschwerden bald wieder. Und schließen Sie die Fenster.“ „Klengel“, fragte ich, „Sie sind doch Opernfreund.“ „Wie ich im Karnevalsverein bin“, kicherte der Arzt. „In jungen Jahren einmal am Stadttheater ein Abonnement unterschrieben, nun vergesse ich jede Spielzeit, es zu kündigen. Und wenn man sowieso dafür bezahlt, kann man ja auch gleich in die Oper gehen, nicht wahr?“ „Geben Sie es zu, Ihre Plattensammlung ist nicht schlecht.“ Geschmeichelt nickte er. „Da haben Sie Recht. Ich habe da so einiges gesammelt, auch Puccini – freilich besser als das hier. Eine entzückende Aufnahme könnte ich Ihnen empfehlen, mit Giuseppe Strillo als Pinkerton, und den Sharpless singt…“ „Großartig“, willigte ich ein. „Morgen um acht, bringen Sie Ihre Butterfly mit.“

„Was hast Du vor?“ Hildegard lag apathisch auf dem Sofa. Da klingelte es an der Tür. „Es ist doch noch gar nicht acht.“ „Ich weiß“, antwortete ich knapp und öffnete die Tür. Kester war pünktlich; er machte es sich mit seiner Teetasse am Küchentisch gemütlich und stöpselte viele Kabel in seinen Klapprechner. „Das hier dürfte das Richtige sein“, teilte er mir mit und zeigte auf eine Ansammlung von Schallwellen auf dem Computerdisplay. „Du kriegst das schon hin“, bestärkte ich meinen Großneffen. „Als angehender Physiker weißt Du ja, am besten, worauf es ankommt.“

Inzwischen hatte sich auch Doktor Klengel eingefunden die Opernaufnahme mitgebracht. „Ich verstehe nicht ganz, was das sein soll.“ „Warten Sie einfach ab“, gab Kester zurück. „Als erstes werde ich das entsprechende Stück herausschneiden.“ Im Hinterhaus hatte unser Aushilfs-Caruso bereits die tägliche akustische Folterübung aufgenommen und kletterte auf Puccinis Arie herum wie ein Insekt auf einem Blumenstrauß. „Che di rincorrerla“, jodelte es durch die Gärten, „furo-o-or m’assale…“ „Sehr gut.“ Tief befriedigt justierte Kester einige Regler und erläuterte sein Vorgehen. „Du wolltest eine Art eingefrorenen Ton, Onkelchen?“ Ich nickte. „Das machen wir so: hier auf der Stelle, wo der Sänger ohnehin sehr stark dehnt, schneiden wir ein kleines Stück Schallwelle aus und spielen es dreimal, zehnmal, hundertmal nacheinander ab, als Schleife, auf der der Ton stehen bleibt.“ „Faszinierend“, murmelte Klengel. Hildegard begriff. „Und Ihr nehmt die Stelle mit dem hohen C?“ „Genau gesagt, ein B“, nickte Kester. Klengel gluckste. „Was ein richtiger Tenor ist, der wird sich so einen Hahnenkampf nicht entgehen lassen.“ „Das Orchester können wir ein bisschen abdämpfen, auf die Entfernung wird man sowieso nur den großen Giuseppe Strillo hören – Onkelchen, Du kannst jetzt die Fenster öffnen.“

In majestätischer Strahlkraft erklomm der große italienische Tenor das hohe B – „furo-o-or m’assale“ – und hielt sich zwölf Sekunden lang souverän auf dem Spitzenton, bevor er robust und intonationssicher die Phrase zu ihrem Ende führte. Hektisches Räuspern beantwortete die stimmliche Großtat; deutlich hörbar blähte der Gartensänger die Lungen, bevor er ansetzte – „furo-o-or m’assale“ – und mit knapper Mühe den Schluss erreichte. Zwei-, dreimal ließ der innerwärts verlängerte Strillo seine Meisterstimme ertönen. Klengel schwelgte in der Fülle des Wohllauts. „Welche Tessitura, welch ein schöner Ansatz! Ich bin begeistert! Los, geben Sie zwanzig Sekunden!“ Doch Hildegard winkte ab. „Aber nein, lieber erst einmal nur zehn bis zwölf.“ Sie lächelte diabolisch. „Wenn er das Gefühl bekommt, den Gegner noch einigermaßen einholen zu können, wird er sich über kurz oder lang selbst überschätzen.“ Beeindruckt nickte Klengel. Zehn Sekunden – „furo-o-or m’assale“. Fünfzehn Sekunden – „furo-o-or m’assale“. Heftiges Schnaufen begleitete das Raukehlchen, bevor er mit Giuseppe Strillos fünfundzwanzig Sekunden ausgehaltenem Hochton – „furo-o-o-o-o-or m’assale“ – konfrontiert war.

„… schon im ersten Akt durch Indisponiertheit auffiel, später dann mit heiserem Krächzen und wilder Gestik die männliche Hauptrolle schmiss. Puccinis von exotischem Lokalkolorit durchzogene Musik hätte ein stimmliches Harakiri wie dieses durchaus entbehren können. Der Gaststar suche sich einen neuen Beruf – am besten einen, der nicht viel mit Gesang zu tun hat.“ Mit einem Ruck schlug Hildegard die Zeitung zu. „Großartig. Weißt Du was? Wir sollten mal wieder in die Oper.“





My Life according to… Joe Jackson

5 09 2009

Da ich Frau Schildmaid noch ein CD-Stöckchen schuldig geblieben war, aus gegebenem Anlass und außerhalb der Reihe eine kleine musikalische Spielerei. Songtitel. Gut, das dürfte zu bewerkstelligen sein, wenn ein Musiker schon einige Alben veröffentlicht hat. Die Regeln im Original:

Using only song names from ONE ARTIST, cleverly answer these questions. Pass it on to other people and tag me. You can’t use the band I used. Try not to repeat a song title. It’s a lot harder than you think! Repost as “My Life According to (BAND NAME)”.

Here we go:

  • Pick Your Artist: Joe Jackson
  • Are you a male or female? I’m the Man
  • Describe yourself: Stranger than fiction
  • How do you feel: Fit
  • Describe where you currently live: Home Town
  • If you could go anywhere, where would you go? Down to London
  • Your favourite form of transportation: Flying
  • Your best friend is: The Man who wrote Danny Boy
  • Your favourite colour is: The band wore blue shirts
  • What’s the weather like: Place in the Rain
  • Favourite time of day: Tonight and forever
  • If your life was a TV show, what would it be called: Rant and Rave
  • What is life to you: (It’s a) Big World
  • Your current relationship: We can’t live together
  • Breaking up: The Verdict
  • Looking for: The other Me
  • Your fear: Drowning
  • What is the best advice you have to give: What’s the use of getting sober (when you gonna get drunk again)
  • If you could change your name, you would change it to: Five Guys named Moe
  • Thought for the Day: Goin’ downtown
  • How I would like to die: Nineteen forever
  • My motto: Look sharp!

Wer will, darf.





Schöne Grüße vom Murmeltier

27 02 2009

Als Anne rechts rüberzog – sie geht vor Autobahnausfahrten immer schön rechtzeitig auf 180 herunter und bremst dann in der Kurve ab, einige Leute, die es überlebt haben, sagen, sie fahre wie ein Henker; manche äußern sich weniger zartfühlend – als Anne also rechts rüberzog, schloss ich die Augen. Man kann mit dieser Frau nicht diskutieren, das heißt, man kann schon, aber nicht im Auto. Also nicht, wenn sie fährt. Ist auch besser so, denn ich möchte nicht wissen, wie oft sie die Hände vom Steuer nimmt. Anne argumentiert gerne manuell, was bei 297 Kilometern in der Stunde ein merkwürdiges Gefühl in der Herzgegend auslöst.

Die Statistiker der Diözese sollen errechnet haben, dass die Zahl der Kircheneintritte signifikant zunimmt, wenn Anne eine Mitfahrgelegenheit anbietet. Ich hätte den Erwerb einer Busfahrkarte in Erwägung ziehen sollen. Lebend kriegen sie mich nicht. Er oder ich – und meines Wissens hatte der Papst seinen Golf längst eingemottet.

Noch ein kleines Stündchen Stadtverkehr, bis wir die 500 Meter zum Ärztehaus zurückgelegt hatten. Anne wollte noch eben schnell ein Rezept abholen. Eine gute Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten, das Hemd auszuwringen und den Puls langsam wieder auf 130 zu bringen.

Ich löste den Anschnallgurt, öffnete die Beifahrertür und muss mir wohl den Kopf gestoßen haben. Jemand hatte die Beleuchtung ausgeknipst und ich fiel in etwas hinein. Es war wie Magnesiumlicht, nur ungefähr hundert Mal so hell. Drüben vernahm ich erst verzerrte Stimmen, dann wurde es deutlicher. Was war das? Akustische Leuchtreklame? Die Klingelton-Charts? Es war alles zusammen, es war Britney Spears. Oder doch Alexander Klaws? So genau war das nicht auszumachen. Was keine Frage des Lichts war. Und es schien hier unten verdammt glitschig zu sein.

Das Schild oberhalb des Abgrunds hatte ich flüchtig gesehen, als ich die Balance verlor, und es hatte sich mir in die Netzhaut eingebrannt: Eingang zur Cover-Hölle. Ich ließ alle Hoffnung fahren. Hier also landet das alles. In einer gigantischen Recycling-Anlage, die die Musik von Jahrzehnten einsaugt und zentrifugiert und als komprimierten Popschrott wieder ins Universum zurückkotzt.

An den Wänden des Schlunds klebten Cindy & Bert. Zwar nur als Plakat, aber das machte die Sache keineswegs angenehmer. Knapp oberhalb der Hörschwelle sang Jürgen Drews etwas von Doppelkorn und Feldbett. Die Feedbackschleife lief rückwärts – was mir zunächst gar nicht auffiel – und wurde von Marusha überlagert. Kein Zweifel, das war nicht die Oldschool-Version nach Dante, hier waren Techniker am Werk gewesen. Diese Hölle war selbst eine aufgebohrte Cover-Version.

Einem Meteoritenschauer gleich kamen mir auf der linken Spur Glasballons entgegen. Tausende unförmiger Kugeln voller Klumpen, die mit den Hüften wackelten, gewandet in Zweimannzelthosen und behangen mit riesigen Gartenschläuchen aus Bling-Bling. Es waren Retorten-Rapper, die aus dem Inferno katapultiert wurden und nur eine Aufgabe hatten: unschuldigen Menschen die Gehörgänge zu verstopfen. Der Fahrtwind säuselte noch einmal leise Say Yo Motherfucker, dann waren sie an mir vorbei.

Die Bilder begannen sich zu überlagern. Zehn Tenöre besangen zehn nackte Frisösen. Tokio Hotel moshten den Erzherzog-Johann-Jodler. Andy Borg interpretierte Herbert Grönemeyer. Die Spirale beschleunigte sich. Eine Allstar-Band mit Bela B. am Schlagzeug, der linken Hälfte des Goldried Quintetts und Kirk Hammett begleitete Karl Moik bei einem Nena-Medley. Zu den unangenehmeren Momenten gehörte der Anblick von Bro’Sis, die in einer Las-Vegas-Variante von Glücksrad auftraten und sich selbst nachmachten – vermutlich hatten sie niemanden gefunden, der den Job freiwillig übernehmen wollte. Zur Strafe drehten Céline Dion und Anastacia abwechselnd am Konsonanten-Roulette. Ich versuchte, die Augen zu schließen, konnte es aber nicht. Musste nicht bald der Aufprall kommen? Und was dann? Dieter Bohlen mit einer Ralph-Siegel-Maske? Oder umgekehrt?

In meinem Schädel hämmerte es. Schon wieder Billigtechno aus der Tiroler Skihütte? Vor meinen Augen erschien ein überdimensionales Murmeltier, das sehr langsam und mit Rückwärtshall auf mich einredete. Es griff nach meinem Hinterkopf. Das also war das Jenseits? Ich hatte es mir irgendwie ganz anders vorgestellt. Woher kamen diese komischen Geräusche? Warum stank es hier so nach Alkohol? „Er ist tot, Herr Doktor Klengel!“

Das Murmeltier hatte die Sonnenbrille in die Stirn geschoben und blickte mich aus schreckgeweiteten Augen an. Faszinierend. Der Mann mit dem Spitzbart tupfte an meiner Schläfe herum und meinte, es sei nur eine Platzwunde. Immerhin bestehe starker Verdacht auf eine Gehirnerschütterung, weshalb der Patient nun in die Klinik verbracht werden müsse. Ich hätte zuletzt unaufhörlich gesungen, unter anderem obskure Lieder wie das vom Wiedehopf im Mai.

Anne fragte Doktor Klengel, wie ernst es wirklich sei und was das mit dem Wiedehopf auf sich habe. Der replizierte trocken: „Ich bin Arzt und kein Schallplattenverkäufer.“ Aber was versteht Anne schon von guter Musik. Sie denkt ja bis heute, den Scotch habe eine alte Dame in Leningrad erfunden.