Katerstimmung

29 06 2016

Bismarck lag apathisch auf dem Sessel und schniefte. „Sie sehen es doch selbst“, jammerte Herr Breschke, „er kann es gar nicht gewesen sein!“ Das ließ sich nun nicht leugnen; zwar schlich der von einem Sommerschnüpfchen gequälte Dackel ab und an in die Küche und schlappte ein bisschen Wasser, doch das Haus hatte er seit einer Woche nicht verlassen.

„Er war es nicht!“ Horst Breschke stampfte voll Empörung leise auf den Teppich, immer bedacht, den dämmernden Hund in seinem Genesungsschlaf nicht zu stören. „Ich bin ja gleich mit ihm zum Tierarzt, und seitdem liegt er und kuriert sich aus. Er kann Gabelsteins dämliche Tulpen überhaupt nicht zertrampelt haben – das bildet dieser Idiot sich nämlich nur ein. Was weiß ich, wahrscheinlich trinkt er wieder und…“ Da gebot ich dem zornigen Hausherrn Einhalt. „Keine Vermutungen“, mahnte ich, „wir brauchen verlässliche Fakten. Nur damit kommt man dem Mann auf die Spur.“

In der Tat war Gabelstein einer von der Sorte Nachbarn, die einem das Leben auf einer einsamen Wüsteninsel im Ozean schon nach kurzer Zeit recht schmackhaft machen. Im Herbst kippte er sein Laub auf Breschkes Rasen, anstatt es – was weniger Aufwand bedeutet hätte – auf den eigenen Kompost zu tragen, im Winter schippte er den Schnee von seinem auf Breschkes Trottoir, schoss auf den Nachbarn zur anderen Seite mit Kernen, die von dessen Kirschbaum stammten. Nun hatte Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, mehr als einmal sich in Gabelsteins Garten an den Beeten verlustiert, ein Gartenzwerg war zu Bruch gegangen und hatte die Gräben zwischen den beiden noch einmal empfindlich vertieft. Leicht war es nicht. Wenn man ihn ignorierte, ging es einigermaßen.

„Ich werde diesem Unhold gehörig die Meinung geigen“, knurrte der Alte, und schon lief er die Treppe empor. Ich folgte ihm. Er zog die Gardinen zur Lagebegutachtung ein wenig auf. „Dort ist das Beet“, erklärte Breschke. „Wenn Bismarck – also ein Hund, ein anderer Hund natürlich auch, aber der müsste dann ja von der Straßenseite, und wir haben hier eigentlich keine anderen Hunde.“ Er sah mich an, eine Mischung aus Argwohn und halber Furcht im Blick. War es doch der eigene Dackel gewesen? Aber der lag ja ab und an hustend im Wohnzimmer. „Wer könnte ein Interesse an Gabelsteins Blumen haben?“ Der pensionierte Finanzbeamte musste wirklich scharf nachdenken; üblicherweise wären neue Nachbarn, gefährlich aussehende Chinesen – die für ihn immer gefährlich aussahen, sonst wären es keine Chinesen gewesen – oder geheimnisvolle Möbellieferanten die Quelle seines Misstrauens geworden, doch jetzt war alles anders. „Da!“ Ich packte ihn am Arm. Durch den Staketenzaun glitt geschmeidig ein dicker, rot getigerter Kater.

„Zu wem gehört denn der?“ Breschke hielt die Luft an, als wollte er das behäbige Tier dort unten in Gabelsteins Garten nicht erschrecken. Der Kater schnürte zielgerichtet an der Hecke entlang und betrat dann das besagte Tulpenbeet. „Er scheint sich dort recht wohlzufühlen“, bemerkte ich. Genüsslich scheuerte er sich an der Hauswand und ließ sich dann in die Blumen fallen. Bismarck war, was dies anging, ein Musterbild an Gründlichkeit, doch fehlte es ihm immer an der nötigen Zerstörungswut.

Keine fünf Minuten später – der Kater hatte sich noch einmal genussvoll und entspannt die Pfoten geleckt und war auf der anderen Seite der Hecke über das Grundstück der Breschkes verschwunden – tobte Gabelstein am Zaun, schrie und schüttelte wutentbrannt die Fäuste. „Sehen Sie?“ Ich begriff. „Was machen wir denn jetzt?“

Der Ersatzgartenzwerg stand noch in Packpapier eingeschlagen im Kellerregal. „Meine Tochter hat gleich drei von ihnen gekauft“, erklärte Breschke. „Einer hat den Transport nicht überlebt, dann hat meine Frau einem mit dem Besenstiel die Nase abgehauen, und der hier ist noch übrig.“ Ich nahm ihn heraus und trug ihn behutsam die Treppe empor. Dort am kleinen Baumstumpf dicht am Zaun passte das Ding ganz gut. „Man sieht ihn ja gar nicht“, maulte Breschke. „Lassen Sie mich nur machen.“ Wir stellten ihn unter großem Gestikulieren und mit enormem Theater ab. Dann gingen wir im Schutz des Kellertreppenaufgangs in Deckung.

Hinter dem Fenster bewegte sich ein Schatten. Die Tür öffnete sich einen Spalt, heraus huschte Gabelstein, die Harke in der Hand. Wo kurz zuvor noch der fette Kater sein Unwesen getrieben hatte, drückte er sich an der Wand lang auf die Hecke zu, wo er sich duckte und gebückt nach vorne schlich. Wir hielten die Luft an. Da knackte es, raschelte und keuchte unterdrückt, um nur ja keinen Laut zu machen. Millimeterweise drehte Gabelstein den Stiel um und schob ihn zitternd durch die Hecke. An einem starken Ast blieb er fast stecken, dann kam der Stiel näher, dicht über dem Boden, noch zwei Handbreit, noch eine –

„Schaffen Sie’s alleine?“ Mit dem Fuß hatte ich auf den Rechen getreten, während sich zwischen Stiel und Kiesweg Gabelsteins Finger befanden. Ein unterdrückter Schmerzensschrei zeigte an, dass die Operation gelungen war. Er fuhr in die Höhe. „Was machen denn Sie hier?“ Es raschelte hinter ihm an der Hauswand. Da war er wieder, der rote Kater. Wie von der Tarantel gestochen drehte sich der Mann um. Die Harke verhielt sich vorschriftsmäßig, ihr Stiel schlug Gabelstein mitten ins Gesicht. Breschke lugte von der Kellertreppe auf. „Vielleicht sollte ich Bismarck wieder in den Garten lassen.“ Ich nickte. „Eine gute Idee. Die frische Luft wird ihm gut tun.“





Frühlingserwachen

1 04 2013

07:20 – Die milden Strahlen der Morgensonne tauchen die Siedlung Kiebitzredder in ein fahles Licht. Pensionär Ottfried L. (69) nutzt die frühe Stunde des Ostersamstags, um den Vorgarten in festliches Gepränge zu versetzen. Er hängt je zwei blaue und gelbe Kunststoffeier an den letztjährig gepflanzten Spalierapfel.

07:31 – War die Festvorbereitung in den Gärten der Reihenhäuser bisher eher spärlich ausgefallen, so fügt Paola H. (32) mit dem Osterhasen-Hänger im Küchenfenster der Nachbarschaft einen farblich hervorstechenden Blickfang hinzu.

07:43 – Rentnerin Hermine G. (78) unterzieht ihre Fenster einer kritischen Prüfung. Sie beschließt spontan, die Scheiben zu putzen, wozu sie ein Narzissentöpfchen aus der Küche vorübergehend auf der vorderen Fensterbank abstellt. Auch diese Provokation wird nicht ohne Folgen bleiben.

08:01 – Mit einem Frontalangriff setzt Rainer P. (43) die östliche Straßenseite in Szene. In Windeseile dekoriert er einen Eimer mit Forsythien und postiert die gelb leuchtenden Zweige auf dem Balkon. Höhnisch strahlt die Blütenpracht in den Märzwind hinein.

08:14 – Gemütlich schlendert Ottfried L. (69) auf die Rasenfläche vor dem Wohnzimmerfenster. Unter den atemlosen Blicken der Anwohner packt er eine gipserne Hasenfigur in leicht abgeblätterter Farbfassung aus der Plastefolie, postiert sie mittig zwischen zwei Topfgewächsen und kehrt ungerührt ins Haus zurück. Es riecht nach Krieg.

08:33 – Gesamtschullehrer Dietmar B. (37) unterbricht kurz die Korrektur der Sozialkunde-Klassenarbeit zum Thema Friedenspolitik. Von seinem Schlafzimmerfenster aus beobachtet er, wie Philipp E. (39) die Osterbüsche mit Eiern behängt. Er zerknickt zornig seinen Bleistift und beschließt unverzüglich zu handeln.

08:54 – Mittels einer Schubkarre transportiert Hans-Erwin M. (51) sämtliche Osterglocken aus dem an die Terrasse angrenzenden Hochbeet in den Vorgarten. Einige energische Handgriffe mit der Pflanzhilfe sind vonnöten, dann erstrahlt das noch jungfräuliche Streifchen Erde auf der westlichen Straßenseite in sattem Gelb.

09:01 – Theo Z. (45) lässt sich das nicht länger bieten. Zwar muss er zunächst seinen SUV von den verkrusteten Harschresten freikratzen, doch schon kurz darauf lässt er mit quietschenden Reifen die Siedlung hinter sich, um das Gartencenter im nahe gelegenen Gewerbegebiet aufzusuchen.

09:24 – Während Hermine G. die Doppelfenster abledert, dringen vereinzelt Röstaromen aus der Küche der Postbotenwitwe: ihr Brotröster, Baujahr 1954, wärmt unentwegt die beiden Toastscheiben.

09:30 – Mängel an Mehl und Milch mindern den Erfolg; Sabine U. (33) konstatiert wutentbrannt, dass sie zwar außer den in Zwiebelschalen gekochten noch ein halbes Dutzend Eier vorrätig hat, doch reicht dies nicht zur Herstellung eines gleichfalls die Siedlung aromatisch flankierenden Hefezopfes. Ihr Gatte erhält den Befehl, sofort den Supermarkt aufzusuchen.

09:40 – An der Ostfront wird erbitterter Widerstand geleistet. Theo Z. lädt acht Stiegen Narzissen aus dem Kofferraum.

09:48 – Mit einer Kiste Weihnachtsschmuck betritt Dietmar B. das Kampfgebiet. Angesichts aparter Engelein und schneeflockengeschmückter Kugeln verlässt ihn der Mut.

10:02 – Der Teig ist gerührt. Sabine U. versucht mit dem elektrischen Haartrockner, den Wuchs des Hefeteigs zu unterstützen.

10:07 – Die Hand der Hausfrau lahmt. Wenige Handgriffe genügen, um den Föhn am Stativ für die Videokamera zu befestigen, das im Privatleben der U.s eine essenzielle Rolle spielt und daher stets griffbereit steht.

10:10 – Vorsichtig lädt Hinner T. (44) acht Paletten Eier aus dem Fahrzeug, als seine Frau ihn ins Haus ruft. Während er ein wichtige Telefonat mit dem Bauamt erledigt, stehen die saisonal begehrten Lebensmittel unbeaufsichtigt auf dem Dach seiner Limousine.

10:22 – Die Märzenbecher lagern wohlverteilt in Z.s Garten. Der Hausherr sucht nach einem Spaten.

10:30 – Schrille Schreie ertönen aus dem Haus der Familie B. Beim Versuch, die günstig im Internet erstandenen Christbaumkugeln unter Zuhilfenahme eines Gasbrenners anzuwärmen und oval zu deformieren, geraten die ebenfalls chinesischer Provenienz zuzurechnenden Vorhänge ins Schussfeld. Eine Stichflamme schießt empor und hüllt das Wohnzimmer mit Essecke sekundenschnell in dichten Qualm. Claudia B. (34) erreicht im Laufschritt die Grundstücksgrenze, bekleidet mit Plastiksandalen sowie einem Hüftschmücker aus geblümter Viskose.

10:37 – Noch immer regt sich der Hefeteig nicht. Im Gegensatz dazu hat die Rührschüssel unter dem Einfluss des Heißluftstrahls eine dünnflüssige Konsistenz erreicht. Der schmelzende Kunststoff sickert gemächlich zu Boden. Noch sind die Flaschen mit Haushaltsspiritus und Spezialreinigern nicht erreicht.

10:40 – Eine Gartenschaufel ohne Handgriff ist nicht geeignet, Z. bei seiner Pflanzaktion Licht im Osten genug technische Hilfe zu geben. Er dehnt seine Suche auf den zweiten Kellerraum aus.

10:41 – Unter der Wucht plötzlich anbrausender Flammen bersten die Küchenscheiben. Was sich an Haushaltschemikalien in der Küche der Familie U. befunden hat, wälzt sich als überdimensionaler Feuerball auf die Straße.

10:42 – Dietmar B. googelt größtes osterfeuer der welt.

10:57 – Markus A. (29) wittert seine Chance. In mehreren Anläufen robbt sich der ehemalige Zeitsoldat zwischen den parkenden Fahrzeugen durch, um sein berufliches Wissen zur Anwendung zu bringen: in der Fortsetzung des Halblegalen mit anderen Mitteln die Rohstoffversorgung zu sichern. Zwei Eierpaletten werden von A. entwendet und hinter dem Zierliguster zwischengelagert.

11:11 – Stolz kleben die Zwillinge Thea und Tina O. (4) ihre grafische Installation Osterhase mit Mami und Sonne über dem Haus (Buntstift auf Papier, 2013) ans Kinderzimmerfenster. Die Dämonen dürsten nach Blut.

11:29 – Weder Grabstock noch Schippe findet Z. im hinteren Kellergelass. Jetzt ist der Dachboden dran.

11:32 – Hinner T. bemerkt den Verlust nicht. Er trägt die verbliebenen Eier ins Haus, während Markus A. hinter dem Wagen schon im Hinterhalt liegt. A. überlegt, aus der Siedlung wegzuziehen; das Verhalten der Nachbarn lässt den notwendigen Respekt für seinen Aufenthalt vermissen.

11:43 – Dietmar B. googelt ostereier plastik blitzversand.

11:58 – Markus A. macht sich ans Werk. Zwei Paletten Eier wollen ausgeblasen, bemalt und in die Vegetation verbracht werden.

12:12 – Theo Z. verliert die Nerven. Angesichts der überall ausbrechenden Blütenpracht an Sträuchern und Hecken zerlegt er die eigene Einbauküche fast in ihre Bestandteile, um ein geeignetes Instrument für seine Grabwut zu bekommen. Da er die Schubladen seit seinem Einzug nicht eigenhändig aufgezogen hat, scheint ihm der Spaghettiheber das Mittel der Wahl.

12:21 – Der Soldat pustet wie ein Discobesucher bei der Polizeikontrolle – nichts. Vielleicht hätte ein guter Physikunterricht ihm geholfen. Vielleicht auch der Hinweis, dass die Eierschale dazu zweier Öffnungen bedarf.

12:32 – Janine H. (22) findet den Lebensgefährten leblos vor einer Palette Eier. Die gelernte Krankenschwester diagnostiziert eine Hirnembolie und ruft einen Notarztwagen.

12:44 – Passanten finden Theo Z. im Garten, Osterglocken im Anschlag, den Nudelgreifer in der Rechten, das Gesicht tief in den Mutterboden vergraben. Der Freizeitpflanzensetzer gurgelt Unverständliches. Offenbar war der Herzinfarkt schwerer als vermutet.

13:02 – Dietmar B. googelt ostern auferstehung armageddon tankstelle.

13:04 – Ohne jede Vorwarnung trägt Hinner T. eine Gruppe kindergroßer Hasenfiguren aus Hartplastik in den Garten und stellt diese auf den Rasen. Blanker Hass schlägt ihm entgegen.

13:11 – Sirenen ertönen von der verstopften Hauptstraße; kurz entschlossen eilt B. in die Garage, um sich mit den wichtigsten Utensilien für ein österliches Strafgericht auszustatten: ein Winterreifen sowie eine Lötlampe.

13:15 – Endlich biegt der Streifenwagen als Vorhut für die Rettungssanitäter in den Kiebitzredder ein. Die Beamten halten Ausschau nach der verunfallten Person.

13:16 – Polizeiobermeister Karsten S. (30) sichert das Gebiet mit der Schusswaffe. Janine H. attackiert Irene Z. (46) mit einer Injektionsspritze, während diese die Schwester mit einem Spickmesser in Schach hält. Verstärkung ist angefordert.

13:20 – In einem Fantasiekostüm für imaginäre Actionhelden – Stirnband, Muskelshirt, Gummistiefel, Gartenhandschuhe – betritt B. die Straße zum Showdown. Mit dem brennenden Reifen wird er den Ungläubigen zeigen, wie die Endlichkeit der Existenz zu verstehen ist. Wenn schon Apokalypse, dann nach seinen Spielregeln. Der Reifen sucht sich seinen Weg.

13:22 – Ottfried L. beschließt, den Rasen etwas zu kürzen. Der Benzinkanister steht bereits am Straßenrand, den Mäher wird er in wenigen Minuten die Kellertreppe hochgetragen haben.

13:23 – Einem Osterrad nicht unähnlich trudelt der qualmende Pneu den Kiebitzredder entlang. Mit einem heiseren Schrei rettet sich Karsten S. in die Fahrgastzelle des Dienstwagens.

13:24 – Wenige Sekunden später kollidiert der Reifen mit L.s Benzinkanister. Eine gewaltige Explosion reißt das Kautschukobjekt auseinander. Einzelne Bestandteile davon treffen Markus A. an überlebenswichtigen Körperstellen. Eine Diskussion, wen der zeitgleich eintreffende Notarzt zu versorgen hat, ist damit hinfällig. So endet der Ostersamstag in einer Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur ihr trautes Heim für das Frühlingsfest schmücken wollten.





Ganz in Ruhe

28 05 2012

04:54 – Die ersten Sonnenstrahlen erheben sich über dem Mezzopiano tirilierender Vögel. Sanft beginnt der Morgen in der Siedlung Ulmenstieg, Knapp oberhalb der Hörschwelle raschelt eine Ahnung von Wind durch die Bäume, lautlos sirren Insekten in der frühlingskühlen Luft. Nichts ist, das den Frieden stören würde.

04:55 – Mit elegantem Schwung landet eine streunende Katze auf dem Mülltonnendeckel am Rand des Grundstücks Pappelredder 36. Ein klar definierter Schlag auf den Kunststoffschild, der wegen übermäßiger Füllung des Kehrichtbehälters schräg steht und einen exzellenten Resonanzboden abgibt, dringt ans Ohr von Josef P. (79). Der Rentner schrickt aus dem Halbschlaf, tastet sich ohne Sehhilfe durch den Raum und stößt sich den rechten Fuß empfindlich an einem Stuhlbein. In verbissener Wut, seine noch schlafende Gattin Emilie (76) nicht zu wecken, humpelt er ans Fenster und schlägt es zornentbrannt zu. Das dumpf hämmernde Geräusch bricht sich hart an der gegenüberliegenden Fassade.

05:03 – Schlaftrunken zieht Peter L. (42) die Rollläden hoch. Dank einer defekten Arretierung am Mechanismus der Wohnzimmerscheibe gleitet die Abdeckung mehrmals ungebremst wieder in die Ausgangslage zurück. Damit gibt er den Einsatz für den akustischen Prolog.

05:11 – Sonores Brummen, rumpelndes Rattern, ein Sound wie ein vertikaler Schüttelrost – Guido H. (53) öffnet seine Fensterläden motorisiert. Das ist zwar dreimal so laut, dafür dauert es aber auch doppelt so lange. Die rechte Straßenseite des Pappelredders ist wach.

05:33 – Verärgert beschließt Lothar M. (39), den verdorbenen Tag am See zu verbringen. Mit seiner kompletten Angelausrüstung will er die Siedlung hinter sich lassen. Der Anlasser seines 14 Jahre alten Kraftfahrzeugs hilft ihm, die Nachbarschaft mit einem Orgelkonzert zu beglücken.

05:59 – Marvin O. (7) probiert eifrig sein Geburtstagsgeschenk aus. Zwar sind Friedrichs des Großen Solfeggien anblastechnisch anspruchsvoll, doch wird dies durch kreativen Fingersatz mehr als ausgeglichen. Der junge Musiker, seit 24 Stunden in Besitz einer Sopranblockflöte taiwanesischer Provenienz, holt das Letzte aus Mann und Material.

06:03 – Lucy, die dreijährige Bracke der Familie O. und ansonsten den Schönen Künsten gegenüber eher gleichgültig, äußert sich zum Flötengetön. Die umliegenden Grundstücke machen die interessante Erfahrung, dass ähnliche Frequenzbereiche durch Interferenzen einander verstärken können.

06:29 – Das Licht reicht Guido H., um sich der sonntäglichen Gartenpflege widmen zu können. Nach einem kurzen Inspektionsgang holt er den Laubsauger aus dem Keller und sorgt auf der Zufahrt zur Garage für Sauberkeit und Ordnung bis in den allerletzten Winkel.

06:48 – Frühzeitig verlässt Bernd L. (17) das elterliche Haus, um im akustischen Windschatten der Nachbarn zu seiner Freundin zu fahren. Der Zweitakt-Verbrennungsmotor nimmt regulär seine Arbeit auf, der Auspuff seines Motorfahrrades aber versagt zuverlässig den Dienst und röhrt jenseits des Grenzwertes. Der Pappelredder ab Hausnummer 25 sowie die Straßenzüge Ulmenstieg, Eschenring bis Abzweigung Lindenweg sowie Kastanienallee sind vor dem Verschlafen gerettet.

07:03 – Vollkommen unmotiviert beginnt die Pulsglocke der evangelisch-lutherischen Pfarrkirche St. Lillebror ihr dünnes Geläut. Für den Gottesdienst ist es wesentlich zu früh. Einige unentwegte Bürger springen dennoch ruckartig aus der Bettstatt, werfen sich in gesellschaftsfähige Kleider, deren Sitz auf dem Weg bis zur Grundstücksgrenze penibel kontrolliert sein will, und hasten zum Andachtsort.

07:15 – Angeregt von diversen Laub- und sonstigen Bläserkonzerten beschließt Karsten W. (35), seinen Kombi innerlich einer genauen Säuberung zu unterziehen. Der zu diesem Zweck verwendete Industriewaschsauger mit einer Leistung von 4200 Watt verströmt die Geräuschkulisse eines belebten Markttages in der Innenstadt von Kandahar.

07:37 – Heftige Fallwinde, Erdstöße oder nicht frei fließendes Chi, wer weiß schon den Grund? Die preiswerte Alarmanlage, die Frank R. (28) im Internet geschossen hat, bricht schon einen Tag nach dem Einbau in die Familienkutsche in gellendes Gehupe aus. Auch beim vierten Mal.

08:31 – Die schüttere Gemeinde in St. Lillebror ist nachhaltig verstört, da trotz fortgesetztem Läuten noch immer kein Geistlicher erscheint. Auch sind die Altarkerzen noch nicht entzündet, da Küster Olaf T. (55), hauptberuflich Hausmeister, noch in seiner Dienstwohnung im Kellergeschoss der Christian-Wulff-Förderschule liegt und schläft – wie alle anderen rechtschaffenen Menschen.

08:34 – Die Schlaflosigkeit hat Josef P. fest im Griff. Er begibt sich in die Küche des Bungalows und bereitet sich einen Blasentee zu. Dann setzt der Alte den Fernseher in Betrieb; eine Aufzeichnung der volkstümlichen Show Lustige Musikanten nimmt seinen Lauf. Da P. sein Hörgerät nicht findet, passt er den Pegel des TV-Gerätes entsprechend an.

08:37 – Mit einem trockenen Fffumpp verschwindet ein Gegenstand in W.s Staubsauger. Nach einer kurzen Analyse der Situation stellt sich die Lage als bedrohlich dar: der für die Tochter besorgte Hamster, der aus Gründen der besseren Geheimhaltung vorerst im Fahrzeug verblieben war, muss im Staubsauger sein. W. ist verzweifelt.

08:45 – Sprechchöre hallen durch St. Lillebror: die Gemeinde beschließt, Abgesandte ins Pastorat zu schicken, um den Verbleib von Dieter D. (47) zu erfragen. Der Gottesmann befindet sich knapp zwei Kilometer Luftlinie entfernt bei seiner Geliebten und hatte vor, erst kurzfristig in die Pfarrkirche zurückzukehren.

08:50 – In heller Panik ruft W. die Einsatzleitung der Berufsfeuerwehr an. Da der Beamte am anderen Ende der Leitung lediglich „Habe ihn eingesaugt“, „Kriege ihn nicht mehr heraus“ sowie „Meine Frau darf auf gar keinen Fall etwas davon erfahren“ versteht, beschließt er einen sofortigen Einsatz. Augenblicke später verlässt ein Rettungswagen die Hauptwache.

09:05 – Mit Hilfe seines mechanischen Rasenmähers Republic F-84 zieht Egon J. (66) seine Bahnen durch den jungen Morgen. Der Weg des quietschenden Gartengeräts endet abrupt nach knapp dreißig Zentimetern, wenn sich die Mähspindel turnusgemäß in der Aufhängung verhakt und mit einem metallischen Knirschen wieder löst. Einige Stunden meditativer Arbeit stehen J. bevor.

09:17 – Die Volksmusikbeschallung hat einen Grad erreicht, der die guten Sitten empfindlich touchiert. Frieder A. (51) öffnet die Flügel der Fenster in seinem Arbeitszimmer und legt eine fetzige Scheibe auf. Schon schallt Bruckners wuchtiges Fortissimo in die wehrlose Natur.

09:20 – Mit Blaulicht und obligatem Folgetonhorn brettern Rettungstransporter und Polizeifahrzeug den Pappelredder entlang. Quietschende Reifen und schumachereske Kurventechnik begleiten ihren Rücksturz in die Wirklichkeit des Wohnviertels. Sie brauchen nur wenige Sekunden, um imposant ihre Kampfbereitschaft gegen akute Erkrankungen und Unfälle unter Beweis zu stellen. Das klärende Gespräch nach der Diagnose – W. konnte den Hamster, der den Ansaugvorgang unbeschadet überstanden hat und mit zerzaustem Fell in einem leeren Vogelbauer hockt, mit eigener Hand retten und widmet sich nun wieder der Kfz-Hygiene – ist eine größere Lärmentfaltung als der abziehende Konvoi.

09:37 – Mustafa H. (37) kontert das aufreizende Spindelgeräusch des nachbarlichen Handmähers mit motorisierter Zweitstimme. Sonor brummt der Gartenrasierer über den gepflegten Zierrasen; eine Mahd ist derzeit nicht notwendig, das verringert den Schallausstoß jedoch nicht.

09:43 – Küster Olaf T. hat St. Lillebror erreicht. Er stellt sein Fahrrad am Pastorat ab und betritt das Gotteshaus durch die Sakristei, wo er das Läutwerk durch Herausdrehen der Sicherung abstellt. Innerhalb weniger Minuten verlassen die Gläubigen die Kirche und gehen nach Hause.

10:05 – Zwei Bruckner-Scherzi sowie das kontinuierliche Alarmhupen zermürben die Konzentrationsfähigkeit von Tobias B. (44). Der Lehrer kann trotz Doppelverglasung und Ohropax keine Sozialkunde-Klausuren korrigieren, daher beschließt er, die Frustration über seine scheiternde Beziehung mit anderen Mitteln auszuagieren. Er schnappt sich die Kettensäge und bearbeitet vor dem Haus das Brennholz für die kommende Wintersaison.

10:19 – Mustafa H. ist kaum mit der ersten Hälfte seines Gartens fertig, als er vom benachbarten Grundstück tatkräftige Hilfe bekommt. Folkhardt N.-R. (53) trimmt seinen Zierliguster chirurgisch präzise vermittelst seiner neuen benzinbetriebenen Heckenschere. Ein vierfach federgelagertes Griffgestell mit ergonomisch geformten Polstern garantiert ihm die vibrationsfreie Arbeit an der Eigentumsbegrenzungsflora.

10:32 – Das Hupen der Alarmanlage nimmt bedrohliche Ausmaße an. Schichtarbeiter Heiko A. (39) ist mit seiner Geduld am Ende und beschließt, dem Spuk ein Ende zu setzen. Mit einem Kuhfuß bewaffnet betritt er die Straße und drischt schreiend auf das Kraftfahrzeug ein.

10:40 – Vorgetrocknete Fichte in bester Qualität ist Gernot F. (40) gut genug für sein Gartenhaus. Der ambitionierte Hobbybauherr bringt seine elektrische Kreissäge in Stellung.

11:06 – Auf dem Bolzplatz am Rande des Rotbuchenstiegs landet ein Rettungshubschrauber. Es muss diverse Kommunikationsschwierigkeiten in der Abstimmung mit der Einsatzleitstelle gegeben haben, der Hamster schläft inzwischen friedlich in W.s Garage. Erhebliche Schallentfaltung begleitet den Wiederaufstieg des Helikopters, der zur Orientierung noch mehrere Runden über dem Wohngebiet dreht, knapp oberhalb der Dachfirste.

11:09 – A. hat das immer noch hupende Auto zur Hälfte in Trümmer gehauen. Aufgrund einer kognitiven Dissonanz halten die Anwohner den Krach für einen Bestandteil der Volksmusik und schreiten nicht ein.

11:21 – Nach mehrmaligem Nachmessen und ausgiebigen Trockenübungen setzt F. den ersten Schnitt. Bedauerlicherweise gerät die Stromleitung in den Arbeitsbereich der Tischkreissäge. Jäh erstirbt das muntere Geräusch. Der Häuslebauer bleibt ratlos.

11:33 – Entnervt von der andauernden Berieselung mit Heimatkitsch beschließt Dennis Z. (19), sein eigenes Musikprogramm mit den Nachbarn zu teilen. Der ans Fenster gerückte Subwoofer lässt die Sägezahn-Basslinien der Best-of-Schranz-CD klar definiert hervortreten. Die satt pumpenden Beats hinterlassen deutliche Spuren im Wohnumfeld; ein reizvolles Craquelé überzieht den Verputz der Nachbarhäuser.

12:03 – Gernot F. gibt nicht auf. Die Balken müssen gekürzt werden. Eine Pendelhubstichsäge ist das Instrument seiner Wahl. Tatsächlich gibt das altersschwache Gerät erst kurz vor der Vollendung des Schnitts auf.

12:24 – Heiko A. lässt von dem inzwischen total demolierten Auto ab und zieht sich unter düsteren Drohungen in sein Haus zurück. Die Nachbarn können sich später an nichts mehr erinnern; sie sagen aus, es sei einfach zu laut gewesen für ein klärendes Gespräch.

12:34 – Unrhythmisch, aber gut hörbar fällt der Spielmannszug Groß Obereifelsbüttel 1873 e. V. in den Pappelredder ein. Mit Liedgut wie Rivers of Babylon und Einmal am Rhein macht sich das üppig besetzte Ensemble bemerkbar. Ewald K. (96) greift hektisch zum Fernsprecher, um den Einmarsch sowjetischer Truppen zu melden. Keiner bemerkt, wie A. im Klangschatten der Trompeten mehrere weiße Kanister auf dem Gehsteig abstellt.

12:55 – Ganz in seine eigene Welt versunken schwebt Julian C. (14) durch das Jugendzimmer; er imaginiert sich in ein virtuoses Gitarrensolo, träumt sich auf die große Konzertbühne und stellt sich vor, der bejubelte Star zu sein. Im Eifer der Luftgitarrennummer verhakt der Pubertierende sich mit dem Bein im Kopfhörerkabel. Die Klinke entgleitet im Nu der Buchse am Verstärker, und schon Sekunden später wummert ein Death-Metal-Inferno auf die Straße. Ingo S. (34) wird sich nach dem Erwachen aus dem Koma nicht mehr erinnern, warum er das Steuer verrissen hatte.

13:03 – Hektisch läuft Heiko A. den Pappelredder entlang, in der Hand eine Pappschachtel. An der Einmündung Zirbelkieferweg reißt er ein Zündholz an, wirft es zu Boden und rennt wie von Sinnen in Richtung Hauptstraße.

13:04 – Die Zündschnur ebnet den Weg, elf Kanister mit einer brennbaren Flüssigkeit explodieren im Abstand von jeweils wenigen Sekunden. Die Siedlung Ulmenstieg ist für einen Augenblick still, nur in den Ohren von Josef P. hält sich hartnäckig ein lästiges Pfeifen. Etwas verwirrt tschilpen einige Singvögel in den Überresten des Laubbaumbestandes. So endet der Morgen in einer gepflegten Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur die beschauliche Ruhe eines Sonntags genießen wollten.





Nichts als Scherereien

4 08 2011

Breschke balancierte. „Da oben muss sie sein“, stieß er hervor und stellte sich auf die Zehenspitzen, „ich hatte die Astschere nämlich im Frühjahr noch in Betrieb – wenn man nicht alles sorgfältig weglegt, wird es einem doch nur geklaut.“ Ich hielt die Trittleiter mit beiden Händen fest. „Meinen Sie nicht, ich sollte auf der Stellage nachschauen?“ Er renkte sich aus, dass das Rohrgestell unter ihm zu schwanken begann. „Warum denn? Ich kenne mich im Keller nun mal besser aus als Sie, es ist ja mein Keller!“ „Dafür“, replizierte ich, „bin ich allerdings einen Kopf größer als Sie, und längere Arme habe ich auch.“ „Gut, gut, gut.“ Offenbar hatte der pensionierte Finanzbeamte ein Einsehen. „Dann schauen Sie halt, ob Sie die Schere finden.“

Mehr als eine herkömmliche Gartenschere aber fand ich nicht. „Wenn Sie nur den Buchsbaum ein bisschen beschneiden wollen, reicht die auch aus.“ Er rümpfte die Nase. „Das ist meine Hecke in meinem Garten, und ich werde sie mit meiner Astschere beschneiden.“ Ich schmunzelte; es war doch jedes Mal dasselbe, er war nur wieder zu stolz gewesen, mich um meine Astschere zu bitten, weil er sie unauffindbar im Keller verlegt hatte. Mit der Gartenkralle war es so gewesen, mit der Rosengabel und mit dem Pikierstab. Hätte seine Frau nicht die Gartenschere für ihre Schnittblumen in Verwendung und rückte sie das Gerät nicht nur auf Bitten aus der Küchenschublade heraus, Horst Breschke würde mindestens zweimal im Jahr eine neue anschaffen, die sich auf wundersame Art im Keller verlöre. „Früher“, sinnierte er, „da wohnte da drüben noch der alte Doktor Haberkamp. Feine Leute, wissen Sie, das gibt es ja heute gar nicht mehr. Da hat man sich noch ausgeholfen, mit dem Rasenmäher, mit Spaten und Sauzahn. Aber das ist lange vorbei.“ Grollend schüttelte er die Fäuste. „Heutzutage muss man seine Astschere am Boden festschrauben, damit diese Halunken sie nicht vom Fleck weg klauen. Ich werde ihn schon kriegen, diesen verfluchten Gabelstein.“

Fünfundzwanzig Jahre Nachbarschaft hatten das Ihrige getan, um die beiden Streithähne zu einer untrennbaren Einheit zusammenzuschweißen. Wie der eine um eine Handvoll verwehtes Herbstlaub und Magnolienblüten eine Privatklage anstrengte, so setzte der andere für sonntäglich auf der Leine flatternde Tischtücher eine ganze Polizeiwache in Bewegung. Versicherungsvertreter begutachteten die Folgen von Funkenflug auf der Ligusterhecke, Sachverständige verzweifelten beim Versuch, das Plätschern der Amseln in der Vogeltränke als gemeingefährlichen Lärm nachzuempfinden. Sie kannten einander nur zu genau, wussten alles vom Nachbarn, konnten ohne den anderen förmlich nicht mehr existieren und waren sich doch spinnefeind, so dass sie sich voller Bosheit verfolgten und piesackten, wo es nur möglich war. Hätte man sie gefragt, warum eigentlich, keiner hätte den Grund gewusst, und wäre ihnen das klar geworden, sie hätten auf ihre alten Tage noch die besten Freunde werden können.

„Ganz am Anfang habe ich Gabelstein wohl einmal etwas geliehen“, verkündete Breschke und nahm eine Stufe der Kellertreppe nach der anderen. „Eine Schere, einen Schraubenschlüssel oder so etwas. Aber glauben Sie nicht, dass ich das jemals wiederbekommen hätte!“ Felsenfest war er davon überzeugt, und noch immer konnte ich ihn nicht davon abbringen, das Immergrün zu beschneiden. „Ich komme hier kaum an“, quetschte er hervor und lehnte sich vornüber. „Dann werden Sie eben eine Hälfte von hier aus schneiden und die andere Hälfte von der Straßenseite“, riet ich ihm. Jeden Moment rechnete ich damit, die Astschere aus meinem Fundus holen zu müssen, doch er ließ sich Zeit. Zudem war er heute wohl besonders schlechter Laune. „Ich lasse mir doch nicht von einer Gartenschere vorschreiben, von wo aus ich die Hecke zu schneiden habe!“ Entrüstet stapfte er um den kleinen Busch herum und schnipselte hier, da und dort ein paar dürre Zweige ab. Ich versuchte, ihm das Werkzeug behutsam aus der Hand zu nehmen. „Lassen Sie es mich machen“, bot ich ihm an. „Schonen Sie Ihren Rücken, Herr Breschke, und lassen Sie mich das bisschen Grün schneiden.“

„Wir haben wohl nicht das richtige Gerät?“ Höhnisch lehnte Gabelstein über dem Gartenzaun. „Ignorieren Sie ihn“, zischte ich Breschke zu, „es gibt sonst nur Scherereien.“ Er kochte bereits vor Zorn. „Dieser Lump“, keuchte er, „ich werde ihm zeigen, was eine Harke…“ „Halt“, unterbrach ich den Hausherrn. „Ich hab’s: ich verschwinde schnell im Keller, gehe innen im Haus die Treppe hinauf, zur Vordertür hinaus, laufe nach Hause, und mit der Astschere denselben Weg zurück. Drei Minuten, wenn es hoch kommt. Topp?“ Breschke feixte. „Großartige Idee“, sagte er und schlug mir auf die Schulter, „ganz hervorragend! So machen wir das! Und wenn Sie herauskommen, bringen Sie dann auch gleich den Rechen mit?“

Wo aber befand sich der Rechen? Nicht in der Halterung an der Kellerwand, ebenso wenig neben der Schneeschaufel. Ich fand ihn in einer kleinen Abseite in einem niedrigeren Nebengelass, halb verdeckt, bei Straßenbesen, Grabstock, diversen Schaufeln sowie der Astschere. Gabelsteins Grinsen gefror, als ich mit dem Schneidinstrument die Treppe hochkam. „Danke bestens“, teilte ich dem Nachbarn in maliziöser Freundlichkeit mit, „wir wissen Ihr Angebot durchaus zu schätzen, aber für dieses Mal sind wir wunschlos glücklich.“ Er knirschte mit den Zähnen. Breschke nahm die Schere in Empfang. „In einem ordentlichen Haushalt kommt doch nichts weg“, jubelte er, „und Wiedersehen macht Freude!“ „Allerdings“, sagte ich und wies wortlos auf den Handgriff des mächtigen, geschmiedeten Stahls, da mit den Jahren nachgedunkelt, aber noch gut lesbar Ernst-Wilhelm Haberkamp eingraviert stand. Breschke blickte die Griffenden ungläubig an. „Sie haben ja so Recht“, lächelte ich, „heutzutage muss man seine Astschere am Boden festschrauben.“





Fülle des Wohllauts

11 07 2011

Hildegard setzte entnervt die Kaffeetasse auf den Frühstückstisch zurück. „Ich kann es nicht mehr hören“, zischte sie und schlug heftig das Fenster zu. „Du wirst diesen verdammten Knödelbarden zum Schweigen bringen, oder…“ „Oder was?“ Müde legte ich das Gesicht in die Hände. „Er wohnt nicht in diesem Haus, er wohnt nicht einmal in dieser Straße. Und er hält sich an die vorgeschriebenen Zeiten. Was willst Du da machen?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete sie dumpf. „Noch eine Arie, und ich erwürge diesen Troubadour! Höchstpersönlich!“ Erschöpft blickte ich sie an. „Vielleicht solltest Du ihn lieber auf offener Szene erdolchen. Mit einem Butterfly-Messer.“

Es konnte sich nur um den Tenor handeln, der in dieser Saison sein Gastspiel als Benjamin Franklin Pinkerton gab. Jedenfalls jodelte es pünktlich um acht Uhr durch die hinterwärts gelegenen Gärten; wenn auch nicht herauszufinden war, in welchem der Häuser der im Stadttheater engagierte Leutnant zur See vor Anker gegangen war, zum Frühstück ließ er Puccinis mitreißende Melodien erklingen. Hildegard ballte die Fäuste. „Ich werde mich heute Nacht persönlich auf die Lauer legen und diesem Schmalzlappen das Licht ausblasen!“ Ich winkte ab. „Gegen sechs hört er auf“, erinnerte ich sie, „bei Einbruch der Dunkelheit ist es längst zu spät.“ „Ich kann aber nicht jeden verdammten Tag wieder mit anhören, wie diese Heulboje meine Trommelfelle zermartert. Mach etwas dagegen!“

Ein paar Tage himmlischer Ruhe waren uns gegönnt – ich wagte sogar schon, leise Scarlatti-Sonaten beim Gemüseschneiden zu hören – als der Jammersänger sein Organ wieder ertönen ließ. „Amore o grillo, dir non saprei“, johlte es durch die Höfe. „Man könnte“, überlegte Hildegard, „sich als Grünflächenbeauftragter in die Hintergärten schleichen und so diese Radautüte lokalisieren.“ Ich lehnte entschieden ab; Hildegard war verstimmt. „Keiner hat davon gesprochen, dass Du das machen sollst. Außerdem passe ich gar nicht in einen Blaumann.“ „Und was haben wir davon?“ Sie sah mich erwartungsvoll an. „Gar nichts. Wir wissen, wo er singt, werden ihn aber nicht daran hindern können.“ Hildegard seufzte. „Wenn uns nur jemand helfen könnte.“

„Er ist eher Schmalzheini als großer Akrobat“, befand Doktor Klengel, der Hildegard beruhigend die Hand tätschelte. „Geben Sie ihr zehn Tropfen davon vor den Mahlzeiten, dann legen sich die Nervenbeschwerden bald wieder. Und schließen Sie die Fenster.“ „Klengel“, fragte ich, „Sie sind doch Opernfreund.“ „Wie ich im Karnevalsverein bin“, kicherte der Arzt. „In jungen Jahren einmal am Stadttheater ein Abonnement unterschrieben, nun vergesse ich jede Spielzeit, es zu kündigen. Und wenn man sowieso dafür bezahlt, kann man ja auch gleich in die Oper gehen, nicht wahr?“ „Geben Sie es zu, Ihre Plattensammlung ist nicht schlecht.“ Geschmeichelt nickte er. „Da haben Sie Recht. Ich habe da so einiges gesammelt, auch Puccini – freilich besser als das hier. Eine entzückende Aufnahme könnte ich Ihnen empfehlen, mit Giuseppe Strillo als Pinkerton, und den Sharpless singt…“ „Großartig“, willigte ich ein. „Morgen um acht, bringen Sie Ihre Butterfly mit.“

„Was hast Du vor?“ Hildegard lag apathisch auf dem Sofa. Da klingelte es an der Tür. „Es ist doch noch gar nicht acht.“ „Ich weiß“, antwortete ich knapp und öffnete die Tür. Kester war pünktlich; er machte es sich mit seiner Teetasse am Küchentisch gemütlich und stöpselte viele Kabel in seinen Klapprechner. „Das hier dürfte das Richtige sein“, teilte er mir mit und zeigte auf eine Ansammlung von Schallwellen auf dem Computerdisplay. „Du kriegst das schon hin“, bestärkte ich meinen Großneffen. „Als angehender Physiker weißt Du ja, am besten, worauf es ankommt.“

Inzwischen hatte sich auch Doktor Klengel eingefunden die Opernaufnahme mitgebracht. „Ich verstehe nicht ganz, was das sein soll.“ „Warten Sie einfach ab“, gab Kester zurück. „Als erstes werde ich das entsprechende Stück herausschneiden.“ Im Hinterhaus hatte unser Aushilfs-Caruso bereits die tägliche akustische Folterübung aufgenommen und kletterte auf Puccinis Arie herum wie ein Insekt auf einem Blumenstrauß. „Che di rincorrerla“, jodelte es durch die Gärten, „furo-o-or m’assale…“ „Sehr gut.“ Tief befriedigt justierte Kester einige Regler und erläuterte sein Vorgehen. „Du wolltest eine Art eingefrorenen Ton, Onkelchen?“ Ich nickte. „Das machen wir so: hier auf der Stelle, wo der Sänger ohnehin sehr stark dehnt, schneiden wir ein kleines Stück Schallwelle aus und spielen es dreimal, zehnmal, hundertmal nacheinander ab, als Schleife, auf der der Ton stehen bleibt.“ „Faszinierend“, murmelte Klengel. Hildegard begriff. „Und Ihr nehmt die Stelle mit dem hohen C?“ „Genau gesagt, ein B“, nickte Kester. Klengel gluckste. „Was ein richtiger Tenor ist, der wird sich so einen Hahnenkampf nicht entgehen lassen.“ „Das Orchester können wir ein bisschen abdämpfen, auf die Entfernung wird man sowieso nur den großen Giuseppe Strillo hören – Onkelchen, Du kannst jetzt die Fenster öffnen.“

In majestätischer Strahlkraft erklomm der große italienische Tenor das hohe B – „furo-o-or m’assale“ – und hielt sich zwölf Sekunden lang souverän auf dem Spitzenton, bevor er robust und intonationssicher die Phrase zu ihrem Ende führte. Hektisches Räuspern beantwortete die stimmliche Großtat; deutlich hörbar blähte der Gartensänger die Lungen, bevor er ansetzte – „furo-o-or m’assale“ – und mit knapper Mühe den Schluss erreichte. Zwei-, dreimal ließ der innerwärts verlängerte Strillo seine Meisterstimme ertönen. Klengel schwelgte in der Fülle des Wohllauts. „Welche Tessitura, welch ein schöner Ansatz! Ich bin begeistert! Los, geben Sie zwanzig Sekunden!“ Doch Hildegard winkte ab. „Aber nein, lieber erst einmal nur zehn bis zwölf.“ Sie lächelte diabolisch. „Wenn er das Gefühl bekommt, den Gegner noch einigermaßen einholen zu können, wird er sich über kurz oder lang selbst überschätzen.“ Beeindruckt nickte Klengel. Zehn Sekunden – „furo-o-or m’assale“. Fünfzehn Sekunden – „furo-o-or m’assale“. Heftiges Schnaufen begleitete das Raukehlchen, bevor er mit Giuseppe Strillos fünfundzwanzig Sekunden ausgehaltenem Hochton – „furo-o-o-o-o-or m’assale“ – konfrontiert war.

„… schon im ersten Akt durch Indisponiertheit auffiel, später dann mit heiserem Krächzen und wilder Gestik die männliche Hauptrolle schmiss. Puccinis von exotischem Lokalkolorit durchzogene Musik hätte ein stimmliches Harakiri wie dieses durchaus entbehren können. Der Gaststar suche sich einen neuen Beruf – am besten einen, der nicht viel mit Gesang zu tun hat.“ Mit einem Ruck schlug Hildegard die Zeitung zu. „Großartig. Weißt Du was? Wir sollten mal wieder in die Oper.“





Auf den Weg gestreut

16 09 2010

„Ich könnte diesen Mann umbringen!“ Anne war sauer. Der Art nach, wie sie die Gurken mit der kleinen Handbürste abschrubbte, war sie sogar sehr sauer. „Ich kann dieses dämliche Gerede nicht mehr hören! Außerdem verfolgt er mich geradezu – jeden Tag steht dieser Prüllmeyer unten in der Einfahrt, grinst mich schmierig an und fragt, warum ich so lange aufgeblieben bin. Ich halte es nicht mehr aus, es macht mich fertig!“ Ihre Hände zitterten. Ich rührte versonnen in der Kaffeetasse. Bewegte sich da drüben etwa jemand hinter der Gardine? War das ein Fernglas? Kaum hatte ich mich erhoben und einen Schritt näher zum Fenster getan, war er auch schon verschwunden.

Anne schmiss die Gurke in den gusseisernen Eimer. „Der Typ ist krank“, sagte sie. „Er steht den ganzen Tag auf dem Balkon oder hinter der Gardine und glotzt in meine Fenster rein. Es muss irgendwas geschehen, sonst werde ich noch wahnsinnig.“ „Und Du kannst gar nichts machen?“ Sie sah mich mit einem bitteren Blick an. Natürlich nicht. Anne war nicht umsonst Juristin, zwar eine Strafe für jeden, der mit ihr zu tun hatte, aber eben durchaus mit der Materie bewandert. „Solange er mir nicht die Scheiben einschmeißt oder an der Fassade hochklettert, habe ich keine Chance.“ Sie griff nach der nächsten Gurke. „Ich denke, den Knaben sollte ich mir mal aus der Nähe besehen.“

Tatsächlich dauerte es nur wenige Minuten, bis Prüllmeyer auffällig unauffällig den Garten betrat. „Sie verstehen etwas von Rosen?“ „Ach ja“, gab ich beiläufig zurück. „Sehr hübsche Gloria Dei haben Sie da.“ Voller Stolz blickte der hasenzahnige Endvierziger durch seine Hornbrille auf ein Beet gelb schimmernder Blüten. „Ich liebe diese Blüten – man kann gar nicht mehr wegschauen, so schön, finden Sie nicht?“ „À propos“, wandte ich ein, „Sie haben keine Ahnung, dass sich hier in der Gegend ein Unhold herumtreibt?“ Er runzelte die Stirn. „Was genau tut denn der?“ Ich blickte konzentriert auf seine Rosensträucher. „So manches, wie man sich erzählt. Und was soll ich Ihnen sagen – er hat es auf seinesgleichen abgesehen. Die anderen bösen Buben haben nichts mehr zu lachen.“ Prüllmeyer war sprachlos. Ich legte nach. „Sie kennen doch Müllers? Das Auto, ja? Neulich, am helllichten Tag. Einfach so.“ Schnell wandte ich mich um. „Aber von mir haben Sie das nicht“, zischte ich ihm verschwörerisch zu und war schon im Hauseingang.

„Was genau bitte war jetzt mit Müllers Auto“, fragte Anne konsterniert und löcherte die Gurken gleichmäßig mit einer spitzen Gabel. „Und wer sind diese Müllers eigentlich? Ich kenne sie jedenfalls nicht, und ich wohne schon seit zehn Jahren in dieser Gegend.“ „Was weiß ich?“ Anne blickte mich verständnislos an. Ich lachte. „Jedenfalls war das so gut wie ein Geständnis. So wie die Tatsache, dass unser Freund Prüllmeyer sein Fernglas nur eben schnell in die Jackentasche gesteckt hatte – die Kordel hing ihm nämlich noch heraus. Und dass er den Hosenstall gar nicht…“ „Bitte!“ Anne zog den Hals zusammen. „Ich will das nicht mehr hören! Sorg gefälligst dafür, dass dieser Schmierlappen mich in Ruhe lässt!“ Ordentlich aufgereiht standen die kleinen Schälchen auf dem Küchentisch: Salz, Zucker, Pfefferschoten, Senfkörner, Piment. Noch waren sie nicht an der Reihe, aber Anne zeigte auch hier ihre juristische Schulung; gute Vorbereitung war für sie das halbe Leben. Ich öffnete die Schubladen und griff nach der Eiswürfelfolie. „Eine knappe halbe Rolle – gut, das wird langen. Dann werde ich neue mitbringen, wenn ich morgen einlaufen gehe.“ „Was hast Du vor? Willst Du etwa Prüllmeyer eintüten und einfrieren?“ „Keinesfalls“, antwortete ich und nahm die Flasche, die neben den Senfkörnern auf der Anrichte stand. „Ich werde ihm nicht zu nahe kommen. Nicht mal sein Grundstück werde ich betreten.“ Sie blieb skeptisch.

Die Sache lief wie geschmiert. Im Obergeschoss hatte Anne die Gardinen offen gelassen und posierte im Schwarzen vor dem Wandspiegel, wobei sie jeweils einmal pro Runde die Schuhe und die Handtasche wechselte – bei sämtlichen passenden Kombinationen, die sich auf die schwarzen Paare beschränkten, würde sie mit je einem Gang durchs Zimmer und anschließender Drehung zehn Tage beschäftigt sein, aber so lange hielt es Anne nie aus, ohne nicht zwischendurch ein neues Paar Schuhe oder wenigsten eine Handtasche zu kaufen – so dass Prüllmeyer gar nicht anders konnte, als im abgedunkelten Fenster seiner Wohnstube zu stehen und mit dem Feldstecher jede ihrer Bewegungen gierig nachzuvollziehen. Man konnte es förmlich spüren, wie er an der Innenseite der Scheibe klebte. Im Schutz der Dunkelheit schlich ich gebückt an der niedrigen Hecke entlang. In Höhe des Beets kam ich hoch und langte in den Plastikbeutel. Einen nach dem anderen flitschte ich die Eiswürfel über die Grundstücksgrenze. Lautlos fielen sie auf die Erde. Gebannt stand der Nachbar und gaffte. Anne stöckelte und wechselte artig die Handtasche.

Prüllmeyer raufte sich die Haare. „Die Rosen! Die Rosen!“ „… auf den Weg gestreut“, sprach ich gedankenvoll. „Hat der Bösewicht zugeschlagen? Wie gesagt, man kann nicht vorsichtig genug sein. Sie machen mir doch keine verbotenen Sachen, hm?“ Er lief rot an bis an die Haarspitzen, doch er schwieg verbissen und kehrte die Blütenblätter auf. Anne ging an uns vorbei zum Wagen. Prüllmeyer hob nicht einmal den Kopf. Ich öffnete die Tür. „Denk dran, wir brauchen Lorbeer und frischen Dill für die Gurken. Und dass Du mir ja an Essigessenz denkst!“





Sprengstoff

4 08 2010

Pst. Pst. Pst. Pst. Achtete man nicht auf dies feine Zischeln knapp oberhalb der Hörschwelle, es ginge unter im Rauschen der mächtigen Platanen, neben bellenden Hunden, zwitschernden Vögeln und dem empörten Fluchen von Herrn Breschke, der mit wutrotem Gesicht hinter dem Jägerzaun stand, auf seinen Rechen gestützt, und ohnmächtig die Fäuste schüttelte, weil er den Rasensprenger dort auf dem nachbarlichen Grundstück nicht abstellen kann. „Das macht der doch bloß, um mich zu ärgern!“ Er bohrte seine Finger in den Stiel des Gartengerätes, stapfte mit verärgertem Blick an mir vorbei und erregte sich über das harmlose Gerät, das über das Gras rollte, nur eben nicht über sein eigenes.

„Gabelstein macht das doch bloß aus Schikane“, keifte der pensionierte Finanzbeamte, „der weiß nämlich genau, dass ich das nicht leiden kann.“ Auch Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, war dieser Meinung. Mit treuen Augen lief er seinem Herrn zwischen den Beinen herum. Ich aber wusste nun nicht genau, worum es sich eigentlich handelte, und fragte nach. „Der Apparat zieht sich doch über den Rasen, sehen Sie?“ In der Tat war es eins der altertümlichen Gartengeräte, wie man sie heute nur noch höchst selten findet: ein gewitzter Federmechanismus wickelte einen Draht auf eine Rolle, und so zog sich, unendlich langsam sowie dabei das Wasser hin und her sprühend, das aus Aluminium gebaute Spritzwägelchen übers Grün – der eben noch merkliche Zischellaut, er rührte von jenem kleinen Hebel, der vom Wasserdruck zurückgeworfen immer wieder in die Mündung des Strahls zurückschwenkt und den Sprinkler um ein Weniges dreht. So regnete es mild und gemächlich auf das Rasenstück des Nachbarn. Breschke kochte vor Zorn. „Dieser Faulpelz macht sich noch nicht einmal die Mühe, mit einem Gartenschlauch den Rasen zu wässern!“ „Und das macht Sie so böse?“ „Es ist außerdem reine Wasserverschwendung, das ist ja unverantwortlich! Was würde bloß passieren, wenn er mal vergisst, den Sprinkler auszuschalten?“ „Dann würde das Ding bis vors Fenster rollen“, entgegnete ich trocken, „sein Fenster übrigens – haben Sie wirklich nichts Besseres zu tun, als sich über diesen Mechanismus aufzuregen?“ „Das ist eine freche Lärmbelästigung“, brüllte Breschke. „Ich werde mir den Kerl kaufen – aber zuerst werde ich die Höllenmaschine unschädlich machen!“

Es ging plötzlich alles sehr rasch; Breschke zog ein Weckgummi aus der Hosentasche, hob einen Kienapfel vom Boden auf und schoss ihn mit der improvisierten Zwille zielsicher auf den Sprinkler – im Nu kippte das Gerät um. Doch hatte er nicht mit den Folgen seiner Schleuderei gerechnet, denn der Wasserstrahl spritzte nun dünn, aber ungebremst im Allgemeinen über den Zaun, im Besonderen auf die Wäschespinne, auf die Frau Breschke einige Tisch- sowie andere Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatte. „Um Gottes Willen“, kreischte er, „wenn das meine Frau sieht!“ Wild fuchtelte Breschke in der Luft herum, als könne er damit das Wasser in die Flucht schlagen. Schließlich drehte er hektisch das Trockengestell um die Achse; vermutlich dachte er, die Wäsche bekäme so gleichmäßige Bewässerung.

Bismarck war bereits bei den ersten Spritzern der gefährlichen Flüssigkeit wie ein Blitz unter dem Buchsbaum verschwunden. „Rasch“, rief ich, schon waren Gabelsteins Schritte im Inneren des Hauses hörbar. „Markieren Sie harmlose Arbeit!“ Er schlich zum Schlauch und wickelte ihn von der Rolle. „Ich werde dann auch mal den Rasen etwas bewässern“, verkündete er kleinlaut. „Bei dem Wetter sollte man damit ja auch nicht sparsam sein.“

„Und Sie haben diese ganzen Amseln gesehen, wie sie über den Garten gezogen sind?“ Gabelstein blieb skeptisch. Ich aber schilderte ihm, welches Malheur sich zugetragen hatte: eine Riesenwolke schwarzer Vögeln sei über dem Rasensprenger gekreist, schauerlich tschilpend, und eine Amsel habe sich kamikazeähnlich mit dem Zapfen auf das Spritzding gestürzt, todesbereit in ihrem Mut. Er tippte sich an die Stirn. Immerhin konnte er mir nicht das Gegenteil beweisen.

„Und ich sage es Ihnen, er macht das alles nur, um mich zu ärgern!“ Breschke duschte den Rasen mit einer gießkannenförmigen Spritze ab und grummelte dabei beständig. „Immerhin haben Sie ihm den Rasensprenger umgeschossen“, korrigierte ich, „und nicht etwa ungekehrt.“ Er rümpfte die Nase. „Das müssen Sie doch verstehen. Das würde auch ein Richter als Notwehr sehen. Außerdem müssen Sie nicht mit so einem Nachbarn leben.“ Gerade in diesem Augenblick räusperte sich jemand an der Straßenseite. Polizeiobermeister Klottenrath, nicht unbedingt die Respektsperson des Viertels, winkte Breschke zu sich heran. Beinahe weinerlich erklärte er ihm die Lage. „Die Gemeindesatzung verbietet das Rasensprengen zwischen zwölf und drei. Ich muss Sie bitten, mit der Bewässerung des Rasens vermittels eines schlauchähnlichen Gerätes…“ Breschke schluckte schwer. Mit dieser Vorschrift hatte er nicht gerechnet; sie stammte sicher aus einer Zeit, als Herzog Otto der Dehnbare seinem Widersacher Graf Paul von Sockenschuss den Handel mit Nüssen verbot, weil dessen Tochter ihn nicht hatte zum Manne nehmen wollen – und so ließ er’s mit Sorgfalt schreiben in alle Satzung und Ordnung, die fürderhin dem Volke mächtig auf die Nerven gingen und dafür sorgten, dass sich geldgierige Anwälte auf dem sichtlich überlasteten Verwaltungsgericht anschrien und Nachbarn sich gegenseitig den Lack neuer Mittelklassewagen zerkratzten. „Aber sagen Sie mal“, brachte sich der Schutzmann in Erinnerung, „warum legen Sie sich nicht auch so einen Rasensprenger zu wie Herr Gabelstein? Ist doch viel praktischer.“

Klottenrath saß, in ein flauschiges Badelaken gewickelt, in der Küche, während Frau Breschke seine Uniform in den Trockner steckte und Tee aufbrühte. Aus dem Keller hörte man, wie ihr Mann eine Batterie Pflanzschalen zerschlug. „Ich weiß mir keinen Rat“, sagte sie und legte dem pitschnassen Polizisten ein Stück Bienenstich auf den Teller. „Die Gartenarbeit regt ihn in letzter Zeit viel zu sehr auf.“





Drei Männer im Schnee

12 01 2010

Der Wind pfiff, dass ich mich dagegen anstemmen musste. Mit der Linken drückte ich den Hut auf den Kopf – vielmehr sorgte ich dafür, dass nicht eine Bö ihn mir wegwehte – und die Rechte umklammerte den inzwischen leicht lädierten Blumenstrauß. Nun aber keine Müdigkeit vorgeschützt! Frau Breschke feierte Geburtstag, unter den Gratulanten wollte ich natürlich nicht fehlen. Auch wenn jeder normale Mensch bei dem Sturm zu Hause geblieben wäre.

Schon von weitem war Herr Breschke zu sehen. Emsig fuhrwerkte der pensionierte Finanzbeamte auf dem Gehweg herum, dick verpackt in schwere Stiefel, einen oberförstertauglichen Lodenmantel und Fäustlinge. Die Montur krönte eine wuchtige, graublaue Lammfellmütze nach Art gewisser sowjetischer Offiziere, die öfters dienstlich in Sibirien zu tun hatten und die puscheligen Ohrenschützer zu schätzen wussten, welche jedoch Herrn Breschke, der diese Klappen nach Art eines Kapotthütchens unter dem Kinn verschnürt trug, insgesamt das Aussehen eines zu groß geratenen Cockerspaniels verliehen. Er schaufelte Schnee, vielmehr: er hieb mit einem roten Besen auf die Betonplatten ein. „Es ist schlimm“, japste der alte Mann. „Kaum ist man an der einen Seite fertig, ist die andere Seite schon wieder zugeschneit.“ „Aber Sie müssen doch nun nicht den ganzen Tag lang fegen“, tröstete ich ihn, „das kann man doch nicht von Ihnen verlangen. Nicht einmal die Gemeindesatzung verlangt das.“ „Ja, ich weiß. Man muss nur dafür sorgen, dass die Wege begehbar sind. Und man hat auch eine Stunde Zeit, wenn es gerade schneit. Aber das ist es ja gar nicht.“ Aus geröteten Augen blickte er mich an. „Gabelstein?“ Breschke nickte resigniert. „Gabelstein.“

Wer die beiden kannte, der wusste, dass sie sich in der nunmehr fünfundzwanzigjährigen Geschichte ihrer Nachbarschaft nichts schuldig geblieben waren. Weder versprengte Federbälle noch Laub von einer Zierkirsche hatten je die Grenze zwischen ihren Grundstücken überquert, ohne für eine neue Emser Depesche zu gelten; sie hätten in der Zeit ein eigenes Amtsgericht in Lohn und Brot halten können, so oft, wie sie einander mit widersinnigen Nachbarschaftsklagen befehdeten. Am meisten wurmte die Streithähne, dass keins ihrer erbitterten Rechtsersuchen auch nur angenommen worden war.

„Dieser Lumpenhund“, keuchte Breschke und lehnte den Besen an den Jägerzaun, „er verfolgt mich seit Tagen. Das ist gemeingefährlich!“ „Sie werden wohl nicht unschuldig daran sein“, lächelte ich. Doch er ließ meinen Einwand nicht gelten. „Ich habe nichts gemacht. Diesmal nicht!“ Immerhin hatte er Gabelsteins Wohnzimmerfenster mit einer Ladung Kies zertrümmert, durch Funkenflug drei Wäscheleinen inklusive Behang in Brand gesetzt und unter tätiger Mithilfe Bismarcks – des dümmsten Dackels im weiten Umkreis, der sich dabei im Fußraum der Limousine aufhielt – die komplette Gabelstein’sche Gartenzwergsammlung in Grund und Boden gewalzt.

„Diesmal bin ich unschuldig!“ Er schien wirklich verzweifelt, denn es hatte den Anschein, als triebe sein Nachbar mit ihm ein perfides Spiel. Zunächst habe sich eine ältere Dame beschwert, der Gehweg vor Breschkes Anwesen sei die reinste Eisbahn. Das aber sei unmöglich, den Bürgersteig habe er höchstpersönlich eine Stunde zuvor gefegt, wie immer zahnbürstensauber; es müsse jemand eimerweise Wasser auf den Waschbetonplatten ausgegossen haben, wohlwissend, dass bei diesen strengen Minusgraden der Boden hartgefroren sei und sich sofort spiegelblankes Eis bilde. Zwei volle Stunden habe er gebraucht, um den Gehweg wieder vom Eise zu befreien. „Zwei Tage später habe ich gehört, wie hier eine Motorschneefräse die Straße entlang fuhr. Auf dem Radweg ist er gefahren, und er hat den ganzen Schnee auf meine Gehwegplatten geschleudert! Und dann ist er auch noch hin und her gerollt, um den Schnee festzufahren!“ Er kochte vor Zorn. „Und jedes Mal stand Gabelstein am Zaun und hat höhnisch gegrinst, wenn ich alles wieder auffegen musste. Das ist doch kein Zufall!“ Vor meinem geistigen Auge erschien ein Eisberg, auf den Sisyphos einen Schneeball hinaufrollen musste, um ihn zum Unterteil eines mächtigen Schneemannes zu machen – oben aber glitschte ihm die gefrorene Masse aus und zerstob am Fuße des Hügels wieder zu Pulverschnee. Mich fröstelte.

Frau Breschke dankte vielmals für die hübschen Blumen und brühte Tee; langsam entspannte sich die Stimmung, und nach einer halben Stunde begab sich der Hausherr an die Hausbar, um zur Feier des Tages den Weinbrand zu öffnen, den seine Tochter als günstige Gelegenheit bei der Auflösung einer usbekischen Supermarktkette geschossen hatte. Wir zuckten zusammen, als er schrie. „Kommen Sie! Der Lump macht’s wieder! Kommen Sie schnell!“ Und tatsächlich sah man vom Fenster aus, wie Gabelstein mit einem Spaten Schnee vom Radweg aufs Trottoir schaufelte und im Haus verschwand.

„Es gibt aber auch gemeine Menschen“, höhnte der Nachbar und steckte die Hände tief in die Hosentaschen, während Breschke wutentbrannt die Platten putzte. Ich hockte hinter der Ligusterhecke. Mit beiden Händen raffte ich Schnee zusammen und schlenzte ihn auf Gabelsteins Gehweg. Verwirrt drehte der sich um, besah die Bescherung und ging auf Breschke los. „Das wird Sie teuer zu stehen kommen“, kreischte er, „ins Gefängnis wird man Sie stecken, dafür sorge ich! Diesmal sind Sie zu weit gegangen!“ Wie aus dem Boden gewachsen stand ich hinter dem Wüterich. „Ganz vorsichtig, mein Gutester! Herr Breschke ist unschuldig, das kann ich bezeugen.“ Gabelstein schluckte. „Sie haben ihn zur Tatzeit ja selbst gesehen – wollen Sie jetzt etwa gegenüber Dritten behaupten, er hätte mit Schnee geschmissen? Na?“ Breschke blitzte ihn triumphierend an. „Verleumdung, jawohl! Das lassen wir uns nicht gefallen!“ „Ich bin davon überzeugt“, fügte ich sanft hinzu, „dass kein Richter hier eine Bewährungsstrafe verhängen würde.“

„Sie müssen noch ein Stückchen“, nötigte Frau Breschke mir vom Butterkuchen auf. Heftiges, rhythmisches Krachen deutete an, dass Gabelstein seine Schaufel auf dem Kiesweg zertrümmerte. Der alte Herr prostete mir zu. „Auf die Nachbarschaft!“