Kleine Anfrage

14 12 2020

„Der Herr Ministerpräsident unterstützt alle Anregungen aus der Wissenschaft, zumindest die, die ihn selbst unterstützen. Ja, das dürfen Sie so schreiben, wenn Sie den Artikel bis, warten Sie mal, Mittwoch veröffentlichen. Danach müssen wir die aktuellen Entwicklungen in dieser Katastrophe abwarten.

Natürlich Katastrophe. Laschet als Pandemie zu beteichnen, so weit kommt’s noch. Da überschätzen Sie seine Möglichkeiten nun doch ein wenig, und das kann er schon ganz gut alleine. Er ist ein sehr flexibler Politiker, der seine Wirklichkeit immer schnell und unbürokratisch an das anpasst, was er gerade als seine Meinung ansieht – und nein, das ist eben nicht genau umgekehrt, das macht er wirklich so. Sie sehen ja, dass er dadurch enorm authentisch wirkt. Seiner Meinung nach.

Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland, welches Anliegen haben Sie? Ist uns nicht bekannt, aber das hat die AfD vor vier Monaten schon gesagt, da war es noch ganz richtig, jetzt wollen sie das absolute Gegenteil, also muss es komplett falsch sein, und Herr Laschet hat gerade das Gegenteil vom Gegenteil – ja, ich weiß, aber lassen Sie mich den Satz erst zu Ende bringen, danach ist der Rest von Deutschland dran – und das Gegenteil war aber schon vor drei Monaten bei ihm falsch, weshalb er jetzt nämlich das Gegenteil vom Gegenteil vom Gegenteil fordert. Wie vor sechs oder sieben Monaten, das wissen wir nicht mehr so genau. Aber von einer gemeinsamen Absprache mit anderen demokratiefeindlichen Parteien kann keine Rede sein. Der Herr Ministerpräsident erledigt seine Geschäfte immer ganz alleine.

Dazu stehen wir jetzt auch in engem Kontakt mit mehreren Wissenschaftsorganisationen. Da sich Laschet nicht von irgendwelchen Wissenschaftlern vorschreiben lässt, was er Wissenschaftlern erklären soll, lässt er sich von Wissenschaftlern erklären, was er Wissenschaftlern vorschreibt. Das ist eine sehr kluge Haltung, und das findet Laschet auch. Er kann sich das wahrscheinlich sogar erklären. Dieser Lockdown vor Weihnachten war nämlich eigentlich seine Idee, er hatte es nur nicht so kommuniziert. Es wurde ja auch schon mehrfach angemerkt, dass die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Politik nicht vernünftig funktioniert hat. Das hat die Politik auch schon festgestellt, und deshalb wird die ja wohl kaum selbst schuld sein daran. Wir können als Politik immer nur das umsetzen, was uns von den Wissenschaftlern vorgegeben wird, und wenn die Wissenschaft bei ihren Vorschlägen die Wünsche der Politik nicht berücksichtig, ist das dann etwa unsere Schuld?

Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland, welches Anliegen haben Sie? Ah, die Bildungsministerin. Sie ist ja nicht explizit für die Wissenschaft zuständig, deshalb kann sie auch nicht in Entscheidungen des Herrn Ministerpräsidenten eingreifen, Erkenntnisse der Wissenschaft als Basis seiner Entscheidungen zu nehmen, um dadurch seine Entscheidungen für etwaige Erkenntnisse der Wissenschaft… – Rufen Sie einfach später noch mal an, in diesem Ressort ist jetzt niemand mehr in vernehmungsfähigem Zustand.

Den klugen Landesvater, der später einmal der zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland werden wird, zeichnet seine hervorragende Personalwahl aus. Er hat das jahrelang in Berlin beobachtet, dass die geistig nicht ganz so gesegneten Mitarbeiter knapp unterhalb der eigenen Position ein sehr gutes Signal sind: man kann auch wenig Intelligenz mit anderen Qualitäten ausgleichen, wenn man nicht bis an die Spitze kommen will. Jetzt messen wir diese Intelligenz im Abstand zum Ministerpräsidenten, die Ergebnisse sind dementsprechend. Man sollte die Bürger nicht für dumm verkaufen, dafür eignen sich die eigenen Mitarbeiter meistens viel besser, da man für die auch mehr bekommt.

Wenn jetzt die Wissenschaft Maßnahmen gegen die Pandemie empfiehlt, die so nicht mit Laschet abgesprochen sind, weil Laschet sich nicht von den Wissenschaftlern vorschreiben lassen will, wann er sich mit ihnen abzusprechen hat, dann ist in erster Linie sein Personal gefragt. Deren Fehlleistungen werden ja nicht von ihm getätigt, und deshalb muss auch nicht er zurücktreten, wenn Mist rauskommt.

Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland, welches Anliegen haben Sie? Harter Lockdown ab dem 14. Dezember? Das hat der Herr Ministerpräsident nie gefordert, das ist eine bloße Unterstellung der Medien, die sich ausschließlich auf Wissenschaftler berufen, die vorher nicht bei… – Ich bekomme gerade noch eine Verfügung rein, es handelt sich doch um eine richtige Aussage, die die Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland so gemacht hat, aber das war erst auch erst heute, und wir wussten nicht, ob das, was der Herr Ministerpräsident heute gesagt hat, auch heute noch gilt oder erst wieder gestern, weil dann das richtig ist, was er morgen gesagt hat. Nein, ich bin nicht besoffen. Ich bin ja kein Ministerpräsident.

Als zukünftiger Kanzler muss man auch mal Härte zeigen. Wenn es zum Beispiel nach Ansicht der Schulministerin keine Schulschließungen geben darf, obwohl man selbst als Ministerpräsident der Wissenschaft befohlen hat, genau das dem Ministerpräsidenten zu befehlen, dann muss einer den Kopf dafür hinhalten. Und da kommen Sie ins Spiel. Der hier, Dings… Verbraucher ist nicht das richtige Wort, irgendwas anderes. Nicht Wähler. Die Bürger, genau. Die Bürger. Dazu sind die ja da.“





Der Cherusker

3 12 2020

05:30 – Der Radiowecker piepst. Der Landesvater von Nordrhein-Westfalen lässt sich nicht von einem Radiowecker sagen, wann er aufzustehen hat, und steht auf.

05:32 – Laschet dreht an diversen Knöpfen in der Einbauküche. Der Herd lässt sich einfach nicht entzünden, obwohl sich der Ministerpräsident mit Entzündungsherden sehr gut auskennt. Gut, dann eben wie an allen anderen Tagen auch kalter Kaffee.

05:42 – Der CDU-Politiker ärgert sich wieder einmal unter der Dusche, weil er nicht zwei Regler gleichzeitig drehen kann, wenn er mit einer Hand den Duschkopf hält. Im nächsten Jahr wird er ein neues Konzept für Duscharmaturen fordern.

05:55 – Der Aachener steht grübelnd vor dem Kleiderschrank. Einerseits passt der von einer großen Einzelhandelskette zur Verfügung gestellte Anzug nicht zur Farbe seiner Gesichtsmaske, andererseits beißt sich die Krawatte mit dem Logo eines Autohauses auf dem Kragenspiegel. Wie soll man so für die Gesellschaft des größten deutschen Bundeslandes zukunftsorientierte Politik machen?

06:03 – Der nächste Unionsvorsitzende entnimmt dem Kühlschrank ein Päckchen Jagdwurst, das ihm am Vortag als Präsent ins Büro geliefert worden war. Das Fleischerzeugnis ist erwartungsgemäß von ganz exquisiter Qualität, denn es wurde nicht in Nordrhein-Westfalen hergestellt.

06:11 – Das zweite Wurstbrot packt Laschet ein und legt es in seinen Aktenkoffer. Dann zieht er sich rasch einen Mantel über und verlässt die Wohnung. Der Dienstwagen erwartet ihn bereits. Der Fahrer wurde bereits angewiesen, den Ministerpräsidenten mit ‚Herr Bundeskanzler‘ anzureden, damit er sich daran gewöhnen kann. Also Laschet.

06:45 – Kurz vor der Fahrt über die Rheinkniebrücke fällt dem MP auf, dass er alle Unterlagen für einen Pressetermin auf dem Schreibtisch im häuslichen Arbeitszimmer hat liegen lassen. Es geht um Skiurlaub im Sauerland. Er kritzelt rasch eine Notiz auf einen Aktendeckel: die Skilift-Betreiber sollen ihm eine Stellungnahme zufaxen, die er für sie verlesen kann.

06:48 – Laschet googelt noch schnell, wo dieses Sauerland liegt.

07:02 – Auf dem Weg in sein Büro im Landtag von Nordrhein-Westfalen wird der Ministerpräsident von mehreren Personen mit ‚Herr Ministerpräsident‘ angesprochen. Er ist nachhaltig verärgert und denkt sich, dass Wirtschaft und Gesellschaft noch ein weiteres Jahr wie dieses nicht durchhalten werden. Er muss damit aufhören, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen zu sein.

07:14 – Kurzes Telefonat mit seinem Sohn: Laschet bekommt im Laufe des Tages mehrere Container mit Schutzmasken geliefert. Versehentlich wurde die Menge der Masken verdoppelt, auch der Preis liegt um 30% über dem vertraglich vereinbarten. Hektisch sucht der Landeschef in seinen Unterlagen nach einem geeigneten Plan, um sich im Stil von Söder mit ein paar Millionen Masken fotografieren lassen zu können.

07:28 – Der Kaffeeautomat im Landtag funktioniert nicht ordnungsgemäß. Der automatische Auswurf der Kunststofftrinkbecher klemmt. Laschet fordert sofortige Lockerungen.

07:55 – Das ARD-Morgenmagazin fragt an, ob der zukünftige CDU-Vorsitzende sich einem Duell mit Friedrich Merz stellen würde. Laschet sagt sofort zu unter der Bedingung, dass das Sauerland keine Rolle in der Diskussion spielen dürfe. Stattdessen wolle er über Skigebiete in Nordrhein-Westfalen und die Zukunft der regionalen Wirtschaft befragt werden.

08:13 – Die Masken wurden nach Neuss geliefert und in einem Logistikzentrum auf mehrere Posten für einzelne Klinikkonzerne verteilt. Leider ist die Location wenig fototauglich, dazu würde ein rein zufälliger Besuch von Laschet auf der linken Rheinseite viel Aufsehen erregen. Die CDU-Landtagsfraktion soll eine Lösung finden.

08:26 – In NRW werden vier neue Chats bekannt, in denen insgesamt dreihundertzehn Polizisten eine Anschlagsserie gegen Synagogen im Bundesgebiet planen. Der katholische Teiljurist empfindet dies als Diffamierung der christlichen Religion und kündigt den jüdischen Gemeinden ein Weihnachtsfest an, das sie so schnell nicht vergessen werden.

08:40 – Die Düsseldorfer Fußballarena gibt bekannt, dass das Impfzentrum noch zwei Tage bis zur Inbetriebnahme durch das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt und die Feuerwehr braucht. Auf Nachfrage bestätigt die Sprecherin jedoch, dass man für einen Fototermin mit Gesundheitsminister Spahn den Betrieb bereits simulieren könne. Laschet ist einverstanden. Mehr als simulieren kann er sowieso nicht.

09:00 – Die Infektionszahlen des Robert-Koch-Institutes treffen ein. Mehrere neue Hotspots in Nordrhein-Westfalen lassen den Schluss zu, dass der Präsenzunterricht in den Regelschulen auch viele Kinder zu Überträgern des Virus gemacht hat. Laschet zeigt sich zuversichtlich, dass das mit einer neuen Studie eines befreundeten Virologen alles in Ordnung kommen wird.

09:11 – Laschet lässt sich für seinen Auftritt in die Staatskanzlei fahren. Auf dem Weg verzehrt er sein Wurstbrot. Nebenbei telefoniert er mit einem der durch die Corona-Krise schwer angeschlagenen Fabrikanten, der für seinen Fleischzerlegebetrieb keine Subsubsubsubsubunternehmer mehr findet. Der Landesvater verspricht eine Gesetzesänderung auf Bundesebene, sobald er Kanzler geworden ist.

09:28 – Der Ministerpräsident tritt vor die Presse und verkündet, dass er einen normalen Betrieb von Skiliften und anderen touristischen Einrichtungen in Österreich und Frankreich derzeit nicht für sinnvoll hält, da die Infektionsgefahr insbesondere für Reisende aus dem Ausland viel zu hoch ist und zu unkontrollierter Ausbreitung des Virus führt. Da es sich bei den Besuchern der Skigebiete im NRW aber um ausländische Ausländer handelt, die für Deutschland keine zusätzlichen Risiken nach ihrer Abreise darstellen, plädiert er für eine sofortige Öffnung aller Pisten, die für das Sauerland als wichtigstes Wintersportgebiet der Bundesrepublik unerlässlich sei.

09:56 – Auf der Fahrt zur CDU-Landtagsfraktion hört der NRW-Kabinettschef im Radio eine Stellungnahme des RKI zu seinen Ausführungen in der Frage der Schulöffnungen. Laschet ist sehr verärgert, dass die Frage der Kinderbetreuung zur Sicherung eines ungestörten Arbeitseinsatzes der betreffenden Eltern nicht einmal angerissen wurde. Er lässt sich seine Wirtschaftspolitik nicht von irgendwelchen Virologen diktieren und verweist auf die vielen Lehrkräfte, die ihm täglich begeisterte Briefe schreiben würden, wenn sie dazu Zeit hätten.

10:43 – Der Führungszirkel der Fraktion ist ratlos. Es steht für alle außer Frage, dass der nächste Kanzlerkandidat der Union aus NRW stammen muss, die meisten sind sich aber sicher, dass das auf den künftigen Bundeskanzler ganz sichern nicht zutreffen wird. Offenbar hat es Laschet gegenüber noch keiner so deutlich geäußert. Er ist nur sehr überrascht über die Armin-Laschet-Poster, die in Wechselrahmen an den Wänden des Konferenzsaals hängen.

11:02 – Die Fußballarena bestätigt den Termin, mit etwas Glück wird auch Spahn für ein gemeinsames Foto anwesend sein. Das WDR-Studio Düsseldorf fragt an, ob ein kurzer Filmbericht mit einem anschließenden Statement in der Düsseldorfer Ausgabe der Lokalzeit möglich ist. Der Ministerpräsident sagt sofort zu.

11:28 – Vorgezogene Mittagspause. Das Wurstbrot ist schon weg, also lässt sich Laschet bei einem Grillimbiss unter dem Rheinturm eine Bratwurst reichen. Das Objekt ist erheblich angebrannt und sieht nicht mehr verzehrtauglich aus. Er besteht allerdings darauf, diese Wurst vor den Augen des Imbissbesitzers zu essen und fügt hinzu, dass er als Kanzlerkandidat alles für die Kohleförderung in Nordrhein-Westfalen unternehmen wird.

11:46 – Die Vorwürfe aus der SPD-Fraktion werden lauter. Vereinzelte Abgeordnete bezeichnen den ersten Beamten des Bundeslandes als schäbig und unanständig. Laschet weist in einem Telefonat mit seinem Rechtsanwalt darauf hin, dass er für die von NRW gekauften Masken kein Geld erhalten habe. Die Provision sei ausschließlich an seinen Sohn Joe geflossen und werde in Übereinstimmung mit den diesbezüglichen Vorschriften der Union auf den Cayman-Inseln landen, wo sie leider nicht von den bundesdeutschen Steuerbehörden gefunden werden kann.

12:09 – Das Telefonat wurde nicht durchgestellt, Angela Merkel ruft direkt in der Staatskanzlei an. Laschet springt aus seinem Drehsessel und hört schwitzend die Ansage der Bundeskanzlerin. Er versucht mehrmals, sie zu unterbrechen, stellt jedoch fest, dass sie offenbar gar nicht vorhat, ihn zu Wort kommen zu lassen. Besonders verängstigt ihn ihre Drohung, beim geplanten Parteitag noch einmal als CDU-Vorsitzende zu kandidieren und sich vom Gastredner Söder als alternativlos für die erneute Kanzlerschaft bezeichnen zu lassen. Sie legt einfach auf.

12:24 – Der Ministerpräsident hat sich schnell eine frische Hose angezogen. Der Bürostuhl wird in den kommenden Tagen gesäubert.

12:53 – Die WDR-Journalisten möchten vorab wissen, ob Laschet beim Interviews am Nachmittag eine Aussage zur Maskenaffäre tätigen will. Er verweist darauf, dass sein Sohn als Influencer die Corona-Artikel im Internet gekauft habe, um ein Modellprojekt für digitalen Infektionsschutz zu starten. Da es ihm gelungen sei, die Meinung und das Kaufverhalten eines der wichtigsten und besten Politikers in der EU zu beeinflussen, könne man das Experiment als gelungen betrachten.

12:58 – Der neue Standort der Maskenlieferung trifft ein. Der Ministerpräsident händigt seinem Fahrer das Fax aus und sucht in seiner Manteltasche nach einer Maske. Er findet keine. Egal, vor Ort werden sehr, sehr viele auf ihn warten.

13:39 – Es ist kalt in der Lagerhalle in Flingern-Süd. Bedauerlicherweise ist nur eine Euro-Palette zu sehen, auf der sich ein paar hundert neutral verpackte Kartons befinden. Laut Aufschrift handelt es sich um Fleischwaren aus einem Betrieb mit vorwiegend rumänischen Leiharbeitern. Laschet droht den gerade eintreffenden Fotografen mit einer Klage, wenn sie ihn vor den Mettwurstkartons aufnehmen.

14:35 – In einem gemeinsamen Statement wenden sich über dreitausend Lehrerinnen und Lehrer an den Ministerpräsidenten. Sie stellen klar, dass sie die derzeitige Unterrichtssituation für vollkommen kontraproduktiv und infektionshygienisch extrem gefährlich halten. Außerdem erneuern sie eine schon mehrmals gestellte Forderung, die digitalen Unterrichtsmöglichkeiten an den Schulen des Landes umgehend auszuweiten. Laschet schmeißt das Fax verärgert in den Papierkorb. Er wird sich bestimmt nicht von Pädagogen erklären lassen, wie der Schulbetrieb abzulaufen hat.

14:58 – Der designierte CDU-Chef hat seinen Kugelschreiber in der Landtagsfraktion liegen lassen. Grußlos geht er in den Konferenzsaal, wo Hilfskräfte gerade hektisch die Wechselrahmen mit Friedrich-Merz-Fotos bestücken. Neben dem Schreibgerät befindet sich auch seine Ersatzmaske, die er sonst immer in der Manteltasche mit sich führt. Laschet wertet dies als Gedächtnislücke und damit weiteren Grund seiner Kanzlertauglichkeit.

15:22 – Kurzer Zwischenstopp in der Staatskanzlei. Der Ministerpräsident bricht auf zum Ortstermin im neuen Impfzentrum. Aus Zeitgründen muss er ein Telefoninterview mit einem Boulevardblatt aus dem Springer-Konzern im Auto führen. Es geht um die angebliche Abstammung Laschets aus einem cheruskischen Adelsgeschlecht, die er jedoch als nicht erwiesen ansieht. Er möchte lieber, dass die Schlagzeile auf seine direkte Abkunft von Karl dem Großen Bezug nimmt.

15:46 – Während die gepanzerte Limousine durch Pempelfort rollt, öffnet Laschet seinen Aktenkoffer und entnimmt ihm eine Packung hochfeine Salami. Die Wurstscheiben haben einen angenehm fettigen Geschmack mit leicht ranziger Kopfnote. Leider greift er gedankenverloren nach seiner Ersatzmaske in der Manteltasche, um sich die Finger zu säubern.

16:03 – Laschet trifft in der Fußballarena ein und wird von einem Mitarbeiter des Gesundheitsamtes begrüßt. Leider ist Bundesminister Spahn noch nicht eingetroffen, was aber dem künftigen Kanzler sehr gut gefällt. Zumindest ist er im Moment der ranghöchste Politiker und wird auf jedem Foto zu sehen sein. Jedoch hat niemand einen Fotografen bestellt, so dass Laschet sich die Ausführungen der Mitarbeiter alleine anhören muss.

16:32 – Gesundheitsminister Spahn betritt den Fußballplatz. Er weist den Ministerpräsidenten auf die allgemeine Maskenpflicht hin und fordert ihn auf, umgehend Mundschutz anzulegen. Andernfalls droht er damit, sich nicht mit ihm ablichten zu lassen und gegebenenfalls auf ein gemeinsames Interview mit dem WDR zu verzichten.

16:45 – Die Maske mit den Fettflecken droht die Nase des CDU-Granden auf den Fotos unangenehm glänzen zu lassen. Er schiebt sich das Gewebe mit vorsichtigen Fingern unters Kinn, bevor er den Journalisten Bilder erlaubt. Spahn hat sich bereits verabschiedet. Er hat Besseres zu tun.

16:50 – Die WDR-Mitarbeiter haben ein tragbares Pult und ein paar Scheinwerfer aufgebaut, um den Ministerpräsidenten für die Abendsendung zu interviewen. Die Visagistin braucht ungewöhnlich lange, um seine fettglänzende Nase abzudecken. In einem kurzen Statement verkündet Laschet, dass er parallel zum Impfbetrieb in anderen Stadien in Nordrhein-Westfalens wieder Sportveranstaltungen erlauben wird, da Bewegung an der frischen Luft gesund ist und das Immunsystem stärkt. Je größer das Stadion ist, desto mehr Personen können seiner Ansicht nach davon profitieren. Auch Skisport im Rheinstadion ist für ihr eine tolle Option, die die Wirtschaft sehr nachhaltig stärken wird. Dass die Journalistin vom Augenrollen fast bewusstlos wird, wertet er als Zeichen seiner Ausstrahlung als zukünftiger Regierungschef Deutschlands.

18:03 – Auf der Rückfahrt in die Staatskanzlei erreicht Laschet ein Telefonat mit unterdrückter Rufnummer. Da er die Auseinandersetzung mit kritischen Journalisten scheut und nicht nochmals über die aktuellen Fallzahlen des RKI reden will, schreit er den Anrufer an. Er bedroht den Schreiber damit, dass er seinen Sohn vorbeischickt, wenn er weiterhin gestört wird.

18:50 – Nach einem kurzen Umweg über die Landtagsfraktion, wo eine weitere Ersatzhose für den großartigsten Kanzler seit Bismarck besorgt wird, kann sich Laschet in seinem Arbeitszimmer in der Staatskanzlei zurückziehen. Die Rücksitze des Dienstfahrzeugs dürften innerhalb weniger Tage wieder benutzbar sein.

19:22 – Für die Lokalzeit soll ein weiterer O-Ton aufgezeichnet werden. Laschet gibt unumwunden zu, dass er sich wie viele andere Länderchefs auch viel zu optimistisch über die Wirkungen des lockeren Lockdowns geäußert hat und nun erschrocken ist über die hohen Fallzahlen. Da man bei den vielen Infektionen allerdings nie wissen kann, wo sie stattgefunden haben, möchte er am liebsten so schnell wie möglich eine totale Lockerung in allen Bereichen durchsetzen, um aus dem Gesamtergebnis der Todesfälle die verlässliche Rückverfolgung der Infektionsketten zu erstellen. Im Hintergrund des Beitrags ist ein deutliches Augenrollgeräusch zu vernehmen.

20:04 – Ein Ersatzwagen war so schnell nicht zu beschaffen, daher muss der Ministerpräsident auf einer Plastikfolie sitzen. Er diktiert noch schnell das Interview mit dem Springer-Blatt, das er am nächsten Tag vom Chefredakteur freigeben lassen will. Darin zeigt er sich überzeugt, dass es im kommenden Jahr einen sachlichen Wahlkampf geben wird, in dem er als der einzige Kandidat mit überdurchschnittlich guten Umfragewerten wegen seiner historisch einzigartigen Kompetenzen alle anderen Politiker in ihre Schranken verweisen wird.

21:09 – Armin Laschet ist vor seiner Wohnung angekommen und sucht den Schlüssel in seiner Manteltasche. Leider befindet sich dort nur eine stark mit Wurstfett verschmierte Gesichtsmaske. Zum Glück hat der Fahrer im Handschuhfach stets einen Ersatzschlüssel, da diese Situation im Schnitt zweimal im Monat vorkommt. Der große CDU-Leader zieht sich zurück.

21:12 – Auf dem Anrufbeantworter fragt ein zufällig aus Medien und Gerichtsakten bekannter Fleischmogul nach, ob Laschet ‚über die Festtage seine verkackte Fettfresse vorbeischwingt‘. Leider sind seine Freizeitaktivitäten schon so verplant, dass es für ihn das härteste Weihnachtsfest der Nachkriegszeit wird.

22:01 – Nach einer weiteren Packung Trüffelsalami (MHD 01.01.2003) erbricht sich der Superkanzler brüllend in seine noch immer nicht neu konzipierte Duschtasse. Er ruft noch kurz eine Sprachnachricht ab, dass Joe Flugzeugträger als Außendienstchef der arabischen Friedensgesellschaft ordert. Gut, dass einer mitdenkt, wenn der Vater als größter lebender Politiker in die Geschichte des Weltalls eingehen wird. Laschet sucht nach einer sauberen Hose, schläft zwischendurch aber auf dem Sofa ein. Der Radiowecker ist gestellt. Schließlich lässt sich ein Ministerpräsident nicht von einem Radiowecker sagen, wann er aufzustehen hat.





Don’t ask, don’t tell

23 06 2020

„… sich auch in Deutschland anwenden lasse. Das Land Nordrhein-Westfalen werde nach den jüngsten Infektionsausbrüchen eine vollständige Lockerung der Maßnahmen durchsetzen, um die Stimmung in der Wirtschaft wieder zu…“

„… ohnehin nur unzureichend seien. Es gebe schon jetzt nicht ausreichend Tests für normale Teile der Bevölkerung oder Ärzte und Pfleger, solange man systemrelevante Fußballer, den Ministerpräsidenten, seine Familie und das…“

„… die Fallzahlen des Robert-Koch-Instituts nur noch für den internen Dienstgebrauch freigeben wolle. Die Neuinfektionen würden eine wichtige Rolle bei der Dynamik gesamtwirtschaftlicher Entscheidungen spielen und könnten auch für den DAX eine sehr negative…“

„… sofort Hilfen für die betroffenen Betriebe bereitstellen werde. Die Landesregierung sehe es als ihre Aufgabe an, unverschuldet in Not geratene Konzerne vor Gewinneinbrüchen zu schützen, die durch unachtsames Einschleppen des Virus durch fremdländische Arbeiter in den…“

„… wolle Laschet erreichen, dass die positive Stimmung in der Wirtschaft auch auf die Wähler übergehe, die dann den besten Kanzlerkandidaten der Christdemokraten mit uneingeschränkter…“

„… gebe die Landesregierung die Fallzahlen auch intern nicht mehr an die zuständigen Stellen weiter, um personalintensive Diskussionen im Keim unterbinden zu können. Es stehe den Leitern der kommunalen Behörden allerdings frei, sich mit Medien aus den anderen Bundesländern zu…“

„… habe sich deutlich gezeigt, dass die vom Bundesgesundheitsministerium installierte schnelle Meldekette von Infektionsfällen nicht funktioniere, wenn sie die Datenübermittlung länger als zwei Wochen verzögere. Der Ministerpräsident habe im Kabinett vorgeschlagen, Nordrhein-Westfalen so weit als möglich von den nationalen Strukturen abzukoppeln, um nicht mehr in der Statistik der…“

„… seien sämtliche Zwangsmaßnahmen gegen infizierte Personen und ihre Familien im Rahmen der Gefahrenabwehr zu rechtfertigen. Dass die Nachrichtensperre über die abgeriegelten Gebiete auch mit polizeilicher Unterstützung durchgesetzt werde, habe der Innenminister mit Sorge um eine in der Bevölkerung aufkommende…“

„… sehe Laschet es als sein gutes Recht an, Fernsehtalkshows über Pandemie-Themen nicht in seinem Regierungsgebiet ausstrahlen zu lassen. Dies sei keine staatliche Zensur, sondern eine der Volkserziehung geschuldete…“

„… und den Weg in eine verantwortungsvolle Normalität beschreiten werde. Da es im Land so gut wie keine Latex-Handschuhe mehr gebe, müsse man jetzt auch keine mehr anschaffen. Ärzte und Pfleger sollten jetzt einfach ohne Schutzkleidung weiterarbeiten und in Bezug auf die Risiken ihres Berufes anerkennen, dass Menschen nun einmal sterblich seien und für die Wirtschaft allenfalls als eine nicht so…“

„… habe Reul die Massenkundgebung von Verschwörungsideologen in Düsseldorf persönlich genehmigt. Wer COVID-19 als Instrument einer von Bill Gates und den Reptiloiden geplanten Auslöschung der arischen Herrenrasse bezeichne, so der Innenminister, dem könne man keine vorsätzliche Angstpropaganda vorwerfen, indem er die Infektion als schlimmer darstelle, als diese tatsächlich im…“

„… dass Lehrkräfte sich nicht mehr testen lassen müssten, wenn der Verdacht einer Infektion bestehe. Eine präventive Quarantäne in den Kellern der Schulgebäude würde ausreichen, um Lehrer auch weiterhin sicher im Schulbetrieb zu…“

„… dürfe der Staatsschutz auch weiterhin Personen aus der Öffentlichkeit entfernen, die den Medien gegenüber zu viele Informationen aus von der Infektion betroffenen Betrieben im…“

„… wolle Laschet die öffentlich-rechtlichen Sender vollständig abschalten lassen. Propaganda sei in Nordrhein-Westfalen bis auf Weiteres nur noch erlaubt, wenn sich die Regierung selbst im…“

„… am Plan einer weiteren Konzentration der Krankenhausversorgung festhalten werde. Da die Pandemie von der Landesregierung nun offiziell als nicht existent bezeichnet worden sei, dürfe es keine weitere Verzögerung geben, die von Bertelsmann und den Klinikkonzernen angemahnten Sparzwänge auch unverzüglich in allen…“

„… nicht ausschließen könne, dass die Person vorsätzlich gehustet habe. Es lasse sich nicht mehr feststellen, aus wie vielen Waffen sich Schüsse gelöst hätten. Die Polizeibeamten seien von Reul persönlich beglückwünscht worden, da sie sich nicht hätten einschüchtern lassen von einem mutmaßlich linksextremistischen Terroristen, der nur die Verächtlichmachung des Rechtsstaates für seine hetzerische…“

„… habe man Gütersloh durch Panzergrenadiere beschießen lassen müssen. Wer sich Anweisungen der Landesregierung widersetze, die Quarantäne-Areale ohne polizeiliche Erlaubnis zu verlassen, der müsse nun mit den härtesten…“

„… starke Umsatzrückgänge im Küchenbau verzeichne, da die Geräte nicht aus den gesperrten Kommunen in andere abgeriegelte Gemeinden geliefert werden könnten. Dies werde jedoch im Weihnachtsgeschäft alles wieder in…“

„… auf die Intensivstation verlegt worden sei, da die Spontanatmung dauerhaft ausgesetzt habe. Für den Ministerpräsidenten habe man eine nicht krankenversicherte Fremdarbeiterin mit leidensverkürzenden Maßnahmen in den…“





Bedauerlicherweise

14 05 2012

„Ja, tut uns echt Leid. Da fühlen wir ganz mit Ihnen. Richte ich gerne aus. Grüße an die Frau Kanzlerin vielleicht noch, oder eine… Gut, keine. Bitte sehr um Verzeihung.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Sie haben Röttgen gewählt? Ach, das ist ja traurig. Also ich meine, das ist ja traurig, dass Sie ihn… Nein, ich hatte mich da nur falsch aus-… Das war doch jetzt gar nicht ironisch gemeint, ich wollte Sie bloß…

Das können Sie als Trauerbewältigungsarbeit verstehen. Wir sind für den Bürger da, der muss nun aufgefangen werden, weil die Leute den Wechsel in Nordrhein-Westfalen wollten, und dann hat’s eben nicht geklappt. Bedauerlicherweise. Da können wir jetzt sehen, wie wir damit fertig werden. Diese Demokratie, das ist ja einfach nichts. Und dann auch noch Sozialdemokratie, da kann man ja nur noch depressiv werden!

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Leider nein, das geht nicht automatisch. Als Bundesminister muss man extra zurücktreten, und ich wüsste auch nicht, wo wir so schnell die Doktorarbeit von Röttgen herbekommen sollten. Das müssen Sie schon im Präsidium zur Sprache bringen, Herr Pofalla. Ja, Sie mich auch. Auf Wiederhören.

Es ist schon eine Krux, dass nicht einmal die Partei selbst damit umgehen kann. Ich meine, wir haben doch alles getan, was wir nur konnten – beziehungsweise in dem Fall eben nicht, obwohl wir getan gehabt gekonnt gehaben hatten sollen können müssen! Da ist seit Wochen nichts mehr passiert, das Bundesamt für Naturschutz ist quasi schon im Weihnachtsurlaub, das Bundesamt für Strahlenschutz können Sie unter einer Staubschicht suchen, im Bundesamt geht gar nichts mehr. Hat sich die Frau Kanzlerin gesagt: machen wir kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen keine Politik mehr, hat ja letztes Mal auch schon so toll geklappt. Guter Plan, da kann man dann wenigstens die Sozialdemokraten nach dem Wahlsieg dafür verantwortlich machen, dass hier jede Menge unerledigte Arbeit herumliegt. Sehr guter Plan.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für… Schreien Sie doch nicht so! Ja, wir sind natürlich auch ganz bestürzt. Furchtbar. So ein unglaublicher Dreck, eine Gemeinheit, solche Gerüchte über unseren geliebten Landespolitiker Röttgen, nein: Röttgers, halt: Rüttgers hieß der, Rüttgers. Ach so, Sie meinen das von uns? Nein, wir haben das gar nicht in die Welt gesetzt. Unglücklicherweise stimmte das ja auch gar nicht. Schlimm, oder? Ich bin untröstlich.

Also die Arbeit. Da war ja gar nichts mehr. Aber wir dürfen das auch nicht überbewerten, auf die Art hatte dann Rot-Grün auch viele Möglichkeiten, große Fehler zu machen. So theoretisch. Ich meine, diese Piraten hätten das damals nur kaputt gemacht. In den sechs Wochen hätten die ihre Mitglieder befragt und dann einfach irgendetwas gemacht. Die hätten da etwas entschieden! Politik! Ich meine, man geht doch nicht in die Politik, um einfach so mal etwas zu…

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Ja, es ist ein Jammer. Ich kann Ihren Schmerz nachfühlen. Das ist wirklich eine herbe Enttäuschung. Da hatten Sie sich in Berlin schon so sehr gefreut, und jetzt kommt der Röttgen einfach zurück. Tragisch, tragisch.

Ungünstigerweise kriegt er ja auch nie wieder eine Chance, noch irgendetwas zu machen. Der ist wie Atommüll: ob Sie den hierhin packen oder dorthin, egal, der bleibt da. Bis zum bitteren Ende. Das kriegen Sie nie wieder weg. Nicht mal als Kanzler. Erst recht nicht als Kanzler.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Mein Beileid! Das wollten wir wirklich nicht! Ach Gott, wie konnte das denn bloß – Ihre Frau Mutter hat gar nicht gewusst, dass Röttgen der Kandidat von uns ist? Die wusste gar nicht, wen sie diesmal wählen soll? Nervenzusammenbruch!? Und dann hat sie was gewählt? Tierschutzpartei? Na, ist ja wenigstens nicht im Gulli. Wie bei der FDP.

Aber eins müssen Sie Röttgen doch lassen, er hat wirklich ein Händchen für die richtigen Signale. Diese Landtagswahl zu stilisieren als ultimative Abstimmung über Merkels Krisenpolitik, das ist ja echt ein Coup. Wirklich schade, dass er letztlich auch noch Recht hatte.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Ja, das mit den 40 Prozent ist nichts geworden. So traurig. Ach, Sie meinten die SPD?

Das Problem war ja, dass die Bürger in Nordrhein-Westfalen sich das Gesicht von Röttgen gar nicht merken konnten. Als Landeschef war er so gut wie nie da, bei den Plakaten musste man automatisch weggucken – aber schade auch, dass er erst recht weg vom Fenster ist. Scheint einer von seinen Sparvorschlägen gewesen zu sein.

Christdemokratische Seelsorge, was… Frau Kanzlerin? Nein, keine Ahnung. Gestern war er noch hier. Also wir haben jetzt nicht noch einmal überall durchgesehen, aber hier ist er nicht. Denke ich. In Berlin ist er nicht angekommen? Haben Sie mal bei Koch geguckt? bei Wulff angerufen? bei von Beust oder Merz? Nicht? Schade eigentlich.“





Streberparty

10 04 2012

„Ob Sie etwas für die große Torte haben. So ein Knalleffekt, verstehen Sie, etwas Pfiffiges. Mit Pep. Sie wollen eine Dame da drinnen verstecken? Und die ist nur halb bekleidet? Das kann ich mir nicht vorstellen. Echt nicht. Wir hatten da eher an etwas gedacht wie bunte Zuckerschrift. Zweifarbig, das würde Herr Röttgen möglicherweise mitmachen.

Der kann ja auch nicht alles selbst machen, der Herr Röttgen. Er ist ja einer der ganz modernen Leute bei uns, müssen Sie wissen. Der arbeitet jetzt Teilzeit. Die eine Hälfte hat er keine Zeit für sein Ministerium, die andere Hälfte erledigt er NRW. Ganz moderner Mann. Deshalb wollen wir hier auch ein absolut fortschrittliches Fest für ihn organisieren. Also eins, das voll auf der Höhe der Zeit ist. Mit dem sich jeder hier im Land infiziert, nein, falsch: identifiziert. Bis auf die Gäste.

Getränke gehen natürlich extra. Nüchtern ist das ja auch gar nicht zu ertragen. Haben Sie da etwas im Angebot? So halbwegs modern? Vielleicht irgendeine Art Szenegetränk? Was man auch mit Geschmack nicht stehen lässt? Nein, bloß nicht schon wieder Rüttgers Club! Das muss doch zum Kandidaten passen! Also Überraschung ja, aber bitte nichts Überraschendes! Eher so etwas ganz ungewöhnlich Normales. Ja, gut. Alt ist okay. So sieht Herr Röttgen auch schon aus.

Das ist hier nämlich so eine ganz moderne Wahlparty, die Herr Röttgen macht. Alles regional organisiert. Der Saal, die Getränke, Luftschlangen, alles. Nur die Gäste bringt er selbst mit. Das ist, weil Herr Röttgen so modern ist. Und wir hier im Landesverband nicht.

Und bitte dieses Jahr mal keinen Lachs auf die Schnittchen, das würde sonst doch zu sehr nach FDP aussehen. Erbsensuppe mit Lachs. Und dieser billige Sekt aus dem Discounter. Eingeschlafene Füße mit Blubber. Lassen Sie das dem Lindner, der hat’s doch auch nicht leicht. Ist nicht sonst etwas Bodenständiges im Repertoire? Ah so. Beleidigte Leberwurst.

Er stellt halt gerne mal ein paar Leute in den Schatten. Nein, anders: sein Kabinett hat einen – wieder falsch, also ich meine: er stellt sich vor sein Schattenkabinett. Er stellt sich vor, er habe ein Schattenkabinett. Jedenfalls haben die auch schon alle zugesagt. Soweit sie bis jetzt wissen, dass sie da drin sind. Die meisten erfahren das ja eher so durch Zufall. Das nennen wir jetzt Transparenz. Weil das alles ziemlich durchsichtig ist, was Herr Röttgen da veranstaltet.
Haben Sie eigentlich die Adresse? Nicht, dass Sie da noch falsch liefern. Das macht doch schon die FDP. Haben Sie die Adresse? Gut, wir nämlich nicht. Haben Sie das? Ja. Nein, nicht Labour Party. Streberparty.

Die Einladungen dann auf Karton. Strapazierfähig. Den Karton meine ich. Goldrand, wenn’s geht. Und mit Aufdruck, selbstverständlich. Verantwortung statt Verschuldung. Das müssen wir schon so kommunizieren, damit der Eintrittspreis nicht ganz so hoch aussieht. Wenn wir jetzt etwas von Stargästen und kaltem Büfett auf die Karte schreiben, dann denken die sich am Ende, für die Kohle hätte man ja auch gleich eine vernünftige Party schmeißen können, aber wenn gar nichts draufsteht, gibt es auch keine Erwartungen. Clever, nicht? Ja, Herr Röttgen kann was. Glaube ich.

Bisschen Unterhaltungsmusik wäre auch nett. Haben Sie vielleicht einen Kinderchor, der das Steigerlied kann? Gut, hätte ja sein können. Herr Röttgen will sparen, da können wir uns kein großes Programm leisten. Die Windkraftwerke werden jetzt doch nicht plattgemacht, obwohl das Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor versprechen könnte – wir müssen zur Entlastung des Landes viel Geld ausgeben. Und dann die Pendlerpauschale. Brauchen wir unbedingt. Vor allem zwischen Berlin und Düsseldorf. Wäre einfacher gewesen, wir hätten ihm die Rückfahrkarte von Künast in die Hand gedrückt, aber bei einem von der CDU im Rheinland weiß man nie. Was Sie dem in die Hand drücken, das ist erstmal weg.

Tolle Sache, haben Sie gelesen? Eröffnungsrede von Friedrich Merz, der Parteibezirk Mittelrhein tanzt Polonaise, und Axel E. Fischer fordert Gewässerschutz für Flussdiagramme – alles weg. Frisch gestrichen. Fällt aus wegen ist nicht. Ist doch großartig, wenigstens in dem Punkt kann Herr Röttgen dann mal zeigen, dass wir die Kostenseite ernst nehmen. Man muss am richtigen Ende sparen.

Haben Sie die Luftballons vielleicht in extra robuster Qualität? Dass da irgendwann die Luft raus ist, damit muss man rechnen, aber dass das alles vorzeitig platzt – diese Dünnhäutigkeit, verstehen Sie, das macht uns ein bisschen Sorgen. Können Sie die Materialproben nicht gleich in die Parteizentrale schicken? Zur Vorsicht. Kann ja sein, dass die da noch viel dringender gebraucht werden.

Ja, gut. Bestuhlung extra, Putzfrauen macht die Arbeitsagentur, Cocktailschirmchen haben wir noch von 2010, und die Gästeliste ist ein parteiinterner Vorgang, der außerhalb der Partei nicht kommentiert werden muss. Es reicht, dass der Saal voll ist, wer sich da aufhält, kann man hinterher immer noch aus dem Polizeibericht erfahren. Man muss sich an Regeln halten. Aber nicht unbedingt an die eigenen.

Abgemacht, wir lassen hier eine Party mit Gegenwartsbezug steigen. Die CDU kriegt eins auf die Mütze. Total auf der Höhe der Zeit.“





Kraftpaket

24 05 2010

„Das müssen Sie uns erklären, Schüler.“ „Es ist der genialste Coup, den man sich vorstellen kann. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen.“ „Finde ich nicht.“ „Finde ich auch.“ „Also: auch nicht?“ „Als erstes wüsste ich schon gern, warum sich Hannelore Kraft jetzt als Retterin der SPD aufspielt. Das war doch kein Sieg – das war doch eine Blamage, was wollen Sie eigentlich?“ „Wir pusten Sie alle weg. Erst NRW, dann Berlin. Kraft ist die kommende Frau.“ „Sie meinen, jetzt wo Drohsel sich abmeldet, reicht Nahles nicht mehr für einen Selbstmord?“

„Jetzt mal Ruhe, Genossen! Schüler, erklären Sie uns das Konzept. Was macht Kraft denn jetzt?“ „Sie greift Merkel an.“ „Wie soll das denn bitte funktionieren?“ „Unsinn, das kann ja gar nicht…“ „Bitte, lassen Sie ihn doch ausreden.“ „Dann soll er mal erzählen, mit welchen Waffen!“ „Konsequentes Nichtstun. Aussitzen und die Fehler den anderen überlassen.“ „Das einzige, was die Kanzlerin ohne fremde Hilfe hinkriegt.“ „Auch nicht immer.“ „Aber meistens doch!“ „Und was bringt das? was bringt das konkret der SPD?“ „Rot-Grün, wie es gedacht war.“ „Also Agenda 2020 mit noch mehr Afghanistan?“ „Quatsch, eine Politik der ruhigen Hand, bei der die anderen so viel meckern können, wie sie wollen, weil sie niemand hört.“ „Sie meinen Durchregieren?“ „Nein, nur endlich mal jemand, der nicht gleich das Falsche macht.“ „Nicht nur das, sie hat erst mit der FDP geredet und abgewartet, bis die Pinkwarzen ihrem zukünftigen Ex-Vorsitzenden nachlaufen.“ „Sie wusste doch schon vorher, dass das die FDP nicht auf die Reihe kriegt.“ „Auch das, aber soll sie sich hinstellen und den Westerwelle-Club als notorische Umfaller bezeichnen?“ „Wo ist da der Nachrichtenwert?“ „Eben, deshalb war das auch nicht Teil der Agenda.“ „Sondern?“ „Dass die FDP nicht kann.“ „Sie meinen: nicht will.“ „Nein, nicht kann. Sie sind Steigbügelhalter. Chronische Juniorpartner. Die, die selbst nichts hinkriegen, wenn sie Verantwortung übernehmen sollen. Nicht in Berlin, nicht in Düsseldorf. Sie brauchen einen Chef, der die Arbeit selbst erledigt.“ „Und wo ist da der Pferdefuß für die Liberalen?“ „Dass sie selbst da, wo es um staatsbürgerliche Verantwortung geht, Heuchler sind. Sie wollten mit aller Macht eine Koalition mit den Linken verhindern – und haben alles getan, um das nicht erreichen zu müssen.“

„Und das mit den Linken war dieselbe Tour in Lila?“ „Falsch. Raten Sie mal, warum diese Fragen zur SED-Vergangenheit kamen.“ „Weil ihr nichts einfiel, wie sie ihre Voreingenommenheit noch deutlicher unter Beweis stellen konnte?“ „Weil sie Kontinuität zeigen wollte.“ „Zwischen der DDR und den Linken?“ „Das auch. Die hatten ja mehr aus Wahlkampfgründen Kreide gefressen und fanden hinterher nicht alles schlecht im real existierenden Stalinismus. Aber vor allem natürlich in der eigenen Linie: nicht regierungswillig.“ „Die SPD?“ „Blödsinn! Die Linken natürlich.“ „Das hatte Kraft doch den ganzen Wahlkampf durch…“ „Eben. Deshalb musste sie es auch noch einmal für die Galerie zeigen.“ „Dazu hätte es doch nur das Parteiprogramm der Linken gebraucht.“ „Aber so weiß es jeder. Ypsilanti wird sich nicht wiederholen und die internen Kritiker haben keinen Grund, an Kraft zu zweifeln.“ „Schüler, Sie liegen da völlig falsch, es ist…“ „Das ist noch nicht alles. Sie hat damit gezeigt, was die Linke will.“ „Nämlich?“ „Nicht regieren. Sie wollen nicht regieren. Sie haben sich bewusst in den Landtag wählen lassen, um die Regierungsarbeit zu verweigern. Sie nennen sich Sozialisten, prangern den Neoliberalismus und seine Selbstbedienungsmentalität an, und sie selbst lassen sich alimentieren für eine Aufgabe, die sie ablehnen.“ „Damit sind sie beim nächsten Mal weg vom Fenster.“ „Erraten. Das war Sinn der Sache.“

„Und jetzt? Sie kann doch nicht alle Partner vor die Tür setzen.“ „Warum nicht? Sie macht es wie Merkel“ „Das mit dem Lagerwahlkampf?“ „Das mit den Partnern. Sie spielt sie kaputt. Erst die SPD, jetzt die FDP. Die Grünen sind als nächste dran. Kraft macht es wie Merkel – nur besser.“ „Wieso macht sie es besser? Ist sie effektiver?“ „Sie drückt ihre Gegner nicht an die Wand. Sie stellt ihnen hier und da ein Bein. Auf die Schnauze legt sich dann jeder selbsttätig. Das ist nicht nur eleganter, es spart auch viel Energie. Merkel lernt noch Beten, das kann ich Ihnen flüstern.“

„Trotzdem, wenn sie jetzt der CDU ein Angebot für eine Koalition macht…“ „Macht sie? Nicht, dass ich wüsste.“ „Aber es wird doch Gespräche geben.“ „Das interpretieren Sie möglicherweise so. Sie lässt nur die CDU auflaufen, das ist alles. Die Leute wollen ja einen Politikwechsel, sonst hätten sie Rüttgers nicht rausgeworfen.“ „Weshalb dann die Gespräche?“ „Ich bitte Sie, was haben Sie denn die ganze Zeit mit Ihren Gesprächen? Es gibt keine, es wird nie welche geben. Die Unionisten werden genau eine Chance haben, festzustellen, dass man sich in der Sache nicht einigen kann. Damit gehen sie vor die Presse, und dann ist die Sache gelaufen.“ „Und dann kommt was?“ „Neuwahlen.“ „Wozu?“ „Für Rot-Grün.“ „Und das soll klappen?“ „Die FDP wird in ihrem momentanen Zersetzungsprozess möglicherweise gegen die Sperrklausel brettern, die Linke mit Sicherheit. Es wird überhaupt nur noch eine denkbare Konstellation geben.“ „Das riecht nach einem gewaltigen Aufbruch für 2013.“ „Außerdem gibt das einen genialen Wahlslogan. ‚Wir haben die Kraft.‘ Diesmal stimmt er sogar.“ „Überzeugt, Schüler. Gute Arbeit, sehr gute Arbeit. Dann machen Sie mal einen Termin mit Herrn Rüttgers.“





Lachnummer

20 05 2010

Klaubertsmöller kringelte sich. „Das ist ja komisch, das finde ich ja urkomisch! Haha!“ Zwar war mir nicht ganz klar, was an meinem Missgeschick – der Bus musste wegen der Bauarbeiten im Schritttempo durch die Innenstadt fahren und kam prompt zu spät – nun so lustig sei, aber hatte ich etwas anderes erwartet? „Na, dann kommen Sie mal mit!“ Er setzte eine Brille mit großen Plüschaugenbrauen auf und klemmte sich einen Clownnase ins Gesicht. Natürlich, warum auch nicht, in der Großhandlung für Scherzartikel.

Die Regale waren mit allerhand mehr oder weniger lustigem Zeug beladen. „Das geht immer“, teilte Klaubertsmöller mir grinsend mit. „Diese Kissen – Sie wissen ja, der Deutsche lacht gerne auf diesem Niveau. Aber das hier ist schon ein bisschen besser.“ Prustend drückte er mir ein kleines Rohr aus Metall in die Hand. Es handelte sich um eine Auspufftröte. „Man steckt das also bei einem Auto in den Auspuff“, fragte ich, „und das Ding pfeift?“ „Ein Höllenlärm“, gluckste der Witzboldausstatter. „Ich habe es am Auspuff meiner Schwiegermutter ausprobiert – köstlich, die alte Dame hätte um ein Haar einen Herzinfarkt bekommen, haha!“

Bonbons in buntem Glanzpapier lagen in den großen Gläsern, die Aufschriften zeigten diverse Geschmacksrichtungen an: Chili, Knoblauch und Salz. „Und diese blauen Drops?“ Klaubertsmöller feixte. Ich traute ihm nicht über den Weg und lehnte dankend ab, als er mir von der Süßigkeit anbot. Dafür stopfte er sich rasch ein Stück davon in den Mund. „Warten Sie“, kicherte er, „gleich haben wir’s!“ Und er steckte mir die Zunge heraus – blau. „Wir sind noch ein bisschen am Probieren, der Farbton könnte besser sein. Aber was halten Sie denn davon?“ Schokoladenkekse mit Nüssen? Klaubertsmöller griente und zeigte auf die Packung. Tatsächlich, das Gebäck enthielt zwar keine Nüsse, war dafür aber auch komplett schokoladenfrei. „Die Oberverlade“, juchzte er. „Was meinen Sie, wie Sie damit die Leute auf den Arm nehmen können? Und geht wie blöde, sage ich Ihnen. Kriegen Sie inzwischen in jedem Supermarkt. Verkaufsschlager, das. Wir expandieren hier übrigens. Im nächsten Quartal haben wir auch käsefreie Käsepizza mit ohne Champignons. Ulkig, nicht wahr?“ Zum Beweis spritzte er mir eine kleine Wasserfontäne aus der Plastikblume in seinem Knopfloch mitten ins Gesicht.

Da wir gerade am offenen Fenster standen, zog Klaubertsmöller ein Päckchen Zigaretten aus der Kitteltasche. „Haben Sie zufällig Feuer“, fragte er und trat schon von einem Bein aufs andere. Ich rechnete fest damit, dass der Stängel gar nicht erst zu glimmen beginnen würde, statt dessen knatterte es, während das ganze Tabakstäbchen zischend verglühte. Die Überraschung hielt sich in Grenzen, doch der Humorlieferant wieherte und schlug sich auf die Schenkel, ganz und gar begeistert von seinem Knalleffektchen. „Das ist ja gut und schön“, monierte ich, „aber reichlich sinnlos. Wer raucht heute noch? Und wer bietet jemandem noch freiwillig eine Kippe an? Das ist ja total 20. Jahrhundert, Klaubertsmöller.“ „Mag sein“, keuchte er, „mag ja durchaus sein, und Sie haben Recht. Aber ein bisschen auf die alten Sachen setzen – Pfefferminz gefällig?“ Die Dose ließ sich nicht gleich öffnen, erst mit festem Druck sprang der Deckel ab; ein glibberiges Glasauge samt Sehnerv schoss mir entgegen. „Das Auge isst ja bekanntlich immer mit“, pruschte Klaubertsmöller und verschluckte sich fast vor Lachen.

Einige Regalmeter mit den üblichen Arm- und Beinattrappen, die man aus dem Fenster oder aus dem Kofferraum heraushängen lässt, dann hatten wie die Tür zu einem Nebenraum erreicht. „Hier findet die Qualitätskontrolle statt.“ Klaubertsmöller legte warnend den Finger über die Lippen. „Es ist ein Herr Dr. D. Gotthold Arsinius, vormals lange Jahre Kirchenvorstand in Knölfingen.“ Ich nickte mitfühlend. Wir öffneten die Tür; da hockte der Gottesmann an seinem Schreibtisch und starrte auf etwas, das aussah, als hätte sich ein mittelgroßer Hund direkt vor ihm vergessen. Er riss knisternde Knalltütchen auf und kaute saures Popcorn. Aus seinen Augen blitzte blanke Empörung. „Das ist nicht witzig“, knurrte er gallig, während er in ohnmächtiger Verbitterung die Faust ballte, „das ist überhaupt nicht witzig! Ich verbitte mir das ein für allemal!“ Sanft zog mich Klaubertsmöller am Arm aus dem Zimmer; zuletzt sah ich noch, wie der fromme Mensch ein abgerissenes Ohr durch den Raum schmiss. Mein Begleiter strahlte. „Das ist eine gute Nachricht, wir ordern sofort einen ganzen Container Hundehaufen!“ Skeptisch sah ich ihn an. „Was macht Sie da so sicher?“ Klaubertsmöller erläuterte es mir geduldig. „Unser guter Arsinius ist vollständig humorfrei, er weiß nicht einmal, was das ist. Je grantiger er reagiert, desto besser ist der Artikel. Der Mann ist unfehlbar! Neulich haben wir ihm ein Gebiss gezeigt, das über den Tisch hüpft – was soll ich Ihnen sagen, er hätte fast den Schreibtisch zerhauen, so gut war das Ding!“

Da lag eine Menge in der Kiste mit der Großbestellung, die Klassiker – Spritzblumen, ein platzendes Senftübchen, Stinkbomben, die Dose, aus der eine Papierschlange hervorquillt – und ein seltsames Paket. „Was bitte hat denn das hier zu suchen?“ Klaubertsmöller quiekte vor Vergnügen. „Unser aktueller Bestseller. Mann, mit dem Wahlprogramm verarschen Sie die Leute! Draußen alles voller Abrüstung, Nachhaltigkeit, mit sozialer Gerechtigkeit, keine Kohlekraftwerke, ordentliche Finanzpolitik, Bürgerrechte, verfassungskonforme Netzpolitik, keine Bündnisse mit neoliberalen Klientelparteien – und drinnen dann die richtigen Grünen. Hammer, sage ich Ihnen, die Lachnummer überhaupt! Zum Piepen!“





Auf Kohle geboren

18 05 2010

„Das hat meines Erachtens keinen Zweck. Wenn wir hier laufende Meter Bewerber ohne jede Qualifikation ins mittlere Management reindrücken, gefährden wir den Wirtschaftsstandort Deutschland. Nein, wirklich nicht. Es geht so nicht. Ja, das will ich Ihnen gerne verraten: weil wir momentan mit solchen Leuten die Ruhr zukippen können. Haben Sie in den letzten fünfundzwanzig Jahren mal so etwas wie eine Arbeitslosenstatistik in die Finger gekriegt, Kollege? Na, da bin ich aber beruhigt.

Das hat ja auch schon sehr viel Schönes, aber was genau soll ich mir jetzt darunter vorstellen? Soso, ein Studium der Rechtswissenschaft? das qualifiziert noch mal genau wozu? Hat nie in dem Beruf gearbeitet, also kann ihm das auch nicht als Qualifikationshindernis angerechnet werden? Sagen Sie mal, wollen Sie hier witzig werden, Männeken?

Museumsführer? Da können Sie den doch nicht von den Exponaten unterscheiden. Und wieso wollen Sie den überhaupt in den Publikumsverkehr rein haben, ich dachte, er verzieht sich jetzt endlich mal und geht dahin, wo er hergekommen ist? Was mit Medien? dann lassen Sie den Typen doch Zeitungsverkäufer werden. Medien, hallo – wir hier in NRW oder was? Noch alle Latten am Zaun, Sie Torfkopp? Was wird das denn hier? Das Ekel von Datteln? Was mit Medien, an was hätten Sie denn da so gedacht? Regionalfernsehen? Ach, ZDF? Da bringen Sie ihn unter, wenn seine Parteifreunde was ausgeguckt haben? Mann Gottes, Sie haben Humor – allein dies Gebissgezische, das geht doch nicht!

Laienprediger, so sehen Sie aus. Da war wohl Ihr Bauchgefühl mit im Spiel, was? Oder glauben Sie, der Alte recycelt seine Karnevalsrede noch mal im Kölner Dom? Spendensammler in der Kirche, Sie sind wohl mall – dem Mann drückt doch nicht mal der Erzbischof von Paderborn noch freiwillig den Klingelbeutel in die Hand! Und überhaupt Kirche, was soll das Ganze. Der Mann ist zu allem fähig? Das meinen Sie. Der ist vor allem zu nichts mehr zu gebrauchen.

Musiklehrer? Unser Denkzettel als Musiklehrer, was soll denn das nun wieder werden? Wollen Sie die Kinder jetzt schon im Vorschulalter in den Wahnsinn treiben? Sofortprogramm zur Rettung des deutschen Volksliedes? Diesen Rohrkrepierermist haben Sie immer noch auf dem Radar? Wie wäre es denn mit Bergbau? Er ist doch unser Arbeiterführer! Auf Kohle geboren, auf Kies gefurzt, der Onkel Jürgen, da kann er wullacken, oder? Bis jetzt hat er ja immer nur gegen die faulen Rumänen gehetzt, dann drücken Sie ihm mal ’ne Hacke in die Hand. Da kann er mal zeigen, was er in’n Pütt drauf hat. In den Schacht mit dem Mann! Mit dünner Luft kennt er sich ja bestens aus!

Losverkäufer, das wäre noch was. Ahnungslos, taktlos, geschmacklos, und jetzt zur Abwechslung mal arbeitslos. Soll er eben seinen Nachbarn fragen, den Brummifahrer. Ja, sagt er. Er fragt immer den Nachbarn, wenn er politische Entscheidungen treffen muss. Die Landespolitik in unserem schönen NRW wird von einem anonymen Lasterfahrer aus Pulheim gestaltet. Wozu wir hier noch einen Ministerpräsidenten brauchen? Was fragen Sie das denn mich, Sie Flitzpiepe?

Mann, was interessiert mich das – Sie sind doch hier der Berater! Wenn Sie den Wahlkampf für Ihren Herrn Ministerpräsidenten nicht rund gekriegt haben, weil auf einmal alle Ihre Angestellten zu den Ruhrbaronen überlaufen, ist das Ihr Problem oder ist das Ihr Problem? Hätten Sie sich halt ein paar Chinesen kaufen sollen, die sind kritikresistenter. Ja, ich kann das Schwarze auch nicht mehr sehen…

Dann machen Sie mal. Bestimmt ist in der Verwaltung irgendwo noch ein angemessener Spitzenposten frei. Die Kanzlersche soll ja ganz scharf sein auf Kohlreste. Die wird bestimmt einen Zukunftsminister von vorvorgestern ins Kabinett holen, jede Wette. Sicher. Das Luftkotelett wird bestimmt sofort der Vize vom Vize, was?

Tagesmutter, Taxifahrer, Möbelpacker, ist doch egal. Hauptsache, sie vermieten den und am Ende sind Sie ihn wieder quitt. Sie können den ja in die Lehre geben beim Westerwelle, der kann doch als Mietschnacker die schönen Hoteleröffnungen machen von der dritten Preiskategorie abwärts. Oder als Stimmungssänger mit Bauhelm und Zwangsjacke. Ist doch eh total am Verkinschen, der Alte, da kriegen Sie die Überreste wenigstens schnell aus dem Fernsehen, weil sich keiner mehr traut, den Typen noch zur normalen Sendezeit auf die Mattscheibe zu bringen. Keine gute Idee? Na, hätte ich mir denken können.

Haben sie denn den völlig umsonst geschruppt? Sollen wir den bis in alle Ewigkeit durchfüttern? Wo er doch gegen die SPD ganz alleine das ALG I durchgeboxt hat, das die FDP, die das auch ganz alleine gegen ihn durchgeboxt hat, wieder abschaffen will, damit er mit ihnen weiter koaliert? Ist das überhaupt realistisch? Und wer macht das wieder weg? Wissen Sie was? Doof aussehen, Scheiße erzählen, dafür jede Menge Kohle abzocken, und wenn’s nicht klappt, sind immer die anderen schuld – machen Sie doch eine Unternehmensberatung auf, am besten mit dieser anderen Luftpumpe, mit dem Krautscheid. Na sehen Sie, geht doch! Man muss nur wollen, dann findet selbst der größte Idiot noch einen Job.“





Bis der Arzt kommt

4 05 2010

„Das wird doch wohl einen Grund haben.“ „Nein, das bezweifle ich.“ „Wie? Sie glauben, das käme alles aus heiterem Himmel? Na, Sie sind mir ja ein Spaßvogel!“ „Das habe ich überhaupt nicht gesagt. Ich habe nur gesagt: es hat nicht einen Grund. Es hat viele Gründe.“ „Dass diese Trottel uns als Umfaller bezeichnen? Pah!“ „Einer der Gründe ist Hochnäsigkeit, wie Sie sehr schön beweisen. Dann sollten Sie sich auch nicht wundern, wenn kein Arzt mehr etwas mit der FDP am Hut haben will.“

„Dabei waren das unsere treuesten Anhänger.“ „Die wir abgehängt haben.“ „Aber womit denn?“ „Mit diesen ständigen Lügen.“ „Bitte, das waren doch größtenteils Notlügen.“ „Notlüge, das ist noch schlimmer. Das ist Lüge mit Feigheit obendrauf.“ „Was hätten wir machen sollen?“ „Die Wahrheit sagen.“ „Dann hätte uns aber keiner gewählt.“ „Und jetzt? Sie sehen, dass es heiße Luft war.“ „Aber der Vorsitzende hat doch zehn Prozent versprochen.“ „Vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen Sonnenschein verspreche und es Ihnen schriftlich gebe?“

„Vielleicht kommt ja die Gesundheitskarte gar nicht.“ „Vielleicht kommt ja auch diese beschissene Steuerreform gar nicht.“ „Was macht Sie da so sicher?“ „Weil sie alle nichts anderes tun, als darüber zu reden. Kopfpauschale, Steuerreform, alles nur ein ewiges Geblubber ohne Ergebnisse.“ „Das liegt ja aber auch an der Regierung, die…“ „Falls Sie es nicht gemerkt haben sollten, die FDP befindet sich in der Regierung.“ „Ach so, ja.“ „Wer es wohl nicht bemerkt hat, ist der Parteichef.“ „Das dürfen Sie dem Mann nicht übel nehmen. Er hat als Außenminister so viel zu tun, da vergisst man das schon einmal im Eifer des Gefechts.“

„Und was war mit dem Datenschutz?“ „Den hat Frau Schmidt zerstören wollen, aber wir haben uns heldenhaft gewehrt – als Bürgerrechtspartei ist die FDP…“ „… programmgemäß eingeknickt und will jetzt die Komplettüberwachung einführen.“ „Weil die selbst verschuldeten Krankheiten jetzt der Kasse gemeldet werden sollen?“ „Was für ein grandioser Schwachsinn, wer bestimmt dann bitte, ob ich mir das Bein freiwillig gebrochen habe?“ „Man könnte in derartigen Fällen doch überlegen, ob sich ein Versicherungsnehmer noch gemäß seinen Pflichten zur Mitwirkung an der Solidargemeinschaft verhält. Ansonsten gibt es immer noch die Möglichkeit, ihn zu einer freiwilligen privaten Versicherung zu zwingen.“ „Und Sie glauben, das macht die Kassenärztliche Vereinigung mit?“

„Aber jetzt haben wir doch einen Arzt ins Ministerium geschickt – Mensch, das hätte doch die Medizinmänner beruhigen sollen, stattdessen regt sich dieser ganze Haufen derart auf.“ „Das war eben der Fehler. Der Mann ist unterqualifiziert.“ „Als Arzt? Ich bitte Sie!“ „Als Teppichhändler. Schauen Sie sich doch dieses Geschacher mit den Pharmaherstellern an – Preisverhandlungen! Er redet allen Ernstes von einer Preisgarantie, bei der die Firmen die Obergrenze ihrer Einnahmen selbst bestimmen dürfen!“ „Das ist doch schon einmal in Schritt in die richtige Richtung. Da wissen wir wenigstens, um wie viel wir über den Tisch gezogen werden. Haben Sie etwa Zweifel, dass der Gesundheitsminister die Medikamentenhersteller in Schach halten wird?“ „Rösler – ein Tanzäffchen, gefangen im Körper eines Pekinesen! Wenn einem der Kläffer ans Bein pisst, schmeißt man ihn über die Reling!“ „Da übertreiben Sie aber.“ „Ach was, der Mann ist doch eine Nulpe! Kopfpauschale, Zusatzbeiträge, die Arbeitgeberbeiträge zu Lasten der Arbeitnehmer einfrieren, die Privaten stärken, damit wir möglichst schnell Zweiklassenmedizin haben und die Versicherungsfonds hohe Renditen abwerfen und vor allem hübsche Boni für ein halbes Dutzend Aufsichtsratsmitglieder, die zufällig in der FDP sind.“ „Jetzt hören Sie auf!“ „Irrtum, ich fange gerade erst an. Demnächst dann noch die Kostenerstattung, weil es ein privatrechtliches Schuldverhältnis mit den Patienten gibt – dann können Ärzte für jede Rechnung ihre Patienten mit Mahnverfahren überziehen. Bis der Arzt kommt.“

„Aber wenn die Gesundheitskarte eingeführt wird, können wir wieder viele Kosten sparen.“ „Sie merken auch nicht mehr, was? Gerade deshalb laufen uns doch die niedergelassenen Ärzte weg, Sie Trottel!“ „Dabei bringt die Karte nur Vorteile: wir haben transparente Diagnosen, alles wird einfacher…“ „Vor allem für die Datenkraken im Innenministerium. Abgesehen von den Kosten, was macht der Arzt eigentlich, wenn die Datenserver genauso unzuverlässig sind wie Geldautomaten? Stellen dann die Praxen den Betrieb ein und lassen die Notfälle im Wartezimmer krepieren?“ „Sie sehen das immer alles gleich so negativ.“ „Wenn sie den Datenschutz aushebeln wollen, warum schaffen sie dann nicht die Verschwiegenheitspflicht für die Rechtsanwälte ab?“ „Weil sie selbst Juristen sind?“ „Falsch. Weil sich mit den Daten, die ungesichert im Netz herumschwirren, legal jede Menge Kohle machen lässt. Jede Firma zahlt Ihnen viel Geld, wenn Sie denen, welche Vorerkrankungen ein Bewerber hat. Jede Versicherung. Und was meinen Sie, wer sich die Kohle in den Hintern schiebt?“

„Dann war es also doch ein Rechenfehler.“ „Ein Rechenfehler?“ „Ja, ein Rechenfehler. Die Hotels machen viel mehr Umsatz als beispielweise die Arztpraxen – aber die Zimmermädchen wählen manchmal nicht FDP, und es sind auch nicht so viele Hoteliers wie Ärzte.“





Schleier-Haft

3 05 2010

Silvana Koch-Mehrin hatte sich durchgesetzt. Mit den Stimmen der Liberalen, der bürgerrechtstreuen Partei des verfassungsorientierten Rechtsstaats, verabschiedete die Regierung das Burka-Verbot. Keine muslimische Frau durfte ab sofort noch in Ganzkörperhülle auf die Straße treten, wenn sie nicht empfindliche Strafe riskieren wollte. Die freiheitlich Gesinnten triumphierten, während die freiheitlich Gesonnenen überlegten, ob man sich noch bedeckt halten dürfe; am Ende würde auch das schon als Straftat gesehen. Die Menschenrechtler waren empört; offenbar hatte der Antiislamismus gerade zum Sprung auf die Leitkultur angesetzt. Verfechter des Vermummungsverbots führten die rasche Wirkkraft derartiger Gesetze ins Feld. So war schon kurz nach dem Minarettverbot so gut wie kein Türmchen mehr in der Schweiz sichtbar.

Führende Islamwissenschaftler kritisierten die Liberalen. Wie der Koran in Sure 33 betone, sei Verschleierung kein Mittel zur Unterdrückung der Frauen, sondern im Gegenteil ein wirksamer Schutz gegen ihre Belästigung. International renommierte Religionssoziologen, voran Franz Josef Wagner, stimmten zu. Vor Belästigung durch verschleierte Frauen müsse man eben wirksam schützen. Nicht auszudenken, wenn etwa BILD hinfort in undurchsichtiges Gewirk gehüllte Damen zeigen müsse. Dies vergewaltige ja die Pressefreiheit.

Bald meldeten sich erste Verfassungsrechtler zu Wort und monierten die handwerklich schlechte Fertigung des Gesetzes. Bei einer Verordnung, die die Ex-Kolumnistin der Intellektuellenpostille praline durch ihre Mitarbeit zu verantworten habe, dürfe man wohl eine juristisch bessere Schöpfung erwarten. Die FDP-Fraktion reagierte prompt. Im Zusammenhang mit Koch-Mehrin von Arbeit zu sprechen sei eine dreiste Unterstellung und durch nichts zu rechtfertigen. Dennoch ließen die Kritiker nicht locker. Trotz des Gesetzes würden in Deutschland die Frauenrechte weiterhin missachtet, nicht nur durch häusliche Gewalt oder Zwangsprostitution. In einer Erklärung des DGB, aus dem sich nach und nach mehrere Parteien und Verbände wieder verabschiedeten, prangerten die Arbeitnehmervertreter an, dass das Gesetz nur gegen Unschuldige gerichtet sei. Der rechte Flügel der CDU widersprach heftig; das Gesetz sei keineswegs nur gegen Unschuldige gerichtet, es helfe auch, Opfer zu kriminalisieren. Zudem stehe es im Rechtsstaat selbstverständlich jeder unterdrückten Frau frei, sich gegen solche Behandlung zur Wehr zu setzen, etwa durch Organisieren von Massendemonstrationen.

Als amtierender Chef der FDP äußerte Guido Westerwelle, man werde islamistischem Terror und anderen sozialistischen Bedrohungen in Nordrhein-Westfalen mit Steuersenkungen begegnen.

Ein unschöner Zwischenfall geschah auf dem Wochenmarkt in einer Kleinstadt nahe Stuttgart. Als die Hausfrau Swetlana Bernštejner plötzlich von fremder Hand berührt wurde, setzte sie sich mit ihrem Weidenkorb sowie einem Stockschirm zur Wehr. „Äch wärd Dir jeben mich anpacken, Jungchen“, brüllte die Russendeutsche, die lange Jahre in der Jungbullenaufzuchtstation Sieg des Kommunismus von Werchnjaja Pyschma in der Oblast Swerdlowsk Zuchtstiere gehandhabt und jeden Arbeitstag mit dem schwungvollen Lied Mütterchen Russland, für Dich ziehen wir den Faschisten die Zunge zum Arsch raus begonnen hatte. Einen der Polizisten, die ihr das Kopftuch zu entreißen suchten, drosch sie gleich an Ort und Stelle bewusstlos, die anderen dreizehn stießen sie mit knapper Mühe in einen Transporter. „Äch hab jedacht, der Herr Offizier mecht mir unsittlich“, gab die resolute Frau zu Protokoll.

Anlässlich einer Ausstellungseröffnung ließ es sich Koch-Mehrin nicht nehmen, mit dem aus Paris angereisten Karl Lagerfeld auf einem Foto posieren zu wollen. „Wer Frauen verhüllt“, so die Brüsseler Spitze, „nimmt ihnen Gesicht und Persönlichkeit.“ Der Couturier lehnte ab. Naserümpfend sagte er, man sollte die Ausschuss-Politikerin zwangsweise in eine Burka stopfen.

Schlimm wurde es, als Leyla a’Nyeyembe noch auf dem Flughafen München von unerbittlichen Schutzleuten abgeführt werden musste. Kein Flehen half ihr, kein Weinen. Der Gesetzestext ließ keinen Spielraum zu: Frauen, die bodenlange Gewänder trügen auf Gebot von Organisationen, die unter dem Deckmantel der Religionsausübung die Demokratie mit gezielten Menschenrechtsverstöße zu schädigen und durch ein Terrorregime zu ersetzen versuchten, seien streng zu bestrafen. Gewalt, Drohungen, Machtmissbrauch oder Befehlsgewalt dürften keine Druckmittel gegen Frauen sein. Es ging nicht anders. Schwester Scholastika, die gekommen war, um ein Benediktinerinnenkloster in Kenia aufzubauen, landete in Schleier-Haft.

Die Deutsche Bischofskonferenz legte sofort vehementen Protest ein. Die Union tobte. Koch-Mehrin legte nach. „Die vollständige Verhüllung von Frauen ist ein aufdringliches Bekenntnis zu Werten, die wir in Europa nicht teilen“, erklärte sie. Damit das Gesetz zügig in der Zivilgesellschaft ankomme, solle das Vermummungsverbot auf den Karneval ausgedehnt werden. Sogar Innenminister de Maizière blieb skeptisch.

Jetzt schlug das Bundesverfassungsgericht zu. Das Gesetz nur auf Frauen anzuwenden sei ein Verstoß gegen das Grundgesetz. Es war nur folgerichtig, dass zwei Sicherheitsbeamte den Heiligen Vater, der gerade im Begriff war, das Rollfeld zu küssen, mit einer Elektroschockpistole niederstreckten. BILD verkniff sich, die Fotos vom hüllenlosen Pontifex zu veröffentlichen. Man müsse, sagten manche, auch nicht jeder Idee aus Brüssel folgen.

Und dann kamen die Landtagswahlen.