Herbstbild

4 10 2020

Ein weiches Licht fällt, wo sich Blätter röten
und taucht die Welt in Stille, mild und schön.
Ein Vogel tanzt im Teich auf dünnen Flöten
und singt ein leises Lied vorm Schlafengehn.

Fort sind die Falter. Wenn sie sich vermummen,
vergeht das Farbenblühen im Geäst.
Ein letztes Sirren will auch noch verstummen,
wo Tau aus kalter Luft das Gras benässt.

Aufrauscht der Boden nun: durchs Blattwerk schreitet
der Wanderer, der sacht vorüberzieht.
Es sind die kleinsten Lichter ausgebreitet,
in denen er die Nacht schon nahen sieht.





Die Falken von Carcassonne

19 11 2017

Sie kamen aus den östlichen Gefilden,
sich an der schönen Stätte aufzuhalten,
gebracht von edlen Herrn in Hundertfalten,
sich als Gespiel und Beiwerk auszubilden.

Die Herren sanken hinter ihren Schilden.
Man ließ sie ruhmlos sterben und erkalten.
Doch in der Burg entsprang aus allen Spalten
ein Schrei, ganz gleich von Zahmen und von Wilden.

Des Menschen Macht verrinnt, fort ist die Stärke,
und fort sind ihr Gewicht und ihre Werke,
nichts wird bestehen in Äonenstürmen.

Fort sind die Krieger, fort sind ihre Rösser.
Die Landschaft ruht und strömt wie die Gewässer.
Die Zeugen bleiben in verlassnen Türmen.





Herbstlicher Park

23 10 2016

Die Luft ist kalt und weich, und in Bewegung
versetzt sie vor dem Himmel das Geäst,
das mit der allerletzten leisen Regung
die Blätter auf die Wege regnen lässt.

Noch steigt wie leises Lachen dünnes Wasser
aus der Najaden Münder auf im Strahl
und sinkt hinab ermattet, wo ein blasser
von Erz gegossner Trog ruht, tief und fahl.

Doch krönt das Licht, das milde, jene Weiten,
die Hänge und den Bach, der alles teilt,
und will des Tages Höhen sanft geleiten
zu Abend, der im Rot und Golde weilt.





Klagelied, saisonal

17 11 2013

Ach, Furien! Ihr droht mit Wut und Rasen,
dass allen Lebens Hoffnung sinkt in Staub,
wo Euer Zorn will wahnhaft uns zerstören
mit Rache, Blut für Blut, und lautem Röhren,
da Ihr des Herbstes Schmuck, das bunte Laub,
wollt unerbittlich dröhnend von uns blasen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLII): Outdoorwahn

1 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Etliches gelang dem Hominiden auf dem Weg zum Ende der Nahrungskette, manches nicht beim ersten Versuch, manches nicht vollständig – es war ein langer, harter Kampf gegen die Materie und den Mitmenschen, wie er sich als Nachbar, Radfahrer oder Fachverkäufer im Heimwerkermarkt zeigt, atavistisch in seine Unvollkommenheit abgleitend, und doch hat der Beknackte sich das Leben auf diesem übel beleumundeten Rotationsellipsoiden einigermaßen schnuckelig eingerichtet. Er hat das Feuer gezähmt, den Fernseher erfunden, Bier in Flaschen, den Rasenmäher und das Automobil. Er hat den Urwald gegen die Steppe, die Steppe gegen die Felshöhle, die Höhle schließlich gegen die witterungsfeste Behausung mit festen Grundstücksgrenzen eingetauscht. Es könnte ihm gut gehen. Warum nur will er unbedingt zurück zur Natur? Und warum will er sich partout ständig am Arsch der Welt aufhalten in seinem Outdoorwahn?

Es ist der normgerecht zivilisierte Städter, der ohne Zentralheizung und WLAN nicht lebensfähig scheint, der besserverdienende SUV-Fahrer mit Bausparvertrag. Sein Berufsleben verbringt er in der austauschbaren Idylle der Betonbiotope, also zieht es ihn in die unberührten, noch nicht von besitzbürgerlichen Freizeitdeppen verschandelten Gebiete, denen er seinen Fußabdruck ins Gesicht zu treten wünscht. Er, die Tristesse seines eigenen Unvermögens erkennend, drängt ins ferne Gegenteil. Sicher wäre es für ihn entspannender, die Natur in Gestalt von Balkonkästen zu erleben, als sich in sauerstoffarmer Umgebung rissige Hände zu holen. Aber wer fragt nach Vernunft, wenn er einen Trend für die Hirnvollverdübelten kreieren kann.

Man erkennt den professionellen Frischluftikus an seinen Statussymbolen. Stablampe im Format eines Baseballschlägers, das Bärentötermesser aus teutonischem Walzstahl, Klappspaten und ein Satz Karabinerhaken aus der Fremdenlegion, alles das trägt der Held ohne Geschäftsbereich in seinem Armee-Backpack mit sich herum, sollte ihn in Bad Saulgau je ein Säbelzahntiger anfallen. Er hat das Beil im Anschlag, allzeit bereit, Fichtenschonungen im Stadtwald umzunieten. Ohne Kompass und Nachtsichtgerät, Mumienschlafsack und Gaskocher befiele ihn auf der Liegewiese, knapp außerhalb der Rufweite einer Trinkhalle und damit definitiv in freier Wildbahn, bereits eine Panikattacke. Ohne Gaslampe betreten hartgesottene Exemplare der Spezies nicht einmal mehr den Kartoffelkeller; immerhin könnte sich ein unterirdischer Vorfahre des Bekloppten im Halbdunkel des Vorratsraumes verbergen. Unterdessen wäre der Survivalprotz, der am Stammtisch Geschichten von der Eroberung der grünen Hölle zum Besten gibt, bereits nervlich am Ende, setzte man ihn an einem vernieselten Nachmittag ohne Spürhund und GPS-Gerät in der Lüneburger Heide aus.

Eine Mischung aus Forstadjunkt und Highend-Alpinist stapft durch die norddeutsche Tiefebene, immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Es ist anscheinend die Aussicht entbehrungsreicher Nächte, die in Frostbeulen und Kopfplatzwunden enden – derlei bekäme man auf einer Zechtour in einer beliebigen Innenstadt auch hin, doch trägt das männliche Gehabe zwischen Mulm und Modder noch zwei Fingerbreit mehr Hahnenkamm. Die Neoneandertaler beweisen einander, dass sie harte Kerle sind (es handelt sich, man ahnt es, um ein männliches Phänomen mit Gruppendynamik, in dem viele Versagensängste und Profilneurosen sich einen Abenteuerspielplatz gesucht haben) und schwiemeln sich ein Weltbild zurecht, das sie ähnlich aus dem normalen Sinnzusammenhang entfernt wie Extremsportler, Sektenangehörige oder Junkies: bei Licht besehen schmeißen sie eine Menge Kohle aus dem Fenster, um sich vor Zeugen wie die letzten Honks benehmen zu dürfen. Nicht selten begeben sie sich in ernste Lebensgefahr, ja sie liegen mit den Ergebnissen ihres Egotrips nicht selten der Allgemeinheit auf der Tasche, wenn die Zehen nach der Wanderung durch die Dolomiten in Zeitlupe abfrieren, aber wenigstens kann der Bescheuerte mit dem Distinktionsgewinn angeben. Er war im Schneesturm in der Eifel unterwegs und ist nicht in russische Kriegsgefangenschaft geraten, hat sich tagelang nur von Fruchtriegeln und Wasser ernährt und nichts zum Spielen gehabt als eine digitale Funkarmbanduhr mit Höhenmesser, Pulsaufzeichnung und 32-Gigabyte-USB-Speicher. Damit hätte Scott den Südpol erreicht, aber der konnte damit auch umgehen.

Tief hat sich die Illusion von der beherrschbaren Natur in die Denke intellektueller Heckenpemner gefräst; alle wollen sie Mutter Erde umarmen, aber keiner mit bloßen Händen. Am liebsten hätten sie die ganze Veranstaltung vakuumverschweißt im Vorgarten, die Berghütte mit Drei-Sterne-Küche aus der Mikrowelle, der Trip über die Kordilleren innerhalb von dreißig Sekunden abschaltbar, worauf sich der Brezelbieger auf dem Sofa wiederfindet. Die Natur ist ihnen egal, was man am deutlichsten an den Rentnern sieht, die in atmungsaktive Frischhalteklamotten mit UV-Schutzbrille und Bergstiefeln kostümiert durch die Gegend tapsen, als kauften sie ihren Gebissreiniger am Nanga Parbat. Wenngleich selbst das heute niemanden mehr wundern sollte, so erlebnisfixiert, wie diese Welt nun mal ist.





Herbst

7 11 2010

Kalte, trübe Jahreszeit,
fahl und dämmrig. Nachsaison.
Bis zur Weihnacht ist’s noch weit,
Spekulatius kriegt man schon.
Weg und Wiese liegt voll Laub,
braun und goldig, gelb und rot.
Horch, es raschelt – ach, ich glaub,
drunter liegt der Hundekot.
So bedeckst Du, Nebelmond,
diese Erde, wo man wohnt,
der Du alle Blätter färbst,
Herbst.

Regen prasselt mir aufs Dach,
scharfer Wind pfeift kühl ums Eck,
und ich denk bei mir: ach, mach
dicht die Läden. Sonne: weg.
Kaum, dass man vom Ofen flieht,
mitten in die Pfütze patscht,
Schlagloch sich an Schlagloch zieht,
füllt mit Wasser sich und quatscht.
Obst und Wein und auch das Korn
bringst Du, auch die Luft von vorn,
wie Du mir die Pelle gerbst –
Herbst.

Alles geht, auch das Gefühl.
Alles weint und welkt dahin.
Wie das traurig ist und kühl!
Ach, wie einsam ich nun bin!
Malerisch-dekorativ
muss ich nun mein Schicksal klagen,
leide ganz ostentativ
auch an Sonn- und Feiertagen.
Irgendwann wird’s Frühling werden,
Sommer wieder – hier auf Erden
geht’s so weiter. Biste sterbst.
Herbst.





Frühlings Erwachen

6 03 2010

Das Kätzchen blüht. Es schwärmt der Schwärmer.
Der Fink, der schlägt. So auch mein Herz.
Es sagt der Jahreslauf nun: März.
Jetzt wird der Schnee gleich merklich wärmer,
nicht länger friert mir das Gebein.
Das wird, ich denk’s, der Frühling sein.

Ein weißer Tupfer – sieh, die Glöckchen,
sie heilten, sagt man, die Demenz;
man muss nur sorgsam kauen, wenn’s
schon blüht zwischen den Restschneeflöckchen.
Und hilft es nicht, so wird man spei’n –
ach ja, das wird der Frühling sein.

Nun will die Meise fröhlich singen,
sie ist zur Mittagszeit schon blau –
tät ich es so, ich faule Sau,
müsst ich von Loch zu Schlagloch springen.
Da freut sich selbst der Gallenstein!
Gewiss wird das der Frühling sein.

Am Bordstein stehen die Gestalten,
die bauchfrei, bunt und nylonprall
als optisch größter Unglücksfall
mit Turnschuh, Arsch- und Nabelfalten
beleidigen mein Äugelein.
Das muss – erraten! Frühling sein.





Herbst

17 10 2009

Der Regen nieselt vor sich hin.
Wie schön, dass ich jetzt drinnen bin.
Ich putze meine Brille
und sehe dort, wie buntes Blatt
vom Baum herabweht, müd und matt
in der Oktoberstille.

Dort draußen wächst der wilde Wein.
Ein Vogel spielt Gesangverein –
schon fliegt er mit den andern
nach wärmern Lüften und verlässt
dies Land. Nun denn, so steht es fest.
Ich geh im Nebel Wandern.