Sprengstoff

4 08 2010

Pst. Pst. Pst. Pst. Achtete man nicht auf dies feine Zischeln knapp oberhalb der Hörschwelle, es ginge unter im Rauschen der mächtigen Platanen, neben bellenden Hunden, zwitschernden Vögeln und dem empörten Fluchen von Herrn Breschke, der mit wutrotem Gesicht hinter dem Jägerzaun stand, auf seinen Rechen gestützt, und ohnmächtig die Fäuste schüttelte, weil er den Rasensprenger dort auf dem nachbarlichen Grundstück nicht abstellen kann. „Das macht der doch bloß, um mich zu ärgern!“ Er bohrte seine Finger in den Stiel des Gartengerätes, stapfte mit verärgertem Blick an mir vorbei und erregte sich über das harmlose Gerät, das über das Gras rollte, nur eben nicht über sein eigenes.

„Gabelstein macht das doch bloß aus Schikane“, keifte der pensionierte Finanzbeamte, „der weiß nämlich genau, dass ich das nicht leiden kann.“ Auch Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, war dieser Meinung. Mit treuen Augen lief er seinem Herrn zwischen den Beinen herum. Ich aber wusste nun nicht genau, worum es sich eigentlich handelte, und fragte nach. „Der Apparat zieht sich doch über den Rasen, sehen Sie?“ In der Tat war es eins der altertümlichen Gartengeräte, wie man sie heute nur noch höchst selten findet: ein gewitzter Federmechanismus wickelte einen Draht auf eine Rolle, und so zog sich, unendlich langsam sowie dabei das Wasser hin und her sprühend, das aus Aluminium gebaute Spritzwägelchen übers Grün – der eben noch merkliche Zischellaut, er rührte von jenem kleinen Hebel, der vom Wasserdruck zurückgeworfen immer wieder in die Mündung des Strahls zurückschwenkt und den Sprinkler um ein Weniges dreht. So regnete es mild und gemächlich auf das Rasenstück des Nachbarn. Breschke kochte vor Zorn. „Dieser Faulpelz macht sich noch nicht einmal die Mühe, mit einem Gartenschlauch den Rasen zu wässern!“ „Und das macht Sie so böse?“ „Es ist außerdem reine Wasserverschwendung, das ist ja unverantwortlich! Was würde bloß passieren, wenn er mal vergisst, den Sprinkler auszuschalten?“ „Dann würde das Ding bis vors Fenster rollen“, entgegnete ich trocken, „sein Fenster übrigens – haben Sie wirklich nichts Besseres zu tun, als sich über diesen Mechanismus aufzuregen?“ „Das ist eine freche Lärmbelästigung“, brüllte Breschke. „Ich werde mir den Kerl kaufen – aber zuerst werde ich die Höllenmaschine unschädlich machen!“

Es ging plötzlich alles sehr rasch; Breschke zog ein Weckgummi aus der Hosentasche, hob einen Kienapfel vom Boden auf und schoss ihn mit der improvisierten Zwille zielsicher auf den Sprinkler – im Nu kippte das Gerät um. Doch hatte er nicht mit den Folgen seiner Schleuderei gerechnet, denn der Wasserstrahl spritzte nun dünn, aber ungebremst im Allgemeinen über den Zaun, im Besonderen auf die Wäschespinne, auf die Frau Breschke einige Tisch- sowie andere Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatte. „Um Gottes Willen“, kreischte er, „wenn das meine Frau sieht!“ Wild fuchtelte Breschke in der Luft herum, als könne er damit das Wasser in die Flucht schlagen. Schließlich drehte er hektisch das Trockengestell um die Achse; vermutlich dachte er, die Wäsche bekäme so gleichmäßige Bewässerung.

Bismarck war bereits bei den ersten Spritzern der gefährlichen Flüssigkeit wie ein Blitz unter dem Buchsbaum verschwunden. „Rasch“, rief ich, schon waren Gabelsteins Schritte im Inneren des Hauses hörbar. „Markieren Sie harmlose Arbeit!“ Er schlich zum Schlauch und wickelte ihn von der Rolle. „Ich werde dann auch mal den Rasen etwas bewässern“, verkündete er kleinlaut. „Bei dem Wetter sollte man damit ja auch nicht sparsam sein.“

„Und Sie haben diese ganzen Amseln gesehen, wie sie über den Garten gezogen sind?“ Gabelstein blieb skeptisch. Ich aber schilderte ihm, welches Malheur sich zugetragen hatte: eine Riesenwolke schwarzer Vögeln sei über dem Rasensprenger gekreist, schauerlich tschilpend, und eine Amsel habe sich kamikazeähnlich mit dem Zapfen auf das Spritzding gestürzt, todesbereit in ihrem Mut. Er tippte sich an die Stirn. Immerhin konnte er mir nicht das Gegenteil beweisen.

„Und ich sage es Ihnen, er macht das alles nur, um mich zu ärgern!“ Breschke duschte den Rasen mit einer gießkannenförmigen Spritze ab und grummelte dabei beständig. „Immerhin haben Sie ihm den Rasensprenger umgeschossen“, korrigierte ich, „und nicht etwa ungekehrt.“ Er rümpfte die Nase. „Das müssen Sie doch verstehen. Das würde auch ein Richter als Notwehr sehen. Außerdem müssen Sie nicht mit so einem Nachbarn leben.“ Gerade in diesem Augenblick räusperte sich jemand an der Straßenseite. Polizeiobermeister Klottenrath, nicht unbedingt die Respektsperson des Viertels, winkte Breschke zu sich heran. Beinahe weinerlich erklärte er ihm die Lage. „Die Gemeindesatzung verbietet das Rasensprengen zwischen zwölf und drei. Ich muss Sie bitten, mit der Bewässerung des Rasens vermittels eines schlauchähnlichen Gerätes…“ Breschke schluckte schwer. Mit dieser Vorschrift hatte er nicht gerechnet; sie stammte sicher aus einer Zeit, als Herzog Otto der Dehnbare seinem Widersacher Graf Paul von Sockenschuss den Handel mit Nüssen verbot, weil dessen Tochter ihn nicht hatte zum Manne nehmen wollen – und so ließ er’s mit Sorgfalt schreiben in alle Satzung und Ordnung, die fürderhin dem Volke mächtig auf die Nerven gingen und dafür sorgten, dass sich geldgierige Anwälte auf dem sichtlich überlasteten Verwaltungsgericht anschrien und Nachbarn sich gegenseitig den Lack neuer Mittelklassewagen zerkratzten. „Aber sagen Sie mal“, brachte sich der Schutzmann in Erinnerung, „warum legen Sie sich nicht auch so einen Rasensprenger zu wie Herr Gabelstein? Ist doch viel praktischer.“

Klottenrath saß, in ein flauschiges Badelaken gewickelt, in der Küche, während Frau Breschke seine Uniform in den Trockner steckte und Tee aufbrühte. Aus dem Keller hörte man, wie ihr Mann eine Batterie Pflanzschalen zerschlug. „Ich weiß mir keinen Rat“, sagte sie und legte dem pitschnassen Polizisten ein Stück Bienenstich auf den Teller. „Die Gartenarbeit regt ihn in letzter Zeit viel zu sehr auf.“





Drei Männer im Schnee

12 01 2010

Der Wind pfiff, dass ich mich dagegen anstemmen musste. Mit der Linken drückte ich den Hut auf den Kopf – vielmehr sorgte ich dafür, dass nicht eine Bö ihn mir wegwehte – und die Rechte umklammerte den inzwischen leicht lädierten Blumenstrauß. Nun aber keine Müdigkeit vorgeschützt! Frau Breschke feierte Geburtstag, unter den Gratulanten wollte ich natürlich nicht fehlen. Auch wenn jeder normale Mensch bei dem Sturm zu Hause geblieben wäre.

Schon von weitem war Herr Breschke zu sehen. Emsig fuhrwerkte der pensionierte Finanzbeamte auf dem Gehweg herum, dick verpackt in schwere Stiefel, einen oberförstertauglichen Lodenmantel und Fäustlinge. Die Montur krönte eine wuchtige, graublaue Lammfellmütze nach Art gewisser sowjetischer Offiziere, die öfters dienstlich in Sibirien zu tun hatten und die puscheligen Ohrenschützer zu schätzen wussten, welche jedoch Herrn Breschke, der diese Klappen nach Art eines Kapotthütchens unter dem Kinn verschnürt trug, insgesamt das Aussehen eines zu groß geratenen Cockerspaniels verliehen. Er schaufelte Schnee, vielmehr: er hieb mit einem roten Besen auf die Betonplatten ein. „Es ist schlimm“, japste der alte Mann. „Kaum ist man an der einen Seite fertig, ist die andere Seite schon wieder zugeschneit.“ „Aber Sie müssen doch nun nicht den ganzen Tag lang fegen“, tröstete ich ihn, „das kann man doch nicht von Ihnen verlangen. Nicht einmal die Gemeindesatzung verlangt das.“ „Ja, ich weiß. Man muss nur dafür sorgen, dass die Wege begehbar sind. Und man hat auch eine Stunde Zeit, wenn es gerade schneit. Aber das ist es ja gar nicht.“ Aus geröteten Augen blickte er mich an. „Gabelstein?“ Breschke nickte resigniert. „Gabelstein.“

Wer die beiden kannte, der wusste, dass sie sich in der nunmehr fünfundzwanzigjährigen Geschichte ihrer Nachbarschaft nichts schuldig geblieben waren. Weder versprengte Federbälle noch Laub von einer Zierkirsche hatten je die Grenze zwischen ihren Grundstücken überquert, ohne für eine neue Emser Depesche zu gelten; sie hätten in der Zeit ein eigenes Amtsgericht in Lohn und Brot halten können, so oft, wie sie einander mit widersinnigen Nachbarschaftsklagen befehdeten. Am meisten wurmte die Streithähne, dass keins ihrer erbitterten Rechtsersuchen auch nur angenommen worden war.

„Dieser Lumpenhund“, keuchte Breschke und lehnte den Besen an den Jägerzaun, „er verfolgt mich seit Tagen. Das ist gemeingefährlich!“ „Sie werden wohl nicht unschuldig daran sein“, lächelte ich. Doch er ließ meinen Einwand nicht gelten. „Ich habe nichts gemacht. Diesmal nicht!“ Immerhin hatte er Gabelsteins Wohnzimmerfenster mit einer Ladung Kies zertrümmert, durch Funkenflug drei Wäscheleinen inklusive Behang in Brand gesetzt und unter tätiger Mithilfe Bismarcks – des dümmsten Dackels im weiten Umkreis, der sich dabei im Fußraum der Limousine aufhielt – die komplette Gabelstein’sche Gartenzwergsammlung in Grund und Boden gewalzt.

„Diesmal bin ich unschuldig!“ Er schien wirklich verzweifelt, denn es hatte den Anschein, als triebe sein Nachbar mit ihm ein perfides Spiel. Zunächst habe sich eine ältere Dame beschwert, der Gehweg vor Breschkes Anwesen sei die reinste Eisbahn. Das aber sei unmöglich, den Bürgersteig habe er höchstpersönlich eine Stunde zuvor gefegt, wie immer zahnbürstensauber; es müsse jemand eimerweise Wasser auf den Waschbetonplatten ausgegossen haben, wohlwissend, dass bei diesen strengen Minusgraden der Boden hartgefroren sei und sich sofort spiegelblankes Eis bilde. Zwei volle Stunden habe er gebraucht, um den Gehweg wieder vom Eise zu befreien. „Zwei Tage später habe ich gehört, wie hier eine Motorschneefräse die Straße entlang fuhr. Auf dem Radweg ist er gefahren, und er hat den ganzen Schnee auf meine Gehwegplatten geschleudert! Und dann ist er auch noch hin und her gerollt, um den Schnee festzufahren!“ Er kochte vor Zorn. „Und jedes Mal stand Gabelstein am Zaun und hat höhnisch gegrinst, wenn ich alles wieder auffegen musste. Das ist doch kein Zufall!“ Vor meinem geistigen Auge erschien ein Eisberg, auf den Sisyphos einen Schneeball hinaufrollen musste, um ihn zum Unterteil eines mächtigen Schneemannes zu machen – oben aber glitschte ihm die gefrorene Masse aus und zerstob am Fuße des Hügels wieder zu Pulverschnee. Mich fröstelte.

Frau Breschke dankte vielmals für die hübschen Blumen und brühte Tee; langsam entspannte sich die Stimmung, und nach einer halben Stunde begab sich der Hausherr an die Hausbar, um zur Feier des Tages den Weinbrand zu öffnen, den seine Tochter als günstige Gelegenheit bei der Auflösung einer usbekischen Supermarktkette geschossen hatte. Wir zuckten zusammen, als er schrie. „Kommen Sie! Der Lump macht’s wieder! Kommen Sie schnell!“ Und tatsächlich sah man vom Fenster aus, wie Gabelstein mit einem Spaten Schnee vom Radweg aufs Trottoir schaufelte und im Haus verschwand.

„Es gibt aber auch gemeine Menschen“, höhnte der Nachbar und steckte die Hände tief in die Hosentaschen, während Breschke wutentbrannt die Platten putzte. Ich hockte hinter der Ligusterhecke. Mit beiden Händen raffte ich Schnee zusammen und schlenzte ihn auf Gabelsteins Gehweg. Verwirrt drehte der sich um, besah die Bescherung und ging auf Breschke los. „Das wird Sie teuer zu stehen kommen“, kreischte er, „ins Gefängnis wird man Sie stecken, dafür sorge ich! Diesmal sind Sie zu weit gegangen!“ Wie aus dem Boden gewachsen stand ich hinter dem Wüterich. „Ganz vorsichtig, mein Gutester! Herr Breschke ist unschuldig, das kann ich bezeugen.“ Gabelstein schluckte. „Sie haben ihn zur Tatzeit ja selbst gesehen – wollen Sie jetzt etwa gegenüber Dritten behaupten, er hätte mit Schnee geschmissen? Na?“ Breschke blitzte ihn triumphierend an. „Verleumdung, jawohl! Das lassen wir uns nicht gefallen!“ „Ich bin davon überzeugt“, fügte ich sanft hinzu, „dass kein Richter hier eine Bewährungsstrafe verhängen würde.“

„Sie müssen noch ein Stückchen“, nötigte Frau Breschke mir vom Butterkuchen auf. Heftiges, rhythmisches Krachen deutete an, dass Gabelstein seine Schaufel auf dem Kiesweg zertrümmerte. Der alte Herr prostete mir zu. „Auf die Nachbarschaft!“