Kopfpflicht

12 10 2017

„… dass generell keine Unkenntlichmachung des Gesichts in der Öffentlichkeit mehr gesetzlich geduldet würde. Die Polizei werde dies mit der ganzen Härte des…“

„… die ersten Konsequenzen gefordert habe. Drei ältere Damen mit Vollverschleierung seien dem Haftrichter vorgeführt worden, der ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft der heiligen Ursula nicht als Entschuldigung für den…“

„… nur vorläufig festgenommen worden sei. Das Anlegen eines Hutbandes diene allein der Befestigung und stelle noch keinen vermummenden Eingriff in den…“

„… sich der Vatikan nicht in den Streit einmischen wolle. Sobald Kardinäle oder Bischöfe von der Regelung betroffen seien, so das Governatorat, werde man an Sanktionen gegenüber dem…“

„… es sich um eine reine Provokation gehandelt habe. Die tschechische Performancekünstlerin habe sich lediglich mit einer Papiertüte über dem Kopf in der Wiener Innenstadt aufgestellt, um die Polizei durch bewusstes Irreführen über ihre Person zu…“

„… das Anlegen von Sonnenbrillen in den öffentlichen Verkehrsmitteln nochmals unter besondere Strafe zu stellen. Die Gefahr einer Tram-Entführung könne bereits durch einen einzigen Fall auf 100% steigen, deshalb müsse sofort die…“

„… die Ordensfrauen wieder auf freiem Fuß waren. Das Innenministerium habe nochmals darauf hingewiesen, dass bei Sicherheitskontrollen der Habit als potenzielle Tarnung über einem Sprengstoffgürtel oder einer…“

„… die Helmpflicht des Motorradfahrers in dem Augenblick ende, in dem er sein Kraftrad nicht mehr bewege. Strittig sei dennoch, ob er den Helm beim Stopp an Ampeln und Fußgängerüberwegen sofort abzulegen habe oder erst auf eine Anweisung des dazu befugten Beamten der…“

„… auch in Supermärkten und Drogerien Sonnenbrillen zu verbieten. Schwierig sei zwar, dass die im Einzelhandel feilgebotenen Brillen dann nicht mehr anprobiert werden könnten, die innere Sicherheit sei aber damit um einen wesentlichen Punkt näher an die…“

„… das Tragen einer Hundemaske zur Eröffnung eines Fachgeschäfts für Zoofachhandel nicht erlaubt sei, solange eindeutig geklärt sei, dass sich unter der Maske tatsächlich ein…“

„… zu traumatisierenden Erlebnissen komme. Bisher seien nur in den Vereinigten Staaten Schüler in Handschellen abgeführt worden, das Einsatzkommando von Ottakring jedoch habe den Kinderfasching sehr professionell und mit nur geringen Verletzungen der…“

„… dass die chinesische Wirtschaftsdelegation nun des Landes verwiesen werde. Obwohl die Feinstaubwerte durch Pkw in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen hätten, rechtfertige dies doch nicht das ganztägige Anlesen von Schutzmasken im Bereich des…“

„… eine Parade mit den Originalfiguren aus Disney World nicht stattfinden könne. Dies entspreche nicht dem europäisch-abendländischen Brauchtum, außerdem sei durch die Maskierung nicht geklärt, ob sich eine männliche oder weibliche Person unter den jeweiligen…“

„… Radhelme grundsätzlich wie Motorradhelme behandelt werden müssten. Dabei ergebe sich nur die Schwierigkeit, dass der Helm erst mit Antritt der Fahrt angelegt und unmittelbar danach angenommen werden solle, was aber gegen andere Sicherheitsvorschriften verstoße, gemäß derer der Helm schon vor Antritt der…“

„… bewusst oft die Figur Darth Vader ausgewählt worden sei. Es habe sich zwar um zehn- bis zwölf Jahre alte Kinder gehandelt, dennoch müsse man polizeilich auch hier Vorsicht walten lassen, um nicht durch eine Massenpanik im…“

„… einen Mundschutz im OP-Bereich getragen habe. Die Geldbuße trage dem Umstand Rechnung, dass es sich um ein öffentlich zugängliches Spital gehandelt habe, das auch von Inländern und…“

„… zu Ehren des japanischen Botschafters aufgetreten seien. Die Darsteller des Nō-Ensembles seien jedoch wegen ihrer stark an Masken erinnernden Schminke noch vor dem Betreten der Bühne direkt in Polizeigewahrsam…“

„… ein Clown auch auf einer Abbildung eine latente Terrorgefahr darstelle, weshalb die Plakate des Circus Knie unverzüglich aus dem…“

„… das Baufahrzeug mit halbautomatischen Schusswaffen abgedrängt und die Arbeiter zum Aussteigen genötigt worden seien. Der vor dem Betreten des Baustellengeländes angelegte Atemschutz falle unter die sicherheitsrelevanten Verbote einer…“

„… die Gasmaske eines Feuerwehrmannes im Einsatz einer hinreichenden Legitimation bedürfe. Diese könne jedoch im Brandfall durch einen formlosen, für sechs Stunden gültigen Antrag, der spätestens einen Werktag vor dem Einsatz…“

„… den Nikolaus darstellen solle. Auch unter Berücksichtigung der aktuellen Bartmode sei die Kostümierung nicht zu…“

„… besser geregelt werden solle. Schwerer Atemschutz dürfe jetzt bereits getragen werden, wenn sich der Brandmeister schriftlich vor dem Einsatz an die oberste Leitung des…“

„… es sich bei dem wegen eines zu hoch über der Nase geschlungenen Wollschals verhafteten Radfahrer um den Bezirkspfarrer Franz Pospischil gehandelt habe. Der Vatikan habe nochmals betont, dass er für Personen unterhalb der Bischofswürde keine rechtlich…“

„… es sich beim Nikolaus in Wahrheit um einen Dissidenten aus der heutigen islamischen Welt handele. Um politische Provokationen mit der Türkei zu verhindern, dürfe keine weitere…“

„… in erster Instanz verloren habe. Mitglieder einer freiwilligen Feuerwehr seien demnach nicht berechtigt, einen beantragten und bewilligten Atemschutz bereits beim Anrücken auf dem Fahrrad, das sich noch auf einem öffentlichen Radweg in der…“

„… als ‚Muselsau‘ beleidigt habe, die ‚ins Gas gehöre‘. Obwohl die koptisch-katholische Kirche mit Rom uniert sei, sehe der Heilige Stuhl keine Veranlassung, die Behandlung des Patriarchen von Alexandrien am Westbahnhof durch die Bezirkshauptmannschaft des…“

„… das neue Wintercouleur der Germania 1937 auch den schwarz-weiß gemusterten Schutz gegen linksjüdische Pest vorsehe. Das Bundesministerium für Inneres wolle von einem Verbot absehen, da es in der Ballsaison nachts auch empfindlich…“

„… zu Boden gerissen und mit mehreren Faustschlägen ins Gesicht lebensgefährlich verletzt habe. Das Kopftuch, dass die Königin von England und Schottland traditionell auf Flugreisen trage, sei dabei im…“

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Heldenplatz

23 05 2016

„Darf man da jetzt noch ‚Küss’ die Hand‘ sagen?“ „Solange er noch nicht im Amt ist.“ „Und dann?“ „Na, weiß ich’s. Fragen Sie einen Experten.“ „Aus der Politik?“ „Gehen Sie halt zum Heilpraktiker.“

„Sie, Ihre Kalauer könnten bald richtig teuer werden für Sie.“ „Wegen Majestätsbeleidigung? Das hatte ich nicht gewusst, dass die Türken wieder derart dicht vor Wien stehen.“ „Die lassen Sie nicht mehr einreisen.“ „Erstens befinde ich mich da in guter Gesellschaft, und zweitens muss ich das gar nicht.“ „Sie wollten doch im Sommer dahin?“ „Ich sagte, ich will in den Süden und braun werden.“ „Also doch.“ „Sie sind auch nicht besser.“ „Mit der Fremdenfeindlichkeit?“ „Mit den Kalauern.“

„Aber mal im Ernst, wenn uns in den nächsten Wochen ein Rutsch nach rechts bevorsteht…“ „Wenn Sie glauben, dass der Ihnen bevorsteht, dann haben Sie ihn bloß noch nicht bemerkt.“ „Bis jetzt ist da doch noch nicht viel gewesen.“ „Nur, dass die Österreicher diesen Bundespräsidenten gewählt haben, aber sonst war da natürlich nichts.“ „Es ist doch nicht viel passiert, die sind den Bundeskanzler losgeworden, das wünschen sich hier auch eine ganze Menge Leute.“ „Ich sage nichts.“ „Weil das nicht Österreich ist?“ „Weil Sie keinen Rutsch nach rechts mitkriegen.“

„Dieser Präsident soll angeblich der Verfassung treu sein.“ „Er hat da etwas falsch verstanden.“ „In der Verfassung steht doch aber: ‚Das Recht geht vom Volk aus.‘“ „Und für den Präsidenten?“ „Ist noch Volk, wenn das Recht ausgeht.“ „Sie meinen, wenn den Rechten das Volks ausgeht…“ „… dann geht er davon aus, dass das Volk rechts ist.“ „Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“ „Dass der Präsident meint, er könne dafür sorgen, dass das Recht ausgeht?“ „Dann müsste er ja quasi, also wenn er, und dann ist jetzt wer der Souverän?“ „Das kennen Sie auch von woanders her. Wenn hier die Masse ‚Wir sind das Volk‘ plärrt, gehen Sie davon aus: die sind rechts.“

„Muss man sich denn das jetzt als einen großen historischen Schnitt vorstellen?“ „Keinesfalls, es ist nur eine leichte Gewichtsveränderung in Europa. Die kommt denen selbst wie ein historischer Schritt vor, ist aber in Wirklichkeit nur eine Vorspiegelung von Größe, die so nicht existiert.“ „Im historischen Sinne?“ „Ja, auch.“ „Sie meinen also, das Land käme sich so vor, als ginge es in die Zukunft.“ „Während es sich in Wirklichkeit nur in die Vergangenheit bewegt.“ „Und das mit der Größe? Hat das etwas mit dem Anschluss zu tun?“ „Ja, aber historisch.“ „Wie, historisch? natürlich ist das eine historische Tatsache, die kann man zwar auch anders gewichten, aber faktisch ist das nur eine…“ „Nein, nicht der. Im europäischen Maßstab.“ „Wieso europäisch?“ „Bisher war in der Geschichte nur Ungarn einmal der Wurmfortsatz Österreichs. Ab jetzt ist das andersherum.“

„Dann werden die Freiheitlichen als erstes einen großen Aufmarsch auf dem Heldenplatz machen, richtig?“ „Fast.“ „Aber der kleine Mann, der sie gewählt hat, der muss doch etwas haben, woran er sich freuen kann. Sein Leben ist doch sonst so verdrießlich.“ „Deshalb will der Präsident auch als erstes die Spitzensteuersätze senken, sonst wird es ganz sicher nicht für Millionen neue Arbeitsplätze reichen.“ „Das hat der Führer damals auch gesagt.“ „Damals gab es aber auch noch keine Autobahnen.“ „Sehen Sie, und heute gibt es keine neuen Jobs. So groß ist doch der Unterschied gar nicht.“

„Dass der Präsident noch vorher die Entlassung der Regierung und die Auflösung des Nationalrats als Lüge bezeichnet, als hätte man ihn vor laufender Kamera angespien, um sie dann in Aussicht zu stellen…“ „Das gehört nun mal zu einer modernen Demokratie dazu. Da versprechen Sie den Leuten Frieden und Freiheit, und dann gibt’s plötzlich Krieg, weil sie zufällig gemerkt haben, dass sie seit ein paar Jahren Waffen produziert und die Armee hochgepäppelt haben. Das passiert nun mal.“ „Und dass er Freunde bei den Identitären hat?“ „Man kann sich nicht immer aussuchen, was für ein Menschenmüll einem Beifall klatscht.“ „Aber bedenklich ist das schon, wenn so eine Kornblumenfratze Präsident wird und nichts Besseres zu tun hat, als ständig zu verkünden, dass er sich nach Möglichkeit an Recht und Gesetz halten wird.“ „Natürlich ist das bedenklich, aber genau dafür haben ihn die Leute ja auch gewählt. Stellen Sie sich mal vor, da würde einer kommen und wollte alles anders machen – und dann hält er sich strikt an die Verfassung. Damit macht man doch keinen Staat unter den heutigen Umständen.“

„Also erleben wir europäische Geschichte als aufgewärmtes Dosenfutter.“ „Ich bitte Sie!“ „Nein, so wie die Wähler ihn verstehen, wollen sie wieder einmal den starken Mann, der die Minderheiten abserviert, angeblich linksradikale Gutmenschen aus den öffentlichen Positionen entfernt, die dem Staat gefährlichen Bürgerrechte beschneidet, die internationalen Beziehungen nach Nützlichkeit für die nationale Sicherheitspolitik sortiert und dazu ein Kultur- und Gesellschaftsbild installiert, das geistig behinderte Apparatschiks und Soziopathen sich ausgedacht haben.“ „Nein.“ „Wie, nein – das ist es doch!“ „Es ist keine Wiederholung. Diesmal ist Österreich zuerst dran.“





Dies irae

17 02 2009

Der Mann wartete gar nicht erst ab, bis er aufgerufen wurde. Er klopfte nicht an die Tür, er riss sie auf und stürmte ins Amtszimmer. Setzte sich auf den Besucherstuhl und schleuderte zornig die Vorladung auf den Schreibtisch. Der Andere, ein Jüngling mit sanften, ebenmäßigen Gesichtszügen, wies ihm den Stuhl zu, auf dem dieser bereits saß. „Behalten Sie Platz. Jetzt sind Sie nämlich dran, mein Sohn.“ Der Mann lief rot an wie der Umhang des Beamten. „Für Dich“, bellte er, „immer noch der Hochwürdige Herr Pfarrer, klar!?“ Mit einem langen, bohrenden Blick sah sein Gegenüber auf ihn und tippte das Schild auf dem Schreibtisch an. Hier richtet Sie Erzengel Michael. Der Priester fuhr zusammen.

„Da muss irgendwo in der Apologetik ein Fehler passiert sein. Oder das ist wieder so eins von den lutherischen…“ Der Erzengel lächelte. Ganz mild. „Apologetik, soso. Jede Wirkung hat eine Ursache. Sie haben es erfasst. Genau deshalb sitzen Sie hier, mein Sohn. Theologisch völlig korrekt. Wir machen die Vorschriften zwar nicht selbst, aber wenn sie vernünftig sind, halten wir uns an sie.“

„Sie sind gar nicht wahr! Sie sind bloß eine Wahnvorstellung! Sie existieren nicht!“ Der Engel schmunzelte. „Ich existiere nicht? Gut, dass Sie mir das verraten. Es hatte sich nämlich bis zu mir noch nicht herumgesprochen.“ Jetzt kicherte er. „Dann habe ich gar nicht mit Jakob gerungen? Übrigens, Ihre muslimischen Brüder haben verstanden, dass ich nur deshalb so schnell bin, weil ich aus Licht bestehe.“ Er gluckste. „Aber als alter Apologetiker werden Sie mir die Relativitätstheorie bestimmt noch viel besser erklären.“

„Wenn Sie wirklich Erzengel wären, würden Sie nicht gotteslästerlichen Spott treiben, sondern Gott verteidigen!“ Der Erzengel faltete die Hände über dem Bauch. „Ich verteidige ihn ja. Gegen Ihresgleichen. Abgesehen davon: zwei Fehler, mein Sohn. Erstens hat Gott der Herr in seiner Güte die Evolution so eingerichtet, dass ganz zum Schluss die Krone des Schöpfungsplans herauskäme – der Mensch. Ein Wesen, das alles besitzt, seinen Schöpfer zu preisen. Einen kritischen Verstand und die Sprache. Er hat Euch sogar Geschenke gemacht. Zum Beispiel die Musik. Den Humor.“ „Humor? Was soll am Humor göttlich sein?“ „Da alles von Gott kommt, wird wohl auch der Humor von Gott sein. Er ist ein göttlicher Funken, den der Heilige Geist aus Gnade bisweilen sogar Hunden, Affen und Katzen schenkt.“

Der Pater krallte sich mit beiden Händen in die Tischkante. „Teufelswerk“, schrie er, „Humor ist Teufelswerk!“ Der Erzengel wartete, bis sich das Männchen beruhigt hatte. „Umberto Eco, hm? Da also klaut man als angehender Weihbischof seine philosophische Halbbildung. Interessant.“ Und er nahm einen flammenden Dolch zur Hand, seinen Brieföffner. „Ich will Ihnen sagen, was Teufelswerk ist. Der kritische Verstand, den man dazu missbraucht, ganze Völker in die Steinzeit zu bomben, weil man’s für gottgefällig hält. Dazu, Hunger zu predigen, um im Brokatfummel auf Samtsesseln zu saufen. Dazu, Huren zu machen aus den Frauen, und dann sie zu bespucken, weil sie ja Huren sind. Um sich dabei des Lebens, dieses größten Gottesgeschenks, zu freuen, braucht man schon Humor. Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.

Ernst fuhr er fort. „Und da wären wir auch schon beim zweiten Punkt. Warum, glauben Sie, sind Sie hier?“ Er senkte den Flammendolch auf einen violetten Aktendeckel. „Ich will es Ihnen sagen. Wegen Blasphemie. Sie haben Gott gelästert. Unaufhörlich. Sie haben alle Gebote gebrochen. Ständig. Besonders das zweite.“

„Das ist nicht wahr! Lüge! Verleumdung! Ich habe…“ „Ja, Lüge. Verleumdung. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit haben Sie den Namen Gottes unnütz im Munde geführt.“ Er schlug den Aktendeckel auf. „Ich darf mal zitieren. Den ‚lieben Gott’ gibt es ja nicht. Wir brauchen den Gott, der uns an Grenzen führt. Das haben Sie gesagt.“ Das Männchen begehrte auf. „Nein, ich habe…“ Harsch schnitt ihm der Engel das Wort ab. „Das war keine Frage. Das war eine Feststellung. Ich zitiere weiter. Vielleicht müssen wir erst wieder eine kleine Gruppe werden, um dann stärker hinaus zu wirken. Und dann werden die Wenigen mehr bewegen als die Vielen, die sich nicht bewegen.“ Und er schloss die Akte.

„Sie haben Gott gelästert, mehr noch: sich an seine Stelle gesetzt. Statt zu begreifen und zu verkünden, dass der liebende Gott Sie nach seinem Ebenbild erschaffen hat, haben Sie sich einen Götzen nach Ihrem Ebenbild gemacht. Einen von Selbsthass zerfressenen Sadisten, der nur befriedigt ist, wenn er Wehrlose treten kann. Sie haben sein Vertrauen missbraucht. Sie haben nicht nur die Schafe aus der Herde gejagt, die er in Ihre Obhut gegeben hat, Sie haben noch den Weg zu den Wölfen ausgeschildert. Sie haben gerichtet. Jetzt sind Sie gerichtet.“ Er zeichnete schwungvoll und ließ den Stempel auf den Aktendeckel krachen.

Da sank das Männchen auf dem Stuhl zusammen, heulte, klapperte mit den Zähnen. „Was wird denn jetzt aus mir? Muss ich in der Hölle schmoren? Kann ich nicht noch Abbitte leisten?“ Der Erzengel schüttelte unerbittlich den Kopf. „Nein, das hilft nun nichts mehr. Sie werden zur Höchststrafe verurteilt: Gottesferne. Sie werden in Ihrem Kämmerchen hocken und freie Sicht auf das Paradies haben. Bis in alle Ewigkeit werden Sie die Erlösten sehen. Freude wird unter ihnen sein, und haben sie Traurigkeit, so werden sie getröstet werden, wie einen seine Mutter tröstet. Einer trägt des anderen Last. Und Sie werden hinter Ihrem Gitter sitzen und nicht dabei sein.“

„Gottesferne.“ Mit leerem Blick schaute das Männlein. Es war nun ganz still. „Ja, Gottesferne. Sie müssen ein merkwürdiges Theologiestudium absolviert haben, wenn Sie sich nicht einmal mit den Grundzügen der Eschatologie auskennen. Und jetzt raus hier. Ich habe heute Vormittag noch jede Menge Betonschädel im Eingangskorb.“