Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVII): Der populistische Klassenkampf

18 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga und seine Sippe lebten noch im Einklang mit der Natur. Was schiefgehen konnte, ging eben schief, und am Ende starb jeder, die einen früher, die anderen früh genug, und dann kamen andere, die sich vor vornherein über eins im Klaren waren: wenn sie den Löffel abgeben, wird sich keine Sau mehr an sie erinnern. Der große Gleichmacher, jeder wusste es, nannte sich bald Schicksal und bald Vorherbestimmung, philosophische Moden und neu entdeckte Drogen brachten Götter ins Spiel – oder umgekehrt, wer weiß das schon – und mählich kam dem Hominiden ins bröselnde Bewusstsein, dass es Geworfenheit im real existierenden Surrealismus tatsächlich gibt. Sich gegen jegliche Kausalität aufzulehnen ist ähnlich sinnvoll wie der Versuch, Schuhe nach dem Mond zu schmeißen. Machen wir uns da nichts vor, was lebt, ist dem Niedergang geweiht. Auch ohne populistischen Klassenkampf.

Denn jedes klassenlose Schicksal erzürnt den Mistgabelmob am meisten. Dass die Pest sich nicht an Nationalität hielt, steuerliche Veranlagung oder Haushaltsnettoeinkommen, war die schärfste Kränkung des ständisch organisierten Verdrängers. Sein eigenes Weltbild, in dem Gott™ für jeden Trieb straft, den er selbst seinem Prototypen in die Hirnrinde gefräst hat, sollte mit Demut und Selbstverleugnung auskommen, wie das Konstrukt seiner Vernunft ihm befiehlt. Doch der gemeine Dummklumpen, der sich Universum, Gesellschaft und den ganzen Rest lieber ad hoc mit Bordmitteln zusammenschwiemelt, schmeißt auch hier alles in einen Strudel, damit zum Schluss eine Theorie aus Mutmaßungen und wirrem Verdacht hochgespült wird. Wichtig daran ist, es müssen die anderen sein. Nie trifft einen selbst die Schuld. Immer ist es die zugedachte Omega-Position, die den Sündenbock ausmacht, den Blitzableiter für Jammer, Pein und dräuend Ungemach, weil das Dasein nicht immer berechenbar ist, und wenn, dann nicht unbedingt in Übereinstimmung mit der Prophezeiung.

Kaum macht man eine Gruppe aus, die sowieso durch abweichende Religion, Pigmentierung oder sozialen Status von dem machtnahen Mainstream abweicht, der sich als Mittelschicht versteht, schon steht diese Bande mit dem Rücken an der Wand. Sie schleppen die Pocken ein, nehmen uns die Jobs weg und sind gleichzeitig arbeitslos, wollen sich in diese Gesellschaft einfach nicht integrieren und zeigen dies, indem sie durch perfide Assimilation alle Schranken zwischen echten und falschen Abendländlern einreißen, und zum Schluss, das ist Konsens, reißen sie die Weltherrschaft an sich, darunter tun sie es einfach nie. Damit dieses Modell einer intellektuellen Kontinentaldrift wirkt, muss man schon sehr viel Sand unter der Kalotte mit sich herumschleppen, aber populistische Hetzchirurgen sehen auch dies als Herausforderung. Die Gräben, die der Urgesellschaft noch fehlten, der Pass von Taka-Tuka-Land, die zahlende Zugehörigkeit zum marktbeherrschenden Metaphysik-Anbieter, sie müssen in liebevoller Kleinarbeit aufgerissen werden. Je mehr Klassen, desto besser der Kampf.

Die Gesellschaft nutzt den Prügelknabenchor, wenn sie sich mit rationalen Mitteln nicht mehr gegen die innere Spaltung zur Wehr setzen kann – eine großartige Idee der Einpeitscher, erst recht den Riss zu fördern, damit sich der Rest als Ganzes fühlt, während er im freien Fall zur Minderheit hin gebannt nach oben starrt und reflexartig tritt, oft nach unten, ansonsten nach allen Seiten und nach sich selbst. Denn es trifft irgendwann alle, die sich dem wachsenden Totalitarismus verschreiben, wohl wissend, dass auch diese Radikalisierung sich als erstes ihre Kinder hinters Zäpfchen pfropft. Wer leicht zu identifizieren und ohnehin schon unbeliebt ist, dazu mit dem Malus mangelnder Kraft ausgestattet, wird aus dem System ausgeschlossen. Warum also nicht gleich den Rentner zum Volksfeind machen, er bietet sich doch geradezu an. Er hat technisch bedingt Ansichten von gestern und eine Sozialisation, die nicht mehr mit der utilitaristischen Internationale kompatibel sind, blockiert zu große Wohnungen und die Kasse im Supermarkt, lähmt mit seinem Wahlverhalten den Fortschritt, nimmt am Straßenverkehr nur als bewegliches Ziel teil, kostet den Sozialstaat Unsummen, hört die falsche Musik und trägt mit Absicht bei jeder Gelegenheit Beige. Es wird Zeit, ihn auszurotten, denn er ist eine nachwachsende Spezies: glückliche Fügung für Stumpfklumpen, die mit der Parole Ausländer raus bald dumm wie Braunbrot in der Ecke stünden, wären die Ausländer alle weg und die Wirtschaft läge erst recht am Boden. Wie man jedenfalls ohne Krieg aus der Nummer rauskommt, hat den Nanodenkern noch niemand verraten.

Dass jede Radikalisierung unablässig neuer Steigerungen bedarf, die es irgendwann ohne Selbstzerstörung nicht mehr geben kann, fällt ihnen erst auf, wenn man ihnen die Flinte schon ins Genick drückt. Jeder Klassenkampf aber, der doch nur ein Gezänk aufgewiegelter Knalltüten ist, hat nur ein Ziel: Solidarität zu verhindern und den Gebrauch der kritischen Vernunft. Wer den Feind wirklich erkennt, sucht ihn überm Sternenzelt.





Humsti

26 08 2014

Er sah vollkommen normal aus, durchschnittlich groß, durchschnittlich dünn, sorgfältig rasiert, gescheitelt, schlicht, doch geschmackvoll gekleidet, und blau. Vollkommen blau. „Wir wollten ihn erst in Grün bestellen“, bekannte Schürfleder. „Aber das hatten sie nicht mehr vorrätig, und dann die ganzen Implikationen – wahrscheinlich ist es so besser.“

Er war also blau – blaue Haut, blaue Haare, das Hemd blau und den Anzug blau, blaue Schuhe mit blauen Schnürsenkeln. „Und natürlich blauäugig“, flüsterte Schürfleder ein bisschen verschämt. Aber das hatte er sich nicht aussuchen dürfen. „Es ist ja Deutschland hier. Und der Humsti in mehr als einer Farbe, ich weiß nicht.“ Nun sah die Lösung auf alle nationalen Probleme wenigstens konsistent aus. „Wenn ich nicht wüsste, was das sein soll, würde ich sagen, er sei gelungen.“ Er nickte. „Es war auch nicht unsere Idee“, verteidigte er sich. „Das ist es doch nie.“ Auch das stimmte, und es war gut, dass er nicht auch noch darauf eine Antwort haben wollte.

„Der Humsti hilft uns aus der Patsche.“ Die Schaufensterpuppe – eigentlich war das eine glatte Beleidigung, denn er war eine lebensgroße Silikonfigur und so täuschend ähnlich, als würde er jeden Augenblick zu atmen beginnen – schwieg und ließ es geschehen. Schürfleder fegte vorsichtig ein paar Flusen von seiner Schulter. „Die Zeiten sind so, dass wir eine einfache Lösung brauchen, und das ist er.“ „Sie wollen mir weismachen, dass es nicht ohne einen nationalen Sündenbock geht?“ Er betrachtete die blauen Schuhspitzen, die nicht zu ihm selbst gehörten. „Natürlich wäre es ein besserer Prozess, die Bevölkerung aufzuklären über soziale und geopolitische Kausalitäten, aber Sie wissen ja, wie das ist. Man braucht so viel Zeit dazu.“ „Sie fürchten, dass die Leute es nicht begreifen?“ „Wir haben Angst, dass sie es erst verstehen, wenn die Opposition den Erfolg davontragen würde. Das geht doch nicht.“

Falls sich jemand die Mühe gemacht haben sollte, Humsti unsympathisch erscheinen zu lassen, so war dem kein Erfolg beschieden. Nicht einmal eine Hakennase hatten sich die Designer erlaubt. „Er ist einer aus unserer Mitte“, beschwichtigte er, „das macht es leichter, tief im Innern menschliche Gefühle für ihn zu entwickeln.“ „Menschliche Gefühle also“, gab ich zurück. „In der Informationsbroschüre steht, der Humsti sei der Grund für den internationalen Terrorismus, ein unzivilisiertes Wesen und neige gewohnheitsmäßig zum Sozialmissbrauch. Warum sollte ich humane Regungen für diesen Typus haben?“ Er richtete sich ruckartig auf, ein sicheres Zeichen dafür, dass er auswendig Gelerntes von sich geben würde. „Als an Glaubenswerten orientierte Regierungspartei sind wir sehr interessiert an der Toleranz gegenüber allen anderen Völkern, verteidigen jedoch auch den Rechtsstaat gegen jede Art von Missbrauch dieser Toleranz.“ Hektisch rückte er seine Krawatte zurecht.

Die Bilder in dem Faltblättchen waren nicht einmal schlecht. Dennoch durchlitt Schürfleder einen furchtbaren Schweißausbruch. „Sie müssen es verstehen“, wimmerte er, „die Problematik ist doch inzwischen derart komplex, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir zuerst ignorieren sollen.“ „Der Humsti ist verantwortlich für die Arbeitslosigkeit“, mutmaßte ich. Er nickte. „Er nimmt den Deutschen die Jobs weg, und er ruht sich gleichzeitig in der sozialen Hängematte aus und lebt von den Steuern der ehrlichen Arbeitnehmer.“ Kein Wunder, dass er blau war; ein normales Wesen hätte das gleichzeitig gar nicht leisten können. Mich wunderte nur, dass die Relikte der Liberalen ihn deshalb noch nicht als Vorbild an Flexibilität und Leistungsbereitschaft entdeckt hatten. Vielleicht war er nicht kriminell genug.

„Er ist der Schlüssel zur Überbevölkerung“, sagte Schürfleder, „schließlich weiß jeder von den Medien sozialisierte Landsmann, dass die Wahlkampfreden der Regierung absolut Recht haben, wenn sie anprangern, dass überall nur blaue Leute um uns herum sind.“ Ich musste zugeben, dieser Logik konnte ich mich nicht entziehen. „Das sorgt ja erst für den Geburtenrückgang in der echten Bevölkerung, er ist demnach auch verantwortlich dafür, dass Deutschland sich abschafft.“ „Verstehe“, murmelte ich. „Symbolpolitische Ersatzflüssigkeit also.“ Er nickte. „Er ist halt blau.“

Der Humsti hatte es sich angehört, aus verständlichen Gründen jedoch nicht kommentiert. „Und doch“, wandte Schürfleder tapfer ein, „und doch halte ich die Erfindung des Humsti für eine große zivilisatorische Überlegung.“ Er schwieg einen Augenblick, bevor er fortfuhr. „Stellen Sie sich die Gräuel der Vergangenheit vor – Pogrome, Brand- und Mordanschläge, man hat Menschen durch die Straßen gejagt, weil sie eine andere Hautfarbe hatten, weil sie in einer anderen Religion sozialisiert worden waren, und vielleicht waren sie nur Flüchtlinge. Oder arbeitslos. Oder einfach im Weg.“ Da stand der Humsti, blau und sprachlos. „Meinen Sie, man wird so schnell auf der Straße jemanden mit ihnen verwechseln?“ „Und wenn Sie Ihren Wählern die Wahrheit sagen würden?“ Er lächelte hilflos. „Klar, das wäre die Lösung. Aber wissen Sie, wie lange das dauern würde?“





Gelbe Gefahr

26 02 2014

Herr Breschke stellte die Schaufel zurück. „Ich habe ja nichts gegen Ausländer“, knurrte er, „aber das ist ein Chinese! Da hört sich doch alles auf!“ Umständlich zog er sich die Gartenhandschuhe aus, während er weiter über den Niedergang der sonst so beschaulichen Villengegend tobte. „Woher kommen bloß immer diese Leute? Ist denen China nicht mehr groß genug?“

Aus Altersgründen hatten Hirsekorns das gegenüberliegende Haus aufgegeben und waren zu ihren Kindern gezogen. Maler und Installateure kamen und gingen, dann stand ein Möbelwagen vor der Tür. „Die sind gleich mit allen eingezogen“, ereiferte sich der Alte. „Mit den Kindern, mit Sack und Pack!“ „Das ist hierzulande üblich“, gab ich zurück. „Sie passen sich den Gewohnheiten an.“ Doch das war nur Wasser auf seine Mühlen. „Sie kommen von überallher, das ist gefährlich!“ Ich reichte ihm die Rasenkantenschere. „Interessante Theorie, bisher hatte ich immer gedacht, Chinesen kämen vorwiegend aus China.“ Ich hätte besser meinen Mund gehalten. „Stellen Sie sich das mal vor, zwei Kinder! Zwei Kindern! Wenn das jeder Chinese so macht, dann haben wir bald keine Deutschen mehr bei uns!“ „Vermutlich mussten sie auswandern“, wandte ich ein. „Zwei Kinder sind ja selbst für Peking zu viel, aber in Europa kann man mit so einer Großfamilie ja besser untertauchen.“

Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, nahm keinen Anteil an der ganzen Sache. Er döste gemütlich auf den Eingangsstufen und ließ sich von der Frühlingssonne bescheinen. Noch lugten keine Tulpen aus dem Beet hervor, die er hätte anknurren können, und die Leine, über die er seinen Herrn gerne stolpern ließ, lag wohlverwahrt im Innern des Hauses. „Ich hatte neulich sogar den Schlüssel draußen stecken lassen.“ Breschke ließ mich gar nicht mehr zu Wort kommen. „Meine Frau kam vom Einholen und hat ihn hier entdeckt – jetzt stellen Sie sich das mal vor, einer von diesen chinesischen Jungs hätte ihn mitgenommen!“ Dem Argument konnte ich mich nicht entziehen. Hätte einer das Haus des Chinesen mit Steinen beworfen, um den Frieden des Platanenwegs zu stören, wäre ja sicher auch der Chinese schuld gewesen. Was zieht er auch in ein Haus ein, noch dazu mit zwei Kindern und Mobiliar. „Ihre Frau hat also den Schlüssel gefunden?“ „Nach zwei Stunden“, ächzte er. „Zwei Stunden – in der Zeit hätte doch alles passieren können!“

Dabei hatte ich den pensionierten Finanzbeamten nie als vorurteilsbehaftet erlebt. Er war zwar in einem chinesischen Restaurant bei der Verlobungsfeier seiner einzigen Tochter – das Verlöbnis wurde recht schnell wieder gelöst, aber das hatte ganz andere Gründe – aufgefallen, weil er Wiener Schnitzel bestellt hatte, aber das tat er auch auf seiner bisher einzigen Reise nach Mallorca. Er trank ausländische Schnäpse, vorwiegend solche, die in Deutschland nicht unbedenklich in den Handel gelangen durften, und vertraute seinem türkischen Automechaniker mehr als Doktor Klengel, nachdem dieser eine Sprechstundenhilfe aus Hessen beschäftigte. Es war, wie gesagt, kompliziert.

„Wo gehen die eigentlich zur Schule!“ Horst Breschke hatte sich längst in Rage geredet. „Sie werden sicher täglich einen Interkontinentalflug nehmen“, antwortete ich, „bestimmt auf Staatskosten.“ Er war verwirrt. „Meinen Sie?“ „Haben Sie irgendwo hier eine chinesische Schule gesehen?“ Der Alte rang die Hände. „Das ist eine Katastrophe!“ „Worauf Sie sich verlassen können“, sagte ich ungerührt. „Am Ende machen hier alle Chinesen in der Stadt mit ihren 40 Kindern einen Staatszirkus auf, und dann lassen sie die ganze Sippe nachkommen.“ „Furchtbar!“ Breschke raufte sich die Haare. Doch ich war noch längst nicht fertig. „Am Ende findet das Milliardenvolk hier keine Anstellungen mehr, weil längst an jeder Ecke ein Zirkus steht, und dann müssen sie sich anders ein Auskommen suchen. Denken Sie an die Schlüssel.“ Er schnaufte schon bedenklich. „Sie meinen, wir werden hier lauter Diebesbanden haben, die nachts in unsere Häuser einsteigen?“ „Ach was“, beruhigte ich ihn, „die sind zwar klein, aber unter der Tür kommen sie immer noch nicht durch. Ich meinte eher etwas anderes.“

Jäh erbebte Breschke. Er stürzte auf den Hund zu, der sich keines Angriffs versah. „Die essen ja Hunde“, stammelte er, „aber Bismarck kriegen die nicht!“ Das arme Tier wand sich jaulend unter den Beruhigungsversuchen des Alten. „Vielleicht essen sie die nur noch sonntags“, mutmaßte ich, „oder sie kaufen sich inzwischen welche. Achten Sie mal darauf, wenn Sie auf dem Wochenmarkt sind.“ „Das wird mir zu viel“, schrie er. „Ich mache ein für alle Male Schluss damit!“ Ich nahm ihm den Spaten aus der Hand. „Lassen Sie doch den Unsinn“, mahnte ich. „Sie wohnen direkt gegenüber, das macht Sie doch verdächtig. Lassen Sie lieber mich mit ihm reden.“

Er wollte mich noch zurückhalten, aber ich lief einfach schnurstracks über die Straße und klingelte. Nach einer kurzen Unterredung schloss der neue Nachbar die Haustür. Breschke ging vorsorglich hinter dem Liguster in Deckung.

„Grüß Gott“, stellte er sich mit einer tiefen Verbeugung vor. Dabei überreichte er Herrn Breschke eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. „Herr Tomoya Nakai“, stellte ich vor. „Sie sind gar nicht aus…“ „Nein“, wehrte er lächelnd ab, „ich habe nur in Erlangen Maschinenbau studiert.“ Breschke war betreten. „Man kann nicht vorsichtig genug sein“, warnte ich. „Stellen Sie sich vor, er wäre aus Hessen gekommen.“ Er nickte versonnen. „Nicht auszudenken!“





Ego-Shooter

18 12 2012

„Wie können wir uns jetzt vor denen schützen?“ „Vor wem?“ „Diese Presseberichte nach Newtown, Sie wissen schon.“ „Ja, ich verstehe. Wir sollten sie loswerden, so schnell wie möglich.“ „Wen meinen Sie?“ „Diese Schmierenjournalisten, wen sonst?“

„Man muss doch diese Debatte öffentlich führen dürfen.“ „Sie haben vergessen, sich zu bemitleiden, weil Sie unter Denkverboten zu leiden hätten.“ „Diese Krankheiten sind viel zu wenig erforscht, als dass man jetzt schon sagen könnte, dass sie nicht gefährlich sein könnten.“ „Und weil die Neurologie noch nicht ausreichend über das Asperger-Syndrom herausgefunden hat, können Sie jetzt schon sagen, was am Ende rauskommt?“ „Es ist doch wenigstens denkbar.“ „Wie kommen Sie überhaupt dazu, Autismus als Krankheit zu bezeichnen?“ „Die Presse sagt es doch auch.“ „Und das halten Sie für eine unumstößliche Wahrheit?“ „Immerhin ist es doch nicht ausgeschlossen.“

„Haben Sie sich eigentlich jemals mit Autismus auseinandergesetzt?“ „Man kann doch nicht ausschließen, dass einer von diesen Menschen mal durchdreht und sich eine Waffe besorgt.“ „Lassen Sie uns über Waffen sprechen, das scheint Sie nicht zu überfordern.“ „Wenn ich es richtig verstanden habe, dann können wir und ja gar nicht vorstellen, was in einem Autisten alles vorgeht.“ „Interessant, erzählen Sie.“ „Die sollen ja teilweise grundlos aggressiv sein.“ „Was Sie nicht sagen.“ „Und dann haben sie depressive Schübe, völlig grundlos.“ „Es wäre Ihnen also lieber, wenn sie ihre Depressionen vorher anmelden, richtig?“ „Man weiß überhaupt nicht, in welcher Welt diese Menschen leben.“ „Deshalb können Sie sie beurteilen.“ „Die haben zur Außenwelt überhaupt keinen Bezug, dass muss man sich doch mal vorstellen. Das ist doch nicht normal, das ist doch gefährlich! Da muss man doch etwas unternehmen können!“ „Gemäß Ihrer Diagnosekriterien könnte man im Handumdrehen jedes Demenzpflegeheim in ein Terrorcamp umdefinieren und dem Erdboden gleichmachen.“

„Wir stehen doch gerade erst am Anfang, da muss man jede Möglichkeit nutzen.“ „Das geschieht auch, nur etwas anders, als Sie es gerade bemerken.“ „Wenn diese Gewalttaten immer wieder an Schulen stattfinden, ist es doch ein eindeutiges Anzeichen, dass die Attentäter dort eine Kränkung erfahren haben.“ „Großartig, in Ihnen schlummert ein sozialpädagogisches Talent. Dann verbieten wir doch am besten Gerichtsurteile, damit sich kein verurteilter Straftäter mehr an Justizbeamten rächen will.“ „Das meine ich doch gar nicht.“ „Und jeder spielt die Hauptrolle in einem Hollywood-Streifen, falls er mal in einem Kino herumballern will. Noch irgendwelche Ideen, falls der nächste Amoklauf in einem Busbahnhof stattfinden sollte?“ „Es steht doch fest, dass die Täter immer gesellschaftliche Außenseiter gewesen sind.“ „Bisher hat sich die Diskussion an Computerspielen festgebissen, wie kommen Sie jetzt auf soziale Randgruppen?“ „Die wollen sich doch immer an der Mehrheit rächen.“ „Dafür, dass die Gesellschaft Menschen mit Beeinträchtigungen ausgrenzt? Dann würde es mich interessieren, von wem hier die Gewalt ausgeht.“

„Der Aufhänger war unglücklich, trotzdem sollten wir als Gesellschaft uns mit den Autisten mehr beschäftigen.“ „Um sie als Gefahrenquelle einzugrenzen?“ „Man wird zumindest ein bisschen sensibler.“ „Sie wünschen sich ein Merkmal mehr auf der Lochkarte. Es ist erst der Anfang, aber sie wollen alle Möglichkeiten nutzen.“ „Wovon reden Sie?“ „Von dem, was Sie mitspielen, weil Sie es nicht verstehen. Von Othering.“ „Aber diese Leute sind doch anders.“ „Und genau das ist es, was Sie denken sollen. Demnächst gelten Rot-Grün-Blinde, Gehörlose und Epileptiker als Terrorverdächtige. Die sind anders, das reicht.“

„Wer hätte denn ein Interesse daran, Menschen auszugrenzen? Das geht doch gar nicht mehr.“ „Dann ist es sicher auch nur Zufall, dass man in der Hauptstadt im Wahn, vor Terroranschlägen warnen zu können, gezielte Denunziationen fördert.“ „Wen will man da fangen? Vor wem wird da gewarnt?“ „Bärtige Männer, die der deutschen Sprache nur mangelhaft mächtig sind und wirre religiöse Vorstellungen haben.“ „Ah, Wolfgang Thierse?“ „Lassen Sie den Quatsch. Erst sind es Bärtige, dann Ausländer, Neger, Arbeitsscheue, Alleinerziehende, Arme, Frauen.“ „Unsinn.“ „Die Presse hatte nichts Besseres über den Attentäter von Aurora zu melden als seine Haarfarbe. Für eine Hexenverbrennung hätte das gereicht.“ „Wir leben nicht mehr im Mittelalter.“ „Der Hexenwahn war keine Sache des Mittelalters. In einer Epoche mit beschränktem, aber konsistentem Weltbild braucht man keine Wahnvorstellungen. Die Hexenjagd setzte ein, als die Reformation und die Kopernikanische Wende die Machtverhältnisse in Frage stellten.“

„Sollen wir denn jetzt unsere Gesellschaft als Rohmaterial zur generellen Rasterfahndung sehen?“ „Es gibt Kreise, die Sie nicht daran hindern werden.“ „Sie meinen wirklich, es ist eine soziale Trainingsmaßnahme?“ „Da Sie es noch nicht herausgefunden haben, sollten Sie es auch nicht ausschließen.“ „Warum reagiert denn die Presse nicht darauf?“ „Haben Sie sich deren Zustand nicht angeschaut?“ „Wie würden Sie den denn sehen?“ „Als hochgradig autistisch.“