20xx

5 01 2015

„Es muss nicht auf den Tag genau sein, aber Anfang März wäre schon okay. Oder Ende Februar. Also 28. Februar, ja? Das ist auch ganz gut so, sonst können wir den Beginn der Blattsalatkatastrophe nicht ordentlich eintakten bei den Printmedien. Sie wollen schließlich auch leben, oder?

Das ist alles längst abgesprochen, wir ziehen es dieses Jahr vor, damit wir keine Verdienstausfälle in der deutschen Wirtschaft zu befürchten brauchen. Die erste Lebensmittelmeldung kommt immer erst im Juni, aber wir haben sie auf die Karnevalszeit vorgezogen, oder wenigstens auf die Frühjahrszeit. Dann kriegen die Hollandtypen eins auf den Sack, und wir können ab Juni unsere Gurken wieder unter die Meute jubeln. Ist doch dufte, oder?

Jetzt meckern Sie nicht, Planung ist das halbe Leben. Wir können uns keinen Umweltskandal leisten in den Frühjahrsmonaten. Da sind die Leute nicht eingestimmt, das kostet Unternehmensvorteile und Kundenbonus und Umsätze und, am schlimmsten, die Börsenkurse lassen nach. Da muss man natürlich auch ein offenes Ohr haben für unsere Partner aus der Wirtschaft, und wir sind ja keine Unmenschen, nicht wahr?

Juli bis August sind die Autokonzerne dran. Die haben sich das ebenso ausgesucht, ja? So sehen Sie aus – haben Sie eigentlich eine Ahnung, was die uns dafür zahlen? So eine Rückrufaktion, weil die Airbags klemmen, wissen Sie eigentlich, was das für eine Auswirkung auf den Shareholder Value hat? Das können Sie nicht einfach so machen, wie Sie lustig sind. Wenn die Bremsen klemmen und Mutti versehentlich vor der Grundschule ein paar Scheißbälger wegsemmelt – wollen Sie das in den Abendnachrichten hören? Ja, Sie vielleicht. Aber als Hauptaktionär? Meinetwegen als Verbraucher, der sich gerade eine Premiumklasse von dem Zeugs gekauft hat? Na also. Dann müssen wir das auch so bringen, dass es sich versendet. Oder verliest. Und dann fällt es den Verbrauchern auch nicht mehr so auf, es ist so gut wie weg, und dann fragt auch keiner mehr danach.

Das mit dem Dioxin im Futter hatten wir jetzt schon zweimal, können wir das dies Jahr vielleicht ein bisschen variieren? Also Futter schon, aber eine andere Formel für den Schadstoff? oder sonst noch einen Schadstoff anführen, der vorher auch schon drin war, möglicherweise nicht im Schweinefutter, oder im Klärschlamm für das Schweinefutter, und dann könnten wir die Schlagzeile ein bisschen modifizieren? Sehen Sie, es geht doch. Sie wissen, dass Sie damit dem deutschen Verbraucher einen großen Gefallen tun. Sein Kurzzeitgedächtnis ist ja auch nicht mehr so berühmt, da müssen wir ihm mit unseren kleinen Handreichungen einfach ein wenig behilflich sein, oder?

Aber Sie müssen mit der Nachricht über den ADAC bis spätestens Anfang Juli – Mitte Juli reicht, aber spätestens dann muss das auf dem Tisch liegen. Nee, wir kriegen das mit der Coverstory über die Bahn schon noch hin, aber wir brauchen ausreichend Material. Ohne Skandalmeldung über den ADAC können wir einfach nicht riskieren, dass Merkel in den Sommerurlaub geht und die CDU alleine lässt.

Wir können das nicht alleine entscheiden. Die Bahn hat uns zwar entsprechende Hoffnungen gemacht – von einer voll funktionsfähigen Heizung gehen wir spätestens im übernächsten Sommer aus – aber wenn der August auch wieder verregnet wird und eher heizungslastig, dann müssen wir halt auf die Maut umschalten. Aber das ist ja wie Fische aus einem Holzeimer angeln.

Sie koordinieren dann den zeitlichen Ablauf zwischen der Umweltkatastrophe und dem neuen Abhörskandal. So bald wird keine Atomexplosion die Schlagzeilen bestimmen, und Sie werden bestimmt ordentliches Material bekommen. Wir erwarten Hintergrundberichte, klar? Nicht gerade solche, die die Schuldigen in den Ministerien zu deutlich herausstellen, dafür haben wir schließlich Boulevardmedien, aber wir brauchen möglichst schnell eine Übersicht, wer wann für unsere Arbeit zur Verfügung steht. Im September wird unser Vertrauter seinen Rücktritt aus Gesundheitsgründen einreichen – das ist innerhalb der Bewährungsfrist, vergessen Sie das nicht – und dann werden Sie im Oktober Sachen erfinden, die den Fortbestand der Bundesrepublik Deutschland empfindlich zu stören geeignet sind.

Aber natürlich nicht. Sie können das ganz frei entscheiden, wir legen Ihnen da keine Steine in den Weg, und wenn Sie damit nicht zurechtkommen, dann ist das ganz ausschließlich Ihr persönliches Problem. Okay?

Also Januar ist klar, Mai könnten wir möglicherweise Regierungskrise machen, immer vorausgesetzt, dass wir da schon oder noch den Bundespräsidenten unserer Wahl sitzen haben, und dann Ölkrise und spätestens im Juli kommen die Banken, wir bräuchten einen neuen Wettskandal – lassen Sie gefälligst die Börse aus dem Spiel, die hat damit nur ganz am Rande etwas zu tun – und dann genmanipulierter Aufschnitt aus deutschem Fleisch. Plus Keimbedrohung durch Migranten und Infrastrukturproblem.

Sie müssen sich um nichts kümmern. Wir sagen Ihnen jeweils noch einmal Bescheid. Und Pofalla erklärt Ihnen dann rechtzeitig, wann die einzelnen Aufgaben erledigt sind, ja?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXX): Berieselungsjournalismus

9 09 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich eignet dem Menschen ein gewisses Bedürfnis nach Information. Wer nicht weiß, woher der Wind weht und wohin das Beutetier trabt, wird einen schweren Stand haben im täglichen Kampf um Kalorien und Karma, und wer seine Neugier in gut dosiertem Maß einzusetzen versteht, findet sich dereinst mit ungewöhnlichen Dingen wieder, sei es auf dem Lehrstuhl, hinter der BILD oder im sozialen Aufstieg – Wissen ist Macht, und die lückenlose Erkundung des Wirklichen ebnet der Menschheit seit jeher den Weg zu Aufklärung und Zivilisation. Es sei denn, es handelt sich um den grassierenden Berieselungsjournalismus.

Was auch immer auf diesem Planeten sich zuträgt, Seebeben, platzende Kernkraftwerke oder Bombenattentate, das gefühlte Epizentrum der Detonation befindet sich unterhalb des gekachelten Couchtisches. Faktensplitter wummern in die Wohnhöhle – hier kokelt die Atomsuppe, dort ballern Regierungstruppen dem eigenen Volk Blei in die Kalotte, dazu kippt der DAX grazil auf die Fresse – und schießen den Cortex sturmreif für den Infotainment-Schleim, der aus der Mattscheibe suppt. Der arabische Frühling, präsentiert von einem automatischen Garagentor, gerinnt zur TV-Gallerte, funkompatibel in schmissig geschnitzter Dramaturgie mit der üblichen Doppelbesetzung aus Anchorman und hilfsverbalem Ersatzhansel. Der Euro raucht ab, während eine Horde nass gekämmter Genomflops BWL-Plüsch absondert. Spätestens mit dem Auftritt eines Bundesministers wird das Elend körperlich spürbar: Journalismus ist das nicht mehr. Denn die Gewäschkulisse bedient sich dreier Dinge, die nicht zusammengehen mit ordentlicher Nachrichtenübermittlung: Einbettung, Nichtnachricht und Dauerschleife.

Was die Einbettung angeht, die transatlantische Form der Hirnabsaugung für Kriegsberichterstatter, sie ist im zivilen Gewerbe so sinnvoll wie Brechreiz beim Hochseilakt. Offenbar hat sich die Haltung, den Außeneinsatz wie eine Frontshow abzuziehen, längst zum Standard entwickelt. Stirbt irgendwo ein Papst, dellt sich ein Balltreter kurz vor der WM die Stelzen ein, dräut die Endzeit in Gestalt der Kanzlerin, stets schwallt Bombast aus der Röhre, als sei gerade Stalingrad gefallen. Gefühlsechter Gänsehauthorror, darunter tun es weder Unter- noch Mittelschichtssender, und noch ein FDP-Parteitag hört sich an wie der Schuss, der um die ganze Welt gehört wurde (mit Ausnahme der FDP). Es muss ballern, je mehr, desto besser, und dies auch mit der zweiten Sünde, der inhaltlichen Nullaussage. Wo der Nachrichtenwert sich verflüchtigt, weil die Zuschauer bereits vorher gewusst hatten, dass Tokio die Hauptstadt von Japan ist, wo es sich um vage Vermutung, Bildbeschreibung oder Laienmeinung handelt, weil der Experte noch im Stau steht, dreht die Sendung frei. Sabbelkrampen schwiemeln sich das regredierte Weltbild aus dem Stammhirn, geben heitere Impromptus zum Besten und sorgen allenfalls für Knirschen im Getriebe. Wenn schon keine Fakten zur Verfügung stehen, schwafeln die Nachtjacken höchstens emotionale Befindlichkeiten in den Äther – wer hätte nach einem Tsunami auch erwartet, dass eine ganze Nation unter Schock stehen könnte – um zu zeigen, wie nah sie am Abgrund hocken. Hauptsache, es knallt. Man will ja dabei gewesen sein.

Und man ist dabei in reiner Gegenwart, weil die Dauerschleife der Nichtnachrichten das einmal Gesagte immer wieder rauskübelt, viertelstündlich unterbrochen von offensichtlich nur einmal pro Woche neu gestrickten News, die die Stunden und Tage vor der Flimmerkiste wie das Déjà-vu eines Hamsterrades erscheinen lassen. Das Unerträgliche, hier wird’s Ereignis. Während der Bekloppte noch leise nachzugrübeln beginnt, ob es sich bei dem Brennpunkt zum Oderhochwasser nicht um eine unverändert wiederholte Sondersendung aus dem Vorjahr handeln könnte, dämmert seine Denksülze langsam in den Valium-Modus, um ihn für den Rest des Programms mit Volksmusik und Polittalk vorzuweichen. Hektische Bilder schwirren ihm in die Pupille, trotz der miserablen Moderation wird er keine Hirnembolie erleiden, denn er ist tiefenentspannt. Der ganze Schmadder geht ihm ab.

Die Berieselung im Gewand journalistischer Programmangebote ist nicht viel mehr als eine Befriedigung atavistischer Reflexe. Wenn die Birne langsam leer wird, der Muskeltonus langsam in Richtung Brei geht, wenn die moralischen und intellektuellen Schranken langsam so weit sinken, dass ein Werbeblock schon nicht mehr als kulturelle Bereicherung empfunden wird, da man Anfang und Ende der Reklame nicht trennscharf wahrnimmt, dann ist der Zustand erreicht, den die Medien ihren Rezipienten am liebsten an den Hals wünschen: den User IQ Underflow in Komanähe, in dem man alles schluckt. Und glaubt. Und nicht hinterfragt. Der Mensch ist schlecht, die Welt ab Werk schon böse, da ist’s nur logisch, dass die Erde bebt, und es passt so gut zu Salzgebäck und Billigpils, dass die Tektonik wenigstens nicht hier zuschlägt, sondern bei den Bimbos, die eh nichts zu melden haben. Nicht mal bei den Garagentoren.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CII): Medialer Alarmismus

29 04 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mittwochs, irgendwo kurz vor Rho Cassiopeiae. Sternzeit 6907,20. Keine Sau interessiert sich für den rotierenden Klops aus Eisen und Silizium, der Überflüssiges wie Kaffeerahmdeckelsammelalben, vakuumierte Fertigbratkartoffeln und die FDP von sich gibt. Nur eine Trockennasenaffenart trotzt der Erkenntnis, eine Nebensächlichkeit im galaktischen Raum zu sein, und kompensiert den Umstand mit brüllender Lautstärke: kein Streusalz mehr für die nächsten tausend Jahre! Bad Bevensen ist weniger als eine halbe Milliarde Kilometer von der Sonne entfernt! Wenn alle Ausländer, die einen Ausländer mitbringen, einen Ausländer mitbringen, der einen Ausländer mitbringt, der einen Ausländer mitbringt, dann besteht Baden-Württemberg bald zu 192% aus Ausländern, davon alleine vier Drittel aus Afrika! Das Maß ist voll, der Weltuntergang kommt eigentlich schon viel zu spät für die ganze Grütze, und was wäre bloß passiert, hätten die Berufsirren nicht ihren medialen Alarmismus.

Das Unvermeidliche, hier wird’s Ereignis – balkendicke Lettern hämmern den Beknackten ein, dass man sich, wenn überhaupt, nur noch auf die Apokalypse verlassen kann. Selbst der in seichter Bürgerlichkeit versuppte Mainstream trötet die Mär der Untergangspropheten so doof wie fleißig nach und linst nach dem Ausschlag der Betroffenheit, der die Schnappatmer im unteren IQ-Bereich von den Füßen fegt. Erst wenn die Grützbirnen in kollektive Schreckstarre kippen, weil der nationale Nachschub an Nackensteak leicht schwächeln könnte, lehnt sich der Boulevardredakteur zurück und genießt den Duft von Angstschweiß, den der enthemmte Hohlrabi unter sich lässt. Denn nicht anders wickelt der Papierproduzent seine Rezipienten ein als durch selbst erzeugten Bedarf. Erst jault der Flor der Primatenpostillen sich in Trance über Bio-Treibstoff, als seien zehn Prozent Ethanol direkt aus Teufels Aorta in den Tank getröpfelt, dann hetzt die Presse gegen Selbstverständlichkeiten wie das Verfallsdatum für Benzin, schließlich ledert sie auf dem Höhepunkt der Panik den ganzen Laden als überkandidelte Ökostalinisten ab – um pünktlich vier Wochen später zu plärren, wenn die ungeliebte Umweltplempe nicht mehr an der Zapfsäule verfügbar ist. Scheiß auf die Argumentation, die Hauptsache ist Krach mit Widerhaken. Wir werden alle sterben, weil wir unsere Autos erst in drei Tagen wieder volltanken können. Der Planet, ach was: das Universum ist dem Untergang geweiht.

Was eigentlich täte die Journaleska, gäbe es keine wirklichen Katastrophen, keine Erdbeben oder Wirbelstürme, hinter deren aus Ergriffenheit und Sensationsgier geschwiemelter Oberfläche ein nicht kalkulierbares Risiko lauert, dass die Realität ihre eigenen Vorstellungen hat? Schmisse sie bei sinkender Quote den Armageddon-Simulator an, um die unmittelbar bevorstehende Preiserhöhung für Biermischgetränke in den Rang historisch bedeutsamer Tragödien zu hieven? Würde sie den Papst engagieren, damit Guttenberg, der nächste Futtermittelskandal und ein europäisches Schlager-Sammelsurium nicht das jeweils aktuelle Geplärr nach Gesetzesverschärfungen verdrängten? Und was wäre es ihnen wert?

Der Bekloppte vor dem Fernsehschirm wird indes nicht verschont, muss sich einen Brennpunkt nach dem anderen von der Netzhaut pfriemeln und kriegt seinen Adrenalinpegel nicht mehr unter Kontrolle, wenn die Sintflut der wirklich schlechten Nachrichten sich in seine Richtung ergießt. Michael Ballacks Innenband ist wichtig, eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nicht; relevant ist, was sich zum ansatzfreien Aufpumpen intellektuell niederschwelliger Angebote eignet, damit auch das Basaldrittel der Mehrheitsgesellschaft sich gebildet fühlen darf, ohne gleich in die Auseinandersetzung mit Nachrichtenmaterial treten zu müssen. Die Grenze zwischen Unterhaltung und Desinformation verschwimmt gemütlich, das kognitive Flachland lässt sich fröhlich weiter verdeppen, hält den ausgespuckten Brei der Empörkömmlinge für Wahrheit – die Manipulation greift besser als weiland im Hirnwaschsalon der Ostblockwarte, da kundenfreundlicher serviert, ohne den verlogenen Anstrich von Seriosität und faktenbewehrten Kern, dafür vorgekaut und leicht verdaulich, wenn man lockere Möblierung im Oberstübchen bevorzugt. Wie Streumunition schlagen die von einer Horde Weichstapler in Umlauf gebrachten Faktenfetzen ein, denn sie sind reine Äußerlichkeit. Plötzlich wissen alle alles über Siedewasserreaktoren, blöken von der effektiven Äquivalentdosis und haben auch sonst viel Ahnung von Kernphysik – es interessiert nur nicht mehr, sobald ein paar überbezahlte Kasper nach einem Plasteball treten, dahergelaufene Royals heiraten oder ein Medienkonzern den Haftrichtern der Hauptstadt erklärt, wie die Strafprozessordnung von innen aussieht. Man muss nicht wissen, was die Eurokrise auslöst und wie man sie bekämpft. Man muss nur zugucken, wie die Trümmerfrauen der sozialen Marktwirtschaft damit durch Talkshows tingeln. Es macht so hübsch verdrossen, ihrem Geseier zu lauschen, so angenehm involviert, als sei man tatsächlich noch Teil der souveränen Klasse, während sich die Akteure längst hinter den Vorhang zurückgezogen haben, vor dem die Zwerge auf den Brettern tanzen. Die Medien flöten die Musik dazu, der Bescheuerte klatscht im Takt und hält sich für unverzichtbar. Hoffentlich verrät ihm keiner, dass er nur zur Dekoration dient. Er würde sich sonst nur unnötig aufregen.