Personentransportsektor

19 02 2018

„… kostenlosen Nahverkehr in sämtlichen deutschen Verkehrsverbünden anbieten wolle. Dies sei eine weder wirtschaftlich noch mit rechtlichen Grundsätzen…“

„… nur in einzelnen Städten wie Bangkok, Boston, Baltimore, Melbourne, Toulouse, Athen, Pittsburgh, Manchester, Oslo, Winnipeg oder Tallinn funktionieren könne. Die Ausdehnung auf ganz Deutschland dürfe keinesfalls den…“

„… Arbeitsplätze in der Automatenindustrie kosten würde. Auch dies könne nicht ohne weitere Überlegungen zur technischen…“

„… führe die Ausweitung des ÖPNV sicher zu viel mehr Staus im innerstädtischen Bereich. Dies werde mittelfristig die Gesundheitsbelastung für Bewohner von…“

„… mehrere Tausend Fahrscheinkontrolleure alleine im Busbetrieb eingesetzt würden. Die psychisch ohnehin auffälligen Mitarbeiter würden im Falle der Erwerbslosigkeit einen zusätzlich…“

„… allen zur Verfügung stehe und damit die Bürger spürbar entlaste. Dies sei aber in den Wahlaussagen der Koalitionsparteien so nicht versprochen worden und könne daher…“

„… nicht gleichzeitig Dieselsubventionen und kostenlose Verkehrsbetriebe stemmen könne. Die politische Glaubwürdigkeit der Bundesregierung stehe auf dem Spiel, wenn plötzlich langfristige Zusagen nicht mehr als…“

„… führe ein kostenloser Nahverkehr zu einer Verlagerung weg vom Individualverkehr, wodurch ein erheblich höheres Tempo zu viel mehr Unfällen und deshalb zu…“

„… die Bundesautobahnen ja größtenteils von den Steuern der Autofahrer finanziert würden, während ein fahrscheinloser Nahverkehr, der aus Steuern von Autofahrern bezahlt werde, eine Ungerechtigkeit gegenüber den…“

„… erst eine Studie anfertigen müsse, ob Affen sich für den Busverkehr begeistern könnten. Die Ergebnisse bräuchten vor der Umsetzung durch die Europäische Union auch einen korrekten…“

„… diene ein fahrscheinloser Nahverkehr auch der Kürzung von Sozialleistungen, da der im ALG-II-Regelsatz enthaltene Betrag von 34,66 Euro für Verkehr dann gestrichen werden müsse. Die Union habe sich mit den Sozialdemokraten auf eine Anpassung des…“

„… die Kohlenmonoxid-Belastung durch Busse überall da steige, wo keine elektrischen U-Bahnen fahren würden. Diese Verlagerung sei nicht mit den Klimaschutzzielen der…“

„… steige der Bedarf messbar an. Eine Ausweitung des Angebots sei jedoch mit teuren Baumaßnahmen verbunden, die sich negativ auf die Haushalte der…“

„… in den deutschen Innenstädten keine Schienen verlegt werden könnten. Dadurch falle die Straßenbahn als kostengünstige Alternative zum Verbrennungsmotor aus, die Planung müsse also wieder ganz von Anfang an…“

„… nicht mehr finanzierbar. So könne nach neuen Berechnungen ein kostenloser Nahverkehr nicht parallel zum Hauptstadtflughafen, dem Stuttgarter Tiefbahnhof und der…“

„… aus Bundesmitteln bestritten werden müsse. Dies könne jedoch nicht funktionieren, da es im Personentransportsektor noch nie bundeseigene…“

„… ausschließlich mit Elektrobussen zu leisten. Ein schrittweise vollzogener Umstieg sei technisch und organisatorisch für die zuständigen Ministerien viel zu…“

„… viele Fahrgäste sich zur Sicherheit bei Ausfällen des öffentlichen Personennahverkehrs einen Pkw anschaffen würden. Die deutsche Automobilindustrie sei nicht in der Lage, zeitnah solche Stückzahlen zu liefern, und müsse vor einem Kollaps bewahrt werden, der die ganze deutsche Binnenkonjunktur in eine tiefe…“

„… die Entlastung der Straßen letztlich dazu führen würden, dass die Erhaltungskosten proportional von zu vielen Bürgern gezahlt würden, was finanzpolitisch zur Kostensteigerung um…“

„… mehr Buspassagiere auch einen Rückgang von Fahrerlaubnissen bedeute. Ein Aussterben des Fahrlehrerberufs sei für den Bildungsstandort ein nicht zu kompensierender…“

„… nur durch mindestens fünfzig neue Kohlekraftwerke bereitgestellt werden könne. Die Elektromobilität gefährde die Klimaschutzziele in einem Maße, das die Bundesregierung nicht mehr mit gutem Gewissen…“

„… es zur deutschen Staatsräson gehöre, dass die Erträge der Mineralölsteuer zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet werde. Der Umstieg auf elektrische Fahrzeuge ruiniere schon innerhalb weniger…“

„… letztlich von Personen finanziert werden müsste, die schon jetzt keine Steuern mehr in Deutschland zahlen würden. Die Bundesrepublik dürfe ihre Leistungsträger nicht durch eine weitere Umverteilungsaktion aus dem…“

„… in öffentlichen Verkehrsmitteln viel öfter Attentate von Personen mit Migrationshintergrund begangen würden als in privaten Autos. Deutschland potenziere damit die Terrorgefahr um einen nicht mehr abzuschätzenden…“

„… vor Antritt der Fahrt einen kostenlosen Fahrschein lösen müssten, der für genau eine Strecke gültig sei. Andernfalls, so die Vertreter der Christsozialen, werde man das nun stark erhöhte Beförderungsentgelt ohne jede…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCL): Bahnfahren

25 07 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Des Menschen Wille, häufig eine seltsam strukturierte Angelegenheit voller Widersprüche und nichtlinearer Erscheinungsweisen, schrammt nicht selten direkt am Himmelreich vorbei und landet zielsicher in der Grütze, wie uns schon die ersten, noch zaghaften Versuche der frühen Hominiden zeigten. Zwei Sack Korn und im Schnitt anderthalb Kinder kriegte der frühe Ackermann auf seinen Ochsen. Das Vieh ging gemächlich, so dass man nach dem Transport die Gesamtlast noch gut verbrauchen konnte. Eile kannte der Bewohner von Steppe und Runddorf nicht, seine Uhr war der Jahreslauf, sein Sekundenzeiger der Sonnenstand. Die neumodischen Einwanderer, die schon zwei Jahrhunderte früher vom Baum heruntergekommen waren, überzogen das Tal mit einer Innovation, die nicht bei jedem gut ankam: Ochsenkarren. Vielen galt es als purer Schnickschnack, und doch, man konnte damit richtig etwas wegschaffen. Mehr Korn, mehr Kinder (die Monogamie hatte sich mehr und mehr durchgesetzt und die Erbfolge wurde immer schwieriger), notfalls die Alte, die wegen Kind und Kegel moserte. Es spitzte sich zu. Die Moderne würde nur noch eine Frage der Zeit sein, das begriff der Bekloppte im Nu. Ob er die Eisenbahn vorausgeahnt hat, wissen wir nicht, aber das Bahnfahren wird er sich ganz anders vorgestellt haben.

Eine amorphe Masse ist in Sitze geschwiemelt, die man sadistisch veranlagten Ergotherapeuten zur gepflegten Erheiterung vorführt. Alle halbe Stunde bleibt das Gefährt auf freier Strecke stehen, die Motoren gehen aus, während deutsche Rapmusik mit abgrundtief peinlichen Texten durch die Gänge puckert. Die Steckdosen gewinnen den Deutschen Mimikry-Wettbewerb in der Kategorie „Selbst schuld“. Spackvolle Müllbehältnisse lassen per Geruchsoutput eine leichte Ahnung von Ewigkeit durch die Großraumabteile wehen. Schmerzen hat hier niemand mehr, und die Hoffnung auf einen Anschluss nach Bebra auf Gleis 3 verkrümelt sich leise und hässlich. Zeitgemäße Namen wie ICE oder RegioExpress fallen sowieso nur dem ein, der professionell Kantinenspeisekarten betextet und aus anheimelnd zusammengewucherten Gemüseresten noch einen lockenden Arbeitstitel zu kitzeln vermag. Der Rest schweigt. Und das nicht ohne begleitendes Leiden.

Der Aufenthalt in einem Zug ist die perfekte Analogie zur handelsüblichen Vorstellung von der Hölle. Es ist verdammt heiß, verdammt eng, man ist von widerlichen Gestalten umgeben, es ist die reine Gegenwart der Unerträglichkeit, aber dafür weiß auch keiner, ob und wann dieser Mist je enden wird. Das Inferno mit einem Purgatorium namens Straßenbahn oder Überlandbus zu vergleichen ist nicht zielführend; wer könnte bei einem Zug jemals beherzt auf die Bremse treten, die Insassen an die Frischluft kippen und sie fröhlich ihrer Wege ziehen lassen? Wer sich in einen Waggon begeben hat, sollte mit seiner bisherigen Existenz wenigstens abgeschlossen haben, ob auch im Guten, hängt von Saison, Strecke und Fahrgastaufkommen ab.

Nur ein Schwarzes Loch könnte die Situation zwischen Gepäcknetz und Klapptischchen besser beschreiben. Obwohl alles scheinbar von endloser Dauer ist, passiert exakt gar nichts, da die Zeit sich im Innenraum des Ereignishorizonts blubbernd zusammenkrümmt und nichts aus dem ewig kreisenden Radius nach außen dringt. Das Ding ist von außen nicht weiter gefährlich – immer vorausgesetzt, man fühlt nicht den jähen Drang, es von innen anzusehen – und bringt dabei doch zahlreiche physikalische Paradoxa zustande, die ein an Newton geschulter Naturwissenschaftler nicht leckfrei in die eigene Birne gehievt kriegt. Wie lässt sich eine derartige Masse so in ein Raumkontinuum ballen, dass sich selbst Subquarks quantengleiche Koordinaten teilen müssten? Und wer ist dafür verantwortlich, dass ein Haufen Elementarteilchen einen energetischen Zustand annimmt, gegen den der absolute Stillstand wie eine Orgie auf dem Gaspedal aussähe? Fragen über Fragen. Die Antworten, wie immer, pfeifen im Fahrtwind.

Sicher kann man viele logische Überlegungen zum Bahnfahren anstellen. Es muss einen Grund dafür geben, dass der Zug immer da hält, wo man den weitesten Weg zur Treppe hat. Keiner weiß, warum die Reservierungen immer verschwinden; wo bleiben, weiß eh kein Schwein. Letztlich bleibt man immer im Schwarzen Loch hängen. Die Masse klumpt gnadenlos. Vergessen wir den Anschluss nach Bebra. Man wäre ja froh, käme dieser marode Klumpen Stahl überhaupt dort an.

Die Expedition zu den Sternen, ein beliebtes Gedankenexperiment, fußt auf der generellen Reproduzierbarkeit des Beknackten. Wir betreten feuertrunken das Raumschiff und lassen uns in die Weiten der Galaxie pusten, unsere Kindeskinder werden eines Tages – degenerierte Fachidioten zwar und keinesfalls eine Blaupause der Zivilisation – für uns die Lokale Gruppe bereisen. Der Kostenrahmen entspräche etwa einer Rückfahrkarte Bremen Hauptbahnhof – Durlesbach. Was uns rettet, wird die Tatsache sein, dass wir die genaue Verspätung nie erfahren werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXXIV): ÖPNV

15 02 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Drei-Uhr-Einbaum in Richtung Stromschnellen war selten pünktlich, dafür ließ Nggr gerne die frisch gehäuteten Streifenhörnchen auf dem Fensterplatz liegen. Rrt und seine Kollegen von der Beerensammelstelle dagegen gaben bereitwillig durch eindeutigen Körpergeruch ihre Präsenz zur Geltung. Das große Donnerwasser war noch nicht passiert, da mussten sich Ugaga und seine Brut nach vorne durchkämpfen, sonst hätten sie sicher die Endhaltestelle verpasst. Wo zwei in diesem Namen zusammenkommen, da ballen sich seit Anbeginn Schrecken und Zahngeknirsch zu einer krankmachenden Melange, die der Zufallsgast mit dem Einstieg ins Gefährt billigend in Kauf nimmt. Nichts enthüllt das Schlechte besser als die zwanghafte Zusammenrottung von Hominiden, die bis zum Ziel nicht vom Platz rücken werden, unter keinen Umständen, denn sie haben dafür bezahlt. Nicht ist schlimmer als der ÖPNV.

Schon am frühen Morgen wuchert zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört. Mangelnde Distanz – wobei es eher die Distanzlosigkeit ist, die den gepferchten Hominiden niedermangelt – führt keinesfalls zur Verbrüderung der Pendler, sie gebiert jäh berstende Konflikte, die auf fehlendes Verständnis für Wasser und Seife schließen lässt. Blumiges Parfüm, das olfaktorische Analogon zur Herrenhandtasche, trifft auf Schweiß, der schon freundlich zur Verwesung hinüber grüßt, fettige Ausdünstung und das Fluidum müffelnder Motten. Eine kakofone Komposition, die sich in den Neocortex schwiemelt, sie dreht in den Beknackten den Adrenalinhahn auf Vollgas.

Wie die Stangenfacharbeiterin in der Nacktbar nimmt der Profi den Vertikalholm zum Posieren – er lehnt sich lässig ans ummantelte Rohr, verliert jedoch sofort die Balance, wenn der Bus die kleinste Ausgleichsbewegung macht, und matscht als fliegende Fleischware den Gesichtsversuch in Richtung Halteelement. Die Kieferchirurgen der westlichen Welt sollen ihren Reichtum dem raschen Aua in der Rushhour verdanken. Ausgeschlossen ist es nicht.

Abgesehen von ästhetischen Defiziten dient der Nahverkehr als mobiler rechtsfreier Raum, in dem jede Grützbirne ihre Lieblingsgrausamkeit ohne Hoffnung auf korrigierende Gewalt ausleben kann. Wer aus sadistischer Neigung den Mitpassagieren direkt auf den Mittelfußknochen steigt, kommt billiger davon als bei einer Wirtshausschlägerei. Das Opfer ist leicht identifiziert, es handelt sich um den zum Stehplatz vorbestraften Delinquenten, der im Gedränge ohnehin nicht identifizieren kann, wer ihm die Zehen zermalmt. Lässliche Sünden wie das Mitführen ungesicherter Fahrräder – die Anzahl 1 ist unter Kennern lediglich als Serviervorschlag anerkannt, die übliche Diskussionsgrundlage sind mindestens zehn Drahtesel pro Fahreinheit – führen zu ansehnlichen stumpfen Verletzungen an allen Teilen des Beuge- und Streckapparates, einschließlich komplizierter Trümmerbrüche. Sollte alles nichts helfen, so kann immer noch ein handelsüblicher Stockschirm die Türschließanlage in eine Zone der Verwüstung verwandeln. Sollte ein gestrecktes Bein für akrobatische Aktionen seitens unbeteiligter Bescheuerter sorgen, so ist die Zugabe vom sportlichem Kolorit geprägt, namentlich von den Schwalbenfestspielen im Torraum.

Ähnliche Folklore, die das Letzte aus der körperlichen Intimität rausholt, ist der Kampf um den Fensterplatz; vor allem für zwei bis drei Haltestellen im innerstädtischen Bereich nützt es, sich zunächst ganz bis an die Scheibe zu drängeln, wenn jedoch alle sitzen, so muss unbedingt unter größter Hektik und möglich spät die Flucht vollzogen werden. Alle anderen sind schuld, dass man am Fenster sitzt. Und einer muss ja dafür büßen. Andererseits lohnt es sich wohl auch, den Gangplatz zu behalten, den Mitreisenden mit groben Worten ans Fenster zu schieben und ihn hernach für seine freie Entscheidung lautstark zu beschimpfen. Leben heißt Aussuchen, und das darf einfach nicht sein.

Die Königsdisziplin, die ad hoc für Scharmützel sorgt, ist die Tasche, die auch im größten Gedränge, in Anwesenheit werdender Mütter und tapsender Greise, hilfloser Kinder und halbseitig eingegipster Nichttänzer festgemauert auf dem freien Einzelsitz thront, als sei sie von der Evolution an diesen Platz beordert. Aus der Historie ist überliefert, dass bereits der Dreizehnjährige Krieg mit einem unachtsam abgestellten Kornsäckchen begann, was letztlich zur Teilung des Deutschordensstaates führte – der preußische Personennahverkehr der Nachfolgestaaten war auch nicht besser organisiert, von den fehlenden Gepäcknetzen abgesehen. Seither prügeln sich die Insassen einer Fahrkabine krumm und vice versa lahm, sobald die Kopie des Lichtbildes eines Felleisens ruchbar wird, sollte eine besitzbare Fläche auch nur in der Nähe sein. Denn genau das ist doch der Sinn des öffentlichen Schaukelns, wie es täglich Magensäure und Muskelkrampf bringt: es braucht einen Ort, an dem rituell die Aggressionen auf- und abgebaut werden. Vermutlich wurde zu diesem Behuf einst der Ochsenkarren erfunden, die Deutsche Bahn aber kann nur noch den akkumulierenden Teil der Streitsucht abdecken. Die fundamentale Frage, wie man von hier wegkommt, sie bleibt ungelöst. Vielleicht per Taxi.





Der Weg ist das Ziel

26 01 2012

„Na, dann wollen wir mal.“ Doktor Klengel erhob sich ächzend von der Tafel, voll von Grünkohl, Schnaps und Bier. „Wenn ich den letzten Bus zur S-Bahn noch schaffen will, muss ich mich ein bisschen beeilen.“ Der Artikel im Generalanzeiger hatte gefruchtet. Die flächendeckenden Kontrollen der Polizei sorgten endlich dafür, dass keiner mehr bezecht ins Auto stieg.

„Ich gehe jetzt Ulmenweg hoch, dann die zweite rechts, und dann steige ich Moosrösleinweg in die Linie 343.“ „Geht doch gar nicht“, ließ sich Staatsanwalt Husenkirchen vernehmen, selbst ein wenig schwerzüngig ob der vielen Obstbrände. „Die zweite ist der Abzweiger in die Kleingärten, Sie meinen die dritte.“ Seine Frau widersprach. „Wenn Sie Moosrösleinweg einsteigen, fährt doch nur noch der Nachtbus, aber der geht ja bloß bis Elsterbeckchaussee.“ „Mit Umsteigen natürlich“, belehrte Klengel sie. Auch mein Hausarzt hatte kräftig getankt; die Tischkante war stabiler als er. „Mit Umsteigen, und dann in die S5 bis Talweg, dann die Treppe an der Westseite hoch, und dann die Buchenallee runter.“ „Sie meinen Nordseite“, mokierte sich Herr Breschke. Der pensionierte Finanzbeamte war trotz mehrerer Biere erstaunlich nüchtern geblieben. „Nord- und südwärts sind nämlich seit dem großen Umbau 1987 die Treppen, und die Nordseite geht in Richtung Villenviertel.“ „Aber nicht auf die Buchenallee“, stichelte Doktor Klengel zurück, „sondern auf die Kaiser-Wilhelm-Allee Ecke Karl-Friedrich-Schinkel-Platz, wo die Buchenallee in den Lärchenring mündet.“

Ich zog unbemerkt die Augenbrauen in die Höhe; Hildegard verstand. „Wir sollten uns auch diskret entfernen“, sagte sie tonlos. „Am Ende müssen wir uns noch einmal anhören, wie Breschkes Tochter vor drei Tagen den halben Nachmittag im Bus zugebracht hat.“ Schon hatte seine Frau die Gelegenheit ergriffen. „Wegen der Baustelle am Rathausmarkt war ja der ganze rechte Streifen aufgerissen, die 201 hält derzeit gar nicht beim Stadtpalais – und wenn man dann die Haltestellen nicht angesagt bekommt, muss man an der Frankfurter Allee aussteigen.“ Das ist zwar nur einmal um die Ecke und auf dem gleichen Weg, wo ohnehin zehn Linien entlangfahren, doch Breschkes Tochter machte es richtig. Sie ließ sämtliche Busse an sich vorbeifahren, ließ auch etliche 201-er ziehen, die regulär zur Endhaltestelle Olympiadorf fuhren, und stieg erst in den nächsten Einsatzbus, der sie (wie jene 201, aus der sie versehentlich sich entfernt hatte) zur Parkstraße fuhr, ganze zwei Haltestellen weit, Fußweg knapp vier Minuten. Aber man muss ja eine Tageskarte ausnutzen.

Der Kellner hatte die Aquavitflasche gleich auf den Tisch gestellt und berichtete empört von den Verhältnissen im Karolinenforst. „Die 392 kommt immer zehn Minuten zu spät, da verpasse ich doch jeden Tag die S6 – ich kann doch schlecht bis Landgraben laufen und dann mit dem 322-er Richtung Rübenfeld fahren.“ „Zehn Minuten früher aufstehen wäre die eine Möglichkeit“, stichelte Breschke, „andererseits könnte man sich ja auch langsam mal einen Winterfahrplan kaufen.“

Unterdessen hatte Husenkirchen eine schier unmögliche Geschichte zu erzählen begonnen. Ein komplett kostümierter Weihnachtsmann hatte mitten im Hochsommer mit vorgehaltener Waffe eine Staude Bananen von einem Bankräuber erbeutet, sich mit affenartiger Geschicklichkeit auf die Prinz-Eugen-Brücke geschwungen und von dort aus die anrückenden Polizisten mit den Früchten in Schach gehalten. „Das war wirklich einmalig“, berichtete er keuchend, „eine Hundertschaft lag im Nu auf der Nase, alle waren auf Bananenschalen ausgerutscht, und dann kam auf einmal der Bankräuber aus der S3 gesprungen, zog sich die Maske vom Gesicht und war in Wirklichkeit Bürgermeister Ruppheimer!“ „Ich glaube ihm kein Wort“, wisperte ich, „er lügt wie gedruckt!“ „Natürlich“, zischte Hildegard zurück. „Die S3 fährt doch gar nicht über die Prinz-Eugen-Brücke.“

Breschke stierte glasig in sein Schnapsglas. „Wenn sie nächsten Winter die Blücherchaussee zur Einbahnstraße machen, dann müssen die 203 und die 314 auf dem Rückweg über Moltkeplatz fahren, und das geht ja nun wirklich nicht!“ „Aber sie wollen doch dort die neue Schwimmhalle bauen“, schaltete sich Doktor Klengel ein, „wie soll denn da der Verkehr herumkommen?“ „Da läuft doch der Landgraben“, lallte Husenkirchen, „und Wasser haben sie sowieso, sonst gäbe es ja auch kein Schwimmbecken.“ Der Ober goss noch einmal Aquavit nach, diesmal aber endgültig eine letzte Runde, wie er seit einer Viertelstunde immer wieder ankündigte. „Alles viel zu umständlich. Der Weg ist doch das Ziel!“ Sie glotzten ihn teilnahmslos an. „Wenn man doch sowieso immer woanders hin muss, kann man das doch auch gleich mit einem Taxi erledigen lassen.“ „Richtig!“ Husenkirchen wedelte erregte durch die Luft. „Ganz richtig so, man müsste das dann nur richtig organisieren. Mit festen Abfahrtszeiten. Und dass man zwischendurch auch umsteigen kann.“ „Ich würde sofort eins nehmen“, gackste Breschke. „Aber dann nur mit Anschluss an die S6 und an die Nachtbuslinien bis Parkstraße. Sonst müsste man den ganzen Weg bis zur Kastanienallee zu Fuß gehen, und nachts sogar drei statt zwei Stationen, weil ja gerade die Blücherchaussee nicht angefahren wird.“ Hildegard schob mir die Autoschlüssel herüber. „Du fährst“, stöhnte sie, „ich halte das nervlich nicht durch. Und zwar bitte bis Karolinenforst. Über Rathausmarkt und Prinz-Eugen-Brücke.“