Abseits

16 11 2009

„Nehmen Sie schon mal Platz, ich bin dann auch gleich bei Ihnen.“ Es war das Letzte, was ich von ihm hörte; die Vormittagsstunden über saß ich ganz allein im Büro des Staatssekretärs, er hatte mich wohl schlicht vergessen. Schon senkte sich die Herbstsonne. Aufmerksam las ich die langen Reihen der Buchrücken entlang, denn mir knurrte der Magen. Und es war schon fast Teezeit.

Da wurde die Tür aufgerissen. „Was machen Sie hier?“ „Ich gehöre inzwischen zum Inventar“, entgegnete ich lakonisch. „Hat er Sie einfach hier sitzen lassen? So eine Gedankenlosigkeit – es wird noch böse enden.“ Der Referent legte die Mappe mit dem Referentenentwurf auf den Schreibtisch. „Irgendwann wird mal einer der Besucher über Nacht hier sitzen und das ganze Innenministerium zusammenschnarchen – und am nächsten Morgen wird in den Zeitungen stehen, dass wir uns die Schläfer selbst ins Haus holen!“ Er war deutlich verärgert. „Und dann auch noch diese unsinnigen Gesetzesvorhaben! Der Mist von Bosbach war ja schon schwer erträglich, aber das hier?“ Wortlos schob er mir den Entwurf herüber.

„Paintball?“ Ich riss die Augen auf. „Sie wollen allen Ernstes Paintball verbieten? Als Bedrohung der nationalen Sicherheit?“ „Beschweren Sie sich nicht bei mir“, seufzte er, „das kommt aus dem Familienministerium. Frau von der Leyen musste mal wieder einen Entwurf ausgeben, weil sie seit Wochen nicht in den Schlagzeilen stand.“ Mit dem Finger tippt ich auf den Aktendeckel. „Seit dem letzten Killerspielverbotsantrag sind Sie nicht viel weiter gekommen?“ „Eigentlich gar nicht“, gestand der Ministerialbeamte. „Aber wir stehen unter Druck. Es muss ein Verbot her, ganz egal, gegen was.“ Er blätterte geistesabwesend die Papiere durch. „Wir wollten schon die Schützenvereine ins Visier nehmen, aber das können Sie vergessen.“ „Es gab Probleme?“ Er nickte. „Kann man so nennen. Die Lobbyisten haben der Familienministerin klargemacht, wenn sie die Sportschützen nicht zu sanftmütigen, gutherzigen Musterdemokraten erklärte, würden sie dem Bundeskabinett die Birnen wegballern.“ Ich zog eine Braue hoch. „So viel demütige Liebe ist ja kaum erträglich.“

Er hatte auf dem Sessel des Staatssekretärs Platz genommen und spielte mit dem Briefdolch in der Federschale. „Wir hätten ja gerne etwas mit Medien gemacht.“ „Das wollen die meisten“, entgegnete ich, „sie verstehen bloß nichts davon.“ „Nein, anders – ich meine die Gewaltdarstellung in den Medien. Da könnte man doch prima populistische Gesetze machen! Haben Sie die letzten Filme von James Bond gesehen?“ „Sinnlose Gewaltexzesse als Patentrezept zur Konfliktlösung“, nickte ich. „Und was das Beste ist: freigegeben für Kinder ab zwölf!“ Ich dämpfte seine Erwartungen. „Leider werden Sie damit nichts erreichen. Früher haben die Jungs mit Zinnsoldaten gespielt und sich mit Knallplätzchen-Revolvern als Cowboy und Indianer erschossen – Gewalt ist in unser zivilisatorisches Handlungsrepertoire fest eingebunden. Sie gilt in diesem Fall als Kultur.“ „Für Schützenvereine hat man das akzeptiert“, antwortete er bissig, „nur beim Schießen mit Farbkugeln gibt es noch Probleme.“

„Lassen Sie mich mal überlegen“, grübelte ich, „was man so alles braucht dafür. Es ist ein Taktikspiel, ein Mannschaftssport, und man muss schon ziemlich fit sein, um an einem Turnier teilzunehmen. Inzwischen gibt es ja sogar Werksmannschaften.“ „Sie reden von Paintball?“ „Das auch. Aber als wirklichen Einbruch der gesellschaftlichen Wirklichkeit in unsere nationalen Sicherheitsbestrebungen rede ich natürlich in erster Linie von Fußball.“ „Fußball? Was hat Fußball mit nationaler Sicherheit zu tun?“ „So, wie Sie das definieren, eine Menge. Was wissen Sie eigentlich darüber?“ Er zuckte nur die Schultern. Ich setzte mich auf die Schreibtischkante. „Wie Paintball war es zuerst die sportliche Betätigung einer jungen, elitären, rücksichtslosen Schicht – hier britische Bankster, dort preußische Parvenüs. Und natürlich nichts fürs Prekariat, das müssen wir raushalten.“ „Also bitte, Fußball ist doch ein Volkssport wie…“ „Pah! Das waren vereinzelte Spieler, die nicht in die akademischen Burschenschafts-Teams passten, Arminia, Borussia, Teutonia. Ernst Kuzorra, Fritz Szepan, Proleten, die die Wehrertüchtigung zu einer Mannschaftssportart umfunktionierten – eine Gefährdung der nationalen Sicherheit!“ Er rümpfte die Nase. „Seit wann gefährdet Fußball die nationale Sicherheit?“ Ich blickte ihn über den Rand meiner Brille hinweg an. „Sie haben noch nie das freundliche Einvernehmen der Fans nach einem Länderspiel beobachtet?“ Er schwieg betroffen.

„Sie müssen aber bedenken, dass Killerspiele wie Gewaltfilme die Aggression kaum beeinflussen – alles wissenschaftlich erwiesen. Nach wenigen Minuten ist die Wirkung verflogen.“ „Umso besser“, frohlockte ich, „dass es beim Fußball derart viele Prügeleien auf und neben und hinter dem Platz gibt. Eine wunderbare, schlimme Gefahr!“ „So gesehen…“ Er brütete. „Aber ob wir das Gesetz durchbringen, wenn ich den Entwurf jetzt noch etwas anpasse?“ „Was sollte da passieren?“ „Möglicherweise wird er vor der Verabschiedung gelesen.“ Ich legte ihm beruhigend den Arm um die Schultern. „Wir wollen jetzt mal nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen.“

„Was machen Sie denn hier?“ Der Staatssekretär zog die Tür ins Schloss und knipste die Leuchten an. „Ach nichts“, sprach ich und erhob mich aus dem Sessel. „Es hat sich wohl schon erledigt.“





Messer, Gabel, Schere, Licht

11 05 2009

Die innere Sicherheit war wieder einmal in Gefahr. So sehr, dass die Experten regelrecht von einer Verschärfung sprachen. Millionen unbelasteter Bürger, die sich bisher nichts hatten zu Schulden kommen lassen, galt es zu schützen. Sie grübelten. Die Erleuchtung ließ auf sich warten. Wolfgang Bosbach schaffte den entscheidenden Durchbruch. In einer flammenden Rede forderte er Kontrolle und unbarmherziges Durchgreifen. Man dürfe, so der gelernte Einzelhandelskaufmann, das Land der Biedermänner nicht den Brandstiftern überlassen.

Eine Großrazzia in den Niederlassungen einer Kaufhauskette brachte es ans Licht: Essbesteck war frei erhältlich. Fischmesser, Kuchengabeln, sogar Gartenscheren waren vereinzelt an Minderjährige abgegeben worden. Etliche verdachtsunabhängige Hausdurchsuchungen brachten das ganze Ausmaß des Unheils zum Tragen. Die Haushalte verfügten bereits flächendeckend über stehende und Klappmesser. Taschenmesser, Teppichmesser, Tranchier- und Tomaten- und Brotmesser, Obst- und Käsemesser landeten containerweise in den Asservatenkammern des Bundeskriminalamts. Die Öffentlichkeit in Gestalt von Christian Pfeiffer zeigte sich entsetzt, aber zuversichtlich. Schlüssig wies er nach, dass nur die sittliche Verrohung durch Killerspiele oder Paintball so weit geführt habe; nähme man dem mündigen Bürger alles, was man als Mordwerkzeuge zweckentfremden könne, verböte man ihm jegliches Tötungstraining, so sei das irdische Friedensreich zum Greifen nahe.

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Mit Feuer und Schwert kämpften Einzelhandel, Gastronomie und Handwerk gegen die Schneidwaffenkontrolle. Solingen wurde rasch zum Zentrum des nationalen Widerstandes. Doch Bosbach postulierte die Schere im Kopf. Eine Waffe sei nicht per se gefährlich, urteilte der Vize, sie werde erst durch den Gebrauch überhaupt zur Waffe. Da man aber jedes Messer als Waffe missbrauchen könne, so schloss Bosbach locker aus der Hüfte, sei auch jedes Messer ein Mordinstrument. Die Anschläge des 11. September hätten dies hinlänglich bewiesen.

Die Nation schrie auf, als bekannt wurde, dass ein Sondereinsatzkommando im Odenwald quasi in letzter Sekunde eine Katastrophe verhindert hatte. Unweit des Götzenstein hatte ein Laternenumzug der örtlichen Kinderspielschar stattgefunden. Nur mit scharfer Munition war der Brandgefahr zu begegnen gewesen. Die Einsatzkräfte hatten alle Hände voll zu tun. Zwei Dutzend Halbwüchsige mussten unschädlich gemacht werden, was die tapferen Wächter teils durch Kopf-, teils durch Bauchschüsse erledigten. Dabei kamen ihnen die Mitglieder eines Schützenvereins zu Hilfe, die in uneigennütziger Nächstenliebe den Finger am Abzug hatten und ganze Magazine in die jungen Terrorverdächtigen entleerten. Ihren Dienst für Volk und Vaterland belohnte das Bundesministerium des Innern mit Verdienstkreuzen. Buntmetall gab es seit der großen Rückgabeaktion Messer zu Pflugscharen wieder genug in Deutschland.

Weniger Glück hatte der Notarzt, der versucht hatte, eines der angeschossenen Kinder durch einen Luftröhrenschnitt zu retten. Die Operation misslang und der Mediziner fand sich auf der Anklagebank wieder. Ein Notarzt, befand das Gericht, müsse auch dann seiner Pflicht nachkommen, wenn er auf Grund übergesetzlichen Notstandes nicht mehr zum Mitführen eines Skalpells berechtigt sei.

Die Einführung des bundesweiten Zündholz-Zentralregisters geriet ins Stocken. Man hatte eine EU-Richtlinie übersehen und wusste nicht, was als Zündholz zu definieren war.

Es ging in den Abendnachrichten unter, wie Ursula von der Leyen plädierte, Bastelscheren zu verbieten. Die Meldungen des Tages wurden von der Schreckensnachricht aus Baden-Württemberg dominiert, wo ein Vater dem Treiben seiner beiden Sprösslinge tatenlos zugesehen hatte: die Kinder hatten Räuber und Gendarm gespielt, noch dazu mit einem Plastikschwert, das vom Karnevalskostüm des Delinquenten stammte, der als Ritter Kunibert den Preis des Festkomitees für die beste Larve erhalten hatte. Bosbach hatte den Finger am Abzug. Er forderte vehement ein Darstellungsverbot von Waffen in den Medien. Die Medien waren strikt dagegen; BILD war als erste dabei.

Ein heftiger Streit belastete das Kabinettsklima. Franz Josef Jung erlitt einen Wutanfall, als er die Truppe bei einer NATO-Übung lustlos Manöver-Munition verballern sah. Dass Lagerfeuer verboten waren, hatten die Bürger in Uniform hingenommen. Dass sie jedoch den Inhalt ihres Essgeschirrs nur noch mit den Fingern schöpfen durften, senkte ihre Kampfmoral erheblich. Schon stichelte man auf internationaler Ebene, Deutschland habe den Löffel abgegeben. Der Stellvertreter fuhr dagegen schwere Geschütze auf. Seine Fraktion sehe die Bundeswehr nach wie vor als Friedensarmee.

Er kam schneller zu Fall, als er dachte. Hatte Bosbach noch vormittags vor dem Plenum mächtig Pulver verschossen, um Feuerzeuge in Form von Pistolenattrappen als völlig harmloses Spielwerk für ältere Herren zu bezeichnen – als Schusswaffe seien sie nicht zu gebrauchen, auf Grund ihrer äußeren Gestalt jedoch wie Feuerwaffen straffrei zu besitzen – so fiel er schon Stunden später ins Schneidwerk der Justiz. Der Ordnungsdienst hatte ihn auf der Reichstagstoilette ertappt. Der Westfale versuchte, sich mit einer Nagelschere heimlich einen Apfel zu schälen. Aller Ämter sollte er enthoben, aller Ehren ledig sein. Doch es kam gar nicht erst dazu. Er gab sich die Kugel.