Soziale Teilhabe

25 01 2022

„… keine besondere Gefahr in den Schulen bestehe, da sich die meisten Kinder in den Familien mit dem Virus infizieren würden. Eine Einschränkung des Präsenzunterrichts könne es deshalb auf keinen…“

„… verspreche die Kultusministerkonferenz, für den Fall von nicht vorhersehbaren Ereignissen einen Notfallordner vorzubereiten, der von jedem Bundesland angefordert werden könne, um die…“

„… Streiks angekündigt hätten. Dazu sei zu bemerken, dass auch bei Unterrichtsausfall keine Berechtigung der Schüler bestehe, Kundgebungen durchzuführen, die im Gegensatz zum Schulbesuch ein erhöhtes Infektionsrisiko und einen…“

„… sei es korrekt, dass die in den Familien erworbenen Infektionen in die Schulen getragen würden, was aber nicht zur weiteren Ausbreitung des Virus beitrage, da das Infektionsgeschehen nach Ansicht der Kultusminister sich ja ausschließlich in den Familien und der…“

„… dass die Präsenzpflicht auch dann nicht abgeschafft werde, wenn sich der ganze Lehrkörper einer Schule in Quarantäne befinde. Da die Lehrer sich zu Hause aufhielten, bestehe offensichtlich kein Risiko mehr, das durch eine zu vorsichtige…“

„… auch die Ministerpräsidenten überzeugt seien, dass alle Kinder gerne zur Schule gehen würden. Schon aus Gründen des Kindeswohls müsse die Politik Schulen um jeden Preis offen halten, um die Langzeitfolgen für die…“

„… zunächst die Infektionsquote des Landes in Abstimmung mit den anderen Kultusministerien festzulegen. Danach erst werde die Erstellung des Notfallordners in Erwägung gezogen, worauf in einer Berechnung der Hospitalisierungsrate im Vergleich zu mehreren zufällig ausgewählten Kommunen anderer Bundesländer mit Ausnahme von Sachsen und Bayern der Versand einer Kopie noch in diesem Jahr…“

„… auch das Bundesbildungsministerium in der Durchsetzung des Distanzunterrichts eine schwere Gefährdung des Kindeswohls sehe. Stark-Watzinger fürchte, dass zahlreiche Kinder und Jugendliche vor Computern verbringen müssten, was angesichts der mangelhaften Digitalisierung traumatisierende Folgen für die …“

„… werde man ja bereits in zwei Wochen sehen, wie viele Kinder heute bereits infiziert seien, daher könnten die Kultusministerien auch erst in zwei Wochen beurteilen, auf welcher Grundlage sich die Fehler in den Berechnungen der…“

„… die Proteste der Schüler nicht berücksichtigt werden dürften, da diese als Minderjährige kein Mitspracherecht besäßen. Der Präsenzunterricht sei auch bei ihrer Ablehnung unabdingbar und werde zur Not gegen ihren Willen durchgesetzt, um das Kindeswohl nicht zu…“

„… den Kindern, die noch nicht mit dem Virus infiziert worden seien, eine Erkrankung nicht vorenthalten dürfe, da sie dann mit Schulkameraden nicht mehr mitreden könnten. Die Infektion sei auch ein Teil der sozialen Teilhabe, die die Politik den Heranwachsenden ermöglichen müsse, um sie zu mündigen Staatsbürgern zu…“

„… möglichst viele der Ansteckungen in den Schulen geschehen sollten, damit sie als Unfälle gemeldet werden könnten. Die KMK betrachte dies ausdrücklich als Sicherungsmaßnahme, um die Quote der im elterlichen Haushalt verunfallten Kindern möglichst…“

„… Aktivitäten in den Sportvereinen nicht zu dulden, da hier große Hallen mit vielen Kindern und Jugendlichen genutzt würden, die sich durch eine Anlagerung von Aerosolen zum gefährlichen Infektionsherd entwickeln könnten. Stattdessen sei die Durchführung des Schulsports weiterhin zu empfehlen, da hier viele Kinder und Jugendliche in großen Hallen, die als wirksamer Schutz vor der Anlagerung von Aerosolen in einer…“

„… ein Modell für den Distanzunterricht plane, bei dem die Schüler ins Schulgebäude kommen, aber aus jeweils anderen Räumen per Video von ihren Pädagogen angeleitet würden. Die Eltern seien gut beraten, dieses Kompromissangebot nicht vorschnell als hirnrissige…“

„… werde Chorsingen nicht zu unrecht als Superspreading-Risiko angesehen. Schulchöre seien davon ausgenommen, da die Aerosole bereits in Kirchen und Konzerträumen ausgeatmet worden seien und den Weg in die Schulen gar nicht…“

„… die Schulen auch als Schutzraum sehen würden, wo keine überflüssigen Tests durchgeführt werden könnten. Dadurch werde auch verhindert, dass durch viele positive Ergebnisse der Aufenthalt der Kinder in den…“

„… das Atemverhalten die Bildung infektiöser Aerosolen nicht begünstige. Dass in den Schulen vorwiegend von Lehrern gesprochen werde, verringere die Risiken, dass die aus den Haushalten eingeschleppten Viren sich unter den Kindern in…“

„… das Vorgehen der Arbeitsquarantäne auch auf die Schulen übertragen wolle. Zur Vorsicht sei die Aufstallung aller Kinder bis zum Ende des Schuljahrs eine Möglichkeit, die Erwerbsfähigkeit der Eltern auch im Falle einer…“

„… habe Stark-Watzinger es abgelehnt, sich vor Ort ein Bild von den Zuständen in den Schulen zu machen. Angesichts der immensen Gefahr einer Infektion mit dem Corona-Virus werde sie auf gar keinen Fall in die Nähe von…“





Konsistente Therapieangebote

24 01 2022

„Die 417 hat aufgehört zu schreien? Das ist okay, Hauptsache, sie hört nicht auf zu atmen. Dann wäre die Behandlung beendet, und wir könnten ihr keine therapeutischen Maßnahmen mehr in Rechnung stellen. Bereiten Sie schon mal den Aderlass vor.

Natürlich sind wir hier alle approbierte Ärzte, wir haben hoch qualifiziertes Pflegepersonal und einen exzellenten Ruf, was intensivmedizinische Versorgung angeht. Drüben haben wir die normale Station, da werden Sie auch nach allen Regeln der Kunst behandelt. Das mag für Fälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall selbstverständlich klingen, ich würde Ihnen das auch empfehlen, aber wir leben in einem freien Land, es gilt Eigenverantwortung, den Rest können Sie sich ja denken.

Ein Teil der medizinischen Versorgung wird ja bereits erfolgreich an die Bevölkerung delegiert. Sie tragen Sehhilfe, also sind Sie bereits betroffen. Und da wir Versorgung nicht mehr ohne unsere eigene betriebswirtschaftliche Kalkulation betreiben, muss man ja im Sinne der Dienstleistungsgesellschaft, die uns laut Hartz-Reformen zu einem erfolgreichen Staat gemacht hat, durchaus die Kernfrage stellen: wie viel Kohle können wir Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden, aus den Rippen leiern?

Hat der 429 die perorale Gabe von Chlorbleiche schon geholfen? Dann räumen Sie das Zimmer frei, wir haben gleich den nächsten Patienten. In dem Fall können Sie auf der Todesbescheinigung gerne vermerken, dass er nicht an, sondern mit Corona verstorben ist. Sie sind jetzt vielleicht ein bisschen überrascht, aber wir nehmen Patientenwünsche sehr ernst. Wir stehen alternativen Therapieformen auch aufgeschlossen gegenüber, und wenn jemand auf die Art auf unserer Station versterben will, dann machen wir das gerne. Dazu ist die Medizin nach Ansicht dieser skeptischen Minderheit ja da.

Schröpfköpfe sind immer gut, das ist für das Gesundheitssystem geradezu sprichwörtlich. Wir weisen in den Behandlungsverträgen natürlich auf die wissenschaftlich nicht bewiesen Wirksamkeit der Methode hin, geben aber zu bedenken, dass die unangenehmen Empfindungen durchaus eine Art Placebo-Effekt hervorrufen. Das ist wie mit dem Rauchen, man fühlt sich ja auch nur entspannt, weil bei Nikotinzufuhr die Entzugserscheinungen kurz nachlassen. Für Skeptiker, beispielsweise Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem anderweitig funktionierendem Verstand, gibt es den Hinweis, dass die mesopotamische, die ägyptische und die chinesische Medizin diese Therapie auch schon als Standard bei allerlei Gebrechen wie Diabetes, Rheuma, Kurzsichtigkeit oder Schnupfen empfohlen haben. Wir befinden uns durchaus in einer Tradition, die schon viele überlebt haben.

Die 428 hatte einen kurzfristigen Herzstillstand, deshalb haben wir ihr nach dem Wissensstand des Behandlungsvertrags Tabakrauch in den Enddarm geblasen. Zur Wiederbelebung. Wie zu erwarten haben wir jetzt einen langfristigen Herzstillstand.

In einer Gesellschaft, in der man den Patienten die Grundregeln der Humanmedizin vortanzen kann und meist zurückbekommt, dass sie alles besser wissen, müssen Sie irgendwann ein konsistentes Therapieangebot machen. Wir haben uns für die allgemein bekannten Verfahren des Mittelalters entschieden, und das war nicht ganz leicht. Ich als Fachmann weiß zum Beispiel, dass die arabische Welt pharmakologisch erheblich weiter war als der Westen, aber erzählen Sie mal einem besorgten Bürger. Die erste endotracheale Intubation wurde 1543 angewandt, das lassen wir natürlich weg, da es sonst als Lügenmedizin gebrandmarkt würde. Die Kunden finden es authentischer, dass wir ihnen bei Irrsinn den Schädel aufmeißeln.

Der Hausmeister ist schon wieder zu früh dran, wie oft soll ich das noch sagen? Wenn der Kerl wieder den ganzen Flur ausräuchert, kann er sich auf ein Donnerwetter gefasst machen! Ich will auf der Station keine verkohlten Ginsterzweige mehr gegen unruhige Säfte, und er soll seine Pestmaske aufsetzen! Wenn er sich diesmal nicht an die Regeln hält, wird er ab morgen zur Vokalatmung versetzt oder zur Klangschalentherapie!

441 ist ja schon länger hirntot, da half auch kein Detox. Der war eigentlich schon bei Einlieferung vegetativ auf Null, weil er uns gesagt hat, dass die Erkrankung, wegen derer er dann gestorben ist, gar nicht existieren kann, da sein Sternzeichen das nicht zulässt. Interessant. Wir könnten ihn jetzt in die Kühlung verlagern, aber er ist Privatpatient, und da nutzen wir jede Möglichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wir wenden gerne experimentelle Verfahren an, wenn wir vorher rausgefunden haben, was wir an Wirkung erwarten können. Reinkarnation ist okay, mit Reiki haben wir im Internet gute Erfahrungen gemacht, und Heilsteine dürfen wir nur nach der üblichen Desinfektion anwenden. Das ist immer noch besser als Geistheilung, weil man da nicht genau weiß, wessen Geist eigentlich geheilt werden sollte. Immerhin haben wir eine Zusammenfassung der Eigenurintherapie mit klassischer Harnschau geschafft: erst guckt sich das die Pflegekraft an, dann können die Patienten mit dem Zeug machen, was sie wollen. Falls das irgendwie biodynamisch wirkt, sagen Sie Bescheid, wir integrieren das in die üblichen Behandlungsmethoden.

Heilhüpfen können Sie haben, gerne auch in konzentrischen Kreisen, mit oder ohne Ohrkerzen, und wir machen dazu anthroposophisches Kratzen auf der naturbelassenen Schiefertafel. Alles kein Problem. Globuli? Entschuldigung, hatten Sie das nicht kapiert? Wir sind Ärzte!“





Schuldknechtschaft

19 01 2022

„… in vielen Ländern bis heute körperlich und seelisch ausgebeutet würden. Die Bundesregierung werde dazu noch strenger auf die UN-Konvention hinweisen, damit Kinderarbeit nicht länger zum…“

„… zahlreiche Auswirkungen auch auf die deutschen Märkte hätte. So könnten sich gerade die Ärmsten der Armen, die vom Bürgergeld leben müssten, alltägliche Produkte wie Schokolade und Kaffee nicht mehr leisten, wenn die EU durch eine überzogene Verbotspolitik die soziale Schere aus moralischen Gründen ansetze. Merz fordere ein…“

„… würden Gegenpositionen in der öffentlichen Diskussion oftmals vorsätzlich unterschlagen. Weidel sehe in der frühen Berufstätigkeit auch eine praktisch orientierte Bildungschance, da man bei minderwertigen Rassen mit Schule nur überflüssige Potenziale zur Auswanderung nach…“

„… touristische Angebote sehr stark von einem ausreichenden Vorrat an Kinderarbeitskräften abhängig seien. Gerade durch negative Faktoren wie Corona oder den Klimawandel müsse man die Reiseindustrie wieder stärken, indem man durch eine flexiblere Kooperation mit den Betrieben vor Ort eine beiderseitige…“

„… nach Lindners Ansicht mit dem sofortigen Stopp keinem gedient sei. Vielmehr müssten auch die positiven Effekte gesehen werden, die in den Herkunftsregionen viel deutlicher zutage träten als in Europa. Eine langfristige Verbesserung aller an den Lieferketten beteiligten Volkswirtschaften sei nur mit einem langsamen Ausstieg aus der…“

„… werde auch die Textilindustrie nachhaltig geschwächt, wenn andere soziale Randgruppen wie Frauen die Hauptlast der Fabrikarbeit zu tragen hätten. Merz wolle durch eine bessere Verteilung der Arbeit auf die Gesellschaft ein nachhaltiges…“

„… dass in Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten noch bis weit ins vergangene Jahrhundert Kinder ganz selbstverständlich in den elterlichen Betrieben beschäftigt und teilweise dafür nicht einmal entlohnt worden seien. Die FDP warne vor einer Neiddebatte, dass die vergleichsweise gute Lohnsituation in den heutigen Ländern der Dritten Welt im Vergleich zu den damals…“

„… habe auch die AfD kein Interesse an einer kompletten Ächtung der Kinderarbeit. Würde man den Familien die Anreize zur eigenverantwortlichen Haushaltsführung nehmen, so Meuthen, so öffne man die Schleusen einer Massenmigration, die vor allem unbegleitete Jugendliche aus sämtlichen…“

„… könne sich Kubicki auch einen direkten Transfer ausländischer Wirtschaftsmodelle auf die deutschen Verbraucher vorstellen. So sei die legale Verschreibung in Schuldknechtschaft für viele sich in Privatinsolvenz befindliche Erwerbslose eine durchaus attraktive Möglichkeit, die letztlich auch die Interessen der Finanzdienstleister sehr gut…“

„… sich der Fachkräftemangel inzwischen auch in Ostasien zeige. Für den Bundesverband der Deutschen Industrie sei klar, dass viele Firmen im Schichtbetriebe ohne den Einsatz von Kindern nicht mehr wirtschaftlich arbeiten könnten, weshalb das Verbot nach internationalen Richtlinien langfristig zu schweren Schäden an der Weltwirtschaft und damit an den börsennotierten…“

„… sich Merz im Falle der Textilhersteller für den möglichst frühen Einstieg in die Erwerbsarbeit ausgesprochen habe. Durch das Ansammeln vieler Berufsjahre steige seiner Erfahrung nach auch die individuelle Rente, was zu mehr Wohlstand und…“

„… habe Deutschland nach Ansicht von Weidel kein Recht, anderen Ländern ihren Umgang mit den eigenen Kindern vorzuschreiben, solange hier noch geduldet werde, dass linksextremistische Demos während der Schulzeit die Zerstörung staatlicher Erziehungsziele einläuten würden, bis sich die…“

„… werde das Aufstiegsversprechen des freien Marktes sich gerade in den aufstrebenden Nationen beispielhaft bewahrheiten. So könne ein Kind, das mit fünf Jahren als Näher seine Karriere starte, mit 35 bereits Eigentümer eines Textilkonzerns mit mehr als einer Million Arbeitskräften sein, die mit ihrem eigenen Konsumverhalten für eine große…“

„… müssten Veränderungen im politischen und gesellschaftlichen System der Länder berücksichtigt werden. Lindner warne vor einer Ausbreitung der Kindergewerkschaften, die noch mehr Sozialismus und Verarmung in den betreffenden…“

„… lehne die AfD die Zuwanderung von mehreren Millionen Kinderarbeitern pro Jahr strikt ab, da es nicht genug Beschäftigungsmöglichkeiten für diese gebe. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Arbeitsmigranten deutschen Kindern die Ferienjobs wegnähmen, was zu einer katastrophalen…“

„… weite Teile der Union die Ausweitung eines allgemeinen Kinderarbeitsverbots auf die deutsche Gesellschaft kritisch sähen. Man habe bereits durch das Verbot der körperlichen Züchtigung durch die Eltern das christliche Menschenbild leichtfertig preisgegeben und müsse nun durch besondere Berücksichtigung des Kindeswohls eine…“

„… sehe sich die Kultusministerkonferenz aber nicht in der Lage, ein einheitliches Urteil über Lockerungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes zu kommunizieren. Man gebe jedoch zu bedenken, dass die Kinder in Deutschland durch die in den Schulen vorangetriebene Durchseuchung mit dem Corona-Virus derzeit nicht geeignet seien, die in der Wirtschaft erwarteten Personallücken einer neuen Infektionswelle zeitnah zu…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVII): Wertschätzungszwang

14 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst tapert herum durch die öffentliche Welt. Es stolpert ständig jedem um den Hals und herzt dahergelaufene Deppen, schlägt Knalltüten vor Freude auf die Schulter und bejubelt jeden Feuchtbeutel, der mit seiner Atmung intellektuell voll ausgelastet erscheint. Dieser Geist ist voller Respekt, ach was: geradezu liebestrunken geht er in die Knie bei allen hirnverdübelten Schnackbratzen, denen eine Runde Vollkontakt mit der Faust große Dienste erweisen würde. Es ist die dämlichste Idee der Menschheit, ausnahmslos alle Hominiden für ihre sozial kaum verträglichen Sondermeinungen zu achten, ihnen für jede hirnrissige Absonderung in aufrichtiger Ehrerbietung zu nahmen und sie auch sonst zu behandeln, als hätten diese Mehlmützen noch ansatzweise alle Rillen auf der Erbse. Dieser dämliche Wertschätzungszwang, der uns vor allem im professionellen Umgang miteinander täglich bis knapp hinter die Grenze des Erbrechens treibt, er ist schlicht und ergreifend überflüssig. Und schädlich.

Selbstredend akzeptieren wir die Neigungen des Anderen zu flamboyantem Schuhwerk, Weingenuss bei Körpertemperatur und religiösem Aberglauben, solange er uns nicht nötigt, desgleichen zu tun. Wo aber nicht der Hang zur Individualität entscheidend ist, sondern die Dummheit ihr debiles Grinsen aus dem Gesichtsübungsfeld quetscht, da wird jegliche Duldsamkeit hinfällig. Torheit lähmt die Interaktion und lässt jeden halbwegs zur Vernunft fähigen Luftverbraucher in brüllendem Schmerz zurück, dass diese versaubeutelten Fehlversuche sich mit uns auf einer Erdkrümmung aufhalten dürfen. Wir aber haben laut Anstandsvereinbarung zu allem gute Miene zu machen? Nix da.

Um des lieben Friedens willen hocken wir auf der Geburtstagsfeier treu gegenüber dem ständig angetrunkenen Urgroßonkel mit dem angespannten Verhältnis zu Wasser und Seife, hören uns seine wirren Geschichten zu Kolonialismus, Krieg und Rassentheorie an und lassen ihm alles durchgehen, auch wenn er ankündigt, mit der abgesägten Flinte auf die Nachbarskinder zu zielen, weil polnische Nachnamen ein untrügliches Zeichen für genetisch veranlagten Kommunismus seien. Wir schieben ihm Schnaps über den Tisch, ignorieren sein Geopfer und ärgern uns die Magenschleimhaut wund, weil er auch bei der nächsten Beerdigung wieder verbale Faulgase absondern und die Gesellschaft in den blanken Ekel treiben wird. Wir aber sind selbst an der Misere schuld, weil sich das dümmliche Gefasel leicht von der Klippe kippen ließe, nicht ganz ohne Gewalt, aber nachhaltig und in angenehmer Stille verebbend. Man muss es nur wollen.

Gleichfalls wird jedes Team, ob es nun kegelt oder Panzerwagen aus Kartoffelbrei schwiemelt, zu Harmonie und Eintracht verurteilt, damit keine Zeit verlustig geht durch überflüssige Konfliktlösungen oder einen klärenden Axthieb. Wir alle haben uns furchtbar lieb und gehen damit den anderen auf den Zwirn, koste es, was es wolle. Selbstverständlich ist es gut, vertrauensvoll miteinander umzugehen und nicht nur den Materialwert einer Personalressource zu betrachten, aber die ständige Rücksichtnahme auf sozial nicht anpassungsfähige Bumsrüben ist in jeder Konstellation ein schwerer Ausnahmefehler, der alsbald zum Knirschen des Systems führt.

Die Ähnlichkeit mit dem Toleranzparadoxon ist kein Zufall. Auch hier sind die sozial kompetenten Klugen solange dumm zu den sozial inkompetenten Dummen, bis die Dummen den Rest des Systems in die kollektive Beklopptheit geführt haben, weil man ihre indolente Brägenversuppung immer und immer wieder für lässliche Verfehlung, nicht aber für eine virulente Gefahr hielt, an der sich die Population mit Hohlbratzigkeit infiziert, die ohne Prügel nicht mehr weggeht, mit Prügel höchstens zur Hälfte. Wir gehen mit dem intellektuellen Schmodder um, als handele es sich um geistige Einzelgänger, die man mit dem einen oder anderen freundlichen Hinweis leicht wieder auf den Pfad der Tugend brächte, würden die manischen Stumpfstullen einem bloß einmal richtig zuhören. Die Nichtdenker, die ihre eigene Ignoranz für mindestens so viel wert halten wie das Wissen der anderen, sie fordern für sich den gleichen Respekt ein, den sie dabei anderen nicht zugestehen, weshalb sie den sozialen Kontrakt dann schlicht aufkündigen, um ebendies den Gegnern vorzuwerfen, wie man es aus Opferrollenmentalität nun einmal zu tun pflegt.

Hören wir endlich damit auf, den Nervensägen ständig mit Dankbarkeit zu begegnen, weil sie uns einfach noch nicht zusammengeschlagen haben. Sie verwechseln Freiheit grundsätzlich mit der Freiheit gegen andere, nicht zuletzt deshalb, weil alles am Ende mit Konsenssauce zugekleistert wird, wenn nur alle damit einverstanden sind, dass sich alle – die anderen nämlich – zusammenreißen, damit der Kahn nicht kippt. Sonst sind wir bald bei der Zucht von Helden ohne Geschäftsbereich, wie sie von ganzheitlich verstrahlten Eltern durch permanenten Jubel bei der geringsten Äußerung des Enddarms zu Soziopathen erzeugt werden. Wo das endet, wird bei mancherlei liberalen Lacksäufern klar, die uns Rücksichtslosigkeit als einklagbares Privileg verkaufen wollen. Respekt, wer das weghaut.





Kritische Infrastruktur

11 01 2022

„Und wenn die Feuerwehr nicht kommt?“ „Die Polizei ist meistens schneller.“ „Aber es kann ja mal brennen.“ „Wenn wir die ganze Feuerwehr in Quarantäne stecken, dann ist das auch egal.“ „Wir haben doch immer noch die Lehrer.“ „Wie kommen Sie denn jetzt auf die?“ „Naja, wenn die Schulen zu sind, dann sitzen die doch zu Hause.“

„Ich fordere sofort einen Notfallplan!“ „Wessen Aufgabe ist das denn eigentlich?“ „Seine.“ „Dann ist es ja auch nur logisch, dass er einen fordert.“ „Finde ich auch.“ „Aber kann man das einfach so aus dem Stegreif?“ „Die Experten hatten da vor etwa anderthalb Jahren mal etwas vorgelegt.“ „Das klingt gut.“ „Was haben wir da gesagt?“ „Dass wir uns nicht von Medizinern vorschreiben lassen, wie wir mit einer Krankheit umzugehen haben.“ „Hm.“ „Aber wir könnten doch jetzt ein paar Maßnahmen beschließen, damit die Leute sehen, dass wir alles im Griff haben.“ „Die Lehrer könnten vor der Schule Schnee fegen.“ „Und wenn es gar nicht schneit?“ „Geh doch nach drüben, Du linke Sau!“

„Wir müssen alle systemrelevanten Branchen berücksichtigen, das ist doch klar.“ „Mir haben zum Beispiel die Küchenbauer geschrieben.“ „Warum?“ „Irgendwie muss er halt seine Kohle verdienen.“ „So war das nicht gemeint!“ „Ach was.“ „Was wir jetzt brauchen, sind Stabilisierungsmaßnahmen, die die wichtigsten Wirtschaftsbereiche stabilisieren.“ „Also die Küchenstudios und die Bordelle.“ „Wieso die Bordelle?“ „Was?“ „Was?“ „Hat hier jemand aktuelle Zahlen?“ „Wovon denn?“ „Weiß ich auch nicht, aber aktuelle Zahlen hatte hier noch nie einer.“ „Gut, dann können wir ja alles so lassen, wie es ist.“ „Das klingt gut.“ „Und die Feuerwehr?“ „Wenn die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger sich in freiwilliger Quarantäne befindet, können nicht so viele Brände am Arbeitsplatz ausbrechen.“ „Und zu Hause?“ „Da setzen wir selbstverständlich auf Eigenverantwortung.“

„Wir könnten den Einzelhandel verstaatlichen.“ „Das klingt sehr gut.“ „Dann können die nicht mehr streiken.“ „Genau, wir machen das wie mit den Krankenhäusern.“ „Die haben wir doch privatisiert, damit sie nicht mehr so viel kosten.“ „Sterben können Sie auch ohne medizinische Hilfe, aber wenn ich nicht regelmäßig Alkohol und Klopapier kriege, dann wird es kompliziert.“ „Wir könnten die mit Minijobs ruhigstellen.“ „Und wenn dann alle kündigen?“ „Das würden die nie wagen.“ „Stimmt, das macht man nur in absolut unterqualifizierten Berufen, in denen man schnell einen anderen Job findet.“ „Und die Polizei?“ „Wollen Sie die jetzt auch verstaatlichen?“ „Bloß nicht, sonst riskieren wir, dass die durch staatskritische Demonstranten in eine moralische Zwickmühle gebracht werden und nicht mehr mit aller Härte Verstöße gegen nicht genehmigte Versammlungen ahnden.“

„Die Handwerker haben doch momentan Zeit.“ „Stimmt, mein Klempner kommt ja auch erst im März.“ „Das heißt, wir könnten die für mindestens sechs Wochen ins Krankenhaus schicken?“ „Lieber in die Schule.“ „Oder in den Einzelhandel.“ „Die sind doch gerade durch 2G leer?“ „Dann kann man ja Verkäufer im Handwerk einsetzen.“ „Sie können doch nicht qualifiziertes Verkaufspersonal in einen Beruf versetzen, in dem man nur Steine in eine Schubkarre schmeißt oder Rohre schweißt!“ „Wenn das zu schwierig ist, könnte man sie in die Politik bringen.“ „Das kostet Wählerstimmen.“ „Ich weiß, weil dann Supermärkte nicht mehr funktionieren.“ „Eben.“ „Da sehen Sie es, wir müssen höllisch aufpassen, dass wir bei der kritischen Infrastruktur keine Fehler machen!“

„Haben wir einen Krisenstab?“ „Den haben wir schon beim Hochwasser nicht gebraucht.“ „Und die Feuerwehr?“ „Die kann nur im Kriegsfall vom Bund beordert werden.“ „Das heißt, wir müssen das nächste Hochwasser zum Verteidigungsfall erklären?“ „Vielleicht hilft dann die Bundeswehr.“ „Wenn die Truppe das macht, kann die Feuerwehr ja auch in die Schule.“ „Was soll das denn?“ „Die Lehrer müssen doch in den Einzelhandel, weil sie nicht im Handwerk…“ „Jetzt haben Sie alles durcheinander gebracht.“ „Die Handwerker kommen jedenfalls erst, wenn das Wasser weg ist.“ „Die sind ja auch erst mal beschäftigt.“ „Mit den Krankenpflegern?“ „Fegen die nicht den Schnee weg?“ „Nur bei Hochwasser.“ „Ach was.“ „Und die Polizei?“ „Die arbeitet jetzt in zwei Mannschaften, die eine soll die andere ja nicht infizieren.“ „Und wenn eine sich unabhängig von der anderen infiziert?“ „Das ist so nicht vorgesehen.“

„Also sehe ich das richtig, die Küchenbauer haben Sie in dem Notfallplan nicht berücksichtigt?“ „Wir machen uns da große Sorgen, das sind ja auch Spezialkräfte, die man nicht einfach ersetzen kann.“ „Da haben das die Sachsen mit den Bürgerwehren schon leichter.“ „Die Übergänge zur Polizei sind da traditionell sowieso eher fließend.“ „Man müsste sich überlegen, ob man kritische Personengruppen überhaupt noch in Quarantäne nimmt.“ „Also wenn man sich kritisch äußert, kommt man nicht mehr in Quarantäne?“ „Sie haben da wirklich etwas nicht verstanden.“ „Aber…“ „Das würde bei Organen der Sicherheit natürlich zu einer Durchseuchung führen.“ „Definitiv?“ „Definitiv.“ „Das ist doch mal eine Aussage!“ „Damit hätten wir dann ja alles geklärt.“ „Großartig!“ „Gut, dann machen wir das so: Feuerwehr, Polizei, Pfleger, Lehrer…“ „Und die Küchenbauer?“ „Um Gottes Willen – wir als Landesregierung müssen doch alles tun, um die wehrlosesten Mitglieder unserer Gesellschaft vor dieser schrecklichen Pandemie zu schützen!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCVI): Das Hausfrauenmodell

7 01 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenigstens das Problem hatte Rrt nicht, dass er weibliche Sippenmitglieder bei der Leitung seiner familiären Wohngemeinschaft berücksichtigen musste. Er sorgte für Bison und Buntbeeren, sein Weib, diverse andere Frauen sowie die Töchter, Nichten oder Schwippschwägerinnen verarbeiteten den Fang zu Braten, Suppe, Kleidung, Schmuck oder Kultobjekten. Das Paläolithikum war durchaus arbeitsintensiv im Abgang, auch wenn sich die Frau eher im Behausungsbereich beschäftigte – nicht, weil sie nicht im Zweifel Säbelzahnbiber in die Flucht schlagen zu vermochten, es machte nur ihre Verfügbarkeit für haushaltsnahe Dienstleistungen viel größer. Das Erfolgsmodell, das noch heute als Home Office praktiziert wird, es wurde in weiteren Entwicklungsstufen mit neuen Kulturtechniken bis zur Stütze der Gesellschaft etabliert, auch da noch, wo es vollkommen sinnlos wurde. Und wie die moderne Welt nun einmal ist, wenn etwas absurd ist und eigentlich in die Rundablage gehört, wird er bis zum Komplettkollaps verteidigt. So auch das Hausfrauenmodell.

Die in vergangenen Jahrzehnten bis 40 Stunden gesunkene Erwerbsarbeitszeit ist obsolet wie eine Postkutsche – sonntags in putzigen Filmen guckt man sich derlei musealen Murks gerne an, aber es wird in der Zukunft von heute schon keine Rolle mehr spielen, erst recht nicht im kommenden Mangel an Arbeit, die aus Digitalisierung und Automatisierung folgt, wenn wir sie irgendwann erreichen werden. Das traditionelle Strickmuster von Vater-Mutter-Kind-Kind-Familien als Norm der bürgerlichen Existenz zwickt wie eine zu enge Hose und hat nichts mehr zu tun mit einer Gesellschaft, der die Entkoppelung von Lohn und Arbeit längst als Lichtlein aufgegangen sein dürfte, auch und gerade durch die Pandemie. Jedes bessere Start-up, jede realistische Work-Life-Balance ist nicht mehr denkbar ohne eine partnerschaftliche Organisation von Arbeits-, Frei- und Pflege- oder Erziehungszeit, die in den meisten Fällen als Selbstverständlichkeit zwischen Tür und Angel erwartet wird, neben den anderen Selbstverständlichen wie Staubsaugen und Schlaf irgendwie aus den Rippen geschwiemelt und natürlich kostenlos, denn der Staat braucht ja auch Kinder und Ehrenamt, am besten aus den niederen Einkommensschichten, damit Leistungsträger sich zwischen Vorstand und Golf nicht so stressen.

Kinder, Küche, Kranke darf die Frau – natürlich die Frau, denn welcher echte Mann würde schon in Teilzeit gehen, ein paar Wochen nach der Geburt für den Nachwuchs zu Hause bleiben oder freiwillig als Putzhilfe die Karriere seiner berufstätigen Gattin im Hintergrund unterstützen – gänzlich gleichgestellt managen, da sie sich vom Hausfrauenmodell des 40-Stunden-Alleinverdieners die Ressourcen dazu freihalten lässt, um vielleicht ein bisschen nebenbei zu verdienen. Höchstwahrscheinlich landet sie in der Teilzeitfalle, kommt auch nach Jahren nicht mehr in den Job, hat im Falle der Scheidung oder als allein Erziehende entweder zu wenig Geld oder zu wenig Zeit, im Regelfall beides, und büßt so für den betonierten kapitalistischen Zwangs.

Wird jetzt alles anders, wo eine neue Regierung jubelnd egalitäre Teilhabe an der Lohnarbeit fordert und an der Fürsorge? Am Gesäß aber, Kameraden, denn die Lohnlücken ergeben sich nicht nur durch Minijobs, die früher oder später in die Altersarmut der weiblichen Bevölkerungshälfte führen, sie sind jetzt schon real durch schlechtere Bezahlung, durch faktische Nötigung eines Verdieners zum Acht-Stunden-Tag, durch ein unausgewogenes Modell des Elterngeldes, durch Ehegattensplitting, das den Anreiz zum Lohnunterschied so lange in die Köpfe drischt, bis Grundsicherung durchs Fenster grinst.

Wo es uns mittlerweile so gut geht, dass die Wirtschaft sich wieder auf zehn bis elf Stunden pro Arbeitstag kapriziert, darf der ansteigende Anteil an Singlehaushalten in der typischen Tretmühle gerne mitmachen, aber das ist nicht das Problem. Sie sind mit ihrer Erwerbstätigkeit annähernd ausgelastet, können aber im Falle der Familiengründung nicht einfach ein Viertel davon abgeben, beispielsweise für neue Stellen, die Anforderung und Bedürfnisse wieder in Einklang bringen. Alles, was Zeitmangel und Überarbeitung, die Hand in Hand gehen, an allfälligen Stressoren erzeugen, geht auch wieder zulasten der Gesundheit, die sich wiederum auf die Anwesenheit am Arbeitsplatz auswirkt. Der Kapitalismus und seine negativen Effekte bergen dem Überraschungen, der sich mit Scheuklappen durchs Dunkel tastet. Bei Tageslicht besehen hätte man diese Festspiele des Versagens weitaus früher wahrnehmen können.

Vielleicht lösen wir das gesamtgesellschaftlich. Die jüngst geborene Generation darf sich frei entscheiden und bekommt nicht mehr mit der Erziehung eingetrichtert, wie sie sich konform zu verhalten hat. Oder wir sorgen einfach nur dafür, dass sie so erzogen wird, dass sie ihren Kindern, die sie dereinst sicher auch haben werden, diese Art der Erziehung angedeihen lassen werden. Oder die ihren Kindern. Oder die ihren. Oder immer so weiter. Unter Umständen hat ja irgendwann jemand Zeit dafür, nach Spätschicht und Abwasch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCV): Das Grundrecht auf Egoismus

17 12 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einen großen Vorteil hatte der Feudalismus in Bezug auf den Leistungsgedanken: Besitz, der im Normalfall durch Erbe erworben wurde, galt als Leistung. Natürlich waren hier und da ein paar Pflichten mit der gesellschaftlichen Stellung verbunden, aber solange ein Lehensmann im Krieg nicht die eigene Rübe hinhalten musste, sich von den Leibeigenen durchfüttern ließ und Recht über sie sprechen durfte, war das Leben einigermaßen erträglich. Besonders letzterer Umstand hatte schon vieles für sich, denn die Verbindung aus Macht und Eigentum weckte auch später im Bürgertum den innigen Wunsch, dem Trieb zu folgen und sich um geltendes Recht einen feuchten Fisch zu kümmern. Der Absolutismus perfektionierte den Gedanken, in nachrevolutionärer Zeit gab der Kapitalismus ein paar entscheidende Impulse, und jüngst haben sich durch die Wiedererweckung des Feudalstaates die Schnöselklasse und ihr Anspruchsdenken zu einer heiligen Allianz aus Arsch und Eimer gefunden, die von den Knalltüten der Unterschicht stolz und ohne Aufforderung nachgetanzt wird. Zu den üblichen Irrtümern über das Wesen einer Gesellschaft kommt nun das Grundrecht auf Egoismus.

Wer wenig im Kopf spazieren führt, hält sich gern an den Krücken der Folklore fest. Die Neigung zum sinnfreien Geplärr verwechselt die Kasperade mit Meinungsfreiheit, die Einrede anderer Personen mit nachweisbarem Bildungsabschluss für Zensur, jede andere Tätigkeit für grundrechtsbewehrt. So wähnt der Laberlurch sich in einer Diktatur, wenn jenes Terrorregime, das regelmäßig ein Parlament wählen lässt und eigene Organe zur Wahrung des Rechtsfriedens unterhält, ihm das Abbrennen von Feuerwerk und Asylbewerberheimen untersagt. Er fordert von diesem Staat die Zensur der angeblich staatlichen Medien, weil er der Ansicht ist, dass sie vom Staat zensiert würden, wobei möglicherweise nur das Ergebnis ihm nicht passt, was er dann für einen Verstoß gegen die Meinungsfreiheit hält. Es gibt Bürger, die für weniger in der geschlossenen Psychiatrie sitzen, aber da besteht Hoffnung.

Was der gemeine Depp sich nun aus seiner wirr zusammengeschwiemelten Wirklichkeit quetscht, ist das Gegenteil von Solidarität und ein sicheres Mittel, den eigenen Ast abzusägen, was in etwa seiner intellektuellen Grundausstattung entspricht. In seiner Kurzsichtigkeit beharrt er auf Recht, die Tauben auf seinem Dach festzunageln: Schnitzel für alle, mit 240 durch die Autobahnbaustelle, für fünf Euro nach Malle und ja keine Impfung, weil da noch mehr Mist drin sein könnte als im Schnitzel. Für ihn existiert keine Räson, eine staatliche schon gleich gar nicht. Die Staatsgewalt ist ihm suspekt, und es fehlte nicht viel, er träte aus dem Laden aus, weil die Regeln ihn zu kompliziert sind. Masken im Supermarkt? Menschenrechte! Opferrolle!

Man muss zur Verteidigung der Mehlmützen zugeben, dass die gierigen Protagonisten aus Politik und Wirtschaft das weitgehend moralfreie Raffen und Treten in jahrzehntelanger Offenheit vorgelebt und perfektioniert haben, bis es als Inbegriff des bürgerlichen Erfolgs galt und schamlos als dessen Zweck und Ziel gepriesen wurde. Was sich nun als Elite feierte, war im Gegensatz zum Mittelprekariat oft schon durch ererbten Status in einer besseren Ausgangsposition als der nachäffende Nappel, doch die Eigensucht wurde beworben als Chance zum Aufstieg, den man ihnen einst versprochen hatte. Dass die Hohlschwätzer emsig das Märchen von der Notwendigkeit des Nachtwächterstaates und der Steuersenkung nachplappern, das ihnen als Elixier der Gutsituierten eingeflößt wird, zeigt auch, wie bereitwillig die Knechte gegen eigene Interessen verstoßen können, weil sie hoffen, irgendwann so reich zu sein, dass sie die Steuern müssten, die die Oberschicht heute schon hinterzieht.

Das Grundverständnis, eine Verfassung sei nur installiert worden, um der Egoisten Dämlichkeit zu legitimieren, ist von außen durch immunisierende Kacklappigkeit nicht mehr zu durchdringen, jeder Versuch einer Gegenrede wird sofort als Straftat gewertet. Ihr geistiger Horizont ist punktförmig im Vakuum, deshalb verlangen sie auch, dass sich der Rest der Welt darum dreht, und also verwechseln sie ihr Schwindelgefühl mit Zustimmung oder, in der Liga rückrufpflichtiger Begriffe uneinholbar an die Spitze gespült, Freiheit. Hier aber schwappt die Dummheit ins Pathologische, wo sich der Blödföhn nur dann wirklich als Mensch fühlt, wo er auf die Existenz aller anderen pfeifen kann. Im Karneval der Zellkulturen hat es der gemeinschädliche Gnom weit gebracht, wenngleich er nicht versteht, dass er ohne fremde Hilfe ein Nichts wäre, eine miserabel aufgestellte Art auf dem abgeschrägten Weg in die Ausrottung, die den Rest der Umwelt allenfalls mit Humor und dennoch peripher tangiert, weil sie zu nichts nützt, höchstens als Biomasse. Mehr ist bei den Egomanen nicht zu holen, und wenn sie das Maul aufreißen, merkt man selten am Geruch, wo vorne und oben ist. Nun ist auch der Tod eine Art Autonomie, die man sich schöndenken kann, und es steht jedem frei, sich selbstverantwortlich aus dem Zirkus hier zu verabschieden, solange man keinen mitnimmt. Wo die bleiben, wer will da schon sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCIV): Greenwashing

10 12 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Auf der Suche nach Wahrheit landen wir alle früher oder später beim Werbefernsehen. Kieksende Kids rumpeln in luxuriösen E-Panzerwagen über naturbelassene Straßen aus Bio-Beton, an deren Spontanvegetation unter schadstofffrei blauem Himmel glückliche Kühe käuen und die Landschaft mit veganem Methan nachhaltig bereichern. Voller Engagement verkünden miserabel synchronisierte Teenager ihre Entschlossenheit, das von der Politik kurz nach der Unterschrift getonnte 1,5-Grad-Ziel als real existierenden Surrealismus zu begreifen, in atmosphärischen Farben für ACME inszeniert. Als würde das nette Kohlekraftwerk um die Ecke die Landschaft mit Gänseblümchenextrakt vollballern, schwabbert uns die Konzernpropaganda die Hirne zu: wir tun was, quasi jetzt gleich sofort. In drei Jahren. In fünf. Oder zehn. Oder nie. Irgendwas tun wir aber, und sei es nur Greenwashing.

Wahrscheinlich hat man komplette PR-Tanks ins Rhetorikseminar geprügelt, damit die Grütze schneller durchgeht als ‚Bestes Waschmittel‘ oder ‚Leckerste Vollkornreiswaffel westlich des Rheins‘. Eine Rotte geldgieriger Arschgeigen rutscht auf dem eigenen Angstschweiß aus, weil die restliche Menschheit längst gemerkt hat, wie viel Dreck der Kapitalismus mit sich herumschleppt. Schon klebt die Wirtschaft Fantasiebömmel auf die FCKW-freie Baumwolle, als würde man kalorienarmes Wasser unter die Menschheit jubeln – immer bescheißt die Leute, passt schon, wenn sie nichts merken. Je wolkiger das Versprechen, innerhalb der folgenden ölfzig Jahre kein Dingsda zu verblasen, desto lauter der Jubeltutenchor der geistig Untertunnelten.

Natürlich geht uns alle das Etikettengeklebe der Ökonomen etwas an, wenn wir nicht als tumbe Gesellschaft der chronischen Aufschieberitis auf den Leim gehen wollen. Schon juchzt die einzig wichtige Industrie, die Kraftfahrzeuge ausstößt, das Stromauto sei so supi, es sei an Urstheit mit dem an sich schon duften Benzintöff nicht zu vergleichen. Wir erinnern uns, die Dieselschleuder wurde uns auch als Erlösung vom Auspuffgetöse herbeigebetet und mit hastig zusammengeschwiemelten Szenarien des Weltuntergangs verglichen, um dem gemeinen Nappel den Erwerb der Heizölkarre zu insinuieren – besser als ein Meteoriteneinschlag während der allgemeinen Nudelknappheit zur Helene-Fischer-Welttournee wäre es allemal gewesen.

Aber egal, die professionellen Klimaleugner, die unsere – unsere? wir haben den Schmodder mit den Gewinnen bezahlt und kommen jetzt auch noch für die versteckten Subventionen auf, bevor die Steuer fürs Katastrophenschutzprogramm uns den Boden unter den Füßen wegreißt – Kohle zur Abwehr der Zukunft verbraten, schleimen sich aalglatt an den Zielkonflikten entlang. Ein Cent pro Plastikbeutel würde reichen, frohlockt der gemeine Discounter, schaufelt sich mit der Methode eine halbe Million per anno rein und vergisst zufällig, wie sein übriges Grünzeugsortiment in Kunststofffolie geraten ist. Da barmt’s aus der Bierbranche, der Kunde könne gar nicht so viel von der Plempe saufen, wie der Hersteller Regenwald retten möchte – ungelöst aber bleibt, warum der Braumulti zehnmal so viel in die Reklame investiert wie in die Aufforstung. Bald stampfen stinkende Kreuzfahrtpötte den Restozean aus der Existenz, macht aber nix: an Bord gibt’s ja nur noch Handtücher aus nachhaltigem PVC-Textil, da kann man den Ausstoß der schwimmenden Kohlendioxidfabriken schon mal vernachlässigen.

Überhaupt ist die Grünwäscherei der mutige Versuch, die ganze Bevölkerung für geistig nicht satisfaktionsfähig zu verkaufen. Gäbe es nicht die Inseln aus kreisendem Plastik auf den Weltmeeren, hätten wir nicht längst Kleinstteilchen in jeder aus dem Wasser gefischten Nahrung, die an der eigenen Heiligkeit zugrunde gehenden Propagandalappen würden hoffen, dass niemand sich für ihr Geseier interessiert. Sie retten sich in die Zuversicht, dass der Verbraucher schlicht nicht alles boykottieren kann, wenn er irgendwie überleben will, oder aber ganze Produktgruppen ausblenden muss, Fahrzeuge und Fisch, Smartphones, Spielwaren, Tourismus. Und wer wäre schon so konsequent, ein Leben ohne Leberwurst aus ökologischen Motiven zu wählen.

Früher oder später wird es im Zeitalter der Wissenschaftsfeindlichkeit zum Schulterschluss mit dem Hokuspokus kommen, mit Homöopathie und Heilern, die die Schadstoffbelastung für Menschen in unseren Breitengraden wegpendeln, Globuli für Klimagestresste verordnen oder freie Energie aus Erdstrahlen gewinnen wollen, die gegen ordentlich Kohle das Chi oder irgendeine andere Schusswunde im Bewusstsein wegbügeln und uns alle zu Frieden und Freiheit helfen, damit wir nicht mehr merken, wenn der Planet uns mit Schmackes loswerden will. Als Alternative werden alle kritischen Stimmen, die nach Transparenz rufen, für Querulanten gehalten, die uns alle in den Ökoterrorismus treiben wollen. Bis dahin werden wir regional geerntete Bierdeckel, Recycling-Rollmops mit Stochern aus kontrolliert geschnitztem Qualitätstotholz, natürliche Aromen und naturidentische Natur erdulden und irgendwann als Normalfall akzeptieren. Irgendwer klatscht da sicher ein Bio-Siegel drauf. In Grün.





Nikolausejungen

6 12 2021

„… konfessionsübergreifend an den Sinn des Festes erinnern wollten. Weihnachten sei als religiöses Ereignis eine der tragenden Säulen der Kultur und werde gemeinsam von der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der Deutschen Bischofskonferenz als Zeichen der…“

„… erheblichen Protest angemeldet habe. Die soziale Komponente könne nie ohne die Sicherung von Arbeitsplätzen und Aktienkursen gedacht werden, für die das Weihnachtsgeschäft als größter Umsatzträger im Einzelhandel eine existenzielle…“

„… sich Lindner in die Debatte eingeschaltet habe. Als designierter Finanzminister könne er die geplanten Steuersenkungen für notleidende Erben und vom Hungertod bedrohte Millionäre nur dann realisieren, wenn die Umsatzsteuer eine solide Basis für die fiskalischen…“

„… auch in dunklen Tagen die Geburt des Herrn als Hoffnungszeichen deutbar sei. Brauchtum und Feste in der Weihnachtszeit böten den Menschen Halt, so Kardinal Marx, und könnten ihnen jenseits der materiellen Auslegung der…“

„… bereits in der protestantischen Arbeitsethik angelegt worden sei, dass die Bürger lieber den Wohlstand derer mehren würden, die nichts dafür getan hätten, was seit Luther ein Beweis für die Rechtfertigung des Konsums vor Weihnachten sei. Precht werde in seinem nächsten Buch die Bedeutung des Onlinehandels in der römischen Philosophie des christlich-jüdischen…“

„… nicht ohne die traditionellen Feiern in der Familie und das Weihnachtsessen begangen werde. Die Küchenbauer seien darauf angewiesen, dass Impfverweigerer, die durch die Zutrittsregeln keine Gaststätten betreten dürften, sich rechtzeitig mit einem Besuch in den Ausstellungsräumen der…“

„… könne sich Spahn vorstellen, als letzte Handlung vor der Entlassung aus dem Ministeramt die Maskenpflicht in allen Gottesdiensten bis zur einer 7-Tage-Inzidenz von 10.000 aufzuheben, wenn damit gleichzeitig die Selbstverpflichtung aller Bürger zu einer Boosterimpfung in den…“

„… auch an die Kinder denken müsse. Durch die Pandemie seien die Jüngsten psychisch oft stark belastet worden, es fehle ihnen an Resilienz und Ausgleich für die oft nicht nachvollziehbaren Einschränkungen. Als amtierender Präsident des Handelsverbandes Deutschland könne und wolle sich Sanktjohanser nicht ausmalen, welche Tragödien den Kleinen etwa beim Schenken des falschen Smartphones oder einer…“

„… typisch linkslinke Positionen sehe, wie sie die stalinistisch-liberale Koalition unter Scholz habe erwarten lassen. CSU-Generalsekretär Blume sei entsetzt über die fundamentalistischen Ansichten der Kirche, die sich gegen sein Verständnis von Christentum und deutschem…“

„… auch das Böllerverbot in diesem Licht als Frontalangriff auf das abendländische Brauchtum zum Ende des Kalenderjahres betrachtet werden müsse. Der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk sowie der Verband der pyrotechnischen Industrie seien nicht gewillt, das Berufsverbot der Scholz-Diktatur wehrlos zu akzeptieren. Auch wenn die Mehrheit der Bürger dies begrüßen würde, werde man die Prohibition notfalls mit verfassungsrechtlichen…“

„… müsse umgehend die Kraftfahrzeugsteuer ausgesetzt werden, um den Kauf großer Verbrenner zu vergünstigen. Wissing werde sich als Anwalt der Verbraucher für die Mittelschicht einsetzen, die ihre weihnachtlichen Gefühle auf die traditionelle Weise durch Quartalszahlen im…“

„… habe die EKD-Ratsvorsitzende Kurschus klargestellt, dass Feuerwerk an Silvester zu den heidnischen Überlieferungen zähle und von keiner Konfession aktiv unterstützt werde. Die Forderung der Industrieverbände, das Böllerverbot als Verstoß gegen den christlichen Glauben zu verurteilen, entbehre jeder kirchenrechtlichen…“

„… nicht durchdacht sei. Merz habe keine Sympathie für Nikolausejungen, die der Union als stärkster politischer Kraft ihre Interpretation von Christentum aufzwingen wollten. Sobald er zum Bundeskanzler gewählt worden sei, werde er durch eine mit der Wirtschaft abgestimmte Fassung der religiösen Bekenntnisse den Fortschritt in die…“

„… sich bereits Adenauer über die seinerzeit schon gebräuchliche Weihnachtsbeleuchtung in den Einkaufsstraßen beschwert habe. Für Brinkhaus sei dies ein Zeichen äußerster Gefahr, wenn auch die gefestigten Konservativen der guten alten Zeit von den Wahnideen eines entfesselten Katholizismus…“

„… sich als Vorsitzende angeboten habe. Ein Kampf für die überkommene Tradition des Böllerns am Jahresende sei so aussichtslos wie ihre Position für den Anschluss polnischer Gebiete an die BRD. Steinbach werde daher alles tun, was nötig sei, um Demokratie oder Vernunft mit allen Mitteln zu…“

„… die Trennung von Kirche und Staat falsch sei, wenn damit religiösen Würdenträgern erlaubt werde, im Rahmen der Verfassung Meinungen zu äußern. Precht werde in seinem nächsten Buch über die unchristlich-abendländische Gesellschaft die Geschichte der Soziologie seit dem Hochmittelalter bis zu den Anfängen der postbabylonischen…“

„… deutsche Traditionen in einer islamisierten Linksdiktatur nichts wert seien. Weidel fordere die sofortige Freigabe des Weihnachtsshoppings für alle Ungeimpften ohne Maske und Höchstanzahl an Ladenbesuchern. Nur mit einer entsprechend hohen Anzahl an verkauften Artikeln könne ab dem 27. Dezember der althergebrachte Umtausch in den Geschäften seinen normalen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXCII): Der Mythos der Überbevölkerung

26 11 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Ugas Höhle wurde es langsam eng. Seit vor zehn Generationen die Leute vom anderen Ufer des Flusses hinter der westlichen Felswand eingezogen waren, hatte sich der Verbrauch an Süßgras leicht vermehrt, die Ernte aber so gut wie verdoppelt, da mit Hilfe der Einwanderer erstmals systematisch das Grobborstige Knäuelkraut angebaut wurde. Der Sippenälteste jedoch bestand auf strikten Stopp der Besiedlung aller Höhlen neben dem Fischteich. Zu viele Hominiden, so Uga, würden irgendwann die wirtschaftlichen Grundlagen zukünftiger Stämme gefährden. Ob er bereits mutmaßte, dass sich die Erfindung des Rades dadurch um Monate verzögern würde, ist nicht geklärt; möglicherweise hatten sie in der Siedlung an der westlichen Felswand keinen Wahlkampf. Aber es entstand der Mythos der Überbevölkerung, wie wir ihn auch heute noch gern nutzen, wenn uns die Argumente ausgehen.

Der mediale Brüllmüll der letzten Jahre ist noch angefüllt mit Klischees vom vermehrungsfreudigen Afrikaner, dicht gefolgt von anderen Rassen, die europäische Nasskämmer aus dem Finanzsektor gerne kastrieren wollen, weil sie so elitäre Dinge wie Nahrung oder Energie für sich beanspruchen – man denke nur mal an Südamerikaner, die den Mais für ihre Kalorienzufuhr verplempern, während die neoliberale Arschgeige damit als Biosprit noch ihr Ökogewissen grünwaschen könnte. Da macht’s freilich Sinn, wenn man Indios mit ihren Feldern simultan wegklappt. Serviceorientierte Diktatoren übernehmen den Job für wenig Geld. Sollte man die Ressourcen für unser globales Klima – da kann man es endlich mal als schützenswertes Gut raushängen lassen! – nicht viel umsichtiger nutzen, auch und gerade im Interesse der Völker, für die wir Jobs und Mülldeponien schaffen?

Fakt ist, dass ein erschreckend großer Teil der Menschheit nach wie vor in Hunger und Elend lebt, unzureichende medizinische Versorgung hat und oft keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dass es sich bei diesen Menschen um Nachfahren der vom Kolonialismus betroffenen Arbeiter handelt, wird so nachhaltig wie überhebend unterschlagen. Erst mit den politischen Umwälzungen der aktuellen Epoche haben diese Staaten einen Weg bestritten, den die Ausbeuter des angeblich freien Westens nicht mehr tolerieren können: sie sind als willfährige Objekte der Entwicklungshilfe nicht dankbar genug, das Normalmaß an Elend einzuhalten, produzieren stets unschöne Bilder von hungernden Kindern und lauern an unseren Grenzen, wenn der Klimawandel sie zum auswandern nötigt. Sie sind zu viel, anders lässt sich unsere mathematische Überzeugung nicht mit schmerzlosen Mitteln zurechtschwiemeln.

Leider benötigen wir sie immer noch. Ohne die Überbevölkerung, wie wir sie nennen, gäbe es nicht ausreichend Fabrikarbeiter, die in maroden Hallen unsere Klamotten weben, färben und schneidern, unsere Spielwaren zusammendengeln oder unsere Smartphones aus unseren Bodenschätzen braten –es sind nicht unsere Bodenschätze, aber das hat sich bis in die Industrieländer nicht herumgesprochen. Es ist ja auch nicht unser Mais. Oder unser Hunger. Vor dem Hintergrund dieser Produktivität ist nicht die Anzahl der Menschen in den armen Nationen das Problem, sondern die gelassene Bereitschaft der Reichen, diesen Zivilisationsbruch auszublenden, damit wir uns am Überfluss nicht tot kotzen.

Der Kapitalismus ist nie schuld, er definiert die Probleme gewohnheitsmäßig so, dass sie unlösbar bleiben, damit sich die Kapitalisten nicht mit einer moralischen Begründung herumschlagen müssen. Mit dem billigen Schlüssel, für eine enorme Masse an Menschen in den unterentwickelten Regionen gar nicht genug tun zu können, um deren Leben und Wohlstand zu schützen, weil es eben viel zu viele seien, sind wir fein raus. Wir haben den bequemen Weg gewählt. Uns geht es gut. Noch.

Lustigerweise ist auch hier schon das Boot voll. Wir haben nicht genug Wohnungen für alle, nicht genug Jobs, zu viele Menschen für den Markt, und nicht genug Pflegepersonal für die vielen Kranken, nichtgenug Einzahler für die Renten, nicht genug Fachkräfte. Aber Logik stört hier nur, im Grunde ist auch unser Kontinent überbevölkert, wenigstens aus der Perspektive der Eliten, die sich beim Anblick der vielen Nichtmillionäre ekeln, was da alles ohne Porsche auf der Autobahn herumeiern darf. In ihren Augen backt sich Brot von alleine, Müll holt sich selbst ab, wie sich auch ihr Konto automatisch füllt. Da braucht’s dann die anderen Schichten auch nur, um den Klassenkampf unterhaltsamer zu machen, und das in der Bundesrepublik, die dichter besiedelt ist als Nigeria, die bevölkerungsreichste Nation in Afrika. Warum hat noch keiner gefordert, Monaco mit Napalm auf die korrekte Populationsdichte zu stutzen? Geht irgendwer in diesem Loch einer volkswirtschaftlich relevanten Arbeit nach?

Wir wachsen uns kaputt, und was die obszöne Überbevölkerung angeht, hält uns China längst den Spiegel vor: ein Aufschüttung von Megacities und Industriekonglomeraten, in denen der ganze Dreck für die Europäer zusammengehauen wird. Ein hässliches Bild an Überbevölkerung, das die vor Hochmut und moralischer Überlegenheit triefende Besserwisserei der Altweltkapitalisten anwidert. Bald werden wir es ihnen sagen, dass wir sie für ein verkommenes Völkchen halten, auf das wir mit Abscheu und Selbstgefälligkeit herabblicken. Bald. Ganz bestimmt. Wir müssen nur noch eben kurz verdrängen, dass wir dazu viel zu feige wären.