Perfekt versteckt

2 04 2015

Er starrte konzentriert die Wand an, die Couchgarnitur und den Tisch, dann den Teppich, die Schrankwand, die Terrassentür und das Regal vor der Rasenkante. „Ich weiß es doch nicht mehr!“ Herr Breschke war sichtlich verzweifelt. „Irgendwo muss es doch sein, aber ich weiß es doch nicht!“

Bismarck guckte etwas sparsam in die Gegend; normalerweise wäre dieser dümmste Dackel im weiten Umkreis seinem Herrchen zwischen den Beinen herumspaziert und hätte ihn mit der Leine zu Fall gebracht, doch trug er gerade keine. Ohne jedes Verständnis für die mittlere Katastrophe drehte sich der Hund um und trottete durch den Vordereingang in den Garten. „Ich hatte ja seit letzten September diese Gedächtnismethode aus der Zeitschrift, dieser… na! meine Frau weiß schon, die liest sie immer beim Zahnarzt, nein: Friseur, in der Schillerstraße ist ja der Friseur, oder war das am Kleistplatz? Jedenfalls muss sie diesen Artikel weggeschmissen haben, und ich hatte ihn doch extra auf den Küchentisch gelegt.“ Der pensionierte Finanzbeamte war sichtlich verzweifelt. Er konnte sich in jede Lebenslage auf seine Frau verlassen, die ihm den Tee kochte, Hemden, die nicht mehr zu tragen waren, einfach aus dem Verkehr zog, statt sie erneut zu bügeln – nach einer schweren Krise hatte er sich sogar daran gewöhnt – und mit Rat und Tat zur Seite stand. „Ich kann ihr nicht einmal eine Osterüberraschung bereiten“, schluchzte der alte Mann. „Was wird sie von mir denken?“

Natürlich hatte er ihr in den letzten Jahren nie eine Osterüberraschung bereitet, bis auf das eine Mal, als das von Breschkes Tochter aus dem Internet besorgte Zuchtkaninchen, tiefgekühlt sowie aus der Kalmückischen SSR, sich beim Öffnen der Packung als Ansammlung lustig gekringelter Würmer entpuppte; auch die durch den Zoll geschmuggelten Eier mit Goldbemalung hatten ihre Aufmerksamkeit erregt, wenn auch nicht wegen des Goldes und nicht nur ihre, denn die ägyptischen Grenzbehörden fanden angetrocknete Embryonen von Krokodilen schon etwas gewöhnungsbedürftig als Urlaubssouvenirs. Im Hause Breschke feierte man das traditionelle Frühlingsfest gerne etwas außerhalb der Norm.

„Denken Sie nach“, schärfte ich Horst Breschke ein. „Wo haben sie das Netz zuletzt gesehen?“ „In der Küche“, sinnierte er, „da habe ich es ja dekoriert, und dann muss es plötzlich…“ „Sie haben keine Erinnerung mehr, wo Sie es versteckt haben könnten?“ Mein Ton musste ein bisschen scharf geworden sein; er zuckte merklich zusammen. Bismarck schubberte seine Schnauze an Breschkes Hosenbein; der aber schob ihn beiseite. „Ich muss mich konzentrieren“, ächzte der Amtsrat a. D., „wo habe ich das nur hingelegt? Oder ist es vielleicht auch noch im Einkaufskorb?“ Da war nichts, zumindest fanden wir den Einkaufskorb bereits nach einer halben Stunde unter der Küchenbank, wo er laut Frau Breschke seit Jahren stand (sie befand sich gerade im Chamissoweg bei Claudette, um ihre Wasserwelle aufzufrischen). „Dann war es sicher im Schlafzimmer“, beeilte er sich. „Oder ich habe es unten stehen lassen.“

Doch da war nichts. Kopflos ging Breschke die Treppe hinab, und fast wäre er über Bismarck gestolpert, wie er mit vorwurfsvollem Blick auf den Stufen saß, noch immer ohne Leine, doch inzwischen zielsicher zwischen den Beinen des Herrchens. „Du bist mir auch nicht gerade eine große Hilfe“, nörgelte Breschke, „kannst Du mir nicht wenigstens zeigen, wo… – Ach nein, Du kannst es ja nicht.“

Dabei hatte er einen größeren Stapel an Sauerampfer- und Süßholz-, Ginkgo- und ähnlichen Pillen auf dem Küchenschrank gestapelt, die allesamt Vergesslichkeit, Konzentrationsschwäche und mangelnde Aufmerksamkeit bekämpfen, ihrem Produzenten ein gutes Auskommen sichern sollten, und etwas anderes war noch dabei, es musste mir entfallen sein. „Ich wollte mir das längst aus der Apotheke mitgebracht haben“, verkündete er in selbstmitleidigem Ton. „Aber ich habe es wohl in der Zwischenzeit einfach nicht mehr im Gedächtnis gehabt. Werden Sie nicht alt, sage ich Ihnen, werden Sie bloß nicht alt!“ Wie aus heiterem Himmel fing er an, die ganze Küchenbank zu durchwühlen. Immerhin fand er hier ein Album mit Rabattmarken einer seit gut vierzig Jahren nicht mehr tätigen Supermarktkette, aber das Osternest? „Konzentrieren Sie sich“, ermahnte ich ihn. „Wo haben Sie dieses Ding gesehen? Und was war eigentlich drin in diesem Ding?“ „Wie immer“, sagte er. „Wir haben ja so unsere Traditionen, und da weiß ich, dass…“ „Was denn“, entfuhr es mir, „haben Sie wieder eine Dose Handcreme gekauft?“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Auf gar keinen Fall, es waren… – “

Zwei Ansagen hatten Bismarck gereicht. Mit glasigen Augen, wie im Vollrausch und sichtlich erregt tapste er zur Terrassentür hinein, schnaufte ein wenig und wankte sofort in Richtung Körbchen. Hatte er am Ende auf seine alten Tage noch einmal seinen Dackelcharme spielen lassen und ein junges Tierchen vor dem Zaun beschnuppert? Breschke guckte ihm entgeistert nach. Der Hund drehte sich noch einmal um, man meinte, ein leises Rülpsen zu vernehmen. Breschke klammerte sich an der Stuhllehne fest. „Schokoladeneier“, japste er. „Natürlich Schokoladeneier!“





Eierlei

20 04 2014

Frühling lässt die Sonnenstrahlen
durch den Garten schimmern licht,
will mit blauen Bändern malen,
lacht aus Blütenangesicht.
Finchen, Tinchen, Minchen suchen
dort ein kleines Stündchen bald.
(Vatern hört man leise fluchen,
schließlich ist es scheußlich kalt.)
Oh, sie schauen unter Büschen,
um ein Nestchen zu erwischen,
jauchzen in die Frühlingsfeier:
  „Ostereier!
    Ostereier!“

Leise geht das Frühlingsrauschen
auch über den großen Teich.
Dort will man dem Rauschen lauschen
und macht alle Menschen gleich.
Alles liest und alles hört man,
Kanzlerin und Depp und Schaf,
ab und an ist zwar empört man,
und wird wieder treu und brav.
Wichtig ist, die großen Brüder
kaufen bei uns immer wieder.
Dafür ist uns nichts zu teuer!
  Ostereier!
    Ostereier!

Horch, was stapft dort durch die Gräser?
Wenn man die Regierung lässt,
friedlich wie Posaunenbläser
treten sie ins bunte Nest.
Wacker, ohne auszuruhen
wandert’s über Tal und Berg,
Eierschale an den Schuhen,
Knickebein und Zuckerwerk.
„Alles habt Ihr falsch verstanden,
Volk, in allen deutschen Landen,
glaubt uns! Ja, Ihr kennt die Leier:
  hier gibt’s keine
    Ostereier!“





Frühlingserwachen

1 04 2013

07:20 – Die milden Strahlen der Morgensonne tauchen die Siedlung Kiebitzredder in ein fahles Licht. Pensionär Ottfried L. (69) nutzt die frühe Stunde des Ostersamstags, um den Vorgarten in festliches Gepränge zu versetzen. Er hängt je zwei blaue und gelbe Kunststoffeier an den letztjährig gepflanzten Spalierapfel.

07:31 – War die Festvorbereitung in den Gärten der Reihenhäuser bisher eher spärlich ausgefallen, so fügt Paola H. (32) mit dem Osterhasen-Hänger im Küchenfenster der Nachbarschaft einen farblich hervorstechenden Blickfang hinzu.

07:43 – Rentnerin Hermine G. (78) unterzieht ihre Fenster einer kritischen Prüfung. Sie beschließt spontan, die Scheiben zu putzen, wozu sie ein Narzissentöpfchen aus der Küche vorübergehend auf der vorderen Fensterbank abstellt. Auch diese Provokation wird nicht ohne Folgen bleiben.

08:01 – Mit einem Frontalangriff setzt Rainer P. (43) die östliche Straßenseite in Szene. In Windeseile dekoriert er einen Eimer mit Forsythien und postiert die gelb leuchtenden Zweige auf dem Balkon. Höhnisch strahlt die Blütenpracht in den Märzwind hinein.

08:14 – Gemütlich schlendert Ottfried L. (69) auf die Rasenfläche vor dem Wohnzimmerfenster. Unter den atemlosen Blicken der Anwohner packt er eine gipserne Hasenfigur in leicht abgeblätterter Farbfassung aus der Plastefolie, postiert sie mittig zwischen zwei Topfgewächsen und kehrt ungerührt ins Haus zurück. Es riecht nach Krieg.

08:33 – Gesamtschullehrer Dietmar B. (37) unterbricht kurz die Korrektur der Sozialkunde-Klassenarbeit zum Thema Friedenspolitik. Von seinem Schlafzimmerfenster aus beobachtet er, wie Philipp E. (39) die Osterbüsche mit Eiern behängt. Er zerknickt zornig seinen Bleistift und beschließt unverzüglich zu handeln.

08:54 – Mittels einer Schubkarre transportiert Hans-Erwin M. (51) sämtliche Osterglocken aus dem an die Terrasse angrenzenden Hochbeet in den Vorgarten. Einige energische Handgriffe mit der Pflanzhilfe sind vonnöten, dann erstrahlt das noch jungfräuliche Streifchen Erde auf der westlichen Straßenseite in sattem Gelb.

09:01 – Theo Z. (45) lässt sich das nicht länger bieten. Zwar muss er zunächst seinen SUV von den verkrusteten Harschresten freikratzen, doch schon kurz darauf lässt er mit quietschenden Reifen die Siedlung hinter sich, um das Gartencenter im nahe gelegenen Gewerbegebiet aufzusuchen.

09:24 – Während Hermine G. die Doppelfenster abledert, dringen vereinzelt Röstaromen aus der Küche der Postbotenwitwe: ihr Brotröster, Baujahr 1954, wärmt unentwegt die beiden Toastscheiben.

09:30 – Mängel an Mehl und Milch mindern den Erfolg; Sabine U. (33) konstatiert wutentbrannt, dass sie zwar außer den in Zwiebelschalen gekochten noch ein halbes Dutzend Eier vorrätig hat, doch reicht dies nicht zur Herstellung eines gleichfalls die Siedlung aromatisch flankierenden Hefezopfes. Ihr Gatte erhält den Befehl, sofort den Supermarkt aufzusuchen.

09:40 – An der Ostfront wird erbitterter Widerstand geleistet. Theo Z. lädt acht Stiegen Narzissen aus dem Kofferraum.

09:48 – Mit einer Kiste Weihnachtsschmuck betritt Dietmar B. das Kampfgebiet. Angesichts aparter Engelein und schneeflockengeschmückter Kugeln verlässt ihn der Mut.

10:02 – Der Teig ist gerührt. Sabine U. versucht mit dem elektrischen Haartrockner, den Wuchs des Hefeteigs zu unterstützen.

10:07 – Die Hand der Hausfrau lahmt. Wenige Handgriffe genügen, um den Föhn am Stativ für die Videokamera zu befestigen, das im Privatleben der U.s eine essenzielle Rolle spielt und daher stets griffbereit steht.

10:10 – Vorsichtig lädt Hinner T. (44) acht Paletten Eier aus dem Fahrzeug, als seine Frau ihn ins Haus ruft. Während er ein wichtige Telefonat mit dem Bauamt erledigt, stehen die saisonal begehrten Lebensmittel unbeaufsichtigt auf dem Dach seiner Limousine.

10:22 – Die Märzenbecher lagern wohlverteilt in Z.s Garten. Der Hausherr sucht nach einem Spaten.

10:30 – Schrille Schreie ertönen aus dem Haus der Familie B. Beim Versuch, die günstig im Internet erstandenen Christbaumkugeln unter Zuhilfenahme eines Gasbrenners anzuwärmen und oval zu deformieren, geraten die ebenfalls chinesischer Provenienz zuzurechnenden Vorhänge ins Schussfeld. Eine Stichflamme schießt empor und hüllt das Wohnzimmer mit Essecke sekundenschnell in dichten Qualm. Claudia B. (34) erreicht im Laufschritt die Grundstücksgrenze, bekleidet mit Plastiksandalen sowie einem Hüftschmücker aus geblümter Viskose.

10:37 – Noch immer regt sich der Hefeteig nicht. Im Gegensatz dazu hat die Rührschüssel unter dem Einfluss des Heißluftstrahls eine dünnflüssige Konsistenz erreicht. Der schmelzende Kunststoff sickert gemächlich zu Boden. Noch sind die Flaschen mit Haushaltsspiritus und Spezialreinigern nicht erreicht.

10:40 – Eine Gartenschaufel ohne Handgriff ist nicht geeignet, Z. bei seiner Pflanzaktion Licht im Osten genug technische Hilfe zu geben. Er dehnt seine Suche auf den zweiten Kellerraum aus.

10:41 – Unter der Wucht plötzlich anbrausender Flammen bersten die Küchenscheiben. Was sich an Haushaltschemikalien in der Küche der Familie U. befunden hat, wälzt sich als überdimensionaler Feuerball auf die Straße.

10:42 – Dietmar B. googelt größtes osterfeuer der welt.

10:57 – Markus A. (29) wittert seine Chance. In mehreren Anläufen robbt sich der ehemalige Zeitsoldat zwischen den parkenden Fahrzeugen durch, um sein berufliches Wissen zur Anwendung zu bringen: in der Fortsetzung des Halblegalen mit anderen Mitteln die Rohstoffversorgung zu sichern. Zwei Eierpaletten werden von A. entwendet und hinter dem Zierliguster zwischengelagert.

11:11 – Stolz kleben die Zwillinge Thea und Tina O. (4) ihre grafische Installation Osterhase mit Mami und Sonne über dem Haus (Buntstift auf Papier, 2013) ans Kinderzimmerfenster. Die Dämonen dürsten nach Blut.

11:29 – Weder Grabstock noch Schippe findet Z. im hinteren Kellergelass. Jetzt ist der Dachboden dran.

11:32 – Hinner T. bemerkt den Verlust nicht. Er trägt die verbliebenen Eier ins Haus, während Markus A. hinter dem Wagen schon im Hinterhalt liegt. A. überlegt, aus der Siedlung wegzuziehen; das Verhalten der Nachbarn lässt den notwendigen Respekt für seinen Aufenthalt vermissen.

11:43 – Dietmar B. googelt ostereier plastik blitzversand.

11:58 – Markus A. macht sich ans Werk. Zwei Paletten Eier wollen ausgeblasen, bemalt und in die Vegetation verbracht werden.

12:12 – Theo Z. verliert die Nerven. Angesichts der überall ausbrechenden Blütenpracht an Sträuchern und Hecken zerlegt er die eigene Einbauküche fast in ihre Bestandteile, um ein geeignetes Instrument für seine Grabwut zu bekommen. Da er die Schubladen seit seinem Einzug nicht eigenhändig aufgezogen hat, scheint ihm der Spaghettiheber das Mittel der Wahl.

12:21 – Der Soldat pustet wie ein Discobesucher bei der Polizeikontrolle – nichts. Vielleicht hätte ein guter Physikunterricht ihm geholfen. Vielleicht auch der Hinweis, dass die Eierschale dazu zweier Öffnungen bedarf.

12:32 – Janine H. (22) findet den Lebensgefährten leblos vor einer Palette Eier. Die gelernte Krankenschwester diagnostiziert eine Hirnembolie und ruft einen Notarztwagen.

12:44 – Passanten finden Theo Z. im Garten, Osterglocken im Anschlag, den Nudelgreifer in der Rechten, das Gesicht tief in den Mutterboden vergraben. Der Freizeitpflanzensetzer gurgelt Unverständliches. Offenbar war der Herzinfarkt schwerer als vermutet.

13:02 – Dietmar B. googelt ostern auferstehung armageddon tankstelle.

13:04 – Ohne jede Vorwarnung trägt Hinner T. eine Gruppe kindergroßer Hasenfiguren aus Hartplastik in den Garten und stellt diese auf den Rasen. Blanker Hass schlägt ihm entgegen.

13:11 – Sirenen ertönen von der verstopften Hauptstraße; kurz entschlossen eilt B. in die Garage, um sich mit den wichtigsten Utensilien für ein österliches Strafgericht auszustatten: ein Winterreifen sowie eine Lötlampe.

13:15 – Endlich biegt der Streifenwagen als Vorhut für die Rettungssanitäter in den Kiebitzredder ein. Die Beamten halten Ausschau nach der verunfallten Person.

13:16 – Polizeiobermeister Karsten S. (30) sichert das Gebiet mit der Schusswaffe. Janine H. attackiert Irene Z. (46) mit einer Injektionsspritze, während diese die Schwester mit einem Spickmesser in Schach hält. Verstärkung ist angefordert.

13:20 – In einem Fantasiekostüm für imaginäre Actionhelden – Stirnband, Muskelshirt, Gummistiefel, Gartenhandschuhe – betritt B. die Straße zum Showdown. Mit dem brennenden Reifen wird er den Ungläubigen zeigen, wie die Endlichkeit der Existenz zu verstehen ist. Wenn schon Apokalypse, dann nach seinen Spielregeln. Der Reifen sucht sich seinen Weg.

13:22 – Ottfried L. beschließt, den Rasen etwas zu kürzen. Der Benzinkanister steht bereits am Straßenrand, den Mäher wird er in wenigen Minuten die Kellertreppe hochgetragen haben.

13:23 – Einem Osterrad nicht unähnlich trudelt der qualmende Pneu den Kiebitzredder entlang. Mit einem heiseren Schrei rettet sich Karsten S. in die Fahrgastzelle des Dienstwagens.

13:24 – Wenige Sekunden später kollidiert der Reifen mit L.s Benzinkanister. Eine gewaltige Explosion reißt das Kautschukobjekt auseinander. Einzelne Bestandteile davon treffen Markus A. an überlebenswichtigen Körperstellen. Eine Diskussion, wen der zeitgleich eintreffende Notarzt zu versorgen hat, ist damit hinfällig. So endet der Ostersamstag in einer Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur ihr trautes Heim für das Frühlingsfest schmücken wollten.





Ostereier

24 04 2011

für Kurt Tucholsky

Schäfchenwolken, laue Lüfte,
man geht aus mit Kind und Hund.
Süße, wohlbekannte Düfte
bleiben heut im Hintergrund.
Es ist Ostern! dort ersprießen
Blumen, hier ein Vögelein,
dessen Tschilpen wir genießen,
kurz: ein Lenz, sich zu erfreun.
Frühjahr fährt in die Gebeine,
Kinder lässt man von der Leine,
für sie gibt’s, zum Tag der Feier,
    Ostereier.

Liebreiz will das Grün uns spenden
dort am Busen der Natur,
wo dem Spießer aus den Händen
Müll fällt, mitten in die Flur.
Zivilisationsgetöse
macht der dumpfe Biedermann.
Er liebt das Luxuriöse,
weil man damit protzen kann.
Ist man mäßig und bescheiden,
wer soll einem dann was neiden?
Dafür ist uns nichts zu teuer:
    Ostereier!

Auch der deutsche Michel feiert.
Grimmig klagt er, was man nun
uns noch aus den Rippen leiert.
Sonst hat er ja nichts zu tun.
Optimismus? unbegründet,
seht nur, wie man uns mit Maut,
Sprit und Krankenkasse kündet:
Was Du hast, wird Dir geklaut!
Seht, sie leeren uns die Nester!
Jammert, weint, doch stehet fester!
Gebt uns statt der Mehrwertsteuer
    Ostereier!

Ach, Berlin – Du meine Güte!
Größtenteils schon abgemäht
liegen Osterstrauß und Blüte.
Fraglich, dass man Euch versteht.
Schluchzt Ihr überm Festtagsbraten,
wackelt Ihr auf Euerm Thron?
Große Worte. Kleine Taten.
Nichts von Wirkung. Kennt man schon.
Bunt bemalt, doch dünne Schale.
Stammelt bloß ein Nationale.
Kurz gesagt: die alte Leier.
    Ostereier.





Voll auf die Eier. Achtmal Ostergrüße

5 04 2010

I. Horst Köhler

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipisici elit, sed eiusmod tempor incidunt ut labore et dolore magna aliqua. Ut enim ad minim veniam, quis nostrud exercitation ullamco laboris nisi ut aliquid ex ea commodi consequat. Quis aute iure reprehenderit in voluptate velit esse cillum dolore eu fugiat nulla pariatur. Excepteur sint obcaecat cupiditat non proident, sunt in culpa qui officia deserunt mollit anim id est laborum. Ich soll Sie auch von meiner Frau recht herzlich grüßen.

Der Bundeshotte

II. Helene Hegemann

Es dauert keine zwanzig Sekunden, dann hat dieses Scheißarschloch ein Osternest unter dem Regal mit den blaugestreiften Hüttenschuhen aus Paraguay gefunden und frisst sofort sämtliche Nougateier. Anscheinend liegt es an seiner verschissenen Scheißerziehung, dass es die Nougateier frisst, klingt für mich voll plausibel und so, aber ich kann das mit dem Repressionsfreien und so voll nicht nachvollziehen, weshalb ich jetzt dem Scheißarschloch die Nougateier wegnehme, und wenn dieses Scheißarschloch hier noch einmal Nougateier frisst, dann sag ich das nämlich meinem Pappi und der kauft mir einen Büchner-Preis! So!

© Helene Hegemann

III. Frank Schirrmacher

Erhole mich. Ganz langsam. Zwei Ostereier gleichzeitig waren einfach zu viel.

FSch

IV. Angela Merkel

Liebe Bürgerinnen und Bürger in der Partei,

über Euer Osternest habe ich mich sehr gefreut. Besonders die Ostereier mit Gutti und Guido finde ich dufte. Ich kann gar nicht verstehen, dass der Pofalla daran wieder etwas auszusetzen hat. Nur, weil der Gutti ein Kuckucksei ist und der Guido ein Überraschungsei? Wir werden zu einer gemeinsamen Lösung finden. Und dann machen wir das christlich und liberal und sozial und ganz klimaneutral und vielleicht sogar irgendwie auch nachhaltig, und wenn mein Freund Jürgen dann die 58% in NRW geholt hat, sehen wir weiter. Falls wir das finanzieren können. Alles Liebe von

Angie

V. Guido Westerwelle

Liebe Freunde,

lasst Euch von der Freiheitsstatue dieser Republik eins sagen: Charity begins at Rome. (Das ist übrigens Englisch.) Und deshalb werden Wir Uns auch nach Unserem Wiedererstarken zu epochaler Größe, wenn Wir dann endgültig diese Republik übernehmen, in der es so wundervolle Dinge gibt wie private Krankenversicherungen, Leerverkäufe und Hoteleröffnungen, für die glänzendsten Zeiten von dem Ballast befreien müssen, den wir dann nicht mehr brauchen können. Denn wer lähmt dies Land, wer saugt es in perfider, gottloser Gier aus und wird es dereinst höhnisch in Drangsal verdämmern lassen, wenn die teuflische Saat der Niedertracht aufgekeimt sein wird – wer wird Deutschland voll in die Scheiße reiten?

Euer Guido

VI. Sahra Wagenknecht

Genossinnen! Genossen!

Die LINKE sagt geschlossen NEIN zu den offen formulierten Kriegszielen dieses westlichen Bankenkapitalismus, den ich trotz der Reisefreiheit für einen falschen halte. Wir müssen auch an Ostern für den Osten uns einsetzen, damit die positiven Erfahrungen des realen Sozialismus in eine neue sozialistische Gesellschaft führen. Heute gibt es Streit um Bananen und andere Südfrüchte – wenn wir die Klassiker lesen, stellen wir fest, dass es dort überhaupt nie um Bananen ging! Wir brauchen eine neue Mauer und antifaschistisches Verstehen von Einkaufsmöglichkeiten in der Gesellschaft der Nichtvermögenden, immer vorausgesetzt, ich muss ihnen nicht ständig über den Weg laufen.

Rosa Sahra

VII. Dirk Niebel

Yippie-ya-yeah, Schweinebacken!

Bin Ostern nach Südwest. Nachgucken, ob die Bimbos die Steppe gefegt haben. Natürlich wieder alle unartig. Im Kral gibt’s kein Schwarzbrot. Gleich mal einen Neger rausgegriffen. Ordentlich zusammengeschissen. Weiß nicht, wer es war, ist aber auch egal. Die Lakritznasen sehe ja sowieso alle gleich aus.

Der Massa hat gesprochen!

VIII. Walter Mixa

Wieder haben überstaatliche Feindmächte bewiesen, dass unmenschliches Verhalten und praktizierte Gottlosigkeit möglich sind. Wir haben daran erkannt, dass die seit dem frühen Mittelalter anhaltenden Verleumdungskampagnen von Kommunisten, Protestanten und Journalisten alle auf zu vielen Schwangerschaftsabbrüchen beruhen. Und wer etwas anderes behauptet, dem haue ich die Fresse ein!

WM





Unique Selling Proposition

3 04 2010

Füchse, Störche samt den Hähnen,
auch der Kuckuck: arbeitslos.
Nur noch aus des Hasen Schoß
kommen bunte Eier, denen

man der Osternester Fülle
anvertraut. Warum? Weil gern
nur der Hase Schokohülle
legt mitsamt Vanillekern.





Osterspaziergang oder Wie es wirklich war

12 04 2009

Spaziergänger aller Art ziehen hinaus. Faust und Wagner.

Faust.

Vom Eis befreit sind Strom und Bäche.
Der Spießer hebt beseelt den Blick.
Sein Hund scheißt auf die Spielplatzfläche.
Das nennt man dann wohl: stilles Glück.

Die Kinder kreischen wegen Eises
in Horden auf der grünen Flur;
sie ziehen auf dem Rasen weißes
Bonbonpapier zur Frühlingsspur.

Es regt sich Bildung, regt sich Streben
nach Farbe, Form und Blech und Bier;
will er zum Trunk die Dose heben,
schon schmeißt sie Vati ins Revier.

Sie quellen all aus den Gemächern,
hinaus aus dumpfer Stadt zu ziehn,
schon sind sie fern von ihren Dächern,
da lärmt ein Moped durch das Grün.

Wagner stopft sich unterdessen die Finger in die Ohren.

Sie feiern Auferstehungsfreuden,
sind selbst erstanden aus dem Rest
von Sessel, Sofa, Blasenleiden
mit Salzgebäck und Osternest.

Den Frühling führen sie im Wappen.
Der Jüngling wie die dicke Maid,
sie schlurfen aus auf Badeschlappen
in muntrem, buntem Trainingskleid.

Sie zwängen ihres Körpers Menge,
die aus der Gier entstand am Fraß,
in eine Polyesterenge
und watscheln darin übers Gras.

Wagner läuft grün an und beginnt hörbar zu würgen.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
hier ist des Volkes wahrer Himmel,
zufrieden jauchzet groß und klein:
hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

Wagner.

Boah ey, kann mal jemand diese ganzen Spacken hier wegmachen? Mephisto! Ich kotz gleich!





Gernulf Olzheimer kommentiert (II): Feiertage

10 04 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Und schon ist es mal wieder so weit: Ostern bricht herein wie die Nagerseuche, die den letzten Mümmler zum bewegungs- und denkunfähigen Mutanten macht. Mehrmals im Jahr – zu Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Silvester, Himmelfahrt und Hirnschlussverkaufsfestivitäten jeglicher Couleur – dreht der deutsche Torfschädel gründlich durch und besucht aus therapeutischen Gründen eins der wie Hundehaufen in die Betonlandschaft geschissenen Einkaufszentren, um die Binnenwirtschaft in den finalen Kollaps zu jagen. Er kauft, als wäre der Weltuntergang beschlossene Sache und er hätte für die anstehende Ewigkeit Stullen zu schmieren.

Anscheinend ist die Tugend des Hamsterkaufs völlig aus der Bahn geraten, seitdem der Russe nicht mehr an der Zonengrenze steht und dem Westbürger sein wohlverdientes Mehrkornbrötchen wegzufressen droht. Als noch kalter Krieg war, da panzerte sich der anständige Deutsche zentnerweise Butter und Darmschlinge mit Schlachtabfallfüllung in familiensarggroße Schockfrostgeräte, die man selbst mit gewerbsmäßiger Wilderei nicht voll kriegt. Da ging nichts unter dreitausend Büchsen Linsen mit Suppengrün und einer Doppelgarage, in der bis knapp unters Dach in der Dose verrottendes Pumpernickel sich auftürmte. Wäre der Erstschlag nicht über Gera niedergegangen, hätte er stattdessen Gelsenkirchen weggeblitzt, der gemeine Wessi hätte sich gemütlich im Bunker die Wampe vollgehauen und wäre erst Jahre später aufgefallen, weil seine Ganzkörperadipositas nicht mehr durch die Luke gepasst hätte.

Heute ist das anders. Dem Deutschen fehlt die nötige Sorge ums Dasein. Und darum kauft er wie beknackt bei jeder unpassenden Gelegenheit, als gäb’s morgen kein Mehl mehr oder der Apfelkorn sei von den Alliierten endlich mal verboten worden. Wann immer er pünktlich einen Tag vor Eintritt des Weihnachtsfestes auf den Kalender starrt, stellt er fest, dass exakt achtundvierzig Stunden ihn von der humanitären Hungerkatastrophe trennen: nur noch ein Kilo Tafelsalz im Haus. Folgerichtig fährt er in den nächstgelegenen Supermarkt, um drei Paletten Natriumchlorid in einen einzigen Einkaufswagen zu pferchen, dessen unelastische Stöße mit tödlicher Sicherheit die Hacken des Vordermanns treffen, dazu billigen Schaumwein, Geschirrspülmittel und eine Halde vereisten Rahmspinat sowie mehr Separatorenfleischspieße, als man mit dem Salz jemals flüchtig bestreuen könnte.

Müßig zu sagen, dass der deutsche Kampfkäufer um Frische plärrt, als gewönne er dadurch das Memelland, Korsika und die Ukraine dem heiligen Vaterland zurück. Der Durchschnittsbehämmerte entblödet sich nicht, in Plasteflaschen abgepacktes Pflanzenöl und tiefgekühlte Gemüseimitate am Vorabend der Völlerei ins Heim zu karren, weil er es für logistisch angebracht hält, die Vorstufe seiner Körperausscheidungen möglichst jung einzulagern. Es macht ihm nichts aus, zum Jahresendbesäufnis den Karpfen, den er im Verein mit Altbierbowle und Salzgebäck über dem Flokati erbrechen wird, auch am Sonntag lebend zu verlangen, wenn nur sichergestellt ist, dass das Tier seine letzten Eindrücke von Weltekel in dem sorglos gereinigten Altölfass auf dem Hinterhof verarbeitet und nicht im aseptischen Gekachel eines Fischgeschäfts.

Der gemeine Vollspaten traut sich nur aus dem Revier und auf die Wildbahn, wenn er weiß, dass er sich meistenteils unter Bescheuerten befinden wird, wenn er erst am späteren Vorabend des Auferstehungssonntags Eier kauft oder am mählich verrinnenden 24. Dezember die Jagdsaison auf Schokoladenweihnachtsfiguren für eröffnet erklärt. Jegliche Hast, beispielsweise schon einen Tag vor Sankt Valentin eine Parfümeriefachabteilung mit dem Anblick seiner von Anbeginn zum Scheitern verurteilten Existenz zu belästigen, gemahnt ihn dumpf an den vorzeitigen Samenerguss, unter dem er seit frühester Jugend leidet. Also wartet er. Kurz vor Ladenschluss platzt er in Horden gekeilt in die Idylle der Einzelhandelskräfte, die sich schon auf den arbeitsfreien Tag gefreut hatten, und fegt marodierend durch die Supermärkte. Zufrieden ist das Pack erst, wenn es sich am Kühlregal blutige Schlachten um die allerletzte Packung abgelaufenen Sahnejoghurts mit Erdbeer-Salmonellen-Crispies liefern kann. Es wäre ihm scheißegal, schmisse der Filialleiter einen Doppelzentner Milchbrei gratis in die Warendeportationshänger, er fällt lieber auf dem Feld der Ehre, zusammengedroschen von einem der geistig zurückgebliebenen Schwertfechter um links drehendes Darmschleimsurrogat.

Wer an seinem Leben hängt, tut gut daran, die Festtage in möglichst einfach strukturierter Gegend zu verbringen. Ein stilles Wüstendorf in Botswana bietet sich an, die verschwiegene Gebirgstundra der Neusibirischen Inseln. Hier lebt sozialverträglich ab, wer einen Tag vor Ostern auf den Gedanken verfiele, frischen Spekulatius zu fordern. Damit haben alle anderen ortsansässigen Bescheuerten wieder ihre Ruhe, die Ordnung bleibt intakt, der Feiertag zieht in entsprechender Stimmung vorbei. Und Ihre Überreste versorgt man schon noch. Sie bleiben ja noch ein bisschen länger tot.