Gernulf Olzheimer kommentiert (DLX): Verhandeln mit der Natur

16 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In den alten Erzählungen schien es geholfen zu haben, wenn der Schamane seinen Speer schüttelte und die Wetterdämonen lange genug anbrüllte. Man berichtete von wahren Wundern: Regen kam auf Befehl, der Sturm ließ nach, die Buntbeeren blühten termingerecht. Die saisonale Schneeschmelze im Hochgebirge schien das wenig zu beeindrucken, in jedem Jahr kam mehr Wasser den Abhang herab, durchnässte das Tal an der westlichen Felswand und ließ die eine oder andere Höhle absaufen. Die in gemeinsamer Abstimmung beschlossenen Opfer von Feldfrucht und Jagd halfen nicht, auch eine kunstvoll aus einem Baumstamm getriebene Figur des Vegetationsgeistes blieb wirkungslos. Der von der Natur ausgehenden Kraftentfaltung waren die Hominiden schlicht egal. Jede Verhandlung mit ihnen war schlicht vergeudete Zeit.

Andere Völker, die sich bereits in arbeitsteiliger Gesellschaft an der Umwelt vergangen hatten, sahen sich mit denselben Ergebnissen konfrontiert. Die Hybris des Menschen, sich scheinbar über die Grundlagen der Biologie, der Physik und Chemie hinwegsetzen zu können, da eine Generation nicht lange genug lebte, um die Rechnung für den ganzen Murks präsentiert zu bekommen, ermutigte ihn zu nur noch mehr dümmlicher Zerstörung. Kulturen löschten durch kunstvoll herbeigeführten Mangel an Wasser und Nährstoffen sich selbst aus, so dass nur noch imposante Architektur von der maßlosen Ichbezogenheit ihrer Erbauer irgendwo in dichten Urwäldern zeugt. Die Maya verstanden es trefflich, die durch Krieg und Überbevölkerung aus dem Ruder geratene Bevölkerungspolitik durch Raubbau an den Ressourcen und eine geradezu klassischen Fehlallokation der Maisernte verhungern zu lassen. Wie viele zuvor ernährten sie ein paar ohnehin Reiche, die zu spät den Ernst der Lage einsahen.

Nichts davon ist neu, nichts davon hat in einem globalen Maßstab stattgefunden oder in der heute zu beobachtenden Geschwindigkeit, nichts davon war zuvor das Business der vor sich hin popelnden Politkaste, die auch schon den Generationswechsel im Hinterkopf hat – noch dreimal Wiederwahl, dann sind die Schäfchen sowieso im Trockenen – oder sich ein Häuschen auf dem Berg leisten kann, wenn der Meeresspiegel steigt. Es ist, als würden die Minions der Existenzverwaltung auch schon aus Sperrholz Götzenbilder schwiemeln, um überhaupt irgendetwas zum Vorzeigen zu haben, auch wenn es nicht hilft. Der Kipppunkt, der das endgültige Tauen der Permafrostböden anzeigt, lässt sich nicht durch drei Grad mehr, zwei Grad mehr, ein Grad mehr verwirren. Die Natur würfelt nicht – für die Vertreter des theistischen Weltbildes eine groteske Verkehrung ihrer eigenen Überzeugungen, aber was erwartet man auch von Wahlbeamten, die Beten als Entscheidungsersatz klassifizieren – und verzichtet auf die bigotte Bizarrerie solcher Denkmodelle. Sie mag in ihrer Wirkweise erschreckend komplex erscheinen, beruhigt aber immer noch durch das Versprechen, dass jede Handlung Folgen hat. Wenn es auch nicht immer die gewünschten sind.

So nimmt es auch nicht wunder, wenn glitschige Provinzfürsten angesichts abhebender Zahlen erst dann exponentielles Wachstum wahrnehmen wollen, wenn es den Rest der bräsigen Mannschaft unter sich begräbt. Auch im Umgang mit einer medizinischen Bedrohung schieben sich geistige Heckenpenner lustig einen Deal nach dem anderen zu in der Hoffnung, vielleicht die Größe der nahen Katastrophe noch ein bisschen wegzufiltern – als würde einen auf dem langsam wegsackenden Deck der Titanic der einsetzende Nieselregen stören. Das politische oder technische Handwerk ist nur die Jonglage mit Wahrscheinlichkeitswerten. Lustig Qualm in die Atmosphäre zu pusten, obwohl die Reaktionen aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht bekannt sein dürften, Plastikschredder in die Meere zu leiten, atomaren Müll in Salzstöcke zu füllen, die sich innerhalb der vorgesehenen Zeit während der Endlagerung mehrmals heben und senken werden, ist kein Glücksspiel, sondern der untaugliche Versuch, mit magischem Denken ein immenses System aufhalten zu wollen, als würde man gegen ein ganzes Gewitter nur einen Schirm aufspannen müssen.

Letztlich hilft nur noch Mythenbildung beim Aufschub der Folgen. Irgendwer muss Schuld sein am Erdrutsch, irgendeinen muss der Volkszorn ja treffen. Die mesoamerikanischen Reiche hatten stets einen bösen Feind in der Hinterhand, den man für Rache, Reichtum oder eine Gottheit bestrafen konnte. Gegen den Klimawandel hilft es, die jugendlichen Protestierer als linke Spinner auf dem Kreuzzug gegen den kapitalistischen Wohlstand zu diffamieren. Früher oder später schlägt man in der Realität auf. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir von Berufsirren geführt werden, denen es um die kurzfristige Erledigung eines Jobs geht: sich aus jeder Verantwortung rauszuhalten. Bestimmt sind sie in der Lage, die Botschaften der Natur zu hören. Was auch immer man hört, wenn man die falschen Pilze einwirft.





Verdunkelungsgefahr

15 04 2021

„… müsse ein Lockdown, auch in Teilen der Bundesrepublik, durch nächtliche Ausgangssperren begleitet werden, um die Akzeptanz bei der Bevölkerung für weitere Maßnahmen nicht zu…“

„… sich nur auf normale Fußgänger beziehe. Wer beispielsweise nach zwanzig Uhr einen Hund ausführen müsse, könne dies auch ohne behördliche Genehmigung tun und werde bei Kontrollen nicht mit einem Bußgeld in Höhe von…“

„… dass nach wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Ausgangssperren nur eine Verlagerung der Infektionen stattfänden. Die Ministerpräsidenten hätten darauf hingewiesen, dass eine Kontrolle von Privatwohnungen leider mit verfassungskonformen Mitteln nicht…“

„… den öffentlichen Personennahverkehr ab spätestens zwanzig Uhr einzustellen. Ungeklärt sei bisher, ob es Zügen und Bussen erlaubt sei, nach Betriebsschluss eine Haltestelle anzufahren, oder ob nach dem Halt auf der Strecke die Fahrgäste sich innerhalb bzw. außerhalb des jeweiligen…“

„… wolle man Kinder, die ohnehin nicht als Überträger gelten würden, durch eine nächtliche Sperre innerhalb der eigenen Wohnungen lassen, wo sie ungestört die von den Eltern erworbenen Infektionen ausschließlich untereinander in…“

„… die im Sozialismus gepflegte Tradition des Hausbuchs für Besuche in den Wohnungen nicht mit dem bundesdeutschen Recht zu vereinbaren sei. Seehofer wolle die Entscheidung aus Karlsruhe allerdings nicht akzeptieren und habe angekündigt, durch einen befristeten Ausnahmezustand die…“

„… sei es aus dienstrechtlichen Gründen nicht entschieden worden, ob das Zugpersonal nach der Einfahrt in einen Zielbahnhof sich während der nächtlichen Zwangspause aus dem Zug entfernen und den Heimweg antreten dürfe, wenn dies nur mit Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs im…“

„… dass mehrere Ministerpräsidenten sich für die Beibehaltung der Öffnungszeiten im Handel ausgesprochen hätten. Eine Einschränkung der Wirtschaft sei in dieser Lage kontraproduktiv, auch wenn dies täglich mehrere Stunden ohne Kunden in den Geschäften des…“

„… zahlreiche Personen, die im Schichtbetrieb arbeiten würden, regelmäßig von der Polizei aufgegriffen und mit Bußgeldern belegt worden seien. Die Bundesregierung sehe das Problem und appelliere an die Bereitschaft der Menschen, sich durch ein bisschen mehr Flexibilität an den Folgen der Pandemie zu…“

„… dass Ausnahmen in der Zeit nach achtzehn Uhr nur für einen Besuch im Lebensmittelgeschäft erteilt werden könne, der als ein- bis zweimalige Genehmigung in einem Zeitfenster bis Mitternacht den wöchentlichen…“

„… einen Ersatzverkehr nur dann geben dürfe, wenn dieser an den Haltepunkten von Bussen und Zügen ausschließlich auf das Transportpersonal warte. Fahrgäste hingegen müssten bereit sein, in eigenverantwortlichem Warten auf den ersten Zug oder Bus des Folgetags eine möglichst…“

„… müssten in städtischen Gebieten sämtliche Straßenbeleuchtung, die Lichtzeichenanlagen sowie ähnliche Leuchtmittel in öffentlichem Besitz nach Einbruch der Dunkelheit ausgeschaltet werden. Die Sicherheitsbehörden würden sich davon mehr Anreize versprechen, dass die Menschen nachts freiwillig in ihren…“

„… keine Rechtssicherheit gebe. Demnach sei es möglich, sich von jedem Einzelhändler eigene Bescheinigungen ausstellen zu lassen, so dass wöchentlich beliebig viele Besuche während der Ausgangssperre ganz legal und…“

„… nicht für private Kraftwagen gelte. Diese seien sicher nicht in der Absicht unterwegs, die Ausgangssperren zu ignorieren, und müssten ihr verfassungsmäßig garantiertes Recht, überall und zu jeder Zeit in Deutschland mit einem Auto fahren zu dürfen, unter allen Umständen auch…“

„… auch Fenster, zumal straßenseitige, in den Wohnhäusern abzuschirmen seien. Eine zu helle Lichtemission würde sich auf die Bereitschaft der Bevölkerung, den Überlegungsergebnissen der Ministerpräsidenten vorbehaltlos zu vertrauen, nur negativ auswirken und im schlimmsten Falle als…“

„… selbstverständlich nicht für den Fernverkehr gelte. So sei eine Busfahrt von Hamburg nach Buxtehude legal, wenn man auf der A7 über Hildesheim bis nach Göttingen, von dort über Leipzig auf der…“

„… es Schwierigkeiten für Autofahrer gebe, die aus dem vollständigen Beleuchtungs-Shutdown resultieren würden. Der Bundesverkehrsminister habe als Experte für Verdunkelungsgefahr daher das Verbot von Kraftfahrzeugscheinwerfern wieder…“

„… die Zahl der Wohnungseinbruchdiebstähle um den Faktor 300 angestiegen seien. Nach Angabe des Bundesinnenministeriums wolle man zunächst abwarten, ob sich die Zahl als echtes exponentielles Wachstum bestätige oder ob nur durch eine zu schnelle Meldung an die Polizeidienststellen die…“

„… habe sich auch der Bundespräsident an die Bevölkerung gewandt. Steinmeier erwarte, dass die Deutschen die Nacht zu rechtssicherer Erholung im Kreise ihrer vertrauten Bezugspersonen nutzen würden, um sich tagsüber noch mehr gegen die Gefahr einer Infektion mit dem…“





Lockerungsübung

12 04 2021

„Als erstes die Hotels.“ „Und die Kinos.“ „Aber dann auch die Frisöre.“ „Haben die nicht sowieso schon wieder geöffnet?“ „Stimmt, man kommt ganz aus dem Konzept.“ „Haben Sie noch eins?“ „Und dann natürlich die Schulen, oder müssen wir da noch warten?“ „Wenn der Nahverkehr noch fährt, dann kann man die Schulen auch offen lassen.“

„Die Argumentation erschließt sich mir nicht.“ „Erschließt, haha!“ „Wenn die Kinder mit dem ÖPNV in die Schule fahren, dann kann man doch schlecht die Schulen schließen.“ „Das klingt schon mal logisch.“ „Warum müssen die überhaupt mit dem ÖPNV fahren?“ „Es hat eben nicht jeder ein Auto.“ „Oder die Eltern müssen mit dem Auto zur Arbeit.“ „Dann können die doch den Nahverkehr nehmen.“ „Aber der hat ja sowieso offen.“ „Wieso das denn?“ „Weil die Eltern damit zur Arbeit fahren können.“ „Dann kann man den ja auch gleich offen lassen.“ „Wenn die Kinder damit zur Schule fahren, dann verstehe ich nicht, wieso man die Schulen schließen sollte.“ „Vielleicht wegen der Kitas.“ „Das ist doch nun egal.“ „Eben, Hauptsache ist doch, dass die Kinder in der Schule sind.“ „Oder in der Kita.“ „Weil die Eltern sonst nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren.“ „Richtig.“

„Man könnte doch zum Ausgleich die Kinos zulassen.“ „Die sind ja zu.“ „Wieso sind die zu?“ „Wegen der Verhältnismäßigkeit.“ „Sie meinen, verhältnismäßig viele Menschen fahren mit dem Auto ins Kino?“ „Vermutlich eher ins Autokino.“ „Nein, anders: in so einem Kino sind doch viel mehr Menschen als in einer Schulklasse.“ „Und das lässt sich nicht so gut lüften.“ „Und wenn man nur die Hälfte reinsetzt?“ „Also ungefähr so viel, wie man in einem Bus hat?“ „Dann müsste man wegen der Verhältnismäßigkeit auch die Busse verbieten.“ „Dann können die Kinder ja immer noch im Auto zur Schule fahren.“ „Aber die Eltern kommen dann nicht mehr mit dem Bus ins Kino.“ „Dann sollen sie doch zur Arbeit fahren.“ „Und wenn einer nun im Kino arbeitet?“ „Jetzt machen Sie’s doch nicht komplizierter, als es ist!“

„Wenn wir jetzt mal von den Frisören ausgehen, dann haben wir doch für die Kinos und die Hotels auch ein gutes Hygienekonzept.“ „Weil das ja auch Arbeitsplätze sind.“ „Richtig.“ „Moment, da komme ich nicht mehr mit.“ „Irgendjemand muss ja auch im Kino arbeiten.“ „Also war jetzt nicht der Frisör gemeint?“ „Da gehen die Leute ja nicht in ihrer Arbeitszeit hin.“ „Ins Kino aber auch nicht.“ „Jetzt machen Sie doch hier nicht immer solche Schwierigkeiten!“ „Ich meine ja nur, wir sollten für jede Tätigkeit ein vernünftiges Hygienekonzept in Erwägung ziehen.“ „Das würde zumindest neue Möglichkeiten eröffnen.“ „Eröffnen, haha!“ „Lassen Sie doch mal diese Albereien!“ „Kann man denn nicht den Kinos helfen?“ „Zum Beispiel, indem man Unterricht in den großen Kinosälen stattfinden lässt?“ „Wie soll das denn gehen?“ „Wenn man die als Klassenräume benutzt, dann kann man auch die Kinos wieder öffnen.“ „Aber da ist doch die Infektionsgefahr viel zu hoch.“ „Aber nicht in Klassenzimmern, sonst würde man ja nicht die Schulen öffnen.“ „Richtig.“

„Man könnt zum Beispiel die Museen schließen, nachdem sie geöffnet sind.“ „Dazu müssten sie erst mal öffnen.“ „Wieso?“ „Damit man sie wieder schließen kann.“ „Dann könnte man zum Ausgleich die Regeln für Erntehelfer noch mal anpassen.“ „Was haben die mit Museen zu tun?“ „Überlegen Sie mal, wer braucht Museen?“ „Was hat das…“ „Dann müssten wir auch die Schlachthöfe wieder vollständig öffnen.“ „Waren die mal geschlossen?“ „… mit Museen zu tun?“ „Die schließen wir als Ausgleich.“ „Als Lockerungsschließung.“ „Und warum nicht die Museen zum Ausgleich wieder öffnen?“ „Also bitte, nicht jeder, der Spargel kauft, geht auch ins Museum.“ „Und da arbeitet so gut wie keiner.“ „Jedenfalls weniger als beim Frisör.“ „Wir könnten das ja als Lockerungsübung für die Schulen einführen.“ „Also nicht mehr Kinos?“ „Wer mit dem Nahverkehr zur Schule ins Kino fährt, kann ja nicht gleichzeitig ins Museum.“

„Gleichzeitig haben wir immer noch diese Ausgangssperren.“ „Haben wir die?“ „In manchen Städten kombiniert man die bereits mit dem öffentlichen Nahverkehr.“ „Da fährt dann nachts kein Bus?“ „Ist doch okay, die Kinos sind eh zu.“ „Aber es gibt Leute, die dann zur Arbeit fahren.“ „Die müssen dann schon tagsüber fahren.“ „Und wie kommen die zurück?“ „Eigenverantwortung.“

„Gut, also Frisöre und Kinos, dazu Museen zu und Hotels teilweise.“ „Ich müsste nächste Woche in den Heimwerkermarkt.“ „Kann man das auch auf Landesebene lösen?“ „Dann öffnen wir die und ziehen nach drei Tage wieder die Notbremse.“ „Aber bitte nicht mit dem Bus hinfahren!“ „Wenn man da arbeitet, dann kann man sich aber kein Auto leisten.“ „Es geht uns ja erst mal nur um Kunden.“ „Nicht um die Wirtschaft?“ „Also das kann man ja nun wirklich nicht verwechseln!“ „Deshalb kann man doch trotzdem die drei Tage lang die Museen aufmachen!“ „Erzählen Sie das doch Ihrem Frisör!“ „Jetzt beruhigen Sie sich mal, das kriegen wir alles hin.“ „Eine Light-Lockerung wäre eventuell auch möglich.“ „Also im Hotel nur essen, aber nicht die Zimmer nutzen?“ „Dann kann man zum Ausgleich die Restaurants geschlossen lassen.“ „Oder öffnen.“ „Das wäre kein Ausgleich.“ „Aber eine Öffnung.“ „Vorausgesetzt, man fährt mit dem Nahverkehr ins Restaurant.“ „Und ins Hotel?“ „Die meisten nehmen das Auto.“ „Weil die Kinder schon mit dem Nahverkehr ins Kino zur Schule fahren.“ „Gut, dann haben wir’s ja.“ „Nächstes Thema: Büros.“





Positive Grundstimmung

8 02 2021

„… vermehrt zu starken Stresssituationen unter dem Christbaum komme. Es sei für die Politik ein wichtiges Anliegen, das Weihnachtsfest in diesem Jahr zu verbieten und die…“

„… müsse man das Weihnachtsgeschäft gar nicht verbieten. Laschet habe vor, frühzeitig im Land der Spielwarenläden 48-Stunden-Shopping- Wochenenden für die ganze Familie zu…“

„… auch in Berlin und Baden-Württemberg die Weihnachtsferien ausfallen lassen werde. Für die Bildungsministerin sei es nicht hinnehmbar, dass Kinder zwei Wochen lang ohne psychologische Betreuung durch Lehrerinnen zu Hause bleiben und die Eltern von ihrer Arbeit abhalten müssten, was ebenfalls zu einer Verschärfung des…“

„… habe ein Verband alternativer Virologen vor den Folgen für das Immunsystem kleiner Kinder gewarnt. Bis zum Alter von vierzehn Jahren müsse der Antikörperbestand ständig angeregt werden, was durch die hermetische Abriegelung zu Hause gar nicht möglich sei, wenn nicht große Feiern in Schulen und Kitas für ausreichende Stimulierung mit den notwendigen…“

„… dass auch Menschen mit psychischen Erkrankungen unter den Weihnachtstagen leiden würden, vor allem allein Lebende. Keiner dürfe zum Fest der Liebe wegsehen, so Giffey, und müsse stattdessen durch solidarisches Handeln am Arbeitsplatz sowie an der…“

„… die christlichen Traditionen trotzdem aufrecht erhalten müsse. Nordrhein-Westfalen als Land des Tannenbaums wolle selbstverständlich den Verkauf des Weihnachtsschmucks weiterhin mit mehreren Milliarden Euro fördern, gleichzeitig verlange Laschet aber, dass über die Festtage die Schulen und Kitas weiterhin geöffnet blieben, um eine ungesunde Fixierung auf die Eltern nicht…“

„… warne der neu gegründete Verband für kindgerechte Medienerziehung vor dem einseitigen Angebot an Kindersendungen im Fernsehen, das Eltern und Kinder gleichermaßen überfordere und für einen Abbau des in Kita und Grundschule vor den Ferien erworbenen Grundschulwissens führe. Nur durchgehende Betreuung durch pädagogisch geschultes Fachpersonal könne verhindern, dass durch den Medienkonsum Schäden an der späteren Befähigung für Konsum, Arbeitsfähigkeit und…“

„… würden sich unter den seit dem Spätsommer geltenden Corona-Regeln immer noch sämtliche Mitglieder eines Hausstandes mit einem, oft aber verbotenerweise mehreren Personen versammeln, um das Weihnachtsfest gemeinsam zu verbringen. Man könne die Gefahr nur durch sofortige und vollständige Schulöffnungen eliminieren, wo die Kinder unter ständiger Aufsicht durch die…“

„… dass etwa unter Depressionen leidende Menschen vermehrt Alkohol zu sich nehmen würden. Auch wenn psychisch erkrankte Bürger selbst keine Kinder hätten, die sie für den Kita- oder Schulbesuch täglich versorgen könnten, würde doch die aus der Gesellschaft zurück kommende positive Grundstimmung für sie eine erhebliche…“

„… die emotionale Verflachung von Kindern zu spüren sei, die oft tagelang nur mit den neuen Weihnachtsgeschenken spielen würden. Der neu gegründete Arbeitskreis für Kind und Spiel unter besonderer Berücksichtigung der erzieherischen Wirkung auf berufsbildende Eingangsqualifikation fordere eine schnell einsetzende Diversifikation der psychologischen und motorischen Wirkreize für Kinder im schulischen Umfeld durch die…“

„… sehe Streeck eine Unterbrechung von gut zwei Wochen als statistische Verfälschung, die die Prognose der letalen COVID-19-Erkrankungen der Infektionsgruppe unter zwölf Jahren nicht mehr mit der geforderten Genauigkeit erlaube. Für die freie Wissenschaft müsse man jedoch Bedingungen schaffen, die die möglichst ungestörte Beobachtung des Objekts in Hinblick auf weitere politische…“

„… dass Kinder irgendwann Homeschooling-Ausrüstung oder sogar Computerunterricht in den stationären Schulen verlangen würden. Giffey wolle die kindliche Bildung so lange wie möglich vor dem Zugriff nicht altersgerechter Technologien schützen und werde deshalb auch die Freigabe weiterer Gelder für die Digitalisierung erst im…“

„… seien Kinder in der Familie mitunter einem klar strukturierten Tagesablauf ausgesetzt, der so in der Schule nicht mehr einheitlich reproduziert werden könne. Auch in Hinblick auf die dringend in vielen wirtschaftlichen Bereichen geforderte Flexibilität wolle Altmaier die privaten Haushalte nicht zum Vorbild gesellschaftsschädlicher…“

„… bekämen Kinder auf dem Schulweg viel mehr frische Luft, um ihr Immunsystem vor dem Virus zu schützen. Der neu gegründete Arbeitskreis der Lungenärzte habe errechnet, dass ein Kind sogar auf dem Weg zum Schulbus, der hundert Meter an einer ausschließlich von Dieselfahrzeugen benutzten Schnellstraße entlangführe, erheblich weniger Zigarrenrauch als im häuslichen…“

„… zentrale Aufgaben wie Gesundheitsschutz und politische Erziehung nicht durch ideologische Irrwege in der Familie zerstört werden dürften. Im Gegensatz zur Schule sehe Seehofer die Gefahr einer Indoktrination zum Linksextremismus vor allem in den Privathaushalten, die unter festlichen Stressbedingung leicht in den Terrorismus abgleiten und sofort zu gewaltsamer…“

„… aus medizinischer Sicht nicht länger zu verantworten sei. Abgesehen von Tannenbaum- und anderen Zimmerbränden, die statistisch signifikant häufiger in Wohn- als in Schulräumen stattfänden, seien häusliche Gewalt und häusliche Unfälle schon von der Definition im schulischen Umfeld gar nicht möglich, was für Giffey bedeute, dass nur total verantwortungslose Menschen auf Präsenzferien in der Wohnung der total überforderten…“

„… sich Bundeskanzler Merz in die Debatte eingeschaltet habe. Es sei Aufgabe des Staates, die Erziehung und Bildung der Kinder unter seine Obhut zu nehmen. Wer sich durch Arbeitslosigkeit oder Erbkrankheit in die Rolle des Kostgängers am schaffenden Volke schleiche, wie es eigentlich nur dem gebärenden Weib zustehe, der dürfe sich in einem Sozialstaat doch versichert sehen, dass die ab 2023 geltende Aufstallung in Krippe und Schule mit vermögensabhängiger Befreiung von der Ferienpräsenz der Zukunft Deutschlands am Wertpapiermarkt eine noch viel größere…“





Schubumkehr

8 12 2020

„… den Katastrophenfall für Bayern ausgerufen habe, um die Infektionszahlen so schnell wie möglich abzusenken. Söder werde noch bis zum 5. Januar die…“

„… dürften die Bürgerinnen und Bürger ihre Wohnungen fortan nur noch aus triftigen Gründen verlassen. Was unter dieser Formulierung zu verstehen sei, müsse jeweils fallweise von den Städten und Gemeinden in einer tagesaktuellen…“

„… in Hotspots mit 200 Inzidenzfällen eine nächtliche Ausgangssperre gelte. Ein Konzept zur Durchsetzung der Ordnungsmaßnahmen werde im Landtag allerdings erst im Laufe der…“

„… von der Verwaltung mit vorsichtiger Skepsis betrachtet würden. Besonders der Regierungsbezirk Niederbayern habe angedeutet, dass durch die teils sehr hohe, teils extrem hohe Infektionsrate keine einheitliche Regelung in den…“

„… schlage die Deutsche Polizeigewerkschaft vor, sämtliche Präventivkontrollen nach alter Landestradition durch Polizeicorps durchführen zu lassen. Die Beamten seien durchaus in der Lage, in strittigen Fällen unterschiedlicher Rechtsauslegung die ihrer Meinung nach zutreffende Wahrheit mit Hilfe von Schlagstock, Dienstwaffe und…“

„… zum Jahreswechsel den Alkoholgenuss unter freiem Himmel im gesamten Freistaat unter Strafe stellen werde. Söder habe bekräftigt, durch kleine, aber gezielte Maßnahmen das Risiko einer weiteren Infektionswelle auf ein…“

„… formiere sich unter den rechtsradikalen Kräften der Corona-Leugner eine Bürgerwehr, die für wenige Euro Maskenatteste verkaufe und an den Adventssonntagen kontrolliere, ob auch genügend Mitglieder aus mehr als drei Haushalten in den Privaträumen der…“

„… dass die SPD eine Maskenpflicht auch im öffentlichen Raum vorgeschlagen habe. Söder sehe darin eine Bevormundung, die den mündigen Wählern nur sehr schwer zu kommunizieren sei, da diese sich darauf eingestellt hätten, sämtliche Maßnahmen nur auf freiwilliger Basis zu…“

„… das Oberlandesgericht Bamberg beschieden, dass eine Handlung dann nicht unter freiem Himmel stattfinde, wenn sie außerhalb baulicher bedingter Überdachungen durch textile oder andere für die mittelfristige Nutzung als Schutz gegen Witterungseinflüsse (auch nach Ermessen in der näheren Zukunft oder nur mutmaßlich eintretend) gedachte Materialien zum Zweck einer billigend in Kauf genommenen Wirkung des…“

„… sei das von der AfD organisierte Pop-up-Oktoberfest nicht von der Polizei aufgelöst worden, da mehr als die Hälfte der Gäste selbst aus den Reihen der…“

„… sich die Verkaufszahlen für ein Partyzelt in Bayern mehr als verzehnfacht hätten. Der Hersteller lasse die Ware zwar in China produzieren, könne aber nicht mehr garantieren, dass alle Bestellungen noch rechtzeitig in diesem…“

„… ihre Ausreise aus den Hotspots notfalls zu Fuß bewerkstelligen würden, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel dazu nicht mehr ausreichten. So verzeichne die Polizei regelmäßig kurz nach Einbruch der Dunkelheit an den Grenzen des Landkreises Regen eine große Zahl an Bewohnern, die das Ausgangsverbot durch den Aufenthalt in Straubing, Freyung oder Deggendorf zu…“

„… der Gang zum Biergarten auch nach der Schließung aller gastronomischen Betriebe zur bayerischen Lebensart gehören müsse. Die AfD werde nicht zulassen, dass die Regierung um den linksextremen Diktator Söder die Freizügigkeit der Bayern nehme und das Bundesland in ein…“

„… dass das Krisenmanagement der Regierung weiterhin mit vereinten Kräften daran arbeite, die Regulierungen im privaten Lebensbereich der Menschen so gut wie möglich durchzusetzen, damit das Infektionsgeschehen am Arbeitsplatz und in den Bildungseinrichtungen eine möglichst einfache…“

„… in Schweinfurt und Ansbach Baldachine zum Gebrauch bei kirchlichen Prozessionen aus den Pfarrkirchen entwendet worden seien. Zusammen mit den Messweinvorräten aus den Gebäuden des Erzbischöflichen Ordinariats München ergebe sich hier eine sehr gefährliche…“

„… an Weihnachten die Sonderregelung von Feiern für bis zu zehn Personen dahingehend ausnutzen werde, um Silvester bereits eine Woche vorher zu feiern, so dass das Weihnachtsfest dann am 31. Dezember im kleinen Kreis stattfinden könne. Die AfD propagiere das Konzept als ‚Schubumkehr‘ und wolle damit die Infektionen, die gar nicht stattfänden, da es überhaupt keine Pandemie gebe, auf die Söder viel früher und mit viel härteren Maßnahmen gegen Merkel, Ausländer und Bill Gates hätte vorgehen müssen, um den…“

„… ebenfalls zur Wohnung gehöre und nicht als Teil des öffentlichen Raumes den Verordnungen der Landesregierung für das Verzehren alkoholischer Getränke unterliege. Dazu sei eine Verlegung der Silvesterfeier auf den Balkon nicht grundsätzlich als Ruhestörung zu werten, da in dieser Nacht die Lärmerzeugung wegen des Jahreswechseln auch die Pflege christlicher Traditionen bedeute, wie das Oberlandesgericht München in seiner…“

„… werde sich die Bayernpartei gegen die Bevormundung der Bayerinnen und Bayern durch den Ministerpräsidenten zur Wehr setzen. Da im Freistaat Bier als Grundnahrungsmittel gelte und von Beamten legal zu Mittag konsumiert werden dürfe, sei ein Alkoholverbot ausschließlich auf Wein, branntweinhaltige Getränke, Liköre, Sekt, Schnapspralinen oder…“





Angst nach Plan

25 08 2009

Wohlleben telefonierte noch, als ich den Raum betrat. Mit einer ausholenden Geste lud er mich ein, Platz zu nehmen. „Ja, und Gasmasken. Auf jeden Fall Gasmasken! Wir ziehen dann die Summe von den Einmalhandschuhen ab, verstanden?“ Offenbar handelte es sich um eine dringliche Sache, denn er sprach schnell und notierte nebenbei eifrig Zahlen. „Und vergessen Sie mir bloß nicht die Klebepunkte. Ja, rote und grüne. Oder Gelb, wenn Sie Rot nicht bekommen, das ist unwichtig. Hauptsache, es ist irgendwie rund, bunt und klebt zuverlässig.“

Das Gespräch war beendet und Wohlleben goss Kaffee in meine Tasse. „Wir haben alle Hände voll zu tun, die nächsten Tage werden bestimmt noch anstrengend für uns alle, bis die Schweinegrippe in Sack und Tüten ist.“ Ich fragte ihn, ob er mit der medizinischen Versorgung einigermaßen zurecht käme, doch er schüttelte den Kopf. „Medizinische Versorgung? Nein, das geht mich alles nichts an. Wir koordinieren nur.“ „Also Sie sorgen für einen geordneten Ablauf der Impfungen? Sie kümmern sich um die Logistik?“ „Aber nein“, lachte Wohlleben, „im Gegenteil! Ganz im Gegenteil, wir sind für Panik, Angst und irrationale Reaktionen zuständig.“ „Sie gehören zum Katastrophenschutz, der im Seuchenfall…“ „Ach Gott, nein doch! Wir richten uns nicht auf Panik ein. Wir schüren sie.“

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Was war das für eine Dienststelle? „Nennen wir es Hysterie-Management“, erklärte Wohlleben ruhig, „wir rationalisieren Irrationales.“ Hysterie-Management? „Das braucht’s durchaus. Schließlich will Panik gut organisiert sein. Sie ahnen gar nicht, was sonst alles aus dem Ruder laufen könnte.“ Ich wand mich, doch es schien ihn nicht zu beeindrucken. „Unsere Aufgaben sind vorwiegend psychologischer Natur.“ „Massenpsychologie?“ „Ja“, nickte er, „zum großen Teil. Wir steuern Affekte.“ Das verstand ich wieder nicht. „Schauen Sie, es ist doch so: wenn Sie in den Medien täglich mit der Schweinegrippe konfrontiert werden, stürmen ungeheuer viele Affekte auf Sie ein. Angst, Wut, Schuldgefühle, das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit – nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter, das macht etwas mit Ihnen. Jetzt müssen Sie darauf reagieren.“ Er nippte an seinem Kaffee. „Sie dämmen die Überreaktionen ein, richtig?“ Wohlleben schüttelte energisch den Kopf. „Wir putschen sie auf, bevor sie von alleine entstehen können. Durch Deprivation.“

Unter Deprivation hatte ich bislang immer eine Reaktion auf Entzug verstanden. „Das ist ja auch völlig korrekt“, bestätigte Wohlleben, „nur müssen wir eine relative Deprivation da erzeugen, wo wir sie als sozialtherapeutisches Mittel auch nutzen können.“ Sozialpädagogik? „Wenn Sie so wollen. Schauen Sie, es ist doch heute alles so enorm schwierig. Ist Ihr Arbeitsplatz sicher? Denken Sie, dass Sie in den nächsten Tagen das Opfer eines Terroranschlags werden könnten? Fürchten Sie sich davor, dass ein durchgedrehter Richter Sie in Haft nehmen könnte, weil Ihre Schuld nicht zu beweisen ist?“ „Sie treiben den Teufel mit dem Beelzebub aus.“ „Ja, das ist richtig. Es herrscht Angst – das allein wäre noch nicht so gravierend, die ist ja auch durchaus gewünscht – und wir sorgen dafür, dass sich die Angsthasen an der richtigen Stelle in die Hose machen.“

„Was bringt uns denn diese Deprivation? Wir werden angeleitet, uns schlecht zu fühlen?“ „Exakt. Wir trichtern Ihnen ein, dass die Schweinegrippe eine Bedrohung für die ganze Menschheit ist – Sie reagieren mit Panik. Dass sich die Wirtschaft in ihre Einzelteile zerlegt, dass die Umweltzerstörung in einem Riesentempo voranschreitet, dass wir von einem Haufen neoliberaler Arschlöcher für eine außenpolitische Profilneurose verheizt werden – das wäre sozialer Sprengstoff, verstehen Sie? Wenn Sie unbedingt durchdrehen wollen, halten Sie sich an die Spielregeln. Drehen Sie durch, weil die Grippe kommt. Das nimmt Ihnen keiner krumm.“

Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn. „Das wird aufkippen, glauben Sie nicht?“ „Möglich“, gab er zurück, „aber so schnell geben wir nicht auf.“ „Sie müssen damit rechnen, dass jemand die richtigen Fakten zur Hand hat und denken kann.“ Wohlleben lächelte sanft. „Das sehe ich nicht. Gut, wenn – ich sage: wenn – wenn wir die Schweinegrippe bekämpfen wollten und nicht das Volk, würden wir den Leuten einfach empfehlen, sich öfter die Hände zu waschen. Mit einem Mundschutz und einem Dutzend Latexhandschuhen pro Tag wäre die Infektionsgefahr sofort minimiert. Wir könnten den Leuten auch reinen Wein einschenken.“ Also vor den wirklichen Gefahren warnen? „Wirkliche Gefahren…“ Wohlleben schmunzelte. „Schauen Sie, es ist wahrscheinlicher, dass Sie sich in einer Kantine oder im Krankenhaus an Salmonellen infizieren und daran versterben, wenn Sie zu der Schweinegrippe-Risikogruppe gehören. Fordert vielleicht deshalb jemand, alle Grillhähnchen-Stationen niederzubrennen? Oder nehmen Sie AIDS.“ Der Kragen wurde mir eng. „Sie blenden die realen Gefahren aus. Wozu brauchen Sie dann bunte Klebepunkte?“ „Wir könnten den Leuten auch sagen: lackiert Euch die Fußnägel rosa. Völlig egal. Wenn man ihnen sagt, was sie zu tun haben, drehen sie kontrolliert durch. Und wir müssen uns nicht mit einer realen Panik das Leben schwer machen.“

„Das klingt mir alles ziemlich nach einem Notfallplan für einen ABC-Angriff. Ich kenne diese Dinger.“ „Ja, was waren das damals noch Zeiten“, schwärmte Wohlleben, „die Aktentasche über den Kopf ziehen, wenn’s rummst, dann in der Sammeldusche abseifen – aber das war gestern. Es gibt keine Parallele zur biologischen Kriegführung – hier bekämpft die Politik das eigene Volk, was doch immerhin ein Unterschied ist.“ „Sie züchten den Verfolgungswahn“, sagte ich hart, „und verkaufen dann die Medikamente dagegen.“ Er verzog nicht einmal das Gesicht. „Richtig. Und da wir beide Seiten kontrollieren, verlieren wir auch nie die Kontrolle.“ „Das ist menschenverachtend!“ „Menschenverachtend“, replizierte er kalt, „wäre es, der Bevölkerung die nackte Wahrheit zu sagen. Dass diese ganzen Impfungen Unsinn sind, weil die Medikamente über die Kanalisation in Gewässer einfließen, so dass die Wasservögel zu Wirten für resistente Virenstämme werden. Dass diese Stämme fortwährend mutieren und jede Impfung Kokolores ist, weil man schließlich keinen Impfstoff entwickeln kann für Krankheitserreger, die erst in der Zukunft existieren. Menschenverachtend wäre es, den Leuten zu sagen, dass die Immunologen in Bezug auf Grippe vor einem Rätsel stehen, weil sie die Krankheit nicht einmal ansatzweise begreifen, geschweige denn die Therapie. Warum bekommt man die Grippe im Herbst und Winter, wo doch die Viren auch im Sommer herumschwirren? Wollen Sie die Leute damit panisch machen?“

Ich setzte die Kaffeetasse ab. „Immerhin werden Sie dies Spiel nicht ewig so treiben können.“ Er seufzte. „Sie haben Recht. Alle bisherigen Vorhersagen haben sich nicht bewahrheitet, also müssen neue immer drastischer ausfallen. Sonst kriegen Sie doch die Leute nie mehr in eine ordentliche Hysterie rein. Sie reagieren wie der Hamster im Laufrad: wenn sie nicht immer schneller werden, merken sie bald gar nicht mehr, dass das Rad sich dreht.“ „Mit welchem Erfolg?“ „Normalerweise kratzt so ein Hamster kurz und schmerzlos ab. Herzinfarkt aus Blödheit.“ Das Telefon klingelte und Wohlleben nahm den Hörer ab. „So? Wann können wir mit einer Entscheidung rechnen? Ziert sich General Motors noch? Keine Zusage für die Arbeitsplätze? Das ist schlecht. Wir gehen dann nicht mehr von 100.000 Toten aus, sondern von einer halben Million. Sicher ist sicher. Wir können ja immer noch schauen, wie sich der DAX entwickelt.“