Triller unterm Pony

17 12 2018

„Sie können die Hand aber noch bewegen? Na, dann ist ja halb so wild. Ich sage immer, Hand verstaucht ist kein Beinbruch, hahaha!

Ich bin Sachbearbeiter und kein Arzt, und deshalb kann ich vermutlich auch die bessere Kosten-Nutzen-Rechnung erstellen. Im Prinzip ändert sich da ja auch gar nichts im Vergleich zu vorher: Sie übernehmen die Kosten, wir haben den Nutzen. Also liefern wir als Krankenversicherung auch eine Mischkalkulation, die alle Interessen gleichermaßen befriedigt. Gut, nicht immer Ihre, aber versetzen Sie sich zum Beispiel mal in die Lage eines Aktionärs, oder in die Lage eines Ministers. Der Aktionär wird sehr genau auf die betriebswirtschaftliche und die juristische Leistung der Kassen achten, und dann wird er auch den Minister genau informieren, was er zu tun hat. Und da muss man praxisorientiert vorgehen, sonst orientiert sich bald der ganze Medizinbetrieb weg von den Praxen.

Starke Kopfschmerzen, sagen Sie? schon seit gestern? Sie rufen erst jetzt an? Ja gut, die Hotline ist manchmal schon sehr dicht, aber wenn Sie die Warteschleife mit Werbung nehmen, dann sind Sie im Schnitt bis zu zwölf Stunden schneller bei einem Mitarbeiter. Die andere Leitung gibt es nicht mehr? Da sehen Sie mal, was der Minister für eine betriebswirtschaftlich herausragende Arbeit macht. So ein Preis-Leistungs-Verhältnis zu einer Seite aufzulösen, also alles in Richtung Preis, das ist bestmögliche Politik. Hören Sie? Kopfschmerzen sind nicht tödlich, ich habe gerade noch mal nachgeschlagen, für den Fall der Fälle liegt hier immer noch ein altes Gesundheitslexikon. In den Siebzigern gab‘s ja auch schon Kopfschmerzen, da brauchen Sie für den heutigen Kostensatz keine Hexerei zu erwarten.

Schwierig wird es ja bei Hypochondern, also bei Krankheiten, die man nicht an den Symptomen nachweisen kann. Depressionen beispielsweise, oder wenn jemand eine schwere schizoide Störung hat. Triller unterm Pony. Erkennt man auch nicht sofort, und wenn Sie ein bisschen findig sind, werden Sie damit sogar Minister.

Nee, Krebs machen wir jetzt auch mit. Haben Sie schon Erfahrung damit? wir nämlich nicht. Für Hautkrebs hatten wir bis vor sechs Wochen eine Kollegin, die hat sonst die ganzen Solariumskunden betreut, aber Lunge sagt mir jetzt nichts. Nächste Woche haben wir einen Finanzexperten da, der hatte schon mal einen Hinterwandinfarkt, aber das wird Ihnen jetzt auch nicht groß weiterhelfen.

Wie gesagt, Depressionen. Bei der aktuellen Stimmungslage kann man ja nur noch schwermütig werden. Insofern ist da genug Vergleichspotenzial vorhanden und Sie können mit Ihrem Knacks auch zum Hausarzt. Wie gesagt, es spart alles Kosten, und die Zusatzbeiträge für die obere Mittelschicht, die sich noch nicht privat versichert hat, können auch gesenkt werden. Wenn Sie vorher noch ein paar Fachleute überzeugen müssen, dass wirklich ein medizinisches Problem vorliegt, dann stärkt das unter Umständen sogar Ihr Selbstbewusstsein, und dann kommen Sie als geheilt wieder raus. Also etwa wie bei einer Abtreibung.

Wissen Sie, wir hatten noch nie einen Patienten mit Impotenz. Wissen Sie woran das liegt? Das bilden die sich nämlich alle nur ein. Wenn sie echt davon betroffen wären, dann würden sie doch hier anrufen. Wir sind kostenlos, anonym, hier werden keine Gespräche aufgezeichnet, also warum sollte man hier nur anrufen, wenn man gerade Grippe hat? Wir hatten hier kürzlich den Fall von einer Frau, natürlich alleinerziehende Mutter, die klagte über Erschöpfungszustände. Damit geht man doch heute nicht mal mehr zum Allgemeinarzt, ich bitte Sie – der sagt Ihnen doch, beste Frau, wenn man nicht frieren will, dann duscht man eben nicht kalt. Wir sind ja als Instanz des Gesundheitswesens hier nicht nur eine zusätzliche Kostenstelle, wir stecken auch bis zum einem gewissen Maß den Rahmen ab, innerhalb dessen ein Gesundheitswesen überhaupt funktionieren kann. Wenn wir dann später mal eine gewisse Praxistauglichkeit eruiert haben, können wir sicher auch sagen, welcher von den Vorschlägen hier ernsthaft in Betracht kommt, aber bis dahin ist für uns dies Modell erstmal die Arbeitsgrundlage.

Sinnlose Aggressionen? Kann ich verstehen, das haben wir öfters. Haben Sie es schon mal mit Sport versucht? Ausländerhass? Hm, das hört sich nicht so gut an. Sicher sind Sie durch Ihre momentane Erwerbslosigkeit im – Sie haben Arbeit? Eigener Handwerksbetrieb? Was wollen Sie denn noch? Da kann Sie ja nicht mal der Chef absägen, sondern nur die Bank, hahaha!

Er ist bis jetzt noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, da müssen wir sehr vorsichtig sein. Wegen der Folgekosten. Außerdem steht in der Zeitung sonst bestimmt wieder, dass manisch-depressive Verstimmungen in die geschlossene Abteilung gehören, auch außerhalb Bayerns. Das ist sicher kontraproduktiv.

Sind Sie noch dran? Also Sie würden jetzt gerne jemanden mit dem Schraubenschlüssel totschlagen, richtig? Schraubenschlüssel, habe ich notiert. Ja, totschlagen. Gut. Waren Sie schon mal bei uns? Dann müssten wir eine Akte haben. Erstanamnese? Warten Sie mal. Sie werden jetzt sofort jemanden um die Ecke bringen, wenn Ihr Antrag nicht bearbeitet wird? Ich könnte Ihnen, warten Sie, ich habe hier… Ach, wissen Sie was? Zimmer 1.44, das ist der Gang rechts und bei der Treppe nach oben. Da sitzt der Minister.“

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Safari

28 11 2018

„Die Elefanten würden mir doch ein bisschen fehlen.“ „Welche Elefanten?“ „Naja, es gibt halt keine. Wobei sich das irgendwann ja auch ändern könnte, wenn es so warm bleibt.“

„Zeigen Sie mal her.“ „Bitte sehr.“ „Ist das Ihr Ernst?“ „Wenn es einen Markt gibt, dann kann man das doch machen.“ „Aber wenn ich das hier richtig verstanden habe, dann wollen Sie aus der EU einen Freizeitpark machen.“ „Safari. Mir schwebte etwas von Safari vor.“ „Großwildjagd?“ „Ach, nicht unbedingt. Aber wenn sich das Klima sowieso langfristig ändert, wachsen natürlich auch die Elefanten schneller nach.“ „So macht man doch heute keinen Tourismus mehr.“

„Wobei das jetzt auch nicht unbedingt in der EU sein muss. Großbritannien bietet sich hier ja an.“ „Großbritannien?“ „Das Land ist deindustrialisiert, die Wirtschaft liegt in den letzten Zügen, da ist Tourismus die letzte Chance.“ „Und das muss unbedingt Tourismus sein?“ „Schauen Sie sich die Dritte Welt an, viele Rohstoffe haben die nicht…“ „Wenigstens nicht zur eigenen Verfügung.“ „… und das gesellschaftliche Klima ist ähnlich. Also warum nicht auf ein neues Geschäftsmodell setzen?“ „Rechnet sich das denn?“ „Gute Frage. Das werden die Investoren früher oder später herausfinden müssen.“ „Und wer soll das sein?“ „Irgendein Firmenkonglomerat aus dem luxemburgischen Steuersumpf wird schon die Kohle lockermachen für das Projekt. Im Zweifel reißt sich das einer von den Touristikkonzernen unter den Nagel, dann stimmt wenigstens das Marketing.“ „Personalmäßig ist das auch in den Griff zu kriegen?“ „Das wird ein schwerer Schlag für die SPD, wenn wir nicht mehr den größten Billiglohnsektor in der EU stellen. Aber irgendwann werden wir sowieso T-Shirts für die Chinesen nähen, dann können wir damit ja auch langsam mal anfangen.“

„Wenn wir das ganze Land als Niedriglohnzone der EU etablieren, was bleibt denn dann für uns?“ „Wie gesagt, wir importieren die Sweatshops aus Fernost und machen Deutschland zum Weltmeister für explodierende Exportüberschüsse.“ „Aber das geht doch nicht lange gut, irgendwann haben wir die Vollbeschäftigung erreicht.“ „Verstehe, Sie haben Angst, dass das Klima endgültig kippt?“ „Ich meine jetzt eher das politische.“ „Ich auch. Aber trösten Sie sich, mit der Migration kommen wir zurecht. Zumal die Arbeitgeber ohnehin nicht mehr deutsch sein werden.“ „Meinen Sie nicht, dass die ganzen besorgten Bürger dann erst recht Ausländer rausschmeißen wollen?“ „Wenn Sie den Job kündigen müssen, um arbeitslos zu sein, und es dann auch den Migranten in die Schuhe schieben wollen, dann sind Sie schon ein bemerkenswert dummes Arschloch.“

„Und wenn wir die Fabriken in England hinstellen?“ „Angesichts der dann existierenden Zollschranken werden wir das hübsch bleiben lassen.“ „Stimmt, wie konnte ich das vergessen.“ „Trösten Sie sich, den meisten Briten wird das auch erst irgendwann in der Zukunft bewusst. Aber dann ist es halt zu spät.“ „Das heißt, diesen ganzen Freizeitpark gibt es bloß mit britischen Waren?“ „Wenn Sie schon mal britische Küche probiert haben, dürfte Ihnen klar sein, dass das für ein Überlebenstraining schon mal die halbe Miete ist.“

„Mit etwas Glück könnte Großbritannien dann sogar ein ökonomischer Vorreiter werden.“ „Wie meinen Sie das denn?“ „Das Wirtschaftswachstum ist doch schon jetzt nicht mehr der Rede wert.“ „Aber was hat das dann mit der EU zu tun?“ „Nichts, aber es könnte interessant sein, wie sich ein Land, das einst die Mutter der Industrialisierung war, zur Wirtschaft ohne Wachstum entwickelt.“ „Also zu einem Entwicklungsland.“ „Wenn Sie so wollen, ja. Die Investitionen stagnieren jetzt schon, bald ist das Land eine romantische Trümmerwüste. Für den Urlaub hervorragend geeignet, weil man weiß, die Sache hat ein Ende.“ „Dann haben wir auf dem Kontinent auch bald wieder vernünftigen Fußball.“ „Richtig, es sei denn, die Premier League bezahlt ihre Leistungsträger demnächst in Euro.“ „Oder die Schotten trennen sich per Referendum von England, arbeiten ein paar Jahre auf die EU-Mitgliedschaft hin und bezahlen dann die Reste des beleidigten Königreichs aus der Portokasse.“ „Dann könnte ich mir eher vorstellen, dass wir Schottland als Nachfolger der Briten einfach in der EU lassen.“ „Touristisch nicht uninteressant, oben der eher mit Niveau ausgestattete Urlaub mit Whisky, Golf und wundervoller, malerischer Landschaft voller Seen, Wind und Wellen, Dudelsackpfeifern, urigen Sportveranstaltungen…“ „… und unten halt die Knalltüten, bei denen man versteht, warum die seit frühester Jugend betrunken sind, weil sie sich gegenseitig auf die Nerven gehen.“

„Bliebe das Problem mit den Elefanten.“ „Ach, das ist zu verschmerzen. Sehen wir das Land als eine Fortsetzung seiner Kolonialgeschichte, die nun langsam dem Abendsonnenschein entgegenreitet.“ „Irgendwo riecht es bestimmt nach Löwe.“ „Wir sollten keine Sekunde verlieren?“ „Warum?“ „Einer muss doch die T-Shirts für die nähen.“





CARE

26 11 2018

„Hier oben dann mal bitte ankreuzen für normale Menschen oder Sonderbedarfe. Veganer, Stillzeit, jüdische, Moment: islamistisch motivierte Invasion, das kann man schon mal verwechseln. Seit dem letzten Ruck in die bürgerliche Mitte hat die SPD ein paar Wahrnehmungsprobleme.

Wenn wir als Sozialdemokraten in der SPD die Zukunft des Sozialstaates noch mitbestimmen wollen, dann müssen wir natürlich in dieser Phase des Umbruchs auch die Probleme ansprechen, die wir mit der Einführung der Hartz-Gesetze und des Raubtierkapitalismus auf Parteiführungsebene zu wenig thematisiert haben. Es ist natürlich richtig, dass sich diese neoliberalen Turbokapitalisten, diese parasitären Heuschrecken eine goldene Rosette an der Zerstörung des deutschen Sozialstaates verdient haben. Es ist auch richtig, dass diese Schmarotzer Schröder und Clement heißen. Bis heute.

Wir haben zu viel Neoliberalismus in dieses soziale Konstrukt einfließen lassen, das haben wir ja jüngst bei der FDP erlebt: bevor sie sich von ihrem eigenen Anspruch überfordert fühlen, nicht ständig die geistig minderbemittelte Kackscheiße von diesem dauerläufigen Polyesterdreitagebart anzuhören, schalten sie auf Durchzug und stopfen sich gegenseitig die Kohle in den Schornstein. Bis zum Ellenbogen. Falls Sie wissen, was ich meine.

Neoliberalismus, das haben wir jedenfalls der Vorsitzenden in einem ihrer seltenen nüchternen Momente beigebracht, ist die Eigenverantwortung für das eigene Leben, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste, zumindest in Bezug auf deren eigenes Leben. Wenn das Scheißpack schon nicht arbeiten will, muss es wenigstens demokratisch aussehen.

Deshalb ja auch das neue 360-Grad-Programm. Das ist nämlich das Consumer Aid Restrictive Empowerment, verstehen Sie? Wir helfen den Arbeitsscheuen, das wird man nach so langen Jahren schon mal sagen dürfen, die Gewerkschaften geben uns lustigerweise recht, und dafür müssen die halt mit unseren Bonusmodellen zurechtkommen. Fordern und fordern. Von nix kommt nun mal nix, abgesehen von Sanktionen.

Gucken Sie, hier haben wir den Jahresbescheid, sich vom Gasanbieter abzumelden, der wird dann abgestempelt, dann suchen Sie sich als staatlich akkreditierter Arbeitsverweigerer einen neuen Anbieter, und dann dürfen Sie innerhalb der nächsten zehn Monate einen neuen Gasvertrag abschließen. Nur mal nebenbei, etwaige Witze mit Gasvertrag und so, die können Sie sich sparen. Wir haben das abklären lassen. Die SPD darf das, die war in der fraglichen Zeit verboten und muss sich wegen solcher Verbrechen nicht mehr rechtfertigen. Wenn Sie keinen Gasanbieter haben, ist das ein Problem, aber nicht unseres. Sie können in der Zeit ihre Elektroheizung selbstverständlich weiter betreiben, auf wessen Kosten auch immer. Wir zahlen dann, wenn wir es für passend halten. Das ist in der Marktwirtschaft auch nicht anders.

Montags sind immer diese Prospektausgaben, ab acht können Sie sich die regionalen Drucksachen der Discounter holen, um die jeweiligen Aktionen des Einzelhandels in Erfahrung zu bringen. Sie sollten nicht auf eigene Faust vorgehen, das wirkt sich negativ auf Ihren Leistungsbezug aus – als Einzelhaushalt ohne Bedarfsgemeinschaft ein nicht entsprechend farbig markiertes Kalbsgulasch zu kaufen könnte den Regelsatz des nächsten Monats erheblich einschränken. Oder hier, Gurken – seit wann isst man im Winter Gurken? Der Staat hat für Sie die Finanzierung übernommen, wir können uns nicht alles leisten.

Deshalb ja auch die Speisepläne von Sarrazin, so schlecht waren die gar nicht. Gut, wir sind danach immer noch an die Pommesbude gefahren, aber wir waren ja auch nie in der SPD. Da kam uns dann auch die Idee mit den einzeln verpackten Aufschnittscheiben, damit sich diese gierigen Scheißschmarotzer nicht ein Pfund Bierschinken in die Fresse pfropfen, nur weil der Sachbearbeiter wegen dieser komplett überflüssigen Verfassung immer noch keinen Haustürschlüssel hat. Ich sage Ihnen, daran arbeiten wir auch noch!

Wo waren wir? Ach ja, die Anspruchshaltung der Wirtschaftsasylanten – Hartz war ja auch eine Zusammenführung aus sozial Benachteiligten und parasitären Dreckschweinen zu parasitären Dreckschweinen, die wir sozial benachteiligen können – wer aus der deutschen Volksgemeinschaft bewusst austritt oder irgendwie zu erkennen gibt, dass es Gründe gibt, ihn gar nicht erst in diese mit einzurechnen, muss schon mit den Konsequenzen rechnen. Dann gibt es auch warme Winterkleidung, aber eben aus der staatliche Sammlung. Die SPD möchte Ihnen die Daseinsvorsorge abnehmen, die Vorsorgte machen wir, ob Sie danach noch da sind, geht der Vorsitzenden am Steiß vorbei, und wenn Sie jetzt noch Alarm machen, weil wir für Sie extra als Zeichen der eingeforderten internationalen Solidarität für sozial unerwünschte Personen einen formschönen Stern auf der Vorderseite angebracht haben, dann haben Sie es einfach nicht besser verdient. Dann gibt’s eben auf die Fresse, so leid es uns tut. Sie haben ein Komplettpaket, fakultative Zusatzleistungen wie die Sozialgerichtsbarkeit trägt sowieso der Staat, wenn Sie obdachlos werden, haben Sie automatisch ein Anrecht auf das Mitleid der Rechtsextremisten – es sei denn, Sie halten sich auf der Straße auf, dann werden Sie aufgeklatscht und angezündet, kann man nix machen – und ansonsten wissen Sie ja: wir leben hier in einer parlamentarischen Demokratie. Wählen Sie. Das kann alles ändern.“





Glückskekse

19 11 2018

„Also er hat jetzt zwei zweimal diese Figur mit dem Hütchen bewegt, und die hatten dieselbe Farbe. Ach, das ist beim Schach immer so? Da können Sie mal sehen, wie gut unsere Prognosen sind. Wir beschäftigen uns nicht mit den Einzelheiten und haben deshalb auch immer irgendwie Recht.

Ich war gleich gegen die Schachmeisterschaft, aber machen Sie das mal Wirtschaftsredakteuren klar. Die haben in der Regel Theologie studiert oder andere Sachen, die man nur beweisen kann, wenn man nicht genau weiß, woran man glaubt, oder wenn sie richtig gut sind, haben sie das Studium zwischendurch geschmissen, haben geheiratet oder sich privat mit dem Strafvollzug beschäftigt, weil sie von den anderen Börsentipps wussten, wie man geldgierige Knalltüten nach Strich und Faden betrügt – und nicht, wann man mit der Scheiße aufhören sollte. Einige wenige haben plötzlich ihre moralischen Anwandlungen, die gehen auch ins Fernsehen, aber die machen dann Homeshopping, auch nicht schlecht, da wird man als Arschloch wenigstens fest bezahlt fürs Lügen, oder sie werden Autor für Glückskekse. Glückskekse gehen immer, und Horoskope kriegen Sie mittlerweile billiger aus dem Archiv.

Ja, wir beobachten inzwischen eine Menge sehr unterschiedlicher Variablen, um unsere Datenbasis zu vergrößern und unsere Leistungen ein bisschen wissenschaftlicher zu machen. Was twittert Trump? Hat Kramp-Karrenbauer öffentlich verkündet, dass die geplante Zwangshomosexualisierung durch die linkfaschistischen Abtreibungsveganer Schuld ist an der Kreuzigung vom lieben Jesulein? Und sammelt die AfD schon Spenden, damit sich Weidel für die Knastdusche Korken reinstecken kann? Früher hätte man das Wetter mit einem Laubfrosch analysiert, aber auf Zufälle kann man sich ja heute einfach nicht mehr verlassen.

Man kann ja auch die Anzahl der islamistischen Attentate als Grundlage nehmen, aber das stößt auf ein geteiltes Echo. Die einen beschweren sich, dass die Erdrotation noch nicht als islamistischer Terror gerechnet wird oder die Geburt vom Säuglingen in Guatemala, bei denen nicht ausgeschlossen werden kann, dass einer von zehn Millionen eventuell mal zum Islam konvertiert, die anderen finden es nicht okay, dass man die neunundneunzig Prozent der islamistischen Attentate einrechnet, nur weil sie in islamischen Ländern stattfinden. Meistens würfeln wir dann, weil die Ergebnisse genauer sind.

Manchmal kann man die Daten extrapolieren – hat nichts mit dem Raumpflegedienst zu tun, echt nicht – wenn man schon die nötigen Zahlen vorliegen hat. Hier haben wir beispielweise einen Anstieg der Börsenkurse, der führt dazu, dass an der Frankfurter Börse die Kantine mehr frequentiert wird, meistens in der Mittagspause, und dann steigt hinterher der Kaffeekonsum bei Schmittchen, das ist der Laden gegenüber, die bieten nicht so einen Urinersatz in Halbschwarz an, sondern richtigen Kaffee, den brauchen Sie auch, wenn Sie diesen Brechreizbeschleuniger aus der Fressetage in Ihren unschuldigen Magen gejagt haben, und dann holen sie sich auch immer einen Schokoladenkuchen. Als Belohnung. Wir nehmen das als Indikator: wenn der Schokoladenkuchen sich gut verkauft, steigen die Börsenkurse.

Wenn man’s genau betrachtet, ist es natürlich umgekehrt, aber noch haben sich die Volkswirte nicht damit befasst, und Betriebswirten fehlt es am Durchblick.

Fußball ist natürlich auch immer gut, da versteht man die Ergebnisse auch einigermaßen schnell, aber das ist dann auch schon der Nachteil: jeder versteht die Ergebnisse. Außerdem kann man das momentan echt nicht bringen. Bisher war die Sache immer klar, die Bayern gewinnen, also gibt es gute Börsenwerte, der DAX steigt, alles gut, morgen sehen wir weiter. Und jetzt? Das ist alles so kompliziert, das kann man auf die einfachen Sachverhalte nicht mehr anwenden. Gut, immer noch besser als Politik, da ist es auch wieder andersherum, aber das war ja jetzt auch nicht die Frage. Sonst könnte man schon die Entscheidungen der Bundesregierung für die Börse verantwortlich machen, aber das wollen Sie nicht wirklich, ich sage nur: Haftung. Die Merkel hat doch dreizehn Jahre lang vermieden, dass sie irgendwas tut, was sich sofort als politisch verwertbar herausstellen würde. Und wenn Sie sich angucken, was da heute so durchs Kabinett kriecht, das ist ja nicht einmal wirtschaftlich für sein Handeln zur Verantwortung zu ziehen.

Strompreise? das wäre mal eine Überlegung wert, die haben auch meist nichts mit der Wirtschaft zu tun. Und dann die letzten Prognosen für die SPD – die Kleinigkeiten hinter dem Komma machen oft viel aus, man soll sich da nicht täuschen – und die Einschaltquoten für den Tatort. Das ist für das Geschäftsklima immer ganz wichtig, wenn man die richtigen Zahlen parat hat, und wenn man dann gefragt wird, woher man die hat, einfach sagen: wir haben den Leitindex ausgerechnet, oder das waren die Ergebnisse der letzten fünf Quartale hochgerechnet auf die aktuellen Zahlen. Oder irgendwas halt. Aber gucken Sie mal, der hat wieder eine Figur bewegt, und jetzt hat er sie vom Spielfeld genommen. Fragen Sie mich nicht, was das bedeutet, aber irgendwas bedeutet das. Das bedeutet, dass sich da irgendwas bewegt, und jetzt fragen Sie mich nicht, was und wohin. Das erklärt Ihnen heute Abend diese Tante da im Fernsehen. Die versteht das auch nicht, aber vielleicht etwas genauer als wir.“





Problempizza

25 10 2018

„Das rote Dreieck ist jetzt für mehr Zucker, aber biologisch-dynamisch. Grün wäre weniger Salz, oder war’s Fett? Wir kommen hier ständig mit den Beschlussvorlagen durcheinander, das reinste Chaos. Wir gut, dass das auf freiwilliger Basis ist.

Darauf legen wir großen Wert. Wir sind ja nicht in der DDR, wo der Staat den Betrieben einfach so sagen konnte, wie die Produktion laufen soll. Wir sind hier in der sozialen Marktwirtschaft und in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, das heißt, die einen kümmern sich um den Markt, die anderen um die Wirtschaft, und der Staat ist dann fürs Soziale zuständig. Alles andere ist Sozialismus, außerdem wäre das auch nicht transparent.

Das ist nämlich das zweite Standbein, wir setzen konsequent auf Transparenz. Mit der Freiwilligkeit zusammen bedeutet das, jeder kann sofort sehen, aha, der macht freiwillig mit. Und die Freiwilligkeit der Transparenz ist natürlich nur so freiwillig und so transparent, wie das die Konzerne wollen, weil das ja der Markt regelt und nicht der Staat. Jetzt schauen Sie nicht so, das ist Demokratie. Da müssen Sie dann halt noch ein bisschen dazulernen. Also wenn jetzt der Konzern A hier eine gelbe Raute auf die Brötchen pappt, weil da Sachen drin sind, die Sie nicht essen würden, wenn Sie’s wüssten – also die Brötchen würden Sie auch nicht essen, wenn Sie wüssten, dass ist in den Brötchen drin – dann heißt das, die gehen als gutes Vorbild voran und werben offensiv für eine gute Kundenbindung, denn Sie als Verbraucher wissen ja wohl auch, Brötchen ohne den Kram müssen Sie schon selbst backen, wenn Sie keinen Bäcker mehr ums Eck haben. Es gibt keine anderen.

Die Ministerin hat außerdem gesagt, dass die Produkte den Verbrauchern weiter schmecken müssen. Immerhin, sonst hätten wir jetzt fettfreie Wurst, die beim Kauen quietscht. Oder glutenfreie Bonbons. Das hat sicher auch mit einer gewissen Traditionstreue zu tun. Die Ministerin steht in der Tradition, dass die Konzerne tun können, was sie wollen, und die Konsumenten kennen den Mist halt nicht anders. Da schrumpft das Schnitzel in der Pfanne und die Konservierungsstoffe sind aus den besten Zutaten. Wenn Sie das Gegenteil wollen, müssen Sie eine Ministerin von den Grünen nehmen. Die versteht etwas von Verbraucherschutz, die Wurst ist gesund und schmeckt trotzdem nicht.

Aber das ist ja auch ganz gut so. Jetzt stellen Sie sich bloß mal vor, Sie würden weiterhin nicht genau wissen, ist in meinen Salzbrezeln eventuell zu viel Zucker? enthält die Marmelade Fett? Das würde die Kundenbindung empfindlich stören, und am Ende kauft keiner mehr Marmelade. Oder nur noch Bio, und davon kann so eine Volkswirtschaft auf Dauer nicht überleben. Gut, eine Volkswirtschaft schon, aber keine Ministerin. Zumindest nicht diese.

Sie müssen ja auch berücksichtigen, dass die Verbraucher manchmal auch bewusst die Produkte kaufen, die eigentlich gar nicht so gut sind für sie. Da können Sie jetzt ein Transparenzgesetz machen, da steht auf der Butter drauf: enthält Fett, zack! die Milchbauern ziehen vor den Reichstag, kennen Sie. Oder wir setzen ganz auf Freiwilligkeit, dann macht’s am Ende wieder keiner. Dann doch lieber beides kombinieren, aber als vollkommen unlesbare Zeichen auf die Rückseite aufbringen, damit ist dann dem Gesetz Genüge getan, aber der Bürger freut sich auch, weil er’s halt nicht lesen muss. Lesen Sie etwa das Kleingedruckte unter Ihrer Lebensversicherung?

Was wäre denn für Sie die Alternative? Klar, alles verbieten! Steuern auf Zucker und Fett, aber dann haben Sie gleich wieder die ganze Soziallobby gegen sich, weil sich ein Drittel der Bevölkerung von Obst und Gemüse nicht ernähren kann, weil das Geld nicht reicht. Außerdem haben Sie die Opposition auf dem Plan, weil der Staat noch mehr Geld einnimmt, das er ja garantiert verschwendet. Alles Konfliktpotenzial. Damit kann man doch die Ministerin nicht allein lassen, die versteht doch jetzt schon kaum noch, worum es hier geht. Also mit Verboten kommen Sie hier nicht weiter, weder bei den Kunden noch bei der Industrie. Sie müssen da konsequent auf Nichteinmischung setzen. Die Kunden sollen sich intensiv mit den Angaben der Industrie auseinandersetzen, und die Industrie, für die findet sich dann auch irgendwann mal eine gemeinsame Lösung.

Für die ganz spitze Zielgruppe könnte man ja sogar eine Produktlinie schaffen, die freiwillig die Transparenz mit gnadenlos ehrlicher Information über das Produkt verbindet. Zu viel Zucker, zu viel Fett, Salz, künstliche Aromen, Stabilisatoren, mit Farbstoff und Emulgator: die Problempizza. Fast so gut wie Rauchen. Wenn man die Konsumenten nur transparent informiert, dann ist das doch ethisch total okay. Mehr verlangt das Gesetz auch gar nicht. Ob Sie das Zeug dann kaufen, und wenn Sie’s gekauft haben, ob Sie das in die Mikrowelle werfen oder in den Müllschlucker, das ist doch allein Ihre Entscheidung. Und daran sehen Sie, dass Sie hier in einem freien Land leben: Sie dürfen alles essen, Sie dürfen nur nicht alles wissen.“





Zur Strecke gebracht

4 10 2018

„Das ist noch gar nicht entschieden, ob wir den Frühbucherrabatt abschaffen. Überlegen Sie mal betriebswirtschaftlich, wenn wir jetzt alle ICE-Strecken teilstilllegen – ich liebe dieses Wort, das müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen – dann kommen Sie als Fahrgast ohne zeitige Buchung niemals zum Zuge – köstliches Wortspiel, finden Sie nicht auch? Also ich liebe meinen Job, wirklich. Die Deutsche Bahn AG, das hat was!

Die neue Generation der Klimaanlagen ist noch gar nicht raus, und schon beschweren sich wieder alle. Wir haben im Sommer zuverlässig versagt, das lag aber nicht nur am Sommer, das lag an der alten Generation der Klimaanlagen, und jetzt haben wir bald Winter, das heißt richtig tiefe Temperaturen, durchgängig unter zehn Grad, da drehen alle die Heizung auf, und was soll ich Ihnen sagen? Es funktioniert! Hören Sie auf, Sie wollen doch gar keinen Zug mit Heizung, das ist doch nicht das Lebensgefühl von Deutschen, die einfach mal mit dem Zug zur Arbeit fahren oder auf Geschäftsreise sind oder sich den ersten Urlaubstag gründlich versauen wollen. Sie wollen den proppevollen Zug mit umgekehrter Wagenreihung und total verpatzter Reservierung, auf dem Sie von einem uniformierten Arschloch angepöbelt werden, weil er zu blöde ist, einen Fahrplan zu lesen. Wenn Sie Service haben wollen, dann fliegen Sie doch, oder?

Zeigen Sie mal her. Fulda? Ja, da kommt man vorerst noch hin, aber ich frage Sie: warum? Ist es denn woanders nicht auch schön? Mallorca? die Wüste Gobi? Was wollen Sie ausgerechnet in Fulda? Putzen Sie beim Weihbischof die Fenster? Überdenken Sie gefälligst mal Ihr Reiseverhalten, wir machen das doch hier nicht zum Spaß! Sie wollen von Frankfurt nach Offenbach, das ist ja schon an der Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit, was nerven Sie da unseren Kundenservice mit den Abfahrtszeiten? Können Sie sich etwa keinen Hubschrauber leisten?

Auf jeden Fall wird jetzt erst mal Zugfahren teurer. Ja, was haben denn Sie gedacht? Rücklagen? wir müssen doch Boni bezahlen für den Vorstand, in Stuttgart ist so ein Loch, wo wir auch regelmäßig ein paar Milliarden reinkippen, der Rest geht an Pofalla, damit der seine dumme Fresse hält – da kommt ganz schön was zusammen! Aber trösten Sie sich, dafür kriegen Sie auch was. Zugfahren wird nicht nur teurer, Sie sitzen jetzt einfach länger im Zug drin. Lokführer gibt’s auch kaum noch, das heißt, mit etwas Glück genießen Sie Ihr Leben bald nur noch in vollen Zügen – witzig, oder? also ich finde den klasse! Erste Klasse, hahaha! Da wird das Bahnfahren wieder zum sozialen Erlebnis, das ist die Zukunft. Also wenn man sich den Zustand des restlichen deutschen Schienennetzes anschaut, dann ist das sogar ziemlich sicher die Zukunft für die kommenden paar Generationen.

Bitte jetzt keine internationalen Vergleiche, das verdirbt uns nur die Preise. Die Schlitzaugen könnten ihren Schienenverkehr nie so ablaufen lassen ohne eine zentralistische Aufsicht? Das mag durchaus richtig sein, vor allem in Hinblick auf den Aufsichtsrat. Also unseren. Aber Sie müssen auch zugeben, dass die mit unfairen Mitteln kämpfen – die planen während der Arbeitszeit! So könnten wir das natürlich auch, aber dann hätten wir ja kein Geld mehr für die nächsten Großbaustellen!

Deutsche Bahn, das ist ein Qualitätsprodukt, und dafür bringen wir Sie zur Strecke! Also im übertragenen Sinne, das heißt, wir zeigen Ihnen gerne unser gesamtes Netz, und wenn Sie Glück haben, entdecken Sie dabei noch Ihre Heimat ganz neu. Wenn Sie beispielsweise in den Münchener Hauptbahnhof einsteigen – ich liebe diese Stelle! –wenn Sie da so einsteigen, und der ICE sollte eigentlich nach Mannheim fahren, dann kann man wegen eines technischen Defektes schon mal in Ulm, also in Ulm, um Ulm… ja, ich kann’s mir auch schenken, da haben Sie recht. Also wenn dann in Ulm der komplette Zug ausgewechselt werden muss, dann fahren Sie bis Stuttgart, aber dafür stehen Sie erst mal in Ulm. Der Zug steht, ja, aber Sie stehen auch im Zug, weil es Sitzplätze ja nicht mehr gibt, die waren schon alle reserviert. Also doppelt Stehen zum alten Preis, und dann auch noch in zwei Zügen, und wenn Sie zurückfahren, haben Sie nicht nur zwei Stunden Verspätung, der Zug endet auch in Augsburg, weil der Lokführer nicht mehr weiterfahren darf wegen der Arbeitszeiten. Wir haben nicht nur zu wenig Wagen, wir haben für Sie auch zu wenig Lokführer – mehr Doppelpack geht doch nun echt nicht, oder? Oder!?

Ob ich das gut finde? Wissen Sie, ich mache hier auch nur meinen Job. Irgendwann muss man das ja mal sanieren, und besser spät als nie, weil, wenn wir es nie sanieren, dann können wir auch keine Züge mehr fahren lassen. Das sehen Sie doch ein? Und dass man in einem Unternehmen, das komplett auf Verschleiß fährt, keine Rückstellungen einplant, weil man sich ja aus dem Bundeshaushalt bedienen kann, das müsste Ihnen doch auch gelegen kommen, oder wollen Sie etwa noch mehr für die Bahnfahrt bezahlen? Ich habe hier einen netten Job in der Zentrale, ein eigenes Büro, eine Art privaten Beamtenstatus, kleines Häuschen im Vorort, so gut wie abbezahlt, kleine Familie, dreißig Tage Urlaub, angenehmer Arbeitsweg, eigener Stellplatz in der Tiefgarage – wieso soll ich mit der Bahn fahren, nur weil’s kostenlos ist? Bin ich denn bescheuert!?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXI): Die zerstörerischen Eliten

14 09 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Geschichte, und das wissen die königlichen Statthalter, wird immer von Lumpenproletariern geschrieben, die in ihrer fortwährenden Diktatur seit Anbeginn der Zeitrechnung aufhetzen zum unnatürlichsten aller Zustände, zum Frieden gegen den anderen. Nur kurz gelingt es den Auserwählten, die ganze Gesellschaft einmal knietief in Blutsuppe zu prügeln, und sei es nur durch vorübergehende Verwüstung vermittelst eines Bürgerkrieges, gerne auch auf den Schlachtfeldern der Missgunst, die in billigem Theaterfeuer sich erschöpft und höchstens ein paar Brandblasen am Arsch der Kanaille lässt. Nichts wäre den Mächtigen fremder als eine Welt ohne Fußvolk, denn wer sollte sonst ihre Stiefel putzen, lecken oder ins Gesicht kriegen? Das Heer der Abhängigen zu schützen und zu mehren ist ihre vornehmste Aufgabe. Allerdings auch ihre einzige.

Denn nicht Bäcker, Bänker regieren diesen Sumpf aus Trägheit und Trotz, dessen Manieren nicht reichen, um Fackeln und Mistgabeln in die Hand zu nehmen für Korrekturmaßnahmen an der Kaste der Plünderer. Denn nicht die Leistung ist für die Dicke der Konten verantwortlich, längst nicht mehr, und eigentlich ist dies nie der Fall gewesen, nur haben sich heute auch Pappnasen unterhalb des Leihadels ihr Geburtsrecht erkauft und geben die Regalien an die missratene Brut weiter – die Lizenz zum Fleddern wird wie in alten Zeiten mit dem goldenen Löffel weitergegeben und fräst sich von Dynastie zu Dynastie quer durch die Schicht, die oben auf dem Tümpel schwimmt, der Unrat mit dem verführerischen Glanz für Schmeißfliegen, der sich nicht mit dem Wasser mischt. Die Eliten aus Management und Führung sind keine Aufsteiger, sie sind nur Kinder der alten Eliten, die keiner in ihre Position gewählt hat.

Und sie sind keine globale Elite, die von einem Staat zum anderen zieht, hier einen Konzern in die Grütze kloppt, dort einer Volkswirtschaft die Kerze auspustet, sie bleiben im eigenen Lande und nähren sich unredlich. Noch reiten die Raubritter unter eigenem Wappen durch die eigenen Pissklitschen, um nicht auf fremdem Territorium das Esszimmer renoviert zu bekommen, denn nicht Ganovenehre gilt, wie bei anderen Staubsaugervertretern auch ist es schnöder Gebietsschutz, der geistig vernagelte Schwachmaten in ihrer kuscheligen Pfütze hält. Sie haben selten den Ausbruch gewagt, wohin auch – lieber sezieren und herrschen sie, weil sie die fremden Märkte, an die man mit Heftzwecken und Spucke Länder geschwiemelt hat, Länder und Menschen, nicht begreifen, ihre batteriebetriebene Logik lässt nichts anderes zu, und so schlagen wir uns mit den Problemen ihrer Dummheit herum, die ihren Status erst rechtfertigen.

Denn ihr Status besteht größtenteils aus reiner Ignoranz. Kein Manager großer westlicher Chemie- oder Textilkonzerne, wobei Übergänge von trag- und untragbaren Zuständen hier meist fließend sind, hat die geringste Ahnung davon, wie die Plempe in den Slums irgendeiner ostasiatischen Billigdiktatur von zärtlichen Kinderhänden in Plastecontainer geschöpft wird und das Zählen von Krebstoten in der Sippe zum Volkssport macht. Kein westlicher Großaktionär, der bloß durch Erben an die Kohle gekommen war, hat je gesehen, wie eine Pflegekraft in seiner an die Bilanz angegliederten Klinik sich zielgerichtet zu Grunde arbeitet, weil er bei seinem letzten Infarkt die Chefarztvisite für wichtiger hielt und in einer anderen Bude eingecheckt hat. Es ist nicht so, dass sie nicht wissen könnten, was sie tun. Es interessiert sie nicht, weil es in ihrem Weltbild keine Kategorien gibt, die dieses Denken zuließen. Was im System relevant ist, wird längst nicht mehr im System entschieden, genauer: es wurde nie in diesem System entscheiden, sondern immer nur von seinen Puppenspielern. Wie also Generale sich flugs einen Krieg aus den verkalkten Birnen popeln, erfindet das Blasen und Zusammenbrüche, um die Vakua der schwarzen Kassenlöcher mit realem Geld stopfen zu können, Geld, das man aus dem Proletariat presst, damit es nicht zu viel Kuchen frisst, wenn der Lohn fürs Brot nicht mehr langt. Sie sind systemrelevant, und mit jeder Bestätigung aus dem System, das ihre politischen Marionetten ihnen bereitwillig liefern, geben sie ihren Ernährern zu verstehen, wie irrelevant diese doch sind.

Dass in diesem Selbstbedienungssaftladen kaum Demokratie und Menschenrechte gedeihen, wird keinen wundern. Doch wenigstens funktionieren im postdemokratischen Spießbürgerstaat die Ampeln, die Alarme, die Zäune, die Schlagbäume. Wir sind sicher, und bis wir begreifen, dass sich damit die Eliten vor dem Heer der Tagelöhner schützen, haben sie sich ein weiteres Mal an uns bedient. Die Sicherheit eines Gefängnisses lässt sich einfach definieren, es kommt nur darauf an, ob man gerade im Inneren sitzt oder nicht. Die innere Sicherheit, die sie uns bescheren, haben jedenfalls nicht die Handwerker erfunden, die Fabrikarbeiter, die Kulis. Sie nutzten sie auch nicht, weil sie ihnen nichts nützt. Das reden sie uns ein, und wir glauben es. Warum, das ist die Frage. Sie ist zu stellen.